Die Kontroverse zwischen Frank Thieß und Thomas Mann


Seminararbeit, 1998
28 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Bitte kommen Sie zurück!

III . Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre

IV. Die Aufnahme Thomas Manns Antwort in Deutschland

V. Thomas Mann und das Exil

VI. Die „innere Emigration“

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Nach dem Selbstmord Hitlers am 30. April 1945 erfolgte die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai in Reims und Berlin-Karlshorst.

Der Krieg ließ Verwüstung und Leere zurück; die Niederlage war genauso total wie der von den Nationalsozialisten entfachte Krieg.

Weit über 2000 literarisch wirkende Männer und Frauen hatten Deutschland verlassen, unter ihnen fast alle international bekannten Autoren.[1] Zusammen mit den geflüchteten Musikern, bildenden Künstlern und den Angehörigen der wissenschaftlichen und politischen Intelligenz, machten sie die größte kulturelle Emigration der bisherigen Geschichte aus. Während des Krieges hatte die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Deutschland das Denken der meisten dieser Vertriebenen und Geflüchteten bestimmt. Der Zusammenbruch des Dritten Reiches stürzte sie in eine Existenzkrise, denn mit dem Regime in Deutschland wurden auch die Gründe des Exils beseitigt; jeder einzelne fand sich plötzlich vor die Frage gestellt, ob er nun tatsächlich nach Deutschland zurückkehren wolle oder nicht. Die Rückkehr verlangte den Mut, alles noch einmal hinter sich zu lassen, um wieder von vorn zu beginnen. Praktisch gesehen waren außerdem die Rückreisemöglichkeiten der Emigranten beschränkt. Die amerikanischen Gesetze z.B. verhinderten die Ausreise ohne Genehmigung der Regierung; außer den Emigranten in den USA waren auch alle aus Südamerika davon betroffen, da die einzigen Verbindungen nach Europa über New York führten und Transitvisa von den amerikanischen Behörden zumeist verweigert wurden: insgesamt bereitete die Rückkehr etwa dieselben Schwierigkeiten wie der Weg in die Emigration. Doch während die meisten politischen Emigranten gleich nach der Kapitulation darauf drängten, nach Deutschland reisen zu können, verhielten sich viele Schriftsteller abwartend. Die Hoffnung, das deutsche Volk würde sich selbst befreien, war enttäuscht worden; trotz der offensichtlichen Niederlage ging der Krieg bis zur Eroberung Berlins weiter. Das wahre Ausmaß der Verbrechen des Dritten Reiches wurde langsam bekannt, immer mehr Deutsche erwiesen sich als beteiligt, und immer deutlicher wurde die Wirkung der Propaganda in zwölf Jahren NS-Herrschaft. Und war es sicher, daß die Rückkehr auch eine Heimkehr sein würde?

Die Zurückkehrenden ließen auf sich warten. Die Rückkehr geschah langsam und oft in Verschwiegenheit. Sie war, wie es nicht anders sein konnte, Sache des einzelnen, nicht des Kollektivs, und für die Mehrzahl der Emigranten erwies sich das zeitweilige Exil als dauerhafte Emigration, zur Enttäuschung einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland: Diese sah darin eine Verleumdung der Solidarität, ja fast einen Verrat. Aufforderungen zur Heimkehr erreichten bereits wenige Wochen nach der Kapitulation vor allem Thomas Mann, der als Repräsentant der Emigranten galt: Er werde in der Heimat dringend gebraucht. Dieses formulierte auch Walter von Molo in einem an Thomas Mann gerichteten offenen Brief. Damit leitete er, ohne es beabsichtigt zu haben, die erste große Kontroverse in der deutschen Nachkriegsliteratur ein. In einer ausführlichen Antwort an Walter von Molo, die aber an das deutsche Volk gerichtet war, lehnte Thomas Mann ab. Die durch Mißverständnisse verstärkte und zunehmend emotional folgende Auseinandersetzung zwischen den in Deutschland verbliebenen und den emigrierten Vertretern der nicht-nationalsozialistischen Literatur zog sich über Jahre hin, und bleibt für die weitere Verwendung und Bewertung des Begriffs „Innere Emigration„ ein entscheidendes Datum. Doch während die Auseinandersetzung um die Frage nach der Einschätzung der beiden voneinander abweichenden Reaktionen auf den Nationalsozialismus - Exil oder Innere Emigration - kreiste, bildete den tatsächlichen Kern des Streits eine andere Problematik: die der „Kollektivschuld“.

II. Bitte kommen Sie zurück!

Der Schriftsteller Walter von Molo[2] sendete Thomas Mann anläßlich seines 70. Geburtstags einen Brief, mit dem Wunsch versehen, er möge zurückkehren. Er richtete ebenfalls einen offenen Brief an ihn, der am 4. August 1945 zunächst in der „Hessischen Post“ erschien und später vielfach nachgedruckt wurde. Durch diesen Aufsehen erregenden Brief, mehr als durch die eigenen Bücher, blieb Molos Name in der Geschichte der deutschen Literatur erhalten. Walter von Molo, der Thomas Mann aus den gemeinsamen Tagen in der Akademie bekannt sein mußte, drückte in den ersten Sätzen dieses Briefes seine Freude über Thomas Manns „treues Festhalten an unserem gemeinsamen Vaterlande“ aus. Daraufhin forderte er ihn eindringlich auf, nach Deutschland zurückzukommen -„kommen sie bald“, wiederholt er fünf mal in dem relativ kurzen Brief. Doch obwohl der Brief mit „Lieber Thomas Mann“ anfängt, ist klar, daß er an alle Exilautoren adressiert ist: durch Thomas Mann, Symbolfigur der Emigranten und auch in der Nachkriegszeit als Repräsentant der deutschen Literatur geltend, werden alle Emigranten dazu aufgefordert, zurückzukehren. Walter von Molo legte zuerst in einem kurzen Abschnitt dar, welche - fast würde man sagen „Wunder" - diese Rückkehr bewirken könnte. In Deutschland würden den „zertretenen Herzen“ der Menschen dadurch der aufrichtige Glaube zurückgegeben, daß es „Gerechtigkeit“ gibt. Vor allem aber würde dem Ausland durch die Rückkehr der geistigen Elite gezeigt, daß Deutschland in die gesittete Welt zurückgekehrt sei und daß „der Mensch die Pflicht hat, an die Mitmenschen zu glauben, immer wieder zu glauben." Durch ihre Rückkehr würden die Emigranten außerdem der Welt ein Zeichen dafür geben, daß sie vergeben haben, und daß vergeben werden soll. Walter von Molo zitierte aus der Bibel: „Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Erlöse uns von dem Uebel.“ Vielleicht meinte er, die Rückkehr der Emigranten könnte die Alliierten dazu bringen, ihre Deutschlandpolitik zu mildern - die Angst vor ihrer Rache war groß, sie war jahrelang von der nationalsozialistischen Propaganda benutzt worden. Die Hoffnungen, die Walter von Molo, verbunden mit der Rückkehr der Emigranten, hegte, waren übertrieben und zeugten von einem naiven Weltbild, dennoch könne ihm deswegen keine Vorwürfe gemacht werden.

In diesem Brief ist aber noch etwas anderes enthalten. Nachdem nämlich Walter von Molo sich zu „aller Zurückhaltung, die uns nach den furchtbaren zwölf Jahren auferlegt“ gemahnt hatte, bat er nun Thomas Mann darum, bald zurückzukehren, um sich das „unsagbare Leid in den Augen der vielen“ anzusehen, „die nicht die Glorifizierung unserer Schattenseiten mitgemacht haben“, die das „große Konzentrationslager“, in das sich Deutschland verwandelt hatte, nicht hatten verlassen können. Zwischen die Zeilen konnte man lesen: die, die Deutschland hatten verlassen können, hätten ein großes Glück gehabt, und viele, die geblieben waren, wären gern gegangen, wenn es ihnen möglich gewesen wäre. Mitgemacht haben sie auf jeden Fall nicht. Die Existenz einer Opposition in Deutschland kann nicht bestritten werden. Dennoch verlieht er dieser durch seine Worte ein viel zu großes Gewicht, was so kurz nach der Kapitulation sehr ungeschickt war, wenn man bedenkt, wie die letzten Kriegsmonate verlaufen waren. „Ihr Volk“, schrieb weiter Walter von Molo, „das nunmehr seit einem Dritteljahrhundert hungert und leidet, hat im innersten Kern nichts gemein mit den Missetaten und Verbrechen, den schmachvollen Greueln und Lügen, den furchtbaren Verirrungen Kranker.“ Hiermit wies Walter von Molo die These der Identität der Deutschen mit dem Nazismus mit drastischer Entschiedenheit zurück. Wenn er nur dafür andere Worte gefunden hätte! Wenn er Demut und Reue gezeigt und vor allem: wenn er nur gleichzeitig ein Bekenntnis zur Schuld abgelegt hätte! Im Gegenteil aber stellte er sich in die Position des Belehrenden, warnte vor der Ausrottung von Haß durch Haß, vor pauschal abgekürzter Geschichtsbetrachtung und davor, das deutsche Volk in seiner Schwäche durch Demütigung neu krank und vielleicht dann unheilbar werden zu lassen. Man solle nicht nur die Wirkung sehen, sondern auch die Ursache der Krankheit suchen, man solle von der Geschichte lernen. Die Anspielung auf den Versailler-Vertrag und auf die gesamte Deutschlandpolitik der Sieger nach dem I. Weltkrieg ist klar. Der letzte Abschnitt deutet sogar an, daß nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt die Schuld an den Grauen zu tragen hätte. Damit hatte er mit Sicherheit Recht. War er aber dazu berechtigt, darauf hinzuweisen? Walter von Molo’s Brief war ein Dokument der Not und des guten Willens, aber auch ein Zeugnis des Mangels an Umsicht und an Takt: Nicht für einen Augenblick scheint sich in ihm der Verdacht geregt zu haben, dieser Ton sei nicht angebracht.

Thomas Mann wurde durch das „Office of War Information“ auf den Brief hingewiesen. Die Aufforderung zur Rückkehr nach Deutschland scheint er sehr persönlich genommen zu haben. Mit bitterer Belustigung nahm er auch die absurde Übertreibung seines Einflusses auf die Welt - und vor allem auf die Amerikaner - in deutschen Angelegenheiten zur Kenntnis: „Das Groteske ist, daß man dort felsenfest von meinem ungeheureren Einfluß auf die Entschlüsse der Alliierten, zum mindesten der Amerikaner, in der deutschen Angelegenheiten überzeugt ist. Wenn es den Deutschen schlecht geht - und wie sollte es ihnen anders gehen - so werde ich die Schuld haben, weil ich nicht genug vorstellig geworden bin. Sancta simplicias!“[3]. Den Artikel, erklärte Thomas Mann schließlich, halte er für flau und schlecht[4], sicherlich hatte ihn die Art, wie Walter von Molo seine Theorie der deutschen Kollektivschuld zurückwies, gereizt, vielleicht sogar schon die naive Unmittelbarkeit des Wiederanknüpfens, so als seien diese zwölf Jahre nicht gewesen. Doch auch diesen und jenen Zeitungen - armselige Blättchen, die in der Regel nicht mehr als vier oder sechs Seiten umfaßten, denn das Papier war knapp - meldeten zaghaft den Wunsch, Thomas Mann möge der Heimat nicht länger fernbleiben. Mitarbeiter des Berliner Rundfunks, von den Russen kontrolliert, mahnten ebenfalls Thomas Mann zur Heimkehr. Am 1. September berichtete die Presse von einer weiteren Bitte, von den „Opfern des Faschismus“ im sowjetisch kontrollierten Berlin, an „einen der größten und begabtesten Söhne des deutschen Volkes“, seine „historische Arbeit“ dort aufzunehmen. Von seinem Sohn Golo hörte er, daß die bayrische Sektion des wiedergegründeten Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller sich auf die Rückkehr ihres „verehrten Präsidenten“ vorbereite. Die Briefe aus Deutschland mehrten sich, die ihn um Rückkehr und Hilfe baten. Ihm wurde klar, daß eine Erklärung seinerseits fällig war. Den offenen Brief Walter von Molo‘s konnte er nun schwer unbeantwortet lassen, deshalb entschied er sich, nach einigem Zögern, die Gelegenheit zu nutzen, um eine öffentliche Erklärung abzugeben. Mit Widerwillen machte er sich an die Arbeit. Die Niederschrift schleppte sich mit immer neuen Korrekturen dahin. Am 8. September notierte er: „Geniertes Herum-Experiementieren mit dem zur Hälfte verfehlten Brief nach Deutschland. Das Neu-Geschriebene wieder verworfen.“[5] Mehr als eine Woche brauchte er, obwohl er sich fast ausschließlich dieser Aufgabe zuwand und sogar die Arbeit an seinem Roman unterbrach[6]. Erst nach vielem Umschreiben war er so zufrieden, daß er das Stück Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe zur Veröffentlichung an den New Yorker „Aufbau“ und zwecks Weiterleitung an die deutsche Presse dem „Office of War Information“ gab.

Inzwischen war aber der offene Brief Walter von Molo‘s wenige Tage nach seiner Veröffentlichung und noch eher die ausweichende Antwort darauf bekannt war, von Frank Thieß[7] aufgegriffen worden. Von Thieß, der 1933 die Machtergreifung ausdrücklich begrüßt hatte[8], waren zwei Bücher verbrannt[9] und ein Roman, der sich 1941 kritisch mit dem Totalitarismus auseinandergesetzt hatte, verboten worden. In einem Schreiben, das am 18. August 1945 in der „Münchener Zeitung“ unter dem Titel Innere Emigration erschien, stimmte er Molo‘s Aufforderung zu und dehnte sie auf „die Persönlichkeiten unter den Emigranten, die sich heute noch als Deutsche fühlen", aus. Überraschend wäre es, wenn er den Adressat Molo’s offenen Briefes mißdeutet hätte, und so liegt die Vermutung nahe, er hätte diesen Einschub absichtlich gemacht, um die Exilautoren - und vor allem Thomas Mann - zu kränken oder - zu diskreditieren. Frank Thieß plädierte nämlich für die Anerkennung eines, trotz aller Bemühungen Hitlers, uneroberten Raums, den der „inneren Emigration“. Schon im Jahre 1933 hätte er in einem Brief an Hinkel vorausgesagt, man werde diejenigen Deutschen, deren produktive Energien nach Überzeugung der Nationalsozialisten in falschen Bahnen liefen, niemals durch Verbote oder äußere Druckmittel zwingen können, ihr Wesen zu verleugnen. Am Ende werde ihnen kein anderer Weg, als der der „innere Emigration“ bleiben. Und in der Tat hätte sich bald eine deutlich Trennung zwischen den „Mitläufern“ und den sogenannten „Verdächtigen“ ergeben. Die Folgen hätte die letzteren (er nannte u. a. Werner Bergengruen, Walter von Molo, Erich Kästner und Ernst Wiechert) sehr bald empfindlich gespürt, seelisch, körperlich, aber vor allem aber wirtschaftlich. Frank Thieß nannte dann Gründe, weshalb viele, die dem Regime kritisch gegenüber standen, nicht emigrieren konnten, wirtschaftliche wie persönliche. Der für ihn scheinbar wichtigste Grund war aber von „ideologischer“ Natur: Die „inneren Emigranten“ hätten die Gewißheit gehabt, als deutsche Schriftsteller nach Deutschland zu gehören (diese Argumentation kommt zwei mal in seinen Brief vor). Es klingt aber wie ein Rechtfertigungsversuch und zeugt eher von einem schlechten Gewissen.

Bestimmt war es ebenfalls sein schlechtes Gewissen, das ihn dazu brachte, in die Offensive zu gehen. Schon in den ersten Sätzen hatten sich einige Spitzen, die gegen Thomas Mann gerichtet waren, eingeschlichen. Doch bald griff er ihn direkt an. Im dritten Absatz seines Aufsatzes führte er Erich Ebermayer ins Feld, den einstigen Freund Klaus Mann‘s, und behauptete, Thomas Mann hätte ihn in den ersten Jahren der Diktatur zur Emigration zu überreden versucht, weil sie „als einziger klarer Ausdruck einer Nazigegnerschaft angesehen werden könne“. Offensichtlich eine Verleumdung.[10] Warum er dies Thomas Mann unterstellte, bleibt unklar. Persönliche Gründe zur Ressentiments gegenüber Thomas Mann sind nicht bekannt. Auf jeden Fall bedauerte Frank Thieß anschließend, daß „ein so scharfer und kluger Beobachter der deutschen Verhältnisse wie Thomas Mann“ den Unterschied zwischen den „Mitläufern“ und den „inneren Emigranten“ nicht hervorgehoben hätte, obwohl die Trennung deutlich erkennbar sei. Mit dieser Unterstellung schien er seinen ganzen Artikel, und die darin an Thomas Mann massiv geübte Kritik zu, rechtfertigen. Aber vielleicht noch schlimmer als seine nervöse Aggressivität: Frank Thieß versuchte die „äußere" gegenüber der „inneren Emigration“ herabzusetzen. Angeblich sei es leichter gewesen, die deutsche Tragödie von den „Logen- und Parterreplätzen des Auslands“ her zu verfolgen, anstatt auszuharren. Die „inneren Emigranten“ hätten außerdem in diesen zwölf Jahren einen Schatz an Einsicht und Erfahrung gewonnen, der für die künftige Arbeit von größtem Wert sein könnte. Es sei nun einmal zweierlei, ob man selber hungere oder vom Hunger in den Zeitungen lese, ob man den Bombenhagel auf deutsche Städte lebend überstehe oder sich davon berichten lasse, ob man den beispiellosen Absturz eines verirrten Volkes unmittelbar an hundert Einzelfällen feststelle oder nur als historische Tatsache registrieren könne... Thieß konnte zwar einiges für sich ins Feld führen, dies gab ihm jedoch nicht das Recht, auf eine sittliche Überlegenheit des innerdeutschen Widerstands gegenüber der Emigration zu pochen. Doch genau dies tat er mit einer erstaunlichen Arroganz: „Ich glaube, es war schwerer, sich hier seine Persönlichkeit zu bewahren, als von drüben Botschaften an das deutsche Volk zu senden, welche die Tauben im Volke ohnedies nicht vernahmen.“ Nun sei es aber für das „kommende geistige Leben Deutschlands“ von nicht geringer Bedeutung, daß alle Feinde des Nationalsozialismus zusammenstehen und die Emigranten nicht aus „ihrer gesicherten Position, sondern aus der Mitte ihres verführten und leidenden Volkes“ heraus wirken. Und er schloß mit Sätzen, die eine monumentale Taktlosigkeit beweisen: „Wir erwarten dafür keine Belohnung, daß wir Deutschland nicht verließen. Es war für uns natürlich, daß wir bei ihm blieben. Aber es würde uns sehr unnatürlich erscheinen, wenn die Söhne, welche um es so ehrlich und tief gelitten haben wie ein Thomas Mann, heute nicht den Weg zu ihm fänden und erst einmal abwarten wollten, ob sein Elend zum Tode oder zu neuem Leben führt. Ich denke, nichts ist schlimmer für sie, als wenn diese Rückkehr zu spät erfolgt und sie dann vielleicht nicht mehr die Sprache ihrer Mutter verstehen würden.“ Im ganzen war es ein sehr widersprüchlicher Brief, der wahrscheinlich die Widersprüchlichkeit der Gefühle des Autors selbst widerspiegelte. Die nervöse Aggressivität weist auf ein hart geprüftes Selbstbewußtsein, doch dieses kann sie weder rechtfertigen noch entschuldigen.

Thomas Mann erhielt Frank Thieß‘ Artikel am 18. September. Seinen guten Willen konnte der Lektüre dieses weiteren Dokuments - er bezeichnet es als „ein unleidliches Dokument, ein Gipfel unverschämter Verfälschung der Dinge“[11] - nicht standhalten. Hätte er ihn vorher gekannt, fügt er hinzu, so wäre in dem Brief an Molo manche Wendung anders formuliert worden. Man dürfe solche Dreistigkeit nicht durchgehen lassen: zwölf Jahre habe man geglaubt, eine anständige Haltung eingenommen zu haben, und jetzt müsse man erfahren, daß man ein Feigling gewesen sei, daß man sich vor dem deutschen Schicksal gedrückt habe und es auch jetzt nicht teile wolle. Am nächsten Tag notierte er in seinem Tagebuch: „Lange geschlafen. Nahe daran, eine Replik auf den Thieß`schen Artikel zu beginnen. Statt dessen doch etwas am Roman.“[12] Der Grund, wieso er sein Vorhaben nicht ausführte, gab er später in einem Brief an Gerard W. Speyer an: „Ich war zunächst stark versucht, darauf zu antworten, aber in dem Brief an Herrn von Molo, der wohl unterdessen in die deutsche Presse gelangt ist, steht einiges, was als höfliche Antwort gelten kann, und es stände mir schlecht zu Gesicht, mich mit den innerdeutschen Herren Kollegen herumzuzanken.“[13] Er hielt also seine Antwort an Walter von Molo für ausreichend und wollte sicherlich vermeiden sich herabzulassen, indem er Thieß einer Antwort würdigte und damit zusätzlich diesem schlechten Artikel Gewicht verliehe. Er wollte die Kontroverse nicht fortführen und dachte offensichtlich, mit seiner Antwort an Molo wäre die Sache geregelt. Statt dessen arbeitete er weiter an seinem Roman Doktor Faustus, den er die letzte Zeit vernachlässigt hatte.

[...]


[1] siehe in: Albert Glaser (Hrsg): Deutsche Literatur: Eine Sozialgeschichte, Bd. 9, S. 306.

[2] Von Molo, Walter (1880-1958): Autor biographischer Prosa sowie national geprägter Historienromane , 1928-1930 Präsident der Preußischen Dichterakademie, unterzeichnete 1933 zusammen mit Gottfried Benn, Ina Seidel und 85 weiteren Schriftstellern das „Treuegelöbnis“ zum aktiven Eintreten für den „Wiederaufbau“ des Reiches.

[3] Mann, Thomas & Meyer, Agnes E: Briefwechsel, S. 637, Reg. III, 45/376.

[4] Mann, Thomas: Tagebücher, Bd. 6, den 22.08.45, S. 244.

[5] Mann, Thomas: Tagebücher, Bd. 6 ,S. 250.

[6] Wie sehr er dadurch belastet wurde, ist deutlich den Tagebuchaufzeichnungen zu entnehmen, die täglich eine Bemerkung dazu enthalten - wo Thomas Mann sonst eher wortkarg ist – und zwar fast immer an erster Stelle.

[7] Frank Thieß (1890-1977): Mitte der 20. Jahren bekannt gewordener Schriftsteller, Mitglied der RSK (er gab aber kein „Treuegelöbnis„ ab und wurde nie Parteimitglied), dessen Buch Das Reich der Dämonen – Roman eines Jahrtausend (1941) ein außerordentlicher Erfolg erlebte- die 1. und 2. Auflage wurden innerhalb wenigen Monaten verkauft, bevor es wegen Kritik an totalitären Regimen verboten wurde..

[8] Gerold, Karl: Frank Thieß gestern und heute, in: „Frankfurter Rundschau„ von den 09. 07. 46. Zitiert wird ein Gespräch mit F. Thieß, veröffentlicht unter dem Titel Hitlers erlösende Tat im „Hannover’schen Tageblatt„ vom 29. 06. 33 .

[9] Die Verdammten und Frauenraub, zwei erotische Romane.

[10] Erstens scheint es unwahrscheinlich, daß Ebermayer den großen Kollegen so zu beantworten gewagt hätte, wie behauptet, zweitens hat es Thomas Mann selber immer abgestritten, wie z. B. in einem Brief an Gerard W. Speyer, Reg. III, n° 45/475.

[11] Brief an Golo Mann von 19.09.45, Reg. III, n° 45/417.

[12] Thomas Mann: Tagebücher , Bd. 6, S. 254.

[13] Brief von 15.10.45, Reg. III, n° 45/475, S. 196.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Kontroverse zwischen Frank Thieß und Thomas Mann
Hochschule
Universität Leipzig  (Germanistik)
Veranstaltung
Schreiben im Dritten Reich
Note
1,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
28
Katalognummer
V4512
ISBN (eBook)
9783638127813
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Exil, innere Emigration, Rückkehr
Arbeit zitieren
Aurélie Cahen (Autor), 1998, Die Kontroverse zwischen Frank Thieß und Thomas Mann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4512

Kommentare

  • Gast am 21.12.2004

    Autsch!.

    "Der letzte Abschnitt deutet sogar an, daß nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt die Schuld an den Grauen zu tragen hätte. Damit hatte er mit Sicherheit Recht. War er aber dazu berechtigt, darauf hinzuweisen?" - was soll man mit solchen Aussagen anfangen - und dann noch dazu in einer wissenschaftlichen Arbeit? Unter welcher Beweisführung gibt die Autorin Walter von Molo Recht? Mit welchem Recht meint sie, dass die ganze Welt an den Nazi-Greuel Schuld trage? Wie untermauert sie das? Gar nicht! In Ansätzen wäre diese Arbeit nicht schlecht, aber solche Ausrutscher dürfen in einer wissenschaftlichen Arbeit einfach nicht passieren. Ich frage mich, wer für solche Unprofessionalität Download-Gebüren zahlt!

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