Die zahlreichen Schilderungen über Integrationsprobleme in der Öffentlichkeit lassen vermuten, dass bei den türkischstämmigen Migranten in Deutschland keine zufriedenstellende Assimilation neuer Gewohnheiten stattgefunden hat.
Die vorliegende Arbeit folgt der Frage, ob es bei Personen mit türkischem Migrationshintergrund einen Rückzug in ihre ethnische Community gibt und wenn ja, ob dieses eine Reaktion auf erfahrene Diskriminierung und Stigmatisierung durch die deutsche Gesellschaft ist. Die These, die es zu überprüfen gilt, ist, dass Türken in Deutschland sowohl einer latenten als auch einer manifesten Diskriminierung durch einen Großteil der Gesellschaft ausgesetzt sind. Ihre Integrationsbemühungen finden keinen fruchtbaren Boden, wodurch sich die Betroffenen unter ihresgleichen zurückziehen, um Bestätigung und Rückhalt zu erfahren. Dieser Rückzug wird von der Gesellschaft als Beleg für die gescheiterte Integration und zur Legitimierung weiterer Diskriminierungen begriffen, wodurch ein Teufelskreis aus Diskriminierung und Rückzug entsteht.
Hierzu soll zunächst einführend das Konzept der reaktiven Ethnizität vorgestellt werden, bevor anhand empirischer Beispiele geprüft wird, ob ein Rückzug der türkischstämmigen Bevölkerungsgruppe unter ihres gleichen vorliegt. Es folgt die Darstellung des Konzeptes Stigma von Goffman. Daran anschließend wird mittels eines Theorievergleiches erörtert, ob reaktive Ethnizität als eine allgemeinsoziologische Reaktion auf erfahrene Stigmatisierung betrachtet werden kann. Abschließend zeigt das Fazit eine zusammenfassende Darstellung der Erkenntnisse, gibt eine Antwort auf die leitenden Fragen der Arbeit und schließt mit dem Hinweis auf weiteren Forschungsbedarf und Ansatzmöglichkeiten ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Reaktive Ethnizität – eine theoretische Annäherung
2.1 Re-Traditionalisierung
2.2 Bedeutung der Religion
2.3 Bedeutung der Familie
2.4 Fazit
3. Reaktive Ethnizität in der Empirie
3.1 Von der kurzzeitigen Gastarbeit zur Niederlassung in Deutschland
3.2 Bestandsaufnahme zum Integrationsprozess türkischstämmiger Migranten in Deutschland
3.3 Diskriminierungserfahrungen und ihre Folgen
3.4 Die Kopftuch-Debatte aus Sicht von türkischen Migrantinnen
4. Stigma- eine theoretische Annäherung
4.1 Erste Begriffsbestimmungen
4.2 Formen der Identität
4.3 Sozialisation und Umgangsstrategien der Betroffenen mit Stigmatisierung
4.4 Folgen von Stigmatisierungen in sozialen Interaktionen
4.5 Stigmatisierte unter ihresgleichen
5. Theorievergleich
5.1 Gegenstandsbereich
5.2 Problemhinsicht
5.3 Problemlösung
5.4 Fazit
6. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob der Rückzug türkischstämmiger Migranten in ihre ethnische Community eine reaktive Antwort auf erfahrene Diskriminierung und Stigmatisierung durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft darstellt. Dabei wird erforscht, ob dieser Rückzug als allgemeine Bewältigungsstrategie begriffen werden kann, indem das migrationsspezifische Konzept der "reaktiven Ethnizität" mit dem soziologischen Stigma-Konzept nach Erving Goffman verglichen wird.
- Analyse der reaktiven Ethnizität als Folge von Diskriminierung
- Untersuchung von Integrationsverläufen türkischstämmiger Migranten
- Stigmatisierungsprozesse und Identitätskonstruktion in der Gesellschaft
- Vergleich zwischen migrationsspezifischer Theorie und allgemeinsoziologischem Stigma-Konzept
- Diskussion von Bewältigungsstrategien wie Re-Traditionalisierung und Rückzug
Auszug aus dem Buch
2.1 Re-Traditionalisierung
Das Bild, das eine Mehrheit der Deutschen von Migranten hat, ist geprägt von der Ansicht, die Zugewanderten seien auch in der neuen Heimat traditionsorientiert, familien- und gemeinschaftsverbunden und leben ihre Religion intensiver aus als die einheimische Bevölkerung. Gestärkt werden diese Alltagswahrnehmungen durch die Darstellung von ausländischen Mitbürgern in den Medien, da Bilder von Frauen mit Kopftuch, kinderreichen Familien und Moscheen dominieren (Beck-Gernsheim 2007, 19). Doch wie traditionsorientiert und wertegebunden sind die türkischstämmigen Migranten wirklich? Und welche Gründe lassen sich dafür anführen?
Viele Studien kommen zu denselben Ergebnissen – Migranten sind stärker traditionsorientiert als die Mehrheitsgesellschaft der Deutschen (ebd., 21). Doch wie drückt sich diese Traditionsorientierung aus und welche Funktion übernimmt sie? Diese Fragen beantwortet die Forschung zumeist nicht. Beck-Gernsheim greift die Ergebnisse auf und führt hierzu verschiedene Gründe zur Erklärung an.
Am Beispiel der Rückkehrorientierung ließe sich reaktive Ethnizität im Bereich der Traditionsorientierung besonders eindrucksvoll darstellen. Eine faktische Rückkehr in das Heimatland würde, je länger der Aufenthalt in Deutschland dauert, immer unrealistischer. Dennoch hat das Festhalten an dem Vorhaben eine „wichtige soziale, kulturelle und psychische Funktion“ (ebd., 22). Der Historiker Cord Pagenstecher beschäftigt sich in seinem Artikel „Illusion der Rückkehr“ ausführlich mit der Rückkehrabsicht und ihrer Funktion für Gastarbeiter. Er diagnostizierte insbesondere zwei Motive, die mit dem Aufrechterhalten der Rückkehrabsicht verbunden sind. Zum einen fungiert sie als „Abwehrstrategie gegen Ausgrenzung und Unsicherheit“ (ebd.). Durch die Orientierung am Heimatland werde ein anderer Bezugsrahmen und Zufluchtsort geschaffen, der identitätsstiftend und gemeinschaftsfördernd für die Migranten in der als fremd empfunden Aufnahmegesellschaft ist (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Integration türkischstämmiger Migranten ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach dem Zusammenhang zwischen Diskriminierung und reaktiver Ethnizität.
2. Reaktive Ethnizität – eine theoretische Annäherung: Dieses Kapitel erläutert das Konzept der reaktiven Ethnizität anhand der Kategorien Re-Traditionalisierung, Religion und Familie als Reaktion auf Ausgrenzung.
3. Reaktive Ethnizität in der Empirie: Das Kapitel bietet eine empirische Bestandsaufnahme der Diskriminierungserfahrungen türkischstämmiger Migranten in Deutschland und analysiert qualitative Studien zu diesem Phänomen.
4. Stigma- eine theoretische Annäherung: Hier werden die soziologischen Grundlagen des Stigma-Konzepts nach Erving Goffman vorgestellt, insbesondere Identitätsformen und Interaktionsfolgen.
5. Theorievergleich: Die beiden theoretischen Konzepte werden anhand der Kategorien Gegenstandsbereich, Problemhinsicht und Problemlösung auf ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin untersucht.
6. Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass der Rückzug von Migranten als Ausdruck von Diskriminierungserfahrungen verstanden werden kann, wobei die Konzepte nur bedingt verallgemeinerbar sind.
Schlüsselwörter
Reaktive Ethnizität, Integration, Diskriminierung, Stigmatisierung, Erving Goffman, türkischstämmige Migranten, Gastarbeiter, Identität, Re-Traditionalisierung, Religion, Familie, soziale Interaktion, Ausgrenzung, Minderheit, Integrationsprozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der "reaktiven Ethnizität" bei türkischstämmigen Migranten in Deutschland als mögliche Folge von Diskriminierung und Stigmatisierung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Integrationsgeschichte türkischer Migranten, der Einfluss von Diskriminierung auf Identitätsbildung und der soziologische Theorievergleich zwischen reaktiver Ethnizität und Stigma-Konzepten.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, ob der Rückzug von Personen mit türkischem Migrationshintergrund in ihre ethnische Community eine direkte Reaktion auf erfahrene Diskriminierung und Stigmatisierung durch die deutsche Gesellschaft ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einem theoriegeleiteten Vergleich, der qualitative empirische Studien sowie soziologische Fachliteratur zur Stigmatisierung heranzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur reaktiven Ethnizität, eine empirische Analyse von Diskriminierungsszenarien, eine theoretische Ausarbeitung zum Stigma-Begriff nach Goffman und einen vergleichenden Theorie-Abgleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Reaktive Ethnizität, Stigmatisierung, Integration, Diskriminierung und Identitätsbildung sind die entscheidenden Begriffe für diese wissenschaftliche Publikation.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Institution Schule?
Die Arbeit identifiziert die Schule als einen kritischen Ort, an dem durch soziale Trennung von Schülergruppen und die Erwartung von Homogenität Diskriminierung manifestiert wird.
Inwiefern unterscheiden sich die Konzepte von Beck-Gernsheim und Goffman?
Während Beck-Gernsheim sich spezifisch auf die Situation von Migranten konzentriert, verfolgt Goffman einen breiteren, allgemeinsoziologischen Ansatz für verschiedene, gesellschaftlich diskriminierte Randgruppen.
- Arbeit zitieren
- Annika E. (Autor:in), 2016, Reaktive Ethnizität als Folge von Stigmatisierung durch die Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/449811