Die Franken als erfolgreiche Kreuzfahrer. Warum gelang es den Europäern trotz strategischer Unterlegenheit, das Morgenland vorerst zu erobern


Hausarbeit, 2018
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische und territoriale Situation des islamischen Raumes am Vorabend des ersten Kreuzzuges
2.1 Jerusalem im späten 11. Jahrhundert

3. Ein Ereignis, zwei Sichtweisen: Der Einfall der Kreuzfahrer in Jerusalem 1099
3.1 Albert von Aachen – der 1. Kreuzzug in der deutschen Chronistik
3.1.1 Die Franken als Kämpfer und Ritterheer
3.2 „Die Franken nehmen Jerusalem“ - Ibn al-Atir über die Eroberung der Heiligen Stadt
3.2.1 Beschreibung des Kreuzfahrerheeres in den muslimischen Quellen
3.3 Inwiefern lassen sich die Berichte der unterschiedlichen Historiker vergleichen?

4. Die Rückeroberung Jerusalems 1187
4.1 „Der härteste Kampf, der je erlebt wurde“ - Ibn al-Atir über Saladin und die Bezwingung der Franken
4.2 Europäische Quellen im Vergleich zu Ibn al-Atirs Bericht
4.3 Worauf lässt sich Saladins Erfolg zurückführen?

5.Erfolg und Niederlage der Kreuzfahrer - warum der anfängliche Erfolg nicht anhalten konnte

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der anfängliche Erfolg der Kreuzfahrer und der siegreiche Erste Kreuzzug erscheinen auf den ersten Blick vielleicht wie ein glücklicher Zufall. Eine wilde Meute, zusammengewürfelt aus Menschen unterschiedlicher Nationen und Stände, macht sich im späten 11. Jahrhundert in eine ihr unbekannte Region mit der Absicht auf, das Heilige Land von den Eingläubigen zu erobern und zieht im Jahr 1099 tatsächlich siegreich in Jerusalem ein. Die Hintergründe dieses glorreichen Kriegszuges, der sich für die Christen der damaligen Zeit nur durch den Willen Gottes erklären ließ, sollen in dieser Arbeit aufgrund muslimischer und christlicher Quellen analysiert und mit einem späteren Ereignis, der Rückeroberung Jerusalems 1187, verglichen werden. Die Arbeit soll die Gründe für den anfänglichen, herausragenden Erfolg herausstehen und gleichzeitig aufzeigen, warum dieser Erfolg nicht ausgebaut werden konnte und die eroberten Gebiete nicht in europäischem Besitz blieben. Als Grundlage dafür dienen vor allem die von Franceso Gabrieli zusammengetragenen und übersetzten muslimischen Quellen, die in "Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht" ins Deutsche übersetzt wurden und das umfangreichste Werk seiner Art darstellt. Das vordergründige Problem beim Elmgang mit muslimischen Quellen ist wohl die sowohl sprachliche als auch physische Elnzugänglichkeit eines Großteils dieser. Aus diesem Grund hält sich die Anzahl an muslimischen Quellen auch begrenzt und beschließt sich ausschließlich auf eben genanntes Werk.

Ausgewählte Berichte aus Gabrielis Zusammenstellung sollen mit christlich-europäischen Quellen verglichen werden, um ein umfangreiches Bild beider Ereignisse aus unterschiedlichen Sichtweisen zu bekommen. Da die arabische Perspektive erst im Verlauf der Neuzeit in die Gesamtdarstellung der Kreuzzüge vordringt, ist sie für diese Arbeit von größtem Interesse. Sie soll neue Einblicke in ein Thema bringen, welches bisher weitestgehend nur von europäisch-christlicher Seite beleuchtet wurde.

2. Politische und territoriale Situation des islamischen Raumes am Vorabend des ersten Kreuzzuges

Dieses Kapitel soll sich den Hintergründen und Auswirkungen der inneren Beschaffenheit des dar al-islam widmen und das Eindringen der Europäer in den größeren Kontext des vorderen Orients stellen. Die Einbeziehung des historischen Elmfelds des arabischen Raumes vor der Ankunft der Franken bietet die Grundlage dafür, das Geschehen nicht nur einordnen, sondern auch angemessen bewerten zu können. Der politische Rahmen zur Zeit des Ersten Kreuzzugs liefert bereits erste Antworten auf die Frage nach den anfänglichen Erfolgen der Kreuzfahrer. Hätte die Geschichte des islamischen Gebiets vor 1095 einen anderen Verlauf genommen, hätten es die Franken vielleicht nie bis nach Jerusalem geschafft und wären bereits vor der Heiligen Stadt aufgehalten worden. Da das historische Elmfeld jedoch sehr komplex ist, soll es hier vor allem um die den Zeitraum bestimmenden Situationen, Probleme und Grundlagen in politischer, gesellschaftlicher und religiöser Hinsicht gehen.

Der islamische Raum erstreckte sich im späten 11. Jahrhundert von der Straße von Gibraltar im Westen bis nach Indien im Osten. Für die Muslime waren die Jahrzehnte vor der europäischen Invasion eine unruhige Zeit, immer wieder wurde ihre Welt von Umbrüchen erschüttert. Die alte politische Einheit unter arabischer Führung, die in den Jahrhunderten zuvor, zur Zeit der arabisch­islamischen Expansion, geherrscht hatte, war einer starken Zersplitterung gewichen. Die Region war in drei große Machtsphären aufgespalten: Im Osten herrschten die Seldschuken, westlich davon gelegen das Hoheitsgebiet der Fatimiden und schließlich, noch weiter westlich gelegen, das Reich der Almoraviden1. Drei Mächte, denen, wie sich im Folgenden zeigen wird, eine effektive Zusammenarbeit gegen den gemeinsamen Feind nicht möglich war. Denn nicht nur zwischen diesen Herrschaftsräumen gab es politische und religiöse Spannungsverhältnisse, auch die einzelnen Gebiete selbst waren geprägt von inneren Zerrüttungen, Gebietskämpfen und Thronwirren. Im zerfallenden Reich der Großseldschuken beispielsweise tobte ein Bürgerkrieg. Dieser wurde zwar 1095 durch den Sieg des Sultans Barkyaruqs beendet, die Probleme endeten damit aber nicht2. Des weiteren verstarb im Jahr 1092 der seldschukische Sultan Malikšah. Daraufhin entwickelte sich unter seinen Söhnen ein Streit um Erbe und Nachfolge, welcher ihre Aufmerksamkeit von Kreuzzugschauplätzen in Syrien und Palästina ablenkte3. Ähnliches konnte man im Reich der Fatimiden beobachten. Hier führten aber neben zwei folgenschweren Todesfällen, die des Kalifen al-Mustansir und seines Wesirs, die Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten zu einem Nachfolgestreit. Denn auch in Glaubensfragen war die islamische Welt keineswegs geeint, im Gegenteil. Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Glaubensrichtungen waren innerhalb des Islams lange Zeit von weitaus größerer Bedeutung als die Kämpfe gegen die Christen4. Diese Auseinandersetzung, die man auch in den muslimischen Quellen erkennen kann, prägte deutlich das Verhalten der Muslime auf die europäische Bedrohung. Mit dem Fehlen von seit Jahrzehnten etablierten politischen Führungspersonen5 verschärfte sich nicht nur die Situation zwischen Schiiten und Sunniten. Die innere Zerstrittenheit prägte nicht nur die Jahrzehnte vor der Ankunft der Franken, sondern, wie sich im Verlauf dieser Arbeit zeigen wird, auch die Reaktionen auf diese Bedrohung.

2.1 Jerusalem im späten 11. Jahrhundert

Für Muslime war und ist Jerusalem, wie auch für Christen und Juden, eine Heilige Stadt, die Geschichtsschreibung dieser ist daher auch immer ein Nachzeichnen ihrer Religionsgeschichte. Es war eine bescheidene Stadt, ihre etwa zwanzig- bis dreißigtausend Bewohner waren Christen, Muslime und Juden, hinzu kamen viele Pilger und Reisende. Durch sie wuchs auch der lateinisch­abendländische Einfluss auf die Stadt. Diese religiöse Vielfalt sorgte aber auch für Differenzen. So kam es immer wieder zur Verfolgung Andersgläubiger, die christlichen Minderheiten waren den Muslimen nicht gleich gestellt und dazu verpflichtet, Kopfsteuern zu zahlen. Neben der Religionsproblematik zog auch der territoriale Standpunkt der Stadt Probleme mit sich. Im Grenzgebiet zwischen fatimidischer und seldschukischer Herrschaft liegend, kam es immer wieder zu Eroberungskämpfen um die Heilige Stadt, sogar als die Franken beinahe schon vor den Toren der Stadt standen, kam es zu einem erneuten politischen Umbruch und Herrschaftswechsel. In einer der Quellen von Ibn Al-Athir , die im Verlauf noch genauer betrachtet werden soll, wird die politisch verstrickte Situation in Jerusalem unmittelbar vor der Ankunft der Kreuzfahrer sehr deutlich. Der Historiker beschreibt detailliert die Herrschafts- und Lehnsverhältnisse, die Stellung der Ägypter und den Belagerungszustand der Stadt.6 Am 7. Juni 1099 hatte Jerusalem innerhalb kürzester Zeit dreimal den Besitzer gewechselt, wurde zweimal erheblich zerstört und Stand nun noch nicht einmal ein Jahr unter fatimidischer Herrschaft7. 1098 hatte der Wesir der Fatimiden, al-Afdal, die Stadt in einem Blitzuntemehmen eingenommen. Allerdings lässt sich aus keiner muslimischen Quelle ein eindeutiger Grund für dieses Unterfangen ableiten. Es ist unklar, ob er über die näher kommenden Kreuzfahrer informiert war oder sein Handeln gar in Absprache mit ihnen geschah. Als die Kreuzfahrer Jerusalem also erreichten, war die politische Lage rund um die Stadt derart verfahren, dass eine gemeinsame Reaktion mit ihren Nachbarn auf die Eindringlinge ausgeschlossen war.

3. Ein Ereignis, zwei Sichtweisen: Der Einfall der Kreuzfahrer in Jerusalem 1099

״Zu alledem war das Heer der Kreuzfahrer nur noch klein, war aber belastet mit einer großen Zahl von Nichtkämpfem [...].“8 Betrachtet man die Lage des Kreuzfahrerheers 1099 kurz vor ihrer Ankunft in Jerusalem, kann man schwer verstehen, wie es diesem Trupp gelang, die Heilige Stadt einzunehmen. Um das Geschehen verstehen und diese anfänglichen Erfolge der Europäer beurteilen zu können, sollen im Folgenden die Berichte unterschiedlicher Historiker analysiert werden und in einem weiteren Schritt miteinander verglichen werden. Um die Auswahl der Chronisten und Texte zu rechtfertigen, ist es notwendig, kurz die Problematik der Quellenarbeit zu schildern, vor allem im Bezug auf muslimische Berichte. Im Gegensatz zum europäischen Raum liegt im arabisch­islamischen kein einziges Werk vor, das man als 'eine muslimische Kreuzzugchronik' bezeichnen könnte, was die Suche nach aufschlussreichen Quellen erschwert. Hinzu kommt die Unzugänglichkeit zu einem Großteil muslimischer Werke, sowohl aufgrund sprachlicher als auch physischer Hindernisse. Eine große Hilfe war an dieser Stelle die Quellensammlung von Francesco Gabrieli, der die wenigen aus dieser Zeit erhaltenen Arbeiten zusammengetragen und ins Italienische übersetzte. Die Suche nach Überlieferungen zur Errichtung des Kreuzfahrerstaates in Jerusalem gestaltete sich im deutschen Raum dank Albert von Aachens ״Geschichte des ersten Kreuzzugs“ hingegen weniger schwer.

3.1 Albert von Aachen - der 1. Kreuzzug in der deutschen Chronistik

Albert von Aachens ״Historia Hierosolymitana“ ist das umfangreichste und anschaulichste Werk in der gesamten Kreuzzugsliteratur des frühen 12. Jahrhunderts. Ohne dieses Werk wäre unser Wissen über das erste Viertel der Kreuzfahrerzeit wohl sehr viel geringer9, obgleich von Aachens Glaubwürdigkeit oft in Frage gestellt wird, da er nie das Morgenland besuchte und es oft unklar ist, woher er seine Informationen nahm. Auch die fehlende chronologische Gliederung und ein logischer innerer Zusammenhang in seinem Werk sind hier zweifelsohne negativ anzumerken. Von Aachens Werk ist eine Zusammenstellung von Einzelstimmen und -berichten, er war ein Sammler aller Nachrichten aus dem Osten, der nur selten eigene Gedanken zu dem jeweiligen Geschehen niederschrieb. Diese Tatsache sollte beim Umgang mit der Quelle beachtet werden.

[...]


1 Jaspert, Nikolas: Die Kreuzzüge, Auflage 6, Darmstadt ,WBG - Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2013 Seite 18

2 Cobb, Paul M.: Der Kampf ums Paradies: eine islamische Geschichte der Kreuzzüge, Auflage 1, Darmstadt, Philipp von Zabem Verlag, 2015, Seite 111

3 Jaspert, Nikolas: Die Kreuzzüge, Seite 19

4 Vgl. ebd

5 Die aufgeführten Todesfälle des späten 11. Jahrhunderts sind bei weitem nicht alle. Im Laufe dieser Jahre verstarben beinahe alle bedeutenden geistlichen, militärischen und politischen Persönlichkeiten im vorderen Orient. Im Rahmen dieser Arbeit werden allerdings nur einige beispielhaft genannt.

6 Gabrieli, Francesco: Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht, Auflage 1, München, Deutscher Taschenbuch Verlag, 19.5. Seite 48 ff

7 Cobb, Paul M. : Der Kampf ums Paradies: eine islamische Geschichte der Kreuzzüge, Seite 127

8 Waas, Adolf: Geschichte der Kreuzzüge in zwei Bänden: Erster Band, Auflage 1, Freiburg im Breisgau, Herder Verlag, 1956, Seite 150

9 Vgl: Knoch, Peter: Studien zu Albert von Aachen, Auflage 1, Stuttgart, Emst Klett Verlag, 1966, Seite 9

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Franken als erfolgreiche Kreuzfahrer. Warum gelang es den Europäern trotz strategischer Unterlegenheit, das Morgenland vorerst zu erobern
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Geschichte)
Veranstaltung
Kreuzzüge
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V451975
ISBN (eBook)
9783668847040
ISBN (Buch)
9783668847057
Sprache
Deutsch
Schlagworte
franken, kreuzfahrer, europäern, unterlegenheit, morgenland, arabische quellen, vormoderne, kreuzzüge, Erster Kreuzzug, Jerusalem, quellenanalyse
Arbeit zitieren
Christin Schmidt (Autor), 2018, Die Franken als erfolgreiche Kreuzfahrer. Warum gelang es den Europäern trotz strategischer Unterlegenheit, das Morgenland vorerst zu erobern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451975

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