Finnland als Vorbild für Deutschland? Ein Vergleich zwischen dem deutschen und dem finnischen Schulwesen


Essay, 2015
9 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

„Schulwesen im Vergleich –

Finnland als Vorbild für Deutschland?“

Von:

Torben Stuhldreier

Im Dezember 2001 sind zum ersten mal die Ergebnisse des internationalen Schulleistungsvergleichs PISA vorgestellt worden. Es offenbarte sich zum einen, dass deutsche Schüler in den Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften nicht den OECD-Durchschnitt erreichen, und zum anderen war ein überraschend deutlicher Leistungsvorsprung der finnischen Schüler zu verzeichnen. Auch in den PISA-Studien der Jahre 2003 und 2006 konnte Finnland hervorragende Ergebnisse erzielen. Finnlands Platzierungen bei PISA 2006 zählen zu den besten, die je ein Land bei den PISA-Studien erreichte (2. Platz im Lesen, 1. Platz in Mathematik und 1. Platz in den Naturwissenschaften).[1] Das finnische Schulwesen hat auf diese Weise beachtliches internationales Interesse geweckt. Experten besuchten Helsinki, Turku oder Jyväskylä, um in den schulischen Einrichtungen zu studieren, was das Geheimnis der Finnen ist und ob sich nicht einiges davon auf das deutsche Schulwesen projizieren lässt.[2] Mit diesem Essay werde ich ein Experiment wagen, in dessen Verlauf ich mich mit dem Thema „Schulwesen im Vergleich – Finnland als Vorbild für Deutschland?“ auseinandersetzen werde. Zunächst soll nun als Basis für die Erarbeitung meiner eigenen Position auf einige Aspekte hingewiesen werden, in denen sich das finnische Bildungssystem vom deutschen abhebt. Selbstverständlich kann und soll im Rahmen dieses Essays kein breit angelegter Gesamtvergleich vorgenommen werden, weshalb ich eine Auswahl von einigen wenigen Gesichtspunkten vornehmen werde. Zunächst einmal herrscht in Finnland der pädagogische Vorsatz vor, keinen Schüler zurückzulassen und allen Bürgern, unabhängig von Alter, Wohnort, wirtschaftlicher Situation, Geschlecht oder Muttersprache, gleiche Bildungsmöglichkeiten zu gewährleisten.[3] Grundlage für die Gewährleistung gleicher Bildungschancen bildet in Finnland die neunjährige Grundschule (peruskoulu). Diese Grundschule setzt sich zusammen aus der sechsjährigen Unterstufe und der dreijährigen Oberstufe. In Deutschland hingegen werden nach einer nur vierjährigen Grundschulzeit leistungsschwächere von leistungsstärkeren SchülerInnen getrennt und in verschiedenen Schulformen weiter unterrichtet. In den Medien wird in diesem Zusammenhang häufig von einem sogenannten „Schüler-Lotto“ gesprochen.[4] Die Iglu-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigte 2004, dass Kinder wohlhabender Eltern bei den Gymnasialempfehlungen den Vorzug vor Viertklässlern aus niedrigeren Schichten bekommen. Stefan Hradil hat im Interview mit Spiegel Online von einem "bildungspolitischen Skandal" gesprochen, weil beim Übergang zu den weiterführenden Schulen eine „soziale Auslese“ stattfinde und weil es Aufgabe der Schulen sei genau diese sozialen Differenzen auszugleichen. Neben der Note sei in Deutschland also die soziale Herkunft ein bedeutender Predikator für die Bildungslaufbahn der Heranwachsenden.[5] Bevor sich in Finnland 1982 die neunjährige Grundschule in allen Teilen des Landes etabliert hat, lernten die finnischen Kinder in den ersten vier Schuljahren gemeinsam in einer Volksschule und danach fand, wie in Deutschland, eine Trennung in drei Schulformen statt. Zentrale Begründung für die Umstrukturierung war die Ansicht, dass alle Finnen zukünftig eine gleich lange und mit hauptsächlich gleichen Lerninhalten besetzte Grundbildung vermittelt bekommen sollen, ganz gleich in welchen Teilen des Landes sie wohnen oder aus welchem sozialen Umfeld sie kommen. Ausgesprochenes Ziel war es, die Wirkung der sozialen Herkunft auf die Schullaufbahn weitgehend zu minimieren. Man war der Ansicht gewesen, dass das dreigliedrige Schulsystem die gesellschaftliche Ungleichheit, wenn nicht verursacht, so doch mit aufrechterhalten hat.[6] In Finnland folgt man der Maxime, dass Kinder und Jugendliche nicht als Bildungsverlierer der Wettbewerbsgesellschaft enden sollen. Wenn finnische SchülerInnen aufgrund von Unfähigkeit, Krankheit, Entwicklungshemmungen, emotionalen Störungen oder ähnlichen Ursachen nicht in einer regulären Unterrichtsgruppe unterrichtet werden können, wird ihnen sonderpädagogischer Unterricht erteilt.[7] Für jeden Schüler und jede Schülerin wird zu diesem Zweck ein individueller Unterrichtsplan erstellt. Mit dem Förderunterricht sei sofort beim Aufkommen von Lernschwierigkeiten zu beginnen, damit der betroffene Schüler beim Lernstoff nicht ständig im Hintertreffen bleibt.[8] Bevor die Leistung eines Schülers in einem Unterrichtsfach als mangelhaft bewertet wird, muss ihm ein solcher Förderunterricht angeboten werden. Er kann entweder im Rahmen des Stundenplans des Schülers oder außerhalb der Unterrichtsstunden stattfinden. Lernpensum, Unterrichtsorganisation und Fördermaßnahmen werden, nach Rücksprache mit dem Schüler und den Erziehungsberechtigten, in einem individuellen Unterrichtsplan festgelegt.[9] Das finnische Schulwesen fokussiert sich also darauf, Lernschwierigkeiten möglichst früh zu erkennen und so allen SchülerInnen faire Chancen anzubieten. Das Schulwesen eines Landes steht natürlich in hohem Maße unter dem Einfluss der Schulpolitik des jeweiligen Landes. Durch ihre Entscheidungen prägt die Schulpolitik die Schulen das Landes und legt anzustrebende Veränderungen fest. Ein Blick auf die Unterschiede zwischen der finnischen und der deutschen Schulpolitik und auf das besondere Grundverständnis der finnischen Gesellschaft erscheint sinnvoll zu sein:[10] Allgemein ist der Grad der politischen Problemlösung innerhalb der finnischen Konsensdemokratie sehr hoch. Der konsensuale und pragmatische Entscheidungsstil der Finnen ergibt sich aus gleicher Problemwahrnehmung und aus gleichem Politikverstehen der Parteien und der am Diskurs beteiligten gesellschaftlichen Gruppen. Die politischen Akteure Finnlands orientieren sich seit den sechziger Jahren, egal ob die Regierungen von Konservativen oder Sozialdemokraten geführt wurde, in ihrem Denken und Handeln an den beiden Bildungsprinzipien Chancengleichheit und Leistung. Die finnische Politik, und damit auch die Bildungspolitik, steht für ein Miteinander anstelle eines Gegeneinanders.

Der bildungspolitische Diskurs in Deutschland zeichnet sich durch eine große Vielfalt unterschiedlicher Vorstellung, Meinungen, Maßnahmen und Lösungsvorschläge aus. Die Länderhoheit der Bundesländer lasse kaum einen konsensualen Entscheidungsstil zu, wodurch sich große Differenzen in der schulpolitischen Problemlösung zeigen. In der deutschen Bildungspolitik wird häufig argumentiert, dass die Chancengleichheit auf Kosten des Leistungsniveaus gehe. Das Beispiel Finnland widerlegt diese Argumentation. Die deutsche Bildungspolitik steht öfter für ein Gegeneinander als für ein Miteinander. Aus dem geschichtlichen und kulturellen Hintergrund Finnlands lässt sich ein besonderes Grundverständnis der finnischen Gesellschaft erklären, auf dem die Schulpolitik basiert. Seit den sechziger und siebziger Jahren herrscht unter den Finnen Einigkeit darüber, dass ihr kleines, rohstoffarmes, isoliertes Land im internationalen Vergleich nur durch die Produktion von Wissen wettbewerbsfähig bleiben kann. Die finnische Gesellschaft hat die Erfahrung gemacht, den Aufstieg des Landes durch Bildung geschafft zu haben. Weiterhin hat Finnland eine relativ homogene Sozialstruktur, die es aus Sicht der Finnen zu erhalten gilt. Aus den genannten Gründen gibt es sowohl in der Gesellschaft als auch in der Bildungspolitik einen Konsens darüber, dass gemäß des pädagogischen Ansatzes, keinen Schüler und keine Schülerin zurückzulassen, gehandelt und entschieden werden soll. Jedem Kind, ganz gleich aus welcher sozialen Schicht, soll eine optimale Förderung zu Teil werden, um später etwas zur Wissensproduktion beitragen zu können.[11] Die bis hierhin erwähnten Aspekte, die einen Beitrag zum Erfolg der finnischen SchülerInnen bei der Pisa-Studie geleistet haben, und die Lektüre der vorliegenden Primär- und Sekundärliteratur erwecken in mir den Eindruck, dass dem finnischen Bildungswesen aus gutem Grund Vorteile gegenüber dem deutschen attestiert werden können: Zusammenfassend verfolgen die Finnen die Maxime, jedem Heranwachsenden gleiche Bildungschancen zu gewährleisten und den Einfluss sozialstruktureller Merkmale, insbesondere der sozialen Herkunft auf die Schullaufbahn, so weit wie möglich zu minimieren.

[...]


[1] Vgl. Toman, Hans: Auf der Spur des Erfolges: Zur Frage nach den besonderen Bedingungen des guten Abschneidens Finnlands bei internationalen Vergleichsstudien – insbesondere im Vergleich zu Deutschland. In: Matthies, Aila-Leena; Skiera, Ehrenhard (Hrsg.): Das Bildungswesen in Finnland. Bad Heilbrunn 2009: Klinkhardt. S. 273-274.

[2] Vgl. Overesch, Anne: Wie die Schulpolitik ihre Probleme (nicht) löst. Deutschland und Finnland im Vergleich. Münster/ New York/ München/ Berlin 2007: Waxmann. S. 263.

[3] Rahmenlehrpläne und Standards für den grundbildenden Unterricht an finnischen Schulen (Perusopetus). Perusopetus ist der Unterricht für alle Schüler von Klasse 1-9. Helsinki 2009: Zentralamt für Unterrichtswesen. S.9.

[4] Vgl. exemplarisch: Titz, Christoph; Leffers, Jochen: Skandalöses Schüler-Lotto: Lehrer lassen arme Kinder zu selten ans Gymnasium. Spiegel Online, 11.09.2008 (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/skandaloeses-schueler-lotto-lehrer-lassen-arme-kinder-zu-selten-ans-gymnasium-a-577485.html)

[5] Vgl. ebd.

[6] Merimaa, Erkki: Die allgemeine Grundschule – Neun Jahre gemeinsames Lernen für alle. In: Matthies, Aila-Leena; Skiera, Ehrenhard (Hrsg.): Das Bildungswesen in Finnland. Bad Heilbrunn 2009: Klinkhardt. S. 137-138.

[7] Rahmenlehrpläne und Standards für den grundbildenden Unterricht an finnischen Schulen (Perusopetus). Perusopetus ist der Unterricht für alle Schüler von Klasse 1-9. Helsinki 2009: Zentralamt für Unterrichtswesen. S.15.

[8] Vgl. ebd. S. 24

[9] Vgl. ebd. S. 27

[10] Vgl. Toman, Hans: Auf der Spur des Erfolges: Zur Frage nach den besonderen Bedingungen des guten Abschneidens Finnlands bei internationalen Vergleichsstudien – insbesondere im Vergleich zu Deutschland. In: Matthies, Aila-Leena; Skiera, Ehrenhard (Hrsg.): Das Bildungswesen in Finnland. Bad Heilbrunn 2009: Klinkhardt. S. 276-280

[11] Kerstan, Thomas: Das finnische Erfolgsgeheimnis. Wer die Pisa-Sieger verstehen will, muss nicht die Schulen, sondern die Politik des nordischen Landes anschauen. Zeit Online, 02.04.2008 (http://www.zeit.de/2008/13/C-Interview-Finnland)

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Finnland als Vorbild für Deutschland? Ein Vergleich zwischen dem deutschen und dem finnischen Schulwesen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Lehrerhandeln in der alltäglichen Praxis
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V452178
ISBN (eBook)
9783668866966
ISBN (Buch)
9783668866973
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Finnland, Schulsystem, PISA, Iglu-Studie, Finnisches Schulsystem, Konsensorientierung, Bildungssystem, Bildung, Schüler-Lotto
Arbeit zitieren
Bachelor of Science (2-Fach-Bachelor Soziologie und Spanisch) Torben Stuhldreier (Autor), 2015, Finnland als Vorbild für Deutschland? Ein Vergleich zwischen dem deutschen und dem finnischen Schulwesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452178

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