Neue Wege in der Behandlung von Alkoholsucht. Welche Hilfestellung kann die Soziale Arbeit leisten?


Fachbuch, 2019
114 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorüberlegungen und definitorische Eingrenzungen
2.1 Der Begriff der Sucht
2.2 Diagnostische Kriterien – Missbrauch
2.3 Diagnostische Kriterien – Abhängigkeit
2.4 Diagnostische Kriterien des Alkoholismus
2.5 Typologien des Alkoholismus nach Jellinek und Cloninger
2.6 Phasen der Alkoholabhängigkeit nach Jellinek
2.7 Epidemiologie
2.8 Ätiologie der Abhängigkeit – Entstehungstheorien

3 Die Behandlung der Alkoholsucht
3.1 Ziele und Prinzipien der Behandlung
3.2 Typische Behandlungsphasen
3.3 Zugänge zum Suchthilfesystem und das Abstinenzparadigma

4 Das Konzept des „kontrollierten Trinkens“
4.1 Angebote des „kontrollierten Trinkens“
4.2 Warum kT-Angebote?!
4.3 Wirksamkeit des „kontrollierten Trinkens“

5 Die „Zieloffene Suchtarbeit“ (ZOS)
5.1 Reduktionsbehandlungen
5.2 Ziel der Schadensminderung (engl. „Harm Reduction“)
5.3 Zwischenfazit
5.4 Zieloffene Suchtarbeit im Detail
5.5 Folgen für die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit

6 Resümee

Literaturverzeichnis

Print-Medien

Online-Publikationen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1. Verbrauch von alkoholischen Getränken

Abbildung 2. Pro-Kopf-Verbrauch verschiedener Getränke

Abbildung 3. Pro-Kopf-Verbrauch von Reinalkohol der Bevölkerung im Alter von 15 Jahren und älter

Abbildung 4. Definitionen zu Maßzahlen zur Erfassung der Verbreitung des Alkoholkonsums und zu Formen des gesundheitsgefährdenden Alkoholkonsums

Abbildung 5. Methoden zur Bestimmung der Konsummenge reinen Alkohols pro Tag

Abbildung 6. Häufigste F10-Diagnosen in Krankenhäusern bei Erwachsenen und Minderjährigen nach Geschlecht

Abbildung 7. Alkoholbedingte Todesfälle bei 15- bis 64-jährigen Männern und Frauen nach Geschlecht und Todesursache

Abbildung 8. Todesfälle aufgrund von ausschließlich durch Alkohol bedingten Erkrankungen bei 15- bis 64-Jährigen nach Geschlecht und Jahr

Abbildung 9. Jährliche direkte und indirekte Kosten durch schädlichen Alkoholkonsum in Deutschland

Abbildung 10. Bewilligte Entwöhnungsbehandlungen nach Art der Leistung

Abbildung 11. Zusammenhang von Alkoholkonsum und Straf-/Gewalttaten sowie gesellschaftliche Folgen

Abbildung 12. Suchtdreieck

Abbildung 13. Dynamisches Modell der Entwicklung der Alkoholabhängigkeit

Abbildung 14. Konsumveränderungen 1 Jahr nach Abschluss des AkT

Abbildung 15. Zieloffene Suchtarbeit

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1. Diagnostik der Substanzgebrauchsstörung nach DSM-5

Tabelle 2. Diagnostik der Alkoholabhängigkeit nach ICD-10

Tabelle 3. Profile of Prominent Features Distinguishing Two Types of Alcoholism

Tabelle 4. Distinguishing Differences Between Type I and Type II Alcoholism

Tabelle 5. Geschätzte Mortalitätsbelastung verursacht durch Alkoholabhängigkeit und -missbrauch in Deutschland im Jahr 2004

Tabelle 6. Die Inhalte der 10 Gruppenabende

Tabelle 7. Die Inhalte der 10 Einzelstunden

1 Einleitung

Die Droge Alkohol ist heutzutage ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens – mit zum Teil schwerwiegenden Folgen. Zwar ist Alkohol in geringer Menge genossen gesundheitlich wenig bedenklich, ein erhöhter Alkoholkonsum ist aber ein bedeutender Risikofaktor für zahlreiche Krankheiten, darunter auch einige Krebsarten wie Leber- oder Mundhöhlenkrebs. Daneben kann ein exzessiver Alkoholkonsum aufgrund seiner psychoaktiven Eigenschaften in eine Abhängigkeit mit gravierenden persönlichen und sozialen Folgen führen. Es liegt daher auch im gesellschaftlichen Interesse, zur Vorbeugung von Krebs und weiteren alkoholbedingten Erkrankungen, den riskanten Alkoholkonsum in der Bevölkerung zu reduzieren. Insbesondere in einer alternden Gesellschaft – auch Krebs ist eine Erkrankung, die mit dem Alter zunimmt – ist die Prävention von krankheitsfördernden Faktoren von elementarer Wichtigkeit. Diese Aussage wird umso deutlicher, wenn man sich vor Augen führt, dass Abhängigkeitserkrankungen in Deutschland, welche aufgrund eines übermäßigen Substanzkonsums entstehen und zu denen auch die Abhängigkeit von Alkohol gezählt werden kann, zu den bedeutsamsten epidemiologischen und gesundheitlichen Problemen zählen. Neben den individuellen physischen, psychischen, familiären und sozialen Folgen, produzieren solche Suchterkrankungen – durch langfristige Arbeitsunfähigkeit, frühzeitige Berentung und suchtbedingte Begleiterscheinungen – auch erhebliche volkswirtschaftlichen Kosten. Rein fiskalisch betrachtet sind die finanziellen Verluste, die der Gesellschaft durch Alkoholmissbrauch entstehen, mindestens dreimal so hoch wie die durch Steuern und Alkoholproduktion erzielten Gewinne. So schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die volkswirtschaftlichen Folgekosten für Suchterkrankungen allein für europäische Länder auf fünf bis sechs Prozent des Bruttosozialprodukts (vgl. Thomasius, Aden und Arnaud, 2015, S. 280 ff.).

Speziell in Deutschland, in dem die Trinkkultur von einer permissiven Einstellung und einer sozialen Akzeptanz geprägt ist, ist das Risiko, einen problematischen Alkoholkonsum zu entwickeln, tendenziell sehr hoch. Die Frage jedoch, ab wann genau das Trinken von Alkohol zu einer behandlungsbedürftigen Krankheit wird, stellt sich nicht nur dem ein oder anderen Konsumierenden, sondern auch einer breiten Basis von Fachleuten. Ob der Verträglichkeitsunterschiede zwischen den einzelnen Konsumierenden, ist die Ausbildung einer alkoholbedingten Erkrankung sicherlich nicht nur eine Frage der Menge. Fest steht aber, dass das individuelle Risiko, alkoholbedingt zu erkranken, proportional mit der konsumierten Menge ansteigt.

Obgleich dabei das in Deutschland installierte Suchthilfesystem als eines der am besten ausgebauten Unterstützungs- und Behandlungsnetzwerke für chronisch Kranke angesehen werden kann, wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit deutlich werden, dass ein großer Teil der Menschen mit Alkoholproblemen von unserem traditionellen, abstinenzorientierten System nicht erreicht wird – die Gründe hierfür sind vielfältig und werden ebenfalls im Rahmen dieser Arbeit noch näher erörtert werden.

Selbstverständlich stellt sich aufgrund dieses Umstandes auch die Frage nach geeigneten Konzepten, welche es ermöglichen, möglichst viele Menschen mit Alkoholproblemen – frühzeitig – zu erreichen und effiziente, bedarfsgerechte und vor allem zielorientierte Hilfsangebote zu offerieren. Ein Konzept hiervon ist das Programm des „selbstkontrollierten“ oder kurz „kontrollierten Trinkens“, welches wie andere Suchthilfeangebote, die auf eine Reduktion des Konsums abzielen, im Rahmen der traditionellen Suchthilfe von Anfang an als kaum realisierbar galt. So entbrannte vor dem Hintergrund des auch noch heute vorherrschenden „Abstinenzmonopolismus“ eine über viele Jahre hinweg geführte Diskussion, welche die Wirksamkeit selbiger Reduktionsprogramme in Frage stellte. Glücklicherweise lässt sich jedoch mittlerweile eine vorsichtige Annäherung zwischen den Vertretern der abstinenzorientierten Behandlung und jenen des „kontrollierten Trinkens“ erkennen. Dies wird nicht zuletzt auch durch diverse internationale Forschungsergebnisse begünstigt, welche aufzuzeigen vermögen, dass die Rückkehr zu einem gemäßigten Alkoholkonsum zwar nicht bei allen, aber bei vielen Konsumenten möglich ist.

So fußt auch der Gegenstand dieser Arbeit im Wesentlichen auf der Vorstellung des „kontrollierten Trinkens“ als mögliche Alternative in der Behandlung von Menschen mit Alkoholproblemen und soll hinsichtlich seiner Möglichkeiten und Wirksamkeit, aber auch seiner Grenzen beleuchtet werden. Zudem soll der Versuch unternommen werden, die Bedeutung des „Abstinenzdiktats“ in der traditionellen Suchthilfe bezüglich seiner Wirksamkeit zwar zu würdigen, aber auch seine Grenzen aufzuzeigen. Vor diesem Hintergrund soll ferner ein Augenmerk auf die „Zieloffene Suchtarbeit“ gelegt werden, welche es nicht nur ermöglichen soll, mehr Menschen mit riskantem, schädlichem und abhängigem Alkoholkonsum zu erreichen und diese zur einer Konsumänderung beziehungsweise zu einer entsprechenden Behandlung zu motivieren, sondern darüber hinaus auch einige Handlungsmaximen und Arbeitsaufträge für die Soziale Arbeit bereithält.

2 Vorüberlegungen und definitorische Eingrenzungen

Im folgenden Kapitel werden wir uns zunächst mit dem allgemeinen, aber auch fachterminologischen Verständnis der Begrifflichkeiten „Sucht“, „Alkoholmissbrauch“ und „Alkoholabhängigkeit“ sowie mit deren diagnostischen Kriterien auseinandersetzen. Darauf aufbauend soll die gründliche Differenzierung der Alkoholikertypologien nach Jellinek und Cloninger sowie der umfassende Blick auf die Epidemiologie und Ätiologie der (Alkohol-)Abhängigkeit und die damit einhergehenden Entstehungstheorien, gleichermaßen als Ausgangsbasis und fundierte Grundlage für sämtliche sich noch anschließende Ausführungen fungieren.

2.1 Der Begriff der Sucht

Im deutschen Duden wird das Substantiv „Sucht“ als eine „krankhafte Abhängigkeit von einem bestimmten Genuss- oder Rauschmittel oder Ähnlichem“ (Bibliographisches Institut GmbH, 2018, Online) beschrieben, welche in dessen Konsequenz durch ein „übersteigertes Verlangen nach etwas, nach einem bestimmten Tun […]“ (ebd.) charakteristisch begleitet wird. Zudem weist der deutsche Duden ergänzend darauf hin, dass der Terminus „Sucht“ im alltäglichen Sprachgebrauch auch heute noch – jedoch im Rahmen einer eher veralteten Begriffsinterpretation – häufig synonym zum Wort „Krankheit“ verwendet wird. Diese Angabe deckt sich insofern auch mit der Etymologie des Wortes „Sucht“ (germ. suhti-, ahd. suht, suft, mhd. suht), welches sich vom germanischen Verb „siechen“ (adh. siechen, mhd. siuchan), also „an einer Krankheit leiden“, ableiten lässt.

Daneben findet sich in diversen fachliterarischen Werken eine Vielzahl an definitorischen Umschreibungen für „Sucht“ und das damit korrelierende „süchtige Verhalten“. So beschreibt Philip Zimbardo, ein weltweit anerkannter und mittlerweile emeritierter Professor für Psychologie, „Sucht“ als einen Zustand, welcher mit einem physischen und psychischen Verlangen nach einer spezifischen Droge einhergeht. Die Abwesenheit der Droge führt dabei zu schmerzhaften Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüchen, Übelkeit und im Falle eines abrupten Alkoholentzuges mitunter zum Tod. (vgl. Zimbardo, 1995, S. 248)

Die Psychologin und 1992 verstorbene Professorin für Psychologie Lotte Schenk-Danzinger bezeichnete „Sucht“ als einen Prozess, in welchem menschliche Verhaltensmuster sukzessive einen Charakter annehmen, der zunehmend von Zwängen beherrscht wird. Dies führt letztlich zu einem Zustand, in welchem Dinge getan werden, die den eigenen und selbstauferlegten Werten sowie den individuellen Vorstellungen widersprechen. Ebenso tritt dabei das Bedürfnis auf, sich selbst und andere Mitmenschen zu täuschen, Sachverhalte zu vertuschen, zu leugnen und zu lügen. (vgl. Schenk-Danzinger, 2006, S. 310)

Weiterführend merkt Schenk-Danzinger an, dass sich Süchte grundsätzlich in stoffgebundene und stoffungebundene beziehungsweise prozessgebundene Süchte differenzieren lassen. Demnach ist eine stoffgebundene Sucht, wie sie beispielsweise durch einen nicht regulierten oder gar einmaligen Konsum von psychoaktiven Substanzen1 wie Alkohol, Tabak (Nikotin), Kaffee (Coffein) und rezeptierten Medikamenten (z.B. Benzodiazepine2 ), aber auch von illegalen und nicht verkehrsfähigen Suchtstoffen wie Opiaten und Opioiden (z. B. Heroin, Morphin) sowie Halluzinogenen (z. B. Lysergsäurediethylamid/ LSD), Kokain (Benzoylecgoninmethylester), Crack und anderen (Meth-)Amphetaminen (z. B. Crystal Meth) vorliegen kann, durch die Abhängigkeit von einer bestimmten Substanz gekennzeichnet, welche künstlich bearbeitet oder hergestellt worden ist und eine stimmungsverändernde Wirkung mit sich bringt. Dahingegen führt bei den stoffungebundenen Süchten eine bestimmte Abfolge von Handlungen und Interaktionen in die Abhängigkeit. Dies ist beispielsweise bei pathologischem Spielen, Sexsucht, Arbeitssucht, Kaufsucht oder auch bei Essstörungen wie Magersucht (Anorexia Nervosa) und Bulimie (Ess-Brecht-Sucht/ Bulimarexie) der Fall. (vgl. ebd.)

Eine in diesem Sinne und auf beide Suchtformen zutreffende und noch heute in einschlägiger Literatur oft zitierte Definition stammt von dem homburgischen Mediziner und Wissenschaftler Klaus Wanke: „Sucht ist ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung der Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen des Individuums.“ (2000, S. 12; vgl. auch Stangl, 2018, Online).

Im Jahre 1957 nahm auch die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization/ WHO) den Suchtbegriff (engl. „addiction“) per Definition in ihren offiziellen Sprachgebrauch auf:

„Repeated use of a psychoactive substance or substances, to the extent that the user (referred to as an addict) is periodically or chronically intoxicated, shows a compulsion to take the preferred substance (or substances), has great difficulty in voluntarily ceasing or modifying substance use, and exhibits determination to obtain psychoactive substances by almost any means. Typically, tolerance is prominent and a withdrawal syndrome frequently occurs when substance use is interrupted. The life of the addict may be dominated by substance use to the virtual exclusion of all other activities and responsibilities. The term addiction also conveys the sense that such substance use has a detrimental effect on society, as well as on the individual […].“ (World Health Organization, 2018, Online)

Die Weltgesundheitsorganisation3 definierte „Sucht“ somit als einen Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, welcher durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge hervorgerufen wird. Überdies leitete die WHO hieraus fünf klare suchtkennzeichnende Kriterien ab:

- Ein unbezwingbares Verlangen zur Einnahme und Beschaffung des Mittels
- Eine Tendenz zur Dosissteigerung (Toleranzerhöhung)
- Eine psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge
- Die Schädlichkeit für den einzelnen und/ oder die Gesellschaft
- Den Verlust der Kontrolle über das eigene Verhalten

(vgl. Frietsch, Holbach und Link, 2010, S. 57; vgl. auch Goppel-Hirmer, 2017, Online)

Da der Begriff „Sucht“ jedoch, welcher in Deutschland im Übrigen – und in diesem Kontext auch der „Alkoholismus“ – mit Urteil des Bundessozialgerichts vom 18. Juni 1968 als „Krankheit“ juristisch anerkannt wurde (vgl. Sturma und Heinrichs, 2015, S. 401), insbesondere in Bezug auf stoffgebundene Süchte (vgl. oben) als zu unspezifisch und in seiner Deutung als potenziell missverständlich bewertet wurde und es sich bei „Sucht“ um ein substanzübergreifendes Erscheinungsbild handelt, ersetzte die Weltgesundheitsorganisation diesen bereits ab dem Jahre 1964 durch die Begriffe „Missbrauch“ und „Abhängigkeit“ (vgl. Soyka und Küfner, 2008, S. 8). Konkret vorgeschlagen wurde dabei, dass stoffgebundene Erscheinungen fortan nicht mehr als „Sucht“ bezeichnet werden sollen, sondern diese vielmehr „[…] durch Zusammenstellung mit der Nennung einer psychotropen Substanz als stoffgebundene Abhängigkeit […]“ (Seitz, Lesch, Spanagel, Beutel und Redecker, 2017f, S. 11) zu bestimmen sind.

Da allerdings das oben beschriebene Missbrauchskonzept im weiteren Fortgang gleichermaßen als wenig handfest eingestuft wurde, wurde dieses im Jahre 1969 durch die WHO verworfen. Ersatzweise wurden vier Klassen des Gebrauchs definiert:

- Unerlaubter Gebrauch (engl. „unsanctioned use“)
- Ein von der Gesellschaft oder einer sozialen Gruppe nicht tolerierter Gebrauch
- Gefährlicher Gebrauch (engl. „hazardous use“)
- Ein Gebrauch, der aller Voraussicht nach zu schädlichen Folgen für den Konsumenten führen wird
- Dysfunktionaler Gebrauch (engl. „dysfunctional use“)
- Ein Gebrauch, der die Erfüllung von psychischen und sozialen Anforderungen ungünstig beeinflusst
- Schädlicher Gebrauch (engl. „harmful use“)
- Ein Gebrauch, der bei dem Konsumenten bereits manifeste Schäden physischer oder psychischer Art hinterlassen hat (siehe auch Kapitel 2.2)

(vgl. World Health Organization, 2018, Online; vgl. auch Krausz, Dittmann und Lucht, 2012, S. 119 ff.; vgl. auch Krausz und Kröber, 1999, S. 120)

Im Jahre 1977 beschäftigte sich schließlich eine Expertenkommission der Weltgesundheitsorganisation mit dem Vorschlag, zwischen alkoholspezifischen Folgeschäden und Alkoholabhängigkeit zu differenzieren. Da es sich in diesem Zusammenhang auch als zweckdienlich erwies, zwischen „Missbrauch“4 und „Abhängigkeit“ zu unterscheiden, wurden diese Begriffe fortan in den seit 1938 beziehungsweise 1952 installierten Klassifikationsschemata „ICD“5 („Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“, engl. „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“) der WHO und im „DSM“6 („Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“, engl. „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“) der „Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung“ (engl. „American Psychiatric Association“/ APA) aufgenommen. (vgl. Baumgärtner und Soyka, 2014, S. 12). Während die in der „ICD“ enthaltenen medizinischen Diagnosekriterien und Klassifikationen in Fachkreisen seit vielen Jahren zum Standard geworden sind und mitunter auch von den deutschen Ärzten und Krankenkassen verwendet werden, ist die Anwendung des „DSM“ vornehmlich im Forschungssegment sowie in diversen psychiatrischen Kliniken und Instituten gebräuchlich. Im Folgenden werden wir uns daher näher mit den Begrifflichkeiten des „Missbrauchs“ und der „Abhängigkeit“, auch in Bezug auf den Konsum von Alkohol, auseinandersetzen.

2.2 Diagnostische Kriterien – Missbrauch

Von einem „Missbrauch“ oder einem „schädlichen Gebrauch“ kann gemeinhin dann gesprochen werden, wenn eine psychoaktive Substanz nicht ihrem Zweck entsprechend benutzt und über einen genussvollen Gebrauch hinaus konsumiert wird. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn…

- ...in Ausnahmefällen konsumiert wird, um unangenehme Gefühle wie z. B. Angst oder Wut weniger spürbar zu machen (z. B. Alkohol als "Weichzeichner“ des Alltags).
- ...die Dosis überschritten wird (z. B. „Kater“ nach Alkoholkonsum).
- …auch in gefährlichen und/ oder unangemessenen Situationen wiederholt konsumiert wird (z. B. Alkohol am Steuer).
- …die durch den Konsum eintretenden negativen sozialen und/ oder gesundheitlichen Folgen, trotz Kenntnis darüber, in Kauf genommen oder auch dritte Personen hierdurch negativ tangiert werden.

(vgl. Hardeling und Neugebauer, 2016, Online; vgl. auch O´Connor, 2018, Online; vgl. auch AH Suchtberatungsstelle Brandenburg Somatrix e.V., 2018, Online)

Laut dem medizinischen Klassifikationssystem „ICD-10“ der WHO liegt ein Missbrauch respektive ein „schädlicher Gebrauch“ gemäß der Codierung F10.1 dann vor, wenn der Konsum einer psychotropen Substanz zu Schädigungen der Gesundheit führt: „A pattern of psychoactive substance use that is causing damage to health.“ (World Health Organization, 2018, Online). Die Schädigung kann dabei sowohl physisch als auch psychisch auftreten: „The damage may be physical (as in cases of hepatitis from the self-administration of injected psychoactive substances) or mental (e.g. episodes of depressive disorder secondary to heavy consumption of alcohol).“(ebd.). 7

Wird diese Definition nun auf das Trinken von Alkohol übertragen, so lässt sich daraus schlussfolgern, dass von einem „schädlichen Alkoholkonsum“ gemäß der WHO immer dann gesprochen werden kann, wenn sich bei dem jeweiligen Konsumenten bereits Begleiterscheinungen beziehungswiese Schädigungen körperlicher oder psychischer Natur aufgetan haben (vgl. Körkel, 2014a, S. 17).

Baumgärtner und Soyka (vgl. 2014, S. 12) geben in diesem Kontext allerdings auch zu bedenken, dass ein wie oben angeführter „Kater“ (Hangover) oder eine akute Alkoholintoxikation, wie sie in der Codierung F10.0 klassifiziert ist, nicht zum Beweis der Diagnose eines „schädlichen Gebrauchs“ und in dessen Konsequenz eines gesundheitlichen Schadens gereichen. Analog sei ebenso eine „soziale Unerwünschtheit oder negative soziale Folgen noch kein hinreichender Beweis für den schädlichen Gebrauch von Alkohol.“ (ebd.). Auch darf die Diagnose eines „schädlichen Gebrauchs“ nicht gestellt werden, sofern ein Abhängigkeitssyndrom (F10.2) oder anderweitige psychische Störungsbilder vorliegen, welche auf den Konsum von Alkohol zurückzuführen sind (vgl. Seitz et al., 2017c, S. 54).

Die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) wiederum stellt in der 4. Auflage ihres „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-IV) primär die negativen sozialen Folgen des Alkoholkonsums heraus und geht von einem Alkoholmissbrauch (engl. „alcohol abuse“) dann aus, wenn mindestens eines der nachfolgenden vier Kriterien innerhalb der letzten zwölf Monate zu einer persönlichen oder sozialen Beeinträchtigung geführt hat:

- Substanzgebrauch, der zum Versagen bei wichtigen Verpflichtungen führt (z. B. Arbeit, Schule, Haushalt)
- Wiederholter Substanzgebrauch in Situationen, in denen es zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann (z. B. Alkohol am Steuer oder beim Bedienen von Maschinen)
- Wiederkehrende Probleme mit dem Gesetz in Zusammenhang mit dem Substanzgebrauch
- Fortgesetzter Substanzgebrauch trotz sozialer oder interpersoneller Probleme, welche durch den Konsum versursacht werden (z. B. Eheprobleme)

(vgl. Körkel, 2014a, S. 17 f.; vgl. auch Kruse, Körkel und Schmalz, 2014, S. 45)

Wie auch nach den Regelungen der „ICD-10“, darf ein Alkoholmissbrauch generell nur dann diagnostiziert werden, wenn die Kriterien einer Abhängigkeit nicht erfüllt sind.

Durch die Ablösung des „DSM-IV“ durch den „DSM-5“ im Jahre 2013 haben sich jedoch kleinere, zum Teil aber auch tiefgreifende Änderungen der Kriterien ergeben. Neben dem formalen Wechsel von römischen zu arabischen Ziffern, dem Hinzufügen von weiteren Kapiteln und Störungsbildern sowie deren Neuordnung (Aufgabe des vorherigen multiaxialen Systems), liegt die größte Veränderung im „DSM-5“ darin, dass keinerlei Differenzierung und Einteilung von substanzbezogenem „Missbrauch“ (engl. „substance abuse“) und substanzbezogener „Abhängigkeit“ (engl. „substance dependence“) mehr vorgenommen wird. Stattdessen werden beide Begrifflichkeiten zusammengeführt und fortan durch die Bezeichnung der „Substanzgebrauchsstörung“ (engl. „substance use disorder“) ersetzt und klassifiziert. Daneben wird der kapitelbezogene Oberbegriff „Störungen durch psychotrope Substanzen“ (engl. „Substance-Related Disorders“) durch „Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen und suchtbezogenen Verhaltensweisen“ (engl. „Substance-Related and Addictive Disorders“) erneuert. Dies ist in insofern erstaunlich, als dass der Begriff der „Sucht“ nunmehr wieder Einzug in die offizielle Terminologie gefunden hat. (vgl. Saß, Wittchen, Zaudig und Houben, 2003; vgl. auch Döpfner, Gaebel, Maier, Rief, Saß und Zaudig, 2015; vgl. auch Baumgärtner und Soyka, 2014, S. 12 f.; vgl. auch Wiesbeck, 2011, S. 3, 9-12)

Die diagnostischen Kriterien der „Substanzgebrauchsstörung“ nach „DSM-5“ sind nachfolgend tabellarisch visualisiert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1. Diagnostik der Substanzgebrauchsstörung nach DSM-5

Übernommen aus Baumgärtner und Soyka, 2014, S. 13

Wie aus der obenstehenden Tabelle entnommen werden kann, wird die Diagnose einer „Substanzgebrauchsstörung“ nach „DSM-5“ anhand von elf Leitkriterien gestellt. In der Diagnostik differenziert die APA dabei ferner zwischen einer milden und schweren Form der „Substanzgebrauchsstörung“. Während für die schwere Form mindestens vier oder mehr Kriterien erfüllt sein müssen, sind es bei der moderaten Ausprägung zwei bis drei Kriterien. Kann nur ein oder gar kein Kriterium diagnostisch verifiziert werden, so liegt auch keine „Substanzgebrauchsstörung“ vor. Als Zeitkriterium gilt auch hier, dass sich die Symptome für mindestens 12 Monate präsent zeigen müssen. (vgl. Baumgärtner und Soyka, 2014, S. 13)

Ebenfalls neu im „DSM-5“ ist die nach Vorbild der „ICD-10“ erfolgte Aufnahme des „ausgeprägten Verlangens“ (engl. „Craving“8 ), als relevantes biologisches Merkmal, in den Kriterienkatalog. Das Missbrauchskriterium „wiederkehrende Probleme mit dem Gesetz im Zusammenhang mit dem Substanzgebrauch“ wurde hingegen gestrichen nachdem es sich als unbrauchbar erwiesen hatte. (vgl. ebd.; vgl. auch Wiesbeck, 2011, S. 12)

2.3 Diagnostische Kriterien – Abhängigkeit

Nach dem allgemeinen Verständnis definiert die WHO den Begriff der „Abhängigkeit“ (engl. „dependence“) als einen Zustand, welcher davon geprägt ist, die Unterstützung einer Sache oder Person zu benötigen beziehungsweise auf diese zwingend angewiesen zu sein, um in alltäglichen Situationen physisch und seelisch zu funktionieren oder zu überleben. Im speziellen Bezug auf Alkohol und anderweitige Suchtmittel impliziert der Ausdruck „Abhängigkeit“ außerdem, dass ein regelmäßiger Konsum der Droge von Nöten ist, um sich gut zu fühlen oder vice versa, unangenehme Gefühle und Beschwerden wieder zum Abklingen zu bringen: „As a general term, the state of needing or depending on something or someone for support or to function or survive. As applied to alcohol and other drugs, the term implies a need for repeated doses of the drug to feel good or to avoid feeling bad.“ (World Health Organization, 2018, Online).

In der „ICD-10“ wird die „Alkoholabhängigkeit“ unter der Codierung des „Abhängigkeitssyndroms“ (F10.2) zentral zusammengefasst als eine „[…] Gruppe von Verhaltens-, kognitiven und körperlichen Phänomenen, die sich nach wiederholtem Substanzgebrauch entwickeln. Typischerweise besteht ein starker Wunsch, die Substanz einzunehmen, Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren, und anhaltender Substanzgebrauch trotz schädlicher Folgen. Dem Substanzgebrauch wird Vorrang vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen gegeben. Es entwickelt sich eine Toleranzerhöhung 9 und manchmal ein körperliches Entzugssyndrom 10 . Das Abhängigkeitssyndrom kann sich auf einen einzelnen Stoff beziehen (z. B. Tabak, Alkohol oder Diazepam), auf eine Substanzgruppe (z. B. opiatähnliche Substanzen), oder auch auf ein weites Spektrum pharmakologisch unterschiedlicher Substanzen.“ (DIMDI - Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2018, Online; vgl. auch Körkel und Schmalz, 2014, S. 41 f.).

Diesbezüglich muss an dieser Stelle auch angemerkt werden, dass die Diagnose einer „Alkoholabhängigkeit“ nur dann gestellt werden soll, wenn mindestens drei der nachfolgenden sechs Kriterien innerhalb des letzten Jahres gleichzeitig zutreffend waren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2. Diagnostik der Alkoholabhängigkeit nach ICD-10

Übernommen aus Baumgärtner und Soyka, 2014, S. 13

Merke: Ist eine „Alkoholabhängigkeit“ (Abhängigkeitssyndrom) oder eine andere alkoholbedingte psychische Störung verlässlich diagnostiziert, so gilt diese gleichsam als Ausschlusskriterium oder Ersatz für die Diagnose des „Alkoholmissbrauchs“ beziehungsweise „schädlichen Gebrauchs“ (vgl. Körkel, 2014a, S. 20; vgl. auch Seitz et al., 2017c, S. 54).

Wie bereits im Kapitel 2.2 angeklungen ist, wird die „Alkoholabhängigkeit“ (engl. „alcohol dependence“) und damit auch das Krankheitsbild des „Alkoholismus“ im aktuellen „DSM-5“ der APA den „Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen und suchtbezogenen Verhaltensweisen“ zugerechnet und geht dabei klassifikatorisch im Terminus der „Substanzgebrauchsstörung“ und deren diagnostisch definierten Kriterien auf. Um jedoch an dieser Stelle auch die Parallelen zu der noch im „DSM-IV“ klassifizierten „Substanzabhängigkeit“ (engl. „dependence“) ergänzend aufzuzeigen und hiermit ein nachvollziehbares und schlüssiges Wissensbild zu skizzieren, sollen die damit in Verbindung stehenden Kriterien hier kurz angeführt werden. Im „DSM-IV“ wurde im Rahmen der Klassifikation einer „Substanzabhängigkeit“ von einem unangepassten Muster von Substanzgebrauch gesprochen, welches in klinisch bedeutsamer Weise zu Beeinträchtigungen oder Leiden führt. Zur sicheren Diagnosestellung mussten sich dabei mindestens drei der nachfolgenden Kriterien innerhalb desselben 12-Monats-Zeitraums verfestigt haben:

1. Toleranzentwicklung, welche durch eine der folgenden Kriterien definiert ist:

a) Ein vorherrschendes Verlangen nach ausgeprägter Dosissteigerung, um einen Intoxikationszustand oder erwünschten Effekt herbeizuführen
b) Deutlich verminderte Wirkung bei fortgesetzter Einnahme derselben Dosis

2. Entzugssymptome, die sich durch eines der folgenden Kriterien äußern:

a) Charakteristisches Entzugssyndrom der jeweiligen Substanz
b) Dieselbe (oder eine verwandte) Substanz wird eingenommen, um Entzugssymptome zu lindern oder zu vermeiden

3. Die Substanz wird oftmals in größeren Mengen oder über einen längeren Zeitraum als vorgesehen eingenommen.
4. Es besteht ein konstanter Wunsch oder eine erfolglose Mühe, den Substanzgebrauch zu verringern oder zu kontrollieren.
5. Es wird sehr viel Zeit aufgebracht, um die Substanz zu beschaffen (z. B. das Aufsuchen von mehreren Ärzten hintereinander oder das Fahren von längeren Strecken), sie zu gebrauchen (z. B. Kettenrauchen) oder sich von ihren Effekten wieder zu erholen
6. Wichtige soziale, berufliche oder Freizeitaktivitäten werden zugunsten des Substanzgebrauchs aufgegeben oder eingeschränkt
7. Trotz Kenntnis über ein anhaltendes oder wiederkehrendes physisches oder psychisches Problem, welches aller Wahrscheinlichkeit nach durch die Einnahme der Substanz verursacht oder verstärkt wurde, wird der Substanzgebrauch fortgesetzt (z. B. Gebrauch von Kokain trotz erkannter kokaininduzierter Depression oder fortgesetztes Trinken trotz der Einsicht, dass sich ein bereits vorhandenes Geschwür durch den Alkohol verschlimmert hat).

(vgl. American Psychiatric Association, 1994, S. 181; vgl. auch Wiesbeck, 2011, S. 11)

2.4 Diagnostische Kriterien des Alkoholismus

Das „ICD-10“ zählt Störungen, welche verifizierbar auf den Konsum von Alkohol schließen lassen, zu den „psychischen und Verhaltensstörungen durch Alkohol“ (F10.-). Diese sind wie folgt kategorisiert (vgl. DIMDI - Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2018, Online):

- F10.0 Akute Alkoholintoxikation (akuter Rausch)
- „Ein Zustandsbild […] mit Störungen von Bewusstseinslage, kognitiven Fähigkeiten, Wahrnehmung, Affekt und Verhalten oder anderer psychophysiologischer Funktionen und Reaktionen.“ (ebd.). Die Art und Ausprägung der Störung ist dabei stets abhängig von Substanz und Dosis. Im Regelfall nehmen die Störungen „[…] bis zur vollständigen Wiederherstellung mit der Zeit ab, ausgenommen in den Fällen, bei denen […] Komplikationen aufgetreten sind. Komplikationen können ein Trauma, Aspiration von Erbrochenem, Delir, Koma, Krampfanfälle und andere medizinische Folgen sein.“ (ebd.).

- F10.1 Schädlicher Gebrauch von Alkohol: siehe Kapitel 2.2

- F10.2 Abhängigkeitssyndrom (Alkoholabhängigkeit): siehe Kapitel 2.3

- F10.3 Alkoholentzugssyndrom
- Hierbei handelt es sich um „[…] eine Gruppe von Symptomen unterschiedlicher Zusammensetzung und Schwere nach absolutem oder relativem Entzug einer psychotropen Substanz, die anhaltend konsumiert worden ist. Beginn und Verlauf des Entzugssyndroms sind zeitlich begrenzt und abhängig von der Substanzart und der Dosis, die unmittelbar vor der Beendigung oder Reduktion des Konsums verwendet worden ist.“ (ebd.). Nach Einschätzung von Körkel (2014a, S. 20) können im Rahmen einer physischen Alkoholabhängigkeit und einer damit verbundenen kurz- oder längerfristigen Konsumabstinenz mitunter folgende Symptome auftreten: Starkes Schwitzen, vermehrte Unruhe, Tachykardien11, Tremor12, Halluzinationen, Schlaflosigkeit (Agrypnie bzw. Insomnie), hypertensive Krisen13, Elektrolytentgleisungen, Übelkeit und Erbrechen sowie Krampfanfälle.

- F10.4 Alkoholentzugssyndrom mit Delir14
- „Ein Zustandsbild, bei dem das Entzugssyndrom [vgl. F10.3 – Anm. d. Verf.] durch ein Delir […] kompliziert wird. Symptomatische Krampfanfälle können ebenfalls auftreten.“ (ebd.).

- F10.5 Psychotische Störung
- Eine alkoholbedingte psychotische Störung tritt als Anhäufung von psychotischen Abnormitäten auf und ist üblicherweise gekennzeichnet durch halluzinogene Wahrnehmungsstörungen (Alkoholhalluzinose), Wahnideen (Alkoholische Paranoia), psychomotorische Störungen (z. B. Erregung) sowie Affekte, welche von intensiver Angst bis hin zur Ekstase geprägt sein können (Alkoholpsychose) (vgl. ebd.). Bedeutsam für Phänomene dieser Art ist ferner, dass sie „[…] während oder nach dem Substanzgebrauch auftreten, aber nicht durch eine akute Intoxikation erklärt werden können und auch nicht Teil eines Entzugssyndroms sind.“ (ebd.).

- F10.6 Amnestisches Syndrom
- Charakteristisch für ein amnestisches Syndrom ist eine ausgeprägte Störung des Zeitgitters sowie des Kurz- und Langzeitgedächtnisses bei meist erhaltenem Immediatgedächtnis15, oftmals begleitet durch Konfabulationen16. Ein Beispiel hierfür ist die durch Alkohol bedingte Korsakow-Psychose beziehungsweise das Korsakow-Syndrom17. (vgl. ebd.)

- F10.7 Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung
- „Eine Störung, bei der alkohol- oder substanzbedingte Veränderungen der kognitiven Fähigkeiten, des Affektes, der Persönlichkeit oder des Verhaltens über einen Zeitraum hinaus bestehen, in dem noch eine direkte Substanzwirkung angenommen werden kann. Der Beginn dieser Störung sollte in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Gebrauch der psychotropen Substanz stehen.“ (ebd.). Beispiele hierfür sind die „Alkoholdemenz“ oder auch „posthalluzinogene Wahrnehmungsstörungen“ (vgl. ebd.).

- F10.8 Sonstige psychische und Verhaltensstörungen: nicht näher bezeichnet

- F10.9 Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung

Die diagnostischen Kriterien des „Alkoholismus“ im „DSM-5“ der APA entsprechen den in Kapitel 2.2 beschriebenen Leitmerkmalen der „Substanzgebrauchsstörung“ (siehe auch diagnostische Kriterien der „Substanzabhängigkeit“ nach „DSM-IV“ in Kapitel 2.3).

2.5 Typologien des Alkoholismus nach Jellinek und Cloninger

Auf Basis der Erkenntnis, dass sich Menschen, welche an einem problematischen Alkoholkonsum leiden, hinsichtlich ihrer Trinkgewohnheiten (Anlässe, Häufigkeit, Menge und Dauer), ihres physischen Abhängigkeitsgrades, etwaig begleitender Auffälligkeiten wie kriminellem oder aufbrausendem Verhalten sowie anderweitiger Merkmale (z. B. genetische Disposition durch elterlichen Alkoholismus) teilweise beträchtlich voneinander unterscheiden, haben in den letzten Jahrzenten diverse Forscher den Versuch unternommen, im Sinne einer einfach anwendbaren und reproduzierbaren Kategorisierung, Typen von „Trinkern“ und ihre korrelierende Abhängigkeitsentwicklung zu differenzieren. (vgl. Kruse et al., 2014, S. 69)

Im Jahre 1960 stellte dabei der US-amerikanische Forscher und Physiologe Elvin Morton Jellinek in seinem Werk „The Disease Concept of Alcoholism“ (dt. „Das Krankheitskonzept des Alkoholismus18 “) erstmals eine nach ihm benannte Typologie vor, welche auch noch heutzutage, gerade im klinischen Bereich, äußerst bekannt ist. In Anlehnung an das griechische Alphabet differenziert Jellinek in seiner Typologie „Trinker“ in fünf Untergruppen: Alpha-, Beta-, Gamma-, Delta- und Epsilon-Trinker. Während insbesondere die Alpha- und Beta-Trinker als Abhängigkeitsgefährdete gelten, werden im klinischen Alltag primär die Gamma-, Delta- und Epsilon-Trinker als tatsächlich alkoholabhängig eingestuft. Obgleich Jellineks Typologie in Fachkreisen als grundsätzlich korrekt angesehen wird, hat sie dennoch einige Kritiker. So kritisieren beispielsweise der US-amerikanische Psychiater George Eman Vaillant und der deutsche Universitätsprofessor Johannes Lindenmeyer, heute ärztlicher Direktor der Salus-Klinik für Suchbehandlung in Lindow, dass Jellineks Sicht auf den Krankheitsverlauf und hiermit auch seine Trinker-Typologie vornehmlich auf persönlichen Erfahrungen und eben nicht auf wissenschaftlichen Studien begründet ist. Damit sei seine Sicht zu eindimensional und vorbestimmt. Allerdings muss gleichsam auch angemerkt werden, dass auch neuere empirisch-statistische Ansätze bis jetzt keine einheitliche Typologie hervorgebracht haben. (vgl. Kruse et al., 2014, S. 69)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine weitere und in biologisch-medizinisch orientieren Kreisen ebenfalls sehr bekannte und beliebte19 Typisierung von alkoholkranken Menschen stammt aus dem Jahre 1981 und wurde von dem US-amerikanischen Psychiater und Genetiker Claude Robert Cloninger sowie den Forschern Michael Bohman und Sören Sigvardsson in deren Artikel „Inheritance of Alcohol Abuse: Cross-Fostering Analysis of Adopted Men“ verfasst, welcher in der amerikanischen Fachzeitschrift „Archives of General Psychiatry“ – heute „JAMA Psychiatry“ – veröffentlicht wurde. Cloninger, Bohman und Sigvardsson führten dabei genetische Untersuchungen an 862 schwedischen Männern durch, welche bereits in jungen Jahren von Nichtverwandten adoptiert wurden. Auf Basis dieser Untersuchungen unterscheiden Cloninger et al. zwei große Untergruppen von Alkoholkranken (Typ 1 und Typ 2). Berücksichtigt wurden bei der Untersuchung sowohl der Beginn, die Funktion und die familiäre Einbettung der Abhängigkeit, als auch damit assoziierte Persönlichkeitsmerkmale, diagnostizierte psychopathologische Störungen und genetische Hintergrundvariablen. (vgl. Cloninger, Bohman & Sigvardsson 1981, 861 ff.; vgl. auch Kruse et al., 2014, S. 71)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3. Profile of Prominent Features Distinguishing Two Types of Alcoholism Übernommen aus Cloninger, Bohman und Sigvardsson, 1981, S. 866

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4. Distinguishing Differences Between Type I and Type II Alcoholism Übernommen aus Cloninger, Sigvardsson und Bohman, 1996, S. 21

Wie den obenstehenden Tabellen zu entnehmen ist, lassen sich nach Cloninger et al. Alkoholkranke des Typ 1 durch einen wechselnden Alkoholmissbrauch, welcher manchmal leicht und manchmal schwer, jedoch in der Summe mild ausfällt, identifizieren („mild alcohol abuse“). Die Abhängigkeit selbst, welche bei beiden Geschlechtern vorkommt, bildet sich dabei vergleichsweise spät aus (nach dem 25. Lebensjahr), das heißt erst nach vielen Jahren des Alkoholkonsums. Ein kriminelles Verhalten konnte bei den Vätern, die zumeist aus der oberen sozialen Schicht stammten, nicht verifiziert werden („minimal criminality“). Dies gilt auch analog für die biologischen Mütter. Ebenso zeichnen sich die Abhängigen dadurch aus, dass sie äußerst vorsichtig sind, nach Schadensvermeidung streben („high harm avoidance“), sich von ihrer Umwelt leicht beeinflussen lassen („environmental“), eine Abhängigkeit von Belohnungen („high reward dependence“) an den Tag legen und sich überaus ungern in Risikosituationen begeben, in welchen sie mit neuen Stimulationen konfrontiert werden würden („low novelty seeking“). Getrunken wird meist aus Gründen der Angstreduktion („relieve anxiety“). Weitere psychopathologische Auffälligkeiten konnten hingegen nicht festgestellt werden. Darüber hinaus weisen Typ-1-Patienten weniger alkoholbedingte soziale Probleme („mild problems“) bei gleichzeitig selteneren stationären Behandlungen auf als jene von Typ 2. (vgl. Cloninger et al., 1996, S. 20 f.; vgl. auch Seitz et al., 2017d, S. 68; vgl. auch Kruse et al., 2014, S. 72)

Bei Alkoholkranken des Typ 2 beginnt der Krankheitsprozess bereits vor dem 25. Lebensjahr und wird von einer starken Abhängigkeitssymptomatik („severe alcohol abuse“) begleitet. Die Abhängigkeit wird hierbei primär von hereditären beziehungsweise genetischen Faktoren bestimmt und konnte im Rahmen der Analyse überwiegend bei männlichen Personen nachgewiesen werden („affects men more often than women“). Eine hohe Risikobereitschaft und damit korrelierende Sucht nach neuen Stimulationen („high novelty seeking“) sind ebenso charakteristisch für Typ-2-Patienten wie das Fehlen von Vermeidungsverhalten („low harm avoidance“). Daneben treten die Konsumenten gegenüber ihrer Umwelt beziehungsweise Umgebung meist als antisozial und autonom auf („non-environmental“) und legen keine Abhängigkeit von Belohnungen („low reward dependence“) an den Tag. Während Typ-1-Patienten eine höhere Vererbbarkeit aufweisen, werden Typ-2-Patienten in ihrem Krankheitsverlauf deutlich häufiger stationär aufgenommen und leiden nicht selten an schweren psychiatrischen Störungen. Sie wachsen unter erkennbar schwierigeren sozialen Bedingungen auf („moderate problems“), wodurch sich Aggressionen und Gewalt, in den jeweiligen Familien und bei den Abhängigen selbst, sehr häufig beobachten lassen („associated with fighting“). In dessen Konsequenz geraten sie ebenso oft in Konflikt mit dem Gesetz („severe criminality“, „arrests“). Häufig beobachtet wurde auch die gleichzeitige Einnahme anderweitiger Suchtmittel. Die Prognose für Typ-2-Patienten ist nach Cloninger et al. ungünstig. (vgl. ebd.)

Wie bereits angemerkt zählen die Typologien von Jellinek und Cloninger zu den wohl bekanntesten und in fachliterarischen Werken auch meistzitiertesten Klassifikationswerkzeugen für Alkoholismus. Daneben existieren jedoch noch weitere konstruierte Klassifizierungen, welche allerdings an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden sollen. Hierbei handelt es sich unter anderem um Typologien von Otto-Michael Lesch (österreichischer Psychiater), Marc Allan Schuckit (Emeritierter Professor der University of California in San Diego), Victor Hesselbrock (Doktor der Philosophie und stellvertretender Vorsitzender der Abteilung Psychiatrie an der University of Connecticut) und Francis K. Del Boca. (vgl. Seitz et al., 2017d, 69- 73)

2.6 Phasen der Alkoholabhängigkeit nach Jellinek

Neben der im vorangegangenen Kapitel beschriebenen Typologie, entwickelte Elvin Morton Jellinek im Jahre 1961 auf Grundlage von klinischen Beobachtungen und der Zusammenarbeit mit den „Anonymen Alkoholikern“20 ein Phasenmodell, welches die Konsum- und Suchtentwicklung der Alkoholkrankheit exemplarisch beschreiben soll. Jellinek differenzierte das Modell dabei in vier Phasen. Diesen werden wir uns nachfolgend näher widmen.

Phase 1: Präalkoholische/ Symptomatische Phase

Die präalkoholische Phase ist vornehmlich durch den Belohnungseffekt des Alkohols gekennzeichnet und wird nach Jellineks Theorie auf wenige Monate bis hin zu zwei Jahren anberaumt. Der Konsum von Alkohol findet hier in sozialen Zusammenhängen seinen Beginn. So konsumiert der „Trinker“ seinen Alkohol in Gesellschaft und verspürt schon bald eine sich durch den Alkohol einstellende befriedigende Erleichterung, welche auf den Abbau von Spannungen und die Eliminierung von Unsicherheits- und Minderwertigkeitsgefühlen zurückzuführen ist. Fatalerweise schreibt der Betroffene diesen angenehmen Effekt in der Regel jedoch nicht dem Alkohol zu, sondern vielmehr der ausgelassenen Situation selbst, in der er trinkt (z. B. auf einer Feier). Dies führt letztlich auch dazu, dass er beginnt, derartige Trinkgelegenheiten gezielt zu suchen. Es kommt wie es kommen muss: Mit zunehmender Zeit entwickelt sich eine Toleranz gegenüber dem Alkohol, so dass er immer größere Mengen des Suchtmittels benötigt, um seinen angestrebten „Erleichterungszustand“ zu realisieren. Parallel und scheinbar unbemerkt resultiert dies in einem wahren Teufelskreislauf, in dem der Betroffene sukzessive immer häufiger seinem gesteigerten Bedarf Abhilfe verschafft. In Folge dessen lässt auch seine psychische Belastbarkeit nach, was schlussendlich dazu führt, dass der Betroffene nunmehr täglich trinkt (dauerhaftes Erleichterungstrinken). (vgl. Kruse et al., 2014, S. 73)

Phase 2: Anfangsphase (Prodomalphase)

Die Anfangs- oder Prodomalphase ist auf eine Dauer von sechs Monaten bis zwölf Jahren bemessen. In dieser Phase kommen alkoholbedingte, typische Erlebensweisen und Verhaltensmuster zu Tage, welche mitunter sein können:

- Das Auftreten von plötzlichen Erinnerungslücken
- Alkoholische Blackouts, Filmrisse und Räusche mit Erinnerungslücken

- Heimliches Trinken
- Der Alkoholkranke realisiert, dass sein Trinkverhalten problematisch geworden ist und beginnt zunehmend heimlich zu trinken.

- Ununterbrochenes Denken an Alkohol
- Der Betroffene ist in ständiger Sorge um „Nachschub“ und beginnt kleinere Mengen bereits vorsorglich zu konsumieren.

- Von Gier besessenes Trinken der ersten Gläser

- Auftreten von Schuld- und Schamgefühlen
- Der Alkoholkranke schämt sich für seinen exzessiven Konsum und vermeidet Anspielungen auf das Suchtmittel und sein Trinkverhalten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Neue Wege in der Behandlung von Alkoholsucht. Welche Hilfestellung kann die Soziale Arbeit leisten?
Autor
Jahr
2019
Seiten
114
Katalognummer
V451187
ISBN (eBook)
9783956877698
ISBN (Buch)
9783956877704
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alkohol, Abhängigkeit, Alkoholabhängigkeit, Drogen, Konsum, Kontrollierter Konsum, Abstinenzparadigma, Alkoholsucht, Suchtkrankheit, Soziale Arbeit, Suchtberatung
Arbeit zitieren
Hans-Joachim Frost (Autor), 2019, Neue Wege in der Behandlung von Alkoholsucht. Welche Hilfestellung kann die Soziale Arbeit leisten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451187

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