Das Phänomen der Verdinglichung. Was meint Adorno wenn er den Begriff der "Verdinglichung" benutzt?


Akademische Arbeit, 2014

15 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Verdinglichung?

3 Schlussfolgerung: Vier Forderungen

4 Fazit

1 Einleitung

„Die Menschen werden zu Schauspielern eines Monstre-Documentairefilms herabgesetzt, der keine Zuschauer mehr kennt, weil noch der letzte auf der Leinwand mittun muß.“

— Theodor พ. Adorno, Weit vom Schuß

Der Erste Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise, die faschistischen Dikta­turen in Europa, der Zweite Weltkrieg, die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, die Technik und der Konsum prägten Theodor พ. Adornos Kri­tik. Adorno ist ein wichtiger Denker der kritischen Theorie und ein unverzicht­barer Philosoph, nicht nur weil er Bereiche der Kultur bereicherte, sondern auch weil diese schreckliche Zeit, die Europa verwüstete und in der er leben musste, Gegenstand seiner Philosophie ist.

Im Aphorismus mit dem Namen Weit vom Schuß der Minima Moralia thematisiert Adorno den Zweiten Weltkrieg. Der Krieg werde mit Propaganda vermittelt und somit verdinglicht. Der Gedanke, dass nach dem Krieg das Leben normal weitergehen könnte oder die Kultur wiederaufgebaut werden könnte, sei idiotisch (vgl. Adorno 2012, 61f.). Der Zweite Weltkrieg betrifft den Menschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg so weitermachen zu wollen, als sei nichts gewesen, sei illusorisch.

Adorno ist durch die Begriffe, die er zusammen mit Max Horkheimer ausarbeitete, bekannt geworden. Sie verfassten zusammen die Dialektik der Auf­klärung. Zu gleicher Zeit schrieb Adorno die Aphorismensammlung der Minima Moralia. Diese Aphorismensammlung enthält die zentralen Motive seiner Philo­sophie und biographisch fundierte Betrachtungen zum Wandel der gesellschaft­lichen Strukturen (vgl. Schweppenhäuser 2013, S. 29). Er schrieb die Minima Moralia im Exil in den Vereinigten Staaten, weil er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten entlassen wurde (vgl. ebd., S. 209). Diese philosophische Schrift wurde zum größten Teil in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs ge­schrieben und ich werde mich in meinen Betrachtungen hauptsächlich auf diese philosophische Schrift konzentrieren.

Meine Leitfrage ist die folgende: Was meint Adorno wenn er den Begriff der „Verdinglichung“ benutzt? Ich werde mich auf die Verdinglichung konzen­trieren, dabei werde ich Beispiele der Verdinglichung thematisieren und auch andere Zentralmotive Adornos miteinbeziehen.

Zuerst werde ich den Ursprung des Begriffs schildern. Dann werde ich den Begriff der Verdinglichung in Adornos Minima Moralia darstellen. Nachdem ich den Begriff der Verdinglichung definiert habe, werde ich meine eigenen Ideen präsentieren. Und ich werde zwei Fälle der Verdinglichung unterscheiden mit Hilfe einer Liste von Martha Nussbaum.

Das gewählte Thema ist relevant, weil die Epoche des Kapitalismus heutzutage noch andauert. Und im Kapitalismus zeigt sich das Phänomen der Verdinglichung.

2 Was ist Verdinglichung?

„Verdinglichung bedeutet zunächst, dass im Kapitalismus, der alles in Waren verwandelt, auch soziale Verhältnisse nur als sachliche oder gegenständ­liche wahrgenommen werden, da sie dem Alltagsverstand nur auf dieser Ebene begegnen.“ (Schwandt 2010, S. 101)

Alles wird also zu Dingen. Es geht um Objekte, Trägern von Eigen­schaften, die man gemäß dem Äquivalententausch mittels Geld sich aneignen kann - aber nicht mehr um den Menschen.

Der Begriff „Verdinglichung“ geht zurück auf Karl Marx. Obwohl er den Begriff kaum verwendete, entstammt der Begriff der „Verdinglichung“ der mar- xschen Theorie. Georg Lukács entwickelte in seinem Werk Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats den Begriff weiter. Lukács führte den Begriff der Verdinglichung als eine Erweiterung von Marx’ Analyse des Warenfetisches ein. Marx meint mit „Warenfetisch“ das Phänomen der innigen oder intimen Beziehungen der Hersteller zu den hergestellten Waren, das im Kapitalismus als eine kalkulierbare Eigenschaft erscheint. Dieser Fetisch ist laut Lukács eine universelle Kategorie der Gesellschaft als Ganzes geworden (vgl. Lukács 2015, S. 15).

Lukács meint, dass die Verdinglichung erst im Kapitalismus vorkommt und deswegen der Moderne entsprechen würde. Die Fähigkeiten und Eigenschaf­ten sind Dinge geworden, die man jetzt besitzen oder auch entsorgen könne (vgl. Stahl 2013).

In der kapitalistischen Wirtschaft ist der Warenaustausch zum zentra­len Organisationsprinzip für alle Bereiche der Gesellschaft geworden. Der Wa­renaustausch strukturiert die Gesellschaft. Der Warenfetisch durchdringt alle sozialen Bindungen und Institutionen sowie alle wissenschaftlichen Disziplinen; inklusive der Philosophie.1

Waren, beziehungsweise der Warenfetisch bilden somit die Struktur der kapitalistischen Gesellschaft. Das was Leben sein könnte, sind nur noch für den Äquivalententausch hergestellte Waren. Adorno teilte diese Ansicht, obwohl er Lukács’ Vertrauen nie teilte, dass die revolutionäre Arbeiterklasse die Verdinglichung überwinden würde.

Adorno meint, dass Mittel und Zweck des Verhältnisses von Leben und Produktion vertauscht werden. „Beide sind im bürgerlichen Denken ver­dinglicht“ (Adorno 2012, S. 299), Mittel als Gegebenheiten und Zwecke als Ide­en (vgl. ebd., S. 13). Was eine kritische Theorie der Gesellschaft braucht, ist, zu erklären, warum Hunger und Armut trotz des technologischen und wissen­schaftlichen Potentials fortbestehen, sodass wir diese Formen des menschlichen Leidens verringern oder ganz eliminieren.

Die Ursache liegt darin — sagt Adorno — dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse die Gesellschaft als Ganzes dominieren, was zu Mono­polisierung von Reichtum und Macht führte. Die Gesellschaft organisierte sich um die Herstellung von Tauschwerten herum. Die Herstellung von Tauschwerten ist dabei zum Selbstzweck geworden. Ziel des kapitalistischen Wirtschaftens ist es, möglichst hohe Rendite zu erzielen. Folge dieses Wirtschaftens ist die Aus­beutung der Arbeitskraft und die Konzentration der Macht und des Kapitals bei Wenigen. Adorno bezieht sich auf die Verknüpfung von Produktion und Macht als dem „Tauschprinzip“.

Wir messen jedem Tun und Treiben einen Tauschwert bei, um diesen Wert im Äquivalententausch mit Gewinn zu veräußern. Verdinglichung heißt in anderen Worten die Objektifizierung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Subjekte werden zu Objekten. Das Lebendige wird hypostasiert (S. Adorno 2012, S. 87), das heißt, dass „man das, was bloß in Gedanken existiert [...] in eben­derselben Qualität, als einen wirklichen Gegenstand außerhalb dem denkenden Subjekte annimmt“ (Kant 1998, A 384).

Das Natürliche wird entfremdet. Und, wie Adorno erklärt, nicht nur die kapitalistische Gesellschaft ist verdinglicht, sondern auch das Bewusstsein - weil die Gesellschaftsform verdinglicht und verdinglichend ist, ist es das Bewusstsein auch. Das Schwerwiegende an der ideologischen Verblendung des Bewusstseins ist, dass die Leute nicht nur was die Beschaffenheit der Welt angeht im Dunklen tappen, sondern sogar über ihre eigene Verblendung geblendet sind.

Im folgenden Zitat beschreibt Adorno diese psychologischen Konse­quenzen der Verdinglichung: „Je verdinglichter die Welt, je dichter das Netz, das der Natur übergeworfen wurde, desto mehr beansprucht ideologisch das Denken, das jenes Netz spinnt, seinerseits Natur, Urerfahrung zu sein.“ (Adorno 2003, S. 462)

Ich verstehe das Zitat so: Je tiefer der Mensch in einer verdinglichten Welt verstrickt ist, um so mehr erscheint ihm das verdinglichte Gegenüber als das Natürliche. Ist das Netz dicht genug gewebt, dann kann der Betrachter oder die Betrachterin diese Welt nur noch verblendet sehen.

Das Zitat kann auch anders interpretiert werden: Die Verdinglichung ist wie eine Brille, durch die man die Welt anschaut. Adorno nennt diese Brille eben „Netz“. Er sagt, dass je mehr die Menschen durch dieses Netz die Welt betrachten, desto mehr reduzieren sie die Welt auf eine Ideologie. So denken die naiven Betrachter und Betrachterinnen, dass die Welt nichts anderes ist, als das, was sie durch die Brille sehen. Wenn die Brille zu stark ist beziehungsweise das Netz zu dicht, dann kann man nicht mehr scharf sehen.2 Die Verdingli­chung ist dabei die Brille des Konsumismus. Die Brille des Konsumismus ist die Voraussetzung für den Konsumismus.

Ich verstehe den Begriff des „Konsumismus“ wie folgt. Der Konsumis-

[...]


1 Sogar die Philosophie sei verdinglicht. Wo Philosophen und Philosophinnen Sophisten und Sophistinnen geworden sind, weil sie ihr Wissen für Geld anbieten.

2 Es gibt übrigens auch andere Brillen, wie die religiöse Brille, die künstlerische Brille oder die erotische Brille. Wenn Menschen überall die Schöpfung Gottes sehen, verabsolutieren sie damit auch nur eine Form die Welt anzuschauen. Aber es gibt andere Perspektiven. Am besten ist es nicht eine verarmte Perspektive zu haben, sondern eine Utopie, weil eine Utopie immer auf etwas anderes besseres abzielt.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Phänomen der Verdinglichung. Was meint Adorno wenn er den Begriff der "Verdinglichung" benutzt?
Hochschule
Universität Stuttgart
Veranstaltung
Adorno und die Moralphilosophie
Note
2
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V450142
ISBN (eBook)
9783668839564
ISBN (Buch)
9783668839571
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar: "The paper deals with reification/objectification (Verdinglichung) and the fetishism of commodities. The paper engages critical theory but also relates these ideas from continental philosophy with work from the analytic tradition. In an original move, she finds common ground with the theme of Verdinglichung and Martha Nussbaum work on the objectification of women. The treatment of these topics is compelling, and Berthoud is able to make philosophical progress while also keeping the political import of this work in clear focus."
Schlagworte
Verdinglichung, Adorno, Minima Moralia, Martha Nussbaum, Kapitalismus, Lukács, Marx, Kritische Theorie
Arbeit zitieren
Valery Berthoud (Autor), 2014, Das Phänomen der Verdinglichung. Was meint Adorno wenn er den Begriff der "Verdinglichung" benutzt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450142

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