Tod, Wandlung und Unsterblichkeit im frühen Taoismus


Seminararbeit, 2000
30 Seiten, Note: 1,75

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I Einleitung

II Tod
1. Wichtige taoistische Philosophen
1.1.Lao-tzu
1.2.Chuang-tzu
1.3.Lieh-tzu
2. Volksglauben

III Wandel
1. Chinesische Schriftzeichen
2. Yin/ Yang
3. I-Ching: Das Buch der Wandlungen

IV Unsterblichkeit
1. Allgemeines
2. Alchemie: Der äußere Zinnober
3. Nei-tan: Der innere Zinnober
4. Der achtstufige Weg zur Unsterblichkeit

V Schlussbetrachtung

VI Bibliographie

VII Anhang

I Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich auf das Verhältnis des frühen Taoismus zum Tod, der Wandlung und zur Unsterblichkeit eingehen. Der zeitliche Schwerpunkt liegt hierbei in der Blütezeit des philosophischen Taoismus (5.-3. Jahrhundert v. Chr.), mit den Hauptvertretern Lao-Tzu, Chuang-Tzu und Lieh-Tzu. Der Zeitraum davor, über den nur wenig Daten bekannt sind, wird nur der Vollständigkeit halber kurz angeschnitten (Yin/Yang, I-Ching). Vor allem in Hinblick auf die Unsterblichkeitsbemühungen des Taoismus untersuche ich die Zeit nach den großen Philosophen.

Das Thema Tod ist so eng mit dem Wandel verwoben, dass sich das eine ohne das andere gar nicht befriedigend behandeln lässt. Die Verbindung von Tod und Unsterblichkeit ist naheliegend, hat im Taoismus jedoch einen besonderen Stellenwert.

Die verschiedenen Themenbereiche überschneiden sich immer wieder, so dass die Zuordnung (von z. B. Wiederkehr: Wandel oder Tod?) manchmal schwierig war.

Grundsätzlich muss zwischen philosophischem Taoismus, der den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet, und dem Volksglauben unterschieden werden.

Der Taoismus als Volksreligion hat sich im Laufe der Jahre mit konfuzianischen und buddhistischen Einflüssen vermischt, weshalb er manchmal erheblich von den philosophischen Grundlagen abweicht.

Natürlich kann ein so wichtiges und weites Thema in einer so kurzen Arbeit nicht erschöpfend behandelt werden. Mein Hauptanliegen ist einen allgemeinen Überblick zu dieser Thematik zu vermitteln mit den genannten Schwerpunkten im Zentrum.

Ich möchte an dieser Stelle eine kurze Definition des Begriffes Tao geben, allerdings ist dieser so komplex, dass es schwer ist ihn in Worten zu fassen..

Schriftzeichen: zusammengesetzt aus den Zeichen für gehen und Haupt/ Anfang/ Prinzip.

Eine mögliche Deutung wäre: eine Person die einen Weg beschreitet.

Mögliche Übersetzungen sind: Weg, Pfad, Natur, Weltordnung, Lehre, Sinn.

Mein Verständnis des Tao (in Anlehnung an das Tao-Te-King):

Das Tao beinhaltet alles, das Sein wie auch das Nichtsein, es schließt nichts aus. Es hat keinen Anfang und kein Ende, es ist der Ursprung der Welt. Das Tao vereint die Gegensätze, es ist groß und trotzdem klein, alles folgt ihm und doch ist es nicht ihr Herr. Man kann nichts von ihm sagen, dass nicht seine Fülle schmälern würde. Es verfolgt keinen Zweck und keine Absicht aber trotzdem erfüllt es alles mut Vollkommenheit. Sein ureigenstes Wesen ist die Leere. Es existiert allein aus sich selbst.

„Etwas Geheimnisvolles, im Sein und Nichtsein vereint,

ohne Anfang entstanden, vor Himmel und Erde.

Allein, unwandelbar, immer gegenwärtig, immer bewegt.

Vielleicht ist es die Mutter aller Dinge.

Ich weiss nicht, weiss nicht den Namen. Ich nenne es Tao.

Mich mühend seine Art zu beschreiben nenne ich es „groß“.

Groß ausschreitend zu den fernsten Fernen,urgewaltig.

Und doch auch zum kleinsten in sich zurückkehrend...“

(Tao-Te-King, Keyserling Kap. 25)

II Tod

1.Wichtige taoistische Philosophen:

1.1.Lao-Tzu:

Bei Lao-Tzu, der wahrscheinlich im 4.Jahrhundert v. Chr. gelebt hat, nimmt das Leben einen sehr positiven Stellenwert ein. Lao-Tzu sieht das Leben wie auch den Tod aus einer höheren Perspektive, er scheint es von außen, aus der Sicht des Tao zu betrachten. Er wertet nicht; weder stellt er das Leben über den Tod noch umgekehrt. Er erkennt die Gesetze der Natur und akzeptiert die höhere Ordnung. Der Gedanke an den Tod birgt keinen Schrecken für ihn. Der Weg dorthin führt nach seiner Ansicht über die Stille und die Betrachtung der Natur. Die Jahreszeiten, Blühen und Vergehen, Kommen und Gehen spielt sich Tag für Tag vor unseren Augen ab. Indem man sich im Wesen der Natur verliert erkennt man sich selbst. So kommt man zur Erkenntnis des Ewigen, dadurch erreicht man die Einheit mit dem Tao und mit der Einheit, die Ewigkeit, beziehungsweise, im übertragenen Sinne, die Unsterblichkeit. Der Weise befreit sich also in gewisser Weise von diesem Kreislauf indem er sich auf einer höheren Ebene mit dem Tao identifiziert. Er macht sich leer, wird still, wird zum Spiegel der Natur, des Tao.

Lao-Tzu formuliert es wie folgt:

„Erreichend den First des Leeren,

Bewahrend die Stille, die Stere-

Zusammen wirken die zehntausend Wesen:

So kann ich betrachten ihr Wiederkehren.

Denn blühen die Wesen üppig-bunt,

kehrt jedes heim zu seinem Wurzelgrund.

Heimkehren zum Wurzelgrund heißt: Stille finden.

Und dieses nennt man: sich zum Schicksal kehren.

Sich zum Schicksal kehren heißt: ewig sein.

Das Ewige kennen heißt: erleuchtet sein.

Wer nicht das Ewige kennt,

Schafft sinnlos Unheil;

Wer das Ewige kennt, ist duldsam.

Duldsam ist aber: unbefangen;

Unbefangen ist aber: allumfassend;

Allumfassend ist aber himmlisch;

Himmlisch ist aber: der Weg;

Der mit dem Weg aber dauert.

Sinkt hin sein Leib, ist er ohne Gefahr.“

(Tao-Te-King, Debon, Kap.16)

Der Tod ist für Lao-Tzu vergleichbar mit dem Abstreifen eines alten Gewandes. Er hat die Einheit erfahren und ist bereit wieder in das Meer des grenzenlosen Seins einzutauchen. Tod bedeutet für ihn lediglich Verwandlung, so wie wir uns oft im Laufe des Lebens wandeln (Geburt, Kindheit, Pubertät, Erwachsen, Reife, Welken).

Sicherlich ist der Tod eine etwas einschneidendere Verwandlung, aber trotz allem einfach eine Wandlung. Hingabe, tiefe Ruhe, Stille im Herzen und Leere im Geist erachtet er allerdings als notwendige Voraussetzung. Wir müssen in uns gehen, uns nicht hetzen und nicht selbstvergessen Zielen hinterher jagen, die uns vom Weg, vom Tao ablenken.

„Doch wer ausharren kann bei sich selbst,

überdauert Zeitbegrenzung.

Für ihn ist Tod nichts anderes als

Verwandlung.“

(Tao-Te-King, Keyserling, Kap. 33)

Der Gedanke der Rückkehr oder Wiederkehr ist im Taoismus, vor allem bei Lao-tzu, von zentraler Bedeutung, wobei er bei japanischen Sinologen größere Bedeutung zugemessen bekommt, als etwa bei den Europäischen.

So sagt etwa Ohama „Es gibt keine Idee im Tao-Te-King, die wichtiger wäre als gerade diese, und es gibt auch keine andere Idee des Lao-Tzu, die so leichtsinnig übergangen und missverstanden werden könnte, wie eben diese.“

(Beky 1972: 135)

Lao-Tzu benutzt verschiedene Bedeutungen des Wortes Rückkehr:

1. Alltagsgebrauch: zurückkehren
2. Wiederkehr: umschlagen in das Gegenteil ( Kap58)
3. Rückkehr des Tao (K.14,25,40) Rückkehr aller Wesen zu ihrem Heimatort (K 34)

Zur Mutter (K52) zur Wurzel (K16), zur großen Harmonie (K65)...

Man merkt, dass es sich bei der Rückkehr um etwas Wichtiges, Elementares handeln muss, da Lao-tzu ihr so viel Aufmerksamkeit schenkt.

Die Bewegung, die ewige Wiederkehr schafft aber erst das Leben. Durch diesen Kreislauf, der Wandlung beinhaltet, wird die Vielfalt erschaffen, die ihren Ursprung, nämlich die Einheit, bewahrt. Die 10 000 Dinge, kommen aus dem Tao und kehren zu ihm zurück. Aus der Einheit entsteht Vielfalt, aus der scheinbar unterscheidbaren Vielfalt wieder Einheit.

„Kreisend bewegt sich das Tao.

Nachgiebigkeit und Anschmiegung sind des Tao Art.

Zehntausend Dinge entstehen und vergehen auf diese Weise.

Sein wird geboren aus Nichtsein.“

( Tao-Te-King, Keyserling, Kap. 40)

Auch im I Ching, auf das ich später noch ausführlicher eingehen werde, gibt es ein Hexagramm fu, die Wiederkehr. Eine Yang Linie unter fünf Yin Linien symbolisiert die Wiedergeburt, das erneute Erstarken des Yang, und zwar gerade dann wenn das Yin auf dem Höhepunkt seiner Kraft steht. Dies Kommen und Gehen stellt die Wiederkehr dar.

Yang führt den Wesen Energie zu, Yin nimmt sie wieder zurück.

Es wird immer wieder betont, wie wichtig es ist den Rhythmus der Natur zu erkennen, und nach ihm zu leben.

Der taoistische Weise geht noch weiter um dem Kreislauf von Leben und Tod zu entkommen. Indem er den Ursprung der Wiederkehr, die undifferenzierte Leerheit, in sich erschafft, erkennt er die Rückkehr der Wesen, und damit sich selbst und seine Einheit mit dem Tao.

„Die dunkle Tugend, wie tief, wie fern ist sie doch!

(Wer sie besitzt) kehrt mit den Wesen (zum Ursprung) zurück.

Dann gelangt er zum großen Einklang (mit dem höchsten Tao).“

(Kap. 65)

(Kaltenmark, 1981: 82)

Lao-Tzu betont immer wieder, dass die Menschen zu einem einfachen Leben, einem primitiv/naiven Zustand zurückkehren müssen wenn sie glücklich leben wollen. Er lehnt spitzfindige Systeme und große Führer aus Prinzip ab, stattdessen soll das Volk in unwissendem Zustand, im Sinne des wu-wei leben.

(vgl. Tao-Te-King Kap. 80)

Vollendung im Sinne Lao-tzu bedeutet Rückkehr aller Wesen im Tao, zum Urgrund, zur Mutter.

Was groß ist war klein, was klein ist wird groß werden, wie kann man auf dieser Grundlage werten? Alles ist eins und kann nur aufgrund der Vielfalt scheinbar unterschieden werden. Im Tao-Te-King heißt es wie folgt:

„Nur Aufgebautes kann man niederreißen.

Vor dem Empfangen muss das Geben stehen.

Was abnimmt, muss zuvor gewachsen sein;

Das, was versagt, zuvor bestanden haben.“

(Tao-Te-King, Keyserling, Kap. 36 )

Die Wiederkehr ist die Wirkung des Tao. Tao ist ohne Anfang und Ende. Fülle und Leere, Werden und Vergehen wechseln sich ab. Jedem Anfang folgt ein Ende, jedem Ende ein Anfang. Ein ewiger Kreislauf. Was ist wichtiger, was bedeutsamer, was mehr wert?

Niemand kann diese Fragen beantworten, der Kreislauf setzt sich fort.

1.2. Chuang-Tzu

Dieser taoistische Philosoph der im 3./4. Jahrhundert v. Chr. lebte, betrachtet den Tod aus einer ähnlichen Perspektive wie Lao-Tzu, nämlich als grundsätzlich positiv. Er sieht den Tod als natürliche Folge des Lebens, ein Hadern oder ein sich wehren würde nur vom Missverstehen der Natur zeugen. Leben und Tod sind die zwei Aspekte der gleichen Münze, die sich abwechseln, wie der Tag der Nacht folgt und umgekehrt. Auch er verwendet das Bild der Jahreszeiten in Bezug auf Leben und Tod. Die Erkenntnis der Natürlichkeit und Unabwendbarkeit schenkt ihm Gelassenheit.

In einer Parabel geht Chuang-Tzu sogar soweit, dass durch den Tod, das ich mit dem gesamten Universum verschmilzt, und damit den Tod endgültig überwindet.

„Deswegen wird der Heilige dort wandeln, wo ihm die Dinge nicht mehr verloren gehen können, sondern wo sie ihm allesamt erhalten bleiben. Er erfreut sich am frühen Tod und erfreut sich am hohen Alter, er erfreut sich am Beginn und erfreut sich am Ende.“

(Barloewen 1996: 262)

Das Annehmen steht hier im Vordergrund, was immer die Zukunft bereithält wird als gut und richtig angesehen. Weich sein wie das Wasser, nicht blockieren, hingegeben fließen.

Chuang-tzu betont, das man die Maßstäbe des Lebens nicht auf den Tod übertragen darf, und umgekehrt genauso wenig, indem man etwa auf ein Leben nach dem Tod hoffe, oder den Trauerriten (die von den Konfuzianern hochgeschätzt wurden) eine zu große Bedeutung beimessen dürfe.

Auch die folgende Geschichte zeigt die Ablehnung der Trauerriten:

Als Chuang-tzus Frau starb:

„Als sie starb, war ich natürlich sehr traurig. Aber dann dachte ich nach und begriff, dass sie ursprünglich kein Leben hatte, und nicht bloß kein Leben, sondern keine Gestalt, und nicht nur keine Gestalt, sondern auch keinen Geist (Yin und Yang). Sie war ein Teil einer großen Gestaltlosigkeit. Dann veränderte sie sich und empfing Geist, der Geist veränderte sich und erhielt Gestalt, die Gestalt veränderte sich und sie empfing Leben, und nun verändert sie sich abermals und geht in den Tod ein. Sie macht also nur einen Ablauf durch, der dem Wechsel von Frühling, Sommer, Herbst und Winter gleicht. Da liegt sie nun friedvoll in einem großen Hause. Wenn ich zusammenbrechen und laut weinen würde, würde ich mich wie ein Mensch verhalten, der das Schicksal nicht versteht. Darum habe ich zu weinen aufgehört.“

(Yutang 1955: 132/132/133)

Ein anderes Beispiel handelt von der Beerdigungszeremonie des Lao-Tzu. Als ein Trauergast nach Ansicht der Anhänger Lao-Tzu’s, seine Trauer nur unzureichend zur Schau stellt, antwortet dieser:

“Euer Meister kam in diese Welt, als es seine Zeit war, und er ging fort von ihr, sich anpassend an das, was ihn weiterführte. Wer zufrieden ist mit seiner Zeit und in der Anpassung seine Ruhe findet, über den haben Freude und Trauer keine Macht mehr. In alten Zeiten nannte man dies –das gottgegebene Lösen der Bande-. Es verweist darauf, dass das Ende gleichsam [bloß] mit dem Brennholz zu tun hat; das Feuer aber pflanzt sich fort, und niemand weiß, ob es je erlischt.“ (Barloewen 1996: 260)

[...]

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Details

Titel
Tod, Wandlung und Unsterblichkeit im frühen Taoismus
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Religionswissenschaft)
Veranstaltung
PS: Einführung in die Religionswissenschaft
Note
1,75
Autor
Jahr
2000
Seiten
30
Katalognummer
V45075
ISBN (eBook)
9783638425476
ISBN (Buch)
9783638878548
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandlung, Unsterblichkeit, Taoismus, Einführung, Religionswissenschaft
Arbeit zitieren
Dominque Buchmann (Autor), 2000, Tod, Wandlung und Unsterblichkeit im frühen Taoismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45075

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