Im Rahmen eines Philosophieseminars die Analyse eines Spielfilms vorzunehmen, scheint zunächst ziemlich gewagt: Spielfilme dienen, so das Alltagsverständnis, der Unterhaltung und Entspannung. Der Zuschauer will seinen Spaß haben. Deswegen geht er ins Kino. Da scheint die Philosophie mit ihren intellektuell fordernden, oft nur schwer verständlichen Diskursen und manchmal Jahrhunderte dauernden Disputen reichlich deplaziert. Doch das ist sie nicht.
Spielfilme sind zwar Unterhaltung, aber keine Berieselung. Der Kinobesucher ist zwar Zuschauer, aber dabei keineswegs so passiv, wie manche Theorien ihn erscheinen lassen. Filme fordern, wie andere Kunstwerke, die Wahrnehmung des Betrachters heraus, weil in ihnen (schon durch die filmtypischen Eigenschaften wie Kadrierung und Montage) nichts so erscheint, wie wir es aus dem Alltag kennen. Das Mechanische, Automatische, die Routinen unserer Alltagswahrnehmung werden verfremdet und aufgebrochen. Dabei spielt der Zuschauer eine höchst aktive Rolle: Denn erst in seinen mentalen Prozeßen entsteht diese Verfremdung.“Der Zuschauer sucht im Werk aktiv nach Hinweisen [cues] und reagiert darauf mit den Wahrnehmungsfähigkeiten [viewing skills], die er durch seinen Umgang mit anderen Kunstwerken und mit dem Alltagsleben erworben hat”. Das Anschauen eines Films ist ein Ereignis von größter mentaler Aktivität. Der Zuschauer akzeptiert nicht nur, daß er dieser geistigen Anstrengung unterzogen wird, er verlangt es sogar. Offenbar ist es nämlich genau diese Aktivität, dieses Suchen und Finden von Hinweisen, wie er die Handlungselemente untereinander, aber auch mit seinem Leben, mit seinen innersten Gefühlen und Problemen verbinden kann, das, was ihm beim Filmesehen Vergnügen und Spaß bereitet. Im täglichen Leben - im Beruf, im Straßenverkehr, im Kaufhaus - spielt Philosophie (für die meisten) keine Rolle: Alles wird routiniert, automatisch, pragmatisch erledigt. Im Film ist das anders: Hier erwartet der Zuschauer die Herausforderung, das Besondere, das, was im Alltag nicht vorkommt oder zu kurz kommt. Hier kann in dramatischer Form (ähnlich dem Theater) das ausgetragen werden, was den Menschen in seinem Innersten bewegt und berührt. Dazu gehören insbesondere die menschlichen Grundfragen und -probleme, also genau jener Bereich, mit dem sich die Philosophie beschäftigt.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Am Anfang war...das Leid
2. Gegenüberstellung von Optimismus und Pessimismus
2.1. Die beste aller möglichen Welten
2.2. Die schlechteste aller möglichen Welten
2.3. Pessimistische Kritik der optimistischen-
Optimistische Kritik der pessimistischen Weltbilder
3. Rashomon
3.1. Inhalt
3.2. “The Great Rashomon Murder Mystery”
3.3. Zum Schluß
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die philosophische Rechtfertigung menschlichen Lebens und ethischen Handelns angesichts der allgegenwärtigen Erfahrung von Leid und Übel. Dabei wird die Gegenüberstellung der gegensätzlichen Weltbilder von Gottfried Wilhelm Leibniz und Arthur Schopenhauer als theoretischer Rahmen genutzt, um anschließend Akira Kurosawas Spielfilm „Rashomon“ als geistesgeschichtlichen Ausdruck sowie als möglichen Lösungsversuch dieser Problematik zu analysieren.
- Die metaphysische Kontroverse zwischen Optimismus und Pessimismus.
- Die Theodizee-Problematik und die Frage nach dem Sinn des Leidens.
- Die Analyse der menschlichen Willensstruktur nach Schopenhauer.
- Die filmische Darstellung von Wahrheit, Egoismus und Mitleid in „Rashomon“.
- Die Suche nach einer konstruktiven, lebensbejahenden Haltung trotz existentieller Zweifel.
Auszug aus dem Buch
3.2 “The Great Rashomon Murder Mystery”
Der Film “Rashomon” scheint zunächst Schopenhauer in vollem Umfang zu bestätigen: Die Welt ist ein Ort voller Leid. Gleich in den ersten Minuten hören wir, daß es eine Welt voller Krieg, Krankheit und Verbrechen ist, in die wir eingeführt werden. Auch visuell wird dieser Eindruck durch die Düsternis und das vertikale Gitternetz des Regens unterstützt. Der sintflutartige Regen ist gleichsam Sinnbild: Die Welt ist kein Ort, an dem sich der Mensch ungeschützt aufhalten kann.
Auch in der Analyse der Leiden ist der Film auf einer Linie mit Schopenhauer: Die Story des Films nimmt ihren Anfang bei Tajomaru, der gelangweilt und schläfrig an einen Baumstamm gelehnt ist. Seine bloße Existenz erscheint ihm offenbar als Qual. Da erblickt er auf einmal die Frau, d.h. er sieht sie kaum, da sie von einem Schleier verhüllt ist. Trotzdem kann er durch einen Windhauch für einen Moment einen Blick auf ihr Gesicht werfen: Sie ist wunderschön. Das weckt seine Begierde: Er muß diese Frau haben. All sein Streben, seine Kraft richten sich auf dieses eine Ziel: die sexuelle Vereinigung mit jener geheimnisvoll-erotischen Frau.
Als Tajomaru durch den Wald läuft, begleitet von einer rasend schnellen Kamerafahrt vorbei an Bäumen und Sträuchern, unterlegt mit kraftvoll-stürmischer Musik, kann der Zuschauer Tajomarus Willen nicht nur sehen, er kann ihn spüren!
Doch nicht nur Tajomaru ist von Egoismus und Gier gefangen: Als der Räuber dem Samurai von einem Schatz erzählt, den er billig zu verkaufen habe, folgt er (vom Streben nach Reichtum getrieben) dem fremden und keineswegs vertrauenserweckenden Mann ins Dickicht der Wälder.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung begründet die Relevanz einer philosophischen Filmanalyse und skizziert das Ziel, den Film „Rashomon“ im Kontext der Kontroverse zwischen Optimismus und Pessimismus zu untersuchen.
1. Am Anfang war...das Leid: Dieses Kapitel führt in die anthropologische Grunderfahrung des Leidens ein und stellt den Gegensatz zwischen dem metaphysischen Optimismus und dem Pessimismus als fundamentale Antwort auf das Sein oder Nichtsein dar.
2. Gegenüberstellung von Optimismus und Pessimismus: Hier werden die Positionen von Leibniz und Schopenhauer detailliert analysiert, wobei Leibniz’ Theodizee der „besten aller möglichen Welten“ der pessimistischen Sicht Schopenhauers gegenübergestellt wird.
3. Rashomon: Dieses Kapitel widmet sich der inhaltlichen Zusammenfassung, der filmischen Analyse unter Schopenhauers Gesichtspunkten sowie einer kritischen Reflexion des „Rashomon“-Schlusses als Hoffnungsmoment.
Schlüsselwörter
Philosophie, Filmanalyse, Optimismus, Pessimismus, Rashomon, Akira Kurosawa, Gottfried Wilhelm Leibniz, Arthur Schopenhauer, Leid, Theodizee, Willen zum Leben, Mitleid, Wahrheit, Ethik, Existenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das menschliche Leben und ethisches Handeln angesichts der Erfahrung von Leid und Übel in der Welt philosophisch begründet werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der metaphysische Optimismus, der Pessimismus, die Theodizee-Frage, das Wesen des menschlichen Willens und deren Darstellung im Film „Rashomon“.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Leibniz’ und Schopenhauers gegensätzliche Positionen kritisch zu würdigen und zu prüfen, inwieweit „Rashomon“ als Antwort auf die Frage nach Sinn und Rechtfertigung des Lebens dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine philosophische Filmanalyse angewandt, die geistesgeschichtliche Diskurse (Leibniz, Schopenhauer) mit einer detaillierten Interpretation filmischer Narrations- und Darstellungsmittel verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Gegenüberstellung von Leibniz und Schopenhauer sowie eine konkrete Analyse des Films „Rashomon“ hinsichtlich seiner Aussage über das Gute und die Wahrheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Philosophie, Pessimismus, Mitleid, Theodizee, Wille und existenzielle Verantwortung charakterisiert.
Warum wird gerade der Film „Rashomon“ für diese Analyse gewählt?
Der Film wird gewählt, weil er durch seine Thematik der Wahrheitsfindung und des menschlichen Egoismus das philosophische Grundproblem des Leidens in einer dramatischen, bildstarken Form verhandelt.
Wie bewertet der Autor den Schluss des Films?
Der Autor interpretiert das Ende nicht als aufgesetztes „Hollywood-Happy-End“, sondern als eine notwendige Konsequenz der Figuren, die trotz ihrer Verzweiflung am Glauben an das Gute festhalten wollen.
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- Christian Junklewitz (Author), 2000, Rashomon. Eine philosophische Filmanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45142