Fokalisierungsverfahren und Zoomtechnik in Konrads von Würzburg "Trojanerkrieg"


Seminararbeit, 2018

19 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Perspektive, Fokalisierung, point of view und camera eye-Technik

3 Zoomtechnik in Konrads von Würzburg Trojanerkrieg
3.1 Die Argonautenfahrt, Jason und Medea
3.2 Die dritte Schlacht
3.3 Der Apfel der Discordia

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

„Troja - Untergang einer Stadt“, so nennt der amerikanische Streamingdienstleister Netflix seine 2018 erschienene Serie, die den Untergang der Stadt Troja behandelt. [1] Das Interesse am Trojastoff scheint ungebrochen. Ein Grund mehr, sich die Frage nach den Ursprüngen des Trojastoffes zu stellen. Dabei stößt man auf eine Vielzahl an mittelhochdeutschen literarischen Werken. Als Stoff-Feld dieser Arbeit dient der Trojaroman Trojanerkrieg Konrads von Würzburg.[2] Dieser ist neben dem Liet von Troye Herbots von Frizlar und dem Göttweiger Trojanerkrieg ein Beispiel für gereimte, im 13. Jahrhundert entstandene und mit einer gewissen Länge ausgestatten narrativen Trojaerzählung.[3] Alle behandeln den gleichen Stoff, nämlich die Erzählung vom Untergang Trojas, die seit Homer bekannt ist und in immer neuen Formen von der Antike bis in die Neuzeit erzählt worden ist. Unter erzählperspektivischen Aspekten hebt sich Konrads Troja-Erzählung jedoch ab. Seine Fokalisierungsverfahren, die aus der Filmbranche stammen, gaben ihm den Spitznamen des „versierten Kameramann[s]“. [4] Dort soll diese Arbeit anschließen und fragen, inwiefern Konrads Fokalisierungsverfahren geprägt sind von Zoomtechniken respektive wechselnden Nah- und Fernperspektiven; wie dies auf Textebene sichtbar wird und mit welchem narrativen Zweck. Lienert stellte bereits mit ihrer Monografie Geschichte und Erzählen Konrads Trojanerkrieg und unter dem Begriff der „Fokussierung“ seine Fokalisierungsverfahren ins Zentrum ihres Interesses. [5] Auch Gebert befasst sich, wenn auch nur punktuell, mit Konrads Perspektivwechseln. [6] Für einen allgemeinen Zugriff auf Erzähltheorien aus mediävistischer Perspektive eignet sich die gleichnamige Arbeit von Schulz. [7] Und weiterführende Informationen zu Konrads Person finden sich bei Brandt.[8] Für die Vorgehensweise erscheint es zunächst sinnvoll, die Begriffe Perspektive, Fokalisierung, point of view und camera eye- Technik in Beziehung zueinander zu setzten. Im nächsten Schritt werden Konrads Fokalisierungsverfahren wie die Zoomtechnik auf die Episode der dritten Schlacht, des Apfels der Discordia und der Argonauten-Szene angewendet. Dabei werden diese Untersuchungen ergänzt durch eine Annäherung an den narrativen Zweck der Erzählweise. In einem letzten Schritt werden die Erkenntnisse resümiert.

2 Perspektive, Fokalisierung, point of view und camera eye-Technik

Wendet man sich der Frage nach den Fokalisierungsverfahren Konrads zu, erscheint es zunächst sinnvoll, die Begriffe Perspektive, Fokalisierung, point of view und camera eye-Technik zueinander in Bezug zu setzen, denn diese Begriffe scheinen nicht unproblematisch. Der Begriff der Perspektive dient Genette vorerst nur als Metapher für den „zweite[n] Modus der Informationsregulierung, der auf der Wahl (oder Nicht-Wahl) eines eingeschränkten ‚Blickwinkels beruht‘“. Perspektive ist also vorerst Oberbegriff für Stimme und Modus. Häufig werden diese Begrifflichkeiten vermischt und damit die Fragen „Wer spricht?“ und „Wer sieht?“ nicht unterschieden. Daher schlägt Genette vor, „zunächst nur die rein modalen Bestimmungen [zu] betrachten“.[9] Diese Bestimmungen betreffen meist das, was man unter point of view, vision oder Aspekt versteht.[10] Genette fasst diese unter dem abstrakteren Begriff der Fokalisierung zusammen und unterscheidet diese in drei Typen; den ersten nennt er Nullfokalisierung (der Erzähler sagt mehr, als irgendeine Figur weiß), den zweiten interne Fokalisierung (der Erzähler sagt nicht mehr, als die Figur weiß) und den dritten externe Fokalisierung (der Erzähler sagt weniger, als die Figur weiß).[11] Die camera eye -Technik oder „vision du dehors“, wie sie Pouillon bezeichnet,[12] ist wiederum die Realisierung eines point of view oder konkret der externen Fokalisierung. Sie ist zu charakterisieren als neutrale Erzählsituation, die auf Innenweltdarstellungen verzichtet und nur von außen auf die Figuren blickt.[13] Gebert schlägt nun die Brücke zu Konrads Trojanerkrieg. Denn er setzt die camera eye-Technik in Verbindung mit Konrads „perspektivische[r] Erzählregie“. Konrads Erzählweise „des dynamischen Naheholens und Entfernens“ sei eine Form der camera eye -Technik.[14] Eine nicht ganz widerspruchsfreie Zuordnung, wie sich zeigen wird.

3 Zoomtechnik in Konrads von Würzburg Trojanerkrieg

Anhand von drei Episoden[15] aus Konrads Trojanerkrieg soll sich nun den Fragen genähert werden, wie Konrad Raum inszeniert, wo, wie und in welchem räumlichen Ausmaß gekämpft und geliebt wird und inwiefern die räumliche Perspektive etwas zum Erzählen beiträgt. Natürlich lastet der Auswahl der Episoden, wie dem Auswählen zumeist, der implizite Vorwurf der Unvollständigkeit an. Kriterium für die drei gewählten Episoden war insbesondere die Vergleichbarkeit: alle weisen den Wechsel von Fern- und Nahperspektiven auf, erhalten durch die Erzählperspektive Strukturierung und zeigen auch die vielseitigen narrativen Zwecke eines solchen Erzählens auf. Eine Hinzunahme weiterer Episoden würde zudem den Umfang dieser Arbeit überschreiten.

3.1 Die Argonautenfahrt, Jason und Medea

Durch die Episode um die Argonautenfahrer und Jason und Medea werden typische Inszenierungsprogrammatiken Konrads und zudem methodische Probleme bei der Begriffsverwendung im Hinblick auf erzählperspektivische Verfahren sichtbar.[16] Jasons Onkel und Achills Vater Peleus[17] stiftet Jason an, eine vermutlich tödlich ausgehende Reise anzutreten mit dem Ziel, das Goldene Vlies zu erlangen.[18] Peleus Intention ist auf den Prestige-Vorsprung seine Sohnes Achill zum konkurrierenden Jason zurückzuführen, denn dieser sei doch niht gnuoc [19]. Jason schwört um den schæper [20] zu kämpfen während Peleus valschen sin [21] hegt und gar nîdic unde bitter [22] ist. Im Hinblick auf die Frage, inwieweit der Tod Achills als „destruierende Ausgleichshandlung“ respektive als Strafe für Peleus Missgunst zu interpretieren ist, hat Hasebrink bereits vorgelegt und wird damit nicht weiter thematisiert.[23] Bei der Reise sticht besonders heraus, wie „mit komplexen geographisch-architektonischen Relationen gearbeitet und eine zentripetale Bewegung der Argonauten simuliert“ wird.[24] Oder mit anderen Worten, wie Konrad die Zoomtechnik anwendet. Die Argonauten nähern sich Colchis über das Meer,

Er unde sîn geselleschaft die fuoren sêre vröudenhaft und wâren aller sorgen abe. ze Troye kâmens' in die habe und stiezen dâ ze lande.[25]

gelangen dann in das Innere der Insel,

nû von dem wilden wâge tief die Kriechen ûz bekâmen und ir gelende nâmen vor dirre schoenen veste,[26]

passieren Aeetes Residenzstadt,

si kêrten algemeine hin zuo der stat schoen unde rîch; […] ze fuoze ân aller slahte pfert dar in die stat si giengen.[27]

betreten die Burg und setzten sich im Festsaal nieder.

nû stuont des werden künges sal ûf ir strâze, sô man giht, zuo dem si kâmen von geschiht und wolten vür gegangen sîn.[28]

Für den vorrangig fokussierten Jason endet diese Bewegung von außen nach innen erst in Medeas Schlafraum und ihrem Bett. Sieber sieht das vorrangige Ziel dieser Inszenierung in der Liebesanbahnung zwischen Jason und Medea,[29] die für Lienert das zentrale Objekt der Bankett-Inszenierung darstellt.[30] Gerade das Hereinzoomen respektive die räumliche Bewegung von außen nach innen „exponiert“ den Helden Jason erst.[31] Betrachtet man nun diese Zoomtechnik im Zusammenhang mit der camera eye -Technik, erweist sich die These der auf Außenansichten reduzierten Fokalisierung als nicht haltbar. Vorerst würde sie gestützt durch die Form der Gefühlsbeschreibung Medeas während sie sich in ihrem Schlafraum befindet. Ihre Unsicherheit und Unentschlossenheit kommen nur indirekt durch ihre körperlichen Bewegungen und ihre wörtliche Rede zum Ausdruck.

mit diesen beiden si dô streit und hete zwîfellichen sin. si wolte her, si wolte hin, si wolte dar, si wolte dan,[32]

In einem auf Jason bezogenen Beispiel nennt Sieber dieses Phänomen eine erzwungene „Verbalisierung des Gefühlszustandes durch einen Beobachter“ und nicht durch den Erzähler, wie es bei Nullfokalisierung der Fall wäre.[33] Ein weiteres Beispiel dafür wäre die discriptio ihres Kleides.

si truoc an ir daz beste cleit, daz ie von hende wart genât. in einen blâwen plîât diu schoene was gesloufet, dâ wâren în getroufet von golde tropfen cleine, die glizzen alze reine ûz dem rîlichen tuoche blâ. si stuonden hie, dort unde dâ nâch wunsche drîn gesprenget. sus hete sich gemenget zuo blâwer sîden rôtez golt.[34]

Auch hier wird der Beobachter gezwungen, die Metaphorik des Kleides zu verbalisieren.[35] Diese Beobachtungen sind jedoch nicht zuverlässig. Denn auf konkrete Gefühlsbeschreibungen, wie sie für einen heterodiegetischen Erzähler mit Nullfokalisierung konstitutiv sind,[36] wird nicht verzichtet.

[...]


[1] Troja – Untergang einer Stadt. USA / GB 2018. Regie: Owen Harris, Mark Brozel und John Strickland. https://www.netflix.com/de/title/80175352. Letzter Zugriff: 10.09.2018.

[2] Konrad von Würzburg: Trojanerkrieg. Kritische Ausgabe von Heinz Thoelen und Bianca Häberlein. Wiesbaden 2015 (Wissensliteratur im Mittealter 51). Im Folgenden zitiert als: Trojanerkrieg.

[3] Seus folgert aus der reinen Länge der Texte einen narrativen- und nicht chronikalen Charakter. Damit heben sich die Texte zudem von der Kurzfassung des Basler Fragments aus dem 13./14. Jahrhundert und vom Abschnitt zum Trojanischen Krieg aus Ulrich Füerters Buch der Abenteuer aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ab. Vgl. Olga Seus: Heilsgeschichten vor dem Heil? Studien zu mittelhochdeutschen Trojaverserzählungen. Stuttgart 2011, S. 11. Im Folgenden zitiert als: Seus: Heilsgeschichten vor dem Heil.

[4] Kurt Ruh: Höfische Epik des deutschen Mittelalters. Berlin 21977/1980 (Grundlagen der Germanistik 7/25), S. 165. Im Folgenden zitiert als: Ruh: Höfische Epik.

[5] Elisabeth Lienert: Geschichte und Erzählen. Studien zu Konrads von Würzburg ‚Trojanerkrieg‘. Wiesbaden 1996 (Wissensliteratur im Mittelalter. Schriften des Sonderforschungsbereichs 226 Würzburg/Eichstätt 22). Im Folgenden zitiert als: Lienert: Geschichte und Erzählen.

[6] Vgl. Bent Gebert: Narration und Ostension im Trojanerkrieg Konrads von Würzburg. In: Antikes Erzählen. Narrative Transformationen von Antike in Mittelalter und Früher Neuzeit. Hg. von Anna Heinze, Albert Schirrmeister und Julia Weitbrecht. Berlin / Boston 2013 (Transformationen der Antike 27), S. 27-48. Im Folgenden zitiert als: Gebert: Narration und Ostension.

[7] Vgl. Armin Schulz: Erzähltheorie in mediävistischer Perspektive. Studienausgabe. Berlin / München / Boston 22015. Im Folgenden zitiert als: Schulz: Erzähltheorie.

[8] Vgl. Rüdiger Brandt: Konrad von Würzburg. Kleinere epische Werke. Berlin 22009 (Klassiker Lektüren 2).

[9] Gérard Genette: Die Erzählung. Paderborn 32010, S. 118-121. Im Folgenden zitiert als: Genette: Die Erzählung.

[10] Vgl. Jean Pouillon: Temps et roman. Paris 1946. Im Folgenden zitiert als: Pouillon: Temps et roman. Todorov Tzvetan: Les catégories du récit littéraire. In: Communications 8 (1966), S. 125-151.

[11] Vgl. Genette: Die Erzählung, S. 120f.

[12] Pouillon: Temps et roman, S. 102ff.

[13] Vgl. Franz K. Stanzel: Die typische Erzählsituation im Roman. Dargestellt an „Tom Jones“, „Moby Dick“, „The Ambassadors“, „Ulysses“. Wien 1955 (Wiener Beiträge zur englischen Philologie 63).

[14] Gebert: Narration und Ostension, S. 34.

[15] Der Apfel der Discordia (Trojanerkrieg, V. 1116-2890), Jason und Medea (Trojanerkrieg, V. 6530-11393) und die dritte Schlacht (Trojanerkrieg, V. 39134-40216).

[16] Vgl. Andrea Sieber: Medeas Rache. Liebesverrat und Geschlechterkonflikte in Romanen des Mittelalters. Köln / Weimar / Wien 2008 (Literatur – Kultur – Geschlecht 46), S. 13-20. Im Folgenden zitiert als: Sieber: Medeas Rache.

[17] Schon in der Hauptquelle Konrads dem ‚Roman de Troie‘ Benoits de Sainte-Maure, war es zu einer Verwechslung von Pelias, dem Onkel Jasons, und Peleus, dem Vater Achills, gekommen. Lienert zeigt zudem, dass Peleus nicht nur eine falsche Benennung Jasons Onkels ist, sondern dieser tatsächlich mit Achills Vater identifiziert wird. Vgl. Lienert: Geschichte und Erzählen, S. 54ff.

[18] Vgl. Trojanerkrieg, V. 6634-6730.

[19] Ebd. , V. 6658-59.

[20] Ebd. , V. 6746-65.

[21] Ebd. , V. 6736.

[22] Ebd. , V. 6738.

[23] Burkhard Hasebrink: Rache als Geste. Medea im ›Trojanerkrieg‹ Konrad s von Würzburg. In: Literarische Leben. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters. Hg. von Matthias Meyer und Hans-Jochen Schiewer. Tübingen 2002, S. 209-230, hier S. 213.

[24] Sieber: Medeas Rache, S. 16.

[25] Trojanerkrieg, V. 6905-9.

[26] Ebd. , V. 7246-9.

[27] Ebd. , V. 7256-60 und 7268-9.

[28] Ebd. , V. 7322-5.

[29] Vgl. Sieber: Medeas Rache, S. 16.

[30] Vgl. Lienert: Geschichte und Erzählen, S. 58.

[31] Sieber: Medeas Rache, S. 16.

[32] Trojanerkrieg, V. 8798-801.

[33] Sieber: Medeas Rache, S. 31.

[34] Trojanerkrieg, V. 7462-73.

[35] Zur Metaphorik des Kleides: Vgl. Hasebrink: Rache als Geste, S. 215-219.

[36] Vgl. Schulz: Erzähltheorie, S. 383.

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Details

Titel
Fokalisierungsverfahren und Zoomtechnik in Konrads von Würzburg "Trojanerkrieg"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Philologisches Institut)
Veranstaltung
Konrads von Würzburg Trojanerkrieg
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V450910
ISBN (eBook)
9783668851122
ISBN (Buch)
9783668851139
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fokalisierungsverfahren, zoomtechnik, konrads, würzburg, trojanerkrieg
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Fokalisierungsverfahren und Zoomtechnik in Konrads von Würzburg "Trojanerkrieg", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450910

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