"Er sol tou von bluomen swingen". Sexualität, Erotik und der Herztopos in der Minnelyrik


Seminararbeit, 2018
16 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Liebe, Sexualität und das Herzmotiv im Mittelalter
2.1. Liebe
2.2. Sexualität
2.3. Minnesang

3. Korpus, Methode

4. Betrachtung einiger exemplarisch ausgewählter Minnelieder

5. Schlussbetrachtung und Ausblick

6. Literaturverzeichnis
6.1. Internetquellen
6.2. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Diese Proseminararbeit wurde im Rahmen der Lehrveranstaltung „Ältere deutsche Sprache - Liebeslyrik des hohen Mittelalters“ im Sommersemester 2018 verfasst. Das Thema durfte frei gewählt werden und die vielfältige Auswahlmöglichkeit macht das Festmachen auf einen ein- zigen Gegenstand oft nicht einfacher. Während meiner Recherche1 stieß ich auf einen hitzigen Dialog zweier Germanisten auf einem Literaturforum.2 Sie diskutierten dort über die Analyse eines Liedes von Heinrich von Morungen ‚West ích, ob ez verwîget möhte sîn‘3. In dieser Dis- kussion wird behauptet, dass der Schlüssel, den man bräuchte, um die offenen Fragen zu die- sem Lied beantworten zu können, in der Herzmotivik liegen würde. Diesen Aspekt fand ich hochinteressant und ich nahm dieses Phänomen zum Anlass, ihm in der vorliegenden Arbeit auf den Grund zu gehen.

Dieser Beitrag befasst sich daher weitestgehend mit den Motiven: Liebe, Sexualität und Erotik im Minnesang unter der besonderen Berücksichtigung des Herzmotivs, das in diversen Liedern genauer betrachtet, analysiert und gegenübergestellt werden wird. Zentrale Fragestellungen hierbei sind: Wie wird Erotik und Sexualität in der Minnelyrik dargestellt? Gibt es Auffälligkei- ten in welchem Zusammenhang das Herzmotiv auftritt? Tritt es in gewissen Liedformen häu- figer auf als in anderen?

Um diesen Fragestellungen auf den Grund zu gehen, werden in der zweiten Hälfte dieser Arbeit einige exemplarische Minnelieder genauer betrachtet.

Bevor ich jedoch detailliert auf das Datenmaterial und deren Analyse eingehe, möchte ich mich noch in aller gebotenen Kürze den Begriffen, Liebe, Sex und Erotik widmen. Der Punkt (3) befasst sich dann der eigentlichen Analyse und Auswertung. Ein kurzer letzter Abschnitt (4) schließt mit einer Zusammenfassung und dem Ausblick dieser Arbeit ab.

An dieser Stelle soll noch einmal gesondert eine Schrift Erwähnung finden, die neben weiterer Literatur, für diese Arbeit als besonders wertvolle Stütze herangezogen wurde. Das Werk von Thomas Bein „Liebe und Erotik im Mittelalter“4, das sich intensiv mit den Inhalten der gelebten Lust, Sexualität, Nacktheit und Tabus in der Zeit des Mittelalters auseinandersetzt.

2. Liebe, Sexualität und das Herzmotiv im Mittelalter

Es ist davon auszugehen, dass gegenwärtig ein Großteil der Menschheit seine ganz persönli- che Erfahrung oder Konnotation zu Liebe, Sexualit ä t und dem Topos Herz hat. Dennoch gibt es auch Gemeinsamkeiten, die kulturübergreifend gelten. Dies betrifft zum Beispiel das Sym- bol des Herzens. Besonders im westlichen Kulturkreis wird dieses Symbol, heute mehr denn je, im Alltag integriert und eingesetzt. Interessant wäre es sicherlich auch zu untersuchen, ob diese übermäßige und teilweise unbedachte Verwendung des Herzsymbols in Verbindung mit Emojis dazu führt oder führen wird, dass das Symbol als solches eine Bedeutungsabschwä- chung oder womöglich sogar eine Bedeutungsverschiebung erfährt oder erfahren wird. Bis dahin gehen wir aber davon aus, dass das Herz kulturübergreifend, weltweit und zu unter- schiedlichen Zeiten als Symbol für die Liebe erkannt und eingesetzt wird. Denn bereits in der Antike betrachtete man das Herz als ein wichtiges Element im Leben jedes einzelnen. Zum einen in der Funktion des lebenserhaltenden Organs und zum anderen als Sitz der Seele und als Zentrum der Empfindungen.5 Der Minnesang kann als spezifische emotionale und geistige Ausdrucksform adliger Dichter mit dem zentralen Motiv der höfischen Liebe verstanden wer- den. Wobei diese Liebe oft vor dem Hintergrund der Illegitimität und der Heimlichkeit zu ste- hen kommt. Die daraus entstehenden Emotionen wie Sehnsucht, Enttäuschung, Hoffnung, Glück und Schmerz bilden meist den thematischen Inhalt der Minnelyrik.6 Diese ‚Herzensan- gelegenheiten‘ werden in den Liedern oft durch die Verwendung des Herztopos zusätzlich un- terstrichen. Im folgenden Abschnitt wird eine historische Annäherung an die Begriffe Liebe und Sexualit ä t unternommen.

2.1. Liebe

Was bedeutet Liebe ? Diese Frage stellte sich bereits im 12. Jahrhundert der berühmte Walther von der Vogelweide und begann eines seiner bekanntesten Liebeslieder mit dem Satz: „Saget mir ieman, waz ist minne?“. Das Wesen der Liebe definitorisch einzufangen, ist ein schwieriges Unternehmen. Es wird die Liebe aber „seit den frühen Tagen der Menschheit gegeben haben, und seit es eine (Schrift-)Kultur gibt, ist Liebe auch dokumentiert.“7 Um die Bedeutung dieses komplexen und abstrakten Begriffes zu veranschaulichen, wird hier ein Zitat von Bein ange- führt, der dies ausführlich und doch präzise folgendermaßen formuliert und zusammengefasst hat:

Das deutsche Wort Liebe ist alt, hat germanische Wurzeln (siehe engl.: love), bedeutet ursprünglich aber sehr viel mehr als das, was wir heute mit dem Wort assoziieren.8 Die alte Bedeutung von Liebe ist Freude in einem ganz allgemeinen Sinn. Es konnte damit die Freude über ein schönes Fest ge- meint sein, die Freude über einen militärischen Sieg, aber auch die Freude, die Mann und Frau an- und miteinander haben können. War nur Letzteres gemeint, benutzte man in der Regel, bis zum späteren 12. Jahrhundert, das Wort Minne. Minne geht auf eine im Germanischen verwurzelte Wortsippe (*mei-, *min-, *men-) zurück mit den Grundbedeutungen liebendes Denken an jeman- den, lieben, begehren, (aus-) tauschen, denken an, (ge-)mahnen. Im Althochdeutschen und Mittel- hochdeutschen ist minne als Liebe, Zuneigung, Eifer, Verlangen, Liebesgemeinschaft, Beischlaf be- legt. [...] Im späteren Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen wird minne abwertend für bloß körperlich-triebhafte Liebe verwendet, und das Wort liebe nimmt mehr den ideellen Stellen- wert ein, büßt aber im Zuge dieser semantischen Verschiebung seinen ursprünglichen allgemeine- ren Charakter (Freude) ein. Minne im Gegenzug verschwindet mehr und mehr aus dem Wort- schatz des Deutschen und ist heute nur noch historisch präsent.9

Dieser Wechsel von Minne auf Liebe in der Verwendung ist auch bei dem Studium von Kleins kommentierter Liedersammlung zu beobachten.10 So löst die Liebe die Minne nach und nach ab. Eine weitere eindrucksvolle Möglichkeit, die Liebe sichtbar zu machen, stellt die Liebes- Allegorie oder die Personifikation des Phänomens dar. Der Wilde Alexander ist der erste, der die Methode der Allegorese auf das Minnephänomen angewandt hat. Dies ist beispielsweise in ‚Ein trûreclîchez clagen‘ durch den Liebesgott Amor, der als nacktes Kind beschrieben wird, dargestellt. Hier ist auch besonders auffällig, dass seine Charakterzüge sehr negativ oder zu- mindest ambivalent (blind, ungerecht, flatterhaft, gewalttätig) dargestellt werden und der Aufruf, vor ihm zu fliehen, formuliert wird.11

Man kann sich dem Begriff Liebe auf vielerlei Arten nähern. Sei es wissenschaftlich, philoso- phisch oder gar künstlerisch. Fest steht, dass die Menschen es zu allen Zeiten versucht haben.

2.2. Sexualität

Der abstrakte Begriff Sexualität war in der Zeit des Mittelalters noch nicht bekannt und fand daher auch keine Verwendung. Abgeleitet aus dem lat. sexus (Geschlecht) bezieht sich der Ausdruck ursprünglich auf die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau.12 Kurz zu- sammengefasst kann man festhalten, dass unter Sexualit ä t im Mittelalter „nach dem Willen und Wunsch der Kirche, ausschließlich der eheliche Beischlaf zum Zweck der Zeugung von Nachkommen“ gemeint ist. „Jede andere denkbare Form der Sexualität (Selbstbefriedigung, Oral-/Analverkehr, homosexueller Verkehr) wird als einmal mehr, einmal weniger schlimme Sünde angesehen. Dabei ist freilich schon an dieser Stelle deutlich zu sagen, dass die Wirklich- keit zweifellos anders aussah.“ 13 Denn, wie Bein weiter ausführt, der Geschlechtsakt bedeu- tete bereits im Mittelalter mehr, als nur ein Akt der die Zeugung von Nachkommen als Ziel hat. Aber man hatte sich mit den Auflagen und Geboten der Kirche auseinanderzusetzen und musste sich mit den Schuldgefühlen und Konsequenzen, die einen verfolgten, wenn man der eigenen Lust nachging, auseinandersetzen. Diese Prägung des Mittelalters reicht weit in die jüngere Gegenwart hinein. Man bedenke dazu, dass es noch nicht allzu lange her, als Onanie noch auf den Beichtzetteln der jungen Erwachsenen stand. Müller geht sogar noch weiter und spricht eine These aus, die von einer ‚ekklesiogenen Kollektivneurose‘ spricht. Dabei sei der Minnesange die Ausgeburt einer, durch religiös-amtskirchlichen Restriktionen, sexuell frus- trierten Gesellschaft, die sich literarisch ein Triebventil schaffe.14 Es gibt also denkbar viele sexuelle Verfehlungen. Als die schlimmste Sünde von allen, als eine Sünde gegen die Ordnung der Natur wurde jedoch die gleichgeschlechtliche Sexualität verurteilt. Wobei die männliche Homosexualität noch strenger verfolgt wurde als die weibliche, da hierbei wertvolles Sperma verloren ging und auf diese Weise massiv gegen die einzige, von Gott gewollte, Form der kör- perlichen Verbindung verstoßen wurde. So wurde selbst die Onanie des Mannes teilweise als Mord betrachtet.15 Dass es nur derart geringe Zeugnisse über Homosexualität in der mittelal- terlichen deutschsprachigen Literatur gibt, ist laut Spreitzer nachweislich auf die „Kanalisie- rungs- und Repressionsmechanismen normierender diskursiver Praktiken“16 zurückzuführen. Es ist aber davon auszugehen, dass es Homosexualität trotzdem gab, wenn sie auch spärlich Erwähnung findet. Darauf wird in der Analyse noch einmal im Detail eingegangen.

2.3. Minnesang

Neben dem theologischen gibt es jedoch auch einen literarischen Diskurs und die wohl ältes- ten Zeugnisse, die Auskunft über die Liebe und Erotik im Mittelalter geben können, sind die Lieder des Minnesangs. Dort begegnen uns verschiedene Entwürfe der Liebe. Bein betont hier besonders, dass es den Minnesang, „die eine Konstruktion von Liebe, Weiblichkeit und Zwei- samkeit“17 nicht gäbe, sondern dass im Laufe von 200 Jahren immer wieder neue Konzepte zu finden seien. So setzte der Minnesang im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts mit den Do- nauländischen Sängern ein. Sie besangen die Liebe in ihren Liedern frei und unkompliziert. Oft spricht darin auch die Frau und äußert unter anderem sehr konkrete Liebeswünsche. In dem darauf folgenden Konzept des Hohen Minnesangs hat dieser freie Umgang mit der Liebe kaum noch Platz und das Geschlechterverhältnis wird sehr distanziert dargestellt. Der Mann wirbt um und dient einer Frau, wohl wissend, dass seine Liebe nicht erwidert werden wird. Er leidet an dem Liebesschmerz und ist dennoch auch erfreut. Er „hofft, aufgrund seines beständigen Werbens, werdekeit (Wert, Werthaftigkeit, Würde) zu erlangen;“18 Im Minnesang geht es im- mer um ein zwischengeschlechtliches Verhältnis, wobei dieses jedoch ganz unterschiedlich gestaltet sein kann. Auch die Rollen, die Mann und Frau dabei einnehmen, können variieren. Mal ist die Frau die treibende Kraft und ein anderes Mal der Mann. Manchmal wird die Frau auf ein Podest gestellt und idealisiert und ein anderes Mal stehen sich Mann und Frau in Au- genhöhe gegenüber. Und manchmal reicht es dem Mann nicht, der Dame einfach nur zu die- nen, sondern er begehrt auch die körperliche Begegnung mit ihr. Und einige dieser Lieder werden unter Punkt 3) näher betrachtet werden.

3. Korpus, Methode

Die überlieferten mittelhochdeutschen Lieder, die im Folgenden behandelt werden, sind der von Dorothea Klein herausgegebenen und kommentierten Reclam-Ausgabe von 2010 „Min- nesang. Mittelhochdeutsche Liebeslieder. Eine Auswahl.“19 entnommen. Dabei wurden nur Lieder, die sich thematisch und/oder sprachlich mit der körperlichen Liebe, Sexualität befas- sen und den Begriff Herz20 mindestens einmal beinhalten, berücksichtigt. Mit dem methodi- schen Zugang einer textimmanenten Analyse sollen die bereits erwähnten Fragestellungen beantwortet werden.

[...]


1 Zu diesem Zeitpunkt wohl eher noch eine Suche nach Inspiration.

2 www.literaturforum.de.

3 Der vollständige Link hierzu ist unter Punkt 5.1. Internetquellen 1) zu finden.

4 Vgl. Bein 2003.

5 Vgl. Daemmrich 1995, S. 194ff.

6 Vgl. Sieburg 2012, S. 163.

7 Bein 2003, S. 15.

8 Vgl. Kluge (1995); zitiert nach Bein 2003, S. 11.

9 Bein 2003, S. 11.

10 Vgl. Klein 2010.

11 Vgl. Klein 2010, S. 30 und S. 338

12 Vgl. Bein 2003, S. 12.

13 Bein 2003, S. 13.

14 Vgl. Müller 1986, 283-315.

15 Vgl. Bein 2003, S. 156.

16 Spreitzer 1988, S. 107.

17 Bein 2003, S. 17.

18 Bein 2003, S. 17.

19 Vgl. Klein (2010)

20 Wortkomposita sowie Abwandlungen wurden ebenso berücksichtigt 7

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"Er sol tou von bluomen swingen". Sexualität, Erotik und der Herztopos in der Minnelyrik
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Germanistik)
Veranstaltung
Liebeslyrik des Hohen Mittelalters
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V450096
ISBN (eBook)
9783668848245
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minnelyrik, Minnesang, Mittelalter, Herz, Herztopos, Sexualität, Erotik, Walter von der Vogelweide, Herzmotiv
Arbeit zitieren
Simone Embacher (Autor), 2018, "Er sol tou von bluomen swingen". Sexualität, Erotik und der Herztopos in der Minnelyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450096

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