Konsum und Nachhaltigkeit. Ein Spannungsfeld des Alltags


Essay, 2018
10 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

„Der Konsumismus kann wegen seiner objektiven okologischen Unmog- lichkeit nicht mehrlange durchhalten.“ (Erik Assadourian)

Mit diesem Zitat attestiert Erik Assadourian bereits 2010, was auch heute noch immer nicht dringlich genug diskutiert wird: Das Konsumverhalten der Gesellschaft, vorallem der westlichen Kulturen, hat unseren Plane- ten in den letzten Jahrzehnten maftgeblich und unbestreitbargeschadigt. Die Weltmeere sind voll mit Plastikmull, die Gletscher schmelzen in Re- kordzeiten und der Begriff des Klimafluchtlings ist Realitat worden. Seit ich zuruckdenken kann, ist der Klimawandel von diversen Politikern und Wissenschaftlern thematisiert worden, die eindringlich davor warnen, dass es ,,funf vor zwolf“ sei, wenn es um ein Umdenken in unserem Kon­sumverhalten und einen verstarkten Umweltschutz geht. Ich personlich frage mich seit einiger Zeit: Wann ist es denn ,,zwolf“? Oder ist es viel- leicht schon ,,funf nach zwolf“?

In diesem Essay soll es weniger darum gehen, wissenschaftlich zu dis- kutieren, wie sich der Klimawandel zeigt oder was die Politik in den letz­ten Jahren verpasst hat, um diesen aufzuhalten. Vielmehr mochte ich meinen eigenen Mikrokosmus beleuchten und beschreiben, wie sich das Spannungsfeld zwischen konsumorientierter Bedurfnisbefriedigung und dem Nachhaltigkeitsgedanken in meinem Alltag zeigt und welche Gedan- ken mich in den letzten Monaten leiteten.

Viele meiner Freunde und Familienmitglieder setzen sich in den letzten Jahren merklich intensiver mit dem Thema Umweltschutz und im Spezi- ellen mit nachhaltigem Konsumverhalten auseinander. Viele beziehen Okostrom, kaufen nachhaltige(re) Kleidung, ernahren sich weniger von tierischen Produkten oder verzichten mehr auf ihr Auto. Unterdem Strich leben wir dennoch in einer Konsumkultur, die mit vollen Autobahnen, bil- ligen Flugzeugreisen und franzosischem Mineralwasser aus PET-Fla- schen aufgewachsen ist. Wir alle bewegen uns in diesem Spannungsfeld zwischen der Notwendigkeit eines bewussteren Konsums und der fast anerzogenen und uns in die Wiege gelegten Werte und Normen der Kon- sumgesellschaft.

Erik Assadourian ist der beispielweise der Ansicht, dass die Mitglieder der Konsumgesellschaft nichts dafurkonnen, dass sie diesen umwelt- schadlichen Lebensstil verfolgen. Wir wurden unser ganzes Leben von der Werbung, der Politik und unserem sozialen Umfeld dahingehend er- zogen, diese Werte, Symbole und Verhaltensweisen zu adaptieren. Es handelt sich mehr oder weniger um einen naturgegebenen Zustand in unserer Kultur, der nur schwer aufzubrechen scheint. Assadourian ver- gleicht eine Aufforderung zum konsumtechnischen Umdenken mit der Aufforderung das Atmen einzustellen: Kurzzeitig ist es dem Menschen moglich nicht zu atmen, aber langfristig benotigen wir eine Alternative, die dieses Bedurfnis befriedigt, da wir sonst wieder damit beginnen wer- den bzw. sogar mussen, um unser Leben fortzufuhren. Dieser Analogie folgend, ist es also durchaus moglich, dass der Mensch weniger in den Urlaub fliegt oder weniger Plastik- und Wegwerfwaren kauft. Die breite Masse wird dies aber nicht langfristig durchhalten, ohne, dass wir die al- ten Werte unseres Konsumverhaltens auflosen und von der Politik und der Wirtschaft nachhaltige Alternativen geboten bekommen.

Ich stelle mir die Frage, ob dies uberhaupt moglich ist? Oder sind wir schon so in unseren Verhaltensmustern festgefahren, dass es kein Zu- ruck mehr gibt? Ist die Gesellschaft denn uberhaupt gewillt umzudenken oder befinden wir uns in einer ,,Nach mir die Sintflut“-Mentalitat?

Hierzu mochte ich zunachst uber einen Besuch auf dem Gieftener ,,Ver- schenkmarkt“ vom 16.06.2018 berichten. Bei dieser Veranstaltung geht es darum, dass Menschen Gegenstande, die sie nicht mehr benotigen, abgeben konnen, damit diese auf dem ,,Verschenkmarkt“ an andere Per- sonen verschenkt werden konnen, die fur die Gegenstande noch eine Verwendung haben. Alles in allem kann man sich die Veranstaltung wie einen Flohmarkt vorstellen, nur, dass die Waren umsonst sind und frei- zuganglich zur Mitnahme ausliegen. Das Ganze wird regelmaftig von der Abfallwirtschaft der Stadt Gieften organisiert und dient dem nachhaltigen Zweck der Anschlussverwendung. Bei den Waren handelt es sich um Guter, die man auch auf jedem Flohmarkt findet: Spielzeug, Glaser, Be- steck, Bucher, Mobel, Dekoartikel und Ahnliches.

Ich wartete also gegen 9:00 Uhr morgens vor den Toren der Hessenhal- len in Gieften auf den Einlass. Der „Verschenkmarkt“ offnete erst um 10:00 Uhr, ich hatte allerdings von einer Bekannten den Tipp bekommen, moglichst fruh dort zu sein, da es erfahrungsgemaft zu einem groften Andrang kommen wurde. Wie vermutet, warteten bereits schatzungs- weise 70-80 Personen vordem Eingang, um moglichst zugig in die Halle zu kommen, sobald der Markt offnen wurde.

Ich kam wahrend der Wartezeit mit einer alteren Dame ins Gesprach, die angab schon seit vielen Jahren am „Verschenkmarkt“ teilzunehmen. Sie berichtete mir, dass sie hauptsachlich nach Spielwaren fur die Enkel schaue und manchmal auch einen Dekoartikel fur ihren Garten mitneh- men wurde. Ich fragte sie, was denn ihre Motivation sei, hier her zu kom­men und nicht in einen Spielwarenladen oder die Gartnerei zu gehen. Sie antwortete etwas nachdenklich, dass hier eben alles umsonst sei, sie so- mit Geld sparen und den Enkeln trotzdem eine Freude bereiten konne. Ich fragte, ob sie der Nachhaltigkeitsgedanke ebenfalls dazu bewege hier teilzunehmen. Sie stimmte mirzu, dass dies naturlich ein positiver Effekt sei, wenn Menschen Dinge weiterverschenken, anstatt sie direkt weg zu werfen. Nichtsdestotrotz erganzte sie, dass ihrer Meinung nach die meis- ten Leute am „Verschenkmarkt“ teilnehmen wurden, da es die Gegen­stande umsonst gabe. Sie erzahlte mir aufterdem, dass einige Teilneh- mer die geschenkten Gegenstande in den nachsten Wochen auf her- kommlichen Flohmarkten verkaufen wurden, was sie aufterst missbil- ligte, da dies nicht der Sinn dieser Veranstaltung sei.

Als sich schlieftlich die Tore der Veranstaltungshalle offneten, sturmten die Menschen regelrechtauf die Warenauslagen zu und griffen sich, mei- ner Empfindung nach, alles was sie bekommen konnten. Ich personlich hielt mich zuruck, da ich zum einen hauptsachlich das Geschehen be- obachten wollte und zum anderen auch rasch ein personliches Unwohl- sein in der Situation verspurte. Die Menschen drangten sich stellenweise rucksichtslos nach vorne, rissen sich die Gegenstande aus den Handen und kommunizierten durchaus forsch miteinander. Alles in allem emp- fand ich die ganze Situation als sehr chaotisch, laut, undiszipliniert und rucksichtslos. Es wirkte auf mich befremdlich, wie harsch der Umgang mit anderen Personen werden kann, sobald es um den Erwerb eines kostenlosen Konsumgutes geht.

Auch die vom Organisator zu Beginn erwahnte Regel ,,Jeder darf so viel mitnehmen, wie er mit zwei Handen tragen kann“ wurde haufig missach- tet und viele nahmen Mengen mit, die mit Hilfe eines Transporters ab- transportiert werden mussten und somit weit uber dem, vom Veranstalter gesetzten, Limit lagen. Ob es sich hierbei um eine private Anschlussver- wendung hielt, wagte ich mehr und mehr zu bezweifeln und musste an die altere Dame denken, die mir von den Flohmarkthandlern erzahlte, welche die verschenkten Waren gewinnbringend weiterverkaufen wur- den.

Nach circa 45 Minuten war der groftte Teil der Waren bereits vergriffen und die Veranstaltung leerte sich allmahlich. Ich resumierte fur mich die Veranstaltung und kam zu dem Schluss, dass sich mir hier eher weniger ein Bild des nachhaltigen Konsums bot. Vielmehr verstarkte sich das Bild von Raumungs - oder Schlussverkaufen, bei denen Menschen gierig und rucksichtslos miteinander agieren, um Konsumguter gunstig oder umsonst zu bekommen. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass der ,,Verschenkmarkt“ eine sinnvolle Veranstaltung der Stadt Gieften ist, da die Guter eine Weiterverwendung finden und nicht auf direktem Wege im Mull landen. Ich personlich empfand die Situation und den Umgang mit­einander allerdings sehr unangenehm, weswegen ich vermutlich nicht noch einmal daran teilnehmen wurde.

Doch warum entwickeln die Menschen so eine Gier und Rucksichtslosig- keit, wenn es um den Erwerb von Konsumgutern geht?

Wir alle kennen die Vorfreude auf neue Kleidung, ein neues Handy oder die nachste Auslandsreise. Wir alle haben uns durch Konsumverhalten schon glucklich gefuhlt, wenn auch nur fur den Moment. Konsumguter scheinen ein in uns herrschendes Bedurfnis zu befriedigen, weshalb wir ein hoheres subjektives Wohlempfinden verspuren, wenn wir sie erwor- ben haben. Selbstverstandlich gibt es physische Grundbedurfnisse wie Essen, Trinken oder ein Dach uber dem Kopf, die erfullt sein mussen, damit ein Mensch sein Wohlbefinden steigert. Nichtsdestotrotz zeigen

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Details

Titel
Konsum und Nachhaltigkeit. Ein Spannungsfeld des Alltags
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
10
Katalognummer
V451173
ISBN (eBook)
9783668843974
ISBN (Buch)
9783668843981
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konsum, nachhaltigkeit, spannungsfeld, alltags
Arbeit zitieren
Torben Arndt (Autor), 2018, Konsum und Nachhaltigkeit. Ein Spannungsfeld des Alltags, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451173

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