Natur- und Kunstphilosophie im "Grund zum Empedokles"

Eine Analyse der Gedankenform Friedrich Hölderlins


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung und Textkonstruktion
2.1 Zur Bedeutung der Tragödie

3. Natur- und Kunstphilo Sophie
3.1 Begriffspaare Natur und Kunst
3.2 Begriffspaare organisch und aorgisch

4. Bewusstsein und Geist
4.1 Poesie
4.2 Religion
4.3 Mythos

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Philosoph und Dichter, der sich nach seiner Profession in Jena (1794­1795) ausschließlich der Poesie zugewandt hat, hegen den Werken Friedrich Hölderlins (1770-1843), wie dem Tod des Empedokles, bewusstseins- und religions-philosophische Motive zugrunde. Im Empedokles-Drama, welches die Grundlage dieser Arbeit darstellt, stellen die Religions- und Naturphilosophie wichtige Themenbereiche sowohl auf geschichtlicher als auch auf poetischer Ebene dar.

Den primären Forschungsgegenstand dieser Arbeit bildet Hölderlins Schrift zum Grund des Empedokles. Bei diesem handelt es sich um einen theoretischen Text, der primär zur Selbstverständigung Hölderlins bestimmt war und die Bedeutung seines Trauerspiels reflektiert. Da die Passage ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt war, kann die komplexe Passage für den neutralen Leser einige Verständnisschwierigkeiten aufwerfen, die hier aufgelöst werden sollen. Nach einer kurzen Erläuterung zur Entstehung und Textkonstruktion des Empedokles-Projekts, indem unter anderem auf die Bedeutung der Tragödie eingegangen wird (Kapitel 2), soll im Verlauf dieser Arbeit den Fragen nachgegangen werden, was die Natur- und Kunstphilosophie im Grund zum Empedokles aussagt, welche Komponenten sie vereinigt und inwieweit sich diese gegenseitig bedingen oder konträr zueinander stehen (Kapitel 3). Daraufhin wird eine Verbindung zu Hölderlins Auffassung über Bewusstsein und Geist hergestellt, in der die Zusanmienhänge von Poesie, Religion und Mythos diskutiert werden (Kapitel 4). Sie sollen Aufschluss darüber geben, welches Ziel Hölderlin als Dichter durch seine Philosophie über Natur und Kunst in seinen Werken verfolgt. In einem abschließenden Fazit werden die wichtigsten Erkenntnisse und Zusammenhänge der Arbeit noch einmal zusanmiengefasst (Kapitel 5).

2. Entstehung und Textkonstruktion

Das Drama ,JDer Tod des Empedokles“ ist ein unvollendetes Projekt Friedrich Hölderlins, welches in den Jahren 1797 bis 1800 entstanden ist. Erst nach dem Tod Hölderlins wurden seine Schriften durch Editoren in insgesamt drei Fassungen rekonstruiert und veröffentlicht. Ein Brief an seinen Bruder im Sonmier 1797 deutet auf die ersten Auseinandersetzungen Hölderlins mit dem Empedokles-Stoff hin. In diesem heißt es: „Ich habe den ganz detaillierten Plan zu einem Trauerspiel gemacht, dessen Stoff mich hinreißt·“1 Die Rede ist hier von dem sogenannten Frankfurter Plan, den Hölderlin in einem Schulheft seines Schülers notierte und der bis heute erhalten blieb. Laut diesem Plan sollte das Drama auf fünf Akte ausgelegt werden.

Das Empedokles-Projekt Hölderlins umfasst in chronologischer Reihenfolge den Frankfurter Plan, die erste Fassung, die zweite Fassung, den Grund zum Empedokles und die dritte Fassung. Darüber hinaus existiert der Aufsatz Das untergehende Vaterland und ein Plan zur Fortsetzung der dritten Fassung.2

Der „Grund zum Empedokles“, der im weiteren Verlauf der Arbeit die Forschungsgrundlage darstellt, gliedert sich in drei Abschnitte, welche einen von Hölderlin ursprünglich abgeschlossenen, jedoch nur fragmentarisch überlieferten Text wiedergeben.3 Hölderlin setzt sich dort mit seinem eigenen Werk theoretisch auseinander. Mit „Grund“ wird die „allgemeine philosophische Bedeutung“ bezeichnet.4 Der Eigenname „Empedokles“ kann in der fiktiven Person für den dramatischen Stoff im Allgemeinen interpretiert werden. Zwei der Abschnitte tragen die Überschriften Allgemeiner Grund“ und „Grund zum Empedokles“. Der erste Abschnitt ist absatzlos und gibt die gattungstheoretische Bestimmung der tragischen Ode wieder. Der dort beschriebene vierstufige Entwicklungsgang, auf den im späteren Verlauf der Arbeit genauer eingegangen wird, ergibt sich ebenso ihr die Tragödie. Im Allgemeinen Grund“ stehen der poetologische Kern und die Identifikation des tragischen Dichters im Fokus. Der dritte Abschnitt ist, im Verhältnis zu den sehr abstrakt gehaltenen ersten beiden Abschnitten, inhaltlich näher an der Empedoklestragödie orientiert und lässt philosophische Rückschlüsse auf die Gedankenform Hölderlins zu. Hiermit sind insbesondere die Verhältnis formen von Kunst und Natur gemeint.

Inhaltlich ließ sich Hölderlin bei dem Empedokles-Stoff von den Lehren und Lebensbeschreibungen des antiken Philosophiehistorikers Diogenes Laertius inspirieren. Der Protagonist Empedokles aus Agrigent, welcher selbst ein vorsokratischer Philosoph war und 483/82 bis 423 V. Chr. gelebt hat, nahm sich der Legende nach mit den Worten „Im freien Tod, nach göttlichem Gesetz“ durch einen Sturz in den Ätna das Leben.5 Das Drama behandelt seine letzten Lebenstage. Empedokles erfährt in dem Drama eine ihn umgebene zunehmende Entfremdung der Menschen zu den Göttern und der Natur. Als Mittler, der scheinbar allein in Verbundenheit zu den göttlichen Elementen geblieben ist, versucht er die dogmatischen, geistig-religiösen Strukturen in Agrigent aufzubrechen und sich gegen die Vertreter der Kirche und des Staates zu behaupten.

2.1 Zur Bedeutung der Tragödie

In seiner Schrift „Die Bedeutung der Tragödien“ schreibt Hölderlin:

„Die Bedeutung der Tragödien ist am leichtesten aus dem Paradoxon zu begreifen. Denn alles Ursprüngliche [...] erscheint zwar nicht in ursprünglicher Stärke sondern eigentlich in seiner Schwäche, so daß recht eigentlich das Lebenslicht und die Erscheinung der Schwäche jedes Ganzen angehört.“6

Das „Zeichen“ so weiter, müsse im Tragischen „= 0“ gesetzt werden, damit das Ursprüngliche, welches „gerade heraus“ und „der verborgene Grund jeder Natur“ sei, in seiner Schwäche erscheinen könne.7 Nach Szondi referiert die Schrift zur Bedeutung der Tragödien auf den „Tod des Empedokles“.8

Das tragische Gedicht wird in dem Aufsatz „über den Unterschied der Dichtarten“9 im Vergleich zur ,,sinnlichere[n]“10 Grundstimmung der lyrischen Gattung von Hölderlin als intellektuale Anschauung bezeichnet. Der äußere Schein ähnelte dem heroischen Gedicht, „seinem Grundton nach [sei das tragische Gedicht jedoch] idealisch“.11 Dieser Grundton des dramatischen Gedichts definiert Hölderlin als der „universellste“12 unter allen Dichtungsarten, welcher als Einheit „von dem beschränkten Gemüte nicht gefühlt [...], aber vom Geiste erkannt werden“ könne13.

Wie zuvor erwähnt, wird im ersten Abschnitt des Grundes zum. Empedokles die lyrische Gedichtform der tragischen Ode thematisiert. Im darauffolgenden Allgemeinen Grund wird auf die tragische Gattung im Allgemeinen eingegangen. Das tragische und dramatische Gedicht wird von Hölderlin als ein Ausdruck ,,tiefste[r] Innigkeit“14 bezeichnet. Dieses sei im Vergleich zur Innigkeit der „tragischen Ode“15 unendlicher, unaussprechbarer und tiefer und konmie dem „nefas“16 nahe. Die Gemeinsamkeit dieser lyrischen Formen läge demnach in der ihnen zugrundeliegenden „reinen Innigkeit“. Diese drücke sich verhüllt in Form von „wirklichen Gegensätzen“17 aus. In der tragischen Ode erscheinen sie als Extreme, welche letztlich als „บrton“18 und Grund des Ganzen hervorgehen.

Nach dem ,,lyrische[n] Gesetz“19 werde der Bezug zu „des Dichters eigener Welt und Seele“20 im Tragischen verleugnet. Das Trauerspiel verleugne „die Innigkeit in der Darstellung noch mehr“21, indem der Dichter „seine Person, seine Subjektivität ganz, so auch das ihm gegenwärtige Objekt, er trägt sie in fremde Personalität, in fremde Objektivität über (und selbst wo die zum Grunde liegende Totalempfindung am meisten sich verrät, in der Hauptperson, die den Ton des Dramas angibt, und in der Hauptsituation, wo das Objekt des Dramas, das Schicksal sein Geheimnis am deutlichsten ausspricht“22

- selbst da fließe „der Geist, das Göttliche wie es der Dichter in seiner Welt empfand“23, auf der Stoff-Ebene mit ein.

Obwohl der Bezug zum Empedokles-Drama in diesen Abschnitten nicht offensichtlich hergestellt wird, kann davon ausgegangen werden, dass Hölderlins Äußerungen primär sein eigenes Trauerspiel reflektieren. Der Dichter, so schreibt er, müsse seine „Totalempfindung“ in „einen dritten von des Dichters eigenem Gemüt und eigener Welt verschiedenen fremderen Stoff hineintragen. Im Empedokles findet eine Übertragung des „Innigen, Göttlichen“24, die „der Dichter in seiner Welt empfindet und erfahrt“25, in die griechisch antike Welt statt. Nach einer überlieferungslücke am Ende des Allgemeinen Grundes, ninmit Hölderlin konkret Bezug auf das Empedokles-Drama. Der „Leidende“26 Empedokles, der mit dem Volk „in so innigem Verhältnisse“ stehe wie „mit dem Lebendigen der Elemente“27, versuche zu seiner ursprünglichen „reinen Innigkeit“ zurückzufinden.

Den Übergang aus der lyrischen in die dramatische Gattung im Empedokles-Drama begründet Hölderlin damit, dass das dichterische „Bild der Innigkeit überall seinen letzten Grund in eben dem Grade mehr [...] verleugnen“ und „dem Symbol sich nähern“28 müsse. Erst wenn der „Mensch und sein empfundenes Element“29 strenger und kälter unterschieden werden, könne die Empfindung in ihrer Gänze festgehalten werden.

[...]


1 Nr. 143, Bd. Ill, S. 270, 33f.

2 Entstchung und Datierung; in: Holderlin: Hyperion. Empedoklcs. Aufsatzc. Ubcrsctzungcn, S. 1096.

3 Holderlin: Samtliche Wcrkc. GStA S. 371ff.; Holderlin: Siimtlichc Wcrkc und Briefc, S. 992f.; Gaicr, S. 288.

4 Holderlin: Wcrkc und Bricfe, 218; BOhm, 132; BOckmann, 288.

5 Quellen; in: Holderlin: Hyperion. Empedoklcs. Aufsatzc. Ubcrsctzungcn, S. 1097.

6 Die Bedeutung dcr Tragodien; in: Holderlin: Hyperion, limpedoklcs. Aufsatzc. Ubcrsctzungcn, S. 561.

7 Iibd.

8 Szondi: Vcrsuch iiber das Tragischc S. 162f.

9 Ubcr den Untcrschied dcr Dichtartcn; in: Holderlin: Hyperion. Empcdoklcs. Aufsatzc. Ubcrsctzungcn, S. 555.

10 Ebd., S. 553.

11 Ebd., S. 555.

12 Ebd., S. 557.

13 Ebd., S. 555.

14 Allgcmcincr Grund; in: Holderlin: Hyperion, Empcdoklcs. Aufsatzc. Ubcrsctzungcn, S. 426.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Ebd. S. 426.

18 Ebd., S. 425.

19 Ebd., S. 427

20 Ebd., S. 426.

21 Ebd.

22 Ebd., S. 427.

23 Ebd., S. 427.

24 Ebd., S. 427.

25 Ebd., S. 426.

26 Ebd., S.428.

27 Ebd., S.437.

28 Ebd., S. 426.

29 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Natur- und Kunstphilosophie im "Grund zum Empedokles"
Untertitel
Eine Analyse der Gedankenform Friedrich Hölderlins
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Wozu Dichter? Hölderlins Hymnen, Hyperion und Empedokles
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V450263
ISBN (eBook)
9783668838666
ISBN (Buch)
9783668838673
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hölderlin, Empedokles, Kunst, Natur, Gedankenform
Arbeit zitieren
Elena Schreer (Autor), 2018, Natur- und Kunstphilosophie im "Grund zum Empedokles", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450263

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