Ziel dieser Arbeit soll es sein, das Mondmotiv in der Lyrik Trakls (1887-1914) näher zu betrachten, um, ausgehend von der Annahme, dass seine Lyrik über eine „semantische Tendenz“ verfüge, diese auf die Ambiguität der Darstellungsweise des Mondmotivs zurückzuführen. Die dualistische Darstellungsweise von Motiven soll als konstitutives Merkmal Traklscher Lyrik anhand des Mondmotivs in Früh- und Spätwerk aufgezeigt werden und zuletzt auf die semantische Affinitätsbildung des Schwester- und des Mondmotivs eingegangen werden. In diesem letzten Abschnitt werden die androgynen Eigenschaften des Mondes, beziehungsweise der mythischen Mondgöttin Luna zum Tragen kommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Geschichte des Mondmotivs und zur Sprachnot zu Beginn des 20. Jahrhunderts
2. Das Mondmotiv in der Lyrik Georg Trakls
2.1 Das Sinnproblem bei Georg Trakl
2.2 Das Mondmotiv im Frühwerk Georg Trakls
2.3 Das Mondmotiv im Spätwerk Georg Trakls
2.4 Die Schwester in Trakls Lyrik- ein lunarisches Wesen
3. Trakls Lyrik als Selbstzeugnis einer gespaltenen Persönlichkeit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Mondmotiv im lyrischen Werk von Georg Trakl, um ausgehend von der "semantischen Tendenz" die Ambivalenz seiner Darstellungsweise aufzuzeigen. Dabei wird analysiert, wie das Mondmotiv als konstitutives Merkmal sowohl im Früh- als auch im Spätwerk fungiert und in welche semantische Beziehung es zum Schwestermotiv tritt.
- Analyse des Mondmotivs im Früh- und Spätwerk Trakls
- Untersuchung der Sprachnot und Sprachkrise im Expressionismus
- Erforschung der Affinitätsbildung zwischen Schwester- und Mondmotiv
- Reflektion von Trakls Lyrik als Ausdruck einer gespaltenen Persönlichkeit
- Interdisziplinäre Betrachtung von Motivik und expressionistischer Ästhetik
Auszug aus dem Buch
2.2 Das Mondmotiv im Frühwerk Georg Trakls
Bei der Betrachtung des Frühwerks stellt sich heraus, dass der Mond durchaus an manchen Stellen naturalistische Züge trägt. In einem zwischen Juli 1910 und Februar 1912 entstandenen Gedicht mit dem Titel Die Ratten lauten die ersten drei Verse der ersten Strophe:
„In Hof scheint weiß der herbstliche Mond.
Vom Dachrand fallen phantastische Schatten.
Ein Schweigen in leeren Fenstern wohnt;
[…]“
Hier erscheint der Mond, wie man ihn auch in Gedichten der Romantik finden kann. Er fügt sich harmonisch in eine nächtliche Landschaft ein und erst durch das Auftauchen der Ratten wird er negativ konnotiert.
„[…]
Da tauchen leise herauf die Ratten
Und huschen pfeifend hier und dort
Und ein gräulicher Dunsthauch wittert
Ihnen nach aus dem Abort,
Den geisterhaft der Mondschein durchzittert.“
Die Verbindung des Mondscheins mit Fäkalien und Ungeziefer evoziert Ekel und zerstört die in den ersten Versen entstandene romantische Stimmung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Geschichte des Mondmotivs und zur Sprachnot zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Dieses Kapitel führt in die Tradition des Mondmotivs ein und verknüpft es mit der epochentypischen Sprachkrise des Expressionismus.
2. Das Mondmotiv in der Lyrik Georg Trakls: Hier wird der Kern der Arbeit dargelegt, indem die Entwicklung des Motivs von naturalistischen Ansätzen im Frühwerk bis hin zur hochgradig ambivalenten Symbolik im Spätwerk nachgezeichnet wird.
2.1 Das Sinnproblem bei Georg Trakl: Das Kapitel erörtert die Schwierigkeiten einer eindeutigen Deutung von Trakls Lyrik und die daraus resultierenden methodischen Forschungsansätze.
2.2 Das Mondmotiv im Frühwerk Georg Trakls: Hier wird aufgezeigt, wie der Mond im Frühwerk noch als naturalistisches Element auftritt, bevor er durch negative Kontextualisierungen ambivalenter wird.
2.3 Das Mondmotiv im Spätwerk Georg Trakls: Das Kapitel analysiert die erhöhte Frequenz und die neue, negative Semantisierung des Mondmotivs im Spätwerk, etwa durch die Verbindung mit Kälte und Verfall.
2.4 Die Schwester in Trakls Lyrik- ein lunarisches Wesen: Diese Analyse beleuchtet die enge, symbolisch aufgeladene Verbindung zwischen dem Mondmotiv und der Gestalt der Schwester.
3. Trakls Lyrik als Selbstzeugnis einer gespaltenen Persönlichkeit: Abschließend wird die Lyrik als Ausdruck von Trakls innerer Zerrissenheit und die Verbindung zu anderen expressionistischen Künsten interpretiert.
Schlüsselwörter
Georg Trakl, Mondmotiv, Expressionismus, Sprachnot, Lyrik, Ambivalenz, Schwestermotiv, Semantische Tendenz, Frühwerk, Spätwerk, Sprachkrise, Dissonanz, Schizophrenie, Symbolik, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht das Mondmotiv im lyrischen Werk Georg Trakls und wie dieses als Ausdruck einer tiefgreifenden "semantischen Tendenz" und Sprachkrise zu verstehen ist.
Welche thematischen Schwerpunkte werden gesetzt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung des Mondmotivs im Früh- und Spätwerk, der Rolle der Schwesterfigur sowie der Interpretation der Lyrik als Spiegelbild der gespaltenen Persönlichkeit des Dichters.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, die dualistische Darstellungsweise von Motiven bei Trakl anhand des Mondes aufzuzeigen und die Unmöglichkeit einer eindimensionalen Deutung seiner Gedichte wissenschaftlich zu begründen.
Welche methodische Herangehensweise wird gewählt?
Die Untersuchung basiert auf einer textnahen Analyse von Trakls Gedichten und greift dabei auf literaturwissenschaftliche Sekundärliteratur zu Motivgeschichte und sprachphilosophischen Krisen des Expressionismus zurück.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Erörterung des Sinnproblems bei Trakl, die chronologische Entwicklung des Mondmotivs sowie die spezifische Untersuchung der "lunarischen" Verbindung zwischen Mond- und Schwestermotiv.
Durch welche Schlagworte ist die Arbeit charakterisiert?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie "Ambivalenz", "Sprachnot", "Mondmotiv", "Expressionismus" und "gespaltene Persönlichkeit" definieren.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Mondes im Früh- vom Spätwerk?
Während der Mond im Frühwerk teilweise noch naturalistische Züge aufweist, gewinnt er im Spätwerk an negativer, symbolischer Bedeutung, die oft mit Themen wie Kälte, Verfall und Tod verknüpft ist.
Warum spielt die Figur der Schwester für die Mond-Symbolik eine so wichtige Rolle?
Die Schwester wird in der Lyrik als "lunarisches Wesen" inszeniert; ihre mondene Stimme und Erscheinung dienen Trakl als Medium, um komplexe, teils sexuelle Konnotationen in den geistigen Raum zu übertragen.
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- Johanna Zeiß (Author), 2004, An deinem Mund der herbstliche Mond - Zum Mondmotiv bei Georg Trakl, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45107