Das Differenzprinzip. Gerechtigkeit und Güterverteilung im Sinne von John Rawls


Hausarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretischer Bezugsrahmen: „A Theory of Justice“
2.1. Vertragstheoretische Grundlage
2.2. Die Prinzipien der Gerechtigkeit

3. Rawls‘ Differenzprinzip
3.1. Charakterisierung der Mindestbegunstigten
3.2. Verteilung im Sinne von Rawls
3.3. Kritik am Differenzprinzip

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Zeit fur mehr Gerechtigkeit“ (SPD 2017) heifit das aktuelle SPD-Wahlprogramm un- ter Martin Schulz als Kanzlerkandidaten. Nicht zuletzt durch die anstehende Bundes- tagswahl ruckt Gerechtigkeit wieder starker in den Fokus der aktuellen Politik. Die Fragen, was Gerechtigkeit bedeutet und wie die institutionelle Verteilung von Gutern konkret aussehen soll, sind wesentliche Bestandteile der Politik. Anwendungspotential findet sich in den verschiedensten Bereichen. So ist die Klarung dieser Fragen Voraus- setzung fur politische Problemstellungen innerhalb des Steuersystems, aber auch rele­vant fur Regelungen wie den Mindestlohn.

Die vorliegende Arbeit beschaftigt sich mit der Frage nach Gerechtigkeit und der Gu- terverteilung im Sinne von John Rawls, wobei sein 1971 publiziertes Werk „A Theory of Justice“ als Grundlage und Primarquelle dient. Das hierin vorgestellte und fur seine Theorie fundamentale Differenzprinzip ist ein komplexes und zugleich sehr umstritte- nes Element der Gerechtigkeitskonzeption von John Rawls, sodass er selbst anschlie- fiend mehrere Arbeiten, die das Prinzip prazisieren sollten, veroffentlichte. Vor diesem Hintergrund ist Ziel der vorliegenden Hausarbeit, das Differenzprinzip genauer zu be- leuchten und seine Deutung zu klaren. Da „[s]eine Gerechtigkeitstheorie [...] viele philosophisch inspiriert und zu gehaltvollem Widerspruch angeregt“ (Kersting, 2001: 19) hat, existiert ein umfassendes Angebot an Sekundarliteratur. Fur diese Arbeit wur- den insbesondere einfuhrende Werke verwendet, wobei das Erscheinungsjahr eben- falls eine entscheidende Rolle fur die Auswahl spielte.

Um das Differenzprinzip zu erschliefien, wird zuerst ein Uberblick uber die hierfur relevanten Theorieaspekte geschaffen. Anschliefiend werden Rawls‘ zwei Prinzipien der Gerechtigkeit vorgestellt, sodass darauffolgend der Fokus auf das Differenzprinzip gelegt werden kann. Im Hauptteil der Arbeit werden verschiedene Aspekte des Diffe- renzprinzips genauer dargestellt. Zunachst soll das zentrale Element des Prinzips, die „am wenigsten Begunstigten“, charakterisiert werden, um anschliefiend die Verteilung im Sinne von Rawls zu thematisieren. Hiernach wird die Kritik am Differenzprinzip diskutiert, sodass abschliefiend das Fazit auf weiterhin unklare Punkte hinweist und einen Ausblick auf zusatzliche Problemstellungen gibt.

2. Theoretischer Bezugsrahmen: „A Theory of Justice“

Wenn es um Gerechtigkeit geht, ist es vorab wesentlich zu unterschieden, ob von ei- nem Konzept oder aber von einer Konzeption gesprochen wird. So beantwortet ein Konzept konkret die Frage, wem was unter welchen Umstanden zusteht. Als Burger desselben Staates teilt man somit ein konkretes Konzept von Gerechtigkeit. Daruber hinaus konnen die Burger jedoch vollig unterschiedliche Gerechtigkeitskonzeptionen, also differenzierte Uberzeugungen davon, was Gerechtigkeit ausmacht, besitzen. Es kann sich hierbei beispielsweise um eine utilitaristische1, egalitare oder christliche Konzeption handeln (vgl. Fruhbauer 2007: 42). Fur diese Arbeit ist Rawls‘ Gerechtig- keitstheorie ,justice as fairness“ (Rawls 1999: xi), welche genau als eine solche Kon­zeption entworfen wurde, relevant und wird anschliefiend genauer erlautert.

2.1. Vertragstheoretische Grundlage

Wie aber lassen sich die Grundsatze fur eine gerechte Gesellschaft und somit eine Ge- rechtigkeitskonzeption bestimmen? Nach Rawls‘ Verstandnis lassen sich diese Prin- zipien aus einem Einigungsergebnis von freien und gleichen Burgern unter fairen Kon- ditionen ableiten2. Es handelt sich hierbei um ein rein theoretisches Konstrukt, das Rawls anbietet (vgl. Dworking 1989: 17). Fur das Gedankenexperiment sind mehrere Pramissen zentral: Es handelt sich um einen Moment des Verhandelns in einem Urzu- stand, „original position“ (Rawls 1999: 14)3. Gemeint ist eine theoretische Entschei- dungssituation, in der eine vollige Ungewissheit seitens der Individuen herrscht. Diese bezieht sich einerseits auf den Informationsgrad und andererseits auf die Motivations- auspragung der Verhandelnden. Die Individuen kennen innerhalb des Urzustandes we- der ihre gesellschaftliche Position, ihren Status oder ihr Einkommen, noch ihre Fahig- keiten, korperlichen Voraussetzungen, Wunsche, Bedurfnisse und Erwartungen. Den Umstand dieser Unwissenheit betitelt er als „veil of ignorance“ (ebd.: 11), als den Schleier des Nichtwissens. Da den Individuen im Urzustand jegliche Informationen uber sich selbst, die sie andernfalls zu ihrem Vorteil nutzen wurden, entzogen werden, lasst sich eine moralische Qualitat der entstehenden Gerechtigkeitsprinzipien sicher- stellen4 (vgl. Hartmann 2012: 119).

Hinter dem Schleier des Nichtwissens ist den Individuen lediglich bekannt, dass sie sich in einer Entscheidungssituation befinden, welche zu einer Gestaltung der eigenen Gesellschaft fuhrt, in der das Problem der Gerechtigkeit besteht. In einem derartigen Zustand, in dem jegliche Informationen zur eigenen Person verwehrt sind, wird das Individuum folglich die Minimierung des erwarteten Schadens anstreben. In der Kon- sequenz bedeutet das, dass die verschiedenen Vertragsparteien den Grundsatz wahlen, der sie im schlechtesten Fall am besten stellt.5 Es ist folglich die Unparteilichkeit der Verhandelnden, die gerechte Prinzipien gewahrleisten kann. Die Fairness des Urzu- standes fuhrt somit zur Gerechtigkeit der in ihm zustande kommenden Prinzipien, wel- che ein Ergebnis „of a fair agreement or bargain“ (Rawls 1999: 11) darstellen.

Zu den teilnehmenden Individuen ist hinzuzufugen, dass Rawls in seinem Gedanken- experiment zwar die Informationen zur eigenen Person entzieht, jedoch davon ausgeht, dass sie sich in okonomischen und sozialen Wissenschaften auskennen, sodass die Wahlberechtigten eine Vorstellung davon haben wie eine Gesellschaft funktioniert, wie sie strukturiert sein kann und welche Gestaltungsmoglichkeiten denkbar sind. Weiterhin nimmt Rawls an, dass es sich um intelligente rationale Wahler handelt, die im Stande sind ihre Wahlmoglichkeiten auszuloten. Aufierdem sollen sie eine Vorstel- lung von Gutem und Rechtem insoweit aufweisen, dass sie nicht im nihilistischen Sinne wahlen. Die Individuen mit all den hier vorgestellten Eigenschaften konnen als moralisch kompetente Personen agieren (vgl. Mukerji 2009: 21).

Zusammenfassend sind die Grundsatze einer gerechten Gesellschaft gleichzusetzen mit dem Konsens, der von moralisch kompetenten und rationalen Individuen unter den hypothetischen Bedingungen des Urzustandes und Schleier des Nichtwissens gewahlt wurde, wenn es darum ginge, ihr gesellschaftliches Zusammenleben zu gestalten. Die aus den Prinzipien resultierende Gerechtigkeitskonzeption nennt Rawls „justice as fairness“ (vgl. Schmidt 2009: 236).

2.2. Die Prinzipien der Gerechtigkeit

Die Prinzipien der Gerechtigkeit basieren auf den zuvor dargelegten Pramissen, die Fairness garantieren sollen. Rawls erwartet, dass aus dem Urzustand zwei lexikalisch geordnete Prinzipien hervorgehen. Das erste Prinzip kann als Grundfreiheitsprinzip ubersetzt werden und lautet wie folgt:

„First: each person is to have an equal right to the most extensive scheme of equal basic liberties com­patible with a similar scheme of liberties for others. “ (Rawls 1999:53)

Das erste Prinzip bestimmt folglich die Gestaltung der politischen Verfassung einer Gesellschaft. Es fordert gleiche Freiheiten fur alle und ein System, das Grundfreiheiten stellt und gewahrleistet. Rawls definiert diese Freiheiten spater genauer und konkreti- siert sie beispielsweise als politische Freiheiten (aktives und passives Wahlrecht), Mei- nungs-, Versammlungsfreiheit, Eigentumsrecht und weitere. Es wird folglich eine Gleichverteilung von Grundfreiheiten gefordert (vgl. Kersting 2001: 72).

Das zweite Prinzip fokussiert sich auf die Verteilung von Gutern sowie die Gestaltung der sozialen und okonomischen Institutionen und ist wie folgt definiert:

„Second: social and economic inequalities are to be arranged so that they are both

a) reasonably expected to be to everyone’s advantage, and
b) attached to positions and offices open to all.“ (Rawls 1999: 53)

Es wird sichtbar, dass sich das zweite Prinzip erneut unterteilt. Der erste Teil wird Differenzprinzip oder Unterschiedsprinzip genannt und gibt vor, dass Effizienz- und Maximierungsmafinahmen nur zu verfolgen sind, wenn von ihnen auch die am we- nigsten Begunstigten, in Rawls‘ Worten „least advantaged“ (ebd.: 12), profitieren (vgl. Kersting 2001: 75). Hierauf wird im weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung noch aus- fuhrlicher eingegangen.

Der zweite Teil fordert faire Chancengleichheit, die sich insbesondere auf den Zugang von Positionen und Amtern bezieht. Somit besagt dieses Prinzip beispielsweise, dass zwei Individuen mit homogenen naturlichen Fahigkeiten, dem gleichen Einsatz und derselben Motivation die gleiche Chance auf dieselbe soziale sowie berufliche Posi­tion haben sollen. Deutlich wird an diesem Beispiel, dass das zweite Prinzip uber for- male Chancengleichheit im Sinne von rechtlich gleichen Bewerbungsmoglichkeiten

[...]


1 Rawls setzt sich kritisch mit dem Utilitarismus auseinander (Siehe: Rawls 1999).

2 Rawls knupft hierfur an verschiedene Aspekte von Kant, Rousseau und Locke an (vgl. Carsten 2008: 30)

3 Der Urzustand ist mit dem Naturzustand von Hobbes vergleichbar (vgl. Kersting 2000: 68).

4 Warum sollten sich Individuen, die eine gute Position in der Gesellschaft einnehmen, auf dieses Ex­periment einlassen (Siehe: Nozick 2011)?

5 Allgemein bekannt als Maximin-Regel (Zur Vertiefung: Ortmanns 2008).

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Differenzprinzip. Gerechtigkeit und Güterverteilung im Sinne von John Rawls
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,3
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V451362
ISBN (eBook)
9783668842878
ISBN (Buch)
9783668842885
Sprache
Deutsch
Schlagworte
differenzprinzip, gerechtigkeit, güterverteilung, sinne, john, rawls
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Das Differenzprinzip. Gerechtigkeit und Güterverteilung im Sinne von John Rawls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451362

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Differenzprinzip. Gerechtigkeit und Güterverteilung im Sinne von John Rawls



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden