Talcott Parsons Systemtheorie. Systeme, Strukturen, Funktionen. AGIL-Schema


Hausarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Einleitung

„Wie und wodurch ist Gesellschaft möglich?“ lässt sich als Grundfrage der Soziologie herausstellen, die sich mit dem sozialen Verhalten und somit dem Zusammenleben von Menschen beschäftigt, welches sich im größten Rahmen in dem System der Gesellschaft untersuchen lässt.

Dabei führt der hier zunächst fast umgangssprachlich verwendete Ausdruck System gewissermaßen genau zu dem, was Parsons als Grundlage seiner Theorie sieht, zu der Art und Weise wie er die Gesellschaft auch theoretisch sieht: Als System.

Mit seiner Systemtheorie, die er außerdem als strukturfunktionalistisch bezeichnet, gibt er also Antwort auf die elementare Frage, wie Gesellschaften bestehen können, indem er sie als Systeme interpretiert, für welche es ja charakteristisch ist, dass sie sich auf eine bestimmte zielgerichtete Anordnung gründen. In diesem Sinne ist auch der von Parsons betonte strukturfunktionalistische Aspekt seiner Theorie zu bewerten: Gesellschaften bestehen laut ihm aus Strukturen, in denen jedes Teilsystem seine eigene Funktion hat, damit schließlich das Ziel des Systems, sich selbst zu erhalten, erreicht wird. Dabei stellt Parsons mit seinem bekanntes AGIL-Schema die vier Funktionen auf, die jede Gesellschaft, jedes System erfüllen muss, um sich zu erhalten.

Durch diese Sichtweise der Gesellschaft als sich selbst erhaltendes System und der Zerlegung in die dafür nötigen vier unabdingbaren Funktionen, hat Parsons nicht nur eine generelle Erklärung gegeben, wie und wodurch Gesellschaften dauerhaft existieren, sondern sie dient, von der anderen Seite betrachtet, genauso als Basis für die Erklärung, warum bestehende Gesellschaften eben nicht funktionieren. Durch sein AGIL-Schema ist gewissermaßen eine Analyse der „Fehler“ in einer nicht funktionierenden Gesellschaft möglich, mit ihm lassen sich politische Phänomene wie „failed states“ erklären.

Aus umgekehrter Perspektive ist seine Systemtheorie natürlich auch für jedes Individuum, also für jeden einzelnen von uns, interessant: Da wir nach Parsons als Einzelteile im ganzen System der Gesellschaft unseren „Beitrag“ zu ihrem Gesamterhalt leisten, wäre aus diesem Standpunkt heraus eine interessante Frage, inwieweit jeder von uns seine Existenz somit nur noch als „Teil eines Ganzen“ und sein eigenes Handeln als „systemgeleitet“ interpretieren kann.

Hauptteil

Um genauer auf die Frage, welche Funktionen konkret sich für Systeme mittels des Parsonschen AGIL-Schemas rekonstruieren lassen, eingehen zu können, sollte man sich zunächst die Ausgangsfrage Parsons, nämlich wie Ordnungen bzw. Systeme überhaupt zustande kommen und sich erhalten, vor Augen führen. An dieser Stelle distanziert sich Parsons eindeutig von Hobbes` Erklärung, Ordnungen würden nur dadurch entstehen und erhalten bleiben, dass es eine zentrale Macht gebe, die den Kampf der Menschen untereinander verhindere. Diese nur unter Zwang zusammengehaltenen Systeme sind durch mögliche Umsturzversuche relativ unsicher, während Ordnungen, die sich durch die Überzeugung der Individuen auszeichnen, wesentlich stabiler sind. Somit ist Parsons Grundannahme für das dauerhafte Bestehen einer Ordnung, wie einer Gesellschaft, dass sie nicht durch Zwang festgelegt, sondern freiwillig durch die Individuen mitgetragen wird.

Zur Erklärung, wie eine soziale Ordnung aufgebaut ist, bezieht sich Parsons neben den Soziologen Herbert Spencer und Émile Durkheim auf die zu seiner Zeit vertretene kulturanthropologische Theorie, den Funktionalismus. Dieser vertritt die These, „dass jede Kultur ein in sich stimmiges, angemessenes System von Gegenständen, Handlungen, Einstellungen ist, innerhalb dessen jeder Teil als Mittel zu einem Zweck existiert (vgl. Malinowski 1939, S. 21f.), also eine Funktion erfüllt.“ (Abels/König, 2010: S.107). Diese Erklärung von Kultur überträgt Parsons auf die Gesellschaft, da er auch diese als System sieht, in dem es einzelnen Teile gibt, die jeweils eine spezifische Funktion haben und aufeinander abgestimmt sind, sodass eine Struktur besteht. Für die Theorie von Parsons bedeutet „Struktur“ also die Ordnung der Beziehungen zwischen einzelnen Teilen des Systems. „Funktion“ meint in diesem Zusammenhang die Abstimmung der einzelnen Teile aufeinander; je besser diese ausgeprägt ist, desto stabiler ist die Struktur und das ganze System. Als System selbst wird der „Zusammenhang von sozialen Tatsachen, Ereignissen und Prozessen, die wechselseitig aufeinander wirken“ (Abels/König, 2010: S.108) gesehen, wobei dieser gegenseitige Einfluss dem Erhalt des Systems tendenziell zuträglich ist. An dieser Stelle ist eine genauere Definition des Ausdrucks „System“ notwendig: Parsons unterscheidet hierzu die drei hierarchisch angeordneten Systeme, die jedoch in einer „strukturerhaltenden Wechselbeziehung“ (Abels/König, 2010: S.110) zueinander stehen.

1. Das kulturelle System, das Normen- und Wertevorstellungen einer Gesellschaft beinhaltet. Es ist den anderen Systemen übergeordnet und gibt ihnen grundlegende Orientierungen vor. Dadurch, dass die Individuen in der Sozialisation die vom kulturellen System gegebenen Normen und Werte übernehmen, ist gewährleistet, dass dieses erhalten bleibt.
2. Die einzelnen sozialen Systeme, in denen sich das konkrete Handeln der Individuen, nach normativer Vorgabe des zuvor genannten kulturellen Systems, abspielt. Dazu zählt jeder 3 „gesellschaftliche Bereich, in dem sich Individuen in ihrem Verhalten aneinander orientieren“ (Abels/König, 2010: S.108), wie z.B. die Schule oder der Judoverein. 3. Das Persönlichkeitssystem des Individuums, das ein „stabiles Orientierungsmuster“ (Abels/König, 2010: S. 109) seiner selbst ist, von Parsons auch als „Identität“ bezeichnet.

Nachdem Parsons nun auf den Aufbau von sozialen Ordnungen eingegangen und die zentralen Begriffe seiner Theorie (System, Struktur, Funktion) erklärt hat, geht er darauf ein, was konkret gegeben sein muss, damit ein System dauerhaft bestehen bleibt, also welche Funktionen es denn tatsächlich erfüllen muss, um sich zu erhalten. Man könnte auch sagen, welchen Beitrag die einzelnen Teile und Strukturen zum Funktionieren des Systems leisten müssen, weswegen er seine Systemtheorie auch "strukturfunktionalistische" Theorie nennt.

Laut Parsons “Vierfelderschema der Systemfunktionen“, auch „AGIL-Schema“ genannt“, gibt es vier Grundfunktionen, deren Erfüllung durch das System für dessen Erhalt unabdingbar sind:

A adaptation, Anpassung: Die Fähigkeit eines Systems, sich seinen äußeren Bedingungen anzupassen, aber auch, wenn nötig, diese im eigenen Sinne zu modifizieren G goal attainment, Zielverfolgung: Die Fähigkeit eines Systems, Ziele zu definieren und Mittel zu mobilisieren, um diese zu verfolgen

I integration, Integration: Die Fähigkeit eines Systems, alle einzelnen Systemteile so miteinander zu verknüpfen, dass sie der Zielverfolgung zuträglich sind L latent pattern maintenance, Aufrechterhaltung: die Fähigkeit eines Systems, grundlegende Strukturen und Wertemuster aufrechtzuerhalten, auch bei Abwesenheit beteiligter Personen

Um dieses theoretische Schema etwas praxisnäher darzustellen, werde ich die vier zu erfüllenden Funktionen am Beispiel des Systems Theaterverein erläutern:

A adaptation: Im Normalfall wurden im Theaterverein vorwiegend klassische Werke in traditioneller Art nachgespielt, was auf starken Zuspruch der Schauspieler stieß, da diese eine hohe Bedeutung in der Literatur und eine lange Tradition haben. Die kulturellen Werte und das soziale System Theater, bestehend aus seinen Mitgliedern, waren also im Einklang. Nun kann es aber passieren, dass die neue Generation der Schauspieler nicht mehr so großes Interesse an der klassischen Literatur hat und lieber etwas Modernes, wie zum Beispiel Sketche spielen, oder gar eine andere Art des Schauspielens, wie Improvisationstheater, einbringen würde. Aufgrund der Tatsache, dass dem System Theater bei Weiterführung seines jetzigen Verfahrens der Nachwuchs ausbleiben würde, muss es sich anpassen. Das bedeutet in diesem Fall vielleicht neue, moderne Stücke auszusuchen, was gleichzeitig heißt, auch den Theatervorstand davon zu überzeugen, was wiederum letztlich die Veränderung seiner äußeren Bedingungen ausdrückt.

G goal attainment: Der Theaterverein gibt vor, welche Stücke gespielt werden und wo und wann sie aufgeführt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, muss er natürlich auch entsprechende Mittel zur Verfügung stellen, wie z.B. passende Vorübungen zum überzeugenden Schauspiel, qualitative Kostüme und Kulissen, eine passende Rollenbesetzung usw.

I Integration: Der Theaterverein muss, um sein Ziel ein gutes Theaterstück aufführen können, zu erreichen, natürlich auch alle Teile des Theaters, in diesem Fall alle Schauspieler, in sein Projekt integrieren. Das heißt alle sollten das Stück befürworten, mit ihrer Rolle zufrieden sein usw.

L latent pattern maintenance: Die Mitglieder des Theatervereins haben Spaß dabei, gemeinsam die Stücke einzuüben, sie umzuschreiben, sie teilen das Lampenfieber, wenn sie auf der Bühne stehen usw., sie entwickeln ein Gruppenbewusstsein. Dieses besteht auch dann weiter, wenn sich der Theaterverein in den Ferien für ein paar Wochen nicht treffen kann.

An dieser Stelle wichtig zu betonen ist, dass sowohl ein komplexes System, wie z.B. die Gesellschaft als Ganzes, diese vier Grundfunktionen erfüllen muss, als auch alle ihre Teilsysteme, wie in diesem Fall beispielsweise die Politik oder die Wirtschaft und wiederum dessen Teilsysteme wie die Parteien usw. das müssen, um das Gesamtsystem funktionsfähig zu halten. Abstrakter formuliert heißt das, dass sowohl die oben beschriebenen drei Arten der Systeme (kulturelles, soziales, persönliches) im Zusammenspiel miteinander diese Funktionen einhalten müssen, als auch dass jedes System für sich und dessen Untersysteme usw. das müssen.

Anders formuliert würde das bedeuten, dass die Grundvoraussetzung zum Fortbestand eines Systems, in Parsons Fall als Soziologe von besonderem Interesse die Gesellschaft als soziales System, das konstruktive Zusammenspiel mit den anderen Systemen ist. Ist eines der Systeme gestört, können auch die anderen nicht funktionieren, es liegt also eine „strukturerhaltende Wechselbeziehung“ (Abels/König, 2010: S.110) vor. Diese Wechselbeziehung findet konkret durch soziale Rollen statt, also der Gesamtheit an Verhaltensweisen, die von einer Person erwartet werden. Dabei existiert die soziale Rolle grundsätzlich unabhängig von ihrem individuellen Träger, sondern bezeichnet die allgemeinen Erwartungen, die dieser erfüllen muss. Laut Parsons bieten diese von ihm benannten „gesellschaftlich Erwartungen“ (Abels/König, 2010: S.110) dem Handeln der Individuen Orientierung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Talcott Parsons Systemtheorie. Systeme, Strukturen, Funktionen. AGIL-Schema
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V450787
ISBN (eBook)
9783668851085
Sprache
Deutsch
Schlagworte
talcott, parsons, systemtheorie, systeme, strukturen, funktionen, agil-schema
Arbeit zitieren
Elena Höppner (Autor), 2017, Talcott Parsons Systemtheorie. Systeme, Strukturen, Funktionen. AGIL-Schema, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450787

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Talcott Parsons Systemtheorie. Systeme, Strukturen, Funktionen. AGIL-Schema



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden