Böll "Ansichten eines Clowns" - Kritik am deutschen Katholizismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

59 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

INHALT

A. EINLEITUNG

B. Dichtung und Wirklichkeit bei Heinrich Böll

C. TEXTANALYSE
I. Durch die „Brille des Clowns“
1. Struktur und Aufbau
2. epischer Ort der Handlung
II. Die Figur des Clowns als Medium der Kritik
1. Außenseiter
2. Künstler
3. Kritiker
III. Die Kritik steckt im Detail
1. Staats- und Gesellschaftskritik
2. Kritik am deutschen Katholizismus
a) Der Clown als neuzeitlicher Theseus im »katholischen Labyrinth«
b) Priesterausbildung
c) Arriviertes Milieu
d) Verbindung von Klerus und wirtschaftlicher Macht
e) Verknüpfung mit der Politik
g) Liebe zwischen Moral und »Ordnungsprinzipien«
IV. Die humane Gemeinschaft

D. SCHLUSSBETRACHTUNG

Literaturverzeichnis

A. EINLEITUNG

ekelhafte Katholiken[1]

Es ist grauenhaft, was in den Köpfen von Katholiken vor sich geht (S. 46).

Katholiken machen mich nervös, weil sie unfair sind (S. 115).

Diese Zeilen, denen beinahe kindlicher Trotz anhaftet, entstammen einem Buch, welches 1963 publiziert und zu seiner Zeit eine sehr kontroverse Rezeption auslöste: der Roman mit dem unscheinbaren Titel » Ansichten eines Clowns «; der Inhalt: eine „der intensivsten Liebesgeschichten“[2]. Gleichwohl wurde dieses Buch seinerzeit nicht als ganz so »harmlos« aufgenommen und es setzte eine lebhafte und scharfe Auseinandersetzung um das neue Werk Heinrich Bölls ein. Hier hatte der „Poet und Täter“ Böll einen Stein ins „dunkle, unbewegte Wasser der westdeutschen Restaurationsgesellschaft“[3] geworfen, der nicht nur Kreise warf, „sondern, allen physikalischen Gesetzen entgegen, auch Wellen [schlug] – wobei plötzlich der ganze stille Teig in Aufruhr“[4] geriet.

Der Roman erzählt die Geschichte von Hans Schnier, dem Sohn eines reichen rheinischen Braunkohleaktionärs, dessen katholische Freundin ihn verlassen hat, um einen katholischen Verbandsfunktionär zu heiraten. „»ich bin vollkommen ruiniert, beruflich, seelisch, körperlich, finanziell«“ (S. 254) – allein, verletzt, mittellos und ohne ein berufliches Engagement kehrt er zurück in seine Heimatstadt Bonn und versucht in dieser desperaten Situation, von seiner Wohnung aus per Telefon Kontakt zu seiner Familie, zu Freunden und Bekannten aufzunehmen, um Hilfe zu erbitten und etwas über den Aufenthalt seiner ehemaligen Gefährtin zu erfahren. Er endet schließlich als weiß geschminkter, bettelnder und rebellische Texte singender Straßenmusikant auf den Bonner Bahnhofstreppen inmitten des Karnevaltreibens.

Die Debatte um diesen Roman schien die zeitgenössischen Literaturkritik in zwei Lager zu spalten.[5] Einerseits warf man Heinrich Böll vor, dass seine Sozialkritik sich totgelaufen habe und der Roman in „Ressentiments“ versacke.[6] Marcel Reich-Ranicki bezeichnete ihn als das „Dokument einer schriftstellerischen Krise“[7], als „ein furchtbar enttäuschendes und lesenswertes Buch“[8] und andere konstatierten, dass „Heinrich Böll mit diesem Buch etwas sehr Seltenes gelungen sei: nämlich über den eigenen Schatten zu springen.“[9]

Um bei Bölls Bild zu bleiben: nicht nur die Literaturkritiker und Feuilletonisten schwammen im »Teig«, der im Jahre 1963 schon nicht mehr ganz so ruhig sein sollte. Bereits Hochhuths » Stellvertreter «[10], in dem er einen Papst im Zusammenhang mit dem Dritten Reich auf die „Anklagebank“ setzt, wie auch Carl Amerys » Kapitulation «[11], in der dieser die Strukturen des katholischen »Milieus« kritisiert, lösten heftige Debatten aus.[12] Die Wogen um Heinrich Böll und seinen Roman waren jedoch weitaus ungestümer. Vor allem die katholische Kirche befand sich in „Aufruhr“, die mit offiziellen Protesten und der Veranstaltung öffentlicher Diskussionen reagierte[13] ; die von der Kanzel aus, die Bischofskonferenz mit einem Hirtenbrief[14], Publikationsorgane katholischer Verbände mit einer polemischen Kampagne und einem offenen Brief gegen Böll zu Felde zog.[15] Heinrich Böll selbst bezeichnete 1985 rückblickend im Nachwort zu seinem Roman diese Zeiten, in denen die » Ansichten eines Clowns « in einigen „katholisch definierten Buchhandlungen“ nur „»unter dem Ladentisch« zu kaufen“ waren, als „verrückte Zeiten“[16]. Und er sollte Recht behalten, wenn er schreibt, es „klingt verrückt“ – vor allem für den Leser im 21. Jahrhundert. Was war es, das die katholischen[17] Gemüter 1963 so aufbrachte?

In der Kritik wurde Heinrich Böll oft als Person angegriffen, unter anderem weil man ihn - selbst Katholik[18] - gern als »katholischen« oder »christlichen Schriftsteller« sehen wollte, obwohl er diese einseitige Festlegung seines literarischen Wirkens stets ablehnte.[19] Das Verhältnis Heinrich Böll zu Religion, Christentum und Kirche ist sehr differenziert und nicht leicht zu beurteilen. Deshalb erstaunt es nicht, dass dieses Thema eines der häufig diskutierten Themen darstellt, da es sowohl mit dem Gesamtwerk als auch mit dem Leben des Autors verbunden ist. In dieser Debatte muss man differenzieren zwischen Bölls persönlichen Mitteilungen in Essays, Interviews und Gesprächen und den Äußerungen seiner fiktiven Figuren und Erzähler der konstruierten Erzählungs- und Romanwelten. Auch ist „zwischen dem Bereich des Religiösen bei ihm und seinen verschiedenen Haltungen zu Christentum und seinen Ausprägungen: christlich, katholisch, katholischer Kirche, Katholizismus, Verbandskatholizismus u.ä.“[20] zu unterscheiden.[21]

Das Themenfeld Religion, Christentum und Katholizismus ist in den » Ansichten « so offensichtlich, dass Hengst den Roman als „Höhe- und Kristallisationspunkt aller Zusammenhänge, in die Böll vorher schon das Phänomen Katholizismus stellte“[22], beurteilt. Auch die vorliegende Arbeit hat diesen Topos, wobei sie die Aussage des Textes nicht allein auf das Thema Katholizismus reduziert wissen will. Die Kritik an offiziellen Vertretern der katholischen Kirche und die Zeichnung eines bestimmten katholischen »Milieus«[23] wird als ein Aspekt aufgezeigt, der wiederum eng mit Bölls Gesellschaftskritik verbunden ist.

Böll selbst konstatiert: „In meinem Buch ist viel versteckt von der Geschichte der Bundesrepublik, die, als ich anfing, es zu schreiben, zwölf, als es erschien, vierzehn Jahre alt war.“[24] Dennoch soll der Roman nicht danach beurteilt werden, wie nah er seinerzeit dem heutigen politologischen bzw. historischen Forschungsstand kam, denn wie einerseits bereits der Titel signalisiert sind die »Wahrheiten« und »Weisheiten« subjektive Meinungen eines Berufskomikers und es sollen keine objektiven Wahrheiten verhandelt werden und andererseits sah Böll selbst sich nicht als Realisten im Sinne eines reinen Abbildens der Wirklichkeit. Daher ist der Textanalyse ein Exkurs vorangestellt, der Bölls Verständnis von Realität und Dichtung knapp illustriert.

Die Textanalyse beginnt mit dem Aufbau und der Struktur des Romans unter den Gesichtspunkten Ort, Zeit und Erzählweise als notwendige Grundlage der weiteren Überlegungen. Bereits die Stadt Bonn als Handlungsort des Romans weist auf zeitgeschichtliche Bezüge hin. Dennoch ist bei der Beurteilung der im Text enthaltenen Aussagen die mit Hilfe der Erzählperspektive intendierte Subjektivität zu berücksichtigen. Demzufolge ist die Zeichnung des Erzählers und somit die Entscheidung für die Kunstfigur des »Clowns« und die Besonderheit seiner Rolle zu betrachten.

Nach diesen Präliminarien wird die anschließende Ausführung versuchen, das entworfene Bild des deutschen Katholizismus, d.h. die illustrierten Zusammenhänge und Abhängigkeiten systematisch anhand entsprechender Beispiele darzustellen. Dass dem offiziellen Katholizismus keine panegyrischen Gesänge gewidmet werden, ist offensichtlich, doch bleibt die Frage wo beginnt und endet die Kritik an Kirche und Glauben. Sollte Böll gar der Apologet des ‚einfachen’ Katholiken sein? Das Augenmerk liegt daher nicht auf der Beantwortung theologischer Fragen, sondern auf der Charakterisierung eines gezeichneten »deutschen Katholizismus« und seines katholischen »Milieus« im Roman. Um die wichtigsten Elemente der Kritik herauszuarbeiten, wird vornehmlich der Text selbst Grundlage der Analyse sein.

„wie Verbandsdenken sich anmaßt, im Namen ganzer Bevölkerungsgruppen zu sprechen, zu urteilen. […] um die […] Frage, wie repräsentativ katholische Verbände, Organisationen und ihre publizistischen Organe für die immerhin erhebliche statistische Masse von ungefähr 26 Millionen deutsche Katholiken sind. Wer spricht da in wessen Namen, wer ist der Wortführer für wen?“ (Böll Nachwort 1985)

Der deutsche Katholizismus, wie er hier verstanden wird, existiert in Gremien, Komitees, auf Konferenzen. Es gibt nicht die Einheit: deutsche Katholiken – deutscher Katholizismus (H.B. im Nachwort zu Amery S. 124)

B. Dichtung und Wirklichkeit bei Heinrich Böll

Heinrich Böll wurde unter anderem vorgeworfen, dass die Welt, an der Hans Schnier leidet „nicht wirklich“ sei und er diese für seine Hauptfigur als „Potemkinsches Dorf“ aufgebaut habe. Böll schildere in den »Ansichten« eine „subjektive Wirklichkeit“[25], die weder der Realität entspräche noch die gesellschafts-politische Situation der Bundesrepublik porträtiere.

Da dennoch ganz offensichtlich Elemente der Wirklichkeit[26] enthalten sind, ist Bölls Verhältnis zu Realität und Realismus genauer, aber dennoch im Rahmen dieser Arbeit sehr komprimiert, zu betrachten.

Heinrich Böll betonte, dass er nicht für irgendeine Ewigkeit schreibe, sondern in der Gegenwart und für sie, in der Zeitgenossenschaft.[27] Daher findet sein literarisches Schaffen häufig seinen Ausgangspunkt in zeitgeschichtlichen Ereignissen, Entwicklungen und Strukturen. Dennoch ist ihm die Wirklichkeit nur Stoff, nur Material und es geht ihm nicht um eine bloße Abbildung dieser.

Ich glaube an die >geschaffene Wirklichkeit<. Was andere als realistisch empfinden mögen, das ist für mich >geschaffene Wirklichkeit<, natürlich aus den Elementen der mir begegneten Wirklichkeit. Das ist keine ausgewählte Wirklichkeit […]. Es ist eher […] wie ein Wahlfisch, der soviel Wasser sieben muß durch sein Riesenmaul, um dann sein bißchen Plankton zu bekommen. Verwandelte Realität, ja, in dem Sinne wäre ich Realist, ohne jede Einschränkung.[28]

Einige Missverständnisse zwischen ihm und seinen Kritikern rührten daher, dass viele ihn als einen epischen Chronisten bundesrepublikanischer Wirklichkeit verstanden[29], obgleich er sich immer gegen das ihm angehaftete Realismus-Etikett gewehrt hat: „ich weiß bis heute nicht, was Realismus ist. Im Grunde ist alles realistisch; denn indem es da ist, ist es wirklich“[30] ; und dennoch: „Die Wirklichkeit wird uns nie geschenkt, sie erfordert unsere aktive, nicht passive Aufmerksamkeit. Geliefert werden uns Schlüssel, Ziffern, ein Code“.[31] Zugleich enthält dieser zitierte Aufsatz aus dem Jahre 1953 die Formel: „Das Wirkliche ist phantastisch – aber man muß wissen, daß unsere menschliche Phantasie sich immer innerhalb des Wirklichen bewegt.“[32] Für Heinrich Böll existiert kein Gegensatz zwischen Wirklichkeit und Phantasie, von Realität und Fiktion.

Ich muß gestehen, daß ich den Unterschied zwischen »fiction« und »nonfiction« auch nie kapiert habe. Gerade das nonfiction […] kommt mir immer sehr fiktiv vor, während ich fiction im klassischen Sinne für eine respektable und ehrliche und auch künstlerische Wirklichkeit halte.[33]

Wirklichkeit und Fiktion stehen für Heinrich Böll in einem komplizierteren Verhältnis zueinander als es der vereinfachende Antagonismus von »Realismus - Phantasie« darzustellen vermag.[34]

Demgemäß wird die Problematik von >Wirklichkeit<, >Realität<, >Wahrheit< und >Phantasie< im Roman selbst wiederholt thematisiert – z.B. in der Kindheitsepisode vom durchgesägten oder nicht durchgesägten Holzpfahl[35] oder die Episode des Hundes, der sogar von links kommend sein Geschäft am CDU Wahlplakat erledigt. Ebenso bringt eine Metapher, die die literarische Figur Hans Schnier bezüglich seiner künstlerischen Arbeitsweise äußert, Heinrich Bölls Verständnis von Realität und Dichtung zum Ausdruck: „Am besten gelingt mir die Darstellung alltäglicher Absurditäten: ich beobachte, addiere diese Beobachtungen, potenziere sie und ziehe aus ihnen die Wurzel, aber mit einem anderen Faktor als mit dem ich sie potenziert habe“ (S. 123).

Die Realität ist also versteckt hinter den Wirklichkeitspartikeln, die der geschaffene Text enthält. Mit anderen Worten: die fiktionale Romanwelt enthält nicht nur nonfiktionale Wirklichkeit, sondern ist gekennzeichnet vom Vorgang dichterischer Wirklichkeitserfassung, was keinem exakt nachvollziehbares ‚technisches’ Verfahren gleicht. Denn ein Autor kann niemals nach naturalistischem Prinzip die Wahrheit abbilden. Fortwährend muss er auswählen, dirigieren, hervorheben, weglassen, komponieren. Sobald er aber arrangiert, benutzt er das Aktuelle, die »sogenannte Wirklichkeit«, um das Wirkliche darzustellen.[36] »Das Wirkliche liegt immer ein wenig weiter als das Aktuelle: um einen fliegenden Vogel zu treffen, muß man vor ihn schießen«“.[37]

Der Roman » Ansichten eines Clowns « erhebt nicht den Anspruch, als bloßes Portrait der bundesrepublikanischen Wirklichkeit Anfang der 1960er verstanden zu werden, ebenso wird auch keine reine »subjektive Wirklichkeit« geschildert. Er enthält eine »geschaffene Wirklichkeit« aus den Elementen der Heinrich Böll begegneten »sogenannten« Wirklichkeit.[38]

Aus dem Aktuellen das Wirkliche zu erkennen, dazu müssen wir unsere Vorstellungskraft in Bewegung setzen, eine Kraft, die uns befähigt, uns ein Bild zu machen. Das Aktuelle ist der Schlüssel zum Wirklichen. Jene, die das Aktuelle für das Wirkliche halten, sind oft sehr weit davon entfernt, das Wirkliche zu erkennen.[39]

So bleibt die Frage offen, ob Bölls Augenblicke sammelnde Hauptfigur vor den Vogel zielt und die sich immer in Bewegung befindende (Roman-)Wirklichkeit erkennt.[40]

Zusammenfassend bleibt hier vorerst zu bemerken, dass Heinrich Böll sowohl als Dichter als auch als Zeitgenosse ein aufmerksamer Beobachter der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung war. Er war weder >Realist< noch >Phantast< und in seinen Frankfurter Vorlesungen im Jahre 1964, die partiell als poethologische Auseinandersetzung und als Reaktion auf die Debatte zum Roman verstanden werden können, veranschaulicht er ausführlich seinen Standpunkt zur Literatur- und Wirklichkeitsdebatte:

Was politisch oder sozialkritisch an der zeitgenössischen Literatur sein mag, ergibt sich aus dem jeweils vorkommenden Material. Ein Autor sucht Ausdruck, er sucht Stil, und da er mit dem schwierigen Geschäft zu tun hat, die Moral des Ausdrucks, des Stils, der Form mit der Moral des Mitgeteilten übereinzubringen, werden Politik und Gesellschaft, ihr Wortschatz, ihre Riten, Mythen, Gebräuche zum vorkommenden, vorhandenen Material. Wenn sich Politiker und die Gesellschaft gekränkt oder bedroht fühlen, so erkennen sie nicht, daß es dabei immer um mehr als um sie geht. […] Ein Autor nimmt nicht die Wirklichkeit, er hat sie, schafft sie, und die komplizierte Dämonie auch eines vergleichsweise realistischen Romans besteht darin, daß es ganz und gar unwichtig ist, was an Wirklichem in ihn hineingeraten, in ihm verarbeitet, zusammengesetzt, verwandelt sein mag. Wichtig ist, was aus ihm an geschaffener Wirklichkeit herauskommt und wirksam wird. Daß selbst in weniger subtilen Formen der Literatur, in allem Geschriebenen, in jeder Reportage Verwandlung stattfindet (Transposition), Zusammensetzung (Komposition), daß ausgelassen, weggelassen, lange »Ausdruck« gesucht wird, diese Binsenwahrheit müßte allmählich bekannt sein.[41]

C. TEXTANALYSE

Basierend auf den Ergebnissen des vorangegangenen Kapitels nähert sich nun die Textanalyse dem Gegenstand über die Struktur und den Aufbau des Romans. Diese stilistischen Elemente geben nicht nur Aufschluss über die epische Komposition des Textes, sondern ebenfalls über die Art und Weise, mit der Böll die Romanwirklichkeit konstruiert hat und somit den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Erzählung und seine Kritik implementiert.

I. Durch die „Brille des Clowns“

1. Struktur und Aufbau

Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke (S. 294)[42]

Bemerkenswert sind bereits die äußeren, kompositorischen Merkmale des Romans, die jene »Augenblicksmotivik«[43], die das Augenblicke sammelnde Erzähler-Ich selbst benennt, schon im Aufbau konkretisieren. Die Geschichte ist in einen sehr engen, kurzen Zeitraum des äußeren Handlungsablaufes eingespannt. Der äußere Zeitablauf ist hier so stark auf etwa vier Stunden komprimiert, dass die Erzählzeit nahezu identisch ist mit der im engeren Sinne erzählten Zeit. Ein geübter Leser kann das Buch in drei bis vier Stunden lesen und erreicht damit nahezu die gleiche Zeitdauer, in der das Buch äußerlich spielt. Bereits die Romangegenwart stellt lediglich einen Augenblick dar, einen kurzen Zeitabschnitt aus dem Leben der Hauptfigur, der kreisförmig gestaltet mit der Ankunft am Bahnhof beginnt und dieses mal nicht mit der Abfahrt, sondern dem Finale auf den Treppen des selben Bahnhofs schließt. In dieser Zeit nimmt der Protagonist in seiner Bonner Wohnung ein Bad, etwas Nahrung zu sich, führt eine Reihe von Telefongesprächen und empfängt seinen Vater als einzigen unmittelbaren Kontakt.

Die Kürze der eigentlichen Romangegenwart wird durch präzise Zeitangaben begrenzt: „Es war dunkel“ (S. 11) als der Protagonist ankam und es war „noch nicht halb zehn“ (S. 301) als er in den Aufzug des Hauses stieg und sich auf den Weg zum Bahnhof macht. Wiederholt wird auf die fortschreitende Zeit hingewiesen: „Acht Uhr am Abend“ war „eine zu anständige Zeit“ (S. 129), um ein Telefontat mit einem Prälaten zu führen, um „fast halb neun“ (S. 235) verweilte nach eigenen Angaben die Hauptfigur „schon zu lange in Bonn, fast zwei Stunden“ (S. 266) und sein Bruder Leo konstatiert: „»Es ist ja schon viertel vor neun«“ (S. 289). Diese Stunden schildern die erlebte Gegenwart des Protagonisten und spielen vorwiegend in seiner Bonner Wohnung.

Damit ist das Bauprinzip des Romans, dessen Handlung aus einem einzigen epischen Monolog besteht, jedoch noch nicht erschöpft. Der Bericht über den Verlauf des Abends wird durch eine Fülle von Einblendungen erinnerter Vergangenheit ergänzt, die sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht und immer wieder durch Assoziationen, Überlegungen, Bruchstücke des eigenen Gedächtnisses entstehen. Initial für Rückblicke und Reflexionen ist dem Erzähler häufig die Reihe von Telefonaten, die er mit den unterschiedlichsten Personen führt. Diese Bandbreite der Erinnerungen reicht zurück in die Zeit mit Marie bis hinein in seine Kindheit und gewährt einen Einblick in seine Gedankenwelt. Mit den Erinnerungen werden Personen eingeführt, die mit dem Leben des Protagonisten verbunden sind. Man lernt seine Familie, seine Geschwister und seine Geliebte Marie Derkum kennen. Die erinnerte Vergangenheit Schniers, die mit Einführung weiterer Personen einhergeht, reicht bis in das Jahr 1945 zurück – die letzten Tage des Krieges. Dadurch entsteht ein Beziehungsgeflecht vielfach ineinander geschachtelter Zeitebenen, welche das gegenwärtige Verhalten in kausalen Zusammenhang mit einstigen Erlebnissen und Erfahrungen setzen. Es sind Erinnerungen an Einzelheiten, die nicht nur für die Familie Schnier charakteristisch sind, sondern auch für die Geschichte der Bundesrepublik.[44] Womit die Geschichte nicht „privatisiert“ sondern „konkretisiert“ wird, „aus der abgehobenen Sphäre allgemeiner Prinzipien auf die nachvollziehbaren »Details«“.[45] Es werden unter anderem die Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs thematisiert, die mit der Nichtaufarbeitung der Kriegsgeschehnisse und einer Kontinuität sowohl in personellen als auch in ideologischen Bereichen verbunden sind.[46] Ausdrücklich missbilligt der Ich-Erzähler die all zu eilfertige Anerkennung von kollektiven Schuldbekenntnissen durch die Emigranten:

Sie begriffen nicht, daß das Geheimnis des Schreckens im Detail liegt. Große Sachen zu bereuen ist ja kinderleicht: Politische Irrtümer, Ehebruch, Mord, Antisemitismus – aber wer verzeiht einem, wer versteht die Details. […] Ich habe zuviel Augenblicke im Kopf, zuviel Details, Winzigkeiten (S. 227).

An jene »Details« wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers erinnert, der identisch ist mit der Hauptfigur Hans Schnier. Die Erzählperspektive wird im Roman weder durchbrochen noch ergänzt.[47] Sie wird konsequent beibehalten und bestätigt somit die bereits durch den Titel signalisierte subjektive Perspektive.[48] Die Romanwirklichkeit wird dem Leser allein durch den Filter der Ansichten und „Sehweisen“[49] Hans Schniers vermittelt, dabei wählt er aus, was er von seiner Position aus für berichtenswert hält. Auf den ersten Blick erweckt dies den Eindruck wahlloser Aufreihung von Einzelepisoden, doch ergibt sich eine Zusammenstellung von »Augenblicken«, „Kristallisationspunkten gelebten Lebens also, Momente, herausgeschnitten aus der fliehenden Zeit“[50], „deren epischer Zusammenhang hergestellt wird durch den Erzähler und durch die Zeitsprünge, die die Chronologie des Erzählflusses unterbrechen.“[51] Form und Gehalt des Romans stehen somit in Überseinstimmung und finden eine innere Entsprechung in der Antwort Hans Schniers: „Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke.“ (294).[52]

2. epischer Ort der Handlung

Der Gebrauch einer Vielzahl von temporären Sequenzen findet in dem Einsatz der epischen Handlungsorte kein quantitatives Adäquat. Zu Beginn trifft der Erzähler in einer kleinen rheinischen Universitätsstadt ein, die für ihn eine Art zu Hause darstellt. Die Stadt Bonn ist der Ort der Handlung, die fast ausschließlich hier spielt. Der Erzähler beobachtet die Veränderung der Stadt, die einst eine ruhige, liebreizende Stadt war und manifestiert in seinen Äußerungen die Symbolik des Handlungsortes.

Der Ankunftsbahnhof ist nicht zerstört und trägt keine verbleibenden Spuren des Krieges und kennzeichnet somit den Zeitraum nicht als Kriegs- sondern als Nachkriegszeit. Bonn wird umschrieben als ein Ort, der „vorher wirklich nicht so übel [war] mit seinen vielen engen Gassen, Buchhandlungen, Burschenschaften, kleinen Bäckereien mit einem Hinterzimmer, wo man Kaffee trinken konnte“ (S. 83). Mit der Zeitangabe „vorher“ ist die Zeit vor 1949 gemeint, bevor Bonn unter entschiedener Mitwirkung des designierten Bundeskanzlers Konrad Adenauer zur Bundeshauptstadt wurde. Wenn der Erzähler befindet, dass diese Stadt „immer gewisse Reize gehabt [hat], schläfrige Reize […] Bonn verträgt natürlich keine Übertreibungen, und man hat diese Stadt übertrieben […] das Bonner Klima [ist] ein Rentnerklima“ (S. 83), deutet dies bereits auf eine „Disproportionalität […] zwischen Größe und Anspruch, Provinzialität und Sucht nach weltweitem Einfluß, katholischer Kräwinkelei und nationaler Repräsentanz“[53] hin. Es ist ein wenig »Plankton«, womit der Hintergrund der fiktionalen Romanwirklichkeit konstruiert wurde und Bonn bewusst als Handlungsort fungiert. Bonn stellt die Hauptstadt des Wirtschaftswunderlandes dar und symbolisiert die Politik eines Kanzlers und seiner christdemokratischen Partei. Die politisch-gesellschaftliche Atmosphäre einer Periode, die als »Restauration«[54] bezeichnet wurde, wird hier als »geschaffene Wirklichkeit« wirksam.

So berichtet der Ich-Erzähler ausführlich über ein Milieu, mit dem er in den letzten Jahren bekannt wurde: die bürgerlich-katholische, vornehmlich intellektuelle Gesellschaft in Bonn zu einer Zeit, welche die ersten Nachkriegsjahre der Entbehrungen erfolgreich überwunden hatte und der politisch-deutsche Katholizismus unterdessen eine beachtliche Macht darstellte.[55]

Zusammenfassend kann hier festgehalten werden, dass durch den Aufbau des Romans und die Bestimmung des Ortes ein Zeitraum von 1945 bis 1962 umfasst wird, der aus der Perspektive eines Ich-Erzählers – auf der Grundlage seiner subjektiven Realitätserfahrungen - die bundesrepublikanische Gesellschaft anhand von persönlichen Erlebnissen und Ansichten illustriert.[56]

Diese Illustration ist, wie bereits ausgeführt, Ergebnis einer „subjektivistischen Perspektive“[57] der Ich-Erzählung, kein reines Abbilden der zeitgeschichtlichen bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Daher bedarf es einer anschließenden näheren Betrachtung des Erzählers, um anschließend den Gehalt der inhärenten Kritik zu analysieren.

II. Die Figur des Clowns als Medium der Kritik

Wie wird die Hauptfigur Hans Schnier gezeichnet? Schnier selbst ist Außenseiter: abfällig von Familie, Kirche, Staat und Gesellschaft. Sein Außenseitertum liegt zum einen begründet in seiner individuellen Charakterisierung, die zum anderen wiederum durch die Rolle des »Clowns« determiniert wird. Zusätzlich evoziert die erzählerische Subjektivität eine individuelle Sehweise, die ebenfalls bestimmt wird durch die Figur des »Clowns« und der Besonderheit seiner Rolle. Unter diesem Blickwinkel lässt sich anschließend die Erzählerfigur näher betrachten.

1. Außenseiter

Ich kam mir wie ein Ausgestoßener, vollkommen überflüssig vor. (S. 236)

Hans Schnier, siebenundzwanzig Jahre alt, gehört nicht mehr der Generation an, die an die Kriegsfront geschickt wurden. Dennoch berichtet er von für ihn einschneidenden Erlebnissen, durch die er sich und seine Umwelt charakterisiert. Er selbst stellt sich vor mit den Worten „Ich bin ein Clown, offizielle Berufsbezeichnung: Komiker, keiner Kirche steuerpflichtig, siebenundzwanzig Jahre alt und einer meiner Nummern heißt: Ankunft und Abfahrt“ (S. 12). Er betrachtet das Clown-Dasein als Beruf und lehnt die „offizielle Berufsbezeichnung: Komiker“ ab, da man unter dieser Rubrik von und in die Gesellschaft integriert werden kann. Er verlässt die Schule ohne höheren Abschluss, da er es für einen „Irrtum“ hielt, ihn „länger als gesetzlich vorgeschrieben auf die Schule zu schicken“ (S. 48). Schnier hielt eine Abschiedsrede „Über die irrige Annahme, daß das Abitur ein Bestandteil der ewigen Seeligkeit sei“ (S. 50). Weil im modernen Bildungssystem die Menschen der Erziehungsanstalt ausgeliefert wären, glaubt Schnier, dass Bildung ihm als Clown und Künstler schaden würde. Sie behindere die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit und seines Charakters.[58] Nach seiner Überzeugung wird die Beurteilung eines Menschen nach seinem Bildungsgrad, der sich in Form eines Titels oder eines höheren Bildungsweges ausdrückt, behandelt wie eine „Rassenfrage: Abiturienten, Nichtabiturienten, Lehrer, Studienräte, Akademiker, Nichtakademiker, lauter Rassen“ (S. 48).[59] Er entlarvt die Doktortitel seines Vaters und Kinkels; zugehörig dem Kreis intellektueller Katholiken; als einen „Dr. h. c.“ und will somit die Statussymbolik bloßer akademischer Titel anprangern. Liegt hier lediglich ein rebellisches Verhalten gegen bloße Nomination als Siegel der Autorität oder eine allgemeine Bildungsfeindlichkeit vor? Der Leser könnte skeptisch werden, wenn der Erzähler Schnier seine Lektüre und seine Freizeitgestaltung schildert. Lassen doch anspruchslose Abendzeitschriften, Kinderfilme und Mensch-ärgere-Dich-nicht-spielen auf Letzteres schließen.[60]

[...]


[1] Böll, Heinrich: Ansichten eines Clowns, Köln Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1963, S. 18. Zitate werden nach dieser Ausgabe mit Seitenangaben künftig im Text belegt.

[2] Die vom Verleger Josef C. Witsch verfasst Vorinformation für die Buchhändler, die als Klappentext der Buchausgabe wieder aufgenommen wurde, bezeichnet das Werk als eine der „intensivsten Liebesgeschichten der neueren deutschen Literatur“. Vgl. Balzer: Literarische Werk, 1997, S. 258.

[3] Götze: Ansichten, S. 7.

[4] Böll, Heinrich: Frankfurter Vorlesung. In: Böll: Essays II, S.52.

[5] Eine endgültige Beurteilung erwies sich als so schwierig, dass einige Zeitungen wie „Die Zeit“ und die „Süddeutsche Zeitung“ sich zum Forum der Kontroverse öffneten und einigen anerkannten Literaturkritikern die Möglichkeit zur Meinungsäußerung gaben. So formulierte Rudolf W. Leonhardt: „An Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns scheiden sich die deutschen Geister anno 1963.“ - In: Die Zeit, Hamburg 21. Juni 1963, S. 11.

[6] Vgl. Ross, Werner: Katholizismus als rotes Tuch. - In: Die Zeit, 31.05.1963.

[7] Reich-Ranicki: Mehr als ein Dichter, S. 38-39. und In: Die Zeit, 10.5.1963.

[8] Reich-Ranicki: Mehr als ein Dichter, S. 41.

[9] Der »Clown« wurde von einigen Kritikern als Wende in Bölls Schaffen bezeichnet. So ließ sich sogar Günter Blöcker – dem bzgl. Böll „pure[r], dogmatische[r] Starrsinn“ nachgesagt wurde –zu einem wohlwollenden - keinem euphorisch bejahenden – Urteil hinreißen. „Anders als dem melancholischen Protagonisten des Romans, gelingt es ihm [Böll, C.K.] das Menschliche wiederzugeben, »ohne furchtbaren Kitsch zu produzieren«.“ Blöcker: Literatur als Teilhabe, S. 23.

Karl-Heinz Götze weist darauf hin, dass eine Unterscheidung zwischen zeitgenössischer Literaturkritik und Forschung in der Auseinandersetzung mit diesem Roman kaum möglich sei, und skizziert prägnante Positionen innerhalb der Forschung. Vgl. Götze: Ansichten, S. 45-49.

[10] Hochhuth, Rolf: Der Stellvertreter. Hamburg: Rowohlt 2001, 24. Auflage.

[11] Amery, Carl: Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute. Mit einem Nachwort von Heinrich Böll. Hamburg: Rowohlt 1963.

[12] Heinrich Böll äußert dazu in seinem Nachwort zum Roman 1985: „Zugegeben: das Jahr 1963 war für die Demonstrativ-C-isten ein hartes Jahr.“

[13] Bereits auf den Vorabdruck in der Süddeutschen Zeitung reagierte die »Katholische Aktion« mit einem offiziellen Protest, der sich anfangs lediglich auf die Form der Veröffentlichung bezog. Vgl. SZ 17.05.1963.

[14] Die deutsche Bischofskonferenz publizierte am 22.09.1963 jenen Hirtenbrief, der sich gegen schriftstellerische Kritik im allgemeinen und Böll im besonderen richtete. Vgl. Balzer: Literarische Werk, 1997, S. 260.

[15] Vgl. Balzer: Grundlagen und Gedanken, 1988, S. 5-6. Vgl. Brief von Msgr. Erich Klausener - In: Böll: Essays Bd. I, S. 613-623.

[16] Böll, Heinrich: » Ansichten eines Clowns «. München: dtv 2003, 49. Auflage, S. 279.

[17] Angemerkt werden sollte hier dennoch, dass nicht nur die katholischen, sondern ebenfalls die besseren Kreise aufgebracht waren.

[18] Selbst nach seinem Austritt aus der Kirche aufgrund des Konfliktpunktes hinsichtlich der Kirchensteuer betonte Böll immer wieder: „dass er damit keinen Bruch mit seinem Glauben, seiner Religiosität und mit der mystisch spirituellen Einheit der Gläubigen vollzog, […]: Er sei aus der Körperschaft der Kirche ausgetreten, nicht aber aus dem Corpus, den schon der heilige Paulus als den fortlebenden mystischen Leib Christi bezeichnet hatte. In diesem mystischen Sinne fühlte sich Böll weiterhin der Kirche zugehörig.“ Sowinski: Heinrich Böll, S. 138.

[19] Vgl. Vormweg: Der andere Deutsche, S. 190.

[20] Sowinski: Heinrich Böll, S. 134.

[21] Vgl. Ebd., S. 134-138. Weitere Literaturangaben zum Thema können hier nur exemplarisch ohne Anspruch auf Vollständigkeit angeführt werden. Vgl. Schwikart: Ein Heiliger gegen den Strich, S. 59-61, Kuschel: Liebe-Ehe-Sakrament; Harpprecht: Katholische Landschaft; Gellner, Christoph: Poet in der Nähe zu Jesus: Heinrich Böll und die Bibel.

[22] Hengst, Diagonale zwischen Gesetz und Barmherzigkeit, S. 107. Hengst zeichnet den sich verändernden Stellenwert des Katholischen in Bölls Romanen nach und betrachtet diese Veränderung im Hinblick auf den »Fortschreibungsprozess«. Unter Bölls Begriff der »Fortschreibung« hat man „die von Werk zu Werk neue Aktualisierung eines poetischen Kanons zu verstehen, der in seinen Grundbestandteilen aus der Zeit von Bölls Schreibanfängen, der Zeit der »Trümmerliteratur«, stammt. Blamberger, Günter: Deutsche Gegenwartsroman, S. 101.

[23] Karl Amery prägte in seiner Studie „Die Kapitulation oder deutscher Katholizismus heute“ den Begriff „Milieukatholizismus“ – „kleinbürgerlicher Systemkatholizismus“. Dazu konstatierte er Folgendes: „Konrad Adenauer, so numinos seine Rolle auch sein mag, kann mit dem besten Willen nicht für den Zustand des deutschen Katholizismus verantwortlich gemacht werde – er ist eher sein Produkt als seine Ursache. Wohl aber gibt es ein gewisses Milieu, dessen Sehnsüchte, Interessen und Vorstellungen das geistige und geistliche Klima in unserem Lande bestimmen. Dieses Milieu hat sich in einem Maße des deutschen Katholizismus bemächtigt, wie dies niemals ein Souverän zustande brächte. Dieses Milieu ist zur Herrschaft gelangt, ohne seine Rolle auch nur zu begreifen.“ S. 16f.

[24] Heinrich Böll: Nachwort (1985), S. 279-280.

[25] Augstein, Rudolf zit.n. Balzer: Grundlagen und Gedanken, 1988, S. 43.

[26] Bezüge zum Geschehen der Zeit finden sich in den »Ansichten« beispielsweise in der namentlichen Nennung von Personen und Ereignissen der Zeit. Diese werden in der anschließenden Textanalyse genauer veranschaulicht.

[27] „Obwohl als einzelner schreibend, ausgestattet nur mit einem Stoß Papier, einem Kasten gespitzter Bleistifte, einer Schreibmaschine, habe ich mich nie als einzelnen empfunden, sondern als Gebundenen. Gebunden an Zeit und Zeitgenossenschaft, an das von einer Generation Erlebte, Erfahrene, Gesehene und Gehörte.“ Böll: Frankfurter Vorlesung. - In: Essays Bd. II, S. 34.

[28] Heinrich Böll in einem Interview von Klaus Colberg für den ORF, Literarische Werkstatt, März 1969. In: Böll und Matthaei: Querschnitte, S. 93.

[29] Vgl. Balzer: Das übersehene Blatt, 1995, S. 9.

[30] Vgl. Balzer: Literarische Werk, 1997, S.25.

[31] Heinrich Böll: Der Zeitgenosse und die Wirklichkeit. - In: Essays Bd. I, S. 73.

[32] Ebd. S. 75.

[33] Heinrich Böll: Interview von Johannes Poethen für den Süddeutschen Rundfunk, 27.8.1969. In: Böll und Matthaei: Querschnitte, S. 97-98.

[34] Balzer: Grundlagen und Gedanken, 1988, S. 45.

[35] Tatsächlich haben die Brüder das Holz damals nicht durchgesägt und Hans erliegt immer wieder seiner Phantasie und meint, dass Holz gemeinsam zerteilt zu haben, „aber Leo ist in diesem Punkt sehr streng, er nennt mich immer einen Lügner“. Leo „ist ein Realist“, er vertritt die Tatsachen, aber er hat auf eine sehr unwichtige, dumme Weise Recht.“ Vgl. Balzer: Grundlagen und Gedanken, 1988, S. 45.

[36] Vgl. Balzer: Grundlagen und Gedanken, 1988, S. 47-48.

[37] Heinrich Böll: Der Zeitgenosse und die Wirklichkeit. - In: Essays Bd. I., S. 73 .

[38] „Böll selbst hatte sich früher angewöhnt, den Begriff »Wirklichkeit« durch ein »sogenannt« zu ergänzen. Das war keine Flucht vor der Realität sondern der Reflex der Einsicht, daß »Wirklichkeit« komplex ist, daß zur Erkenntnis mehr gehört als Vernunft, das Wirklichkeit eine »Aufgabe« bedeutet und daß dem »Auge des Schriftstellers« eine wichtige Rolle zukommt bei der Lösung dieser Aufgabe.“ Balzer: Literarische Werk, 1997, S. 27-28.

[39] Heinrich Böll: Der Zeitgenosse und die Wirklichkeit. - In: Essays Bd. I., S. 74.

[40] Im Roman selbst könnte ebenso die Schlüsselpantomime, die dem Clown nicht gelingen will, für den »Code«, der zur Erkennung der Wirklichkeit notwendig ist, stehen. Wogegen Günter Blamberger diese als „Schlüssel zu den Türen der Gesellschaft“ interpretiert. Blamberger: Deutscher Gegenwartsroman, S. 112.

[41] Heinrich Böll: Frankfurter Vorlesung. - In: Essays Bd. II, S. 54.

[42] Beckel: Mensch, Gesellschaft, Kirche, S. 75.

[43] Bereits durch die Erzählweise wird die „Augenblicksmotivik“ realisiert. Vgl. Jürgenbehring: Liebe Religion und Institution, S. 9.

[44] Vgl. Götze: Anscihten, S. 27.

[45] Balzer: Literarische Werk, 1997, S. 264.

[46] Vgl. zur Zeitgeschichte der Bundesrepublik Deutschland Felicia Letsch: Vergangenheit als Gegenwartskritik, S. 9-20.

[47] In seinem Roman »Und sagte kein einziges Wort« verwendet Heinrich Böll ebenfalls die Form des Ich-Erzählers, deren Subjektivität aber durch die Ergänzung eines zweiten Ich-Erzählers, in der Figur der Frau Bogner realisiert, relativiert und somit objektiviert wird.

Für Albrecht Beckels liegt diese Erzählform begründet in der Konsequenz aus der Komplexität der „heutigen Gesellschaft“, die „nicht mehr als einheitliches, von außen zu beobachtendes Geschehen“ begreifbar sei. Er stützt sich hierbei auf die sozialwissenschaftliche Analysen von Peter Druck „Gesellschaft am Fließband“. Beckel: Mensch, Gesellschaft, Kirche, S. 32.

[48] Der ursprüngliche Titel »Augenblicke« - Böll verwendete ihn als Arbeitstitel während des Schreibprozesses - hätte zu sehr den Anschein von Objektivität erweckt. Hingegen weist der endgültige Titel darauf hin, dass es die »Ansichten« und Meinungsäußerungen eines Berufskomikers sind, die im Roman zum Ausdruck kommen und keineswegs sollen absolute Wahrheiten debattiert werden.

Ebenso haben die Telefonate die Funktion, die Gesprächspartner der subjektiven Charakterisierung durch den Ich-Erzähler auszusetzen. Vgl. Müller: Clowneske Wirklichkeit, S.8.

[49] Balzer: Humanität als ästhetisches Prinzip, 1975, S. 11.

[50] Jürgenbehring: Liebe Religion und Institution, S. 9.

[51] Auf den Wechsel zwischen den temporalen Ebenen innerhalb des Romans verwies Karl-Heinz Götze und konstatiert die Zeiträume: 1945, 50er und frühste Vergangenheit . Vgl. Götze: Ansichten, S. 42.

[52] Vgl. Müller: Clowneske Wirklichkeit, S. 7. Zusätzlich hebt K.-H. Götze hervor, dass die Erzählweise Schniers durchaus in sich gegliedert ist und thematisch formale Einheiten aufweisen.

[53] Götze: Ansichten, S. 23.

[54] Diese Phase der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland wird mit den Synonymen »Adenauer-Ära«, die »Zeit des Wirtschaftswunders« und »Restauration« bezeichnet, wobei der letzte Begriff pejorativ zu verstehen ist, da er unterstreicht, dass die dominierende politische Konzeption im Kern auf die Wiederherstellung überkommender Besitz- und Machtverhältnisse abzielt. Wobei »Restauration« ein Schlüsselbegriff der Periode ist, „in die hinein, gegen die an und aus der heraus Böll schrieb.“ Vgl. Götze: Ansichten, S. 8. Wobei Bonn die Hauptstadt des Wirtschaftswunderlandes darstellt.

[55] Vgl. Reich-Ranicki: Mehr als ein Dichter, S. 41.

[56] Im Gegensatz zu vorangegangenen Romanen und Erzählungen Bölls werden hier die die ersten Nachkriegsjahre zwischen den Trümmern nicht thematisiert. Dies weist auf den Schwerpunkt der Gesellschaftskritik hin, welche sich auf die Zeit der Ära Adenauer bezieht.

[57] Balzer: Literarische Werk, S. 254.

[58] Vgl. Kim: Dualität, Humanität und Utopie, S. 20-21.

[59] Der vom Erzähler verwendete Begriff »Rasse« ist dem Vokabular des Nationalsozialismus entnommen und signalisiert somit den Aspekt der Gesellschaftskritik, die sich auf die ausbleibende Vergangenheitsbewältigung und das »Vergessen« in der restaurativen Bundesrepublik bezieht und beinhaltet die Ablehnung jeglicher Stigmatisierung.

[60] „Die Deutschen sind ein bildungsverletztes Volk, diese Verletztheit schafft die günstigen Voraussetzungen für Demagogie, sie schafft Bildungsstände, Reserven, Gereiztheiten.“ Heinrich Böll: Frankfurter Vorlesung. - In: Essays Bd. II, S. 17. Die Bildung verletzt die menschliche Einzigartigkeit, den eigenen Willen zum wahren Menschen. Sie schafft nicht Sozietät, sondern verletzt diese, wo Bildung für alle proklamiert ist. Doch besteht die Distanz zum Schnierschen Elternhaus hier in einem umgekehrten Sinn: Bildung wird hier als Statussymbol bewertet. Allein das Künstlertum in einem bürgerlichen Sinn hätte die Ablehnung des eigenen Sohnes mütterlicherseits relativiert. Auch aufgrund der unterschiedlichen Vorstellungen von Künstlertum wird Schnier zum Ausgestoßenen.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Böll "Ansichten eines Clowns" - Kritik am deutschen Katholizismus
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
59
Katalognummer
V45016
ISBN (eBook)
9783638424974
Dateigröße
956 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Analyse des Romans "Ansichten eines Clowns" ist sehr umfangreich und informativ - dem bewertenden Prof. war jedoch die Hauptseminarsarbeit in der Länge einer Magisterarbeit zu lang...
Schlagworte
Böll, Ansichten, Clowns, Kritik, Katholizismus
Arbeit zitieren
Cornelia Kopitzki (Autor), 2004, Böll "Ansichten eines Clowns" - Kritik am deutschen Katholizismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45016

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