Die Ökonomisierung Sozialer Arbeit und ihre Auswirkungen auf deren Träger


Bachelorarbeit, 2018
57 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Transformationen von Gesellschaft
2.1 Die Transformation des Sozialen
2.1.1 Transformationsphasen
2.1.2 Aktuelle Krisenerscheinungen und Krisendiagnose
2.2 Neoliberalisierung der Gesellschaft und aktivierender Sozialstaat
2.2.1 Neoliberalisierung der Gesellschaft
2.2.2 Der aktivierende und investierende Sozialstaat

3 Prozesse der Okonomisierung in der Sozialen Arbeit
3.1 Okonomisierung der Verwaltung
3.2 Der Quasi-Markt der Sozialwirtschaft
3.3 Veranderung des Subsidiaritatsprinzips
3.4 Sozialmanagement und aktivierende Soziale Arbeit
3.4.1 Sozialmanagement
3.4.2 Effizienz versus Qualitat
3.4.3 Neue Anforderungen an eine aktivierende Soziale Arbeit
3.5 Genderspezifischer Bias der Okonomisierung

4 Auswirkungen auf die Soziale Arbeit
4.1 Finanzielle Erbringungssituation
4.2 Einschrankung der Fachlichkeit Sozialer Arbeit
4.3 Veranderung der (Selbst-)Verortung Sozialer Arbeit in der Gesellschaft
4.3.1 Dynamisierung gesellschaftlicher Transformation durch die Soziale Arbeit selbst
4.3.2 Mangelnde Reflektion der Okonomisierung im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit
4.3.3 Selektive Soziale Arbeit

5 Auswirkungen auf die T rager
5.1 Auswirkungen auf die Tragerstrukturen
5.1.1 Anpassung der Organisationsstruktur
5.1.2 Wettbewerb und Konkurrenz
5.1.3 Beispiele aus der ost-westfalischen Praxis
5.1.3.1 Betreiberubergang von Erstaufnahmeeinrichtungen
5.1.3.2 Beratungsangebote fur Gefluchtete
5.2 Auswirkungen auf die Beschaftigten in der Sozialen Arbeit
5.2.1 Veranderungen bei den Arbeitsbedingungen
5.2.2 Auswirkungen auf die Person der Beschaftigten
5.2.2.1 Wettbewerbliche und gefangene Subjektivierung
5.2.2.2 Resignation, Anpassung und Subversion

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Mit der vorliegenden Bachelor-Arbeit mochte ich die Prozesse der Okonomisierung So- zialer Arbeit darstellen und die sich daraus ergebenden Folgen fur die Erbringungsstruk- turen naher beleuchten. Mein Hauptaugenmerk liegt dabei in Teil I (Okonomisierungspro- zesse im Sozialen) auf den sich wechselseitig bedingenden und verstarkenden Dynami- ken gesellschaftlicher und politischer Entwicklung unter den Voraussetzungen eines neo- liberalen und global agierenden Kapitalismus. Deshalb beginne ich meine Arbeit mit ei- nem Kapitel, in dem ich Fabian Kessls Darstellung aufeinander folgender sozialer Trans- formationsphasen aufgreife und die historischen Bedingungen und Voraussetzungen ei- ner derzeitigen ..Transformation des Sozialen" untersuche (2.1). In einem nachsten Schritt zeige ich, dass diese gezielt vorangetriebene Transformation des Sozialen Not- wendigkeit und Folge der neoliberalen Umgestaltung der modernen Gesellschaften ist und ihren Niederschlag in einem Wandel des Sozialstaats vom Wohlfahrtsstaat zum „ak- tivierenden Sozialstaat“ findet (2.2).

Von diesen gesellschaftlichen Dynamiken ausgehend, stelle ich im dann folgenden Kapi­tel 3 die Prozesse der Unterordnung der Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit unter die Prinzipien von Markt, Effizienz und Wettbewerb dar. Ausgehend von der Okonomisierung der Verwaltung im Rahmen des „New Public Management" (3.1) und der hierdurch for- cierten Marktoffnung der Sozialen Arbeit unter speziellen Bedingungen (3.2 u. 3.3) zeich- ne ich danach sowohl deren strukturelle Umsetzung und neosoziale Umprogrammierung mit Hilfe des Sozialmanagements nach, als auch die veranderten Anforderungen an eine Soziale Arbeit im aktivierenden Sozialstaat (3.4). Dabei problematisiere ich auch die Schwierigkeit, Effizienz und Qualitat in der Sozialen Arbeit zu bewerten und die Folgen, die die Unterordnung von (fachlicher) Qualitat Sozialer Arbeit unter die (monetaren) MaB- gaben von erwunschter Kostensenkung und die (methodische) Engfuhrung auf die Be- schaftigungsfahigkeit der Klient*innen hat.

Da in meiner Arbeit die genderpolitischen Bedingungen und Auswirkungen der Okonomi­sierung nicht im Einzelnen aufgegriffen werden - dass wurde die einzelnen Passagen er- heblich ausweiten und oft noch einen zusatzlich auszufuhrenden Blickwinkel erfordern - diese aber eine gerade im Feld der „Frauendomane“ Soziale Arbeit unverzichtbare Per- spektive der Betrachtung darstellen, habe ich im Anschluss an die Darstellung der Pro­zesse der Okonomisierung Sozialer Arbeit ein Unterkapitel zu Genderaspekten in der So- zialen Arbeit angefugt, das nicht den Anspruch erhebt, diesen Komplex ganzlich zu erfas- sen, aber doch einige Perspektiven und wichtige Strukturen aufgreifen soll, die dieser Ar­beit sonst fehlen wurden (Kapitel 3.5).

Der sich anschlieBende II. Teil meiner Arbeit, „Auswirkungen auf die Soziale Arbeit“ be- ginnt mit einer Darstellung meiner Meinung nach wesentlicher Veranderungen in den Be- dingungen (4.1 und 4.2) aber auch in der Selbstverortung und Selbstwahrnehmung So- zialer Arbeit (4.3). Dabei interessieren mich auch die Faktoren, die dazu beigetragen ha- ben, dass Soziale Arbeit die beschriebenen neosozialen Neuprogrammierungen (Galus- ke) im Grunde ohne starkeren Widerstand umgesetzt und der Einschrankung oder Um- deutung der eigenen Fachlichkeit und methodischen Unabhangigkeit im Namen von Effi- zienz und Modernitat an vielen Stellen bereitwillig Folge leistete.

Im 5. und letzten Kapitel untersuche ich dann die konkreten Auswirkungen auf die Trager der Sozialen Arbeit. Als Trager fasse ich dabei im ublichen Sinn einmal die Leistungstra- ger, also die Organisationen der Anbieter Sozialer Arbeit als Verbande und Unternehmen auf, deren organisationelle Umgestaltung ich maBgeblich an Hand einer von Jan Wulf- Schnabel gemachten Untersuchung der AWO Schleswig-Holstein nachzeichne (4.1). In diesem Kapitel illustriere ich die konkreten Auswirkungen der Strukturen einer Okonomi- sierung Sozialer Arbeit auch an Beispielen aus der Ost-westfalischen Praxis, die ich zwar nicht im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung umfassend erhoben habe, aber von denen ich denke, dass sie trotzdem eindeutig die katastrophalen Implikationen der primar okonomisch begrundeten Veranderungen des Erbringungskontextes Sozialer Ar­beit aufzeigen. Zum zweiten fasse ich als die Trager Sozialer Arbeit die konkreten Sozial- arbeitenden, die mit ihrer Arbeit an, mit und fur Menschen (Wulf-Schnabel) die wirklichen „Trager“ der Sozialen Arbeit in der Praxis sind, auf. Die Auswirkungen der Okonomisie- rungsprozesse auf die Beschaftigten, deren Arbeitsbedingungen, aber auch deren spezi- fischer Subjektivierungsweise auf deren Person sind also Gegenstand des Unterkapitels 4.2..

Als Abschluss dieser Arbeit ziehe ich ein Fazit auf Grundlage der dargestellten Transfor­mation des Sozialen und ihrer Dynamiken. Ich versuche hier einen Weg aufzuzeigen, eine (nicht nur) mir notwendig erscheinende Entwicklung zu einer repolitisierten Sozialen Ar­beit zu fordern und mogliche Bundnispartner*innen fur kommende, dringend zu fuhrende Kampfe zu finden.

Ich wunsche SpaB und Freude beim Lesen.

Teil I: Okonomisierung Sozialer Arbeit

„Die so genannte Okonomisierung des Sozialsektors wie der Sozialpolitik ist ein staatlich inszenierter und gesteuerter Prozess, in dem Staat und Verwaltung mittels betriebswirtschaftlicher Instrumente und managementwissenschaftlichen Leitbildern die Zielvorgaben bestimmen und versuchen, ganz im Sinne eines Konzernleitbildes ... Leistungserbringer aber auch Burger und Burgerinnen, als MitarbeiterInnen der sich im globalen Wettbewerb befindenden Deutschland AG zu betrachten“ (Dahme/Wohlfahrt 2008, S. 54).

2. Transformationen von Gesellschaft

Der noch zu beschreibende Prozess einer Okonomisierung Sozialer Arbeit findet nicht im luftleeren Raum statt. Er ist Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, die grob unter dem Stichwort Neoliberalisierung (vgl. Kap. 2.2) zu fassen ist und die tiefgreifende Verande- rungen mit sich bringt, fur die Grundannahmen der Gesellschaft und deren soziale Aus- gestaltung ebenso wie fur ihre Individuen. Diese Veranderungen stellen einen umfassen- den gesellschaftlichen Transformationsprozess dar.

2.1 Die Transformation des Sozialen

Fabian Kessl sieht in der derzeitigen Entwicklung eine weitere ..Transformation des So- zialen“ in einer Kette von vier Transformationsphasen, die aber eine historische Trend- wende markiere. Er betont dabei, sich auf die zivilisationstheoretische Perspektive von Norbert Elias berufend, dass eine Transformationsanalyse immer „die historisch-spezifi- schen Charakteristika dieses Wandels“ (Kessl 2013, S.7) beschreiben musse, um nicht bei der bloBen Feststellung eines Wandels stehen zu bleiben. Im Folgenden werde ich kurz Kessls historischen Abriss aufeinander folgender Transformationsphasen und deren spezifische Charakteristika wiedergeben, um dann auf die Bedingungen der aktuellen Transformationsphase einzugehen und ihren spezifischen Charakter naher darzustellen.

2.1.1 Transformationsphasen

Fabian Kessl unterscheidet im deutschsprachigen Raum in Bezug auf die Entwicklung der professionellen Sozialen Arbeit vier Transformationsphasen, „in denen ... die Idee der Notwendigkeit von einer grundlegenden Veranderung der bisherigen Denkweisen und Auspragungsformen - ob und wenn ja, wie soziale Zusammenhange gestaltet und regu- liert werden sollen - kulturell hegemonial wird“ (ebd., S. 10). Eine erste Tranformations- phase sieht Kessl in der Zeit des Vormarz, die gewissermaBen den Beginn „der Entde- ckung des Sozialen“ (Mathias Bohlender, nach ebd., S.11) markiere:

„Wahrend noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ,Problematisierung von Armut und Pauperismus‘ fast ausschlieBlich als ,moralische(n) Kritik der Armen und ihrer Lebensweise‘ formuliert wird, setzen sich seit dem Vormarz zunehmend Themati- sierungen - und damit verbunden: sozialreformerische, wie fruhe sozialpolitische und sozialpadagogische Praktiken - durch, die dieser Problematisierung ,eine ge- sellschaftliche und okonomische Kritik der Armut entgegen (halten)‘“ (ebd., S.12., Zitate Bohlender 2007, nach Kessl 2013, S.12).

In dieser Zeit habe sich erstmals die Idee der offentlichen Regulierung und Gestaltung so- zialer Zusammenhange als eine „Regierung des Sozialen" (Lembke 1997, nach ebd.) entwickelt. Der sozialen Dienstleistungsinstanz Sozialer Arbeit sei dabei die Aufgabe zu- geschrieben worden, als sozial problematisch oder potenziell sozial problematisch mar- kierte subjektive Lebensfuhrungsweisen zielgerichtet zu beeinflussen.

Eine zweite Tranformationsphase macht Kessl um die Wende zum 20. Jahrhundert aus. In dieser habe sich die „Institutionalisierung der personenbezogenen sozialen Dienstleis- tungsberufe“ (ebd., S.11) entwickelt. Eine dritte Tranformationsphase ist nach Kessl in der Prosperitatsphase der spaten 50-er bis fruhen 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts zu sehen, in der die „lnfragestellung der bisherigen Institutionalisierungsformen“ des Wohlfahrtsstaates stattgefunden habe. (ebd.).

Nach Kessl wurden alle bisherigen Transformationsphasen des Sozialen von einer als krisenhaft empfundenen oder beschriebenen gesellschaftlichen Situation begleitet. Die stattgefundenen Transformationen wurden dabei durch eine krisenhafte Beschreibung der Gesellschaft vorbereitet, zu notwendigen Reformen erklart und dadurch erst ermog- licht.

„Von den Reformbefurwortern wird in diesen Phasen daher auch haufig explizit von ,Krise‘ gesprochen. (...) Alle historischen Transformationsphasen sind (...) dadurch gekennzeichnet, dass Krisendiagnosen formuliert und kulturell wie politisch einflussreich werden“ (ebd. S.10).

Im Vormarz, als erster der vier Transformationsphase, war es der „Pauperismus“1, auf den letztlich mit ersten sozialpolitischen Praktiken reagiert wurde, in der zweiten die sich vehement stellende soziale Frage, die den Beginn der Professionsentwicklung Sozialer Arbeit hervorbrachte. In der folgenden, dritten Transformationsphase war es die Notwen- digkeit, das Versprechen gesellschaftlicher Teilhabe als hegemonialem, nicht zuletzt in der Systemkonkurrenz begrundeten, Konsens einzulosen (vgl. Kessl 2005, S. 30). Diese Kette von Transformationen fuhrte letztlich zur Ausformung des korporatistischen Wohl- fahrtsstaates in Deutschland und zu dessen Offnung fur lebensweltorientierte Ansatze Sozialer Arbeit.

Fast parallel zu dieser letzten Entwicklung sieht Kessl mit der beginnenden Krise des for- distischen Kapitalismus in den fruhen 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts den Anfang einer weiteren, bis heute andauernden, Transformationsphase des Sozialen. Gegenlaufig zu allen vorherigen Transformationsphasen stelle in der gegenwartigen aber nicht das Ausweiten staatlicher und gesellschaftlicher Verantwortung fur das Soziale die hegemo- niale Bestrebung dar, sondern deren Zuruckweisen (vgl. Kessl 2013, S.13).

„Aller Erkenntnis nach markieren diese beiden Phasen [die aktuelle und die des Vormarz, d.V.] zwei grundlegende historische Markierungen in der Legitimierung und Etablierung des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements. Sie umrahmen einen his- torischen Abschnitt mit grundlegenden Gemeinsamkeiten (...) allerdings mit unter- schiedlichen, ja entgegengesetzten Entwicklungsrichtungen, wie sich am Beispiel der "Unterschichtsdiagnose" zeigen lasst. (...) Die gegenwartige Transformations­phase ist (...) von der Dynamik einer ,Erosion des Sozialen‘ (Niklas Rose 1996, nach ebd., S.10) gekennzeichnet - das bisherige wohlfahrtsstaatliche Modell der sozialen Sicherung und sozialen Dienstleistung wird mit den aktuellen Krisendia- gnosen grundlegend in Frage gestellt“ (ebd., S.13).

Im Folgenden werde ich darstellen, welche problematisierten Krisenerscheinungen und welche sie begleitenden Krisendiagnosen den aktuellen Transformationsprozess des So- zialen begrunden.

2.1.2 Aktuelle Krisenerscheinungen und Krisendiagnose

Wie von Kessl herausgestellt, beruhen Krisenerscheinungen auf der Beschreibung ge- sellschaftlicher Problemlagen und deren subjektiv-hegemonialen Wahrnehmungen und Problematisierungen. Die daraus abgeleiteten Krisendiagnosen werden durch ihre hege- moniale Prasenz wirkmachtig und im Foucaultschen Sinn diskursbestimmend. Sie sind insofern das Ergebnis gesellschaftlicher Kampfe und Aushandlungsprozesse um Deutun- gen und spiegeln gesellschaftliche Machtverhaltnisse wieder. „Diese Anrufungen einer Krise dient der Legitimation der Diagnose einer Transformationsnotwendigkeit“ (Kessl 2013, S. 14, Fehler im Original). Es lassen sich also auf der einen Seite aktuelle Krisener- scheinungen und ihre gesellschaftliche Rezeption analysieren, auf der anderen Seite die hegemonialen Krisendiagnosen und deren Verfechter*innen, die fur den aktuellen Trans- formationsprozess bestimmend wirken.

a) Krisenerscheinungen

Seit dem Ende der Phase von Vollbeschaftigung und starkem Wirtschaftswachstum in den fruhen 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts geriet der Kapitalismus unter zuneh- menden Legitimationsdruck. Er konnte sein den hegemonialen gesellschaftlichen Kon- sens begrundendes Versprechen einer fortwahrenden Verbesserung der Lebensbedin- gungen, durch eine hohe Arbeitslosigkeit und seine dadurch verminderte Integrationsfa- higkeit nicht mehr einlosen. Hohe Produktivitatszuwachse fuhrten zu ersten Akkumulati- onskrisen und vor allem dazu, dass einfach nicht mehr so viele Arbeitskrafte gebraucht wurden.

Infolge von Freihandel, der Moglichkeit eines vermehrten weltweiten Warenaustauschs durch die enorme Zunahme von Transport- und Logistikleistungen und verbesserte Kommunikationstechnologien weitete sich die Konkurrenz der Konzerne - bei gleichzeitig verbesserten Absatzmoglichkeiten - international aus. Ein Prozess, der oft mit dem Schlagwort „Globalisierung“ beschrieben wird. Mit der Begrundung einer „Standortkon- kurrenz“ und der Drohung mit Produktionsverlagerungen setzten die Unternehmen zu- nehmend Steuer- und sonstige Entlastungen und Subventionierungen fur sich durch . Da­durch sanken, bei gleichzeitig einbrechenden Lohnsteuerzahlungen, die staatlichen Ein- nahmen. Die Belastungen der Sozialsysteme nahmen hingegen durch die schlechte Ar- beitsmarktsituation und u.a. dadurch vermehrte soziale Problemlagen zu (vgl. u.a. Galus- ke 2007, S. 338). Diese Krise des Sozialen, die in allen Industriestaaten zu beobachten ist (vgl. Dahme/Wohlfahrt 2005, S. 9 + 12), verstarkte sich nach dem Zusammenbruch der real-sozialistischen Systeme noch durch die weitere Ausweitung der weltweiten Markte. In Deutschland kam wegen der Ubernahme der DDR-Volkswirtschaft durch die BRD und die Sozialisierung derer Kosten eine enorme zusatzliche Belastung der Sozial- systeme hinzu.

b) Krisendiagnosen

Diese okonomisch begrundete und durch politische Richtungsentscheidungen herbeige- fuhrte gesellschaftliche Krise (vgl. Galuske 2007, S. 337 f.) , die sich selbstverstandlich auch in einer Zunahme sozialer Verwerfungen und Problemlagen niederschlagt (vgl. z.B. Seithe 2012, S. 98 - 109), wurde nun aktiv zu einer „Krise des Sozialstaats“ umgedeutet: Angesichts durch Steuerentlastungen und Vereinigungskosten gebeutelter Haushalte (vor allem der kommunalen, zu deren Lasten viele der Steuererleichterungen gingen, die aber maBgeblich fur die Finanzierung sozialer Sicherung verantwortlich sind), aber un- verandertem volkswirtschaftlichem Reichtum (vgl. Galuske 2007, S. 367 f.) wurde be- hauptet, dass dieser „luxuriose Sozialstaat" nicht mehr finanzierbar sei. Sozialleistungen mussten demzufolge auf ein notwendiges, leistbares MaB zurechtgestutzt werden. Zugleich erfolgte ein Angriff auf die Soziale Arbeit selbst. Dieser bedient sich, wie es z.B. Galuske zusammenfasst, dreier Argumentationsmuster (vgl. Galuske 2007, S. 339): Soziale Arbeit

- tendiere zu einer steten Ausweitung ihrer Angebote und sei von daher zum Schut- ze der Allgemeinheit zu beschneiden und zu begrenzen (Kostenargument),
- sei ineffektiv und arbeite in verkrusteten Strukturen, weshalb sie fur ihre steigen- den Kosten selber verantwortlich sei und ihre Strukturen verschlanken und ihre Arbeit starker nach den Gesichtspunkten wirtschaftlicher Effektivitat ausrichten musse (Effektivitatsargument),
- und der Sozialstaat hatten die Burger verwohnt, was zu Versorgungsmentalitat - einer „Sozialen Hangematte“ - und individueller Paralyse gefuhrt habe und somit individuelle Leistungsbereitschaft verhindere (Paralyseargument).

Am ausufernden Sozialstaat, so die Diagnose, musse angesetzt werden - und nicht bei den geringen Abgaben, die die stetig weiter prosperierenden (GroB-)Unternehmen an den Staat abfuhren2. Mittels „Faulenzerdebatte“, behauptetem massenhaftem Sozialbe- trug und einer kulturalistisch herbeikonstruierten und uber alle Medien problematisierten „Neuen Unterschicht“ (vgl. Seithe 2012, S. 293 f., Galuske 2008, S. 10) wurde von den gesellschaftlichen Eliten dieser Krisendiagnose mit Macht zur Hegemonie verholfen3.

Nicht mehr Armut, sondern erneut die Armen wurden so zum aktuellen gesellschaftlichen Problem definiert. Hinzu kam der hoch dramatisierte, quasi als Damoklesschwert uber der Gesellschaft schwebende Tatbestand eines demografischen Wandels, der, so wurde behauptet, die junge Generation durch die Anspruche der alteren uberfordere und der so- mit eine Reduzierung von Anspruchen (wie bspw. dem Rentenniveau, aber auch der Ver- sorgungsinfrastruktur etwa im Gesundheitsbereich) erfordere. Diese so umkonstruierte und in verquere Richtung dramatisierte Krise diente und dient nun als Hintergrund fur den aktuellen Transformationsprozess des Wohlfahrtsstaats.

2.2 Neoliberalisierung der Gesellschaft und aktivierender Sozi- alstaat

Die gegenwartige Transformation des Sozialen ist gleichzeitig Teil und Folge eines „epo- chalen Wandels“ (Galuske 2007, S. 335) des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesell- schaftssystems, die meist als Neoliberalisierung4 bezeichnet wird. Diese findet auf der okonomisch-strukturellen gesellschaftlichen Makro-, aber auch auf der interpersonellen Mikroebene der Gesellschaft statt. Diese Veranderung gesellschaftlicher Denk- und Funktionsweisen findet seinen Niederschlag aber ebenso in einem dem Transformations­prozess entsprechenden Umbau des Wohlfahrtsstaats zum aktivierenden und investie- renden Sozialstaat.

2.2.1 Neoliberalisierung der Gesellschaft

Diese beruht zum einen auf den im vorherigen Kapitel schon benannten Prozessen, die mit dem Stichwort Globalisierung beschrieben werden. Hinzu kommt die digitale Revoluti­on, die enorme Automatisierungsprozesse ermoglicht und durch die eine Produktivitat er- reicht wird. Das hat jedoch zur Folge, dass viele herkommliche Arbeitsplatze gerade fur geringer, oder durch industrielle Umstrukturierungen nun „falsch“ qualifizierte Menschen verloren gehen - mit den entsprechenden sozialen Auswirkungen. Gleichzeitig ermogli- chen die neuen Datenerfassungs- und Datenverarbeitungskapazitaten vollig neue Ver- marktungs- und Produktkategorien, die Zugriff auf immer mehr Bereiche des alltaglichen Lebens bedeuten. Neoliberalismus lasst sich als die Ideologie der uneingeschrankten Vormacht des Marktes beschreiben, der den Prinzipien Wettbewerb und wirtschaftlicher Effizienz alles unterordnet und die Rolle des Staates auf die Schaffung moglichst gunsti- ger Marktbedingungen reduziert. Politisch bedeutet das in erster Linie die weitere Privati - sierung der (Volks-)Wirtschaft und die Deregulierung des Arbeitsmarktes, aber auch der Absatzmarkte und unternehmensfreundliche Modifizierungen der Steuer- und Abgaben- politik. Dazu gehort ein hoher Druck zur Komodifizierzung durch das Reduzieren sozialer Sicherungssysteme und ein „schlanker Staat“, der seine Verwaltung zu effektiven be- triebswirtschaftlich organisierten Einheiten umbaut (vgl. Seithe 2012, S. 94 f., Galuske 2007, S. 342, vgl. auch Kap. 3.1).

Aber auch auf der gesellschaftlichen Mikro-Ebene, der interpersonellen und der individu- ellen Ebene, bedeutet Neoliberalismus einen epochalen Wandel. Neoliberale Wirtschafts- weise versucht, das Konsum- und Freizeitverhalten, die Gesundheit und die privaten Be- ziehungen marktformig zu durchdringen. Indem sie immer mehr Bereichen des alltagli­chen Lebens fur marktformige Produkte, seien es Medien, Finanzdienstleistungen oder auch solche der sozialen Versorgung erschlieBt, versucht sie, diese zu Geschaftsfeldern auszubauen. Sie bemachtigt sich des gesamten Menschen: Sie verlangt von ihm, dass er sich selbst standig durch Selbstoptimierung zur an die Produktionsbedingungen ange- passten Ware Arbeitskraft macht, die er dann als „Unternehmer*in ihre*r selbst“ auf dem Arbeitsmarkt verkauft, fur deren Reproduktion und laufende Modernisierung aber jede*r selber Sorge zu tragen habe (vgl. Galuske 2007, S. 334, Seithe 2012, S. 100 f.) Dieser Zwang zur Selbstoptimierung wird zur handlungsleitenden Denkfigur, zum „Leitbild des unternehmerischen Menschen“ (Galuske 2008, S.15) und verandert so sukzessive die Denkweisen der Individuen.

Michel Foucault hat fur diese Form der Herrschaftsausubung „durch das Zusammenwir- ken von auBerer Fremdfuhrung und Disziplinierung einerseits und innerer Selbstfuhrung, Selbstdisziplin und Selbstmanagement der Individuen andererseits“, den Begriff der Gou- vernementalitat gepragt (Seithe 2012, S. 252).

Kunkel bezeichnet dies als die „individuelle Effektdimension des Neoliberalismus“ (Kun- kel 2004, S. 1) und weist auf die Folgen der standigen „disziplinierenden Technologien des Selbst ..., die das Subjekt zum eigenverantwortlichen Tun zwingen und die die Inter­pretation, dass biografischer Erfolg oder biografisches Scheitern ausschlieBlich selbst verschuldet sind, als normativen Standard setzen“ (ebd.), hin: Gefahrdung der psychi- schen und physischen Integritat und Starkung gewaltsamer Durchsetzungswege zur Ab- wendung von Statusverlusten (ebd.)5. Das solche Einflussfaktoren in Verbindung mit der „Krise der (in der) Arbeitsgesellschaft“ (Olaf Struck, in Anlehnung an den Bamberger So- ziologiekongress 1982) eine Zunahme psycho-sozialer Problemlagen nach sich ziehen, ist evident und zeigt sich auch an der aktuellen Entwicklung in den Industriestaaten.

2.2.2 Der aktivierende und investierende Sozialstaat

Durchgesetzt wird dieses „Leitbild des unternehmerischen Menschen“ als gesellschaft- lich pragendes Menschenbild mit Hilfe einer Entgarantierung der Daseinsvorsorge und ei- ner Individualisierung der Absicherung privater Lebensrisiken. Hierfur steht vor allem die Reduzierung und der Umbau sozialer Grundsicherungsleistungen durch die Neupro- grammierung (Galuske) des versorgenden Wohlfahrtsstaats zum aktivierenden Sozial­staat.

Der bisherige Wohlfahrtsstaat zielte auf einen tendenziellen Ausgleich der dem Industrie- kapitalismus immanenten Ungleichheitsdynamik uber die materielle Absicherung typi- scher Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit und Krankheit. Zusatzlich bot er personenbezo- gene soziale Unterstutzung in besonderen Lebenslagen. Soziale Infrastrukturen sollten prinzipiell zu einer Verbesserung der allgemeinen Lebensverhaltnisse beitragen. (vgl. Sei- the 2012, S. 242 f.) Obwohl er lohnarbeitszentriert konstruiert war, erreichte der Wohl­fahrtsstaat eine moderate De-Komodifizierung (vgl. Galuske 2007, S. 336) und stand so im Widerspruch zur neoliberalen Transformation der Gesellschaft und ihrer Individuen. Nach Galuske „bedient sich der aktivierende Sozialstaat dreier Instrumente, um den ver- krusteten Sozialstaat auf den neoliberalen Weg zu bringen: mehr Markt (...), weniger Staat und mehr Selbstverantwortung der Burgerinnen und Burger.“ (Galuske 2007, S. 341). Mit diesen Instrumenten, so fuhrt Galuske weiter aus, solle auf drei Ebenen eine Aktivierung erreicht werden:

a) Aktivierung des Arbeitsmarktes

Die auf dieser Ebene bedeutsamen Deregulierungen und Abgabensenkungen wurden im vorherigen Abschnitt bereits erwahnt. Uber die neue Arbeits- und Sozialgesetzgebung (siehe c)) wird daruber hinaus gezielt ein Niedriglohnsektor geschaffen, der fur zusatzli- che Dynamik beim Lohngefuge und den Arbeitsbedingungen sorgt.

b) Aktivierung der Anbieter offentlicher Dienstleistungen

Mit der Verwaltungsreform der 1990-er Jahre wurde dieser Schritt bereits fruhzeitig ein- geleitet. Durch die Ausweitung von Markt und Wettbewerb auf den Bereich der sozialen Dienstleistungen und den Ruckzug des Staates auf die Rolle des Gewahrleistungsstaats wurde die Herausbildung einer an betriebswirtschaftlicher Effizienz orientierten Sozialwirt- schaft forciert. Diese erzeugt auf die Leistungserbringer zusatzlichen Anpassungsdruck („aktiviert“ sie), sich einer aktivierenden Sozialen Arbeit zu offnen. Dieser Zusammen- hang wird in Kapitel 4.1 noch ausfuhrlich erortert.

c) Aktivierung der Burger*innen

Auf den Feldern der Sozialversicherung wurde diese mit den Argumenten Kostenstei- gerung und Starkung der Eigenverantwortung beispielsweise durch steigende Selbstbe- teiligungen bei der gesetzlichen Krankenversicherung oder das sinkende Rentenniveau, bei gleichzeitiger Forderung nach und Forderung von privater Zusatzvorsorge (Riester- rente)6, umgesetzt.

Als richtungsweisend mussen hier allerdings die als „Hartz-Reformen“ bekannten Ande- rungen der Arbeits- und Sozialgesetzgebung gelten, die den Leitspruch vom „Fordern und Fordern“ zum Mantra des aktivierungspolitischen Umbaus haben werden lassen. Leistungsgewahrung wurde hier erstmals in Abhangigkeit von Gegenleistungen gesetzt und nicht mehr vornehmlich als soziale Absicherung, sondern als staatliche Investition in den einzelnen Burger verstanden. Dieser wird im aktivierenden Sozialstaat fortan weniger als Individuum mit individuellem Anspruch auf Unterstutzung gesehen, sondern vielmehr als Objekt der Investition in das gesellschaftliche Humankapital7. Die Zumutbarkeitsrege- lungen fur eine anzunehmende Arbeit wurden stark herabgesetzt und die Leistungs- gewahrung an das intensive Bemuhen um Arbeit oder die Bereitschaft, an vorgegebenen Trainings- und WeiterbildungsmaBnahmen teilzunehmen, geknupft. Seithe schreibt hier- zu:

„Der Unterschied des aktivierenden Staates zum bisherigen Sozialstaat besteht darin, dass an die Stelle einer Teilhabegarantie durch soziale Rechte im Sozialstaat nun mehr eine Verpflichtung zu Eigenverantwortung und Arbeitsaufnahme tritt. Die- se Verpflichtung wird auBerdem zum Schlusselindikator einer verscharften Prufung der Frage, ob z. B. Arbeitslose der offentlichen Unterstutzung auch tatsachlich wur- dig sind“ (Seithe 2012, S. 247).

Somit avancierte Beschaftigungsfahigkeit (employability) zum obersten Ziel staatlicher Forderung und die „Erfordernisse des Arbeitsmarktes“, also die Interessen der Unterneh- men, wurden uber die Bedurfnisse der Burger gestellt (siehe a)). Soziale Gerechtigkeit wird so auf die Gewahrung formaler Chancengerechtigkeit reduziert. Die Nutzung der staatlich angebotenen Chancen wird dabei durchaus autoritar und sanktionsbewahrt durchgesetzt. Wer seine Chancen nicht genutzt hat und in soziale Not oder gesellschaftli - che Marginalisierung gerat, verliert in der Folge den Anspruch auf weitere Unterstutzung (Investition) und verbleibt als problematische gesellschaftliche Randgruppe Objekt staat­licher Elendsverwaltung (vgl. Seithe 2012, S. 246 ff. u. S. 253 ff., Dahme/Wohlfahrt 2005, S. 1 u. 15 f.).

Eine weitere Saule des aktivierenden Sozialstaats stellt das „burgerschaftliche Engage­ment" dar. Hierunter wird die Forderung des Ehrenamtes zur Unterstutzung zivilgesell- schaftlicher Entwicklung und sozialer Tatigkeiten verstanden. Bei genauerer Betrachtung stellt sich dieses staatlich geforderte Engagement allerdings als ein weiterer Versuch dar, Kosten zu senken und den Ruckzug des Staates durch ehrenamtliche Burgerarbeit zu kompensieren (vgl. Galuske 2008, S. 14 u. Galuske 2007, S. 342). Dahme und Wohlfahrt kommen zu dem Schluss, dass der aktivierende Staat uber seine paternalistische Steue- rung eben das zerstore, was zu er zu fordern vorgebe: die Zivilgesellschaft (Dahme/Wohl­fahrt 2008, S. 56).

Das Ziel der Aktivierung bildet dabei quasi ein argumentatives Pass-Partout. Es darf aber nicht daruber hinwegtauschen, dass es bei all den UmbaumaBnahmen des Sozialstaats letztlich auch darum geht, den Staat und die Gesellschaft aus der sozialpolitischen Ver- antwortung fur die Folgekosten der Neoliberalisierung zu entlassen. Deshalb ist Kosten- minimierung immer ein wesentliches Moment aktivierender Sozialstaatspolitik . Oder, wie Galuske Prantl zusammenfasst: dass die Strategie der Betonung der Selbstverantwor- tung ... nichts anderes darstellt als die euphemistische, ja zynische Umschreibung fur den fortschreitenden Sozialstaatsabbaus: Es heiBt jetzt Eigenverantwortung, wenn die Schwacheren sich selbst uberlassen bleiben." (Galuske 2007, S. 343).

Der vormalige wohlfahrtsstaatliche Konsens wird im aktivierenden Sozialstaat zur gesell- schaftlichen Akzeptanz von Ungleichheit, deren Folgen nun nicht mehr als gesellschafts- politisches Projekt aufzufangen, sondern von jede*r einzelnen durch in eigener Verant- wortung liegende Schritte zu beheben sind (vgl. Kessl 2005, S. 33). Hierdurch findet sozi- alpolitisch die Dethematisierung gesellschaftlicher Verhaltnisse und eine Entpolitisierung des Sozialen statt (vgl. Seithe 2012, S 318 f.).

So schreibt auch Michael Galuske:

„Auffallig ist, dass sich in den letzten Jahren scheinbar jedes soziale Problem, an- gefangen bei der mangelnden Integration von MigrantInnen uber Gewalt, Kriminali - tat, Arbeits- und Ausbildungslosigkeit bis hin zur neuen Armut in ein sozialpadago- gisches Problem zu verwandeln scheint“ (Galuske 2008, S. 9 f.).

3 Prozesse der Okonomisierung in der Sozialen Arbeit

Die im vorhergehenden Kapitel beschriebene Neoliberalisierung der Gesellschaft bedeu- tet, wie gezeigt, einen umfassenden Prozess der Okonomisierung aller Lebensbereiche. Forciert von der hegemonialen Krisendiagnose fuhrt dies zu Okonomisierungsprozessen auch in der Sozialen Arbeit. „So gesehen ist die Okonomisierung nur die eine Seite der Neoliberalisierung der Gesellschaft“ schreibt auch Mechthild Seithe (Seithe 2012, S. 237) und definiert Okonomisierung als die „globale Strategie einer alle Bereiche der Ge­sellschaft, also explizit auch das Soziale, umfassenden Unterwerfung unter die Prinzipien des Marktes und der Gewinninteressen“ (ebd.). Um die Auswirkungen der Okonomisie­rung auf die Soziale Arbeit in ihrer Tragweite zu verstehen und kritisieren zu konnen, ist es unerlasslich, die Prozesse zu analysieren, denen sie unterliegt. Okonomisierungsprozesse in der Sozialen Arbeit lassen sich auf zwei Ebenen beschrei- ben: Zum einen findet mit den Argumenten von Effektivitat und Effizienz und dem Ziel der Kostenersparnis eine Umwandlung der Erbringungsstrukturen Sozialer Arbeit statt. Diese finden sich in der Okonomisierung der Verwaltung und dem dadurch hervorgerufenen Druck auf die Anbieter Sozialer Arbeit, ihrerseits ihre Organisationsstrukturen betriebs- wirtschaftlich auf eine markt- und wettbewerbsgetriebene Sozialwirtschaft hin auszurich- ten und anzupassen.

Zum anderen soll Soziale Arbeit unter einer vollig neuen Denkweise erbracht werden. Sie soll nicht mehr individuelle Lebenslagen als Ganzes analysieren und die fur eine erfolgrei - che Lebensfuhrung erforderlichen Hilfen organisieren, sondern Soziale Arbeit soll die Kli- ent*innen zuallererst dazu befahigen, ihre Arbeitskraft erfolgreich einzusetzen und so von Sozialleistungen unabhangig zu werden. Dies erfolgt im aktivierenden Sozialstaat unter dem okonomischen Kalkul von Verwertbarkeit und Effizienz und fragt nach einer „aktivie- renden Sozialen Arbeit“.

Diese Veranderungen sind als gesellschaftliche Prozesse auch auf der Ebene der Ge- schlechtergerechtigkeit wirksam und werden entsprechend von Genderaspekten mit ge- pragt. Deshalb fuhre ich am Ende dieses Kapitels zur Okonomisierung einige dieser Ge- sichtspunkte zumindest kurz aus, da ohne sie die sozialen Implikationen nicht ausrei- chend erfasst werden konnen.

3.1 Okonomisierung der Verwaltung

Nach dem Prinzip des „New Public Management" wurde in Deutschland zu Beginn der 1990-er Jahre flachendeckend eine umfassende Verwaltungsmodernisierung umgesetzt. Sie zielte auf einen massiven Umbau der Strukturen offentlicher Verwaltungen nach be- triebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Durch ihre Aufteilung in einzelne, eigenverant- wortlich wirtschaftende Ressorts, sollten Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit als hand- lungsleitende Maxime in die Verwaltung implementiert werden. Zuvor staatliche Leistun- gen wurden in neu gegrundete, kommunale oder (teil-) privatisierte Unternehmungen aus- gegliedert , etwa als Immobilienservice- Agentur oder Betreiber des offentlichen Perso- nennahverkehrs. Ihre Leistungen wurden so zu Dienstleistungen umdefiniert und von der offentlichen Hand, zu klar bezifferbaren und transparenten Preisen auf dem Markt (wie- der) eingekauft. Politisch entschiedene Zielvorgaben und begrenzte Budgets sollten zum einen zu mehr Effizienz in der Leistungserbringung durch die neuen Marktteilnehmer fuh- ren, zum andern zu mehr Kostenbewusstsein in der (Rest-)Verwaltung, da nun alle Auf- gaben als Kostenfaktoren zu benennen und auf ihre Wirtschaftlichkeit und finanzielle Leistbarkeit hin zu uberprufen sind. Betriebswirtschaftliches Denken wurde so zum maB- geblichen Planungs- und Erbringungsfaktor und offentliche Aufgaben zu klar bezifferba­ren Kostenstellen der offentlichen Hand, deren Kosteneffizienz zu belegen ist. (vgl. Galus- ke 2008, S. 19).

Dieses in Deutschland als „Neue Steuerung"8 bezeichnete Prinzip wurde auch in der So- zialverwaltung umgesetzt. Der Staat zog sich in der Folge aus der Erbringung Sozialer Leistungen weitgehend zuruck und delegierte seine sozialpolitische Verantwortung an Akteure auf dem zu schaffenden Markt der Sozialwirtschaft. Seine Rolle sieht der moder- nisierte und verschlankte Staat nunmehr hauptsachlich in der Steuerung dieses Marktes. Klare Zielvorgaben durch die Politik sollen mit den Mitteln der Budgetierung und des Kontraktmanagements durch die Sozialverwaltung umgesetzt werden. Durch die von der Politik bereitgestellten (knappen) Mittel und Zielvorgaben geht die Verwaltung allerdings mit einem massiven Sparinteresse an ihre Verantwortung und die Kooperationspartner heran.

In diesem Sinne wurde das Selbstkostendeckungsprinzip durch ein Kontraktmanage- ment9 ersetzt, in dem die (Re-)Finanzierung Sozialer Arbeit nicht mehr pauschal fur Ein- richtungen oder ganze Angebote gewahrt, sondern uber in Leistungsvertragen zu verein- barende und im vorhinein (prospektiv) festgesetzte Vergutungen von Fachleistungsstun- den fur einzelne MaBnahmen geregelt wird. Die Sozialverwaltungen wurden so in erster Linie zu Kostentragern in einem System der Sozialwirtschaft, das sich nach den Prinzipi- en der Betriebswirtschaft und des „freien Marktes“ im Feld der Sozialen Arbeit herauszu- bilden begann (vgl. Seither 2012, S. 121 f.).

3.2 Der Quasi-Markt der Sozialwirtschaft

Wenn der freie Markt im letzten Satz in Bezug auf die Sozialwirtschaft in Anfuhrungszei- chen gesetzt wurde, so deswegen, weil es sich dabei nicht um ein originar-marktwirt- schaftliches System von uber Preise und Nachfrage gesteuerten Angeboten handelt. Sei- the stellt heraus, dass die Kund*innen der Sozialen Arbeit - trotz neuer Sprachregelun- gen in der verbetriebswirtschaftlichten Sozialarbeit - nicht bzw. in den seltensten Fallen ihre Klient*innen sind. Diese nehmen zwar deren Angebote wahr, bezahlen sie aber in der Regel nicht, in etlichen Fallen fragen sie diese nicht einmal von sich aus nach (wie z.B. haufig in der Jugendgerichtshilfe oder der Suchtberatung) (Seithe 2012, S. 140). Bezahlt und nachgefragt werden die Angebote in der Regel von einer einzigen Kundin: der Sozial- verwaltung. Diese besitzt somit eine Monopolstellung und kann die Bedingungen, unter denen die Leistungen Sozialer Arbeit angeboten werden und die Art der Angebote selber maBgeblich bestimmen. Messmer bezeichnet diese neue Beziehung von Kostentrager als Auftraggeber bzw. Nachfrager und Leistungstragern als Auftragnehmer als einen „Quasi- Markt“ (Messmer 2007, S. 10). Im Hinblick auf die Steuerung dieses Quasi-Marktes durch die Sozialverwaltung uber das Kontraktmanagement weist Mechthild Seithe darauf hin, dass somit die Instanz, die uber die Qualitat der zu erbringenden Leistungen wachen musste, identisch ist mit dem um Haushaltskonsolidierung bemuhten Geldgeber: Ein Konflikt zwischen Kostensenkung und Qualitatsvorstellungen sei fur ihn also vorpro- grammiert (vgl. Seithe 2012, S. 140).

Die Anbieter Sozialer Dienstleistungen hingegen stehen in Konkurrenz zueinander und werden so nach den Regeln der Marktwirtschaft gezwungen, ihre Angebote den staatli- chen Anforderungen anzupassen, wollen sie nicht ihre Existenz auf diesem Markt riskie - ren (vgl. Seithe 2012, S. 138 f.).

Preis, Leistung und Qualitat stehen naturlich trotzdem in einem Wechselverhaltnis, wes- halb auch Messmer feststellt, dass die Anbieter vor der paradoxen Anforderung stehen, Effizienz und Qualitat gleichermaBen zu erhohen, und das zu sinkenden Preisen. Anstelle von Markt und Wettbewerb entwickele sich primar die Frage betriebswirtschaftlicher Effi­zienz zur maBgeblichen Determinante der Leistungserbringung (vgl. Messmer 2007, S. 156 f.). Diese „Asymmetrie“ des Quasi-Marktes geht einseitig zulasten der Leistungstra- ger, fur die im Gegensatz zur Sozialverwaltung auch keine Markttransparenz herrscht. Denn letztere kann sich uber Ausschreibungen einen Uberblick uber die „Marktlage“ ver- schaffen - ein Vorteil, den die Anbieter nicht teilen. Der Quasi-Markt bedient also das staatliche Interesse, Kosten zu sparen und Leistungen abzubauen (vgl. Wulf-Schnabel 2011, S. 75).

Diese Asymmetrie, die einer wirklichen Marktsteuerung widerspricht, zeigt meines Er- achtens die starke ideologische und interessengeleitete Ausrichtung des Diskurses uber eine notwendige betriebswirtschaftliche Steuerung Sozialer Arbeit. Erzeugt wird hier ein System der Steuerungsmoglichkeiten uber Preise und politisch bestimmte Nachfragen, welches dem zum aktivierenden Sozialstaat transformierten Wohlfahrtsstaat die Mittel in die Hand gibt, die er benotigt, Soziale Arbeit in seinem Sinne ihrerseits zu transformieren und zur aktivierenden Sozialarbeit umzugestalten (naher in Kap. 3.4.3, vgl. auch Kap. 2.2.2).

3.3 Veranderung des Subsidiaritatsprinzips

Um die notige okonomische Steuerungsfahigkeit zu erreichen, wurde neben der Umstel- lung der Finanzierung auf das Kontraktmanagement eine weitgehende Offnung der kor- poratistischen Strukturen zwischen Wohlfahrtsstaat und Wohlfahrtsverbanden fur gewerbliche Anbieter vorangetrieben. Mit der endgultigen Neuregelung des § 93 BSHG und der Erganzung des SGB VIII um die §§ 78a bis 78g im Jahre 199810 wurden die 10 Bustrich und Wohlfahrt kommentieren diese Gesetzgebung in einem Beitrag fur „Aus Politik rechtlichen Voraussetzungen hierfur geschaffen. "Im KJHG gibt es seitdem keine freien Trager mehr. Auch die Gemeinnutzigkeit eines Tragers spielt nunmehr keine Rolle. Es gibt nur noch Anbieter von Leistungen“ (Seithe 2012, S. 125; vgl. ebd., S. 125 f.)

Nach Dahme und Wohlfahrt stellte das Subsidiaritatsprinzip bis in die 80-er Jahre die Ba­sis der Erbringung sozialer Dienstleistungen im bundesdeutschen, korporatistisch ausge- pragten Wohlfahrtsstaat dar. Durch die starke Stellung und finanzielle Absicherung der groBen Wohlfahrtsverbande wurde eine Arbeitsteilung zwischen Sozialverwaltung und diesen Anbietern sozialer Dienstleistungen festgelegt, die auf einer staatlichen Garantie (und Finanzierung) fur bestehende Strukturen und eine auf Kooperation angelegte ge- meinsame Sozialplanung ausgelegt war. Dies begrundete den korporatistischen Charak- ter des Wohlfahrtsstaats. Dieser lieB einerseits oft wenig Raum fur kleine Anbieter, garan- tierte andererseits aber eine relative Autonomie der Wohlfahrtsverbande und der ausfuh- renden Subjekte in der Erbringung Sozialer Arbeit (vgl. Dahme/Wohlfahrt 2008, S. 43 f. u. 53 f.). Kleinere Vereine, wie z.B. Selbsthilfeprojekte traten hingegen oft als (politische) Im- pulsgeber in Erscheinung, die neue Bedarfe und neue Methoden in die Soziale Arbeit ein- brachten, die von den bestehenden Strukturen nicht aufgegriffen worden waren.

Durch die vollzogene gesetzliche Gleichstellung privater Anbieter und die Umstellung auf das Kontraktmanagement reduziert sich diese Subsidiaritat auf ein Verhaltnis von Auf- traggeber und Auftragnehmer auf dem Quasi-Markt. Messmer beschreibt es als eine „grundlegend neue Aushandlungsqualitat: Welche Leistung zu welchem Preis? Fur wel- che Dauer? Hinsichtlich welcher Ziele? Und nicht zuletzt: Vor dem Hintergrund welcher finanzieller Ressourcen?“ (Messmer 2007, S. 23). Finanziert wird nicht mehr die Bereit- stellung einer als notwendig angenommenen sozialen Infrastruktur, sondern deren indivi- duelle Inanspruchnahme nach einem vorher festgelegten und vertraglich vereinbarten Leistungskatalog11. Die bislang durch langfristige Kostenzusagen nach dem Selbstkos- tendeckungsprinzip selbstverstandliche Infrastruktur und Verwaltung der Anbieter muss sich nun auf dem Markt refinanzieren. In Kombination mit der Offnung des Marktes fur gewerbliche Anbieter wurde damit eine Konkurrenzsituation geschaffen, die die Wohl- fahrtsverbande zur umfassenden Reorganisation ihrer Strukturen notigte, wollten sie auf dem entstehenden Sozialmarkt konkurrenzfahig werden und ihre Position behaupten.

Die Monopolstellung des Staates auf dem Quasi-Markt macht aus dem als Bestands- schutz und Kooperationsverhaltnis entstandenen Subsidiaritatsprinzip also ein einseitige Abhangigkeiten schaffendes Subalternitatsprinzip. Da die Verwaltung auf diesem Wege den okonomischen Druck der Haushaltskonsolidierung an die Anbieter sozialer Dienst- leistungen weitergibt, entsteht aus der vormalig hauptsachlich an Kooperation orientierten Beziehung ein neues, von Interessensgegensatzen gepragtes, asymmetrisches Krafte- verhaltnis zwischen Sozialverwaltung auf der einen und den Anbietern sozialer Dienst- leistungen auf der anderen Seite.

3.4 Sozialmanagement und aktivierende Soziale Arbeit

Im Zuge der Veranderungen durch die „Neue Steuerung“ und die veranderte Subsidiari- tat wurden die Anbieter Sozialer Arbeit massiv unter Druck gesetzt, ihrerseits ihre Organi- sationsstrukturen den veranderten Bedingungen anzupassen. Die Umstellung des Selbst- kostendeckungsprinzips als Pauschalfinanzierung auf das System der prospektiven (Ein- zelfall-)Finanzierung bedeutete fur die bisherigen Trager, dass sie zukunftig das volle un- ternehmerische Risiko fur ihre Einrichtungen zu tragen haben. Die korporatistische Struk- tur der Wohlfahrtsverbande, teilweise als Vereine mit personlich haftenden Vorstanden organisiert, war nicht darauf angelegt, dieses Risiko aufzufangen. Um auf dem entstehen­den und politisch initiierten Markt der Sozialwirtschaft bestehen zu konnen, wurden die Organisationsstrukturen der freien und gemeinnutzigen Trager und auch deren einzelne Einrichtungen zu Unternehmen bzw. eigenstandigen Unternehmensteilen der Sozialwirt­schaft umgestaltet, die ihre eigene Refinanzierung auf dem Quasi-Markt zu verantworten haben. Hierfur wurden umfassende Methoden des Sozialmanagements in die Erbringer- strukturen implementiert.

3.4.1 Sozialmanagement

Unter Sozialmanagement werden Strukturanpassungen und aus der Betriebswirtschaft ubernommene Prozesse der Unternehmensfuhrung im Bereich der Sozialen Dienstleis- tung verstanden. In den Fachdiskussionen der 1990-er Jahre wurden diese Strukturver- anderungen in der Organisation der Sozialen Arbeit durchaus begruBt und Elemente des Sozialmanagement fast durchgangig als ein unverzichtbarer Bestandteil der Modernisie- rung der Organisationen Sozialer Arbeit angesehen. Mit ihnen verband sich die Hoffnung, durch die politisch versprochene Entburokratisierung, flachere Hierarchien und mehr Au- tonomie der Einzeleinrichtungen besser und flexibler auf Soziale Problemlagen reagieren und neue Methoden umsetzen zu konnen. Von kritischen Autor*innen wie z.B. Flosser und Otto wurde damit das Konzept eines ..Management des Sozialen“ als sozial- politisches Steuerungsprogramm verbunden, das am Interesse ..kommunaler Lebensrea- litat“ auszurichten und auf einer „auf Fachwissen basierenden Autoritat“ aufzubauen sei (vgl. Kessl 2013, S. 38 f.). Keinesfalls durfe es aber die fachlichen und inhaltlichen The- men der Sozialen Arbeit uberlagern und solle lediglich der Optimierung der vorhandenen Organisationsstrukturen dienen (vgl. Seithe 2012, S. 122 ). In der Folge kam es zu einem regelrechten Boom von Fortbildungs- und Ausbildungsgangen und inzwischen ist das So­zialmanagement neben einer eigenstandigen Qualifikation fester Bestandteil der sozialar- beiterischen Ausbildung geworden (wie z.B. an der FH Bielefeld) (vgl. Galuske 2007 S. 335).

Bei aller berechtigter Kritik an verkrusteten Verwaltungsstrukturen und Burokratisierun- gen wurde dabei allerdings, so Kessl, zu wenig beachtet, dass die einsetzende Dynamik sozialmanagerieller Steuerungsformen nicht von einer Fachdiskussion innerhalb der So- zialen Arbeit initiiert, sondern ihr quasi von auBen aufoktroyiert worden sei und diese ih- ren Ursprung im neoliberalen Bestreben nach mehr wettbewerbsinduzierter Effizienzstei- gerung hatte, die sich vornehmlich an „okonomischen Sachzwangen“ orientiert (vgl. Kessl 2013, S. 38 f.).

Sozialmanagement versucht, die Organisationen Sozialer Arbeit als wirtschaftliche Unter- nehmen zur Produktion sozialer Dienstleistungen aufzufassen. Soziale Dienstleistungen mussen dazu uber transparente, messbare Kriterien quantifizierbar gemacht werden, um als Produkte dargestellt und mit Preisen bemessen werden zu konnen. Um diese Quanti- fizierbarkeit - in der Betriebswirtschaft Voraussetzung fur eine effiziente Produktsteuerung - zu erreichen, ist eine Komplexitatsreduktion notwendig. Soziale Arbeit gerat also in das Dilemma, uber die Art, die Ziele und Qualitat ihrer Leistungen prospektiv eine Vergleich- barkeit uber Kennzahlen herstellen zu mussen. Gerade die in der Sozialen Arbeit ubli- chen inter- und intrapersonellen Prozesse wie z.B. Konfliktbewaltigung oder Personlich- keitsentwicklung, lassen sich aber weder standardisieren, noch in ihre Komplexitat ange- messen reduzieren, zumal sie in Koproduktion mit „eigensinnigen“ Klient*innen erfolgen. Wird aber die Komplexitat eines Produktes nicht korrekt erfasst, so wird es entwertet, denn in Wert gesetzt wird nur, was durch die Produktdefinition auch in der Leistung ent- halten ist (vgl. Seithe 2012, S. 196 ff.).

3.4.2 Effizienz versus Qualitat

Generell wird in der Betriebswirtschaft zwischen Strukturqualitat, Prozessqualitat und Er- gebnisqualitat unterschieden. Messmer stellt dabei fur die Jugendhilfe beispielhaft fest, dass dort im Rahmen des Kontraktmanagements lediglich die Entgelt- und Leistungsver- einbarungen umgesetzt werden, nicht aber die Qualitatsentwicklung (Messmer 2007, S. 153). Zwar werde die Strukturqualitat der Leistungserbringung erfasst, bei der Prozess- und Ergebnisqualitat hingegen gabe es noch gar keine Erfassungsverfahren. Personal- schlussel lieBen sich uber Kennzahlen vergleichen, Qualitat und Wirkung sozialpadagogi- scher Interventionen nicht, denn wegen der Individualitat der Problemlage sahen sich ver- lassliche Vergleichsindikatoren schnell in ihre Schranken verwiesen (Messmer 2007, S. 176).

Erklartes Ziel der Neuen Steuerung war es zwar, durch Einfuhrung betriebswirtschaftli- cher Methoden in den Sozialsektor zu mehr Kosteneffizienz und zu mehr Qualitat zu ge- langen. Gleichzeitig war die Vorgabe von vornherein, eine Kostensenkung zu erreichen (z.B. Seithe 2012, S. 142, Dahme/Wohlfahrt 2008, S. 53). Bei dieser nur in der neolibera- len Ideologie moglichen Quadratur des Kreises (der Markt kann alles erreichen), ist mit den Mitteln der Betriebswirtschaft die Kostenseite gut und transparent zu erfassen. An­ders stellt es sich in Bezug auf die Qualitat der zu erbringenden Leistung dar. Zwar wurde mit der Einfuhrung des Kontraktmanagements neben der prospektiven Kostenfestset- zung auch eine verbindliche Qualitatskontrolle zur Grundlage von Leistungsvertragen gemacht. Allerdings verbleiben deren Regelungen bei der Festlegung von Verfahren des Qualitatsmanagements. Eine klare Definition, was die Qualitat der erbrachten Leistungen ausmacht, unterbleibt. Aus gutem Grund, wie sich auch nach Messmers Ergebnissen festhalten lasst. Denn was die Qualitat einer sozialpadagogischen Leistung ausmacht, ist abhangig von Faktoren, die eine Auseinandersetzung uber Fragen der Fachlichkeit sozi- alpolitischer Entscheidungen beinhaltet. Da aber der Einfuhrung sozialmanagerieller Me­thoden keine Fachdebatte vorausging, sondern der Sozialen Arbeit betriebswirtschaftli- che Steuerungsmechanismen „ubergestulpt“ (Seithe 2012, S. 205 f.) wurden, bleiben diese auch die Antworten auf die Frage nach der inhaltlichen Qualitat schuldig.

Wie oben bereits dargestellt (Kap. 2.1.2), beruht die „Ineffizienz Sozialer Arbeit“ in erster Linie auf einer interessensgeleiteten Unterstellung und nicht auf einer fachpolitischen Er- kenntnis. Uber die schwierige Frage der Effizienz bzw. Qualitat Sozialer Arbeit lasst sich nicht losgelost von der Frage nach ihren Zielen sprechen. Deren fachliche Beantwortung kann aber durchaus zu anderen Ergebnissen kommen als es unter den MaBgaben von Aktivierung und Kostensenkungen erwunscht ist. So wird z.B. in der Jugendhilfe fachlich sehr kritisch uber die qualitativen Effekte einer an Kosteneffizienz orientierten Umgestal- tung der Leistungsgewahrung diskutiert (beispielsweise uber die sozialen Folgen einer aus Kostengrunden restriktiv gehandhabten Leistungsbewilligung, vgl. z.B. 13. Kinder- und Jugendbericht 2013, S. 352.), ohne dass dies zu einer Anderung der Verwaltungs- praxis fuhrt.

Die Qualitat, in den Leistungsvereinbarungen zwar in Form von Verabredungen uber Qualitatsmanagement mitverhandelt, entzieht sich also qua schlechter Mess- und Kontrollierbarkeit dem direkten Zugriff der Sozialverwaltung - und durch kurzfristige Ziel - vereinbarungen mit der Politik, gepaart mit dem Kostensenkungsgebot, auch ihrem un- mittelbaren institutionellem Interesse.

Statt der erhofften Zunahme von Offenheit fur fachliche Aspekte und einer Entburokrati- sierung kam es durch die Methoden des Sozialmanagement hauptsachlich zu einer ver- starkten Okonomisierung der Sozialen Arbeit. Messmer beurteilt abschlieBend: „(...) die Engfuhrung auf den Kostenaspekt der Leistungsbeschaffung blendet den Qualitatsaspekt nahezu vollstandig aus. Dieser ist allenfalls unter (betriebswirtschaftlichen) Effizienzge- sichtspunkten von Belang“. (Messmer 2007, S. 181). Kessl stellt wegen der in der Praxis durch das Sozialmanagement ausgelosten Dynamiken die These auf, dass dieses letzt- lich nicht Teil der Losung der Probleme, vor die die Soziale Arbeit durch die hegemoniale Krisendiagnose gestellt wurde sei, sondern Teil des Problems selbst. (Kessl 2013, S. 32) Und Seithe stellt fest: „Gekoppelt mit der Absicht, die Kosten zu senken, wird der Effizi- enzgedanke als Instrument missbraucht, Einsparungspolitik nachhaltig um- und durchzu- setzen.“ (Seithe 2012, S. 161).

3.4.3 Neue Anforderungen an eine aktivierende Soziale Arbeit

Die okonomische Abhangigkeit der so umgewandelten Anbieterstruktur Sozialer Dienst- leistungen fuhrt zu groBem Druck, die eigenen Angebote an die Wunsche der staatlichen Nachfrage anzupassen. Die Moglichkeiten, eigene fachliche Standards gegen die Spar- diktate der Verwaltung zu retten sind hingegen zusehends verschwunden.

Hinzu kommt, dass die sozialmanagerielle Umstrukturierung der sozialarbeiterischen Er- bringungssituation an Begrifflichkeiten anknupfte, die in der Sozialen Arbeit durch den le- bensweltorientierten Ansatz sehr gelaufig und daruber hinaus positiv besetzt waren. Wer- te wie Selbstorganisation, Starkung von Eigenverantwortung, individuelle Fallbetrachtung haben in den Methoden des Sozialmanagements und der aktivierenden Steuerung durchaus ihre Entsprechungen. Allerdings erfolgt ihre Adaption in diesem Kontext meist

neoliberal gewendet, so dass Kessl und auch Seithe hier von einer semantischen Uber- nahme lebensweltorientierter Begriffe sprechen, die diesem Ansatz aber diametral entge- gengesetzt seien (vgl. Seithe 2012, S. 273 f.), da nicht mehr Parteilichkeit und Emanzipa- tion, sondern (Fremd-)Steuerung und Anpassung ihre maBgeblichen Beweggrunde be- stimmten. Sozialarbeitende hatten, entweder in einer Art „vorauseilendem Gehorsam“ (Galuske 2007, S. 369) oder ohne es zu bemerken, die veranderten Anforderungsbedin- gungen an die Soziale Arbeit auf- und vorweggenommen und so den Prozess der Okono- misierung zusatzlich dynamisiert. Kessl und auch Galuske sehen in diesem Prozess einen der wichtigsten Grunde, warum die Soziale Arbeit es verpasst habe, die betriebs- wirtschaftliche Umstrukturierung ihres Feldes mit einer kritischen Fachdiskussion zu be- gleiten und somit mehr Einfluss und Widerstandsmoglichkeiten bei ihrer Umsetzung auf- zubauen (vgl. Kessl 2013, S.42).

Statt dessen dominiert eine „Indienstnahme“ (Dahme/Wohlfahrt 2005, S. 13) der Sozia- len Arbeit fur die neoliberale Leitlinie einer investiven Sozialpolitik, die deren Leistungen unter dem Kosten-Nutzenaspekt beurteilt. Dabei ist die Arbeitsmarktintegration oberstes Gebot, an dessen Erreichen sich Soziale Arbeit messen lassen muss (vgl. Dahme et al 2008, S. 51). Ob dieses Ziel aus der Perspektive der Sozialen Arbeit uberhaupt erreich- bar oder dessen Umsetzung gesamtgesellschaftlich uberhaupt wunschenswert ist12, kann in dieser Denkweise nicht mehr in Frage gestellt werden. Als Beispiel einer solchen in- dienstgenommenen Sozialen Arbeit kann das Fallmanagement im Rahmen der reformier- ten Forderung der Arbeitsaufnahme gelten. Galuske stellt exemplarisch dar, dass Soziale Arbeit in diesem Kontext weit hinter ihre fachlichen Prinzipien zuruckfallt, da kein ergebni- soffener Aushandlungsprozess, bisher anerkannte Bedingung eines erfolgreichen Bera- tungsprozesses, mehr stattfindet. Stattdessen wird den Klient*innen uber die Androhung von Sanktionen eine vorgegebene „Problemlosung“ aufgezwungen (vgl. Galuske 2007, S. 348 f.). Auch fur die Jugendarbeit stellen verschiedene Autoren dar, dass zu Gunsten einer schnellen Arbeitsmarktintegration und Beendigung von Hilfeleistungen Ausbil- dungsbiografien vorschnell beendet werden, da eine weiterfuhrende Ausbildungskarriere sich negativ auf die Bilanz der Kostentrager auswirken wurde (vgl. Sievers et al 2015, S. 72 ff. u. 152) bzw. die beteiligten Akteure nicht selten „Strategien der Hilfevermeidung an- stelle von Strategien zur Hilfegewahrung“ betreiben (13. Kinder- und Jugendbericht 2013, S. 352).

Diese Vielzahl an Dysfunktionalitaten und widerspruchlichen Anforderungen kann im Sys­tem Sozialer Arbeit zu keiner positiven und konstruktiven Entwicklung fuhren. So stellt Seithe zusammenfassend fest, es „gabe gute Grunde, das Marktexperiment abzubre- chen.“ Um dann jedoch fortzufahren: „Aber es liegen schwergewichtige Interessen vor, die genau diese Art von Sozialer Arbeit wollen: Die am Markt orientierte Soziale Arbeit ist genau die, die im aktivierenden Staat gewunscht wird“ (Seithe 2012, S.239).

3.5 Genderspezifischer Bias der Okonomisierung

Eine Folge und Begleiterscheinung der Okonomisierung ist ein fortgesetzter und sich neu entwickelnder genderspezifischer Bias (Verzerrung) im Bereich von Care-Tatigkeiten13 und somit auch hinsichtlich der Sozialen Arbeit. Diese ist seit ihrer Entstehung als ehren- amtliche, karitative Tatigkeit vornehmlich burgerlicher Frauen, aber auch durch ihre Zu- ordnung zu den feminisierten Tatigkeitsmerkmalen Teil der geschlechtsspezifischen Ar- beitsteilung. Gesellschaftliche Anerkennung wird ihr am ehesten als emotionale Anerken- nung (emotionales Kapital nach Bourdieu) gewahrt. Auf der Ebene des okonomischen und sozialen Kapitals fristet Soziale Arbeit, wie andere, feminisierte Care-Tatigkeiten (z.B. Pflege und Hauswirtschaft) auch, eher ein Schattendasein (vgl. Wulf-Schnabel 2011, S. 219 ff.). Den in ihr Beschaftigten wird ein altruistisches Motiv unterstellt, welches eine angemessene Bezahlung nicht notwendig mache. Diese Haltung vertritt auch ein in der Bielefelder FH als Pflichtlekture vorgesehenes Lehrbuch der Betriebswirtschaft un- verhohlen14.

Fur die Soziale Arbeit bedeutet dies zum einen eine traditionell schlechte Bezahlung und die geringe Beachtung guter Arbeitsbedingungen. Zum anderen auBert es sich darin, dass nach wie vor auch hauptsachlich Frauen in diesem Bereich tatig sind. Jan Wulf- Schnabel stellt heraus, dass nach einem kurzen Anstieg des Manneranteils durch eine gesellschaftlich begonnene Geschlechterauseinandersetzung dieser seit Jahren wieder rucklaufig ist, was er zum einen durch Schwierigkeiten mit der gesellschaftlichen Rolle- nerwartung, vornehmlich aber durch die nach wie vor geringe okonomische und soziale Anerkennung der Profession erklart (vgl. ebd., S. 18 u. 57). Denn soziale Arbeit ist nicht darauf ausgelegt, eine Familie zu ernahren, sondern gilt als Neben- oder Zuverdienst zu den produktiv erwirtschafteten Einkommen in den „Mannerdomanen“. Diese Gering- schatzung wirkt sich vor allem fur Frauen, die Sorgeverantwortung tragen negativ aus, ist es doch durch die okonomische Wertigkeit oft quasi vorgegeben, wer z.B. in einer Part- nerschaft beruflich zurucktreten und wieder in okonomische Abhangigkeit geraten wird. Der hohe Anteil an teilzeitbeschaftigten Frauen, der zusatzlich durch Mittelkurzungen auch unfreiwillig entsteht, zeigt dieses Missverhaltnis deutlich. Fur Alleinerziehende ist die Moglichkeit eines existenzsichernden Verdienstes nur unter Aufbringung groBer An- strengungen und hoher Flexibilitat zu realisieren (vgl. ebd., S. 51 ff.).

Doch in den Hierarchien der Sozialen Arbeit finden sich durchaus, je hoher Bezahlung und Anerkennung steigen, Manner - und entsprechend weniger Frauen, denen der Auf- stieg durch Doppelbelastung und „glaserne Decke“ selbst in diesem Bereich noch oft ver- wehrt wird. Der dennoch steigende Anteil von Frauen in Leitungspositionen wird zumeist nicht durch eine Veranderung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung unter den Geschlech- tern, sondern durch Doppelbelastung und Care-Drain15 oder Verzicht auf Familiengrun- dung erreicht. Die entstehende Lucke in den Haushalten und der Versorgung wird durch schlecht bezahlte und prekare Beschaftigung anderer Frauen gefullt. Das gilt gleicherma- Ben fur den Ausgleich des gestiegenen Bildungsniveaus von Frauen in den Industriena- tionen. Care-Tatigkeiten werden zunehmend an migrierte Frauen vergeben. Ein zusatzli- cher rassistischer Bias der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zeigt sich aber nicht nur dar­in, dass Migrantinnen Reinigungs- und Pflegearbeiten ubernehmen. Diese geringge- schatzten Tatigkeiten werden zunehmend auch von migrierten Mannern, obwohl diesen gleichzeitig haufig ein traditionelles-patriarchales Geschlechterrollenverstandnis zugeord- net wird, ausgeubt.

Teil II: Auswirkungen der Okonomisierung

„Die Aktivierungspolitik dehnt sich uber den ursprunglich engen Bereich der Sozialhilfe- politik aus und wird zum bestimmenden Merkmal der Sozialpolitik. Diese Entwicklung hat Folgen auch fur die Soziale Arbeit und deren professionelles Selbstverstandnis, das an sich mit der Semantik des aktivierenden Staates problemlos zu vereinbaren ist“ (Dahme/Wohlfahrt 2005, S. 13)

4 Auswirkungen auf die Soziale Arbeit

Im folgenden Kapitel mochte ich zunachst wesentliche Auswirkungen der beschriebenen Okonomisierungsprozesse auf die Erbringungssituation der Sozialen Arbeit darstellen. Diese zeigen sich durch den mittels Verwaltungsreform, Verbetriebswirtschaftlichung und Mittelkurzungen erzeugten okonomischen Druck als faktische Veranderung der Rahmen- bedingungen Sozialer Arbeit auf der finanziellen und fachlichen Ebene. Der neosoziale Umbauprozess zum aktivierenden Sozialstaat hat aber auch die Anrufungen der Sozialen Arbeit und die Anforderungen an diese modifiziert, wodurch sich auch deren Selbstveror- tung in der Gesellschaft und ihre Kernbestimmung veranderte. Dies problematisiere ich in einem dritten Unterkapitel (4.3).

Die Auswirkungen auf die Soziale Arbeit lassen sich dabei nicht trennscharf von den Ver- anderungen fur ihre Trager abgrenzen, da diese sich wechselseitig maBgeblich bestim- men. Ich werde im Folgenden die Implikationen der Veranderungen auf der Tragerebene nicht naher thematisieren, um dann in Kapitel 5 genauer auf diese einzugehen.

4.1 Finanzielle Erbringungssituation

Die Tatsache, dass sich Einrichtungen der Sozialen Arbeit auf einem Angebotsmarkt pra- sentieren und vor allem refinanzieren mussen, hat zur Folge, dass fachfremde, betriebs- wirtschaftliche Faktoren ihre Arbeit stark bestimmen. Der von der Politik verordnete Sparzwang verengt den Blick der Sozialverwaltungen auf kurzfristige und niedrigschwelli- ge Angebote, da sie fur den Augenblick und das aktuelle Budget die kostengunstigste Lo- sung darstellen. Hieraus ergibt sich eine Dynamik, die Messmer als das „Treppenprinzip“ bezeichnet: Da die aus Kostengrunden gewahlte niedrigschwellige Losung sich letztlich oft als nicht ausreichend herausstellt, folgt die nachst aufwendigere Losung lediglich zeit- lich verzogert, aber zu einem Zeitpunkt, da sie sich durch eine Verfestigung der Problem- lage schon nicht mehr als ausreichend herausstellt und sich - wieder zeitlich verzogert - eine noch intensivere Leistung als notwendig erweist. So folgen die Bewilligungen der Notwendigkeit immer mit einer Stufe Abstand, ggf. bis zur kostenintensivsten MaBnahme oder dem endgultigen Scheitern eines Hilfeprozesses (vgl. Messmer 2007, S. 156 ff., Sei- the 2012, S. 190). Die sich durch eine solche tendenzielle Unterversorgung mit bzw. Ver- zogerung von adaquaten Hilfeangeboten unter Umstanden ergebenden gesellschaftli- chen Mehrkosten nennt Messmer „Opportunitatskosten“. Zu diesen tragt auch die andere Verhandlungsseite bei.

Denn bei den Tragerorganisationen besteht ebenso der Anreiz, aus wirtschaftlichen Er- wagungen - z.B. um zu verhindern, dass eine Einrichtung durch mangelnde Auslastung gefahrdet wird - Klient*innen nicht sachgerecht zu beurteilen. Dies geschieht zum einen dadurch, dass Klient*innen als hilfebedurftiger dargestellt werden, um ihren Verbleib in ei­ner Einrichtung oder ein moglichst hohes Kontingent an Fachleistungsstunden zur eige- nen Finanzierung zu erreichen. Die gleiche Erwagung fuhrt zur Uberbelegung von Einrich- tungen, um Zeiten der Unterbelegung auszugleichen oder zur Belegung mit Klient*innen, die dem Einrichtungsprofil nicht ausreichend entsprechen. Dies ist insofern unabhangig von den am Markt vorhandenen Kapazitaten, da die Einrichtungen auch bei der Akquirie- ren von Klient*innen miteinander um „Marktanteile“ konkurrieren. Ebenso werden Klient*innen mit einem hohen Betreuungsaufwand, der sich aber wegen der pauschalen Leistungsvereinbarungen nicht in angemessener Hohe refinanzieren lasst, eventuell ab- gewiesen oder „abgestoBen“, wenn die Nachfragesituation es erlaubt (vgl. Messmer 2007, S. 157 u. 178 f.).

Dies wird durch die starkere Trennung von sozialmanagerieller Leitungsebene von der Erbringungsebene erleichtert, da erstere vornehmlich den betriebswirtschaftlichen Aspekt zu verantworten hat (auf die untergeordnete Position der Qualitatsentwicklung wurde in Kapitel 3.4.2 schon hingewiesen) und fachliche Beurteilungen der ausfuhrenden Ebene in der Unternehmenshierarchie niedriger angesiedelt sind und dementsprechend weniger ins Gewicht fallen (vgl. Messmer 2007, S. 156)

Der marktwirtschaftlich erzeugte Kostendruck fuhrt, neben der Tendenz Belegungskapa- zitaten auszureizen, auch durch die Ausdunnung der Personaldecken zu erhohter Ar- beitsbelastung auf Seiten der ausfuhrenden Beschaftigten. Gerade die Soziale Arbeit als personenzentrierte Dienstleistung ist auBerst personalintensiv und bietet, allen Anstren- gungen ihrer Effektivierung zum Trotz, kaum Moglichkeiten, durch Rationalisierungen Personal einzusparen (vgl. Seithe 2012, S. 174f.). So fuhrt der Kostendruck zu einer Dy- namik, in der durch Arbeitsverdichtung, Lohndruck und Beschaftigung von ungelernten (Erganzungs-)Kraften versucht wird, die Personalkosten dennoch zu senken (Seithe 2012, S. 149 f.) (genauer hierzu Kapitel 5.2).

Die veranderten finanziellen Rahmenbedingungen verhindern oft eine langerfristige Pla- nung von Angeboten. Zwar entsteht uber spezielle Fordermittel immer wieder eine Viel- zahl neuer Projekte, aber kaum eines wird in ein langerfristiges Angebot uberfuhrt. So kann Soziale Arbeit in vielen Bereichen keine langfristigen Perspektiven und Strukturen aufbauen, da weder die Finanzierung, noch die an den Projekten beteiligten befristet ein- gestellten Mitarbeiter*innen (wegen prekarer Arbeitsbedingungen) eine sichere Basis bil- den. Diskontinuitaten bei Angeboten und Prozessen sind die Folge und gefahrden von Beginn an den Erfolg und die Qualitat der verbliebenen und der immer wieder neu gestar- teten Projekte (vgl. Seithe 148 ff. + 208 ff.).

Die geringere Ausstattung mit finanziellen Ressourcen hat auch die Abhangigkeit Sozialer Arbeit von Spenden und kommerziellem Sponsoring erhoht. Das schafft Unsicherheiten in der Finanzierung und neue Abhangigkeiten. Steht Soziale Arbeit schon gegenuber der Verwaltung unter Anpassungsdruck, so erfordert das Einwerben von kommerziellen Sponsoren viel zusatzliche Arbeit und verstarkt den Druck, das eigene Arbeitsfeld und die eigene Arbeit trotz der bescheidenen Rahmenbedingungen als erfolgreich und gut aufgestellt darzustellen. In der gesellschaftspolitischen Dimension bedeutet diese Ver- schiebung der Finanzierung - von staatlich fur den Sozialhaushalt eingezogenen Steuern hin zu freiwilligem Sponsoring - den Ubergang von sozialpolitischen Forderentscheidun- gen von der Politik auf die sponsernden Unternehmen. Daruber hinaus werden Produkt- platzierungen und Marketingartikel zu Begleiter*innen der Sozialen Arbeit - ein fragwurdi- ger Ausdruck einer gesellschaftlich zu verantwortenden Aufgabe (vgl. Seithe 185 f.)

Sich offentlich kritisch zu wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Entwicklungen und den okonomisierten Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit positionierende Mitarbeiter*in- nen, Einrichtungen oder Tragervertreter*innen schmalern so nicht nur die Chancen, bei der Auftragsvergabe durch die Verwaltung berucksichtigt zu werden, sondern auch von Spenden lokaler Witschaftsorgane zu profitieren. Interessenskonflikte mit dem organisati- onsinternen Marketing oder Fundraising-Management sind vorprogrammiert und verwan- deln oppositionelles oder widerstandiges Verhalten von Mitarbeiter*innen zu geschafts- schadigendem Verhalten.

4.2 Einschrankung der Fachlichkeit Sozialer Arbeit

Eine fachlich begrundete Soziale Arbeit benotigt ausreichend Zeit, um die Problemlage, die Bedurfnisse und die Ressourcen der Klient*innen zu erfassen und um ein Vertrauens- verhaltnis aufzubauen, das den koproduktiven Prozess einer Beratung oder eines Hilfe - planes uberhaupt erst ermoglicht (vgl. Galuske 2008, S. 22, Seithe 2012, 174 ff.). Wer- den diese Zeitressourcen nicht zur Verfugung gestellt, werden notgedrungen Abstriche an den fachlichen Anspruch der Arbeit oder ihre Wirkungstiefe in Kauf genommen. Dies ist unter den gegenwartigen Verhaltnissen, so stellen z.B. Seithe und Galuske uberein- stimmend fest, langst bestimmend fur die sozialarbeiterische Praxis. Neben den be- schriebenen Faktoren sind auch zunehmende fachfremde Leistungen wie Fundraising, Dokumentation, Abrechnungen und Erfassungen im Rahmen des Qualitatsmanagements und Controllings Ursache fur immer eingeschranktere Zeitfenster fur die einzelnen Klient*innen (Seithe 2012, S. 184 f.). Doch auch aus fachlicher Sicht fur notwendig er- achtete, auf Grund von Kostenaspekten verwehrte oder nur eingeschrankt bewilligte Leistungen konterkarieren fachliche Anspruche und stellen Soziale Arbeit oft vor die Zu- mutung, gegen fachliches Wissen zu handeln (vgl. Seithe 2012, S. 147 f. + S. 192). Zunehmende Standardisierungen verengen den fachlichen Blick fur die individuelle Kli- ent*innensituation auf sozialtechnologische Zuordnungen zu anzuwendenden Standart- maBnahmen nach „Best-Practice“-Methoden (vgl. ebd., S. 213). In der Folge wird hier- durch, so folgert Seithe, auch der Einsatz fachlich nicht entsprechend ausgebildeter und entsprechend noch schlechter bezahlter Krafte vorangetrieben, die diese Zuordnungen dann ohne konkreteres Fallverstehen den Profilingergebnissen entsprechend vornehmen konnten. Unter den Tisch falle dabei ein produktiver Aushandlungsprozess, der die ge- meinsame Suche „nach Erklarungen, Losungswegen und Zielen“ (Seithe 2012, S. 222) beinhaltet, denn diese seien von den Standartfallzuordnungen bereits vorgegeben. So „verlernen Sozialarbeitende ... fachliches Denken und ihre fachliche Kreativitat [wird] be- straft“ (ebd., S. 221), (vgl. ebd., S. 221 f.).

Insbesondere durch die auf „employability“ ausgerichtete aktivierende Soziale Arbeit werden die fachlichen Prinzipien der Klient*Innenorientierung und der Parteilichkeit durch eine zunehmend paternalistische Ziel- und Losungswegvorgabe abgelost. Nicht mehr die einzelne Klient*in, sondern das staatlich erwunschte Ziel steht im Mittelpunkt der Fallar- beit. „Aufgrund des Hauptinteresses der Aktivierungspolitik, namlich der Eingliederung jedes Menschen in das Erwerbsleben, liegen andere [- fur die Klient*in viel bedeutsamere und auch primar losungsbedurftige - (Anm. d. V.)] Aspekte seiner Problematik, die nicht unmittelbar als Hemmnis fur die Arbeitsaufnahme gesehen werden, auBerhalb des Blick- winkels“ (Seithe 2012, S. 298). Die Klient*innen als Koproduzent*innen Sozialer Arbeit verschwinden so aus dem Fokus und sind, wie Seithe es fur die Jugendsozialarbeit for- muliert, „nicht mehr in der Rolle von Rechtssubjekten, sondern bloB noch zu steuernde Hilfeobjekte“ (Seithe 2012, S. 299). Zwar gehe es standig um Kompetenzen, aber welche das sind, das werde nicht mehr mit dem Jugendlichen, sondern quasi uber ihn verhandelt (Seithe 2012, S. 299).

Zusammenfassend lasst sich feststellen, dass der enge finanzielle Rahmen die fachliche Autonomie stark einschrankt und finanzielle Abhangigkeiten die Bedingungen fur eine kritische, unangepasste Soziale Arbeit erschweren. Anpassung wird so gerade fur die an der Losung sozialer Problemlagen ansetzende Sozialer Arbeit zur ublichen bzw. zumin- dest attraktiveren - und unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten auch scheinbar einzig gangbaren - Variante.

4.3 Veranderung der (Selbst-)Verortung Sozialer Arbeit in der Gesellschaft

Soziale Arbeit war und ist immer eingebunden in staatliche Sozialpolitik. Kennzeichnend ist fur sie ein doppeltes Mandat: Einerseits der Auftrag des Staates (der auch ihr Fi- nanzier ist), aus der jeweiligen gesellschaftlichen Dynamik entstehende soziale Verwer- fungen zu entscharfen oder zu befrieden, andererseits der dem Auftrag ihrer Klient*innen, ihnen Unterstutzung bei der Bewaltigung ihrer sozialen Problemlagen zu gewahren. Hieraus bezog die Soziale Arbeit lange auch die (selbst gestellte) ethisch sowie gesell- schaftlich begrundete Aufgabe einer anwaltschaftlichen Vertretung der Interessen ihrer Klient*innen gegenuber der Gesellschaft. Im korporatistischen Wohlfahrtsstaat war diese Rolle - bei aller Begrenztheit ihrer Ausubung - durch die gemeinsame Sozialplanung von Staat und Sozialverbanden im Rahmen des alten Subsidiaritatsprinzips institutionell ab- gesichert. Soziale Arbeit sah sich in ihrem Selbstverstandnis als institutionalisierte „hef- tigste Kritikerin“ (Mollenhauer, nach Kessl 2005, S. 30) der Gesellschaft (vgl. ebd., S. 30 f.). Ihre Abhangigkeit von der staatlichen Sozialpolitik wurde dabei nicht thematisiert. Schaarschuch bemerkt hierzu, dass „das AusmaB der Nicht-Thematisierung des Staates ... im wissenschaftlichen Feld der Sozialen Arbeit ... an Ignoranz [grenzt]“ (zitiert nach Dahme/Wohlfahrt 2005, S. 7).

Die Bedeutung der anwaltschaftlichen Vertretung wurde, unter Betonung der Koprodukti- onsbeziehung zwischen Sozialarbeitenden und Klient*innen, mit dem lebensweltorientier- ten Ansatz in der Sozialen Arbeit noch starker in den Fokus geruckt. Gleichzeitig bedeu- tete dieser Ansatz eine starke Hinwendung zum Subjekt. Diese wurde schon fruh als Ge- fahr angesehen, sich in einer Padagogisierung und Individualisierung von sozialen Pro- blemlagen zu verrennen und durch die Dethematisierung gesellschaftlich-struktureller Ur- sachen zur Entpolitisierung Sozialer Arbeit beizutragen (vgl. Seithe 2012, S. 397 f.)16. Dieser Gefahr sollte durch eine entschlossene parteiliche Mandantschaft und die grundle- gende Forderung nach „sozialer Gerechtigkeit“ entgegen getreten werden (vgl. Bohnisch et al 2005, S. 121; Seithe 2012, S. 274). Durch die Betonung einer fachlichen Autonomie Sozialer Arbeit wurde diese Moglichkeit als gegeben angesehen. „Soziale Arbeit als Fachdisziplin sei nur sich selbst (hochstens noch ihren Klienten) verantwortlich“ (Dahme/Wohlfahrt 2005, S. 7) fassen Dahme und Wohlfahrt die Selbstwahrnehmung der lebensweltorientierten Profession zusammen.

In der augenblicklichen gesellschaftlichen Transformation erweist sich diese Annahme ei­ner fachlichen Autonomie, wie im vorhergehenden Kapitel 4.2 dargestellt, als Illusion. Die finanzielle und ideologische Steuerung durch die aktivierende Sozialpolitik macht die Ab- hangigkeit der Profession Soziale Arbeit unverkennbar. Die geschilderten Prozesse der Okonomisierung und die erfolgte Implementierung sozialmanagerieller Steuerungsmetho- den in ihre Organisationsstrukturen unterwarfen auch die Soziale Arbeit der neoliberalen „Sachzwanglogik“ (vgl. Seithe 2012, S. 236).

Ich mochte im Folgenden auf drei Aspekte dieser Unterwerfung naher eingehen:

4.3.1 Dynamisierung gesellschaftlicher Transformation durch die Soziale Arbeit selbst

Soziale Arbeit hat uber die groBtenteils bereitwillige Ubernahme bzw. positive Bezugnah- me auf sozialmanagerielle Steuerungsmodelle den Prozess ihrer eigenen Okonomisie­rung dynamisiert. Durch die markt- und betriebswirtschaftliche Steuerung benotigten die nun zu Unternehmen der Sozialwirtschaft mutierten Trager und Einrichtungen dringend neue, noch (ausreichend) finanzierte Geschaftsfelder. Diese fanden sie in den wachsen- den Angeboten der aktivierenden Sozialpolitik - von der Arbeitsverwaltung uber das Quartiersmanagement17 bis zur Einbindung z.B. der Schulden- und Drogenberatung in die Prozesse der Aktivierung (vgl. Seithe 2012, S. 255; Kessl 2005, S. 39). Unterstutzt wird diese Dynamisierung durch das, was C. Muller als „Hybrisfalle“ bezeichnet: Das Auf- greifen emanzipatorisch konnotierter Begrifflichkeiten wie etwa der „Hilfe zur Selbsthilfe“, „Eigenverantwortung“ und ..Empowerment" durch die aktivierende Sozialpolitik fuhrt bei Sozialarbeitenden zu einer gefuhlten Aufwertung ihrer Position und es entsteht der Ein- druck, als „lagen die Perspektiven der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit und die des aktivierenden Sozialstaats ganz nah beieinander" (Seithe 2012, S. 272). Dass ihnen tat- sachlich grundverschiedene Denkmuster zugrunde liegen, wird dabei vielfach nicht er- kannt (vgl. ebd., S. 271 f.) oder, da „lebensweltliche Arbeitsansatze jenseits ihrer kritischen Intention als Module einer modernen Sozialtechnik genutzt werden“ (Bohnisch et al 2005, S. 121), nicht beachtet. Diese „neo-soziale Verfuhrung“ (Seithe, ebd.) durch eine semantische Ubernahme der Begriffe der Lebensweltorientierung beschreibt auch Kessl und stellt die These auf, dass sich sozialpadagogische Fachkrafte langst als kompetente Leistungserbringer im Sinne einer effizienten Sozialen Arbeit erwiesen ha- ben. Sie hatten ihre sozialpadagogischen Vollzugsformen in den letzten anderthalb Jahr- zehnten zwar nicht schlagartig, als direkte Reaktion auf die sozialwirtschaftliche Transfor­mation ihrer Arbeitsfelder, verandert, aber doch parallel und in Verbindung zu diesem Veranderungsprozess ihr (professionelles) Handeln in relativer Autonomie an die veran- derten Bedingungen angepasst, bzw. diese mit etabliert - und damit auch den sozialwirt- schaftlichen Transformationsprozess und sozialmanagerielle Strategien und Vorgehens- weisen mit dynamisiert (vgl. Kessl 2013, S. 40 ff.). Gerade vor dem Hintergrund des fol- genden Abschnitts halte ich Kessls Annahme fur zutreffend. Sie lasst sich auch als eine Ausformung der weiter oben schon angefuhrten Form der Gouvernementalitat lesen, in der sich Prozesse der Fremdfuhrung in Momente der Selbstfuhrung ubersetzen und sich so gegenseitig erganzen - und die so bezeichnend fur die Durchsetzung neoliberaler „Sachzwang“- Logiken ist.

4.3.2 Mangelnde Reflektion der Okonomisierung im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit

In der professionellen Fachdiskussion dominierten Positionen, die zwar vor einer „Indus- trialisierung der Sozialen Arbeit“ durch Wettbewerb und Verbetriebswirtschaftlichung warnten, gleichzeitig aber die Chancen sozialmanagerieller Techniken fur eine Qualitats- und Effizienzsteigerung ihrer Organisation betonten und die erhohte Aufmerksamkeit, die der Sozialen Arbeit im Zuge der Aktivierung zuteil wurde, begruBten (vgl. z.B. Kessl 2013, S. 39 f.). Auf deren absehbare steuerungspolitischen Implikationen uber zu geringe Budgetierungen wurde wenig eingegangen, die Zielsetzung der Kostendampfung im Rah- men der Haushaltskonsolidierung im Allgemeinen nicht in Frage gestellt. Zu sehr war die Profession mit ihrem eigenen Umbau zu einem Bestandteil der Sozialwirtschaft beschaf- tigt (vgl. Wulf-Schnabel 2011, S. 112 u. 162 f.).

Die Dynamisierung der neoliberalen Transformation durch die Einfuhrung sozialmanage­rieller Steuerungen war, so habe ich im vorherigen Abschnitt Kessl zugestimmt, ein Aspekt, warum der Ubergang im Sinne der Aktivierung recht reibungslos verlief. Dass dies beinahe zeitgleich mit der Umsetzung lebensweltorientierter Konzepte in Praxis und Gesetzesvorgaben wie dem KJHG geschah, lasst zumindest vermuten, dass die Be- furchtungen und Beobachtungen einer methodischen Reduktion auf die Subjektorientie- rung und somit einer Entpolitisierung zutrafen (vgl. Anmerkung 16, Kapitel 4.3.1). Auf die- se Weise korrespondierte Lebensweltorientierung mit dem epochalen Wandel der hege- monialen gesellschaftlichen Denkweise neoliberaler Auspragung. Dass Soziale Arbeit in der Mehrheit so unreflektiert in die „Hybrisfalle“ tappte, kann auf der einen Seite mit der durch sozialmanagerielle Steuerungen implementierten „Sachzwanglogik“ nachvollzieh- bar gemacht werden. Diese hat die Dynamisierung auf Seiten der Praktiker*innen durch die schrittweise Veranderung der Rahmenbedingungen und daraus folgenden Anpassun- gen individuell erfordert (vgl. Kapitel 4.3.1).

Dass diese Veranderungen weitgehend unreflektiert oder bereitwillig nachvollzogen wur- den, weist aber noch auf eine andere Schwachstelle hin: einen recht unbestimmten Be- griff von „sozialer Gerechtigkeit“- immerhin eines der sogar im SGB I §1 verankerten Grundanliegen der Lebensweltorientierung - der zumindest der Entpolitisierung und neo- sozialen Umdeutung Sozialer Arbeit nicht entgegenwirkte. Die Ausbuchstabierung des- sen, was soziale Gerechtigkeit bedeuten musse - etwa durch eine verbindlichere Bezug- nahme auf Ansatze wie dem der „Social Justice" - unterblieb18 und fand in der Konfronta- tion der Praxis mit den sich andernden Anforderungen durch die Sozialpolitik als Ausein- andersetzung ebenso wenig statt. Auch der Angriff auf den alten Wohlfahrtsstaat erfolgte mit der Begrundung, diesen retten und den Sozialstaat „zukunftsfahig‘‘ (weil kostenguns- tiger) machen zu wollen und bezog sich auf Soziale Gerechtigkeit. Vertreten wurde aber eine „andere“ soziale Gerechtigkeit:

„Der allgegenwartige Wohlfahrtsstaat, der den Menschen die Entscheidungen ab- nimmt und sie durch immer mehr Bevormundung zu ihrem Gluck zwingen will, ist nicht nur unbezahlbar. Er ist am Ende auch ineffizient und inhuman" ( Gerhard Schroder in einer Regierungserklarung vom 29.10.2002, nach Galuske 2004).

Und Schroeder/Blair in ihrem gemeinsamen Papier von 1999:

„Fairness, soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Chancengleichheit, Solidaritat und Verantwortung fur andere: diese Werte sind zeitlos. Die Sozialdemokratie wird sie nie preisgeben. (...) Wir mussen unsere Politik in einem neuen, auf den heutigen Stand gebrachten wirtschaftlichen Rahmen betreiben, innerhalb dessen der Staat die Wirtschaft nach Kraften fordert, sich aber nie als Ersatz fur die Wirtschaft be- trachtet. Die Steuerungsfunktion von Markten muss durch die Politik erganzt und verbessert, nicht aber behindert werden.“ (Schroder/Blair 1999)

Dahme und Wohlfahrt stellen zu diesem Verstandnis „Sozialer Gerechtigkeit" fest:

„Hinter dem ... Slogan von der Zukunftsfahigkeit des Sozialstaats verbirgt sich folg- lich ein ganz anderes Sozialmodell, namlich die Sicherung und Steigerung der kol- lektiven [der gesamtgesellschaftlichen, d.V.] und individuellen Wettbewerbsfahig- keit durch die industrie- und wirtschaftspolitische Indienstnahme und Neujustierung der Sozialpolitik" (Dahme/Wohlfahrt 2005, S. 13).

Die Transformation des Sozialen blieb fur einen GroBteil der Praktiker*innen unthemati- siert und letztlich unkritisiert. Dorothee Roer sieht die Ursache fur die „weitgehende An- passung der Profession [Sozialer Arbeit, d.V.] an (Ziel-) Setzungen staatlicher (...) Auf- traggeber" (Roer 2010, S. 34) bereits in einer veranderten wissenschaftlichen Selbstdeu- tung im Zuge von individualisierenden Modernisierungs-Analysen Mitte der 1980-er Jah- re begrundet. V.a. die breite und meist kritiklose Adaption von Ulrich Becks These vom Ende der Klassengesellschaft hin zu einer universalistischen, d.h. jedes Individuum glei- chermaBen betreffenden Risikogesellschaft habe dazu gefuhrt, dass Soziale Arbeit ihre eigene und die sozialpolitische Verortung ihrer Klient*innen weitgehend aus dem Blick verlor. Stattdessen habe sich ein individualisierender und psychologisierender Dienstleis- tungsansatz durchgesetzt, mit dem Soziale Arbeit „als blinde Teilhaberin einer Sozial­politik der Demontage sozialstaatlicher Strukturen" (ebd., S. 39.) agiere, „die soziale Un- gleichheiten und Ungerechtigkeiten als Folgen personlichen Scheiterns, wenn auch eines ,nachvollziehbaren Scheiterns ohne Schuldigen‘ deutet" (ebd., S. 38). Mit der fruhen Pro- pagierung der postmodernen Sicht vom Ende der sozialen Frage, so folgert Roer, habe die Profession neoliberaler Wirtschafts- und Sozialpolitik objektiv in die Hande gespielt und die Orientierungen an sozialer Gerechtigkeit, Parteilichkeit oder genuinen Standards Sozialer Arbeit aufgegeben. (vgl. ebd., S. 41 f.).

Es lasst sich also festhalten: Eine eigenstandige Haltung zu dem, was soziale Gerechtig­keit bedeuten musse, hat die Profession Soziale Arbeit ihrer Okonomisierung und In- dienstnahme durch den aktivierenden Sozialstaat nicht glaubhaft und schon gar nicht ve­hement entgegengehalten.

4.3.3 Selektive Soziale Arbeit

So erlebte die Soziale Arbeit die „neosoziale Umprogrammierung“ (Kessl) ihres ur- sprunglich emanzipatorischen lebensweltorientierten Aufbruchs. Dessen Subjektorientie- rung wird dabei von der aktivierenden Sozialarbeit konsequent weiterverfolgt. Die Begriff- lichkeiten der Lebensweltorientierung wurden allerdings in einen neuen, autoritar-pater- nalistischen Kontext gestellt. In der Folge kommt es zu einer (Re-)Padagogisierung des sozialarbeiterischen Verhaltnisses, indem nicht mehr die Regulierung der Verhaltnisse oder ein gelingenderer Alltag Ausgangspunkt der „Kunden“-Beziehung sind, sondern die Verhaltensregulierung der Betroffenen zur Erreichung des vorgegebenen Ziels der Em­ployability. Wo dies, auch mit den Mitteln von „fursorglicher Belagerung“19, Zwang und Kontrolle nicht mehr erreichbar erscheint, werden zunehmend punitive und restriktive MaBnahmen der Marginalisierung ergriffen (vgl. Dahme/Wohlfahrt 2008, S. 50 ff.; Seithe 2012, S. 350 ff.).

In der Folge wird Soziale Arbeit mit der Anforderung konfrontiert, ihre Klient*innen mit den Methoden des Assesments oder Profilings vermehrt in unterschiedliche Forderkate- gorien einzuteilen und so die zur Verfugung gestellten Ressourcen moglichst „effektiv“ zu verwenden:

- Die „Noch-Nicht-Falle“ (Kessl 2005, S. 33), die praventiv dazu angehalten wer­den, durch Selbstoptimierungsprozesse wie Fort- und Weiterbildungen auch kunf- tige Bedurftigkeit zu vermeiden,
- die noch zu Aktivierenden, die im Fallmanagement der Arbeitsverwaltung auf die (Wieder-)Herstellung der eigenen Employability verpflichtet werden, und schlieBlich
- die „Uberflussigen“, fur die „die Gesellschaft“ wegen ihrer komplexen Problem-

lage nun keine (lohnende) Verwendung mehr findet und die fortan in ihren margi- nalisierten Milieus kontrolliert und bei auffalligem Fehlverhalten der punitiven Aus- sonderung durch einen ausgeweiteten Strafvollzug (oder geschlossene Unterbrin- gungen in Psychiatrie und Jugendhilfe) uberantwortet werden. Galuske bezeich- net diese marginalisierten Milieus auch als die „Reservate des Misslingens, in de- nen die Verlierer des entfesselten Marktes auf minimalstem Niveau ,befriedet‘ werden“ (Galuske 2008, S. 24).

(vgl. Seithe 2012, S. 293 u. 308 ff.)

5 Auswirkungen auf die Trager

Im folgenden Kapitel werde ich die Auswirkungen der Okonomisierungsprozesse auf die Trager Sozialer Arbeit genauer darstellen. Trager verstehe ich hier in einem doppelten Sinn: Zum einen sind dies die Tragerorganisationen Sozialer Arbeit und hier hauptsach- lich die freien und gemeinnutzigen Trager, die einen eklatanten Wandel und Anpassungs- prozess in ihrem Selbstverstandnis und ihrer organisationellen Strukturen durchlaufen haben. Zum zweiten sind es die Trager der Sozialen Arbeit im wortlichen Sinne, also die Beschaftigten, die durch ihre Arbeit die Praxis Sozialer Arbeit tragen und im Rahmen der sich verandernden Bedingungen gestalten.

5.1 Auswirkungen auf die Tragerstrukturen

Fur die Tragerorganisationen hat die beschriebene Okonomiesierung des Erbringungs- kontextes Sozialer Arbeit vor allem uber die Umstellung der Finanzierung als Anpas- sungsdruck auf die Organisationsstruktur und den gezielt eingefuhrten Wettbewerb auf dem Quasi-Markt Bedeutung. Beide Aspekte mochte ich im Folgenden naher erlautern, um sie dann in einem dritten Schritt an zwei Beispielen aus der ost-westfalischen Praxis zu verdeutlichen.

5.1.1 Anpassung der Organisationsstruktur

Die weiter oben schon beschriebene Umstellung der Finanzierung auf subjektbezogene Leistungsentgelte, Fachleistungsstunden und Budgetierungen bedeutete fur die bisher korporatistisch abgesicherten Wohlfahrtsverbande die volle Ubernahme des betriebswirt- schaftlichen Risikos fur den Betrieb ihrer sozialen Einrichtungen. Diese Anderung der Fi- nanzierungsgrundlage erzeugte so einen enormen okonomischen Druck auf die Trager, ihre Organisationsstrukturen betriebswirtschaftlichen Kriterien entsprechend umzugestal- ten. Die bisherige Organisationsstruktur uber privat haftende ehrenamtliche Vereinsvor- stande konnte dieses Risiko weder organisatorisch noch finanziell tragen. Jan Wulf- Schnabel stellt diesen Prozess an der AWO Schleswig-Holstein als ausgewiesenem „Best-Practice-Modell“ (Wulf-Schnabel 2010, S. 40) exemplarisch dar: Die vormals uber 170 Orts- und Kreisverbande der AWO Schleswig-Holstein20 haben ihre gesamten sozia- len Einrichtungen und Betriebe in eine gemeinsam gegrundete gGmbH uberfuhrt, die nun zentral einer Geschaftsfuhrung untersteht. Dieser Geschaftsfuhrung wurde die alleinige Zustandigkeit fur Unternehmensentwicklung, Finanzen und Personal ubertragen, wah- rend die Verwaltung der bisherigen Verbande mit ihren ehrenamtlichen Strukturen auf Ortsebene verblieb. Hierdurch wurde die AWO Schleswig-Holstein in

- eine als gGmbH gefuhrte unternehmerische Akteurin und
- eine als Verein gefuhrte sozialpolitische Akteurin aufgeteilt. Ziel sei es dabei gewesen, ein „wettbewerbsfahiges Unternehmen mit sozial- politischer Einflussnahme“ (Wulf-Schnabel 2011, S. 104) zu schaffen (vgl. ebd., S. 101 ff.).

„Nunmehr mussen die Akteur_innen in den Einzeleinrichtungen autonomer agieren, auch konnen sie sich weniger ruckversichern. Auf der ersten Fuhrungsebene des zentralisier- ten Managements verbleibt die Vorgabe und Aufsicht der Globalziele (indirekte Steue- rung), statt kleinteilig und detailliert anzuleiten und zu kontrollieren. Autonomie und flache- re Hierarchien verlangen auf der zweiten Fuhrungsebene mehr Selbst-Kontrolle, denn fur die Zentralebene gewinnt das Ergebnis und nicht die Art und Weise der Ergebniserbrin- gung an Bedeutung“ (ebd., S. 121).

Die Einzeleinrichtung, fruher vom Vereinsvorstand dirigiert und kontrolliert, so beschreibt Wulf-Schnabel die Folgen, sei in eine ambivalente Freiheit entlassen worden, denn die Einrichtungsleitungen seien zwar weiter fur den reibungslosen Ablauf der Leistungser- bringung zustandig, hatten als zweite Fuhrungsebene allerdings die wirtschaftliche Selbstkontrolle ohne autonome Befugnisse bei Finanz- und Personalentscheidungen aus- zuuben (vgl. ebd.,). Fur das Finanzmanagement musse jedes lokale Finanzierungspro- blem schnell aufgedeckt werden, damit es nicht zum Existenzrisiko fur die AWO Schles­wig-Holstein insgesamt werde. Das zentrale Controlling der AWO Schleswig-Holstein bie- te dafur das ideale Instrument, weil es jede Einzeleinrichtung detailliert wirtschaftlich uberwache und die damit verbundenen Kennzahlen als ,objektive' MaBstabe fur die Zu- weisung wirtschaftlicher Verantwortlichkeiten nutzten konne (vgl. ebd., S. 253 u. S. 269 f.). Der hierdurch erzeugte Auslastungsdruck auf die Einzeleinrichtungen wurde bereits in Kap. 4.1 beschrieben. Fruher durchaus ubliche Quersubventionierungen weniger wirt­schaftlicher Bereiche uber Gewinne in anderen Bereichen und Mitgliedsbeitrage wurden weitgehend eingestellt (ebd., S. 268-70 u. S. 276).

Als eine weitere Konsequenz der betriebswirtschaftlichen Umgestaltung loste die AWO Schleswig-Holstein die Bereiche Hauswirtschaft, Haustechnik und Reinigung aus ihren Einrichtungen heraus und fasste diese als Dienstleistungsbetrieb fur die eigenen Einrich- tungen in die als Tochtergesellschaft neu gegrundete AWO Service 24 Schleswig-Hol­stein GmbH zusammen. Diese GmbH ist nicht gemeinnutzig und auch nicht an die Tarif- vereinbarungen der AWO-Schleswig-Holstein gebunden, wodurch erstmals Personen in den Einrichtungen der AWO-Schleswig-Holstein arbeiten, fur die die gemeinsamen Ar- beitsbedingungen nicht gelten, obwohl auch sie wirtschaftlich und organisatorisch ur- sprunglich zu deren Geschaftsbereichen gehorten (vgl. ebd., S. 106 f.). Etwaige erwirt- schaftete Gewinne gehen an die Muttergesellschaft, die AWO-Schleswig-Holstein gGmbH zuruck und werden fur den weiteren Organisationsaufbau oder eventuelle Defizi- te verwendet.

5.1.2 Wettbewerb und Konkurrenz

Die Position als sozialwirtschaftliches Unternehmen auf einem Quasi-Markt erzeugt bei den Leistungstragern einen starken Druck zur Kostensenkung. Schnabel fasst die Folgen des eben beschriebenen Organisationsumbaus kurz zusammen:

„Statt der Region muss sich nun fast jede Organisationseinheit selbst behaupten und un- mittelbar an ihrem Quasi-Markt messen. (...) Anstelle der langfristig bereitgestellten Kapa- zitaten ist nun die kurzfristig realisierte Auslastung fur die Einrichtungsfinanzierung zentral und diese Auslastung ist wiederum maBgeblich vom Kostentrager abhangig. Da- mit befinden sich zwar die Leistungstrager im Quasi-Wettbewerb, nicht aber die Kosten- trager“ (ebd., S. 269 f.).

Das fuhrte dazu, wie Wulf-Schnabel fur die AWO-Schleswig-Holstein zeigt, dass vor- nehmlich die unternehmerischen Akteur*innen entwickelt wurden. Sie steht im Wettbe­werb mit anderen Anbietern, wodurch ihren Interessen ein starker Vorrang eingeraumt wird. Dies zehrte die organisatorischen und finanziellen Ressourcen vollig auf (vgl. ebd., S. 108, ). Erst die Realisierung eines (demografisch begrundeten) Mitgliederschwundes brachte die AWO-Schleswig-Holstein zu einer Geschaftstatigkeit bei der sozialpolitischen Akteurin - mit dem Ziel, ein „betrieblich verwertbares Niveau“ (ebd., S. 125) des Ehren- amtes zu erreichen und so, durch unentgeltliche Arbeitsleistungen, Wettbewerbsvorteile zu erhalten (vgl. ebd., 123 f.). Auf die Folgen dieser Dominanz der unternehmerischen Akteurin werde ich im abschlieBenden Teil dieser Arbeit noch eingehen.

Ein weiterer, Wettbewerb und Konkurrenz unter den Anbietern starkender Faktor ist, dass die Kostentrager ihre Bedarfe vermehrt offentlich ausschreiben. Dadurch entsteht Konkurrenz unter den bietenden Tragern und der Kostendruck wird vornehmlich uber den groBten Kostenfaktor - die Arbeitskosten - ausgetragen. (vgl. ebd., S. 269). Dabei handelt es sich allerdings nur auf Seiten der Kostentrager um einen transparenten Markt, denn die Verwaltung kann Angebote einholen und sich so einen Uberblick uber den Markt ver- schaffen. Den Leistungstragern steht diese Transparenz umgekehrt nicht zur Verfugung, was die einseitige Machtposition der Kostentrager bei der Preisgestaltung noch verstarkt (vgl. ebd. S. 74). Weil diese Ausschreibungen haufig kurzfristig und auf ein Jahr begrenzt erfolgen, stehen die Trager so immer wieder neu vor der Herausforderung, ihre Leistung - obwohl sich evtl. herausgestellt hat, dass die bisherigen Leistungsentgelte fur eine qua­litative Erbringung der Angebote nicht ausreichend gewesen sind, moglichst kostenguns- tig anzubieten. Gleiches gilt fur die Leistungsvertrage mit den Kostentragern, die auch regelmaBig neu ausgehandelt und in die eventuell lohnsteigernde Tarifabschlusse neu einkalkuliert werden mussen. Hohe Tarifabschlusse und gute Arbeitsbedingungen gera- ten so auch in der Sozialen Arbeit zu Wettbewerbsnachteilen, die das Unternehmen ernsthaft in Gefahr bringen konnten. Der okonomische Wettbewerb fuhrt dabei durch den Preiskampf der Anbieter zu einer Abwartsspirale, der unter den Bedingungen der perma- nenten Haushaltskonsolidierung (vgl. Kapitel 2.1.2) und Effizienzsteigerung nicht durch die Qualitat der angebotenen Leistung ausgeglichen werden kann.

Hinzu kommt, dass die uber knappe kommunale Budgets eingeschrankten Regelleistun- gen oft durch Projektmittel uberortlicher Strukturen wie Land, Bund und EU oder anderer Organe wie z.B. Stiftungen erganzt werden (mussen), um gekurzte Angebote auf- rechterhalten oder durch neue ersetzen zu konnen. Diese Projektantrage kosten zum einen viel Verwaltungsaufwand, zum anderen entstehen durch Projekte keine verlassli- chen Strukturen, sondern dem Wesen nach zeitlich begrenzte „zusatzliche“ Angebote, die weder fur die Klient*innen noch die Beschaftigten eine auf Dauer gesicherte Arbeit schaffen. Da sich regelmaBig viele Anbieter um die knappen Projektmittel bewerben, kommt es zu haufigen Wechseln in den Zuteilungen, was Kontinuitat und Planbarkeit So- zialer Arbeit als wesentlichen „Erfolgsfaktor“ verunmoglicht. Zu der weiter oben getroffe- nen Aussage, Projektmittel mussten haufig Regelangebote „aufstocken“, passt, dass zu- nehmend „Modellprojekte“ ins Leben gerufen werden, die, obwohl von allen Beteiligten als erfolgreich eingeschatzt, nach einer begrenzten Zeit wieder auslaufen, da aus den knappen kommunalen Haushalten keine Mittel fur eine Regelfinanzierung zur Verfugung gestellt werden (vgl. Seithe 2012, S. 148 f.). Fur die Trager ergibt sich aus der mangeln- den Planungssicherheit durch Projekte das Problem, dass sie weder auf der personellen, noch auf der materiellen Ebene Verlasslichkeit schaffen konnen, wodurch Investitionen unsicher sind. Es entstehen prekare Bedingungen sowohl fur die Beschaftigten, als auch bei den Angeboten.

So dominieren nicht nur die AWO-Schleswig-Holstein, sondern auch die anderen ge- meinnutzige Trager (vgl. auch Kap. 5.1.3) als betriebswirtschaftliche Akteure das Er- scheinungsbild und den Ausdruck nach auBen (Marketing) und innen (Arbeitgeber). Durch ihr Auftreten als Unternehmer, die selber prekare Arbeitsbedingungen schaffen, Betriebsteile outsourcen und im Marketing - trotz prekarer Bedingungen - ihre Einrichtun- gen in strahlendem Licht erscheinen lassen, werden sie als sozialpolitische Akteure zu- nehmend unglaubwurdig und klauen sich selbst durch widerspruchliche Botschaften als Unternehmerische und sozialpolitische Akteure, zumindest in der Offentlichkeit, die Argu- mente.

5.1.3 Beispiele aus der ost-westfalischen Praxis

Dies mochte ich an einigen Beispielen aus der ost-westfalischen Praxis verdeutlichen. Diese erscheinen auf den ersten Blick zwar wie die Karikatur einer effizienten Gestaltung sozialpolitischer Leistungserbringung. In Wirklichkeit bilden sie aber die bitteren Folgen einer vornehmlich an marktwirtschaftlichem Wettbewerb orientierten Sozialpolitik ab.

5.1.3.1 Betreiberubergang von Erstaufnahmeeinrichtungen

Anfang 2017 kam es in zwei Erstaufnahmeeinrichtungen fur Gefluchtete in Oerlinghausen und Bielefeld zu einem Wechsel der Betreiber*in. In beiden Einrichtungen waren seit zwei Jahren engagierte Trager mit gut eingearbeiteten, multikulturellen Teams und einer gut ausgebauten Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Unterstutzer*innen tatig (vgl. „Neue Westfalische“ v. 12.02.15, 10.11.16 u. 15.02.17). In der turnusmaBigen europaischen Neuausschreibung der Auftrage durch die Bezirksregierung Arnsberg hatte sich die ei- gens vom DRK neu gegrundete „DRK-Betreuungsdienste Westfalen-Lippe gGmbH“ als gunstigste Anbieter*in durchgesetzt. Grundlage dieses preisgunstigen Angebotes schien dabei die einkalkulierte schlechte Bezahlung der zukunftigen Mitarbeiter*innen nach dem Hotel- und Gaststattentarif zu sein, denn die neue Betreiberin setzte alles daran, einen Betriebsubergang, der eine Ubernahme von Beschaftigten zu vorherigen Konditionen be- deutet hatte, zu verhindern. Statt dessen suchte die neu gegrundete gGmbH hande- ringend nach neuen Mitarbeiter*innen, ohne die ehemaligen, gut eingearbeiteten Be- schaftigten in ihrem Bewerbungsverfahren zu berucksichtigen (vgl. „Neue Westfalische" v. 15.02.17 u. 01.12.17). Um einen Betriebsubergang zu vermeiden, bestand die neue Betreiberin daruber hinaus auf einer „besenreinen“ Ubergabe, was den kompletten Aus- tausch des Inventars fur den Weiterbetrieb zur Folge hatte21 (vgl. „Neue Westfalische v. 29.01.17) . Uber eine breite offentliche Berichterstattung wurde dieser Vorgang zu einem Politikum und die Mitarbeiter*innen aus Oerlinghausen konnten schlieBlich in erster In- stanz vor dem Arbeitsgericht ihre Sichtweise, dass trotz der Bemuhungen des DRK ein Betriebsubergang stattgefunden habe, durchsetzen (vgl. „Neue Westfalische" v. 01.12.17) . Auch die Kommunal- und Landespolitik schaltete sich ein und erreichte einen Formelkompromiss, nach dem die Bezahlung der Mitarbeiter*innen sich zumindest ihrer Hohe nach an den Tarifen fur den Sozialdienst des DRK orientieren sollten. Umgesetzt wurde dieser Kompromiss allerdings ein halbes Jahr spater immer noch nicht (vgl. „Neue Westfalische" v. 11.10.17 u. 24.10.17).

Anhand dieses Beispiels lasst sich zum einen gut verdeutlichen, dass eine an Kostensen- kungen orientierte regelmaBige Neuvergabe von Auftragen an die Soziale Arbeit weder als effektiv im Sinne einer guten Erbringung, da Kontinuitaten und gute Beziehungen ab- gebrochen werden, noch als wirtschaftlich im Sinne effektiver Ressourcenausnutzung („besenreine“, also neu auszustattende Einrichtung wird ubergeben) bezeichnet werden kann. Zum zweiten lasst sich daran ersehen, dass eine Orientierung an Qualitat, zumin­dest in einer der Sozialen Arbeit gerecht werdenden Form, nicht stattfindet. Denn Qualitat musste in diesem Fall die guten Erfahrungen der beteiligten Akteur*innen miteinander, die gute Einbindung lokaler (ehrenamtlicher) Strukturen und auch die besondere Qualitat gut eingearbeiteter, multiethnischer Mitarbeiter*innen mit berucksichtigen. Gerade im Ar- beitsfeld der Begleitung von Gefluchteten ist die Einbindung von Personen mit eigenen Migrationserfahrungen - auch jenseits von Sprachkompetenzen - von Bedeutung. Diese lassen sich nicht einfach „ersetzen“, da sie auf dem Arbeitsmarkt nur begrenzt vorhanden sind. Dass auch die ehrenamtlich Engagierten sich enttauscht von der Mitarbeit abwen- den, da sie sich bzw. die geleistete Arbeit nicht wertgeschatzt fuhlen, konterkariert dabei zusatzlich den Wunsch des aktivierenden Staates nach Burgerbeteiligung (vgl. „Neue Westfalische v. 23.02.17). Zum dritten verdeutlicht dieses Beispiel, wie sich Konkurrenz und Kostendruck auf das Verhalten der „Marktakteure“ der Sozialen Arbeit auswirken:

Sozial-ethische Kategorien wie angemessene, zumindest berufsadaquate Bezahlung ge- raten, wenn die Umstande es erlauben und die Betriebswirtschaft es erfordert, schnell zum Wettbewerbsnachteil. Der durch Dumpinglohne erfolgreiche Anbieter gerat dann in die Zwangslage, diese kalkulierten Lohne auch spater nicht anzupassen zu konnen, denn: „Das wird dann zu teuer“ (Jana Biesenbach, Geschaftsfuhrerin der „DRK-Betreu- ungsdienste Westfalen-Lippe gGmbH“ laut „Neue Westfalische v. 11.10.17). Die gleiche Akteur*in kann in der Rolle der unterlegenen Bieterin eine vergleichbare Situation ganz anders beurteilen, wie z.B. den Betriebsubergang bei Tragerwechsel (vgl. „Neue Westfa- lische“ v. 04.02.17). Das zusatzlich der (staatliche) Kostentrager der MaBnahme die Bie- ter bei der Ausschreibung noch auf die arbeitsrechtlichen „Fallstricke“ eines Betriebs- ubergangs, um den sie sich wissentlich bewerben, explizit hinweist, lasst darauf schlie- Ben, dass viertens die im Beispiel ersichtlichen Folgen fur die Beschaftigten bewusst mit einkalkuliert und deren schlechtere Entlohnung als Mittel der Kostensenkung durchaus in Kauf genommen und nicht notwendig mit Qualitat in Verbindung gebracht werden. Wenn der „bestmogliche Schutz der Arbeitnehmer bei Ausschreibungen“ fur den SPD-Arbeits- minister Schmeltzer schon darin besteht, dass „die Bezirksregierungen den Betreuungs- verbanden empfohlen [haben], das ... eingesetzte (sozial-)padagogische Fachpersonal seiner jeweiligen Ausbildung entsprechend zu entlohnen“ (Schmeltzer laut „Neue Westfa­lische v. 01.04.17), braucht „der Markt“ auf absehbare Zeit nicht zu befurchten, dass das Einhalten von Sozialstandards ein relevantes (Qualitats-)Kriterium bei der Vergabe offent- licher Auftrage werden konnte. Neben dem Lohndruck wird im Beispiel aber auch funf- tens die Schwierigkeit der Trager deutlich, Mitarbeiter*innen unbefristet einzustellen. Wenn ein Trager selbst gut laufende, gut etablierte und wertgeschatzte Einrichtungen mit 60 Beschaftigten innerhalb von zwei Monaten wieder aus seinem Portfolio verlieren kann, wird eine dauerhafte Einstellung in der Tat zum unkalkulierbaren und somit unverantwort- baren Risiko erhoben.

5.1.3.2 Beratungsangebote fur Gefluchtete

Dieses Kapitel habe ich aus Grunden des „Quellenschutzes“ und um fur einige unan- genehme oder ungewunschte Konfrontationen zu vermeiden entfernt. Es ist schade um die Beispiele, schadet der Arbeit aber inhaltlich nicht.

5.2 Auswirkungen auf die Beschaftigten in der Sozialen Arbeit

Wie ich bereits in den vorherigen Kapiteln dargestellt habe, ist es letzten Endes die aus- fuhrende Ebene in der Praxis Sozialer Arbeit, die den Kostendruck im Arbeitsalltag auf- fangen muss. So ist es nicht verwunderlich, dass Messmer in seiner Befragung von Be­schaftigten in der Jugendhilfe zu folgendem Bild gelangt:

„Das Verhaltnis positiver und negativer Einschatzungen zu dem Folgen der gesetz- lichen Neuregelungen verhalt sich gemaB Leitungs- und Mitarbeiter/innenebene umgekehrt proportional. Die Leitungseben (...) wertet die jungsten Entwicklungen (...) eher positiv (...); die Mitarbeitenden stehen den Entwicklungen generell kritischer gegenuber“ (Messmer 2007, S. 154).

Fur die Mitarbeiter*innen stellen sich die Folgen der Okonomisierung also deutlich anders (und schlechter) dar als fur die funktionelle Strukturebene.

5.2.1 Veranderungen bei den Arbeitsbedingungen

Obwohl die Beschaftigten zwar die erhohten Anforderungen erfullen mussen, bilden sie gleichzeitig den groBten Kostenfaktor innerhalb der Sozialen Arbeit. So geraten neben den konkreten Arbeitsbedingungen durch hohere Arbeitsanforderungen und fachliche Zu- mutungen auch deren Arbeitsverhaltnisse unter Druck.

a) Beschaftigungsverhaltnisse

Weil Soziale Arbeit nur begrenzt rationalisierbar ist, fuhrt der okonomische Druck auf die Trager unweigerlich zu einem Druck auf die Lohne und Arbeitsbedingungen der Beschaf­tigten. Durch fehlende Mittel werden z.B. Stellen gestrichen, gekurzt oder nicht neu be- setzt, obwohl sich am Umfang der Arbeitsauftrage nichts verandert hat. Im Gegenteil: Haufig nimmt die Schwere der Falle in der Sozialen Arbeit durch die Auswirkungen der neoliberalen Transformation eher zu (vgl. Kapitel 2.1.2). Hierdurch wachst die Arbeitsbe- lastung fur die einzelnen Beschaftigten, wahrend gleichzeitig Zeiten fur Reflektion und Austausch mit Kolleg*innen fehlen. Fur die einzelnen Klient*innen steht weniger Zeit zur Verfugung, wodurch der innere Druck, etwas schaffen zu wollen, was in der Zeit nicht zu schaffen ist, steigt und zur Unzufriedenheit mit der eigenen Arbeit wird (vgl. Messmer 2007, S. 101 ff.).

Neben dieser steigenden Anforderung an die Arbeitskraft sinkt parallel die okonomische Sicherheit der einzelnen Beschaftigten. Die Kurzungen bei den Stellenbemessungen ha- ben zu einer eklatanten Zunahme der ohnehin hohen Quote an Teilzeitbeschaftigung ge- fuhrt, die haufig nicht den Interessen der Stelleninhaber*innen entspricht. Wulf-Schnabel beschreibt fur die AWO Schleswig-Holstein einen Anteil der Teilzeitbeschaftigten von uber 68 %, der sich seit 1999 um ca. 38 % erhoht hat (vgl. Wulf-Schnabel 2011, S. 133 ff.). Unsichere Finanzierungen, kurzfristige Ausschreibungen und auf ein bis zwei Jahre begrenzte Leistungsauftrage fur Einrichtungen und Projekte (vgl. auch Kapitel 4.1) fuhren daruber hinaus dazu, dass die Trager oft nur noch befristete Arbeitsvertrage abschlieBen, um nicht auf den Arbeitskraften „sitzen zu bleiben“. Dies bewirkt eine groBere Fluktuation bei den Arbeitsplatzen, weil eine Arbeitsplatz- und Tragerbindung so nicht entstehen kann. Fur die Teams bedeutet diese starke Fluktuation permanent neues Einarbeiten, schwierige Ubergangszeiten durch verspatete Neubesetzungen und mangelnde Kontinui- tat in der Team- und Konzeptentwicklung (vgl. Kapitel 5.1.3).

Eine weitere Auswirkung des Kostendrucks ist der Versuch der Trager, Arbeitskosten durch die Einstellung fachfremder Personen zu senken. Dies fuhrt auf der einen Seite zu einer Entwertung der Fachkrafte („eure Arbeit kann eine nicht-ausgebildete Person ge- nau so gut verrichten“), auf der anderen Seite zu mehr Verantwortung, da die Aufsicht uber die fachfremden Arbeitskrafte und deren fachliche Anleitung den diensthabenden Fachkraften uberantwortet wird. Zu diesen fachfremden Arbeitskraften gehoren „lebens- geschichtlich qualifizierte“ Personen wie Personen mit eigenen Kindern, padagogischem Interesse (oder Interesse „an Kindern“) ebenso wie als (Voll-)Arbeitskrafte eingesetzte Praktikant*innen oder Ein-Euro-Jobber*innen (vgl. Seithe 2012, S. 147 - 156).

b) Beschaftigungsstruktur

Der organisationelle Umbau der Trager zu Unternehmen der Sozialwirtschaft hat zu einer flacheren Hierarchie und somit einem Bedeutungs- und Verantwortungszuwachs der Ein- richtungsleitungen gefuhrt. Wulf-Schnabel beschreibt fur die AWO Schleswig-Holstein, dass sich dieser Bedeutungszuwachs oft nicht in einer hoheren Bezahlung der Einrich- tungsleitungen ausdrucke, da diese in der gleichen Entgeltstufe eingruppiert blieben wie ihre Kolleg*innen. Dies ist vor dem Hintergrund, dass diese Einrichtungsleitungen in den uberwiegenden Fallen Frauen sind, vor allem aus der Genderperspektive (vgl. Kapitel 3.5) zu bedeutsam. Auf der anderen Seite lasst sich aus dem Ergebnis der Tarifauseinan- dersetzung im offentlichen Dienst 2015, die die Forderung nach mehr Anerkennung der Tatigkeiten vor allem von Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen zum zentralen Inhalt der Arbeitskampfe machte, ablesen, dass trotz der Hohergruppierung der Erzieher*innen- tatigkeit um zwei Stufen (was einen durchschnittlichen Lohnzuwachs von 4,23 % aus- machte), die Zuwachse bei den Einrichtungsleitungen diese Marge hingegen bei weitem uberstiegen und zwischen ca. 3,6 und 9,3 % liegen22. Sozialarbeitende konnten hingegen nur Gehaltssteigerungen von durchschnittlich ca. 2 % verbuchen. Bei den Betragen be- deuten die prozentualen Anhebungen wegen der bestehenden Lohnunterschiede noch einmal eine Verschiebung des Lohngefuges zu Ungunsten von Erzieher*innen und Sozi- alarbeitenden, zu Gunsten der Leitungspositionen. (vgl. Anderungen fur Erzieher 2015). Uber die sozialmanagerielle Umprogrammierung hat sich der Aufgabenschwerpunkt von Leitungskraften stark in Richtung Betriebswirtschaft verschoben. Dadurch wird der Ge- gensatz zwischen den Beschaftigten, deren Aufgaben und Anforderungen, und den Ein - richtungsleitungen verstarkt (vgl. Seithe 2012, S. 352 u. Messmer 2007, S. 156 f.). Die hohe betriebswirtschaftliche Verantwortung der Leitungen fuhrt zu Interessensgegensat- zen zwischen diesen und den ihnen unterstellten Beschaftigten. Hierin sehe ich einen Hinweis darauf, warum die Arbeitgeber bereit waren, der geringen Aufwertung der Erzie- her*innentatigkeit eine hohere Aufwertung der Leitungspositionen folgen zu lassen: Eine gegenuber dem Arbeitgeber durch okonomische Anerkennung loyale Einrichtungsleitung ist ein wichtiges Machtinstrument, um betriebswirtschaftliche Entscheidungen auf Einrich- tungsebene gegen die Interessen der dort Arbeitenden durchzusetzen.

Jan Wulf-Schnabel stellt in seiner Untersuchung der AWO-Schleswig-Holstein fest, dass auf Seiten der in der sozialarbeiterischen Praxis Tatigen durch den Umorganisationspro- zess eine Entfremdung gegenuber dem Management stattgefunden hat. Diese hat ihre Ursache, so stellt er fest, in der Auflosung der regional, raumlich und strukturell mit den Einrichtungen verbundenen Untergliederungen der Ortsverbande in Richtung einer Zentralisierung der Betriebs- und Personalentscheidungen auf die Geschaftsfuhrungs- ebene der gGmbH begrundet. Hieraus folgt eine geringere Beachtung der Interessen und Sichtweisen der Mitarbeitenden durch das Management, dem die spezifischen Einrich- tungen eher aus Kennzahlen als aus der praktischer Nahe bekannt sind. Die Mitarbeiten­den fuhlen sich dadurch eher den Entscheidungen des als extern empfundenen Manage­ment ausgeliefert, als dass sie Erfahrungen einer gemeinsamen Problemlosung machen. Wulf-Schnabel sieht im Gegeneinander der Mitarbeitenden und der Geschaftsfuhrung eine stellvertretende Auseinandersetzung uber die Folgen, die die okonomisierten Rah- menbedingungen den in der sozialarbeiterischen Praxis Beschaftigten zumuten. Im pola- ren Gegensatz zum Kern Sozialer Arbeit mussten sowohl Organisation als auch Person die quasi-marktformigen Anforderungen (er)tragen. Doch weil der Antagonismus uber die Machtverhaltnisse der Organisation vermittelt werde, prasentiere er sich als Widerspruch zwischen arbeitender Person und unternehmerischer Organisation.

„Neoliberalen Interessen ist es auf weiten Strecken gelungen, ihr betriebswirt- schaftliches Rationalitatsprinzip (Input-Output) zu verallgemeinern und Konflikte, die aufgrund des konkurrierenden Prinzips einer Rationalitat der Fursorge (Input- Outcome) und den Interessen Sozialer Arbeit entstehen, von sich zu weisen, zu verdecken und auf die Akteur_innen Sozialer Arbeit zu ubertragen“ (Wulf-Schnabel 2011,276 f.).

5.2.2 Auswirkungen auf die Person der Beschaftigten

Die Beschaftigten in der Sozialen Arbeit stehen zwischen dem wachsenden Druck der Ar- beitsorganisation auf der einen und den Anforderungen der Klient*innen auf der anderen Seite. Beiden Anspruchen konnen sie nicht gleichzeitig gerecht werden. Durch die beson- deren Bedingungen in der Sozialen Arbeit fuhrt dieses Dilemma zu Konflikten in den Sub- jekten der Beschaftigten selbst. Eine Zuruckweisung der Anforderungen durch die Klient*innen beruhrt den Kern des eigenen Berufsethos, wahrend Arbeitsverweigerung (Streik und andere Mittel des Arbeitskampfs) zu groBen Teilen den gleichen Effekt hatte, als Ausweg also keine direkte Moglichkeit widerstandigen Handelns darstellt.

5.2.2.1 Wettbewerbliche und gefangene Subjektivierung

Jan Wulf-Schnabel stellt heraus, dass die sozialmanageriellen Umbauprozesse auf Tra- gerebene und die betriebswirtschaftliche Durchdringung der Arbeitsstrukturen nicht allein uber eine zentrale Steuerung durch das Management und das Durchreichen der betriebli- chen Verantwortung nach unten gelingen kann, da die einzelnen Einrichtungen viel zu komplex und ihre Arbeitsauftrage zu speziell sind, um sie von auBen zu dirigieren. Hierzu braucht es die aktive Beteiligung der Mitarbeitenden (vgl. ebd., S. 276). Diese wird, wie in anderen Wirtschaftsbetrieben auch, zum einen uber die wettbewerbliche Subjektivierung, d.h. die Verlagerung der Verantwortung fur das „Betriebswohl“ uber die Effektivitatsanfor- derungen auf die Beschaftigten hergestellt (vgl. ebd., S. 31 f.).

Doch in der Sozialen Arbeit gibt es - im Gegensatz zu Produktionsprozessen - kein Ar- beitsobjekt, sondern es wird mit Subjekten gearbeitet. Hieraus ergibt sich fur Wulf- Schnabel ein zweiter Subjektivierungsprozess fur Sozial Arbeitende: Die „Arbeit mit, fur und an Menschen“ (ebd., S 236) erfordere das Einbringen nicht nur der eigenen Arbeits- kraft und fachlichen Fahigkeiten, sondern daruber hinaus das Einbringen der eigenen Personlichkeit in den interpersonellen Arbeitsprozess: die Koproduktion durch die Anbie- ter*innen und Nutzer*innen sozialer Dienstleistungen. Dieser wirke umgekehrt wiederum in die Personlichkeit der Sozialarbeitenden hinein, wodurch sich eine zwingende zweite

Subjektivierung ergebe, der sich das Subjekt nicht entziehen konne (vgl. ebd., S. 25 ff.). Da diese unweigerlich mit der Sozialen Arbeit (und jeder anderen Care- bzw. Reprodukti- onstatigkeit) verbunden ist, spricht Wulf-Schnabel von „gefangener Subjektivierung" (ebd., S. 25). Diese habe keine Zweckrationalitat wie sie die wettbewerbliche Subjekti­vierung in der Erhohung des eigenen Marktwertes habe, sondern stehe teilweise in einem antagonistischen Verhaltnis zu dieser und fuhre zu Konflikten in der Person der Sozial Ar- beitenden selbst (vgl. ebd, S. 34 ff. u. 176 ff.).

Uber die wettbewerbliche und die gefangene Subjektivierung sind, so folgert Wulf-Schna- bel, Sozialarbeitende doppelt anrufbar und empfanglich fur „die wichtigste Management- technik des Sozialmanagements: Die Fuhrung durch Selbstfuhrung der Arbeitskrafte. (...) Die neue Organisation hat das Transformationsproblem in die Subjekte hineinverlagert“ (Wulf-Schnabel 2010, S. 43). Diese Anrufbarkeit wird durch den Non-Profit-Charakter der gemeinnutzigen Trager verstarkt. Ist die Abgrenzung und das Aufbegehren gegen erhoh- te Anforderungen durch die Konfrontation mit den Klient*innen in der Sozialen Arbeit wie auch in anderen Care-Sektoren ohnehin schwer, so wird sie angesichts einer Arbeitge- berstruktur, die durch die gemeinnutzige Ausrichtung nicht dem eigenen Profit, sondern der gemeinsamen Zielerreichung der Verbandsgrundsatze verpflichtet ist, um so schwe- rer. Es entsteht eine besondere Form der „Corporate Identity", die zwar durch das ver- starkte Auftreten der Trager als Arbeitgeber und betriebswirtschaftlich agierende Unter- nehmen groBen Belastungen ausgesetzt, aber nicht aufgehoben ist. „Die von ihrer priva- ten Profitabsicht bereinigte ,soziale Akkumulation' wirkt als von gemeinsamen Interessen angetriebenes Schwungrad der unternehmerischen Expansion" (Wulf-Schnabel 2011, S. 272), so formuliert es Wulf-Schnabel und stellt fur die AWO-Schleswig-Holstein heraus:

„Einerseits kann die AWO SH [Schleswig-Holstein, d.V.] als Organisation die an sie von auBen gestellten Wirtschaftlichkeitsanforderungen gar nicht allein auflosen oder qua Direktionsrecht durchreichen, sie muss diese auf die Subjektebene trans- portieren und sich dort mit den Arbeitenden auseinandersetzen. Andererseits erle- ben die Arbeitenden in den Einrichtungen die Wirtschaftlichkeitsanforderungen un- mittelbar, so dass sie die Forderung nach mehr wettbewerblicher Subjektivitat auch einsehen, an- und ubernehmen" (ebd., S. 271).

5.2.2.2 Resignation, Anpassung und Subversion

Zunachst schafft die doppelte Subjektivierung eine starke Bestrebung, die beruflichen Anforderungen zu erfullen. Diese wirkt sich bei Uberforderung negativ auf die Person aus und auBern sich in Form von Resignation, innerer Emigration oder Burn-Out und anderen (psychosomatischen) Erkrankungen, wie es auch einschlagige Krankheitsstatistiken be- legen (vgl. u.a. Seithe 2012, S. 186).

Um den unterschiedlichen Anforderungen der wettbewerblichen und der gefangenen Subjektivierung zu entgehen, besteht, so lasst angesichts einer haufig angepassten Pra­xis Sozialer Arbeit annehmen, fur Sozialarbeitende aber durchaus die Moglichkeit, sich die Denk- und Handlungsweisen der aktivierenden oder fordernden investiven Sozialen Arbeit zueigen zu machen und so den Widerspruch von fachlicher Notwendigkeit und me- thodischen Vorgaben zumindest teilweise nicht mehr zuzulassen. Fachlich richtig ist dann das Vorgehen, dass im Sinne der Aktivierung erfolgversprechend ist. Und die Klient*in- nen, die sich dem Aktivierungsprozess nicht mit dem gewunschten Erfolg ausliefern, ha- ben dann ihre Chance gehabt (und nicht genutzt), so dass sie, wie es die neo-soziale Ausrichtung Sozialer Arbeit erfordert, nun mit den Konsequenzen leben mussen. Diesen Schritt gehen meines Erachtens (noch) viele Sozialarbeitende, um auf dem Jobmarkt etwa bei den Jobcentern und Beschaftigungsprogrammen (personlich) bestehen zu kon- nen. Dass sie dabei durchaus auch Erfolge fur diejenigen erzielen (konnen), die sich dem Aktivierungsprozess erfolgreich aussetzen, macht diesen Schritt auf der einen Seite at- traktiv und hilft, das Gefuhl der eigenen Wirkmachtigkeit aufrecht zu erhalten. Auf der an­deren Seite lasst dies aber auch Spielraum, die Begrenztheit der Methode der Akti­vierung beim Blick auf die „Gescheiterten“ zu erfahren und das eigene Handeln im Rah- men der Moglichkeiten zu modifizieren.

Erleichtert wird dieser Ausweg aus dem Subjektivierungsantagonismus durch die weit verbreitete Verinnerlichung neoliberaler Strukturen in den Subjekten der Gesellschaft, also auch der einzelnen Sozialarbeitenden (vgl. Kap. 2.2). Seithe weist darauf hin, dass die „Effizienzschere“ durchaus tief in die Kopfe der Sozialarbeitenden eingedrungen ist. Der Effizienzdruck wird in den Hierarchien der Einrichtungen von „oben“ nach „unten“ durchgereicht (s.o.) und beeinflusst so das Denken und Handeln der Beschaftigten (vgl. Seithe 2012, S. 192). Die verbetriebswirtschaftlichten und semantisch umgedeuteten Be- grifflichkeiten lebenswelt- und klientenorientierter Methodik und die Anrufung der Sozialen Arbeit, ihren Job als Dienstleister der in ihre Arbeit investierenden Gesellschaft zu erful­len, machen es den Subjekten schwer, sich den „Sachzwangen“ knapper Kassen und der Okonomie zu widersetzen.

Gleichzeitig schafft der Antagonismus zwischen gefangener und wettbewerblicher Sub- jektivierung aber auch Widerstandspotential, da die Grenzen der Rationalisierbarkeit So- zialer Arbeit durch die widerspruchlichen Anforderungen von Subjekt und Organisation fur die Sozialarbeitenden offen zutage treten. In vielen Bereichen der Sozialen Arbeit, die direkt in der Lebenswelt der Klient*innen verortet sind und die die veranderten Rahmen- bedingungen vornehmlich als Mittelkurzungen erfahren (wie beispielsweise die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen oder auch viele Bereiche der Kinder- und Jugendarbeit) stellt die Ubernahme neo-sozialer Denkeisen auch keine dauerhafte Losung dar. Hier wirkt zwar die „Effizienzschere“ im Kopf der Beschaftigten, schafft aber auf der subjekti - ven Ebene der Bewaltigung der widerspruchlichen Anforderungen des Berufsalltags kei- ne Entlastung. Auch in einer bereitwillig angenommenen aktivierenden Sozialen Arbeit besteht der Spielraum, die Begrenztheit der Methode der Aktivierung beim Blick auf die „Gescheiterten“ zu erfahren und das eigene Handeln im Rahmen der Moglichkeiten zu modifizieren. Sowohl Seithe, als auch Messmer und Schnabel sehen, neben dem Weg der Anpassung und Ubernahme der Aktivierungsaufgabe, auf Seiten der Beschaftigten ein groBes und wachsendes Bedurfnis, die Dynamik einer in den Dienst der aktivierenden und sparenden Sozialpolitik gestellten Sozialen Arbeit zu durchbrechen. Im Konflikt zwi­schen den Anforderungen von Klient*innen und Organisation versuchen sie, die Interes- sen der Klient*innen in den Vordergrund zu stellen. Allerdings hatten, so z.B Wulf-Schna- bel, die „ aufgedeckten widerstandigen Praktiken und Alternativen eine entscheidende Schwache: Sie erscheinen ungebundelt, ohne Struktur und Strategie“ (Wulf-Schnabel 2011,281).

Auf diesen Aspekt mochte ich in meinem sich hier anschlieBenden Fazit noch genauer eingehen.

6. Fazit

Die zu Beginn dieser Arbeit angefuhrte ..Transformation des Sozialen“, so habe ich dar- gestellt, ist Teil eines global wirkenden Okonomisierungsprozesses. Betrieben wird er durch eine von neoliberaler Ideologie bestimmte Politik der „Sachzwanglogik“, der die ge- samte Gesellschaft, und mit ihr auch der Bereich der Sozialen Arbeit, unterworfen wird. Hierbei dienen sozialmanagerielle Methoden, obwohl sie durchaus auch zu positiven Strukturveranderungen innerhalb der Arbeitsorganisation Sozialer Arbeit beigetragen ha- ben, vielfach als „aktivierungspadagogischer Transmissionsriemen“ (Kessl 2005, S. 32). Indem sie die okonomische Logik der Betriebswirtschaft in den sozialen Bereich uberset- zen und den wirtschaftlichen Druck auf die Ebene der Beschaftigten transportieren, for- dern sie Handlungslogiken, die zur Anpassung an das System der Aktivierung fuhren. Hinter dieser Entwicklung lasst sich durchaus das Bestreben erkennen, den weiterhin prosperierenden Teil der Gesellschaft aus der Verantwortung fur die sozialen Folgen des globalen neoliberalen Wirtschaftens zu entlassen.

Innerhalb dieser Dynamik fallt es den Protagonist*innen Sozialer Arbeit schwer, Wider- stand und alternative Vorstellungen zu entwickeln. Zu sehr sind sie selbst - freiwillig oder unwillig, bewusst oder unbewusst - zum Bestandteil des Systems gemanagter Sozialwirt- schaft und des aktivierenden Sozialstaats geworden und die zur Verfugung gestellten Ressourcen reichen nicht aus, um auf mutige Ideen zu kommen. Die Idee von sozialer Gerechtigkeit ist der Profession ein Stuck weit abhanden gekommen. Gleichzeitig werden - nicht nur in diesem Feld - die Widerspruchlichkeiten der neoliberal verfassten Gesell- schaft zunehmend offensichtlich. In immer mehr Bereichen entsteht Handlungsdruck, sich der „Sachzwanglogik“ zu widersetzen, um die Grundlage des eigenen Lebens, sei es ein sicheres Einkommen, eine gesicherte Versorgung oder die okologische Umwelt, nicht zu verlieren.

Insbesondere der Care-Bereich23 steht durch seine Abhangigkeit vom Faktor menschli- cher Arbeitskraft unter Druck, da er sich nur schwer rationalisieren und automatisieren lasst - auch wenn der Staubsauger inzwischen alleine saugen kann. Speziell in diesem Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzung ist das Zuruckweisen der Dominanz betriebs- wirtschaftlicher Logik und die Veranderung der hegemonialen Denkweise zentral, geht es doch hier ganz basal um menschliche Grundbedurfnisse und nicht um vermarkt- und kon- sumierbare Produkte. Der zwingend hohe Bedarf an menschlicher Arbeit wird den Druck auf die Entlohnung und die Arbeitsbelastung der Care-Beschaftigten weiter steigern. Ein - zelne Aufwertungen von z.B. Leitungspositionen andern nichts an der geringen finanziel- len Wertschatzung der basalen Care-Tatigkeiten, zu denen auch die Soziale Arbeit ge- hort, sondern fuhren eher zu (gewunschten) Spaltungen. Der Kampf um Anerkennung, gute Rahmenbedingungen und eine angemessene Entlohnung dieser traditionell und im- mer noch zum groBten Teil von Frauen verrichteten Arbeit muss sich ebenso gegen die Tendenz der Re-Privatisierung von Versorgungsleistungen richten. Denn diese zielt auf deren kostenloser oder gering bezahlter Ubernahme (durch prekar Beschaftigte, mehr- heitlich Frauen), und perpetuiert deren Entwertung, solange der Wert einer Arbeit mit der ihr zugesprochenen Entlohnung gekoppelt ist. Gut bezahlt und wertgeschatzt wird nicht, was anderswo billig oder kostenlos zu haben ist.

Aus der parlamentarischen Politik ist hier keine Abhilfe zu erwarten24, also braucht es an- dere gesellschaftliche Akteur*innen, um Widerstand zu entwickeln. Dieses Potential, so meine Schlussfolgerung, muss aus einer Koalition von Marginalisierten, Beschaftigten und sozialpolitischen Akteur*innen entstehen, die sich dafur aber trauen mussen, starker in direkten Widerspruch zur herrschenden Logik und Denkweise zu treten.

Die gemeinnutzigen T rager der Sozialen Arbeit wurden durch ihre Aufspaltung in eine un- ternehmerische und eine sozialpolitische Akteurin geschwacht und sind in ihrer Rolle der „anwaltlichen Vertretung“ der zunehmend marginalisierten Teile der Gesellschaft un- glaubwurdig geworden. Diese Glaubwurdigkeit als gesellschaftspolitische Kraft wiederzu- erlangen kann ihnen nur gelingen, wenn sie die Stimmen ihrer eigenen Beschaftigten, die die Widerspruche der neo-sozial gewandelten Gesellschaft in ihrer taglichen Arbeit und am eigenen Leibe spuren, aufgreifen und gegenuber den politischen Vertretungen begin- nen, stark zu machen - fur ein Ende der Sparpolitik, fur eine Besteuerung des Reichtums und eine bessere Entlohnung der Care-Beschaftigten. Ihre eigene fatale Verstrickung in den Prozess der Okonomisierung mussten sie hierzu kritisch transparent problematisie- ren und dem Sparzwang argumentativ und durch Verweigerung gemeinsam entgegentre- ten.

Hierbei mussen ihnen die Beschaftigten helfen, indem sie ihre empfundene Unzufrieden- heit mit den Bedingungen ihrer Arbeit in offenem Protest und widerstandige Aktionen ubersetzen. Organisierung in Berufsverbanden und Gewerkschaften - wobei auch die Gewerkschaften dringend einen Anschub von der Basis benotigen - konnen Wege sein, hier mehr kollektive Starke zu entwickeln und auch fur ihre Klient*innen wieder starker als

Bundnispartnerinnen wahrnehmbar zu werden. Doch auch auf der Ebene der Einzelbe- triebe kann die gemeinsame Formulierung von Forderungen fur sich und eine zufrieden- stellendere Arbeit oder gemeinsame Aktionen mit Klient*innen die Wahrnehmbarkeit von Widerspruch erhohen.

Und nicht zuletzt innerhalb der Sozialwissenschaften mussen mehr kritische Vertreter*in- nen durch die starkere Thematisierung von Okonomisierungsprozessen und Ungleich- heitsverhaltnissen (Anmerkung: nicht zuletzt dem der Geschlechter), also eine kritische Analyse des gesellschaftlichen Transformationsprojekts, der Entpolitisierung politischer Fragen entgegentreten und diese Diskussionen fur die Praxis offensiv zuganglich ma- chen.

Dies ist sicher ein weiter und auseinandersetzungsreicher Weg. Aber die Alternative dazu erleben immer mehr zu „Uberflussigen“ erklarte Menschen und prekarisiert Beschaftigte taglich und weltweit. Hier kann es nicht mehr nur um ein „Mehr“ an Anerkennung fur die Profession Soziale Arbeit gehen, sondern um die Repolitisierung sozialer Verhaltnisse: Die Aufrechterhaltung und Neuartikulation der sozialen Frage.

Erste Ansatze fur einen solchen Aufbruch sehe ich in der augenblicklichen Auseinander- setzung fur eine bessere Pflege, die in der Berliner Klinik „Charite“ ihren Anfang nahm. Hier gelang es, uber einen betrieblichen Arbeitskampf ein soziales Bundnis von Pflegen- den, Angehorigen und Burger*innen zu bilden25, das Ausstrahlungskraft auf viele gesell- schaftliche Akteur*innen entfaltete und letztlich in den derzeitigen bundesweiten Streiks in Krankenhausern fur eine bessere Personalbemessung mundete. In diesen Auseinan- dersetzungen wird nicht mehr vorrangig das konkrete Arbeitsverhaltnis in den Mittelpunkt gestellt, sondern mehr und mehr geraten die Zustande einer durchokonomisierten Ge- sundheitsversorgung in den Fokus. Das bundesweite Netzwerk CARE-Revolution, ein Zusammenschluss von Menschen, die in der sozialen Reproduktion aktiv sind, ist ein weiterer, noch schwacher Aufbruch, die unterschiedlichen Bereiche der Care-Okonomie (Anmerkung: Unter Care-Okonomie ist der gesamte Bereich der bezahlten und unbezahl- ten, weltweit zum groBten Teil von Frauen erbrachten Arbeit personenbezogener Fursor- ge und Pflege, d.h. familialer und institutionalisierter Aufgaben der Versorgung, Erziehung und Betreuung zu verstehen) zusammenzubringen und die Okonomisierung , (Re-)Priva- tisierung und Feminisierung der menschlichen Reproduktion gemeinsam zuruckzuwei- sen.

Ich mochte hier nicht behaupten, dass erst der globale Kampf um eine gerechte Okono- mie gefochten werden muss, um der Okonomisierung der Sozialen Arbeit erfolgreich ent- gegen zu treten. Doch ohne in einer globalisierten Welt die Grundstrukturen und Dynami- ken der weltweiten Ungleichheitsbedingungen in den Blick zu nehmen und aufzugreifen, lasst sich meiner Ansicht nach die zunehmende Herrschaft der Okonomie auch uber das Soziale nicht mehr wirksam zuruckdrangen. Und ich sehe darin gleichzeitig die einzige Chance, der erschreckenden weltweiten Zunahme von chauvinistischen und patriarcha- len Bewegungen der Gegenmodernisierung - von Donald Trump uber die AFD bis hin zum radikalen Islamismus - entgegenzutreten.

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Kessl, Fabian 2005: Soziale Arbeit als aktivierungspadagogischer Transaktionsriemen. In: Dahme, Hans-Jurgen, Wohlfahrt, Norbert 2005: Aktivierende Soziale Arbeit. Theorie - Handlungsfelder - Praxis. S. 30 - 43. Baltmannsweiler.

Kessl, Fabian 2013: Soziale Arbeit in der Transformation des Sozialen. Eine Ortsbestim- mung. Wiesbaden.

Messmer, Jurgen 2007: Jugendhilfe zwischen Qualitat und Kosteneffizienz. Wiesbaden.

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Struck, Olaf 2016: Krise der Arbeitsgesellschaft? Der Bamberger Soziologiekongress 1982 im Ruckblick und Ausblick im Kontext von Digitalisierung, Arbeitsmarkt- und Qualifikationsentwicklung. https://www.uni-bamberg.de/fileadmin/arbeitswiss/Ar- beitspapiere/Soziologie-Arbeitswissenschaft-WP-17-Krise_der_Arbeitsgesell- schaft-endfassung.pdf, [Zugriff: 12.12.2017]

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[...]


1 Als „Pauperismus“ wurden im deutschsprachigen Bereich die Verarmungsprozesse seit den 1830er Jahren bezeichnet, die zur historisch ersten modernen Unterschichtsdebatte fuhrten (vgl. Kessl 2013, S.134)

2 Galuske zeigt die Verschiebung der Sozialkosten von den Unternehmen hin zu den Burgern: „Zwischen 1960 und 2003 sank der Anteil der Unternehmen an der Erbringung des Sozialbud - gets von 34,3 % auf 26,8 %. Wahrend der Anteil von Bund und Landern von zusammen 39,4 % etwas weniger rapide auf 35,8 % sank, waren die privaten Haushalte und die Kommunen die Verlierer im Verteilungskampf. Der Anteil der Kommunen stieg von 5,1 % auf 9,4 %, der der privaten Haushalte von 20 % auf 26,8 %“ (Galuske 2007, S. 343).

3 Eine besondere Rolle bei der Durchsetzung dieser Hegemonie gegen gesellschaftliche Wider- stande z.B. aus Gewerkschaften und Sozialverbanden spielte hier die Theorie des „Dritten Weges“ von Anthony Giddens und ihre Rezeption durch die europaische Sozialdemokratie, al­len voran Tony Blair und Gerhard Schroder. In ihrem1999 verfassten programmatischen Auf- ruf „Der Weg nach vorne fur Europas Sozialdemokraten" (Blair, Schroder 1999), heiBt es u.a.: „Wir haben Werte, die den Burgern wichtig sind - wie personliche Leistung und Erfolg, Unter- nehmergeist, Eigenverantwortung und Gemeinsinn - zu haufig zuruckgestellt hinter universel- les Sicherungsstreben. ... Allzu oft wurden Rechte hoher bewertet als Pflichten. Aber die Ver- antwortung des einzelnen in Familie, Nachbarschaft und Gesellschaft kann nicht an den Staat delegiert werdenDer offentliche Dienst muss den Burgern tatsachlich dienen: Wir werden da- her nicht zogern, Effizienz-, Wettbewerbs- und Leistungsdenken einzufuhren.“ (vgl. u.a. Galus­ke 2007, S. 338 f.)
Auch Milton Friedmann, der als einer der Hauptvertreter des Neoliberalismus gilt, lobte diese Rolle der Sozialdemokratie und sich ehemals als „links“ verstehender Krafte: „Es ist in der Tat erstaunlich, dass es linken Parteien leichter fallt, rechte Reformen durchzusetzen. (...) Die jetzi - gen Reformen in Deutschland entsprechen eigentlich perfekt den Ideen der Regierung Kohl. Und dennoch musste erst Gerhard Schroder kommen, um sie durchzusetzen" (Friedmann 2000, nach Galuske 2007, S. 338, Anmerkung 6)

4 Einige Autoren verwenden statt des Begriffes „Neoliberalismus“ auch andere Begriffe wie „Turbokapitalismus“ (Bohnisch), „digitaler Kapitalismus“ (Thiersch), oder flexible Arbeitsge- sellschaft“ (Kessl, Galuske).

5 Zu den Auswirkungen dieser Selbstdisziplinierungstechniken und Zwange auf den Umgang der neoliberalen Gesellschaft und ihrer Individuen mit ihren Korpern vgl.: Abraham, Anke 2010: Korpertechnologien, das Soziale und der Mensch. In: Abraham, Anke / Muller, Beatrice (Hg.): Korperhandeln und Korpererleben. S.113-137. Bielefeld).

6 Diese MaBnahmen lassen sich daruber hinaus auch als staatliche Forderung und Subventio- nierung des Finanzdienstleistungssektors quasi als marktwirtschaftlicher „Zusatzgewinn“ le- sen

7 Zur Humankapitaltheorie, nach der der Staat zur Steigerung der Volkswirtschaft in Bildung und Ausbildung investieren muss, da Unternehmen nur noch in spezielle Fertigkeiten ihrer Mit- arbeitenden investieren vgl. Dahme/Wohlfahrt 2008, S. 48

8 Die „Neue Steuerung" wurde 1990 von der KGSt („Kommunale Gemeinschaftsstelle fur Ver- waltungsmanagement") fur alle Kommunen in Deutschland verbindlich eingefuhrt.

9 Kontraktmanagement bezeichnet das Verfahren, uber Leistungsvertrage in einem definierten Zeitraum mit einem festgelegten Budget zu erreichende Ergebnisse festzulegen. Die KGSt sieht in Kontrakten eine neue Art der Steuerung, Planung und des Controllings. Kontrakte be- sitzen demnach ein Zielelement (Steuerung uber Zielvereinbarungen), ein Vereinbarungsele- ment (statt Hierarchie) und ein Steuerungselement (Berichtswesen). Erst wenn diese drei Ele- mente systematisch miteinander verknupft werden, kann eine Steuerung gelingen (vgl. Seithe 2012, S. 131).

10 Büstrich und Wohlfahrt kommentieren diese Gesetzgebung in einem Beitrag für „Aus Politik und Zeitgeschehen“ von 2008 wie folgt: „In der Sozialgesetzgebung der letzten Jahre lasst sich ein Trend beobachten, den man als Auflosung und Eliminierung der bedingten Vorrang- stellung der Trager der Freien Wohlfahrtspflege (z.B. § 10 BSHG) bei der sozialen Dienstleis- tungserstellung einstufen muss. Ziel ist es, die Tragerlandschaft zu pluralisieren, um "Trager- konkurrenz" zu initiieren. Vorbild ist hierbei die gesetzliche Pflegeversicherung, in der eine Gleichstellung privater und frei-gemeinnutziger T rager von Anfang an fest verankert wurde. (...) [M]it der Neufassung von § 93 BSHG wurden erstmals Wirtschaftlichkeitsregeln fur die Trager von sozialen Einrichtungen formuliert, (...) und [m]it den seit dem 1999 in Kraft getretenen Neu- fassungen von § 93 BSHG (Leistungsvereinbarungen) und §§ 78a-78g KJHG (Vereinbarun- gen uber Leistungsangebote, Entgelte und Qualitatsentwicklung) kennt die Sozialgesetzge­bung keine freien T rager mehr, sondern nur noch Leistungserbringer (Bustrich und Wohlfahrt 2008, S. 20).

11 Nicht alle Bereiche der Sozialen Arbeit werden nutzerbezogen vergutet, aber das Kontraktma­nagement findet auch auf Angebote der Beratung und offenen Arbeit seine Anwendung.

12 Galuske stellt angesichts des Case-Managements in den Jobcentern die Frage: „Wohin also soll integriert werden in einem Modell, dass legitime Lebensfuhrung mehr und mehr engfuhrt auf den Verkauf der eigenen Arbeitskraft zu jedem Zweck, zu jedem Preis, unter allen Bedin- gungen und an jedem Ort, zugleich aber die realen Chancen, dieses Modell auch zu leben, mehr und mehr schwinden?“ und verweist zusatzlich auf die Folgen von Niedriglohnsektor und Lohndruck auf die Beschaftigten und deren soziale Position mit nicht existenzsichernden Be- schaftigungsverhaltnissen (Galuske 2007, S. 363). An anderer Stelle zeichnet er das Bild einer Menschenschlange vor dem Arbeitsmarkt. Soziale Arbeit sei nun darum bemuht, ihre Klient*in- nen durch Aktivierung und Qualifizierung weiter vorne in dieser Schlange zu platzieren, ohne jedoch an den Einlassbedingungen etwas zu andern - verschiebe also lediglich die Rangfol- gen in der Schlange. „Global gesehen ein Nullsummenspiel“ (Galuske 2008, S. 25; ebd.).

13 Unter „Care-Tatigkeiten“ verstehe ich alle Tatigkeiten, die - entgeltlich oder unentgeltlich - mit der direkten Reproduktion menschlicher Bedurfnisse und Wurde befasst sind, also z.B. Erzie- hung, Hauswirtschaft, Pflege, Bildung und personenbezogene Dienstleistungen (vgl. auch die Definition des Netzwerks CARE-Revolution: http://care-revolution.org).

14 Boenigk, Silke / Henschel, Bernd 2013: Non Profit Management, Munchen: Kapitel 4: Perso- nalmanagement in Nonprofit-Organisationen, insbesondere S. 110 ff.

15 Unter Care-Drain wird in Anlehnung an das Phanomen des Brain-Drain die bewusste Politik der zeitweisen Anwerbung benotigter Care-Arbeiter*innen aus Landern mit geringerem Lohn- niveau verstanden. Diese schafft zwar einen okonomischen Gewinn fur die einzelne Beschaf- tigte, hinterlasst aber oft eine Care-Lucke im eigenen Sozialsystem, die dann durch familiare oder anderweitige Unterstutzung durch andere Frauen im Herkunftsland aufgefangen werden muss.

16 Grunwald, Kongetner und Thiersch zur Gefahr einer Vereinnahmung Lebensweltorientierter Ansatze: „Problematisch ist hier allerdings, dass in der sozialpolitischen Auseinandersetzung auch durchaus fortschrittliche Prinzipien (...) politisch oft so instrumentalisiert werden, dass progressive Rhetorik und eine eher auf eine sparsame Verwendung offentlicher Gelder ausge- richtete Strategien die aus fachlicher Sicht durchaus zu begruBenden Intentionen teils unter- laufen, teils konterkarieren.“ (Grunwald/Kongetner/Thiersch 2011 S. 192) Und an anderer Stelle: „Es [das Konzept Lebensweltorientierter Sozialer Arbeit, d.V.] muss vor allem davor ge- schutzt werden, in den neuen Interessenlagen instrumentalisiert und damit seiner eigenen In­tention enteignet zu werden. (...) Lebensweltliche Selbstzustandigkeiten werden in Anspruch genommen, die vorhandenen (...) nachbarschaftlichen und familialen Netze; Selbsthilfeinitiati- ven und „sozialraumliche“ Aktivitaten sowie die Aktivitaten des „social sponsering“ werden breit ,gefordert‘. Alles dies wird vorgeschoben, um die sozialstaatlichen Rechtsanspruche und Dienstleistungen zu schwachen, zu denunzieren und damit zugleich das allseits praktizierte Sparen sozialethisch zu legitimieren.“ (Grunwald/Kongetner/Thiersch 2011 S. 194 f.)

17 Zur Wandlung der Gemeinwesenarbeit zum aktivierenden Quartiersmanagement vgl. Galuske 2007, S. 352 ff.

18 Auch bei den Autoren, die die Lebensweltorientierung genauer definieren finden sich hierzu keine eindeutigen Festlegungen. Bohnisch et al wollen sie als „Chancengerechtigkeit“ verstan- den wissen, beziehen hierbei mir Bezug auf Alex Honneth auch Anerkennungsgerechtigkeit mit ein, unterschlagen aber die Verteilungsgerechtigkeit, die aber nach Nancy Fraser unab- dingbarer Bestandteil einer Chancengerechtigkeit sein muss (vgl. Bohnisch et al 2005, S. 248 ff.)

19 Vorwurf gegen die soziale Arbeit der 1970-er Jahre gerichtet, aber auch 2001 eine Idee von Karl-Josef Laumann, (CDU), um eine Aktivierung zu erzwingen (vgl. Kessl 2005, S. 35).

20 Einige besonders groBe Ortsverbande der AWO in Schleswig-Holstein haben sich an diesem Prozess nicht beteiligt und eigene gGmbH‘s gegrundet (vgl. Wulf-Schnabel 2011, S. 109 ff.)

21 Auch der Sicherheitsdienst fur die Anlage in Oerlinghausen wurde neu vergeben, was angesichts kata- strophaler Erfahrungen mit Sicherheitsdiensten bei der Betreuung von EAE‘s mit einem nicht unwesent- lichen Risiko behaftet ist, wenn es mit dem vorherigen Dienst keine Konflikte gegeben hat.

22 Bei einem detaillierteren Vergleich der emeuerten Eingruppierungen von Erzieher*innen, Sozialarbeitenden und Einrichtungsleitungen in Entgeltgruppen ergibt sich folgendes Bild fur die resultierenden Gehaltssteigerungen: zwischen 2,29 % und 3,82 %, im Schnitt + 3,12 % zwischen 0,68 % und 4,23 %, im Schnitt + 2,80 % zwischen 1,42 % und 2,70 %, im Schnitt + 1,96 % zwischen 3,60 % und 9,26 %, im Schnitt + 6,14 %

23 Unter dem „Care-Bereich“ verstehe ich alle Spharen der Gesellschaft, die - entgeltlich oder unentgeltlich - mit der direkten Reproduktion menschlicher Bedurfnisse und Wurde befasst sind, also z.B. Erziehung, Hauswirtschaft, Pflege, Bildung und personenbezogene Dienstleis- tungen (vgl. Anmerkung 13, Kapitel 3.5).

24 Galuske hat hier den schonen Begriff der „grunen CDUSPDFDPCSU-Koalition“ geschaffen (Galuske 2008, S. 13)

25 Genauer dazu z.B. unter: https://www.mehr-krankenhauspersonal.de

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Details

Titel
Die Ökonomisierung Sozialer Arbeit und ihre Auswirkungen auf deren Träger
Hochschule
Fachhochschule Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
57
Katalognummer
V451780
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ökonomisierung, Neoliberalismus, Quasi-Markt der Sozialwissenschaft, Sozialmanagement
Arbeit zitieren
Jens Drüke (Autor), 2018, Die Ökonomisierung Sozialer Arbeit und ihre Auswirkungen auf deren Träger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451780

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