Diese Bachelor-Arbeit setzt sich mit dem Thema „Lehrergewalt und Machtmissbrauch als spezifische Aspekte der Lehrer-Schüler-Beziehung“ auseinander. Einige spektakuläre Einzelfälle haben in den 1990er Jahren in Deutschland eine intensive mediale Debatte und in der Folge eine rege empirische Forschung zur tatsächlichen Verbreitung von Gewalt in Schulen ausgelöst. Die Studien der letzten zwei Jahrzehnte beziehen sich dabei fast ausschließlich auf die Gewalt von Schülern.
In dieser Bachelor-Arbeit wird darauf hingewiesen, dass Lehrergewalt beziehungsweise der Machtmissbrauch von Lehrern gegenüber ihren Schülern in der öffentlichen und medialen Debatte und in der wissenschaftlichen Forschung über „Gewalt in der Schule“ bislang kaum berücksichtigt wurde und wird. Der Fokus der Öffentlichkeit und der wissenschaftlichen Forschung liegt fast ausschließlich auf der Gewalt von Schülern gegen Mitschüler, Lehrer und Sachen.
Um erfolgreich im Umgang mit Gewalt zwischen Lehrkräften und Schülern zu sein ist es wichtig, der beschriebenen Tabuisierung von Lehrergewalt entgegenzuwirken; es ist erforderlich anzuerkennen, dass Machtmissbrauch von Lehrern existiert. Es ist mehrfach konstatiert worden, dass die Tabuisierung der Lehrergewalt in Forschung und Öffentlichkeit nicht zu legitimieren ist. Dies impliziert eine Forderung nach größerer Beachtung der hier behandelten Perspektive. Selbstverständlich darf dabei das gewalttätige Verhalten der Schüler nicht aus dem Blickfeld geraten. Schüler- und Lehrergewalt sollten gleichrangig und differenziert untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffe und Definitionen – Gewalt, Macht und Machtmissbrauch
3. Die Lehrer-Schüler-Beziehung
3.1 Grundlegende Charakteristika der Lehrer-Schüler-Beziehung
3.2 Wandel der wissenschaftlichen Betrachtungsweise
3.3 Das transaktionale Modell der Schüler-Lehrer-Beziehung (nach Nickel 1976)
3.4 Erwartungen als Stör- und Fehlerquellen für die Wahrnehmung und die Handlungsentscheidung
4. Gewalt und Machtmissbrauch von Lehrern gegenüber Schülern
4.1 TIMMS-Studie in Österreich (vgl. Krumm/Lamberger-Baumann/Haider 1997)
4.2 Studentenbefragung (vgl. Krumm/Weiß 2000a; Krumm 1999b)
4.3 Bremer Schülerbefragung (vgl. Leithäuser/Meng 2003)
4.4 Qualitative Arbeit zum Mobbing von Lehrern gegenüber Schülern (vgl. Hoos 1999)
5. Erklärungsansätze für Lehrergewalt bzw. Machtmissbrauch von Lehrern gegenüber Schülern
5.1 Struktureller und situativer Erklärungsansatz
5.2 Personenbezogenen Erklärungsansätze
6. Breitflächiges Supervisionsprogramm als Maßnahme gegen Machtmissbrauch von Lehrern?
7. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit setzt sich kritisch mit dem weitgehend tabuisierten Thema Lehrergewalt und Machtmissbrauch auseinander, um die einseitige Forschungsperspektive, die Gewalt in Schulen meist nur von Schülern ausgehend betrachtet, zu erweitern und die Rolle des Lehrers als Täter in den wissenschaftlichen Diskurs zu integrieren.
- Analyse der asymmetrischen Machtverhältnisse in der Lehrer-Schüler-Beziehung.
- Aufarbeitung empirischer Studien zu Ausmaß und Qualität von Lehrergewalt.
- Untersuchung von Erklärungsansätzen für machtmissbrauchendes Lehrerverhalten (strukturell und personenbezogen).
- Diskussion von Supervisionsprogrammen als präventive Interventionsmaßnahme.
Auszug aus dem Buch
Qualitative Arbeit zum Mobbing von Lehrern gegenüber Schülern (vgl. Hoos 1999)
Zuletzt soll auf eine rein qualitative Arbeit von einem Schulleiter über Mobbing von Schülern durch Lehrer hinweisen. Klaus Hoos hat seine Lehrer beobachtet, ihnen im Lehrerzimmer zugehört und zusammengestellt, „was Lehrer Schülern antun können“. Hoos möchte in seinem Bericht „die ganz gewöhnlichen, alltäglichen Boshaftigkeiten“ (ebd. 32) von Lehrer bewusst machen, „die kleinen Schikanen, Demütigungen, verbalen Entgleisungen, Verletzungen“ (ebd., 32).
Hoos schildert in einer Reihe von Kurzprotokollen einige im Schulalltag beobachtete Szenen, die belegen, zu welchen Formen gewalthaltigen Lehrerverhaltens „sich verunsicherte Lehrer mitunter hinreißen lassen“ (ebd., 33). Eine kleine Auswahl dieser beispielhaften Kurzprotokolle soll im Folgenden vorgestellt werden.
Zynismus (ebd., 33)
Hoos beschreibt eine Szene, in der ein Schüler ungebeten in das „Allerheiligste“ des Lehrers vordringt, ins Lehrerzimmer. Obwohl der kleine Junge mit einem Blick erkennen müsste, dass die gesuchte Kollegin nicht anwesend ist, fragt er dennoch, ob sie da sei. Aus Hoos´ Sicht sei es „mehr eine Verlegenheitsfrage, um sein unerwünschtes Dasein zu rechtfertigen; denn das Kind spürt sofort die Ablehnung und wirkt gegenüber der Lehrerübermacht sehr verschüchtert“ (ebd., 33). Einer der anwesenden Lehrpersonen ruft ihm zu: „Guck doch mal hier unter dem Tisch! Siehst du sie? Da hat sie sich versteckt!“ Daraufhin lachen einige Kollegen schallend und der Junge zieht verletzt und beschämt ab. Für diese zynische Äußerung hat er noch kein Verständnis.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Randständigkeit des Phänomens Lehrergewalt in Wissenschaft und Medien und begründet die Notwendigkeit einer Perspektiverweiterung.
2. Begriffe und Definitionen – Gewalt, Macht und Machtmissbrauch: Es erfolgt eine theoretische Abgrenzung der Begriffe, wobei Lehrergewalt als „pädagogisch nicht gerechtfertigtes schädigendes Lehrerverhalten“ definiert wird.
3. Die Lehrer-Schüler-Beziehung: Dieses Kapitel beleuchtet das asymmetrische Machtverhältnis und nutzt das transaktionale Modell, um Wahrnehmungsfehler und Erwartungsstrukturen zu erklären.
4. Gewalt und Machtmissbrauch von Lehrern gegenüber Schülern: Hier werden diverse quantitative Studien und qualitative Berichte vorgestellt, die das tatsächliche Ausmaß und die verschiedenen Formen von Lehrergewalt belegen.
5. Erklärungsansätze für Lehrergewalt bzw. Machtmissbrauch von Lehrern gegenüber Schülern: Es wird analysiert, welche strukturellen, situativen und personenbezogenen Faktoren Lehrer zu machtmissbrauchendem Verhalten veranlassen können.
6. Breitflächiges Supervisionsprogramm als Maßnahme gegen Machtmissbrauch von Lehrern?: Dieses Kapitel diskutiert Supervision als potenzielle Interventionsmaßnahme zur Reduzierung von Lehrergewalt und formuliert notwendige Voraussetzungen für deren Erfolg.
7. Schluss: Die Arbeit fasst zusammen, dass die Tabuisierung von Lehrergewalt unbegründet ist und fordert eine stärkere Einbeziehung dieses Aspekts in die schulische Debatte und Praxis.
Schlüsselwörter
Lehrergewalt, Machtmissbrauch, Lehrer-Schüler-Beziehung, Schulgewalt, pädagogische Professionalität, Supervision, Erwartungshaltung, Personenwahrnehmung, Mobbing, Aggression, strukturelle Gewalt, Schulkultur, Interaktionsqualität, Prävention, Erziehungsfehler.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit untersucht das oft tabuisierte Thema des Machtmissbrauchs und der Gewalt durch Lehrpersonen gegenüber Schülern und hinterfragt, warum diese Perspektive in der Forschung bisher vernachlässigt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verknüpft theoretische Grundlagen zur sozialen Beziehung in der Schule mit empirischen Befunden zu negativem Lehrerverhalten und diskutiert praxisnahe Interventionsansätze wie Supervision.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, die einseitige Forschungslage zu erweitern, indem der Lehrer nicht nur als pädagogische Autorität, sondern kritisch als potenzieller Täter von Gewalt und Machtmissbrauch beleuchtet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und der Auswertung bestehender quantitativer Studien (z.B. TIMSS, Bremer Schülerbefragung) sowie qualitativer Beobachtungsprotokolle.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die asymmetrische Struktur der Lehrer-Schüler-Beziehung, präsentiert Daten zu verschiedenen Formen von Gewalt (von verbale Herabsetzung bis hin zu Übergriffen) und untersucht Ursachen sowie mögliche Interventionsstrategien.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind Lehrergewalt, Machtmissbrauch, Interaktionsdynamik, Professionalität von Lehrkräften und präventive Supervision.
Was besagt das transaktionale Modell der Lehrer-Schüler-Beziehung?
Es postuliert eine wechselseitige Beeinflussung, bei der sowohl intrapsychische Faktoren (wie Einstellungen und Erwartungen) als auch soziokulturelle Rahmenbedingungen das Handeln beider Seiten ständig neu definieren.
Welche Rolle spielt die Supervision bei der Bekämpfung von Lehrergewalt?
Supervision dient als reflexives Beratungsformat, um die Professionalität von Lehrkräften zu steigern, wahrnehmungsbedingte Fehler zu reduzieren und aus Hilflosigkeit resultierende, aggressive Verhaltensweisen präventiv anzugehen.
- Citar trabajo
- Torben Stuhldreier (Autor), 2017, Lehrergewalt und Machtmissbrauch als spezifische Aspekte der Lehrer-Schüler-Beziehung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452118