Habitus und Freiheit. Eine kritische Betrachtung des Habitusbegriffs nach Bourdieu


Hausarbeit, 2015

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Zum Begriff des Habitus
2.1 Die philosophische Tradition des Habitusbegriffs
2.2 Bourdieus Rückgriff auf Erwin Panofskys Konzept der „mental habits“

3 Bourdieus soziologische Konzeption des Habitus
3.1 Der Habitus als vermittelnde Kategorie
3.2 Der Habitus als Praxis generierendes Prinzip
3.3 Die unbewusste Dimension des Habitus

4 Die Frage der Vereinbarkeit von Habitus und Freiheit
4.1 Die deterministische Seite des Habitus
4.2 Die „bedingte Freiheit“ des Habitus

5 Resümee

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1 Einleitung

Der französische Philosoph, Ethnologe und Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) zählt zu den einflussreichsten Sozialwissenschaftlern und politisch engagierten Denkern des 20. Jahrhunderts. Entsprechend der interdisziplinären Ausrichtung seiner Arbeit erfährt sein Werk über die Grenzen der Soziologie hinaus eine breite Rezeption, so etwa in den Wirtschafts-, Bildungs- oder Kulturwissenschaften. Dabei wird häufig auf Bourdieus Begriffsinstrumentarium Bezug genommen, das nicht auf eine endgültige Definition hin angelegt, sondern in erster Linie an praktischen Anforderungen orientiert ist.1 Bei der Begriffsbildung steht für Bourdieu also weniger ein geschlossenes theoretisches Konzept im Vordergrund, als vielmehr die Anwendbarkeit eines Begriffs in konkreten empirischen Studien. Von besonderer Popularität ist sein Habitusbegriff, den er im Rahmen seiner Untersuchungen der sozialen Praxis entwickelt, um ihn etwa zur Erklärung der Genese von Praxisformen heranzuziehen.

Wenn in der vorliegenden Hausarbeit der Begriff des Habitus näher untersucht wird, soll dies im Hinblick auf eine, vor allem in der deutschen Rezeption, verbreitete Kritik geschehen, wonach Bourdieus Ansatz eine Tendenz zum Determinismus aufweist. In diesem Sinne wird im Folgenden die Frage nach der Vereinbarkeit von Habitus und Freiheit leitend sein: Wie weitreichend sind die determinierenden Eigenschaften des Habitus für das Denken und Handeln der Individuen? Welches Freiheitsverständnis liegt dem Habituskonzept zugrunde? Hierzu werden zwei Schriften Bourdieus herangezogen, in denen er den Begriff des Habitus systematisch entwickelt: zum einen sein Nachwort zu Erwin Panofskys Untersuchung Gothic Architecture and Scholasticism, das 1970 in deutscher Sprache unter dem Titel „Der Habitus als Vermittlung zwischen Struktur und Praxis“ erschien, zum anderen sein erstmals 1980 in Paris veröffentlichtes Werk Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft.

Die ausgewählte Primärliteratur weist zentrale Textpassagen auf, anhand derer grundlegende Merkmale des Habitusbegriffs hinsichtlich der Freiheitsproblematik aufgezeigt und diskutiert werden können. Nach einem kurzen Exkurs zur aristotelisch-scholastischen Begriffstradition werden zunächst Funktion und Wirkweise des Habitus in Bourdieus Sozialtheorie dargelegt. Dabei möchte ich zu zeigen versuchen, dass die unbewusste Dimension des Habitus für das Problem des Determinismus von Bedeutung ist, so dass sich die kritische Diskussion insbesondere auf diesen Aspekt konzentrieren wird. Vor diesem Hintergrund gilt es schließlich, Bourdieus Freiheitsverständnis zu erörtern, um zu prüfen, mit welchem Freiheitsbegriff sein Habituskonzept zu vereinbaren ist.

2 Zum Begriff des Habitus

Der Begriff des Habitus ist ein umgangssprachlich verwendeter Ausdruck, um das Erscheinungsbild und das Auftreten oder die Gewohnheiten einer Person zu beschreiben. Auch in sozialwissenschaftlichen sowie philosophischen Untersuchungen spielt er eine Rolle und wird von verschiedenen Autoren in spezifischer Weise gebraucht, so etwa in Arbeiten von Max Weber, Marcel Mauss, Norbert Elias oder Maurice Merleau-Ponty.2 Daher sollen zunächst anhand eines kurzen Exkurses zur philosophischen Tradition zentrale Bedeutungsebenen des Habitusbegriffs dargelegt werden, die für Bourdieus Gebrauch relevant und damit zum Verständnis seines Habituskonzepts unabdingbar sind.

2.1 Die philosophische Tradition des Habitusbegriffs

Wenn Bourdieu dem Habitus im Rahmen seiner Untersuchungen der sozialen Praxis eine zentrale Bedeutung zuspricht, handelt es sich also keineswegs um eine terminologische Neuerfindung. Vielmehr hat der Begriff des Habitus eine lange Tradition, die bis in die Zeit der griechischen Antike zurückreicht, wo er in der aristotelischen Kategorienlehre in Form des griechischen Begriffs hexis von Bedeutung ist. Hexis steht für ‚das Haben’3 und zielt bei Aristoteles auf eine durch Erfahrung gewonnene konstante Haltung: Aus den verschiedenen (körperlichen) Tätigkeiten ergeben sich Gewöhnungshandlungen und damit auch ein dauerhaftes Können.4 Gemeint ist also nicht ein theoretisch-intellektuelles Wissen, vielmehr geht es um den Aspekt des praktischen Erfahrungswissens, das in alltäglichen Handlungen erworben wird und das in der jeweiligen Situation die Art und Weise des Tuns wesentlich bestimmt. Dabei hat Aristoteles nicht nur einfache körperliche Verrichtungen im Blick, vielmehr schreibt er in seiner Nikomachischen Ethik der Hexis auch für sittliches Handeln eine wichtige Bedeutung zu: Die ethische Grundhaltung wird in der sozialen Praxis erworben und leitet den Handelnden in jeder neuen Situation in seinem Tun.5 In diesem Zusammenhang kann die Hexis als „Haltung gewordener Ethos“6 bezeichnet werden.

Interessant im Hinblick auf die leitende Frage nach der Vereinbarkeit von Habitus und Freiheit ist Peter Nickls Überlegung zu dieser Problematik: So habe Aristoteles die Bedeutung der zur zweiten Natur gewordenen Hexis für den „Übergang von der Möglichkeit zur Wirklichkeit“ betont. Demnach könne der Mensch aufgrund seiner Hexis „aus der Unbestimmtheit des So-oder-anders-Könnens […] in die Bereitschaft zu den seiner Vernunft-Natur entsprechenden Akten“7 übertreten. Nickl verweist auf das Beispiel der entgegen gesetzten sittlichen Habitus der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, die nicht miteinander zu vereinbaren seien, so dass der Gerechte aufgrund seines Habitus keine ungerechten Handlungen ausführen könne (et vice versa).

Gemäß Nickl fasst Aristoteles dies nicht als Einschränkung oder mangelnde Wahlfreiheit auf, vielmehr liegt die Tugend der Gerechtigkeit, als anzustrebender Zustand der Vollkommenheit, gerade in der konstanten sittlichen Grundhaltung des Menschen, der seiner inneren Ordnung gemäß handelt. Hier klingt ein Freiheitsverständnis an, das auf ein dem Tugendhaften wesensgemäßes Handeln zielt, nicht hingegen auf ein willkürliches Verhalten im Sinne einer jegliche Zwänge negierenden (negativen) Freiheit. Da dieser Aspekt auch für Bourdieus Habitusbegriff von Bedeutung ist, wird darauf zurückzukommen sein.

Der aristotelische Terminus der Hexis wird in der Scholastik mit dem lateinischen Ausdruck habitus übersetzt, der innerhalb des scholastischen Denkens eine zentrale Stellung einnimmt. So findet er etwa in dem Werk des mittelalterlichen Aristotelikers Thomas von Aquin in unterschiedlichen Formen Verwendung: Er unterscheidet neben verschiedenen intellektuellen Habitus auch körperbezogene Habitus, so etwa den „habitus corpus“, „habitus activus“ oder „habitus operativus“; insbesondere an den letztgenannten „Habitus zur Tätigkeit“ knüpft Bourdieu bei seiner Begriffsbestimmung an.8 Auch die scholastische Vorstellung von der vermittelnden Stellung des Habitus findet sich in Bourdieus Konzeption: so beschreibt Thomas den Habitus als ein Mittleres etwa zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, Sinnlichkeit und Vernunft oder zwischen Tun und Sein.9

Vor dem Hintergrund der aristotelisch-scholastischen Tradition lassen sich nun einige Facetten des Habitusbegriffs zusammenfassen, die auch bei Bourdieu eine Rolle spielen: Hier ist die vorwiegend praktische und damit auch körperliche Dimension des Habitus hervorzuheben, ebenso seine im gegenwärtigen und zukünftigen Handeln wirkende Dauerhaftigkeit sowie seine vermittelnde Funktion.

2.2 Bourdieus Rückgriff auf Erwin Panofskys Konzept der „mental habits“

Besonders wichtige Impulse zur Bestimmung des Habitus erhält Bourdieu in Auseinandersetzung mit dem Kunsthistoriker Erwin Panofsky, der sich wiederum auf den thomistischen Habitusbegriff beruft.10 In seinem Nachwort zu Panofskys Untersuchung Gotische Architektur und Scholastik entwickelt Bourdieu systematisch seinen Habitusbegriff. Er konstatiert, dass Panofsky mit seiner Analyse struktureller Parallelen zwischen gotischer Baukunst und scholastischem Denken eine bereits diskutierte Frage auf gewinnbringende Weise neu aufwirft, indem er die Schule als Institution in den Blick nimmt, deren „ausdrückliche Funktion“ darin bestehe, „das kollektive Erbe in ein sowohl individuell als kollektiv Unbewußtes zu verwandeln“11.

In dieser Schrift formuliert Bourdieu mehrere Kerngedanken seines Habitusbegriffs: zum einen dessen vermittelnde Position zwischen Individuum und Gesellschaft, so dass dieser ermögliche, „im Zentrum des Individuellen selber Kollektives zu entdecken; Kollektives in Form von Kultur […] oder, nach Erwin Panofskys Sprachgebrauch, im Sinn des ,Habitus’12. Zum anderen klingt mit der Unbewusstheit ein weiteres zentrales Charakteristikum des Habitus an, das im Hinblick auf die Freiheitsproblematik von Bedeutung ist, so dass später noch ausführlicher darauf einzugehen sein wird. Schließlich wird hier auch deutlich, dass der Habitus nicht angeboren, sondern erworben ist, wobei der Schule als Bildungsinstitution eine zentrale Bedeutung zugeschrieben wird.

Bourdieu betont, dass die von Panofsky am Beispiel des Mittelalters herausgearbeiteten mental habits, im Sinne epochenspezifischer überindividueller Denkschemata, „in jeder Zivilisation am Werke“13 sind, womit zugleich klar ist, dass der Habitus auch für eine Analyse der modernen Gesellschaft geeignet ist.

3 Bourdieus soziologische Konzeption des Habitus

Nach dieser ersten Annäherung an den Habitusbegriff gilt es nun zu klären, welche Funktion er im Rahmen der Bourdieuschen Theorie von der sozialen Praxis erfüllt. Im Hinblick auf die leitende Frage nach der Freiheit ist es wichtig, dass Bourdieus soziologisches Interesse dem Denken und Handeln sozialer Akteure gilt: Indem er sein Augenmerk auf das „gesellschaftlich verfaßt […] handelnde[…] Subjekt“14 richtet, betont er, dass ein Verständnis der sozialen Praxis nur möglich ist, wenn die gesellschafts-historische Bedingtheit der Handelnden berücksichtigt wird. Anders als der Begriff des Individuums, verweist der Akteur implizit auf das Soziale, so dass er als „handlungsfähige Verkörperung sozialer Strukturen“15 verstanden werden kann.

Bourdieu beschreibt die „Praxiswelt“ als „eine Welt von bereits realisierten Zwecken […] und von Objekten, Werkzeugen oder Institutionen“16, in die der Einzelne hineingeboren und durch deren geltende Normen und Gesetzmäßigkeiten er zwangsläufig geprägt und konditioniert wird. Infolgedessen wird die soziale Ordnung gemeinhin akzeptiert, als selbstverständlich hingenommen und nicht weiter hinterfragt; dieses Phänomen bezeichnet Bourdieu mit dem griechischen Begriff der doxa.17

Als Soziologe untersucht er also nicht das Individuum in seiner Einzigartigkeit, sondern als Vertreter seines sozialhistorischen Milieus. Demnach spiegelt sich im individuellen Habitus des Akteurs der Klassenhabitus, so dass Bourdieu den individuellen Habitus „als subjektives, aber nichtindividuelles System verinnerlichter Strukturen“ definiert. Die Mitglieder einer Klasse oder Gruppe haben aufgrund ihrer klassenspezifischen Existenzbedingungen und Sozialisation homologe (also nicht völlig identische) Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen; Bourdieu spricht in diesem Zusammenhang von „der Vielfalt in Homogenität“18.

[...]


1 Vgl. Eva Barlösius, Pierre Bourdieu, Frankfurt am Main 2006, S. 8.

2 Vgl. Boike Rehbein; Gernot Saalmann, „Habitus (habitus) “, in: Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hg. v. Gerhard Fröhlich; Boike Rehbein, Stuttgart 2014, S. 111.

3 Patricia Holder, „Hexis (h é xis) “, in: Bourdieu-Handbuch, S. 124.

4 Vgl. Beate Krais; Gunter Gebauer, Habitus, Bielefeld 2002, S. 28.

5 Vgl. Krais; Gebauer, Habitus, S. 28 f.

6 Margareta Steinrücke, „Habitus und soziale Reproduktion in der Theorie Pierre Bourdieus“, in: Willk ü rliche Grenzen. Das Werk Pierre Bourdieus in interdiszi-plin ä rer Anwendung, hg. v. Mark Hillebrand u.a., Bielefeld 2006, S. 65.

7 Peter Nickl, Ordnung der Gef ü hle. Studien zum Begriff des habitus, Hamburg 2001, S. 32.

8 Vgl. Krais; Gebauer, Habitus, S. 26.

9 Vgl. Nickl, Ordnung der Gef ü hle, S. 51 f.

10 Vgl. Krais; Gebauer, Habitus, S. 26.

11 Pierre Bourdieu, „Der Habitus als Vermittlung zwischen Struktur und Praxis“, in: Zur Soziologie der symbolischen Formen, Frankfurt am Main 1970, S. 139.

12 Ebd., S. 132.

13 Ebd., S. 142 f.

14 Pierre Bourdieu, Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt am Main 1987, S. 85.

15 Boike Rehbein, Die Soziologie Pierre Bourdieus, Konstanz 2006, S. 95.

16 Bourdieu, Sozialer Sinn, S. 100.

17 Vgl. Barlösius, Bourdieu, S. 27 f.

18 Ebd., S. 112 f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Habitus und Freiheit. Eine kritische Betrachtung des Habitusbegriffs nach Bourdieu
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V450093
ISBN (eBook)
9783668838703
ISBN (Buch)
9783668838710
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Soziologie, Sozialtheorie, Sozialphilosophie, Pierre Bourdieu, Freiheitsbegriff, Determinismus, Gesellschaftsanalyse, Gesellschaftstheorie, Handlungstheorie, Erwin Panofsky, Habitus, Habitustheorie
Arbeit zitieren
Sarah David (Autor), 2015, Habitus und Freiheit. Eine kritische Betrachtung des Habitusbegriffs nach Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450093

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