Wohin strebt Europa?


Essay, 2018
5 Pages, Grade: 2,0

Excerpt

1918 - 2018: Wohin strebt Europa?

von Yavuz S. Erdem

Die Europäische Union ist ein Segen. Wer weiß denn, ¡ท welcher Lage wir heute wären, hätten die Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft nicht ihre persönlichen Interessen überwunden und sich für Kompromisse und Gemeinsamkeit bereit erklärt? Ich möchte es mir gar nicht vorstellen. Freizügigkeit ist nur einer der Freiheiten, die uns die EU geschenkt hat. Mittlerweile erwägt sie auch jugendlichen kostenlose Zugtickets zur Verfügung zu stellen, damit der Traum von Freizügigkeit kein Traum mehr bleibt. Das ist alles sehr begrüßenswert.

Jedoch hat alles auch seine Kehrseite. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. Während die westeuropäische Wirtschaft durch einen Zusammenschluss von Ländern floriert, gibt es Leid, Elend und Armut vor allem ¡ท den neuen Staaten der EU. Man muss kein Akademiker sein, um festzustellen, dass soziale Ungleichheit Radikalität fördert. Gerade deshalb hat die Autokratie ¡ท Polen und Ungarn so starke Zustimmung bekommen. Aber nicht nur ¡ท traditionell wirtschaftlich schwachen Gegenden wie Osteuropa, sondern auch bei uns im vermeintlich reichen und selbstsicheren Westeuropa erstarken die Ränder, vor allem die Rechte.

Traditionelle Werte von Europa sind Toleranz, Weltoffenheit und Akzeptanz. Viele Menschen wollen jedoch diese Werte nicht tragen, weil sie genau diese als Sündenböcke für ihre persönliche schlechte Situation ausmachen. Vor allem die so genannte Flüchtlingswelle ab dem Jahr 2015 war ein großer Geduldstest für Europa. Während manche Staaten wie Deutschland diesem Test mit großer Entschlossenheit und Humanismus entgegen getreten sind, weigern sich bis heute viele Länder, Flüchtlinge aufzunehmen. Man muss leider feststellen, dass sich vermehrt unter slawischen und slawisch geprägten Völkern Rassismus findet, wobei gerade diese es eigentlich besser wissen müssten, da beispielsweise unter der NS-Diktatur ¡ท den Dreißiger, so wie Vierziger Jahren, Antislawismus viele Menschenleben forderte.

Realsituation im Osten

Heute ist es aber Alltag, dass sich beispielsweise ¡ท Polen die Neonazi-Szene großer Beliebtheit erfreut und Aufmärsche mit Hitlergrüßen keine Seltenheit mehr sind. Und genau dies mache ich als größtes Problem für Europa aus: Auf der einen Seite ein freies und weltoffenes Europa, auf der anderen Seite ein Europa, das trotz beispielsweise äußerst geringem muslimischen Bevölkerungsteil sehr antimuslimisch ist. Die Islamfeindlichkeit ¡ท einigen Teilen

Europas kann man hier auch als Stellvertreter für Antisemitismus und jegliche andere Xenophobie sehen.

Ungarn spielt seit einigen Jahren oft mit antisemitischen Ressentiments. Auch wenn sich der aktuelle Präsident Orbán ständig von Judenfeindlichkeit reinwaschen will, so kann man an seinen Reden über den ungarnstämmigen US- Investors George Soros leicht Antisemitismus erkennen.

เท Polen ist Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit auch in Regierungskreisen keine Seltenheit mehr. So sprach der aktuelle polnische Ministerpräsident Morawiecki von „jüdischen Tätern" während der Shoa. Somit bedient er sich Verschwörungstheorien, die den Juden Mitschuld am Holocaust geben wollen.

Der ehemalige Premierminister der Slowakei sagte auch oft, der Islam habe keinen Platz in seinem Land.

Noch zuletzt im Jahr 2015 verurteilten die Vereinten Nationen Tschechien wegen seiner staatlich geförderten Islam- und Ausländerfeindlichkeit.

Diese Aufzählung lässt sich nach Belieben fortsetzen. Man sieht also, dass Parteien und Politiker, die von Osteuropäern gewählt werden, leider oft dazu neigen, xenophobisch zu sein.

Ist der Osten wirklich fremdenfeindlicher als der Westen?

Der Historiker Jan T. Gross schrieb vor drei Jahren einen Artikel, dessen Hauptaussage, „Osteuropa ist nicht rassistischer als Westeuropa, die Menschen dort sind nur ehrlicher" war. Ich stimme dieser Aussage nicht zu. Wenn man von „No-Go-Areas" für beispielswiese Dunkelhäutige spricht, wird nur der Osten gemeint, vor allem hierzulande.

Wenn es so wäre, wie Herr Gross behauptet und die Menschen in Westeuropa im gleichen Maße rassistisch wären, wie es die Menschen im Osten sind, dann könnten sich Migranten im Westen genau so wenig aufhalten, wie sie es im Osten nicht können. Wenn man seine Betrachtungen als Beispiel nur auf Deutschland legt, so muss man bei dieser Argumentation erklären können, wieso Angriffe auf kopftuchtragende Frauen oder dunkelhäutige Menschen bei Tageslicht fast nur im Osten Vorkommen.

Außerdem haben die ostdeutschen Bundesländer laut Statistiken des Bundesamtes kaum ausländische Einwohner. Während es in Bayern - dem Bundesland, in dem ich geboren und aufgewachsen bin - einen Ausländeranteil von 12% gibt, liegt der Wert in Ostdeutschland bei einem Drittel dieser Zahl.

Gefahren der Fremdenfeindlichkeit für Europa

Die vorherrschende Fremdenfeindlichkeit ¡ท Osteuropa, die ich weiter oben belegt habe, wird sich ¡ท der Zukunft bei Nichthandeln verschlimmern. Dabei ist zum Beispiel die Islamophobie dort nur ein Türöffner für weitere Hassideologien. Wenn heute Menschen ¡ท Polen bei einem Muslimenanteil an der Gesamtbevölkerung von unter 0,1 % gegen die Islamisierung Polens marschieren, werden diese morgen vielleicht auch gegen Juden, anschließend gegen Roma und Sinti marschieren.

Wir können als Europa nicht zulassen, dass Staaten und Regionen, die wie keine andere von der Europäischen Union profitieren, die traditionellen Werte des Humanismus und dementsprechend von Europa ¡ท dieser Art und Weise verletzen. เท den Jahren 2014 - 2020 werden laut den Vereinbarungen der Haushaltskommission der EU knapp 106 Milliarden Euro nach Polen gehen. Die Hilfen für andere osteuropäische Länder, deren Regierungspolitik nicht unserem humanistischem Weltbild von Toleranz und Weltoffenheit entsprechen, sind auch enorm.

Lösungsansätze für diese Probleme

Nun kann man als Lösungsansatz leicht verlangen, dass EU-Fördergelder für Staaten, die sich beispielsweise der fairen Verteilung von Flüchtlingen im EU­Raum entgegen stellen, gekürzt werden. Dies ist meiner Meinung nach jedoch nicht der richtige Weg. Die Kürzung von Geldern ist ein Schlag, der leicht nach hinten losgehen kann. Sie kann zu vermehrter antieuropäischer und auch xenophobischer Stimmung führen.

Es ist jetzt wichtig, dass Europa sich darum bemüht, dass sich der Rassismus von den Köpfen der Osteuropäer löst. Dies kann durch gezielte Subventionen erreichen. Wohlhabende Länder wie Deutschland oder Kanada haben ein kleineres Rassismus-Problem als ärmere Länder. Wenn man der Wirtschaft der ärmeren osteuropäischen Länder gezielt hilft und diesen zu Wohlstand verhilft, hat man zwei Fliegen mit einer Klappe erwischt: Auf der einen Seite wird dieser Wohlstand sich ¡ท den Haushaltsbüchern der EU niederschlagen, auf der anderen Seite kann beispielsweise eine größere Weltoffenheit erreicht werden.

Europa in den Köpfen stärken

เท meinem Text ging es mir hauptsächlich darum, auf das Problem von zwei verschiedenen Europas ¡ท den Köpfen der Menschen hinzuweisen. Wenn der eine Teil Europas die EU als Bereicherung, der andere Teil jedoch als Fluch sieht,

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Excerpt out of 5 pages

Details

Title
Wohin strebt Europa?
Course
Essaywettbewerb 2018
Grade
2,0
Author
Year
2018
Pages
5
Catalog Number
V450070
ISBN (eBook)
9783668837508
Language
German
Tags
Europa, Rassismus, Solidarität, Zusammenhalt, Gesellschaft, Osteuropa, Westeuropa
Quote paper
Yavuz Selim Erdem (Author), 2018, Wohin strebt Europa?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450070

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