Untersuchung zum Fetischismus in der Education sentimentale


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
14 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Gliederung

1. Flauberts Jahrhundert

2. Untersuchung zum Fetischismus in der „Education sentimentale“
2.1 Definitionen des Begriffs Fetischismus
2.1.1 Sexueller Fetischismus
2.1.2 Fetischismus der Waren bei K.Marx
2.2 Sexueller Fetischismus und Warenfetischismus in der „Education sentimentale“

3. Schlussbemerkung

4. Bibliographie

5. Erklärung

1. Flauberts Jahrhundert

In der „Education sentimentale“ hat Flaubert sein Jahrhundert, das der 48ger Revolution, der Industrialisierung und der beginnenden Konsum- und Warengesellschaft, dargestellt. Er wollte „[…]une sorte de fresque de son époque[…]“[1] malen und dieser Roman, bricht er auch mit der epischen Norm eines traditionellen historischen Romans[2], da die Revolutionsgeschehnisse dem Leser en passant mitgeteilt werden und das Hauptaugenmerk auf Frédéric, dem passiven ‘Helden’, gerichtet bleibt, stellt ein Stück Zeitgeschichte dar.

„[…]c’est par son caractère de document sur toute une époque

et d’histoire d’une génération, que le livre était fait [...]. Si Flaubert

a dit: Madame Bovary, c’est moi, il aurait pu dire : l’Education

sentimentale, c’est mon temps.”[3]

Dass die historische Wirklichkeit nicht realistisch abgebildet wurde, sondern dass es sich vielmehr um eine „[…]imaginative Reaktion[…]“[4] auf diese Wirklichkeit handelt, sei nur am Rande bemerkt. Besonders die „[…]ironische Uneigentlichkeit[…]“[5] Flauberts ist ein Indiz dafür.

Im neunzehnten Jahrhundert gibt es einen Begriff, der „[…]auf breiter Front in den Wissenschaften ausgebaut [wurde].“[6] Der Terminus des Fetischismus etablierte sich zeitgleich mit einem immer mehr anwachsenden Konsum, besonders in den Städten.[7] Die Menge an artifiziellen Dingen nahm exponentiell zu, es kam zu einem Ungleichgewicht zwischen den Menschen und ihrer dinglichen Umwelt. Die Industrialisierung bewirkte diese Zunahme und auch die Zugänglichkeit der materiellen Güter nicht nur für die oberen Schichten. So schreibt H. Böhme:

„Der forcierte Kapitalismus begünstigte ein Besitzstreben,

das nicht selten dazu führte, daß zum Beispiel die bürgerli-

chen Wohnungen der Gründerzeit mit ostentativen Ensembles

von Dingen überbordet wurden.“[8]

Wurde der Begriff des Fetischismus im achtzehnten Jahrhundert noch zur Beschreibung des „Anderen der Anderen“[9], besonders der rituellen Gebräuche Afrikas, genutzt, so änderte er seinen Status im neunzehnten Jahrhundert. Er wurde zu „[…]einem Phantasma, das das beängstigende Andere des Eigenen aufstöbern, erfassen, benennen, […]bewerten und vor allem: wegschaffen soll.“[10] Binet und Freud theoretisierten über Fetischismus und K. Marx rückt den Begriff ins Zentrum seiner Waren- und Wertanalyse.

Im Hinblick auf die „[…]ungeheure Karriere[...]“[11] des Fetischismusbegriffs im neunzehnten Jahrhundert und auf die Bedeutung der „Education sentimentale“ als zeitgeschichtliches Dokument, über das Flaubert in einem Brief selbst schreibt, dass es „[…]un roman de mœurs modernes[…]“[12] werden soll, erscheint es von Interesse, die literarische Beschreibung dieses Phänomens in der „Education sentimentale“ zu betrachten.

Ziel dieser Arbeit soll es also sein, die „Education sentimentale“ unter dem Aspekt des Fetischismus zu untersuchen. Dazu wird zunächst eine Begriffsdefinition und die knappe Darstellung der Sexualtheorie und der Theorie des Fetischismus der Waren von Marx erfolgen. Danach wird auf die Formen des sexuellen Fetischismus und des Warenfetischismus im Roman eingegangen werden.

Die neuere Forschungsliteratur zur „Education sentimentale“ beschäftigt sich besonders mit den Liebeskonzeptionen des Romans[13]. Zudem gibt es eine Abhandlung, die sich mit Fetischismus in der Literatur des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts in Frankreich befasst, im Speziellen mit Autoren wie Maupassant und Zola, und mit der Theorie von Marx, Freud und Baudrillard.[14] Aber ein Werk, das sich mit Flauberts Fetischismuskonzeption in der „Education sentimentale“ beschäftigt, ist mir nicht bekannt.

2. Untersuchung zum Fetischismus in der „Education sentimentale“

Zunächst erscheint es erforderlich, eine möglichst umfassende Definition des Begriffs Fetischismus zu geben, bevor die speziellen Theorien von Binet, Freud und K. Marx knapp dargestellt werden.

2.1 Definition des Begriffs Fetischismus

Bei den folgenden Ausführungen werde ich mich auf den Aufsatz „Fetischismus im neunzehnten Jahrhundert“ von Hartmut Böhme[15] stützen, der mir in diesem Kontext als besonders adäquat und aktuell erscheint.

Die Etymologie des Wortes ist mit der Entdeckung Afrikas verknüpft. Der Begriff entstand nach 1481 durch semantische Entwendungen während kolonialer Reisen portugiesischer Seeleute und deren Begegnungen mit „[…]afrikanischen Stämmen, vorwiegend Guineas und der Goldküste.“[16] Die portugiesischen Missionare, die die Seereisen begleiteten, sahen in den heidnischen Gebräuchen der Eingeborenen Zaubermittel (port. feitiço) und sie wurden vom König beauftragt, die Idole[17] und Fetische zu zerstören. Dieser Ikonoklasmus legte die negative Wortwendung von „Fetisch“ bis in die heutige Zeit fest.

Fetischismus kann als Begriff für eine korrupte Objektbeziehung verstanden werden.[18]

Ein Fetisch ist zumeist eine Sache, an die eine einzelne Person oder auch mehrere Personen Bedeutungen und Kräfte knüpfen, die dieser Sache aber nicht von vornherein zukommen. Diese Eigenschaften werden dem Fetisch in einem initialisierenden Akt, der durch seine Plötzlichkeit charakterisiert ist, beigelegt.[19] Der Fetisch wird zu einem kraftgeladenen Objekt, an das der Fetischist gebunden ist.

Nachdem der Begriff durch Charles de Brosses (1709-1777) erstmals wissenschaftlich behandelt wurde, beschäftigte sich auch die Philosophie mit diesem Thema. Im neunzehnten Jahrhundert „[…], das wie kein anderes den Fetischismus mit den Mitteln der Wissenschaft verteufelte[…]“[20], ist Auguste Comte (1798-1857), der den Fetischismus als eine Positivität auffasste, eine große Ausnahme. Die Begründung für die Positivität des Fetischismus ist seiner Ansicht nach der Anthropomorphismus, also das natürliche Bedürfnis, menschliche Eigenschaften auf alles Nicht-Menschliche (Dinge, Tiere, Götter, etc.) zu übertragen.

Auf zwei Bereiche, die Hartmut Böhme als epochal für das neunzehnte Jahrhundert ansieht[21], werde ich im Folgenden eingehen: zum Einen die Sexualtheorie, in der der Fetischismus als „[…]Pervertierung des libidinösen Objekts[…]“[22] angesehen wird und zum Anderen die Warenanalyse von K. Marx, die besagt, dass „[…]der Fetischismus den Dingwert pervertiert[…]“[23].

2.1.1 Sexueller Fetischismus

Im Jahre 1887 veröffentlichte Alfred Binet eine Untersuchung mit dem Titel Le Fétichisme dans l’amour. Sie gilt als wegweisend und wurde später auch von Freud studiert.[24] In ihr weist er auf das metonymische Wesen des Fetischs hin.

„Binet placed the fetish in a signifying chain of synecdoches

marking the displacement of genital desire to objects[...].”[25]

Der Fetisch wird aus seinem Kontext herausgenommen und von der betreffenden Person getrennt. Der normale erotische Kontext wird dabei unterbrochen und neu eingeleitet, wobei „[…]Momente der erotischen Plötzlichkeit und Zufälle eine prägende Rolle [spielen].“[26]

Freuds Fetischismustheorie, das sei hier klar bemerkt, ist kein Kind des neunzehnten Jahrhunderts mehr. Seine früheste Erörterung des Fetischismus datiert das Jahr 1905.[27]

Dennoch sei auf eine These, die im Verlauf der Arbeit noch einmal aufgegriffen werden wird, hingewiesen: Der Fetischist, dessen Fetisch bekanntermaßen der Ersatz für den Phallus der Frau (Mutter) sein soll[28], unterliegt manchmal dem Zwiespalt zwischen Verehrung und Kastration (Aggression).

[...]


[1] Duquette, Jean-Pierre: Flaubert ou l’architecture du vide. Montréal, 1972, S.80, im folgenden zitiert als Duquette: Flaubert.

[2] Vgl. hierzu: Jauß, Hans Robert: Die beiden Fassungen von Flauberts ›Education sentimentale‹. S.320 f, im folgenden zitiert als Jauß: Fassungen. In: Engler, Winfried (Hg.): Der französische Roman im 19. Jahrhundert. Darmstadt, 1976, S.293-324.

[3] Thibaudet, Albert: Gustave Flaubert. Paris, 1995, S.149, im folgenden zitiert als Thibaudet: Flaubert.

[4] Warning, Rainer: Die Phantasie der Realisten. München, 1999, S.8, im folgenden zitiert als Warning: Phantasie.

[5] Warning: Phantasie. S.22.

[6] Böhme, Hartmut: Fetischismus im neunzehnten Jahrhundert. S.445, im folgenden zitiert als Böhme: Fetischismus. Aus: Paulin, Roger (Hg.): Das schwierige neunzehnte Jahrhundert. Germanistische Tagung zum 65. Geburtstag von Eda Sagara im August 1998. Tübingen, 2000, S.445-465.

[7] Vgl. hierzu: Böhme: Fetischismus. S.446 f.

[8] Böhme: Fetischismus. S.446.

[9] Böhme: Fetischismus. S.447.

[10] Böhme: Fetischismus. S.447.

[11] Böhme: Fetischismus. S.447.

[12] Brombert, Victor: Flaubert par lui-même. Paris, 1971, S.95, im folgenden zitiert als Brombert: Flaubert.

[13] Vgl. hierzu: Keller, Thomas: Mathilde und Mme Arnoux. Der unmögliche Vollzug der Liebe bei Stifter und Flaubert. In: Cahier d’études germaniques 45 (2003), S.253-283.

[14] Vgl. hierzu: Apter, Emily: Feminizing the Fetish. Psychoanalysis and Narrative Obsession in Turn-of-the-Century France. London, 1991, im folgenden zitiert als Apter: Feminizing.

[15] Vgl. hierzu: Böhme: Fetischismus. S.445-465.

[16] Böhme: Fetischismus. S.448.

[17] Der neu entstandene Begriff Fetisch verdrängte langsam das Wort Idol. Vgl. hierzu: Böhme: Fetischismus.

S. 448.

[18] Vgl. hierzu: Böhme: Fetischismus. S.445.

[19] Vgl. hierzu: Böhme: Fetischismus. S.445.

[20] Böhme: Fetischismus. S.454.

[21] Vgl. hierzu: Böhme: Fetischismus. S.460.

[22] Böhme: Fetischismus. S.460.

[23] Böhme: Fetischismus. S.460.

[24] Vgl. hierzu: Böhme: Fetischismus. S.462.

[25] Apter: Feminizing. S.20.

[26] Böhme: Fetischismus. S.463.

[27] Vgl. hierzu: Mitscherlich, Alexander (Hg.): Sigmund Freud. Studiensausgabe. Psychologie des Unbewussten. Bd.III, Frankfurt a.M., 1975, S.381, im folgenden zitiert als Freud: Psychologie.

[28] Vgl. hierzu: Freud: Psychologie. S.383 f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Untersuchung zum Fetischismus in der Education sentimentale
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V45110
ISBN (eBook)
9783638425735
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Untersuchung, Fetischismus, Education
Arbeit zitieren
Johanna Zeiß (Autor), 2005, Untersuchung zum Fetischismus in der Education sentimentale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45110

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Untersuchung zum Fetischismus in der Education sentimentale


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden