Am Anfang meines 13-wöchigen Schulpraktikums bekam ich zuerst eine Führung durch die Schule und natürlich durch das Lehrerzimmer. Irgendwann erwähnte man mir beiläufig, „dort hinten liegen die Lehrpläne, wenn du Zeit hast, kannst du ja mal reinschaun“. Für meine Unterrichtsvorbereitungen schaute ich nicht ein einziges Mal hinein. Ich zog viel mehr Schulbücher oder das Internet dafür zur Hilfe heran. Auch beobachtete ich die Lehrerinnen und Lehrer und in diesen 13 Wochen sah ich gerade einmal eine Lehrerin in den Lehrplan schauen. Dies zerstörte mein Bild vom staatlichen Lehrplan. Mein ganzes Schülerleben lang glaubte ich, dass der Lehrplan das wichtigste Instrument für den Lehrkörper sei. Oft hörte ich Lehrerinnen und Lehrer in dieser Zeit sagen, „im Lehrplan steht…“ und doch sah ich während meines Praktikums kaum jemanden diesen benutzen. Ich stellte mir also die Frage, ob die Lehrerinnen und Lehrer die Lehrpläne überhaupt benutzen und wenn ja wie und in welcher Weise. Aus meinen 13 Wochen Erfahrung schließe ich, dass die deutschen Lehrerinnen und Lehrer die staatlichen Lehrpläne überhaupt nicht benutzen und sie deshalb auch nicht benötigen. Dies möchte ich nun in meiner Hausarbeit hier zur Diskussion stellen.
Zuerst möchte ich den Begriff „Lehrplan“ definieren und abgrenzen, um dann die Funktionen von Lehrplänen aufzuzeigen. Mit Hilfe einer Studie die zur Einführung neuer Rahmenpläne in Hessen durchgeführt wurden, möchte ich zeigen, wie Lehrpläne in Hessen benutzt werden. Ich gehe dabei davon aus, dass das Beispiel in Hessen auch auf ganz Deutschland übertragbar ist. Um einen Vergleich zu bekommen, zeige ich an Hand der Niederlande, dass staatliche Lehrpläne nicht unbedingt notwendig sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition von Lehrplan
3. Funktionen staatlicher Lehrpläne
3.1. Die Legitimationsfunktion
3.2. Die Orientierungsfunktion
4. Die Benutzung von Lehrplänen
4.1. Benutzung der RRL und RP
4.1.1. Die RRL
4.1.2. Die RP
4.2. Es geht auch ohne!
5. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die praktische Relevanz staatlicher Lehrpläne im deutschen Schulalltag und geht der Forschungsfrage nach, inwiefern diese von Lehrkräften tatsächlich genutzt und benötigt werden.
- Analyse der theoretischen Funktionen (Legitimation und Orientierung) staatlicher Lehrpläne.
- Untersuchung der tatsächlichen Lehrplananwendung anhand hessischer Studien.
- Kontrastierung mit alternativen Systemen am Beispiel der Niederlande.
- Diskussion über die Rolle von Schulbüchern und schulinternen Curricula als Ersatz für staatliche Vorgaben.
- Kritische Reflexion der These zur Entbehrlichkeit staatlicher Lehrpläne.
Auszug aus dem Buch
4.1.1. Die RRL
Betrachten wir zunächst einmal die Benutzung der RRL. Auf die Frage hin, „Wann haben Sie das letzte Mal etwas in den Rahmenrichtlinien nachgeschaut?“ (Vollstädt u.a. 1999, S.81) gaben über die Hälfte der befragten Lehrerinnen und Lehrern an, dass Sie schon ein Jahr oder sogar schon länger nicht mehr in die Rahmenrichtlinien geschaut haben. Eine häufige Nutzung der RRL kann folglich nicht vorhanden sein. Auch die Frage nach der Kenntnis der Rahmenrichtlinien, „Schätzen Sie bitte ein, wie gut Sie die Rahmenrichtlinien Ihres Faches kennen!“ (Vollstädt u.a. 1999, S.82) lässt keine Kenntnis über die RRL erkennen. Ein weiteres Ergebnis dieser Studie war, dass die hessischen Lehrerinnen und Lehrer die Rahmenrichtlinien nur selten für die Unterrichtsplanung heranziehen (vgl. Vollstädt u.a. 1999, S.83-87). Mit Hilfe von Interviews kamen die Forscher zu diesen möglichen Faktoren, die für den Umgang mit den RRL verantwortlich gemacht werden können:
Die Kenntnisse der Lehrerinnen und Lehrer über die staatlichen Lehrpläne sind auch deshalb oft so dürftig, weil sich neben dem offiziellen Plan längst ein wirkungsvollerer zweiter – der institutionelle Plan – etabliert hat, der in den Augen mancher Kollegien weit mehr Legitimation besitzt als der staatlich verordnete.
Je stärker die Stellung des Schulbuches in einem Fach ist, desto weniger sinnvoll erscheint es den Lehrern, den Lehrplan direkt zu rezipieren.
Je unklarer der Aufbau eines Lehrplan ist und je weniger verbindliche Angaben zur Stoffverteilung macht, desto weniger notwendig erscheint es den Lehrern, einen solchen Plan zu rezipieren.
Je größer die persönliche und berufliche Distanz zu den offiziellen Zielen und Vorgaben der Organisation Schule ist, desto weniger sinnvoll erscheint es den Lehrkräften, den Lehrplan zur Kenntnis zu nehmen
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der persönlichen Motivation des Autors sowie der zentralen Forschungsfrage und der aufgestellten Arbeitsthese.
2. Definition von Lehrplan: Theoretische Eingrenzung des Begriffs durch verschiedene Definitionen und Erläuterung der Konkretionsformen von Curricula.
3. Funktionen staatlicher Lehrpläne: Erörterung der Legitimations- und Orientierungsfunktion im deutschen Bildungssystem.
4. Die Benutzung von Lehrplänen: Untersuchung der empirischen Befunde zur Lehrplanpraxis in Hessen sowie ein internationaler Vergleich mit dem niederländischen Schulsystem.
5. Schluss: Zusammenführung der Ergebnisse und kritische Reflexion zur Bedeutung staatlicher Lehrpläne im Vergleich zu schulinterne Curricula.
Schlüsselwörter
Lehrplan, Rahmenrichtlinien, RRL, Rahmenpläne, RP, Unterrichtsplanung, Legitimationsfunktion, Orientierungsfunktion, hessische Schulforschung, schulinternes Curriculum, Schulbuch, Lehrplanpraxis, Schularbeitsplan, Lehrerexpertise, Bildungspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie deutsche Lehrkräfte staatliche Lehrpläne in ihrem beruflichen Alltag nutzen und ob diese Vorgaben tatsächlich für den Unterricht benötigt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die theoretischen Funktionen staatlicher Lehrpläne, deren praktische Anwendung im Schulalltag sowie alternative, lehrplanfreie Bildungsmodelle.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem theoretischen Anspruch staatlicher Lehrpläne und ihrer tatsächlichen Rezeption durch Lehrkräfte aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung empirischer Studien, insbesondere einer Forschungsarbeit an hessischen Sekundarschulen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Definition, die Erläuterung der Funktionen von Lehrplänen, eine detaillierte Auswertung hessischer Befragungen und einen Vergleich mit dem niederländischen Schulmodell.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Lehrplan, Unterrichtsplanung, RRL/RP, schulinternes Curriculum und Lehrerexpertise.
Warum schneiden die staatlichen Rahmenrichtlinien in der Studie so schlecht ab?
Die Studie zeigt, dass sie oft als wenig hilfreich empfunden werden und durch einflussreichere Instrumente wie Schulbücher oder schulinterne Absprachen ersetzt wurden.
Was kann man vom niederländischen Modell lernen?
Das Beispiel zeigt, dass ein staatlich verordneter Lehrplan nicht zwingend notwendig ist, um Unterrichtsziele zu definieren und ein Bildungsniveau zu gewährleisten, sofern schuleigene Planungskonzepte existieren.
Gibt es einen Unterschied zwischen RRL und RP?
Ja, die Arbeit stellt dar, dass Rahmenpläne (RP) im Vergleich zu Rahmenrichtlinien (RRL) schneller entwickelt wurden, weniger umfangreich sind und stärker auf verbindliche Curricula ausgerichtet wurden.
Zu welchem Fazit kommt der Autor?
Der Autor schließt, dass Lehrkräfte zwar den offiziellen Lehrplan selten direkt konsultieren, jedoch indirekt über schulinterne Pläne und Lehrmaterialien auf dessen Vorgaben angewiesen bleiben.
- Arbeit zitieren
- Susanne Freitag (Autor:in), 2005, Die Benutzung von Lehrplänen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45176