Die architektonischen Elemente kleinasiatischer Säulensarkophage und ihre Tradierung in der Spätantike


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitang

2. Sarkophagproduktion in Kleinasien und die Steinbrüche von Dokimeion
2.1 Sarkophagproduktion
2.2 Dokimeion

3. Die Architektaromamentik kleinasiatischen Säulensarkophage
3.1 Der Grundtyp des kleinasiatischen Säulensarkophags und seine Vorbilder
3.2 Die Entwicklung der Gebälkornamentik
3.3 Die Entstehung der Sarkophagform

4. Die Tradierung des Typus ״Säulensarkophag“ in der Spätantike
4.1 Rom
4.2 Konstantinopel
4.3 Ravenna

5. Fazit

6. Anhang

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildungen

1. Einleitung

Der Gattung kleinasiatischer Säulensarkophage gelang es in der ersten Hälfte des 3. Jh. n. Chr. überregionalen Ruhm zu erlagen, um so zu einer der bedeutendsten Sarkophagarten im gesamten römischen Reich aufzusteigen. Die Bedeutung dieser Gattung für die gesamte Sarkophag­produktion zeigt sich aber erst in der Tradierung dieser Art in der Spätantike. In diesem Falle sind v.a. zwei Regionen zu nennen, die von besonderer Bedeutung sind: Ravenna und Konstantinopel. Rom hingegen produzierte nur wenige stadtrömische Säulensarkophage und orientierte sich auch eher weniger an den kleinasiatischen Formen. Wo stammen diese aber her? Das Herkunftsgebiet der Säulensarkophage liegt in der antiken Landschaft Phrygien um genauer zu sein im Bereich der Steinbrüche von Dokimeion, welche in römischer Zeit von hervorstechender Bedeutung waren auf Grund der Feinheit des Marmors der dort gewonnen wurde.

In den nun nachfolgenden Betrachtungen soll es vor allem um die Architektur Sarkophage und die damit verbundene Ornamentik gehen. Es soll untersucht werden wie sich diese innerhalb der kleinasiatischen Hauptgruppe entwickelt hatte und die Frage beantwortet werden inwiefern sich die spätantiken Zentren an der früheren Produktion orientierten. Änderte sich die Ornamentik oder vielleicht auch die gesamte Aufteilung des Sarkophagfeldes? Ebenfalls interessant in diesem Zusammenhang ist die Klärung der Frage nach den Vorbildern der Hauptgruppe, d. h. es soll geklärt werden, ob sich die Sarkophage an der Monumentalarchitektur der Zeit orientierten und wenn ja in welchem Umfang sie das taten. Auch wichtig zu sehen ist wie groß wirklich der Einfluss der kleinasiatischen Säulensarkophage auf die Spätantike war. Diese Fragen sollen nun versucht werden nachfolgend zu beantworten. Kein Augenmerk soll jedoch darauf gelegt werden, welche figuralen Darstellungen mit welchen Thematiken auf den Sarkophagen zum Vorschein kommen und wie diese in den einzelnen Feldern angeordnet sind, da dies den Umfang der Arbeit überschreiten würde. Des Weiteren soll lediglich die Vorderseite bzw. Hauptansichtsseite der Sarkophage betrachtet werden, da zwar bei den kleinasiatischen Säulensarkophagen, um dies vorweg zu nehmen, alle Seiten ausgearbeitet sind, jedoch sich die Darstellungen bei den spätantiken Exemplaren oft auf die Hauptansichtsseite beschränken.

Zunächst soll aber ein kurzer Abriss zur Forschungsgeschichte bezüglich der Säulensarkophage folgen. Die erste Frage die innerhalb der Forschung geklärt werden musste, war die nach der Herkunft der Gattung der Säulensarkophage - ״Orient oder Rom?“ -, welche vor allem von Strzygowski, Reinach, Mendel und Muñoz am Anfang des 20. Jh. diskutiert wurde. Zu einem Ende in dieser Diskussion kam es durch Weigand 1914, welcher die von Strzygowski vorgeschlagenen Lokalisierung in Kleinasien endgültig sichern konnte. Darüber hinaus nahm Weigand eine Trennung der Säulensarkophage in zwei Gruppen vor: einer lydische Gruppe und einer Sidamaragruppe, während von der frühen Forschung eher die Einheit dieser Gattung propagiert wurde. Unterstützung in seiner Theorie erhielt Weigand durch Morey, der in seiner Monographie The Sarcophagus of Claudia Antonia Sabina and the Asiatic Sarcophagi von 1924 umfassendes Material sammelte, welches alles darauf ausgelegt war die von Weigand vertretene Theorie zu unterstützen. Der Einzige nach ihm, der etwas von dieser Position abweicht war Rodenwaldt. Er beschäftigte sich vor allem mit der Erforschung von Sondergruppen, wie Z.B. der aus Aphrodisias, und deren landschaftlicher Einordnung.1

In der darauffolgenden Zeit geriet die Beschäftigung mit Säulensarkophagen etwas ins Hintertreffen, obwohl lediglich die Lokalisierung dieser Gattung in Kleinasien gesichert war, aber noch nicht die endgültige zeitliche Stellung, sowie auch die Deutung der Einzelfiguren. Erst 40 Jahre später erschien 1965 mit dem Werk von Wiegartz Kleinasiatische Säulensarkophage das bis heute gültige Standartwerk für diese Gattung. Ihm gelang es als ersten die einzelnen Figuren auch in ihrem Gesamtzusammenhang befriedigend zu deuten. Des Weiteren entfernte er sich auch zum Teil von der Meinung Moreys bezüglich der Trennung in eine frühe lydische Gruppe und eine spätere Sidamaragruppe. Zwar stimmte er mit ihm in dem Punkt überein, dass es eine frühe und eine späte Gruppe gibt, jedoch sind diese beiden der gleichen Gattung und Lokalisierung zuzuschreiben und nicht wie von Morey annahm einer frühen in Ephesos und einer späteren im nordwestlichen Kleinasien. Er sprach sich für eine Lokalisierung in Pamphylien als Herkunftsland aus, erwähnte aber im selben Atemzug, dass noch weitere Untersuchungen notwendig seien. Diese wurden dann 1982 von Waelkens vollzogen, welcher die Produktion der kleinasiatischen Säulensarkophage in Phrygien im Bereich der Marmorsteinbrüche von Dokimeion lokalisieren konnte.2 Neben diesen Werken sei noch dasjenige von Koch und Sichtermann erwähnt, welches in der Reihe des ״Handbuchs der Archäologie“ 1982 erschienen ist und die Gesamtheit der römischen Sarkophage betrachtet. Daneben sind die wohl wichtigsten Werke für die Spätantike Phase der Säulensarkophage zum einen Koch, der ebenfalls im Rahmen des ״Handbuchs der Archäologie“ im Jahr 2000 den Band zu den Frühchristlichen Sarkophagen veröffentlichte, und zum anderen Kollwitz und Herdejürgen, die 1979 in ihrem Werk zu den Ravennatischen Sarkophagen, die Hauptverbreitungsstätte von Säulensarkophagen in der Spätantike erstmals in ihrer Gesamtheit erfassten.

2. Sarkophagproduktion in Heinäsien und die Steinbrüche von Dokimeion

2.1 Sarkophagproduktion

Die Hauptproduktionsphase von Sarkophagen in Kleinasien beginnt im frühen 2. Jh. V. Chr. Laut Koch und Sichtermann, kann man die hier produzierten Sarkophage in vier Gruppen unterteilen: 1. fertig ausgebarbeitete importierte Sarkophage, zumeist attische, die vor allem in den Städten der West- und Südkleinasiatischen Küste Vorkommen (Abb. 1); 2. Halbfabrikate insbesondere von Girlandensarkophagen (Abb. 2); 3. aufwendig gestaltete Sarkophage mit architektonischer Gliederung, einem Fries mit Figuren oder auch Girlanden (Abb. 3) - aus diesen ging später auch die Hauptgruppe der kleinasiatischen Sarkophage hervor - und 4. individuell gestaltete Sarkophage der verschiedenen Kunstprovinzen Kleinasiens (Abb. 4).3 Interessant im Falle von Kleinasien ist, dass hier zwischen den verschiedenen Gruppen oft vielfältige Beziehungen bestehen. So hat sich die Gestaltung der importierten attischen Sarkophage Z.T. auf die Gestaltung der Gruppe der Torre- Nova-Sarkophag (Abb. 5) ausgewirkt, welche zu einem gewissen Grad mit zu der kleinasiatischen Hauptgruppe zu zählen sind und auch gelegentlich auf die lokalen Gruppen. Dies geschah vor allem in Bezug auf die Gestaltung der Sarkophagdeckel, da diese im 2. Jh. n. Chr. und Z.T. noch im frühen

3. Jh. n. Chr. in Dachform angefertigt wurden, was auf den Einfluss attischer Vorbilder schließen lässt. Erst später erhielten sie die für die Hauptgruppe typische Ausprägung in Form von Klinendeckeln (Abb. 6).4

An den uns überlieferten Halbfabrikaten kann man gut erkennen, dass neben den Säulensarkophagen, von denen nur wenige Halbfabrikate gefunden wurden, im Besonderen Girlandensarkophage in Kleinasien eine herausragende Rolle gespielt haben, was auch schon an der attischen und stadtrömischen Produktion beobachtet werden konnte. Von diesen sind uns in großer Zahl Halbfabrikate überliefert (Abb. 2), die meist ausgehend von einem zentralen Punkt in die verschiedenen Provinzen geliefert wurden, wo sie eine unterschiedliche Bearbeitung erfahren haben. In speziellen Fällen, wie Z.B. bei den Sarkophagen Prokonnesos, entwickelten sich die Halbfabrikate selbst zu eine eigenständigen Kunstgattung ohne weitere Bearbeitung. So stiegen diese in der kleinasiatischen Hauptgruppe, neben den Säulensarkophagen, zu der begehrtesten Gattung auf, wodurch sich die Hauptgruppe auch klar von denen Roms oder Athens abgrenzt, da hier v.a. Sarkophage mit figürlichem Fries überwogen.5

Natürlich gab es aber neben solchen Sarkophagen der Hauptgruppe auch andere. Weit verbreitet waren in Kleinasien auch Sarkophage mit einer tabula ansata . Truhensarkophage sind v.a. auch Bithynien, Pisidien, Lykaonien und Isaurien begrenzt. Ebenfalls nur regionale Ausprägung erfuhren

RiefelSarkophage und Friessarkophage, die aber nur sehr selten zum Vorschein kommen. Somit kann man also sagen, dass für die kleinasiatische Sarkophagproduktion Girlanden- und Säulensarkophage charakterisierend waren, wobei letztere hier ihre prächtigste Ausprägung erfuhren.6

Aufstellungsort der Sarkophage war dabei zumeist im Freien und in diesem Falle meist auf mehr oder weniger hohen Sockel (Abb. 7), was wohl bereits eine lange Tradition hat wie man im Falle der lykischen Sarkophage betrachten kann, welche mehrere hundert Jahre zuvor in dieser Art präsentiert wurden (Abb. 8). Daneben sind aber auch Grabbauten mit Sarkophagen in verschiedenen Gegenden Kleinasien bekannt, wie Z.B. das Mausoleum von Belevi (Abb. 9). Ihrem Aufstellungsort meist geschuldet, durch den man die Sarkophage von allen Seiten betrachten konnte, wurden die kleinasiatischen Exemplare, ganz im Gegensatz zu den stadtrömischen, fast immer auf allen vier Seiten gleichwertig ausgearbeitet.7

2.2 Dokimeion

Nachdem wir uns die Produktion von Sarkophagen in Kleinasien in ihren Grundzügen vor Augen geführt haben, sollen nun die Marmorsteinbrüche von Dokimeion betrachtet werden, welche als Zentrum für die Hauptgruppe kleinasiatischer Sarkophage gelten und bereits am Ende des 1. bzw. Anfang des 2. Jh. n. Chr. für Rom von besonderer Bedeutung waren, wobei der Abbau wohl bereits zur Zeit der späten Republik begann.8

So beginnt 107 n. Chr. Apollodorus mit dem Bau des Trajansforum (Abb. 10). Er plante eine fünfschiffige Basilika, der im Süden ein säulenumstandener Platz vorgelagert sein sollte. Im Norden wurde ein kleiner Platz, in dessen Zentrum die Trajanssäule Stand von zwei kleineren Bauten und einem mächtigen Propylon eingefasst. Für dieses gewaltige Vorhaben benötigte er rund 480 Marmorsäulen die das Bild der Forumsanlage prägen sollten. Das Material für den Bau wurde aus allen Gebieten des Imperiums herangebracht, wobei der phrygische Pavonazzetto-Marmor rund ein Drittel des gesamten Materials ausmachte.9

Die Beliebtheit war dabei begründet durch das fein geäderte Erscheinungsbild (Abb. 11), die hohe Qualität, und nicht zuletzt durch die enorme Größe und Leistungsfähigkeit der Steinbrüche. Das bedeutendste der Abbaugebiete war dabei das von Dokimeion, in der heutigen Provinz Afyon, in denen heute noch Marmor gewonnen wird, wo der begehrte Marmor phrygium gewonnen wurde. Die Steinbrüche befinden sich dabei innerhalb eines nur knapp unter der Oberfläche liegenden Marmorlagers, wodurch auch die große Leistungsfähigkeit begründet ist, durch welche die Einfuhr unter Augustus sich enorm steigerte (Abb. 12). Strabon schreibt, dass die Einfuhr einer Vielzahl von marmornen Vertäfelungsplättchen aus verschiedenen Orten, u.a. Dokiméi on, zum nachhaltigen Preissturz der bis dahin angesehenen, teuren weißen Marmorsorten führte10. Diesen Eindruck der Beliebtheit bzw. Wertschätzung des phrygischen Marmors in der römischen Kaiserzeit verstärkt auch das Preisedikt des Kaisers Diokletian aus dem Jahr 301 n. Chr. So zählte der ägyptische Porphyr mit 250 Denaren zu den teuersten Gesteinssorten. Zu den fast genauso wertvollen Gesteinen zum Preis von 200 Denaren zählt der grüne Stein aus Sparta, der Marmor Numidicum aus Chemtou und auch der phrygische Pavonazzetto-Marmor.11

Wie aber wurden die Steinbrüche verwaltet und wie waren sie organisiert? Elm dies nachzuvollziehen geben uns Steinbruchinschriften (Abb. 13) aus Dokimeion ein klares Bild über die Arbeitseinteilung. So waren die Brüche in kleinere Gebiete, sog. bracchici unterteilt, welche abermals in caesurae und loci eingeteilt wurden, in denen wiederum mehrere Steinmetzgruppen, sog. officináé, organisiert waren, die so Arbeiten in verschiedenen bracchia gleichzeitig ausführen konnten. Dabei wurden mit Hilfe von Sägen und Meißeln zunächst große Blöcke aus dem Fels herausgetrennt, die dann zu Halbfabrikaten verarbeitet wurden und wohl erst an ihrem Bestimmungsort vollständige Ausarbeitung erfuhren. Obligatorisch wurden dabei die herausgetrennten Blöcke auch mit Konsulatsangaben versehen, mit deren Hilfe man wohl, so Summerer, die Jahresproduktion kontrollierte.12

Die Reise der Marmorblöcke zum jeweiligen Bestimmungsort dauerte dabei mehrere Wochen. Zuerst wurden sie mit Ochsenwagen zu einem Hafen gebracht, wie ein Reliefbild auf dem Grabstein des Marmortransporteurs (lectiarius) Onesimos zeigt (Abb. 14). Dieser Transport erfolgte, so Röder, über Synnada, welches wohl der Sitz der Verwaltung, also des ״Steinbruchdirektors“, eines sog. probator, war und damit gleichzeitig eine Art Zentraldepot bildete, von welchem aus die Transporte in Richtung Küste stattfanden13. Dies bedeutete im Falle von Dokimeion einen Weg von rund 300 km bis Ephesos, wo der Marmor auf sog. naves lapidarme verladen wurde, mit welchen sie dann zu ihrem Bestimmungsort transportiert wurden.14 Nach der Ankunft am jeweiligen Bestimmungsort, wie Z.B. Rom. wurde der Marmor in zentrale Verwaltungsbüros, sog. ratio-urbica, von denen wohl auch Apollodorus seinen Marmor für den Bau des Trajansforums bezog, gebracht.15

Die Wiederentdeckung der Steinbrüche von Dokiméi on erfolgte 1839 durch Charles Texier, jedoch wurden sie aber erst in den 1960er Jahren vom Geographen Josef Röder publiziert, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte, dass die Steinbrüche heutzutage eine so enorme Bedeutung haben werden. Nach Untersuchungen Röders wurden hier rund 500.000 m3 Marmor in römischer Zeit, d.h. in drei Jahrhunderten, gewonnen, was für die hohe Leistungsfähigkeit der römischen Arbeitskräfte und die Effizienz der römischen Verwaltung spricht. Jedoch gab es natürlich auch Gegner einer solch enormen Ausbeutung. Unter diesen ist vor allem Plinius der Ältere zu nennen, der es für nicht richtig hielt ganze Berge abzutragen und auf Schiffen kreuz und quer über die Meere zu transportieren16.17

3. Die Architekturornamentik kleinasiatischen Säulensarkophage

Nun folgend soll die Entwicklung der Architekturornamentik auf den Säulensarkophagen vorgestellt werden, beginnend mit denen der Frühphase, bis hin zu solchen der Sidamaragruppe, welche den Höhepunkt der kleinasiatischen Säulensarkophagproduktion markieren. Des Weiteren soll auch betrachtet werden wie sich der Sarkophagkasten im Laufe der änderte bis hin zu seiner finalen Form. Vorab soll aber kurz darauf eingegangen werden, welches die Vorläufer bzw. Vorbilder für den architektonische Gestaltung der Sarkophage sein könnten.

3.1 Der Grundtyp des kleinasiatischen Säulensarkophags und seine Vorbilder

Als Beispiel für die Gruppe der kleinasiatischen Säulensarkophage des geläufigen Typs soll der Sarkophag Athen-London dienen (Abb. 15), welchen wir uns kurz betrachten wollen um einen ersten Eindruck zu bekommen vom grundsätzlichen Aufbau eines kleinasiatischen Säulensarkophags. Klar zu sehen ist, dass der Sarkophagkasten durch die Säulenarchitektur untergliedert wird, welche sich über einem undekorierten Sockel erhebt. An den Langseiten Stehen dabei spiralförmig kannelierte Säulen, deren Kannelur abwechselnd links oder rechts drehend ist, auf profilierten kubischen Basen, während an den Schmalseiten, die uns im folgenden nicht weiter beschäftigen werden, der Sockel des Sarkophags bis zu der Höhe der Basen erhöht wurde. Jedoch weißen die Säulenschäfte, wie auch das Gebälk, auf allen Seiten die gleiche Höhe auf.

Das Gebälk bildet mit verschiedenen Abschlüssen über den einzelnen Interkolumnien eine auf das Zentrum ausgerichtete Nischenarchitektur. Auf der Hauptansichtsseite krönt dabei ein Giebel die Mittelnische, welche von einem mit waagerechtem Gebälk überspannten Interkolumnium und einer darauf folgenden abschließenden Nische mit einem bogenförmigen Gebälk flankiert wird. Somit werden die beiden äußeren, sowie die mittlere Nische durch die unterschiedliche Gebälkarchitektur besonders hervorgehoben, was durch das Anbringen von Muscheln in den jeweiligen Giebelfeldern noch betont wird, wie auch durch die Verkröpfung zu den jeweiligen Nebennischen. Diese muss jedoch nicht in jedem Falle wie hier aprubt sein, sondern kann auch von den Eck- zu den Nebennischen eher allmählich bzw. fließend verlaufen, wodurch ein stärkerer Akzent auf die Mittelnische gelegt wird. Dieser vielfätigen Gliederung des Sarkophagkastens entspricht der reiche Dekor der einzelnen Architekturteile. D.h. neben einem gelegentlich geschmückten Sockel, profilierten Basen und spiralförmig kannelierten Säulen kommt auch ein reich gegliedertes Gebälk zum Vorschein, welches auf ״verkümmerten“ korinthischen Kapitellen aufliegt. Dieses Gebälk ist im unteren Streifen versehen mit einem lesbischen Kymation, an welches sich ein Eierstab, ein Zahnschnitt, ein undekoriertes Profil und ein Friesstreifen mit Blattwerk anschließt.18

Die Technik, die dabei zur Bearbeitung des Ornats genutzt wurde ist eine sog. Negativtechnik. Sie löst eine Oberfläche durch tiefe Bohrungen auf und erzeugt somit starke Kontraste zwischen Licht und Schatten. Die Anfänge der Negativtechnik lassen sich in Kleinasien klar zurückverfolgen. So kann man sie bereits im Bauschmuck des im 2. Viertel des 2. Jh. V. Chr. entstandenen Bouleuterions (Abb. 16) von Milet betrachten. Besonders deutlich ist es dabei an den korinthischen Kapitellen des Propylon zu betrachten, an denen zwischen bereits relativ dünnen Graten tiefe Bohrungen das Kapitell durchziehen, durch welche der Reliefgrund nicht mehr zu sehen ist, womit eine Negativtechnik zum Einsatz kam. Ebenfalls gut nachzuvollziehen ist diese Technik im Inneren des Bouleuterions an bei den Kapitellen der Halbsäulen (Abb. 17). Beim dem hier befindlichen Eierstab sind sowohl die Ovoli, wie auch die Lanzettspitzen nicht nur von einer schwachen Vertiefung umgeben, sondern es ist abermals der Einsatz der Negativtechnik zu betrachten, durch welche der Reliefgrund förmlich verschwindet.19

Beispiele für die Gestaltung bzw. Gliederung des Sarkophags im Allgemeinen findet sich in vielen Beispielen in der kaiserzeitlichen Architektur Kleinasiens. Als Beispiel zu nennen sei die Fassade der Celsusbibliothek in Ephesos (Abb. 18) aus dem 1. Viertel des 2. Jh. n. Chr., die scaenae frons des Theaters von Aspendos (Abb. 19) oder des Theaters von Aizanoi (Abb. 20), aus der 2. Hälfte des 2. Jh. n. Chr. oder auch die Fassade des Markttores von Milet (Abb. 21) aus der 1. Hälfte des 2. Jh. n. Chr., sowie das Nymphäum von Sagalassos (Abb. 22), welches ebenfalls aus der 1. Hälfte des 2. Jh. n. Chr. stammt. Somit sieht man also, dass es ausreichend Vorbilder gab für die architektonische Gliederung der Sarkophage, sowie für die Gestaltung des Gebälks. Sucht man nun nach Vorbildern für spiralförmig kannelierte Säulen, so wird man Z.B. in Aphrosidisias fündig, da dort die Säulen des Tetrapylons (Abb. 23), welches in severischer Zeit entstand, zumindest zum Teil ebenfalls eine spiralförmige Kannelur aufweisen.

Welcher Sinn könnte nun aber hinter der Gestaltung des Sarkophags stecken? Wiegartz meint, wenn man sich nun die römischen Sarkophage betrachtet, so stellen diese lediglich Truhen zur Aufbewahrung des Toten dar, welche mit einem z. T. prächtigen Fries versehen wurden. Die attischen Sarkophage deutet er auf Grund des Dachdeckels als Häuser der Verstorbenen. Wenn man nun bereits, so Wiegartz, den attischen Sarkophag als Haus des Toten ansehen möchte, so müsste man die Säulensarkophage Kleinasiens nicht nur als einfachen Grabbau, sondern als Heroon für den Verstorbenen sehen, was noch dadurch untermauert wird, dass in der Spätphase die Verstorbenen auf dem Klinendeckel dargestellt sind (Abb. 6).20

Vorbilder im kleinasiatischen Raum gibt es ausreichend, die diese Theorie untermauern können; zu nennen seien das Nereidenmonument von Xanthos (Abb. 24), das Mausoleum von Hallikamass (Abb. 25), sowie das Mausoleum von Belevi (Abb. 26). Diese Grabmäler sind mit einer Cella versehen, die von Säulen umgeben ist, in deren Interkolumnien, Z.B. in Xanthos statuarische Plastiken aufgestellt waren, was wiederum stark an die Säulensarkophage erinnern lässt. Ein anderes Vorbild erwähnt außerdem Elderkin. Dieser versucht eine Verbindung zwischen dem Klagefrauensarkophag (Abb. 27) und den späteren Säulensarkophagen herzustellen21. Jedoch ist dieser Versuch wohl eher vergebens, da es keine durchgehende Tradition gibt und der Klagefrauensarkophag wohl als Einzelstück seiner Zeit gelten muss. Die monumentalen Grabbauten hingegen waren in römischer Zeit wohl noch gut erhalten gewesen und außerdem weithin bekannt, wodurch sie wohl als Anreiz für die Produktion von Säulensarkophagen verstanden werden können.22

3.2 Die Entwicklung der Gebälkornamentik

Betrachten wir uns nun die stilistische Entwicklung der Sarkophage. Als Ausgangspunkte für unsere Betrachtung sollen dabei der Melfisarkophag, der zwischen 165 und 170 n. Chr. datiert wird, sowie der Sarkophag der Claudia Antonia Sabina aus Sardes, der um 190 n. Chr. angesetzt wird, dienen, welche beide über die dargestellten Porträtfiguren absolut datiert sind.23

Die Blätter des korinthischen Kapitells des Melfisarkophages (Abb. 28) sind schmal, feingratig gegliedert und durch tiefe Bohrungen vom Reliefgrund abgehoben. Aus den Zwickeln des unteren Blattkelches wachsen, anfangs verdeckt, lange, dünne Blätter hervor, die sich nach oben hin teilen und in Voluten enden. Das darüber befindliche lesbische Kymation wird von tiefen Bohrungen aufgelöst und so durch Licht und Schatten gegliedert. Es erweist sich, so Wiegartz, als eine Umsetzung des noch haptischer gebildeten Kymations der Celsusbibliothek von Ephesos (Abb. 29) in reine Negativformen. Der Eierstab am Melfisarkophag hat längliche Ovoli, die von tiefen Einbohrungen und einer Rippe umgeben. Die Zwickel zwischen den Rippen sind mit nach unten zeigenden Pfeilen ausgefüllt, sodass der Eierstab relativ dicht wirkt. Die geflammten Palmetten des oberen Gebälkstreifens sind zwar bereits in Ansätzen in Negativtechnik gearbeitet, aber gegenständlich noch gut erkennbar.24

Eine Weiterentwicklung sehen wir an dem etwa 20 Jahre später entstandenen Sarkophag der Claudia Antonia Sabina (Abb. 30). Die Blätter der Kapitelle sind jetzt dicker und weniger in sich gegliedert, wie noch am Melfisarkophag. Man kann aber betrachten, dass die Negativtechnik hier

[...]


1 Vgl. Wiegartz 1965, 9-10; Rodenwaldt 1923/24.

2 Vgl. Koch - Sichtermann 1982, 498.

3 Vgl. Koch - Sichtermann 1982, 476.

4 Vgl. Koch - Sichtermann 1982, 477.

5 Vgl. Koch - Sichtermann 1982, 477.

6 Vgl. Koch - Sichtermann 1982, 477-478.

7 Vgl. Koch - Sichtermann 1982, 478.

8 Vgl. Summerer - Bruno - von Kienlin 2012, 39.

9 Vgl. Summerer - Bruno - von Kienlin 2012, 39-40.

10 Vgl. Stab. 9, 437.

11 Vgl. Summerer - Bruno - von Kienlin 2012, 41-42.

12 Vgl. Summerer - Bruno - von Kienlin 2012, 46

13 Vgl Röder 1971, 253-254.

14 Vgl. Summerer - Bruno - von Kienlin 2012, 46.

15 Vgl. Summerer - Bruno - von Kienlin 2012, 43.

16 Vgl. Plin. nat. 36,1.

17 Vgl. Summerer - Bruno - von Kienlin 2012, 48.

18 Vgl. Wiegartz 1965, 13-14.

19 Vgl. Wiegartz 1965, 14.

20 Vgl Wiegartz 1965, 22 2( Vgl. Elderkin 1939, 104.

22 Vgl Wiegartz 1965, 22-23.

23 Vgl Wiegartz 1965, 27.

24 Vgl Wiegartz 1965, 28

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Die architektonischen Elemente kleinasiatischer Säulensarkophage und ihre Tradierung in der Spätantike
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
38
Katalognummer
V451397
ISBN (eBook)
9783668858923
ISBN (Buch)
9783668858930
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sarkophag, Säule, Säulensarkophag, Rom, Geschichte, Archäologie, Buch, Antike, Spätantike, Bildprogramm, Deutung, Marmor, Marmorherstellung, Italien, Kleinasien, Sidamara, Türkei, Unteritalien, Griechenland
Arbeit zitieren
Martin Richter (Autor), 2012, Die architektonischen Elemente kleinasiatischer Säulensarkophage und ihre Tradierung in der Spätantike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451397

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die architektonischen Elemente kleinasiatischer Säulensarkophage und ihre Tradierung in der Spätantike


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden