Allgemein wird die Psychologie als die Wissenschaft bezeichnet, die sich mit der Beschreibung und Erklärung menschlichen Verhaltens und Erlebens befaßt. Mit Hilfe von verschiedenen wissenschaftlichen Methoden werden Verhalten und Erleben einzelner Personen oder einer für statistische Analysen ausreichend großen Zahl von Personen bzw. von Gruppen untersucht. Entdeckte Zusammenhänge zwischen den definierten äußeren Reizkonstellationen einerseits und innerem Erleben bzw. Verhalten bilden die Erkenntnisgrundlage zur Formulierung psychologischer Theorien. Doch obwohl die überwiegende Mehrheit der psychologischen Studien in Nord-Amerika, die meisten anderen in West-Europa, durchgeführt werden, werden die an überwiegend westlich-kulturell geprägten Versuchspersonen gewonnenen Ergebnisse verallgemeinert und daraus Gesetzte abgeleitet, die meist so behandelt werden, als seien sie für allen Menschen gültig. Die Psychologie läuft dabei Gefahr, die Auswirkungen kultureller Variablen zu vernachlässigen. Hier setzt nun die kulturvergleichende Psychologie an, die versucht zu prüfen, ob die gefundenen Gesetzmäßigkeiten psychischer Prozesse des Menschen universelle (Generalisierungsstudien) oder nur kulturspezifische Gültigkeit (Differenzierungsstudien) besitzen. So gesehen definiert sich die kulturvergleichende Psychologie weniger durch einen Gegenstandsbereich als durch eine methodische Strategie (Thomas, 1993). Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Einfluß des Selbstkonzeptes auf die soziale Informationsverarbeitung und versucht zu überprüfen, ob einige recht konsistente Ergebnisse universelle oder nur kulturspezifischen Gültigkeit besitzen. Zunächst wird im zweiten Kapitel versucht, den Begriffe „Selbstkonzept“ und „Kultur“ zu definieren und zu klären, wie unterschiedliche Kultur zur Bildung unterschiedlicher Selbstkonzepte führen kann. Der dritte Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit einigen bekannten und in zahlreichen Experimenten recht konsistent beobachteten Verzerrungen bei der Informations-verarbeitung. Anhand mehrerer kulturübergreifender Experimente soll überprüft werden, ob diese Ergebnisse unabhängig von kulturellen Variablen sind und ob die daraus entwickelten Theorien universelle oder nur kulturspezifischen Gültigkeit besitzen.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. DAS „SELBST“ UND DIE „KULTUR“
III. ERGEBNISSE DER KULTURVERGLEICHENDEN PSYCHOLOGIE
1. DER FUNDAMENTALE ATTRIBUTIONSFEHLER
2. KOGNITIVE KONSISTENZ UND KOGNITIVE DISSONANZ
3. SELBSTWERTDIENLICHE VERZERRUNGEN
IV. DAS INTERDEPENDENTE-SELF UND DAS INDEPENDENTE-SELF
V. SCHLUßWORT
VI. ANHANG
VII. LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung und Themenfelder
Diese Arbeit untersucht den Einfluss des Selbstkonzeptes auf die soziale Informationsverarbeitung im interkulturellen Kontext. Dabei wird analysiert, ob etablierte psychologische Phänomene und Verzerrungen universell gültig sind oder kulturspezifische Unterschiede aufweisen, wobei insbesondere das Modell des interdependenten und independenten Selbst von Markus und Kitayama zur Erklärung herangezogen wird.
- Bedeutung des Selbstkonzeptes für die Wahrnehmung und Informationsverarbeitung
- Kulturabhängigkeit fundamentaler Attributionsfehler und kognitiver Dissonanz
- Untersuchung selbstwertdienlicher Verzerrungen im westlichen und östlichen Vergleich
- Differenzierung zwischen independentem und interdependentem Selbstkonzept
- Praktische Implikationen der kulturvergleichenden Psychologie
Auszug aus dem Buch
II. Das „Selbst“ und die „Kultur“
Schon sehr früh begannen die Menschen damit, das Wesen ihrer eigenen Person zu ergründen. In der Religion und in der Philosophie wurden metaphysischen Begriffe wie „Seele“, „Wille“ oder „Geist“ geprägt, um das Verhalten und Erleben von Personen zu beschreiben und zu erklären. Auch in der psychologischen Forschung kann die Beschäftigung mit dem „Selbst“ auf eine lange Tradition zurückblicken.
Das „Selbst“ ist ein abstraktes Konstrukt, das das Bewußtsein beschreibt, eine sich von anderen Personen unterscheidende, sich zwar kontinuierlich verändernde, in seiner Kernsubstanz jedoch identische Person zu sein. Das Selbstkonzept gilt als universell und die Entwicklung eines Selbstkonzeptes wird sogar oft als „typische“ menschliche Eigenschaft angesehen. Die Entwicklung des Selbstkonzeptes setzt bereits in den ersten Lebensmonaten des Menschen ein. Am Ende des ersten Lebensjahres treten erste Selbstkategorisierungen auf und zumindest in Bezug auf das eigene Aussehen scheint in diesem Alter bereits ein Selbstkonzept zu bestehen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Einführung in die Psychologie als Wissenschaft und Erläuterung der Bedeutung kulturvergleichender Ansätze für die Generalisierung psychologischer Theorien.
II. DAS „SELBST“ UND DIE „KULTUR“: Definition der Begriffe „Selbst“ und „Kultur“ sowie Diskussion darüber, wie kulturelle Sozialisation die Bildung unterschiedlicher Selbstkonzepte beeinflusst.
III. ERGEBNISSE DER KULTURVERGLEICHENDEN PSYCHOLOGIE: Kritische Untersuchung universeller psychologischer Phänomene wie der Attributionsasymmetrie, kognitiver Dissonanz und selbstwertdienlicher Verzerrungen im interkulturellen Vergleich.
IV. DAS INTERDEPENDENTE-SELF UND DAS INDEPENDENTE-SELF: Vorstellung des Modells von Markus und Kitayama zur Differenzierung zwischen kollektivistischen und individualistischen Selbstkonzepten.
V. SCHLUßWORT: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Diskussion der praktischen Relevanz kulturvergleichender Modelle für interkulturelle Trainingsprogramme.
VI. ANHANG: Tabellarische und grafische Zusammenstellung empirischer Daten zur Unterstützung der im Hauptteil diskutierten Theorien.
VII. LITERATURVERZEICHNIS: Aufstellung der wissenschaftlichen Quellen, die der Arbeit zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Soziale Kognition, Selbstkonzept, Kulturvergleichende Psychologie, Interdependenz, Unabhängigkeit, Fundamentaler Attributionsfehler, Kognitive Dissonanz, Selbstwertdienliche Verzerrungen, Sozialisation, Informationsverarbeitung, Kulturunterschiede, Markus und Kitayama, Identität, Selbstwahrnehmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit psychologische Gesetzmäßigkeiten der Informationsverarbeitung universell sind oder durch kulturelle Faktoren beeinflusst werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das Selbstkonzept, die Attributionsforschung, kognitive Konsistenzmechanismen sowie die Unterschiede zwischen westlichen und östlichen Kulturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob konsistente psychologische Befunde (wie der Attributionsfehler) universell gültig sind oder nur in bestimmten kulturellen Kontexten auftreten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse und Auseinandersetzung mit kulturvergleichenden empirischen Studien und psychologischen Modellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Verzerrungen der Informationsverarbeitung und stellt diese dem Modell des independenten vs. interdependenten Selbst gegenüber.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über die Begriffe Soziale Kognition, kulturelle Differenzierung, Selbstkonzept und Attributionspsychologie definieren.
Wie unterscheidet sich das interdependente vom independenten Selbstkonzept?
Das independente Selbst ist durch Autonomie und individuelle Ziele geprägt, während das interdependente Selbst durch soziale Bindungen, Harmonie und Gruppenanpassung definiert wird.
Warum hinterfragt die Autorin die Universalität des "Self-Serving-Bias"?
Empirische Studien an japanischen Probanden zeigten, dass diese keine selbstwertdienlichen Verzerrungen im gleichen Maße wie westliche Probanden aufweisen, was die gängigen westlichen Theorien in Frage stellt.
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- Aurélie Cahen (Author), 2002, Die Bedeutung der Kultur für die soziale Informationsverarbeitung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4511