Schuldnerberatung. Ein Metier der Sozialen Arbeit?

Überschuldung, deren Auslöser und Folgen sowie die aktuelle Überschuldungssituation in Deutschland


Studienarbeit, 2017
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergrund und definitorische Abgrenzungen
2.1 Kredit, Schuld(en) und Verbindlichkeiten
2.2 Verschuldung und Überschuldung
2.2.1 Überschuldungsauslöser
2.2.2 Psychosoziale Folgen von Überschuldung

3. Die aktuelle Überschuldungssituation in Deutschland

4. Schuldnerberatung: Eine soziale Beratung?
4.1 Historie und Definition von sozialer Schuldnerberatung
4.2 Zielgruppen
4.3 Ausgewählte Grundsätze der Schuldnerberatung
4.3.1 Ganzheitlichkeit
4.3.2 Freiwilligkeit
4.3.3 „Hilfe zur Selbsthilfe“
4.4 Die Aufgaben und Ziele einer ganzheitlichen Schuldnerberatung
4.5 Abgrenzung zu weiteren Beratungsansätzen

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Unter dem Einfluss des mehr denn je vorherrschenden Finanzkapitalismus und den damit einhergehenden soziodemografischen Ausprägungen unserer Gesellschaft, überrascht es sicherlich nur wenig, dass ein „Leben auf Pump“ heutzutage die überwiegende Regel darstellt. Dabei zeigt sich das darauf basierende Kauf- und Konsumverhalten der Bürger mit dafür verantwortlich, dass im fachlichen Diskurs kontextuell immer wieder von einer Kreditgesellschaft gesprochen wird. So begegnen wir tagtäglich Slogans wie „Jetzt kaufen, später zahlen“, welche als Instrument zur Anpreisung der mittlerweile unzähligen Angebote von Firmen und Banken marketingwirksam eingesetzt werden und die Konsumenten zielsicher in die Verschuldung geleiten. Hierzu zählen mitunter attraktive 0%-Finanzierungen für jegliche Art von technischen Geräten, sogenannte Zahlpausen (vgl. OTTO GmbH & Co. KG, 2017, Online), aber auch besonders „konditionsstarke“ Privat- und Hypothekendarlehen, welche sich in reziproker Weise mit Niedrigzinsen unterbieten. (vgl. Groth, Müller, Schulz-Rackoll, Zimmermann & Zipf, 2010, S. 3 )

Es ist dabei unbestritten, dass die Nachfrage solcher Angebote in unserer Gesellschaft sehr ausgeprägt ist. Dies vermag schon alleine das enorme Spektrum der am Markt gängigen Offerten zu belegen. Zudem können und wollen es sich viele Bürger, gerade aufgrund jener Angebote, schlichtweg nicht (mehr) leisten, sehr kostspielige Gebrauchsgegenstände wie ein neues Auto, Handy, Möbel oder eine neue Waschmaschine per „Einmalzahlung“ anzuschaffen. (vgl. ebd.)

Und dennoch stellt ein solches Nachfrageverhalten und das damit üblicherweise verknüpfte Eingehen von Ratenverpflichtungen in vielen Fällen kein Problem dar. Doch was passiert, wenn unvorhersehbare Ereignisse, wie eine eintretende Arbeitslosigkeit oder Scheidung, den Haushaltsplan auf den Kopf stellen und das verfügbare Einkommen plötzlich nicht mehr ausreicht, um die angehäuften Schulden zu begleichen? An diesem Punkt geraten verschuldete Haushalte schnell in die Gefahr, in eine Überschuldung abzurutschen, welche auch vielfach - neben der wirtschaftlichen Notlage - weitreichende psychosoziale Folgen für die Schuldner mit sich bringt.

Welchen Stellenwert hierbei die Hilfeleistungen von professionellen Schuldnerberatungsstellen einnehmen, insbesondere auch im Kontext der Sozialen Arbeit, soll in der folgenden Studienarbeit erörtert werden. Daneben wird der Fokus auf einige Grundlageninformationen zu Überschuldung, deren Auslöser und Folgen sowie auf die aktuelle Überschuldungssituation in Deutschland gelenkt. Überdies wird anhand einer finalen Differenzierung der am Markt gängigen konzeptionellen Ausrichtungen und Grundsätzen von (sozialer) Schuldnerberatung auch abschließend die Frage beantwortet werden, inwieweit Schuldnerberatung ein Metier der Sozialen Arbeit darstellt.

2. Hintergrund und definitorische Abgrenzungen

Wenngleich die Begriffe Kredit, Schuld(en) und Verbindlichkeiten in der alltäglichen Kommunikation häufig synonym verwendet werden, ist es im Kontext einer fachlichen Auseinandersetzung eine wesentliche Prämisse, diese - insbesondere Kredit und Schulden - definitorisch voneinander abzugrenzen. Darauf aufbauend sollen die Begriffsfassungen der Ver- und Überschuldung sowie die Erörterung von gängigen Überschuldungsauslösern und psychosozialen Folgen von Überschuldung gleichermaßen als Ausgangsbasis und fundierte Grundlage für sämtliche sich noch anschließende Ausführungen fungieren.

2.1 Kredit, Schuld(en) und Verbindlichkeiten

Amely und Ashauer verstehen unter einem Kredit die „Überlassung von Kapital auf Zeit im Vertrauen auf die Fähigkeit und Bereitschaft des Kreditnehmers, seine Tilgungs- und Zinsverpflichtungen zeitgerecht zu erfüllen.“ (2001, S. 92). Für Lindner und Steinmann-Berns (vgl. 1998, S. 10) stellen dabei jene Kapitalüberlassungen sowohl einen essentiellen ökonomischen, als auch einen gesellschaftlichen Faktor innerhalb unseres deutschen Kreditsystems dar. So beschreibt auch Kuntz (vgl. 1999, S. 33) Kreditaufnahmen als eine bedeutsame Stimulanz unseres Wirtschaftssystems, die es nachhaltig vermag, Unternehmensumsätze anzukurbeln und in dessen Konsequenz auch das erwirtschaftete Bruttosozialprodukt zu steigern.

Zum Begriff der Schuld sind dem deutschen Duden unter anderem die folgenden Bedeutungen zu entnehmen (Bibliographisches Institut GmbH, 2016, Online):

-Die „Ursache von etwas Unangenehmem, Bösem oder eines Unglücks […]“
-Ein(e) „bestimmtes Verhalten, bestimmte Tat, womit jemand gegen Werte, Normen verstößt; begangenes Unrecht, sittliches Versagen […]“
-Ein „Geldbetrag, dem jemand einem anderen schuldig ist“

Aufgrund der bereits hier implementierten Wertvorstellungen, ergibt sich gleichsam eine negative Konnotation von Schulden mit Schuld, welche allerdings in dieser Form lediglich im deutschen Sprachgebrauch wiederzufinden ist. So weist zum Beispiel der englische Begriff debt ebenso wenig einen negativen Beiklang mit guilt auf, wie die französische Entsprechung dette mit culpabilité (vgl. Reiter, 1991, S. 23).

Ferner gilt es anzumerken, dass ein Kredit zwar stets mit Schulden gleichgesetzt werden kann, Schulden sich jedoch nicht per se über einen Kreditcharakter identifizieren lassen. Im ökonomischen Kontext umfassen Schulden daher auch stets nicht-bankmäßige Verschuldungsformen (vgl. Korczak & Pfefferkorn, 1990, S. 59). Passend hierzu definiert Hörmann (1987, zitiert nach Reiter, 1991, S. 24) Schulden wie folgt: „Unter Schulden werden alle Geldverbindlichkeiten verstanden, die einem Privathaushalt entstehen können.“ (S. 17). Des Weiteren kann der Begriff Schulden ebenso weit (alle Verbindlichkeiten eines Haushaltes), wie auch eng (fällige Verbindlichkeiten) gefasst werden. Daher ist es ratsam, latente und akute Schulden differenziert zu betrachten (vgl. Reiter, 1991, S. 24). Im Übrigen werden Schulden im europäischen Raum „[…] weitgehend im Sinne einer Aufzählung der verschiedenen Verschuldungsformen verstanden.“ (Korczak, 2003, S. 12). Dabei wird „[…] zwischen nicht bezahlten Rechnungen, kurz- bis mittelfristigen Konsumentenkrediten und Hypothekendarlehen (mortgage loans) unterschieden.“ (ebd.).

Auch bei dem zu Schulden stellenweise synonym gebrauchten Begriff der Verbindlichkeiten ist es theoretisch möglich, zwischen einer allgemeinen und engeren Fassung zu unterscheiden – eine Einbeziehung der dem Handelsrecht, im Speziellen dem Bilanz- und Steuerrecht entstammenden definitorischen Eingrenzungen vorausgesetzt. Gleichwohl zeichnet sich lediglich die allgemeine Begriffsfassung, nach der Verbindlichkeiten deckungsgleich zu Schulden aufgefasst werden, durch eine hohe Praxisrelevanz aus. Eine Verbindlichkeit ist demnach die „Verpflichtung eines Schuldners aufgrund eines Rechtsgeschäfts, gesetzlicher Vorschriften oder eines Gerichtsurteils an den jeweiligen Gläubiger eine Leistung (insbesondere Geldleistung) zu erbringen.“ (Wierichs & Smets, 2001, S. 224, zitiert nach Korczak, 2003, S. 5). „Bedeutung erlangen Verbindlichkeiten dann, wenn sie fällig werden und für den Schuldner eine finanzielle Belastung darstellen.“ (Reiter, 1991, S. 24).

2.2 Verschuldung und Überschuldung

Ist im Alltag von Schulden die Rede, so sind auch die Begriffe der Verschuldung und Überschuldung nicht weit. Diese sind jedoch strikt voneinander abzugrenzen.

„Verschuldet ist jemand dann, wenn er zum Beispiel einen Kredit aufgenommen hat, den er aber ordnungsgemäß tilgen kann.“ (Groth, 1988, S. 16).

Schondelmaier, Stahl und Eichin zielen mit ihrer Definition von Verschuldung nicht nur in die gleiche Richtung, sondern entschärfen auch eine mögliche negative Konnotation, wie die oben beschriebene von Schulden mit Schuld, wie folgt: „Verschuldung meint allgemein und wertneutral das Eingehen von Zahlungsverpflichtungen, die sofort oder in der Zukunft zu begleichen sind. Die Verschuldung in Privathaushalten ist durchaus ein normaler und kalkulierbarer Vorgang wirtschaftlichen Verhaltens.“ (2012, S. 3).

Eine exakte Definition von Überschuldung erweist sich dagegen als schwierig und ist zudem häufig unbefriedigend. Dies lässt sich nicht zuletzt damit begründen, dass der Übergang von Ver- zur Überschuldung grundsätzlich fließend und daher nur schwer feststellbar ist (vgl. Reiter, 1991, S. 29f.). Doch warum ist dem so? Aufgrund der zum Teil massiven Einkommens- und Ausgabendifferenzen im Vergleich der betroffenen Haushalte, ist es nahezu unmöglich, „[…] Grenzwerte für Schuldenhöhen anzugeben, ab denen ein starkes Überschuldungsrisiko gegeben ist.“ (Korczak, 2003, S. 14). „Die Summen, mit denen Einzelpersonen oder Haushalte verschuldet sein können, variieren sehr stark “ und reichen „[…] von 2.500 Euro bis hin zu über 50.000 Euro […].“ (ebd., S.28). Folglich kommt Korczak zu dem Schluss, dass „[…] eine optimale Verschuldungsgrenze nur durch eine jeweils individuelle Betrachtung der Kreditnehmer bzw. des kreditnehmenden Haushaltes bestimmt werden kann. Relative Anteile im Sinne einer Prozentangabe vom Haushaltsnettoeinkommen machen nur Sinn, wenn sie zumindest gestaffelt nach Einkommenshöhe und Anzahl der Haushaltsmitglieder abgegeben werden.“ (ebd., S. 16).

Ungeachtet dessen lassen sich in der Fachliteratur zahlreiche Definitionen für Überschuldung finden. So liegt nach einigen sozialwissenschaftlichen Autoren Überschuldung dann vor, wenn das monatliche Einkommen eines Haushaltes nicht mehr ausreicht, um etwaigen Raten- und Zinstilgungen nachzukommen: „Überschuldung liegt dann vor, wenn nach Abzug der fixen Lebenshaltungskosten (Miete, Energie, Versicherung, etc. zzgl. Ernährung) der verbleibende Rest des monatlichen Einkommens für zu zahlende Raten nicht ausreicht.“ (Groth, 1988, S. 16). Im Schuldenreport 2006 findet sich eine ähnliche Begriffsfassung, die jedoch - analog zur deutschen Insolvenzordnung (§19 Abs. 2 InsO; vgl. Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, 2017, Online) -, zusätzlich das Vermögen des Haushalts mit einbezieht: „Ein Privathaushalt gilt als überschuldet, wenn sein Haushaltsnettoeinkommen nach Abzug der existenziellen Lebenshaltungskosten für unabsehbare Zeit nicht mehr ausreicht, um seinen wiederkehrenden finanziellen Verpflichtungen nachzukommen und seine bereits aufgelaufenen Schulden abzutragen. Über Vermögen, das den Liquiditätsengpass überwinden könnte, verfügt der Haushalt nicht (mehr).“ (S. 16). Konform hierzu sieht der SchuldnerAtlas 2016 eine Überschuldung dann gegeben, „[…] wenn der Schuldner die Summe seiner Zahlungsverpflichtungen mit hoher Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum nicht begleichen kann und ihm zur Deckung seines Lebensunterhaltes weder Vermögen noch Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen.“ ( Creditreform Wirtschaftsprüfung, 2016, S. 6, Online). Brühl und Zipf (2000, zitiert nach Korczak, 2003, S. 20) führen ferner eine Definition an, welche auch der Beziehung zwischen Schuldner und Gläubiger Beachtung schenkt: „Wenn die eingegangenen Schuldverpflichtungen dauerhaft nicht mehr im Einvernehmen mit den Gläubigern getilgt werden können (Überschuldung).“ (S. 59).

Nichtsdestotrotz weisen jene Definitionen auch einen gemeinsamen Nenner auf: Sie betrachten Überschuldung kurzum als eine „Nichterfüllung von Zahlungsverpflichtungen.“ (Korczak, 2011, S. 8). Infolgedessen stellen sie Überschuldung in sachlich-nüchterner Weise als eine rein ökonomische Gegebenheit dar, lassen dabei allerdings die subjektive Wahrnehmung der Betroffenen außer Acht. Aus diesem Grund plädierte bereits Reiter für eine stärker psychologisch geprägte Definition: „Als überschuldet ist derjenige zu bezeichnen, der sich momentan oder für die Zukunft nicht in der Lage sieht, seine finanziellen Verbindlichkeiten zu begleichen.“ (1991, S. 30). Auch die Folgen, welche sich für die hinter den Schulden stehenden Menschen ergeben können, bleiben zumeist vollkommen unberücksichtigt. Diese werden lediglich in der Begriffsfassung von Korczak und Pfefferkorn (1990, S. XII; 1992, S. XXI, zitiert nach Korczak, 2003, S. 21) aspektisch miteinbezogen: „Überschuldung ist die Nichterfüllung von Zahlungsverpflichtungen, die zu einer ökonomischen und psychosozialen Destabilisierung von Schuldnern führt. Überschuldung bedeutet daher nicht allein, dass nach Abzug der fixen Lebenshaltungskosten der verbleibende Rest des monatlichen Einkommens für zu zahlende Raten nicht mehr ausreicht, sondern birgt massive soziale und psychische Konsequenzen in sich.“

2.2.1 Überschuldungsauslöser

Die eingangs beschriebene negative Konnotation von Schulden mit Schuld verleitet schnell zu der These, dass von Geldnot betroffene Menschen grundsätzlich die alleinige Verantwortung für ihre Misere tragen. Doch stimmt das wirklich?

Neben den bereits angeführten klassischen Auslösern für Überschuldung, wie Arbeitslosigkeit und Trennung respektive Scheidung, finden sich in der Statistik zur Überschuldung privater Personen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) einige weitere Ursachen, die sicherlich nicht immer auf Anhieb bedacht werden. Hierzu zählen vor allem Unfälle, Suchterkrankungen, die Geburt eines Kindes, gescheiterte Selbstständigkeiten und Immobilienfinanzierungen sowie der Tod eines Angehörigen oder des Partners (vgl. Statistisches Bundesamt, 2016, S. 8, Online).

Doch auch ein stark überhöhter Konsum beziehungsweise eine unwirtschaftliche Haushaltsführung, insbesondere in Verbindung mit einem niedrigen Einkommen, lässt sich unter den Hauptauslösern für Überschuldung festmachen (vgl. ebd.). In diesem Zusammenhang sollte jedoch beachtet werden, dass der Regelsatz eines alleinstehenden Sozialleistungsempfängers (Grundsicherung für Arbeitssuchende nach SGB II) in Höhe von 409 Euro (Stand 01.01.2017; vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2017, Online), ganze 58 Prozent unterhalb der von der Europäischen Union definierten Armutsgefährdungsgrenze[1] angesiedelt ist. Insofern muss vor diesem Hintergrund die kritische Frage erlaubt sein, inwiefern eine unwirtschaftliche Haushaltsführung bei dieser Personengruppe überhaupt evaluativ herangezogen werden kann.

Ein weiterer Faktor, der häufig verdrängt wird, ist das längerfristige Niedrigeinkommen[2], welches im Wesentlichen von atypisch und geringfügig Beschäftigten, aber auch zum Teil von Normalbeschäftigten erwirtschaftet wird (vgl. Statistisches Bundesamt, 2009, S. 16, Online). So bezogen beispielsweise im Oktober 2006 49,2 Prozent der atypisch Beschäftigten, 81,2 Prozent der geringfügig Beschäftigten, 67,2 Prozent der Zeitarbeitnehmer und 11,1 Prozent der Normalbeschäftigten einen Bruttostundenlohn von unter 9,85 Euro (Niedriglohn)[3] (vgl. ebd., S. 18).

Fernerhin muss an dieser Stelle auch darauf aufmerksam gemacht werden, dass Überschuldung - trotz regelmäßiger Tabuisierung im Alltag - in unserer heutigen Kreditgesellschaft häufig als eine volkswirtschaftliche Normalität akzeptiert wird (Groth et al., 2010, S. 3f.). Diese Akzeptanz führt jedoch auch unweigerlich zu einer Verschleierung der realen Gefahren, die Kreditaufnahmen und damit auch Schulden mit sich bringen.

Selbstverständlich existieren aber auch Schuldner, die sich aufgrund ihres mangelnden ökonomischen Verständnisses oder schlicht aufgrund ihrer Kaufsucht, über Jahre hinweg sukzessive in den Sumpf der Überschuldung manövrieren. So werden zum Beispiel Waren gekauft, die als reines Statussymbol oder der Kompensation von emotionalen Enttäuschungen des Alltags dienen sollen und dabei jeglicher wirtschaftlichen Vernunft entbehren.

Neben einer möglichen Kaufsucht muss auch eine etwaige Alkoholabhängigkeit oder anderweitig vorliegende Suchterkrankung des Schuldners als Faktor berücksichtigt werden (vgl. Statistisches Bundesamt, 2016, S. 8, Online). Drogen kosten gemeinhin sehr viel Geld. Hierdurch erhöhen sich allerdings nicht nur die Ausgaben in empfindlichem Maße. Auch das Gefühl für einen rationalen Umgang mit Geldmitteln bleibt - der Sucht geschuldet - zunehmend auf der Strecke.

Korczak (vgl. 2001, S. 40f.) gibt ferner zu Bedenken, dass Überschuldung in vielen Fällen auch ein Produkt von Armut sein kann und untermauert seine Hypothese anhand der annähernd identischen Ursachen und Folgen von Armut beziehungsweise Überschuldung.

Hiermit wird deutlich, dass für Überschuldung kein allgemein gültiger Auslöser identifiziert werden kann. So sind die Ursachen für Überschuldung ebenso vielfältig wie der Mensch, der hinter den Schulden steht. In der Regel handelt es sich daher um einen Mix von Faktoren und Auslösern, welche spezifisch zusammenwirken und schlussendlich zu Überschuldung führen (vgl. Ansen, 2006, S. 60). Das Statistische Bundesamt sieht darin zugleich „nicht planbare und gravierende Änderungen der Lebensumstände […], die außerhalb der unmittelbaren Kontrolle der Überschuldeten liegen.“ (2016, S. 8, Online). Da jedoch solch gravierende Änderungen nicht nur erheblichen Einfluss auf die materielle Lebenssituation des Schuldners nehmen, sondern oftmals auch psychosoziale Folgen mit sich bringen, ist es an dieser Stelle und insbesondere im Kontext der Sozialen Arbeit unangebracht, Überschuldung aus rein ökonomischer Perspektive zu beleuchten.

2.2.2 Psychosoziale Folgen von Überschuldung

Überschuldung stellt eine erhebliche soziale und psychische Belastung dar – nicht nur für den Schuldner selbst, sondern zumeist auch für die gesamte Familie. So führen Überschuldungssituationen mitunter zu hochintensiven persönlichen und familiären Krisen, die sich - dem Konstrukt eines Teufelskreises ähnelnd - durch sich potenzierende Existenzängste, Depressionen, Sucht- und Streitverhalten sowie zunehmende soziale Isolation auszeichnen können. In einigen Fällen entwickeln Schuldner gar Suizidgedanken, welche durch den nahezu endlosen Leidensdruck, das andauernde Gefühl von Hilflosigkeit und die damit verbundene „Ohnmacht“ genährt werden und im Extremfall bis zum vollzogenen Suizid reichen können. (vgl. Groth, 1988, S. 13) Kuntz schreibt hierzu sehr stimmig: „Wirtschaftliche Notstände, wenn sie nicht von den Betroffenen selbst aufgefangen oder kompensiert werden können - was aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen selten der Fall ist -, gefährden auf Dauer das familiale Sozialgefüge und werden zu Auslösern von Lebenskrisen und Familienkonflikten. Ausdruck der angespannten Situation können psychische und psychosomatische Erkrankungen, Flucht in Alkoholkonsum, soziale Isolierung u.a.m. sein.“ (1999, S. 29).

[...]


[1] „Eine Person gilt nach der EU-Definition für EU-SILC als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 % des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt (Schwellenwert der Armutsgefährdung).“ (Statistisches Bundesamt, 2015, Online). 2014: 987 €/Monat (ebd.).

[2] Längerfristiges Niedrigeinkommen: „Das Einkommen der beratenen Person reicht über einen längeren Zeitraum hinweg nicht aus, um den notwendigen Bedarf des Haushalts bzw. die notwendigen laufenden Kosten des Haushalts zu decken.“ (Statistisches Bundesamt, 2016, S. 24, Online). Die Niedriglohngrenze liegt hierbei bei zwei Dritteln des Medians des gesamtdeutschen Einkommens (vgl. Statistisches Bundesamt, 2009, S. 15, Online).

[3] Bezogen auf Beschäftigte in Betrieben mit zehn und mehr Beschäftigten, im Alter von 15 bis 64 Jahren ohne Auszubildende und Altersteilzeit (vgl. ebd. S. 18).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Schuldnerberatung. Ein Metier der Sozialen Arbeit?
Untertitel
Überschuldung, deren Auslöser und Folgen sowie die aktuelle Überschuldungssituation in Deutschland
Hochschule
Hochschule Mannheim  (Fakultät für Sozialwesen)
Veranstaltung
Schuldnerberatung
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
24
Katalognummer
V451188
ISBN (eBook)
9783668844193
ISBN (Buch)
9783668844209
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schulden, Überschuldung, Schuldenatlas, Deutschland, Schulderberatung, Soziale Schuldnerberatung
Arbeit zitieren
Hans-Joachim Frost (Autor), 2017, Schuldnerberatung. Ein Metier der Sozialen Arbeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451188

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