Ist es möglich den fiktiven Tyrannen aus Platons „Politeia“ mit dem realen Tyrannen aus George Orwells „Animal Farm“ zu vergleichen? In wieweit gibt es Überschneidungen und an welchen Stellen herrscht eine enorme Diskrepanz? Gibt es Stellen in beiden Werken die darauf hinweisen könnten, dass die Werke in einem bestimmten Maße geschichtsdeterministische Züge haben, das heißt kann ein Staat aus einer Tyrannis entkommen und wieder zur Aristokratie aufsteigen oder geht er mit ihr unter? Diese Fragen sollen nun zum einen anhand von Meinungen anderer Autoren, obwohl in neuer Zeit sich wenig mit dem Thema befasst wurde, da wir zur Zeit keine Diktatur oder Tyrannis in großen und bedeutenden europäischen Ländern haben, und zum anderen selbstverständlich anhand der beiden Originalwerke.
Platons „Politeia“ und George Orwells „Animal Farm“ sind Meilensteine in der Geschichte der Weltliteratur, nicht nur aufgrund der Brillanz der Autoren, sondern auch wegen des gesellschaftskritischen Inhalts. Während Platon über einen fiktiven Staat schreibt, indem er, ausgehend vom Philosophenstaat, welcher die Staatsform der Aristokratie, mit dem guten und gerechten Menschen, beheimatet den Verfallsprozess des Staates bis hin zur Tyrannis, über die Timokratie, Oligarchie und Demokratie, beschreibt, handelt George Orwells „Animal Farm“ von einer realen Staatsform, nämlich dem kommunistischen System unter der Diktatur Stalins in Russland.
In dieser Arbeit soll nun der Versuch eines Vergleiches angestrebt werden zwischen der in der „Politeia“ beschriebenen Tyrannis und dem totalitärem System bei Orwell, was einer Tyrannis gleich kommt. Was aber versteht man im eigentlichen Sinne unter einer Tyrannis? Eine Tyrannis in der Antike war nichts Ungewöhnliches und auch nichts zwangsweise Schlechtes, da sie nur einen Alleinherrscher darstellte, der über das Volk, in der Art eines Monarchen handelte, nur mit dem Unterschied, dass das Amt des Tyrannen nicht vererbt werden konnte. Platon hingegen geht, aufgrund der schlechten Erfahrungen die er mit den 30 Tyrannen von Athen, zu denen er verwandtschaftliche Beziehungen unterhielt, erlebt hat, nur vom schlechtesten aus, da in ihrer Herrschaft nur Gewalt allein den Ausschlag gegeben hat. In der heutiger Zeit verbindet man mit dem Wort Tyrann schlagartig einen Alleinherrscher, der sein Volk unterdrückt und nur sein besonderes Wohl in den Vordergrund stellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Darstellung der Tyrannis in Platons „Politeia“
2.1 Entstehung der Tyrannis
2.2 Entstehung des Tyrannen
2.3 Leben des Tyrannen und des tyrannischen Staates
2.4 Der tyrannische Mensch
3. Darstellung der Tyrannis bei George Orwells „Animal Farm“
3.1 George Orwells Beweggründe für „Animal Farm“
3.2 Charaktere in „Animal Farm“
3.3 Wichtige Ereignisse während und hin zur Tyrannis
4. Vergleich der Tyrannis in der „Politeia“ mit der in „Animal Farm“
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit der platonischen Tyrannistheorie auf das totalitäre System in George Orwells „Animal Farm“, um Gemeinsamkeiten und Diskrepanzen in der Darstellung tyrannischer Herrschaft zu identifizieren und die Frage nach geschichtsdeterministischen Ansätzen in beiden Werken zu erörtern.
- Die Entwicklung und Entstehung der Tyrannis nach Platon
- Die politische Motivation und Charakterzeichnung in Orwells „Animal Farm“
- Vergleichende Analyse der Mechanismen tyrannischer Machtausübung
- Die Rolle der Unterdrückung und Leibwächter in beiden Systemen
- Untersuchung von geschichtsdeterministischen Zügen in der Literatur
Auszug aus dem Buch
2.2 Entstehung des Tyrannen
Nachdem wir nun geklärt haben wie es dazu kommen kann, dass eine Tyrannis entsteht, soll nun der Weg des einen Menschen hin zum Tyrannen dargestellt werden. Um dies besser zu veranschaulichen teilt der platonische Sokrates den demokratischen Staat in drei Teile ein. Denn dieser ist es ja, wie wir wissen, aus dem die Tyrannis entsteht. Den ersten Teil bildet das Geschlecht der Drohnen, jener „fauler und verschwenderischer Menschen, wovon die tapferen anführen, und die feigeren ihnen folgen.“ (564b4 – 7). Dieses Geschlecht kann nun in der Demokratie besser gedeihen als in der Oligarchie, wo es zum ersten Mal erwähnt wurde, da diese Drohnen durch die unbegrenzte Freiheit es leicht haben sich zu entwickeln. Es wäre möglich anzunehmen, dass der platonische Sokrates in einer leicht zynischen Art und Weise mit dem Geschlecht der Drohnen die Politiker meint, was wiederum erklären würde, warum sie sich in einer Demokratie besser entfalten können als in einer Oligarchie (564d1 – 564e2).
Den zweiten bezeichnet er als Drohnenweide, was nichts anderes ist, als die reichsten und ordnungsliebendsten Menschen in einem Staat. Von diesen werden die Drohnen durchgefüttert, da sie ansonsten nichts erwirtschaften (564e4 – 13).
Den dritten schlussendlich bildet das Volk. Hiermit gemeint sind jene Menschen, die von ihrer Hände Arbeit leben und sich ansonsten um nichts weiter kümmern. Obwohl sie arme Leute sind, stellen sie den größten Teil des demokratischen Staates dar (565a1 – 5). Dieser ist widerrum auch der mächtigste Teil des Staates, aber nur wenn sie vollzählig versammelt sind (565a4 -5).6 Wie entsteht nun aber der Tyrann aus diesem dreigeteilten Staat? Es beginnt alles damit, dass das Volk seinen Anteil von den Besitzenden fordert. Daraufhin nehmen die Politiker, also die Drohnen, das Geld der Reichen und verteilen einiges unter das Volk, behalten aber das Meiste für sich selbst.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Tyrannis in Platons „Politeia“ und George Orwells „Animal Farm“ ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Vergleichbarkeit beider Werke.
2. Darstellung der Tyrannis in Platons „Politeia“: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung der Tyrannis, die Transformation des Tyrannen und die psychologischen Aspekte des tyrannischen Menschen innerhalb des platonischen Modells.
3. Darstellung der Tyrannis bei George Orwells „Animal Farm“: Hier werden die Beweggründe Orwells für sein Werk, die Symbolik der Charaktere und die entscheidenden historischen Ereignisse, die den Weg in die Tyrannis auf der „Animal Farm“ kennzeichnen, analysiert.
4. Vergleich der Tyrannis in der „Politeia“ mit der in „Animal Farm“: Dieses Kapitel führt den direkten Vergleich zwischen der fiktiven Theorie Platons und dem erzählerischen, an realen Ereignissen orientierten System Orwells durch.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Vergleichbarkeit der beiden Werke zusammen und diskutiert abschließend die Frage nach dem Geschichtsdeterminismus im Kontext von Platon und Orwell.
Schlüsselwörter
Tyrannis, Platon, Politeia, George Orwell, Animal Farm, Totalitarismus, Demokratie, Geschichtsdeterminismus, Staatsform, Machtausübung, Philosophenstaat, Stalinismus, Politische Philosophie, Herrschaft, Revolution.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der vergleichenden Analyse des Tyrannis-Begriffs bei Platon in der „Politeia“ und dem totalitären System in George Orwells „Animal Farm“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entstehung tyrannischer Strukturen, die Rolle des Tyrannen, die Unterdrückung des Volkes sowie die philosophische und literarische Darstellung von Machtverfall.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist zu prüfen, ob die antike, platonische Theorie der Tyrannis auf das moderne, durch historische Ereignisse beeinflusste Werk von Orwell anwendbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode, indem sie die primären Quellentexte analysiert und durch Literaturmeinungen sowie historische Kontexte ergänzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung der Tyrannis bei Platon, die Untersuchung von Orwells Werk inklusive Charakteren und Ereignissen sowie den anschließenden systematischen Vergleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Tyrannis, Demokratie, Totalitarismus, Platon, Orwell, Machtausübung und Geschichtsdeterminismus.
Wie unterscheidet sich der Ursprung des Tyrannen in den beiden Werken?
Während der platonische Tyrann laut Text aus der Mitte des Volkes infolge von Anarchie erwächst, entstammt Napoleons Tyrannenherrschaft in „Animal Farm“ einer bereits etablierten Führerschicht.
Welche Rolle spielt der Begriff des „Geschichtsdeterminismus“ im Fazit?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Orwells Werk geschichtsdeterministische Züge aufweist, während bei Platon aufgrund der Unvereinbarkeit von Tyrann und Philosoph ein solcher Ansatz verneint wird.
- Arbeit zitieren
- Martin Richter (Autor:in), 2009, Ist Platons Tyrannistheorie in der Praxis anwendbar? Ein Vergleich der Tyrannisdarstellung in der "Politeia" und in George Orwells "Animal Farm", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451403