Die Inszenierung des Protests bei PEGIDA

Über die Dramatisierung, Konstruktion und Inszenierung von Protest auf der PEGIDA-Facebook-Seite


Masterarbeit, 2016
130 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Forschungsinteresse und Aufbau der Arbeit

3.Theoretischer Rahmen
3.1. Exkurs: Protest - was ist das eigentlich?
3.2. Bewegungsforschung
3.2.1. Kurze Geschichte der Bewegungsforschung
3.2.2. Wesentliche Ansätze der Bewegungsforschung
3.2.3. Kollektive Identität und kollektiver Akteur
3.2.4. Definition einer ?sozialen Bewegung“
3.2.5. Soziale Bewegung und soziale Netzwerke
3.3. Der Framing-Ansatz - oder ?die soziale Konstruktion von Protest“
3.3.1. Kemelemente des Framing - ?core framing tasks“
3.3.2. Externe Faktoren: Der Einfluss infrastruktureller und phänomenologischer Faktoren auf den Erfolg von Frames
3.3.3. ?Framing Strategien“ - ?frame alignment“
3.4. Pegida
3.4.1. Chronologie und Zusammenfassung der bisherigen Geschichte von Pegida
3.4.2. Pegida Dresden in Zahlen
3.4.3. Forschungsstand zu Pegida
3.4.3.1. Empirische Studien zu Pegida
3.4.4. Ist Pegida eine soziale Bewegung?

4. Die Inszenierung des Protests bei Pegida
4.1. Die Themen von Pegida
4.1.1. Einteilung der Facebook-Beiträge in Themenkomplexe
4.1.2. Themenkomplexe auf der Pegida-Facebook-Seite
4.1.3. Alles Lügenpresse? Die Quellen von Pegida und ?alternative Medien“
4.2. Das Framing von Pegida
4.2.1. Das ?diagnostic Framing“
4.2.2. Das ?prognostic Framing“
4.2.3. Das ?motivational Framing“
4.2.4. Inszenierung als Nachrichtenportal
4.3.Die Sprache von Pegida
4.3.1. Merkmale rechtspopulistischer Sprache bei Pegida
4.3.2. Mit Übertreibung, Polemik und Ironie zum Erfolg? Wortneuschöpfungen, Diffamierung und Hashtags bei Pegida

5. Fazit

1. Einleitung

?Wieder einmal heiße ich euch, standhafte Patrioten, herzlich willkommen zu unserem Spaziergang, [...] gegen religiösen Fanatismus, Glaubenskriege und für die Meinungsfreiheit.“, heißt es am 7. Juli 2015 von Lutz Bachmann, der die Anhänger von Pegida1 zu einem der ?Spaziergänge“ in Dresden begrüßt2. Man könnte sich an dem ?standhaft“ und ?Patrioten“ stören - doch wer hat schon etwas dagegen, wenn sich zur Begrüßung gegen religiösen Fanatismus, gegen Glaubenskriege und für die Meinungsfreiheit ausgesprochen wird? Eigentlich niemand, denn das sind Werte und Forderungen, gegen die kaum jemand etwas haben dürfte. Sie stehen für ein demokratisches Verständnis - weshalb sollte man Pegida hier einen Vorwurf machen? Ein Blick während der Rede auf den Demonstrationswagen geworfen offenbart jedoch sehr schnell, dass mit ?religiösem Fanatismus“ und ?Glaubenskriege“ nicht alle Religionen, sondem vor allem der Islam gemeint ist. Denn dort hängt ein Plakat mit der Aufschrift ?Stoppt die Islamisiemng Europas“ und auch das Akronym Pegida (?gegen die Islamisiemng des Abendlandes“) deutet daraufhin. Hat dieses Messen mit zweierlei Maß vielleicht Methode?

Pegida erzeugt seit Ende 2014 ein großes Medienecho und prägte 2015 die politische und mediale Debatte stark. Unter den Top-Suchbegriffen im Jahr 2015 bei Google war Pegida auf dem zweiten Platz und auch bei den von Google verzeichneten Schlagzeilen, rangierte Pegida an zweiter Stelle3, womit Pegida deutlich im öffentlichen Interesse stand. Dass das Unwort 2014 ?Lügenpresse“ wurde, kann ebenfalls auf den im Kontext der Pegida-Demonstrationen immer wieder geäußerten Vorwurf, dass die Presse und Medien systematisch unwahr berichten würden, zurückgeführt werden. Ähnlich verhält es sich beim Wort ?Gutmensch“, welches 2015 das Unwort wurde4. Es wird von einem ?Kaltland“ und ?Dunkeldeutschland“ im Kontext von Pegida gesprochen5. Hinkt dieser Vergleich oder kann man Pegida tatsächlich in diese Ecke stecken?

Aus den Anfang 2015 veröffentlichten Studien zu Pegida konnte zunächst keine rassistische und neonazistische Mehrheit unter den Teilnehmern entdeckt werden. Die Befunde, dass Teilnehmer der Demonstrationen eher der ?Mitte“ zugerechnet werden können, sorgten für große Verwunderung. Lässt sich Pegida damit vielleicht zu den bürgerlichen ?Wutbürgem“ rechnen, die im Rahmen der Proteste um ?Stuttgart 21“ für viel Aufsehen sorgten?6 Dirk

Kurbjuweit charakterisiert in einem Essay den Wutbürger als jemanden, der nur an sich denkt und der Politik die Gefolgschaft aufgekündigt hat7. Zumindest die Politikverdrossenheit ließe sich ohne tiefere Analyse auch bei Pegida wiederfinden und die Ablehnung von Flüchtlingen (z. B. aus Kostengründen) könnte als Egoismus interpretiert werden. Dass sich bei Pegida die Wut auf die politischen Verhältnisse und Entscheidungen nicht aufgrund eines fehlgeplanten Bauprojekts, sondem - zumindest oberflächlich - wegen der gefürchteten ?Islamisierung des Abendlandes“ entlädt, ist ebenso kein Geheimnis. Doch was will Pegida darüber hinaus? Geht es nur um die Islamisiemng? Welche Themen spricht Pegida an, wie macht die Bewegung das und wieso ist sie so stark geworden? Welche Strategien lassen sich in den Äußemngen der Bewegung erkennen? Kurzum: Wie ist das ?Marketing“ von Pegida und lassen sich daraus Ursachen für den Erfolg ableiten?

Über Pegida und deren Anhänger wurde seit dem Auftreten sehr viel geschrieben. Es gibt zahlreiche Kommentare und Stadien, die sich vor allem um die Teilnehmer (soziodemografische Erfassung, Gründe für die Teilnahme, etc.) drehen. Eine tiefer gehende Betrachtung der Äußemngen von Pegida selbst und die detaillierte Beleuchtung des ?Marketings“8 fehlt bisher. Wie jeder Mensch im Alltag Selbstdarstellung betreibt, sich ins ?rechte Licht“ rückt und versucht seine beste Seite zu präsentieren, so betreiben auch soziale Bewegungen Selbstdarstellung und spielen im Sinne Goffinans Theater (Goffman 1959). Sie inszenieren den Protest, um sich Gehör zu verschaffen und Anhänger zu mobilisieren. Keine überraschende Feststellung folgt man der These, dass wir in einer ?Inszeniemngsgesellschaft“ leben (Willems/Jurga 1998).

Diese Arbeit möchte an diesem Punkt ansetzen und die Äußemngen von Pegida selbst in den Fokus der Untersuchung rücken. Mit dem Framing-Ansatz soll hinter die Fassade geblickt werden um anhand der Äußemngen, Inszeniemng und Darstellungsstrategien von Pegida, Rückschlüsse auf deren Erfolg zu ziehen. Es soll nicht bloß ?über“ Pegida geschrieben werden, die Äußemngen und Themen sollen für sich stehen und das ?Marketing“ von Pegida soll daraus ersichtlich werden.

Dass Pegida auch Anfang 2016 noch in dieser Forni präsent ist, hat kaum jemand kommen sehen und Pegida sollte daher auch weiterhin Aufmerksamkeit geschenkt werden. Insbesondere wenn es um die Inszeniemngsleistung und die Fomien der Darstellung geht. Denn auch wenn Pegida einmal verschwinden sollte und ?es sich ausspaziert hat“9, so gibt es doch im Vergleich zu ?Stuttgart 21“ einen sehr großen Unterschied: Während der Bau des Bahnhofs eine überschaubar kurze temporäre Dimension hatte, sind die Themen von Pegida - sei es die ?Islamisiemng“, Flüchtlingspolitik oder die sich abzeichnende Politikverdrossenheit - keine Themen, die alsbald verschwinden werden. Sie werden zweifelsohne Politik und Gesellschaft

noch lange und immer wieder beschäftigen. Der Erfolg von Pegida zeigt, dass sie mit ihren Themen Menschen erreichen können und so lohnt es sich, diese Bewegung näher zu betrachten.

2. Forschungsinteresse und Aufbau der Arbeit

Das Forschungsinteresse liegt vor allem in der diskursanalytischen Betrachtung von Pegida und den Erkenntnissen, die sich aus der Analyse der von Pegida getätigten Äußerungen in Forni von Facebook-Beiträgen ergeben. Doch wieso sollte man sich die Darstellungsstrategien und Themenkomplexe von Pegida näher anschauen?

Einerseits kann man sicherlich sagen, dass der Erfolg von Pegida sich aus dem vorher vorhandenen latenten Unmut gespeist hat, doch andererseits dürfte auch ein nicht zu vernachlässigender Anteil des Erfolgs auf die ?Öffentlichkeitsarbeit“ von Pegida zurückzuführen sein. Diese Öffentlichkeitsarbeit, gewissermaßen das ?Marketing“ und die Inszenierungsleistung von Pegida, soll im Fokus im analytischen Teil dieser Arbeit stehen und bedarf letztlich einer genauen Betrachtung der Äußerungen von Pegida. Es soll mit der Betrachtung der von Pegida angesprochenen Themen, der Sprache und mithilfe des Framing-Ansatzes, nach Darstellungsstrategien geschaut werden und so Rückschlüsse auf die Mobilisierungsfahigkeit der Bewegung gezogen werden. Denn folgt man diesem Ansatz, sind soziale Bewegungen nur dann erfolgreich, wenn sie es verstehen, mittels effektiver Darstellungsstrategien ihre Anhängerschaft zu mobilisieren. Im Gegensatz zu bisherigen Framing-Untersuchungen, wie sie Z.B. Tibor Kliment oder Felix Kolb gemacht haben, liegt bei Pegida die Schwierigkeit darin, dass sie als Bewegung und Verein Ende 2015 weder über eine komplexe Webseite, noch über eine Parteizeitung oder andere umfangreiche schriftliche Dokumente verfügten. Während Kliment und Kolb sich dem Framing der Castor-Bewegung über deren ?Initiativzeitschriften [und] Mitgliederzeitungen“ (Kliment 1998: 72) oder ?Flugblättern, Zeitungen und ihrer Öffentlichkeitsarbeit“ (Kolb 2002: 35) nähern konnten, gibt es bei Pegida keinen solchen Quellen- und Datenbestand. Dieser Umstand mag sich zunächst aus der erst relativ kurzen Lebensdauer ergeben, liegt aber vor allem an einer ?Pegida-Besonderheit“, die neben der Frage nach den Darstellungsstrategien bzw. dem ?Marketing“ auch einen Teil des Forschungsinteresses ausmacht: Pegida betreibt fast die gesamte Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation über das Soziale Netzwerk Facebook und der daran angeschlossenen eigenen Pegida-Facebook-Seite. Gewissermaßen ein ?digitaler Stammtisch“, ohne den Pegida in der Form wohl so nicht möglich wäre10. Mit mehr als 204.000 ?Gefallt mir“-Angaben am 24. Februar 2016 verfügt Pegida über eine sehr reichweitenstarke Facebook-Seite11, die sie - so viel sei schon gesagt - sehr zu nutzen weiß. Soziale Netzwerke, wie sich später auch zeigen wird, haben eine immer größere Bedeutung bei der Mobilisierung und dem Erreichen von potenziellen Anhängern für soziale Bewegungen. In dieser Arbeit dienen demnach keine Mitglicdcrzci tungen oder Flugblätter als Quelle zur Auswertung, sondem die Pegida-Facebook-Seite und die veröffentlichten Beiträge. Mit der Nutzung von Facebook als Quelle ist gleichzeitig die Frage verbunden, ob der Framing- Ansatz und die Suche nach Darstellungsstrategien auch auf Dokumente in Forni von Facebook- Beiträgen seine Anwendung finden kann. Darüber hinaus wird sich zeigen, wie eine Facebook- Seite hinsichtlich von Deutungsstrategien untersucht werden kann.

Bevor sich näher mit dem Gegenstand Pegida beschäftigt wird, soll es zunächst um bewegungstheoretische Aspekte und eine Einfühmng in die Bewegungsforschung gehen (?.1.). Dabei geht es um Fragen, was Protest ist, welche Ansätze es in der Bewegungsforschung gibt und wie man eine soziale Bewegung definiert. Im zweiten Teil des theoretischen Rahmens geht es um die Gmndlagen der Framing-Analyse (3.2.), ehe sich dann mit Pegida beschäftigt wird (3.3.)12. Hier geht es um den bisherigen Verlauf der Bewegung, Eckpunkte der Geschichte, sowie um die Entwicklung der Teilnehmerzahlen¦ Ein wichtiger Aspekt ist in diesem Kapitel der Forschungsstand und damit die Einordnung von Pegida in den wissenschaftlichen Diskurs. Auch soll der Frage nachgegangen werden, ob Pegida überhaupt eine soziale Bewegung ist. Mit Kapitel 4.1. beginnt dann die Auswertung der erhobenen Daten von der Pegida-Facebook-Seite. Zunächst gibt es einen Überblick über die von Pegida angesprochenen Themen. Es geht um die thematische Ausrichtung von Pegida, um die Herausarbeitung von Themenschwerpunkten sowie die von Pegida verlinkten Medien. Ein grober Überblick über die Facebook-Aktivität wird so gegeben, ehe sich tiefer mit der Facebook-Seite und mit dem Framing (4.2.) beschäftigt wird. Hier geht es um das diagnostische, prognostische und motivierende Framing. Als Ergänzung wird noch auf die ?Inszenierung als Nachrichtenmagazin“ hingewiesen, ehe es um die Sprache von Pegida geht (4.3.), die zur Inszenierungsleistung hinzuzuzählen ist. Abschließend werden im Fazit (5.) die wesentlichen Erkenntnisse (aus den Themenkomplexen, Framing und Sprache) zusammengetragen.

3. Theoretischer Rahmen

3. 1. Exkurs: Protest - was ist das eigentlich?

Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. [...] Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. [...] “

Ulrike Meinhof13

Eine kurze oberflächliche Recherche - Pegida und Protest bei Google eingegeben - und man sieht schnell, das Pegida oft in Verbindung mit ?Protest“ genannt wird14. Geht man eine Ebene höher und sucht nach ?soziale Bewegungen“ und ?Protest“, zeigt sich ein ähnliches Bild. Doch was ist überhaupt Protest? Begriffe wie Protestbewegungen, Protestkultur und Protestgesellschaft deuten die vielseitige Verwendung und Interpretation dieses Wortes an.

Der DUDEN sieht Protest u.a. als eine ?meist spontane und temperamentvolle Bekundung des Missfallens, der Ablehnung“15. Protest geht mit einem ?gegen“ (Missfallen, Ablehnung) einher, welches einen vermeintlichen Missstand anprangert, gegen ?eine abzusehende Entscheidung“ gerichtet ist und nach außen gebracht werden muss (Virgi 2011: 26). Jasmina Gherairi verweist auf die Emotionen und Assoziationen, die der Begriff weckt und darauf, dass der Begriff vereinnahmt wird und ?interessengeleiteter Deutung zum Opfer fallt“ (Gherairi 2015: 61). Sie spricht auch an, dass der Terminus äußerst weit gefasst ist und von ?trotzigen Kindern“, die gegen Eltern protestieren bis hin zu einer Attitüde, die eine gewisse ?Mimik“ und unter anderem ?demonstrative Gewaltbereitschaft“ enthalte, gehe (ebenda). Die begriffliche Auslegung des Wortes hängt stark von der Intention desjenigen ab, der das Wort gebraucht und Interpretationsakte an dem Begriff vollzieht. Protest kann somit als ein multidimensionaler Begriff bezeichnet werden16, der oft jedoch nur mit ?Protest als Durchsetzungsmittel“ beschrieben wird17. Aus gesellschaftlicher Sicht ist Protest ?Sichtbarkeitsmachung von gesellschaftlichen Konflikten“. Gleichzeitig ist Protest jedoch auch eine ?Dauereinrichtung der Gesellschaft“ (Virgi 2011: 23), eine Missfallensbekundung und charakteristisch flir moderne Gesellschaften.

Harry Pross hat vier zentrale Merkmale von Protest herausgearbeitet und ermöglicht so, den Begriff aus seinen mit ihm verknüpften Handlungen zu erfassen. Das erste Merkmal ist nach Pross, dass der Protest zwei Adressaten haben muss: Einerseits den ?Urheber“ und damit den

Verursacher des Problems, wogegen sich der Protest richtet und andererseits das ?Publikum“ als Adressat, welches zum Ziel hat, ?dieses [...] för die Opposition“ zu gewinnen. Auch Neidhardt und Rucht sehen Protest als etwas an, was von Akteuren an Adressaten gerichtet ist und die Adressaten sind es, die letztlich über Erfolg oder Misserfolg entscheiden (Neidhardt/Rucht 2001: 64-65). Virgi merkt kritisch und richtig zu den Ausführungen von Pross an, dass der Begriff der Opposition verwirrend sei und verweist auf Luhmann, der Opposition aus systemtheoretischer Sicht auch als Teil des politischen Systems sieht18. Die Opposition bei Pross kann in diesem Kontext daher als Gegenstück zu denen verstanden werden, die Anlass zum Protest geben und auch wenn der Begriff nach einer politischen Assoziation ruft, ist hier auch die im übertragenen Sinne gemeinte Opposition, in dem gegen etwas sein, gemeint. Das zweite Merkmal ist ein im ersten Moment vielleicht banales, jedoch ungemein wichtiges Merkmal: Nach Pross müssen nämlich ?die Protestierer, die Adressaten und das Publikum [...] durch ein Thema verbunden sein, das sie alle etwas angeht‘ (Pross 1992: 18). Logisch und doch ebenso essenziell für einen erfolgreichen Protest. Diese Formel - ?Ohne Thema kein Protest“ (Virgi 2011: 28) - wird uns später noch bei der Frage des Framing und der Deutungsrahmen von Pegida beschäftigen. Zum dritten Merkmal des Protests erklärt Pross, dass ?der Protest nicht umhin [kommt], die Positionen, gegen die er operiert, oder die Einrichtungen, denen er widerspricht, indirekt anzuerkennen“ (Pross 1992: 18). Pross bringt hier das Beispiel des Diebes, der etwas klaut und damit indirekt den Begriff des Eigentums stärkt, da er zwischen Eigentum und Nicht-Eigentum unterscheidet. Auf gesellschaftlicher Ebene wäre es zum Beispiel die Anerkennung von politischen Gremien. Aus dieser Perspektive ließe sich auch der Protest von Pegida beschreiben, der einerseits sich ablehnend der aktuellen politischen Lage und Entscheidungen gegenüber äußert, und damit der Regierung und den Institutionen, ohne es wertend ausdrücken zu wollen, kritisch gegenüber eingestellt ist und andererseits von eben jenen Entscheidungsträgem eine Veränderung verlangt. Pross umschreibt diesen Umstand damit, dass ?der Protest gesellschaftliche Funktionsbereiche [bestätigt], in dem er sie zum Thema macht‘ (ebenda). In dem dagegen sein, schwingt somit auch ein dafür mit. Das vierte Merkmal des Protests ist schließlich, dass Protest sich dort erhebe, wo die ?Grundlagen des Denkens, Ursprünge des Lebens einzelner oder von Gruppen infrage gestellt werden“ (ebenda).

Für Pross ist Protest ?generell Selbstverwirklichung des Einzelnen und Entlastung von sozialem Druck“ (Pross 1992: 22/23)19. Gleichzeitig habe Protest auch die Eigenschaft, sowohl für als auch gegen Verändemng zu sein (ebenda: 20). Wo Protest ist, sei auch viel Leben und Protest würde den Spielraum der Freiheit schützen (ebenda: 17/18). Damit spricht er den freiheitlichen - und indirekt auch demokratischen - Charakter von Protest an. Dass Protest und Aufbegehren nicht automatisch mit demokratischen Bestrebungen gleichzusetzen ist, wird uns später noch begegnen. Ziel einer Protestbewegung sei es schließlich, wenn sie anderen Menschen ?beigebracht“ hat, ihre ?Vorstellungswelt“ zu ändern. Das sei das ?Höchste“, was sie erreichen könne (ebenda: 22).

Virgi weist mit Blick auf die Konstruktionsleistung von Protest auf ?zwei Horizonte“ hin, die sich daraus ergeben, dass der Protest stets ?beeindrucken“ und ?konstruieren“ muss, um das ?angepeilte Ziel“, nämlich die Problemlösung, zu erreichen (ebenda: 18/19). Der erste Horizont sei die ?Sonderbeobachterrolle des Protests“, womit er auf Luhmann zurückgreift und mit ihm anmerkt, dass Protest immer auch Gesellschaft beschreibt, da die Gesellschaft für die Umstände verantwortlich ist, gegen die sich Protestierer aussprechen. Für die Protestierenden ergebe sich ein anderes Bild, denn sie sehen Dinge, die die überwiegende Zahl der angepeilten Adressaten noch nicht sieht, aber aus Sicht der Protestierenden irgendwann relevant werden und ?uns in der alarmierenden Form (wie uns diese Themen bekannt gemacht werden) irgendwann betreffen“ (Virgi 2011: 30). Gerade dieses ?bekannt gemacht werden“, also die Handlung und der Prozess, wie der Protest letztlich die Themen nach außen bringt, ist etwas, was sich im Framing-Ansatz wiederfindet. Der zweite Horizont ergibt sich aus der Eigenschaft, dass der Protest mit einer ?prekären überlebensdauer“ einhergeht. Sobald der Protest entweder ?ungehört bleibt und sich niemand anschließt“ und der Protest somit als erfolglos beschrieben werden kann, oder wenn der Protest erfolgreich und ?die Themen zugunsten der Protestierenden entschieden werden“, ist der Protest als beendet anzusehen (ebenda).

Während Virgi aus einer eher systemtheoretischen und gesellschaftstheoretischen Perspektive sich dem Protestbegriff näherte, sieht Jasmina Gherairi in Protest vor allem ein rhetorisches Kommunikationsverfahren, welches einen dezidiert persuasiven - und damit einen überredenden - Charakter hat. Gherairi sieht Protest als ?intentionales Handeln“, welches nicht, wie der Duden meint, spontan sei, sondem mit strategischer Planung verbunden ist (Gherairi 2015: 64). Sie verweist darauf, dass der Ort des Protests vorgeschlagen werde, dass im Kontext des Protests aktiv mobilisiert und informiert werde und sich der Protest zu einer bestimmten Uhrzeit an einer bestimmten Stelle manifestiert (ebenda: 65). Dieter Rucht beginnt seine Ausfühmngen zu ?kollektivem Protest“ schlicht mit der Annahme, dass Protest ?voraussetzungsvoll“ sei, und nennt dafür zwei Gründe. Einerseits bedarf es einer ?Produktionsstruktur“, mit der er Ressourcen und eben erforderliche Mittel für eine Mobilisierung meint, und andererseits muss der Protest mehr machen als ?bloßen Einspruch zu erheben“. Hier verweist Rucht auf die Notwendigkeit, dass das Problem umfassend beschrieben und auch Lösungswege vorgeschlagen werden müssen (?Plausibilisierungen“ werden verlangt, ähnlich wie beim Framing) (Rucht 2001: 9). Protest geht mit einem ?gegen“ einher, jedoch ist Protest nicht immer nur ?blanke Abwehr“, sondem auch der Wunsch etwas zu verändern, ja etwas besser zu machen (ebenda).

Den aktionistischen Charakter von Protest unterstreicht Pross damit, dass Protest ?ganz vome bezeug[t]“ wird (Pross 1992: 15). Auch Klaus Schönberger und Ove Sutter stellen den Protest in einen aktionsbezogenen Kontext und verweisen auf verschiedene Fomien von Protest, die mit der Studentenbewegung neu kreiert wurden (Schönberger/Ove 2009). Und schließlich sieht auch Rucht ?Protest als Interaktion“, die nicht nur ?Einwegkommunikation“ sei (Rucht 1992: 9). Deutlich wird die enge Verbindung zwischen Protest und sozialen Bewegungen vor allem an dem Wort der ?Protestbewegung“, welches oft Synonym mit sozialer Bewegung oder Bewegung allgemein verwendet wird und somit keine klare Abgrenzung erfahrt. Der Begriff Protest ist zwar nicht mit einer trennscharfen Definition gesegnet, Protest an sich ist aber ein wesentlicher Bestandteil von sozialen Bewegungen, er steht für Konfliktsichtbamiachung und auch Konfliktaustragung. Man könnte sagen: Ohne Protest keine soziale Bewegung.

3. 2. Bewegungsforschung

Um einen ganzheitlichen Blick auf Pegida und die Konstmktion von Protest zu bekommen, ist es wichtig, sich mit den ?Paradigmen der Bewegungsforschung“20 auseinanderzusetzen. Denn auch wenn wir uns in dieser vorliegenden Arbeit vornehmlich mit dem Framing-Ansatz beschäftigen werden, so ermöglicht die Betrachtung der Entstehung und Entwicklung der Bewegungsforschung und deren wichtigster Eckpfeiler, ein Verständnis für soziale Bewegungen und Protest zu entwickeln21.

3. 2. 1. Kurze Geschichte der Bewegungsforschung

Kai-Uwe Hellmann sieht den Beginn der Bewegungsforschung in den großen Ideen der Aufklämngsphilosophie (Hellmann 1998: 11, mit Verweis auf Hofmann 1971: 8). Es ist das Zeitalter der Aufklärung, welches als ?Gründungsepoche der Moderne“ einen neuen Blick auf die Kriterien von Wahrheit ermöglichte. Günther Lottes spricht von einer ?tiefgreifende[n] Wissensrevolution“ (Lottes 2011: l)22, die schließlich einen Prozess in Europa in Gang setzte, der zu ersten Erscheinungen führte, die ?Bewegungscharakter“ hatten (Hellmann 1998: 10)23.

Höhepunkt aus der Perspektive der Bewegungsforschung markierte die Französische Revolution, die in einem ?modernen Sinne“, so Hellmann mit Verweis auf Raschke (Raschke 1985: 22), die erste soziale Bewegung gewesen sei (Hellmann 1998: 10). Die Aufklärung steht für einen ?Angriff auf das alte Denken“ und gewissermaßen kann man diese ?Angriffslust“ auch auf soziale Bewegungen projizieren. Doch soziale Bewegungen richten sich nicht automatisch nur gegen ?altes Denken“, sondern sie können ebenso konservativ, statuserhaltend und rückwärtsgewandt sein.

Die Bewegungsforschung in den USA und Europa waren ?lange getrennt“ (Rucht 1994: 71). Dieter Rucht verweist darauf, dass in den USA die Klassiker - und allen voran Marx - nur sehr ?vermittelt“ Einfluss auf die nordamerikanische Bewegungsforschung hatten und stattdessen vor allem die europäisch geprägte Massenpsychologie die Forschung beeinflusste24. In Abgrenzung zur ?rationalen Weh“ wurden Phänomene mit vielen Menschen in der Theorie der Massenpsychologie als etwas Hysterisches und nicht rationales angesehen. Rucht spricht in diesem Zusanmienhang von einer ?pejorativen“ - und damit negativen - Auslegung der sozialen Bewegungen (Rucht 1994: 71). Wenn der Mensch sich in Massen zusammentat, kommt er nach dieser Auffassung einem ?Fremdkörper“ im Gefüge der rationalen Welt gleich.

Die Massenpsychologie geht auf Arbeiten von Gustave Le Bon zurück, der 1870 bei der Belagerung von Paris erstmals in Berührung mit der ?unheimliche [n] Beeinflussbarkeit von Massen“ kam (Le Bon 1982: XVII)25. Daraus entwickelte sich auch die ?Theorie der Massengesellschaft“, die eine zunehmende Anonymisierung aus ?sozialer Erosion“ heraus thematisierte (Schenk 2007: 26). Le Bon spricht von drei Techniken, die durch ?Führer“ angewendet werden und die ?Massenseele“ dazu anhalten, ?einen Palast zu plündern [oder] sich bei der Verteidigung [...] töten zu lassen“ (Le Bon 1982: 88)26. Die Masse wird hier als etwas Willenloses, als ein aus dem Affekt heraus handelndes Wesen beschrieben. Die Masse entwickelte sich aus dieser Perspektive ?zum Tier zurück“, welches nur noch durch (geschürte) ?Ängste und Affekte bestimmt wird“ (Hellmann 1998: ll)27. Bewegungen wurden aus dieser Perspektive eher kritisch gesehen und mit ?dysfunktional“ und ?irrational“ beschrieben (Kern 2008: 10).

Aus der Massenpsychologie entwickelten sich grundsätzlich drei Varianten, die Rinfluss auf die Bewegungsforschung hatten: Die erste Variante ist die Strömung mit den ?psychologischen und sozialpsychologischen Arbeiten“, wonach das kollektive Verhalten als ?seuchenartig“ beschrieben wurde und eng mit der ?Massenpsychologie“ verknüpft ist (Rucht 1994: 71)28. Die zweite Variante war mit den ?symbolisch-interaktionistischen Ansätzen“ schon wesentlich fruchtbarer. Rucht verweist hier auf die sich daraus ableitenden Arbeiten zur ?sozialen Konstruktion von Problemen“ und schließlich auf die ?Framing-Strategien im Anschluss an Goffman“. Schlussendlich gab es noch die ?strukturfunktionalistische Linie“, welche nach Rucht aber ?versandete“ (Rucht 1994: 71). Heilmann stellt fest, dass die kurz angerissenen Eckpunkte der marxistischen und massenpsychologischen Einflüsse auf die Bewegungsforschung gewissermaßen ?Extreme“ darstellen29.

3. 2. 2. Wesentliche Ansätze der Bewegungsforschung

Insgesamt lassen sich fünf wesentliche Ansätze ausmachen. Herkenrath bezieht sich hierbei auf Arbeiten von Deila Porta und Dianie (1999) sowie auf Neidhardt und Rucht (1991), die die verschiedenen Forschungsrichtungen systematisiert und aufgearbeitet haben. Kai Hellmann sieht ebenfalls fünf verschiedene Forschungsansätze, kommt jedoch vor dem Hintergrund der Frage nach der Abgrenzung voneinander, zu anderen Bezeichnungen und Schwerpunkten. Während Herkenrath in historisch-chronologischer Reihenfolge sozialpsychologische und das Collective Behavior-Paradigma, den Ressourcen-Mobilisierungsansatz, das Political Process-Modell sowie den Framing-Ansatz und ?den Ansatz der neuen sozialen Bewegungen“ (Herkenrath 2011: 32) nennt, verweist Hellmann auf den Structural Strains-, Collectiv Identity- (CI), den Framing- sowie auf den Ressource Mobilization (RM) und den Political Opportunity Structures (POS)- Ansatz (Hellmann 1998: 17). Da diese Einführung keine umfassende Auseinandersetzung mit den einzelnen Ansätzen beinhalten kann, wird sich nachfolgend vornehmlich auf die Ausführungen von Herkenrath gestützt, da er hier vor allem eine chronologische Herangehensweise gewählt hat und eine Einteilung als ?konzeptionelle Rubrik[en]“ versteht (Herkenrath 2011: 35). Nachfolgend werden Hellmanns ?Paradigmen“ jedoch nicht gänzlich außen vor gelassen.

Neben den schon angerissenen Theorien aus dem sozialpsychologischen Spektrum gab es auch das ?Collectiv-Behavior-Paradigma“, welches hier als erster der grundsätzlichen Ansätze bezeichnet wird. Unter die ?collective behavior“-Ansätze fallen nicht nur die sich aus der Massenpsychologie ergebenen Arbeiten, sondern später auch jene, die sich mit der Frustration und ?relativer Deprivation“ beschäftigt haben.30 Die sich entladende Frustration kann sich in Form von sozialen Bewegungen äußern - so die Annahme.31 Problematisch bei den frühen Ansätzen des kollektiven Verhaltens ist die Hervorhebung von Frustration und Flucht aus dem Alltag. Die in der Massenpsychologie angelegte These des Menschen, der zum Tier wird, findet sich gewissermaßen auch hier wieder. Herkenrath verweist auf den sozialen Wandel als ?Quelle von Überforderung und Frustration“ und auf den Prozess der Modernisierung, unter dessen Eindruck diese Theorien stünden (Herkenrath 2011: 32). Neben der schon angesprochenen Massentheorie und der damit einhergehenden Anonymisierung, ist auch die These der relativen Deprivation und die auf Merton zurückgehende Anomietheorie32 im Kontext von Modernisierung und deren Folgen zu sehen. Während also die ?Modernisierung“ für Unmut sorgt, sind die Unruhen und Bewegungen eine Folge dessen und als ein ?'Krankheitsbild' der modernen Gesellschaften zu sehen“ (Herkenrath 2011: 32). Vor diesem Hintergrund würden Bewegungen nur einem ?expressiven Selbstzweck“ folgen und keinen sozialen Wandel anstreben. Hellmann spricht hier von ?Verlusterfahrungen, Verunsicherungen oder Nachteilswahmehmungen“ und verweist mit seinem Paradigma des ?Structural Strains“ auf den durch die Modernisierung entstehenden Lebensdruck und den daraus resultierenden Bewegungen (Hellmann 1998: 18)33. Auch wenn die Collective Behavior-Ansätze teilweise von der Irrationalität des kollektiven Verhaltens Abstand genommen haben34, werden Bewegungen aus dieser Perspektive vor allem als ?expressive und hysterische Antworten auf disfunktionalen sozialen Wandel“ gesehen (ebenda: 36).

Die Mobilisierung von Ressourcen innerhalb und für soziale Bewegungen steht im Zentrum der ?Ressourcenmobilisierungstheorie“, die aus der Kritik am collective behavior- Ansatz heraus zu einem Paradigmenwechsel führte. Soziale Bewegungen wurden hier nicht mehr als etwas Irrationales wahrgenommen und es zeigte sich, dass nicht aus jedem sozialen Problem und aus jeder Unzufriedenheit, eine Bewegung hervorging. Die Forscher richteten ihre Aufmerksamkeit daher auf die ?Mechanismen der Protestmobilisierung“ (Kern 2008: 11). Die Erkenntnisse waren unter anderem, dass die Bewegungen und ihre ?Trägerorganisationen“ bewusst Mittel einsetzen und Themen ansprechen sowie Strukturen schaffen, damit der Protest sich überhaupt artikulieren und entwickeln kann. Soziale Bewegungen wurden daher als ?strategisch handelnde Kollektivakteure“ verstanden (Herkenrath 2011: 38). In diesem Ansatz ginge es ?vor allem um die (politische) Rationalität von Protest“ und man müsse sich die Organisation (Bewegungsorganisation) wie einen Kopf vorstellen, der die Geschicke lenkt und den ?Mit-'Gliedem' Anweisungen erteilt“ (Hellmann 1998: 22). Gleichzeitig zeigt dieser Ansatz auf der ?Individualebene“, dass die sich in Bewegungen engagierten Menschen nicht unbedingt als ?Verlierer“ des Modemisierungsprozesses zu sehen sind, sondern in der Gesellschaft integriert sind und sich politisch und zivilgesellschaftlich engagieren. Daher richtet sich der Fokus auf die ?Infrastruktur und finanziellen Mittel“, die zur erfolgreichen Umsetzung von Aktionen und generell für den Erfolg der Bewegung wichtig sind (Herkenrath 2011: 38/39). Die ?Krisentheorien“ - wonach soziale Bewegungen ihren Ursprung in einer ?Krise oder einem Umbruch“ haben (Gherairi 2015: 35) - werden somit scharf kritisiert35. Wieso gibt es dann aber nicht ständig soziale Bewegungen? Immerhin gibt es in modernen Gesellschaften immer Missstände, eine Krise oder ein soziales Problem - oder nicht? Michael Schetsche definiert ?soziale Probleme“ als ?alles“, ?was von kollektiven Akteuren, der Öffentlichkeit oder dem Wohlfahrtsstaat als solches angesehen und bezeichnet wird“ (Schetsche 1996: 2). Das erfolgreiche Einbringen von sozialen Problemen in die ?diskursive Zirkulation einer Gesellschaft“, schafft erst das Problem und die Wahrnehmung dessen36. Der

Ressourcenmobilisierungsansatz hat sich von der Vorstellung entfernt, dass soziale Bewegungen nur aus ?vereinsamten, frustrierten Modemisierungsverlierer/innen“ bestehen würden. Er betrachtet vornehmlich die Meso-Ebene und legt den Fokus auf Organisationen und die Gruppen, die es zu mobilisieren gilt. Damit wird zwar das ?Wie“ erklärt, jedoch wird das ?Warum“ außer Acht gelassen und damit bleibt offen, wieso eine soziale Bewegung entsteht (Herkenrath 2011: 41, mit Verweis auf Melucci 1985: 792).

Das ?Political Process“-Modell rückt dieses ?Warum“ in den Mittelpunkt und betrachtet dabei nicht - wie der Ressourcenmobilisierungsansatz - die Bewegung von Innen und deren ?Präferenzen und Strategien“ (Kern 2008: 152)37, sondern richtet sein Forschungsinteresse auf die ?politischen Kontextbedingungen“. Nach diesem Modell hat ?das politisch-institutionelle Umfeld jenseits für die Mobilisierung verfügbaren Ressourcen einen maßgeblichen Rinfluss darauf [...], ob, wann und wie sich soziale Bewegungen entfalten können“ (Herkenrath 2011: 41). Mit dem Begriff der ?(politischen) Gelegenheitsstrukturen“, der im Kontext dieses Modells ebenfalls genannt wird, zeichnet sich die Idee dieses Ansatzes sehr gut ab. Nur wenn die Bedingungen, nämlich die externen Einflüsse, unabhängig von den Ressourcen gut, und damit ?günstig“ sind, können sich soziale Bewegungen überhaupt entfalten38. Diese ?Gelegenheitsstrukturen“ umfassen ?sämtliche Strukturen und Ereignisse innerhalb eines politischen Systems, die relevant sein können für die Mobilisierung“ (Hellmann 1998: 25). Es sind nicht die ?Realitätsdefinition und internen Ressourcen der potenziellen Opposition“ ausschlaggebend, um dem ?Status quo“ erfolgreich entgegen zu treten, sondem die ?Umstände“, ?die die Unterstützung und damit ultimativ den Erfolg einer Erhebung aussichtsreich machen“. Mit Lenin lügt Kitschelt noch an, dass man nur morsche Türen eintreten könne, und verweist damit sinnbildlich auf diese äußere Stmktur (Kitschelt 1999: 144). Es sind die Strukturen, welche die Umwelt bietet, die Einfluss auf die Entwicklung und Entstehung von sozialen Bewegungen haben39. Herkenrath fasst die politischen Kontextfaktoren mit ?lokal, national und international, situativ und stmkturell bedingt, fomial und informell“ zusammen und zeigt damit Pluralität an Faktoren auf (Herkenrath 2011: 44). Kritisch äußert sich Herkenrath in der Weise, das politische Gelegenheitsstmkturen erst ?wirkungsmächtig“ werden können, wenn man diese als solche überhaupt erkennt. Der Akteur (soziale Bewegung) als kollektiver Akteur, müsse erst eine Interpretation leisten und erst dann können die Gelegenheitsstrukturen wahrgenommen und damit ?gedeutet und strategisch genutzt (oder vernachlässigt) werden“ (ebenda: 45).

Mit dem ?Framing-Ansatz“ werden diese ?konstruktivistischen Züge sozialer Bewegungen“ (Hellmann 1998: 20) betont und damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass erst durch ?soziale Interaktion und Interpretation“ soziale Missstände und Probleme ?wahrgenommen und wirkungsmächtig“ werden können (Herkenrath 2011: 45/46). Der Framing-Ansatz wird daher auch als ?Problemkonstruktion“, ?die soziale Konstruktion von

Protest“ oder als ?symbolische Konstruktion sozialer Wirklichkeit“ beschrieben (Gherairi 2015: 43; Kolb 2002: 31; Lindemann 2001: 73). Da wir uns später noch ausführlich mit dem Framing oder es wie es im Deutschen heißt, der Rahmenanalyse beschäftigen, sei an dieser Stehe nur gesagt, dass es im Framing vornehmlich um die Konstruktion eines Deutungsrahmens geht und das Framing gewissermaßen die ?Inszenierung eines Protestthemas“ darstellt. Hierfür lassen sich mit dem prognostic, dem diagnostic und dem motivational framing Techniken ausmachen, die dabei helfen, dass eine Bewegung erfolgreich ist. Hinzu konmien Prozesse wie ?frame bridging“ oder ?frame amplification“ (Hellmann 1998: 20/21).

Der fünfte wesentliche Ansatz der Bewegungsforschung lässt sich unter dem Begriff ?Neue Soziale Bewegungen“ zusammenfassen. Dieser, vor allem in Europa entstandene Forschungszweig, sieht in den modemen ?Gegenwartsgesellschaften“ einen günstigen Ausgangspunkt für die Entstehung von sozialen Bewegungen. Das ?Modeme“ an den heutigen Gesellschaften begünstigt die Entstehung eines neuen Typus von sozialen Bewegungen. Dieter Rucht schlägt eine ?typologische Unterscheidung“ zwischen den sozialen Bewegungen der Moderne und den Bewegungen der Vomiodeme vor, die sich aus den gesellschaftlichen Unterschieden der vomiodemen und modernen Gesellschaften ergeben (Rucht 1999: 17)40.

Rucht sieht hier unter anderem Unterschiede im ?Anspmchshorizont“, denn während historische soziale Bewegungen, wie die Arbeiterbewegung oder der bürgerliche Liberalismus, umfassende gesellschaftliche Ändemngen bewirkten (ebenda: 19), scheinen die sozialen Bewegungen im Vergleich eher ?bescheidene“ Erfolge erzielt zu haben. Dieser Unterschied rührt aber aus der Tatsache, dass die neuen sozialen Bewegungen nicht durch die ?Durchsetzung großer institutioneller Innovationen“ gekennzeichnet sind, sondern durch ?dauerhafte Einmischung in die Politik“ (ebenda) - der Anspmch und das, was erreicht werden soll, hat sich verändert.

Daraus ergibt sich schließlich, dass die Bewegungen keine ?großen Utopien“ mehr verfolgen und große gesellschaftliche Umbrüche herbeiführen wollen, sondern sich in einem kleinen und spezifischen Feld engagieren. Rucht spricht hier von einem ?fachgebundenen Politikbetrieb“ und der Notwendigkeit von Spezialisiemng, um ?mithalten“ zu können (ebenda: 22). Das zeigt sich in der Vielzahl von spezialisierten Bewegungen, die sich nicht etwa ?nur“ gegen Umweltverschmutzung stellen, sondern entweder gegen die Atomkraft (und Castortransporte) argumentieren, sich für nachhaltige Landwirtschaft, Naturschutz der Wälder oder gegen genmanipulierte Nahmng einsetzen. Andere wiederum kämpfen gegen Aids, Wilderei, große Konzerne und das globale Bankwesen - und wieder andere wenden sich gegen die ?Islamisiemng des Abendlandes“. Der Protest ist damit, wie Rucht feststellt, nicht mehr Teil einer kleinen ?Gruppe von Ausgegrenzten“, sondern eine ?Waffe“, die in alle sozialen Gmppen und Schichten einsickert (ebenda: 20). Für Simon Teune sind die neuen sozialen Bewegungen vor allem von ?postmateriellen Werten“ getragen und er verweist darauf, dass sie kein ?historischer Akteur“ sind und ?gesellschaftliche Grundkonflikte“ nicht mehr Voraussetzung für soziale Bewegungen darstellen. Vielmehr sei es die Motivlage der Akteure, die ins Mittelfeld rückt und der Wunsch nach einem sozialen Wandel (Teune 2008: 529). So gesehen sind ?neue soziale Bewegungen“ an keinem großen Umsturz interessiert, sondern können als ?soziale Kraft“ verstanden werden, die neben den etablierten politischen Institutionen dafür da sind, um auf ungelöste und auch neuartige Probleme, die im Zuge der Modernisierung auftreten, hinzuweisen (Kern 2008: 12). Herkenrath arbeitet sieben Merkmale heraus, die nach dem Paradigma der ?neuen sozialen Bewegungen“ charakteristisch für diese seien, stellt jedoch auch fest, dass die neuen sozialen Bewegungen ihre ?Wurzeln“ im 19. Jahrhundert haben (Rucht 1999: 19)41 und das einige Merkmale der neuen sozialen Bewegungen auch für die ?alten sozialen Bewegungen“ gelten (Herkenrath 2011: 53). Er kommt daher zu dem Schluss, dass, auch wenn ?einige der Grundprämissen“ nicht zu halten sind, der Ansatz der neuen sozialen Bewegungen seine Verdienste hat. Dennoch klammert der Ansatz bewusst einen wichtigen Punkt aus: Nämlich wie man ?rechtskonservative Bewegungen“ unter dem Gesichtspunkt der neuen sozialen Bewegungen einordnen könnte.

Die neuen sozialen Bewegungen zeichnen sich vor allem durch ein ?links-libertäres Forderungsspektrum“ aus (Kitschelt 1999: 158), womit Bewegungen jenseits dieses Spektrums ausgeklammert werden42. Werner Bergmann und Rainer Erb sprechen hier von einer ?normativen“ und bewussten Entscheidung, die alle Bewegungen der neuen sozialen Bewegungen einer ?Bewegungsfamilie“ einordnet. Darin haben zunächst nicht links-libertäre und nicht emanzipatorische Bewegungen keinen Platz (Bergmann/Erb 1994: 80). Zumindest für das Fehlen von extremen Rechten findet Ruud Koopmans einige Antworten. So konnten sich Strömungen aus dem Rechtsextremismus - Stand 1996 - schlicht nicht als soziale Bewegung stabilisieren (Koopmans 1996: 53). Er führt das unter anderem darauf zurück, dass die NSB einen vermittelnden Charakter zwischen ?Bürger und Staat“ hätte, was nicht für die extreme Rechte gelte, da sie einen autoritären Staat zum Ziel hätte und eine Vermittlung keine vordergründige Option ist. Außerdem verfügen die extremen Rechten über ein eingeschränktes ?Aktionsrepertoire“, denn Kundgebungen, Sitzblockaden oder Ähnliches seien in diesen Kreisen wenig bis gar nicht vorhanden. Werner Bergmann und Rainer Erb schlussfolgern ähnlich und sprechen resümierend ?von einem mobilisierten Lager, aber nicht von einer sozialen Bewegung von rechts“ (Bergmann/Erb 1996: 24/25). Sie begründen dies mit Problemen bei der

Konstruktion einer kollektiven Identität, was vor allem an den bildungsfemen Schichten43, den fehlenden ?sozialen Relais“ (wie Kirchen, Gewerkschaften, etc.) und die durch die Umwelt hervorgerufenen Einschränkungen (zum Beispiel die Weigerung von Firmen rechtsextremes Schulungsmaterial zu drucken) liegt (ebenda: 22/23). Ein weiterer Grund ist die ?NS- Vergangenheit als hinderliche Hypothek“ (ebenda: 23). Die extremen Rechten haben es dieser Argumentation folgend einerseits schwer zu mobilisieren und sich andererseits zu festigen. Das trifft allerdings nur auf die extremen Rechten zu. Wie Koopmans mahnend vor fast 20 Jahren feststellte, kann es durchaus zu einer dauerhaften extrem rechten Bewegung kommen, wenn die ?etablierte Politik“ bei ?Themen wie Immigration oder europäische Integration“ versagt und polarisiert (Koopmans 1996: 54). Ein Moment, den wir Stand Februar 2016 in Deutschland haben?44

3. 2. 3. Kollektive Identität und kollektiver Akteur

Eng verknüpft mit den ?neuen sozialen Bewegungen“ ist die Annahme eines ?kollektiven Akteurs“ und einer ?kollektiven Identität“. Auch das Framing bezieht sich auf den ?Identitätsbegriff‘ und hat diesen in die internationale Debatte eingeführt (Roth 1998: 51). Da wir später im Zusanmienhang mit Pegida als auch im Rahmen der Framing-Analyse von einem kollektiven Akteur mit einer gemeinsamen Identität ausgehen, soll kurz auf Konstruktion des ?Wir“ und der ?kollektiven Identität“ eingegangen werden.

Wie Kolb sagt, sind es ?kollektive Akteure“, die im Rahmen des Framing erst soziale Probleme ?kreieren“ und eine ?Problemdeutung“ entwickeln (Kolb 2002: 31). Auch wenn Hellmann Ansätze der ?Collective Identity“ als eigenständiges Paradigma behandelt, verweist er auf die enge Verbindung zum Framing. Denn bei den Ansätzen zur ?kollektiven Identität“ gehe es auch ?um eine Konstruktionsleistung“. Es geht um die Organisation einer gemeinsamen Linie, die über die ?kollektive Identität“ erreicht wird und die letztlich als Unterscheidung in ein ?Wir/Die“ zusanmiengefasst werden kann (Hellmann 1998: 19)45. Sebastian Haunss sieht in den ?Prozessen kollektiver Identität“ das bestimmende Moment, in dem soziale Bewegungen ihr ?Handlungsfeld“ erzeugen. Nach der Definition von Melucci, auf die Haunss hinweist, würden ?kollektive Akteure“ erst dann entstehen, wenn sich eine ?gemeinsame Handlungsorientierung“ herausbildet (Haunss 2011: 43)46. Roth bezieht sich ebenfalls auf Melucci und nennt mit ?eine[m] Prozeß der kognitiven Definition von Zielen, Mitteln und Handlungsfeldem“, ?einem Netzwerk aktiver Beziehungen“ und ?emotionale Bindungen“ drei Dimensionen, die erst im Zusanmienspiel zu einer kollektiven Identität führen würden (Roth 1999: 54, mit Verweis auf Melucci 1996: 70f.). Nach Haunss berücksichtigt die Definition von Melucci vorwiegend nur die kognitive Ebene (Haunss 2011: 43), womit er die Grundlage für seine eigenen Überlegungen legt, nämlich das auch die ?Alltagspraxis“ beziehungsweise ?geteilte Lebensweisheiten“ auf die Bildung einer ?kollektiven Identität“ einwirken. Für Haunss geht mit der kollektiven Identität eine ?Herausbildung bestimmter Gemeinschaften“ einher (Haunss 2004: 72). So identifizieren sich die Individuen einer Bewegung mit den Gemeinschaften und beeinflussen ?wiederum die Formierung und Transformierung kollektiver Identitäten“ (ebenda). Eine Bewegungsidentität kann also, wie Michelle Beyeler im Rahmen ihrer Analyse zur Globalisierungskritik feststellt, Deutungsrahmen und damit auch ?klare Ideen über die kollektiven Vorgehensweisen“ bereitstellen, wodurch ?Bewegungsakteure“ mobilisiert werden (Beyeler 2013: 262). Eine ?kollektive Identität“ lässt sich mit folgenden Worten von Silvia Wieseler definieren:

?Kollektive Identität bezeichnet dabei das Bewusstsein und den Ausdruck der Zusammengehörigkeit einer Grappe, ein Wir-Gefiihl auf der Grandlage wahrgenommener Gemeinsamkeiten und anhaltender Integration und Stabilität der Bewegung und ermöglicht durch die Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel ein geschlossenes Agieren nach außen“ (Wieseler 2008: 400).

Dieses ?Wir-Gefiihl“ verweist auch gleichzeitig auf eine Abgrenzung und impliziert einen latenten Fingerzeig auf ?die da“, auf einen Gegner. Rucht bezeichnet dies als Grenzziehung, die alle, die sich unter dem ?Wir“ einordnen mit einem Handlungssystem versorgt, was schließlich als ?kollektive Identität“ bezeichnet werden kann. Dieses ?Wir“, so Rucht, ?mag auch als bloße Fiktion handlungswirksam werden“ (Rucht 1994: 79). Ein solches ?Wir-Gefiihl“, eine kollektive Identität, wird nach Jeffrey Wimmer fortwährend ?in sozialen Kontaktsituationen erzeugt, behauptet, infrage gestellt und verteidigt“ (Wimmer 2007: 201).

Es ist wichtig festzuhalten, dass wir unter einem kollektiven Akteur einen Zusammenschluss von kooperativen Individuen verstehen. Sonja Blum und Klaus Schubert gehen von einem ?komplexen Akteur“ aus, der sich wiederum in kollektiven und kooperativen Akteur unterscheiden lässt. Der Akteur ist immer ein Zusammenschluss aus mehreren Individuen beziehungsweise etwas zunächst Abstraktes, wie die EU als Akteur (Blum/Schubert 2011: 52). Mit Scharpf unterscheiden sie kollektive und kooperative Akteure insofern, als das bei einem kollektiven Akteur lediglich zu einer Zusanmienarbeit konmit, während beim kooperativen Akteur eine ?neue Handlungseinheit mit eigener Rechtspersönlichkeit“ entsteht (ebenda: 54, mit Verweis auf Scharpf 2000: 24). Blum/Schubert bringen als Beispiele eine Umweltbewegung, die bis zu einer Parteigründung ein kollektiver Akteur ist, ehe sie mit der Parteigründung zu einem kooperativen Akteur wird. Die Unterscheidung lässt sich auch in der Abhängigkeit von ihren Mitgliedern machen, da ein kollektiver Akteur, eine soziale Bewegung, sehr viel mehr abhängig von der Bereitschaft zum Engagement ihrer Mitglieder ist, als eine Partei (ebenda: 52/53).

3. 2. 4. Definition einer ?sozialen Bewegung“

Nachdem wir uns mit den verschiedenen Ansätzen und Paradigmen und der Frage nach einem kollektiven Akteur gewidmet haben, ist es nun an der Zeit zu klären, was eine soziale Bewegung überhaupt ist und wie man diese definieren kann.

Aus einer systemtheoretischen Perspektive schlägt Heinrich w. Ahlemeyer vor, soziale Bewegungen als ?Kommunikationssysteme“ zu verstehen, ?die selbstreferenziell Mobilisierungsoperationen prozessieren“ (Ahlemeyer 1995: 116, Hervorheb. d. Verf). Diese zunächst sperrige und Luhmann'sche Beschreibung einer sozialen Bewegung begründet Ahlemeyer aus der Definition von autopoietischen sozialen Systemen als ?temporalisierte Systeme“, die sich stets reproduzieren müssen. Damit ermöglicht er eine ?Temporalisierung“ von sozialen Bewegungen. Die soziale Bewegung geht danach mit einer ?Geschlossenheit“ einher und sie verfügt über eine ?hohe Selektivität“. Nur dann, wenn ?Mobilisierungsoperationen“ ausgemacht werden können, die sich gegen einen ?Gegner“ wenden, könne man von einer sozialen Bewegung sprechen. Ahlemeyer sieht mit seiner Definition drei Ebenen angesprochen: Die zeitliche, soziale und sachliche. Seine Definition hat den Anspruch, den ?selektiven, hochkomplexen und kompositen Charakter“ eines Kommunikationssystems, was hier eine soziale Bewegung ist, herauszustellen (ebenda). Interessant ist in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die zwei ?Elementaroperationen“ von sozialen Bewegungen (Wevelsiep 2000: 136). Einerseits ist es die ?Angst“, die sich die sozialen Bewegungen zu eigen machen und andererseits ist es die ?Mobilisierung“. Wie Hellmann feststellt, macht Angst Angst, und indem Bewegungen diese thematisieren, würden sie die dadurch erzeugte Angst wiederum zum Anlass nehmen, auf die Angst zu verweisen und sich damit als System behaupten (Hellmann 1996: 80). Ein Kreislauf entsteht so. Auch bei der ?Mobilisierung“ kommt der autopoietische Charakter der sozialen Systeme zum Tragen, denn ähnlich wie bei der ?Angst“ muss auch die Mobilisierung sich stets reproduzieren und Anschluss an die ?kommunikative Umweh“ (Ahlemeyer 1995: 111)47 finden. Findet keine Mobilisierung statt, kann das System soziale Bewegung nicht existieren. Ahlemeyer hat dies mit ?Mobilisierung mobilisiert Mobilisierung“ zugespitzt formuliert (ebenda: 114). Trotz der Hinweise auf Angst und Mobilisierung ist die systemtheoretische Definition von sozialen Bewegungen beziehungsweise diese Herangehensweise für uns wenig hilfreich, da diese ein umfangreiches Wissen um Systemtheorie und Kommunikationssysteme voraussetzt. Der Blick sollte daher auf eine andere Definition fallen.

Dieter Rucht weist darauf hin, dass der Begriff der sozialen Bewegung positiv konnotiert sei, da er mit ?Massenhaftigkeit, Kraft und Dynamik“ assoziiert werde und daraus folgen würde, dass sich viele Gruppierungen mit diesem ?Etikett“ schmücken (Rucht 1994: 76). Die sozialwissenschaftliche Forschung hingegen dürfe nicht diese Selbstetikettierung übernehmen, sondern müsse analytische Kriterien schaffen, anhand derer man eine soziale Bewegung identifizieren kann und diese im eigenen Forschungsfeld verorten. So gibt Dieter Rucht dann auch eine, wie er sagt, konventionelle Definition:

?Eine soziale Bewegung ist ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gmppen und Organisationen, welches sozialen Wandel mit Mitteln des Protests - notfalls bis hin zur Gewaltanwendung - herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen‘‘, (ebenda: 76/77).

Gleich mehrere Merkmale lassen sich anhand dieser Definition herausstellen. Einerseits verweist Rucht auf eine zeitliche Komponente, die mit ?gewisse[r] Dauer“ zwar recht vage ist, jedoch auf die Endlichkeit einer sozialen Bewegung hinweist. Diese Endlichkeit ist auf die Zielsetzung einer Bewegung zurückzuführen, mit der der ?soziale Wandel“ gemeint ist. Wenn dieser erreicht ist beziehungsweise nicht erreicht werden kann, wird eine Bewegung, sofern sie ihre ?Ziele“ nicht verändert, obsolet. Gleichzeitig ist für eine soziale Bewegung auch eine ?kollektive Identität“ von Nöten, die ein Handlungssystem und damit eine gewisse Linie und Handlungsanleitungen vorgibt. Ebenso sind es ?mobilisierte Netzwerke von Gruppen und Organisationen“, die eine soziale Bewegung konstituieren. Damit werden soziale Bewegungen in die Meso-Ebene verortet (Rucht 1994: 80). Allerdings darf man nicht außer Acht lassen, dass soziale Bewegungen auch Individuen ansprechen (Mikroebene, sie ?rekurrieren ihre Basis“ auf dieser Ebene) und durch den Wunsch nach gesellschaftlichem Wandel auch Auswirkungen auf die gesellschaftliche Ebene haben und damit auch über eine ?makrostrukturelle Orientierung“ verfügen (Bötticher/Mares 2012: 126). Joachim Raschke hat auch eine Definition zu sozialen Bewegungen erarbeitet, die sich in einigen Punkten von der Rucht-Definition unterscheidet.

Raschke versteht unter einer sozialen Bewegung:

?Soziale Bewegung ist ein mobilisierender kollektiver Akteur, der mit einer gewissen Kontinuität auf der Grandlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikationen mittels variabler Organisations- und Aktionsformen das Ziel verfolgt, grandlegenden sozialen Wandel herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen.“ (Raschke 1987: 21)

Ähnlich wie Rucht verweist Raschke auch auf den ?kollektiven“ Charakter einer sozialen Bewegung, wenngleich er explizit von einem kollektiven Akteur spricht, der mit hoher ?symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikationen“ ausgestattet ist. Die Integration erfolgt dabei über das ?Wir“-Gefìihl, welches bei Rucht über die ?kollektive Identität“ zum Ausdruck gebracht wird. Ebenso werdem die Mobilisierung (?mobilisierender“) und die Absicht, einen ?sozialen Wandel“ herbeizuführen oder diesen zu verhindern, angesprochen. Die Definition von Raschke hat aber den Vorteil, dass sie die Organisationsfomi einer sozialen Bewegung ein Stück weit offen lässt und damit die Definition beweglicher macht. Denn wo Rucht von ?Gruppen und Organisationen“ spricht, ist es bei Raschke ?nur“ ein kollektiver Akteur. Gerade die Frage, ob man eine soziale Bewegung zu einer Organisation zählen kann, ist sicherlich nicht unstrittig. Ab welchem Organisationsgrad kann man von einer sozialen Bewegung sprechen? Ist es nicht gerade das latent Unorganisierte, das eine Bewegung ausmacht? Natürlich ist es auch nicht von der Hand zu weisen, wie das ?Institut für soziale Bewegungen“ an der Ruhr-Universität Bochum zum Begriff der sozialen Bewegung feststeht, dass diese sich ?meist vor der Schwelle“ zu einer formalen Organisation befinden48. Raschke geht mit der angesprochenen ?geringeren Rollenspezifikation“ weiter auf den Organisationsgrad einer Bewegung ein. Die soziale Bewegung ist ?als Ganzes“ wesentlich mehr als ?die Organisation“ und im Vergleich zu einer formalen Organisation, also zum Beispiel einer Partei, verfügen soziale Bewegungen über eine ?geringere Ausdifferenzierung“, wenngleich das nicht bedeutet, dass es keine formellen Strukturen gibt (Raschke 1987: 21). Eine soziale Bewegung ist damit immer größer als die Organisation(en), die ihr Strukturen verschafften: ?Der Akteur ist nicht durch eine spezifische Organisationsfomi zu charakterisieren“ (ebenda: 20). Wichtig scheinen auch die von Raschke getroffenen ?Abgrenzungen“, wonach sich eine soziale Bewegung hinsichtlich zur ?kollektiven Episode, zur Organisation und zu fluiden kulturellen Phänomenen“ unterscheidet. Eine kollektive Episode ist etwas Kurzfristiges, was mit einem ?spontanen Massenverhalten“ einher geht49.

Die Definitionen von Rucht und Raschke sind in ihrer Auslegung ähnlich, wenngleich bei Raschke hervorsticht, dass die soziale Bewegung hier größer als die Organisation ist und bei Rucht vor allem neu ist, dass auf die kollektive Identität und auch auf den Protest, als Mittel zum Ausdruck des Unmuts, hingewiesen wird. Wie Raschke abschließend feststeht, darf nicht vergessen werden, dass ?soziale Bewegungen ein 'weicher' Gegenstand sind“, mit ?undeutlichen Grenzen“ und dass man immer mit ?Schwierigkeiten“ rechnen müsse. Eine ?zweifelsfreie Identifizierung“ von sozialen Bewegungen ist somit nicht immer möglich (ebenda: 29).

3. 2. 5. Soziale Bewegungen und soziale Netzwerke

Das Internet hat nicht nur die Kommunikation, die Wissensaneignung und -Vermittlung nachhaltig verändert, sondern das Internet hat auch für soziale Bewegungen und für die Organisation von Protest neue vielfältige Möglichkeiten der Mobilisierung ergeben. Insbesondere den ?sozialen Netzwerken“50 (Social Media), die mit dem fast überall vorhandenen Intemetanschluss und den ebenfalls immer weiter verbreiteten Smartphones, schnell und einfach zu bedienen sind, kommt eine inmier größere Bedeutung zu. Das Zauberwort heißt hier ?Viralität“: In Windeseile können sich Themen, Gerüchte, Skandale und Katzenvideos verbreiten. Ein Potenzial, welches inmier mehr Akteure im Umfeld von sozialen Bewegungen zu nutzen wissen.

Facebook51 beinhaltet vor allem ?User Generated Content“, der einzig dem Informationsaustausch und auf die Interaktion der Nutzer abzielt (Pegorim 2011: 137). Gleichzeitig ist Facebook stark durch ?Personalisierung“ geprägt - etwas, was auch auf soziale Bewegungen zutrifft (ebenda: 139). Man legt ein eigenes, persönliches Profil an und gestaltet dies nach eigenen Vorstellungen. Die Außendarstellung zielt nicht selten darauf, Aufmerksamkeit zu bekommen, Interaktion anzuregen oder im übertragenen Sinne ein Statement abzugeben. Das alles gilt auch für soziale Bewegungen, die sehr auf ihre Außendarstellung bedacht sind und für Interaktion mit ihren Themen/Problemen sorgen wollen. Vor diesem Hintergrund sind soziale Netzwerke, und in unserem Fall Facebook, nicht nur bloße ?Unterhaltung“, banale Alltagsbeschäftigung oder ein Werkzeug um effektiv zu prokrastinieren, sondern mittlerweile haben Facebook und Co. für soziale Bewegungen und Protest eine große Bedeutung. Während früher unter anderem per Telefon, Handzettel, Zeitschriften oder Mund-zu-Mund-Propaganda mobilisiert wurde, sind es heute Twitter und Facebook, die durch die Vernetzung und Schnelligkeit des Informationsaustausches und des Internets ganz neue Möglichkeiten geschaffen haben. Wobei natürlich die ?alten Wege“ nicht obsolet werden.

Der arabische Frühling wurde in der Forschung hinsichtlich der Nutzung der sozialen Netzwerke besonders betrachtet. Sigrid Baringhorst fragt in ihrem Aufsatz zu ?Internet und Protest“ ob die ?Arabellion“ als ?Ausdruck der Macht digitaler sozialer Netzwerke“ verstanden werden könne (Baringhorst 2014: 91). Baringhorst sieht das Jahr 2011 als ein Jahr ?weltweiter politischer Proteste“, wo vor allem der ?Arabische Frühling“ hervorsticht. Aber auch die mittlerweile bedeutungslose Occupy-Bewegung machte viel von sich Reden. Während bei der Occupy-Bewegung soziale Netzwerke scheinbar keine große Rolle spielten52 beziehungsweise eine gleichwertige Rolle wie die ?Word of Mouth“-Kommunikation innehatten (Fuchs 2014: 85), sieht das für den ?Arabischen Frühling“ ganz anders aus53. Gerade bei autoritären und totalitären Staaten, die streng kontrollieren, was in den öffentlichen Diskurs hineinkommt und passieren darf, sind Facebook, Twitter und Co. ein hilfreiches Werkzeug um Protest zu organisieren und sich zu artikulieren. ?Die neuen sozialen Medien“ können eine ?subversive Wirkung“ entfalten, die ?das enge Netz der Überwachung“ umgeht (Wirz 2012: 4). Albrecht Hofheinz sieht die Heraushebung der sozialen Netzwerke kritisch und untersuchte, welche Rolle die ?Sozialen Medien“ tatsächlich beim Arabischen Frühling spielten. Zu diesem Zweck befragte er Menschen, die an den Protesten teilnahmen nach ihrer Sichtweise. Es zeigte sich, dass vor allem die ?Aktivisten und Gebildeten“ der Bedeutung von Facebook skeptisch gegenüberstehen. Demnach sei es vornehmlich die Frustration gewesen, und nicht Facebook, die die Leute auf die Straße brachte und zudem seien Aktionen bei Facebook ?weitgehend Clicktivismus“ (Hofheinz 2013: 118). Doch zeigte sich bei den ?weniger gebildeten, weniger prominenten“ Protestteilnehmem, dass Facebook aus deren Sichtweise sehr wohl eine große Bedeutung hatte. Hofheinz fasst aus seinen Interviews die zwei wesentlichen Aussagen dieser Gruppe so zusammen, das Facebook die Leute einerseits zusammenbrachte und andererseits, dass die Revolution ohne Facebook nicht hätte stattfinden können (ebenda: 119). Für Hofheinz geht der Begriff der ?Facebook- Revolution“ zu weit, da er die Ursachen für die Proteste ausblende, jedoch bietet Facebook zweifelsohne Werkzeuge, die die Mobilisierung erleichtern. Durch die Sozialisation und durch die zunehmende Bedeutung von Internet, sozialen Netzwerken und dem ?digitalen Leben“ haben Facebook und Co. zwangsläufig eine ?wichtige Rolle im Sozialisationsprozess“ und, wie Hofheinz anmerkt, auch eine ?wachsende“ soziale Bedeutung und damit einher geht logischerweise auch ein Bedeutungszuwachs für soziale Bewegungen (ebenda: 125).

Auch bei den Maidan-Protesten in der Ukraine spielten soziale Netzwerke für die Mobilisierung und für Informationsaustausch eine wichtige Rolle. Glaubt man einem Artikel der European Journalism Oberservatory, dann löste gar ein Facebook-Eintrag die Proteste erst aus54. Joshuha A. Tucker et al. (Tucker 2014) haben die Proteste des Maidans hinsichtlich der Social­Media-Aktivitäten untersucht und konnten feststellen, dass diese Medien ?zweifelsohne geholfen haben“, die Leute zum Euromaidan-Protest zu bringen und das Social Media eine wichtige Rolle beim ?logistischen Support“ spielte. Sie schlussfolgern, dass es in Zukunft so sein wird, dass Protest und Protestbewegungen wesentlich schneller entstehen können (?more rapidly than in the past“) (Tucker 2014: 18)55.

Soziale Netzwerke haben eine zunehmende Rolle bei der Mobilisierung von Bewegungen. Dabei dürfen die eigentlichen Ursachen, die wirtschaftlicher oder politischer Natur sind, nicht vernachlässigt werden. ?Clicktivismus“, also das Teilen, Liken und diskutieren von Beiträgen und Themen, muss noch nicht bedeuten, dass der Protest auch auf der Straße stattfindet. Doch nutzen soziale Bewegungen, wie Eliana Pegorim nach einer eigenen Untersuchung von Klimwandelkampagnen auf Facebook feststellt, Facebook ?für Mobilisierung ihrer Kampagnen“.

Das geschieht ?durch das Bereitstellen von Informationen, durch Organisieren und Fördern von Online­und Offline-Aktionen, durch Fördern der Interaktion und des Community-Buildings, durch Verlinken auf andere Inhalte auf Facebook und externe Websites und durch Unterstützen organisatorischer Tätigkeiten und Ziele‘‘ (Pegorim 2011: 151).

Sie verweist darauf, dass die von ihr festgestellte Kommunikation schon vor den sozialen Netzwerken in ähnlicher Weise da war, jedoch einen Teil eines neuen ?Kommunikationsrepertoires“ darstellt. Letztlich vergrößert sich das ?Repertoire an kollektiven Aktionen“ (ebenda: 152). Dieses neue ?Kommunikationsrepertoire“ - wie sich später zeigen wird - weiß Pegida sehr gut zu nutzen.

3. 3. Der Framing-Ansatz - ?oder die soziale Konstruktion von Protest“

Mit ?die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit haben Peter L. Berger und Thomas Luckmann 1966 das ?Schlüsselwerk“ des Sozialkonstruktivismus veröffentlicht und ebneten den Weg für eine ?neue“ Wissenssoziologie. Gesellschaft ist hier eine ?objektive Gegebenheit“, die jedoch erst infolge von menschlichen Handlungen, durch soziale Rollen, Sprache, Institutionen und Symbolsystemen zu der objektiven Wirklichkeit wird, die jeden umgibt (Berger/Luckmann (2012: V). Der Mensch ?inmitten seiner Kollektivgebilde“ steht mit ?seiner gesellschaftlichen Welt in Wechselwirkung“ und so kommen Berger/Luckmann zu der Formel: ?Gesellschaft ist ein menschliches Produkt. Gesellschaft ist eine objektive Wirklichkeit. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Produkt (Berger/Luckmann 2012: 65, Hervorhebung i. o.). Die These ist, dass die ?soziale Wirklichkeit“ nur doppelt existiert, nämlich einmal als ?objektives Faktum“ und subjektiv, wenn man dieser Wirklichkeit einen Sinn zuspricht (ebenda: XI). Diese Sinnproduktion und Sinnzuschreibung konstruiert unsere Welt.

Warum ist es interessant, auf Berger und Luckmanns Werk hinzuweisen? Es ist die Grundidee einer konstruierten Wirklichkeit, die wichtig ist, wenn wir von der Inszenierung von Protest und Framing reden. Denn Framing bezieht sich explizit auf die Konstruktion von Protest56 bzw. auf die Konstruktionsleistung von sozialen Bewegungen und steht damit in einem sozialkonstruktivistischen Kontext. Ein soziales Problem ist nicht einfach da, sondem wird durch einen kollektiven Akteur, in unserem Fall von Pegida, erst als solches wahrgenommen und in die Gesellschaft eingebracht. Eine ?Problemwahmehmung“ kann keine gesellschaftliche Anerkennung finden, wenn kein kollektiver Akteur sich dafür engagiert (Schetsche 1996: 3)57. Michael Schetsche verweist mit seinem Werk ?Die Karriere sozialer Probleme“ auf die Konstruktion von sozialen Problemen und nennt acht verschiedene Akteure, die an dieser Konstmktion mitwirken (ebenda: 47). Zu diesen Akteuren zählen soziale Bewegungen, die sich wiederum aus mehreren Akteuren zusanmiensetzen. Schetsche bezeichnet diese Akteurfomis als ?Meta-Akteur“ und man könnte auch von einem kollektiven Akteur sprechen58.

Um diese ?Konstruktion“ einer Wirklichkeit greifbarer zu machen, möchte ich auf eine Abbildung von Felix Kolb hinweisen, der ein Schaubild entwickelte, welches auf den Annahmen von Schetsche basiert und sehr anschaulich die ?soziale Konstruktion von Realität“ anhand einer Umweltbewegung darsteht. Demnach haben wir in Abbildung 1 eine Umweltbewegung, die aus einem Sachverhalt ein Problem ?formuliert“, welches als ?Problemmuster“ auf den ?Wahmehmungskokon“ wirkt. Der Sachverhalt ist im Falle der Anti-Castor-Bewegung sehr vereinfacht gesagt zunächst das Atomkraftwerk, welches Strom erzeugt und in der Landschaft steht. Diesen Sachverhalt gab und gibt es, seit es Atomkraftwerke gibt, die Umweltbewegung sorgte dann jedoch dafür, dass nicht mehr die vielleicht günstige und ?saubere“ Energie von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, sondem die Bedrohlichkeit, die von Atomkraftwerken und den Castortransporten ausgeht. Ist das erst einmal gesehen, steht nicht mehr der Sachverhalt Atomkraftwerk im Mittelpunkt und im öffentlichen Fokus, sondem die Bedrohung oder Umweltverschmutzung, die von diesem ausgehen könnte. Die Wahrnehmung ist daher der entscheidende Ausgangspunkt, wenn es um soziale Probleme im öffentlichen Diskurs geht (Kolb 2002: 31). Einen großen Anteil an der Problemwahmehmung in der Öffentlichkeit haben schließlich auch die Massenmedien, die wiederum durch ?Diskursstrategien“ von den sozialen Bewegungen beeinflusst werden. Gleichzeitig muss die Bewegung aber auch auf ?Altemativdeutungen“, die beispielsweise von Lobbyverbänden der Atomkraftwerksbetreiber in den ?Wahmehmungskokon“ eingebracht werden, reagieren und diese abwehren oder umdeuten. Was das Schaubild nicht zeigt, ist, dass der ?Wohlfahrtsstaat“ und die ?Bevölkerung“, das von den Massenmedien veröffentlichte und auch das was die soziale Bewegung als Akteur ?zur Sicherung der Problemwahmehmung“ unternimmt, aufnehmen und dabei die ?Problemwahmehmung faktisch und ideell“ reproduzieren. Am Ende dieses Prozesses steht die ?Kokonrealität“, die das soziale Problem umfasst (Schetsche 1996: 15).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Quelle: (Kolb 2012: 32)

Das Schaubild deutet auch an, dass diese Konstruktion ein ständiger Prozess und eigentlich nie abgeschlossen ist, da ständig Reize von außen, seien es die Massenmedien oder Altemativdeutungen, auf den Wahmehmungskokon einwirken. Gleichzeitig finden aber auch innerhalb der Bewegung Prozesse und Konstruktionen statt, auf die ebenfalls noch einzugehen sein wird.

Wie Reinhard Kreissl und Fritz Sack anmerken, sind sich soziale Bewegungen, die wir als kollektive Akteure begreifen, ihrer Rolle als ?Konstrukteure sozialer Wirklichkeit“ durchaus bewusst und sie betreiben damit auch eine ?bewusste Inszenierung“ (Kreissl/Sack 1998: 42). Die soziale Bewegung ist vor diesem Hintergrund ständig damit beschäftigt, das soziale Problem zu artikulieren. Selbst wenn sie es gegen Altemativdeutungen verteidigen kann und die Massenmedien darauf anspringen, ist noch lange nicht gesichert, dass die Bewegung dauerhaft bestehen und vor allem auch mobilisieren kann. Hier kann der Framing-Ansatz helfen zu verstehen, wie eine soziale Bewegung einerseits das Problem erkennt, deutet und formuliert, und anderseits, wieso eine Bewegung wahrgenommen und auch erfolgreich wird. Denn nur wenn ein Problem auch von potenziellen Teilnehmern von Protesten, von neuen Mitgliedern der sozialen Bewegungen wahrgenonmien und verstanden wird - also sie das Problem ebenfalls identifizieren und etwas dagegen machen wollen - kann eine Bewegung erfolgreich sein. Der nachfolgend vorgestellte Framing-Ansatz kann treffend als die ?Entwicklung und Propagiemng eines Deutungs- und Erklärungsmusters“ (Kolb 2002: 31) beschrieben werden.

Der Framing-Ansatz entwickelte sich in Abgrenzung zum Ansatz der ?neuen sozialen Bewegungen“ und der Ressourcenmobilisierung und geht vor allem auf David A. Snow und Robert D. Benford zurück. Beide kritisieren eingangs in ?Ideology, Frame Resonance, and participant Mobilization“, dass die beiden genannten Ansätze ?meanings or ideas“ und ?ideational elements“ als gegeben ansehen. Diese Ansätze würden zwar deskriptiv darauf verweisen, jedoch keine tiefer gehenden Untersuchungen vornehmen. Für Snow/Benford sind soziale Bewegungen gewiss auch Träger und übermittler von ?beliefs and ideas“, sie sind jedoch auch aktiv an einer Produktion von ?meanings“ beteiligt. Soziale Bewegungen nehmen damit direkt Einfluss auf das, was Teilnehmer, Gegner und Beobachter an Argumenten und Problemen ?mitbekommen“. Snow/Benford sprechen hier von ?production“ und ?work“, und kommen so schließlich auf den Begriff des ?Framing“, der diese Konstruktionsleistung als Begriff konzeptualisiert (Snow/Benford 1988: 198).

Die zentrale These des Framing ist, je höher die Qualität des Framing, desto höher ist die Mobilisierungsfähigkeit einer sozialen Bewegung (ebenda: 199)59. Snow/Benford fassen unter ?frame resonance“ all die Fragen zusammen, die sich mit der Mobilisierung und Partizipation von Bewegungen beschäftigen. Denn, wie sie feststellen, sind manche ?Frames“ sehr erfolgreich, während andere versanden und wieder andere sogar negative Auswirkungen haben und ?counterproductive“ sind (ebenda: 198). Tibor Kliment fasst die Funktion des Framing sehr gut mit den Worten zusanmien, dass ?erst die Bedeutungszuweisung in Form der passenden Darstellung eines Themas [...] die Mobilisierung von Aufmerksamkeit und Widerstand [erlaubt7“ (Kliment 1998: 70). Die Leistung von Frames besteht in der Mobilisierung der Bewegung und der öffentlichen Meinung (Hellmann 1998: 20). Framing ist ?meaning construction“ und das Ergebnis der ?framing activity“ bezeichnen Benford/Snow in einem späteren Aufsatz als ?collective action frames“ und betonen damit noch einmal den konstruktivistischen Charakter ihrer Theorie (Benford/Snow 200: 614).

3. 3.1. Kemelemente des Framing - ?core framing tasks“

Snow/Benford habend das ?Framing“ analytisch zunächst in drei ?core framing tasks“ unterteilt (Snow/Benford 1988: 199). Das ?diagnostic framing“, ?prognostic framing“ und ?motivational framing“ stellen den Kem ihrer Konzeption dar.

Am Anfang steht das ?diagnostic framing“, welches die ?identification of a problem and the attributation of blame or causality“ einschließt (ebenda: 200). Eigentlich eine logische Sache, doch muss ein Thema erst erkannt und schließlich als Problem formuliert werden. Die Diagnose des Problems, die Herausstellung dessen, ist essenziell für eine soziale Bewegung. Warum sollte man sich engagieren und protestieren, wenn das Thema völlig trivial ist oder es schlicht keinen Anlass gibt? Das ?diagnostic framing“ umfasst zusätzlich auch die Identifikation der Ursachen beziehungsweise der Verursacher. Die Zuschreibung der ?Verantwortlichkeit“ und die ?Problemkonstruktion“ müsse klar und überzeugend sein, so Hellmann (Hellmann 1998: 20f.). Tibor Kliment wird hier noch etwas ausführlicher und bringt das ?diagnostic framing“ auch mit ?empirischer Glaubwürdigkeit“ in Zusammenhang. Denn wie Snow/Benford selber schreiben, muss eine gewisse ?emperical credibility“ (Snow/Benford 1988: 208) vorhanden sein. Je besser der Sachverhalt und das Problem empirisch untermauert werden, desto besser kann sich eine Bewegung gegen Argumente wehren, die die von der Bewegung gestellten Diagnosen als vage oder hypothetisch abtun. Schließlich kann das ?diagnostic framing“ mit der ?Etikettierung eines Sachverhalts als problematisch und [der] Ursachendiagnose“ sehr treffend umschrieben werden (Kliment 1998: 70).

Das ?prognostic framing“ umfasst Lösungsvorschläge hinsichtlich des Problems und auch die Identifikation von ?strategies, tactics, and targets“ (Snow/Benford 1988: 201). Kem spricht hier die Glaubwürdigkeit der sozialen Bewegung an, die nur gewährleistet wäre, wenn eine plausible oder nachvollziehbare Problemlösung angeboten werde. Diese ?Lösungsvorschläge“ zu finden ist nach Kem, ebenso wie bei der Problemdiagnose, mit einem ?komplizierten Aushandlungsprozess“ verbunden. Als Beispiel fügt er die ?globalisiemngskritische Bewegung“ an, welche sich durch eine äußerst hohe Pluralität hinsichtlich der Träger und Mitglieder auszeichnet und dadurch viele verschiedene Themen anspricht (Kem 2008: 144). Gleichzeitig gehen mit dem ?prognostic framing“ auch ?zu ergreifende Maßnahmen und Aktionen“ einher (Kliment 1998: 71).

Der dritte wesentliche Punkt des Framing ist das ?motivational framing“, welches Motivation erzeugt und gute Gründe für ein Engagement in einer Bewegung liefern sollte. Es muss neben der Diagnose und der Nennung von Ursachen und Vemrsachem auch eine motivierende Komponente geben, die die Funktion des ?prods to action“ beinhaltet und Einfluss darauf ausübt, ob Mitglieder und Sympathisanten für bestimmte Aktionen, Demonstrationen oder generell für die soziale Bewegung gewonnen werden können. Sie sprechen hier auch von einem ?call to amis or rationale for action“, was weiter gehen würde als das, was schon im diagnostic und prognostic framing passieren würde (Snow/Benford: 202).

[...]


1 ?PEGIDA‘?‘ ist die Eigenschreibweise und Kurzform von ?Patriotische Europäer gegen die Islamisienmg des Abendlandes“. Für eine bessere Lesbarkeit wird PEGIDA im Folgenden immer als ?Pegida“ geschrieben.

2 Vgl. https :?WWW. youtube. com/watch?v70?RSnvUCcCg (Abgerufen am 26.02.2016)

3 Vgl. https://www.google.de/trends/topcharts#date=2015&geo=DE (Abgerufen am 26.02.2016)

4 Auf der Facebook-Seite von Pegida kommt das Wort ?Gutmensch“ bei 2117 ausgewerteten Beiträgen insgesamt 27-mal vor. Nimmt man Naivmenschen (22) noch hinzu, sind es schon 49 Nennungen.

5 Vgl. http://www.t-online.de/regionales/id_76278910/-kaltland-demo-Pegida-gegner-in-dresden-mit-steinen- beworfen.html und http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/Pegida-npd-afd-deutschland-radikalisiert- sich/12445238.html (Abgerufen am 26.02.2016)

6 Der ?Umbau eines Großstadtbahnhofs“ führte damals zu großen Protesten, die über den Bahnhof hinaus, ?grundsätzliche Fragen nach der Funktionsfähigkeit der repräsentativen Demokratie“ stellten (Bebnowksi 2013: 127). An einem vergleichsweise harmlosen Bauprojekt entlud sich der Protest und die Politik wurde infrage gestellt.

7 Vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-74184564.html (Abgerufen am 03.03.2016)

8 Marketing im Sinne des eigenen Verkaufens und Anpreisens.

9 Vgl. http://www.focus.de/politik/deutschland/irgendwann-hat-es-sich-ausspaziert-forscher-Pegida-beweg1mg- hat-hoehep1mkt-ueberschritten_id_4422285.html (Abg. 03.03.2016)

10 Vgl. http://www.sueddeutsche.de/digital/digitaler-stammtisch-ohne-facebook-kein-Pegida-1.2321113 (Abg. 26.02.2016)

11 Im Vergleich: Die SPD hat 96.773 und die CDU 101.614 Likes (Stand 24.02.2016). Damit hat Pegida mehr ?Gefällt mir“-Angaben als die SPD und CDU zusammen.

12 Die Bewegungsforschung steht im ?Bannkreis ihres Objekts‘?‘ und gerade wenn man sich so eingehend mit einer Bewegung beschäftigt, ist ?kühle Distanz“ zu halten schwer (Rucht 1995: 22). Eine hermeneutische Perspektive muss - folgt man Rucht - gleichzeitig ?Nähe und Distanz“ waren. Sie muss somit sinnverstehend und rekonstruierend sein. Vgl. http://www.bpb.de/apuz/27201/die-medienorientierte-inszenierung-von-protest (Abgerufen am 12.03.2016) Protestforschung betreibt in diesem Sinne nicht nur Wiederholung der Selbstbeschreibung, sondem schaut ?auch das Meinen der Bewegten“ an (Haunss/Ullrich 2014: 296). Die Position von Nähe und Distanz wird in dieser Arbeit auch eingenommen.

13 Ulrike Meinhof ?Vom Protest zum Widerstand, In: Konkret 5/1968“ Sie zitiert einen ?Schwarzen der Black­Power-Bewegung auf der Vietnamkonferenz (...) in Berlin“ Vgl. http://www.ruhr-uni- bochum.de/bsz/516/516meinhoff.htm (Abgerufen am 26.02.2016)

14 So verweist die Suchmaschine Google bei der Sucheingabe von ?Pegida Protest“ auf 479.000 Ergebnisse. Bei der Eingabe von ?Pegida Protestbewegung“ sind es 27.200 Ergebnisse. (Anführungszeichen hier nur zur Hervorhebung der Sucheingabe. Die tatsächliche Eingabe erfolgte ohne ?“)

15 Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Protest (Abgerufen am 26.02.16)

16 ?Protest“ geht es ähnlich wie dem Begriff der ?Gewalt“, der auch eine weite Auslegung erfährt und nicht nur als wissenschaftlich, sondern auch politisch ?umkämpft“ beschrieben werden kann (Mackert 2013: 97). Christoph J. Virgi merkt an, dass es dem Begriff ?Protest“ an Trennschäfte fehlt (Virgi 2011: 21).

17 Virgi verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Aussparung des Begriffs in vielen ?Begriffslexika der Soziologie und Politikwissenschaften“ (ebenda: 22).

18 Diese Einnahme der Opposition vom politischen System zeigt sich auch in der während der Studentenproteste entstandenen APO (Außerparlamentarische Opposition), die damit ihre Unabhängigkeit und ihre Kritik an der damals tatsächlich kaum vorhandenen parlamentarischen Opposition zum Ausdruck brachte.

19 Sozialer Druck ergibt sich hier aus dem Bewusstsein der vorhandenen Missstände und der wachsenden Notwendigkeit, sich dagegen zu artikulieren. Protest ist, so stellt Pross weiter nüchtern fest, eine Mitteilungsform und er setzt ein empfindsames Wesen, Öffentlichkeit und ein ?Gegenüber‘?‘ voraus (ebenda: 18).

20 Diese Bezeichnung geht auf Kai-Uwe Hellmann zurück. Vgl. (Hellmann 1998)

21 Mark Herkenrath plädiert für ein ?eklektisches Vorgehen‘¦‘ und schlägt vor, bei einer Analyse von Bewegungen eine Kombination verschiedener Ansätze in Erwägung zu ziehen (Herkenrath 2011: 57).

22 So heißt es: ?Die Geburt der europäischen Moderne aus dem Geist der Aufklärung“. Lottes spricht von der Aufklärung sogar als einer ?spezifisch europäischen Bewegung“.

23 Lottes sieht drei Quellen (Glaubensrevolution, Entwertung der antiken Literatur und Entgrenzung der europäischen Welt seit dem 15. Jahrhundert) aus denen sich die ?Umwälzungsenergie“ speiste. (Lottes 2011: 1)

24 Karl Marx und Friedrich Engels hatten deswegen für die Bewegungsforschung (in Europa) einen ?entscheidenden Einfluss‘?‘, da sie zum einen soziale Bewegungen aus einer geschichtsphilosophischen Perspektive heraus in der Makro-Ebene verorteten und ihre ?Bedeutung für gesellschaftliche Zentralkonflikte“ als auch ?ihre Bedeutung für sozialen Wandel“ herausstellten. Zum anderen galt ihr Einfluss aber auch vor dem Hintergrund der von ihnen beschriebenen ?Verbundenheit mit der Sozialstruktur der Gesamtgesellschaft“ als äußert wichtig (Hellmann 1998: 11). Der ?Mensch“ wandelte sich nach Marx von der ?Klasse an sich“ (die Verortung durch die ?Produktionsverhältnisse“ in die Gesellschaft) zur ?Klasse für sich“, was mit einem Bewusstsein und eigenen Interessen einherging, was schließlich zu ?Spannungen“ führe und einen Umbrach bewirke (ebenda).

25 Seine Thesen über die Beeinflussung der Massen - insbesondere was Propaganda angeht - sollten im Nachhinein und vor allem unter Berücksichtigung der Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts leider eine gewisse Plausibilität erhalten.

26 Die ?drei Techniken“ sind eine Behauptung aufzustellen, diese zu wiederholen und sie zu übertragen oder eine ?Ansteckung“ zu vollziehen. Damit verweist Le Bon unbewusst auch auf Techniken, die im Framing-Ansatz und der ?Konstruktion von Protest“ zum Tragen kommen. (Le Bon 1982: 81)

27 Wie Benjamin Henrichs in der ZEIT schreibt, betrachtete Gustave Le Bon diese ?psychologische Masse“ aus der Perspektive der ?skeptischen Vernunft“ heraus und mag sie wohl als ein ?Ungeheuer, eine tausendgliedrige, tausendköpfige Bestie“ beschrieben haben, welche er gerne ?töten“ würde. Die Sicht von Le Bon auf die Entwicklung war wenig optimistisch: Er sah nach Henrichs mit Beginn des 20. Jahrhunderts das ?Zeitalter der Massen“ gekommen. Vgl. http://www.zeit.de/1983/42/psychologie-der-massen (Abgerufen am 26.02.2016)

28 Rucht weist auch darauf hin, dass diese Variante auch unter der ?contagion theory“ bekannt ist. ?Contagion“ impliziert mit ?Ansteckung“ die schon kritisierte Irrationalität und Kathy s. Stolley - die Le Bon als Vater der Theorien des kollektiven Verhaltens sieht - weißt auf den hypnotischen Einfluss hin und darauf, dass in dieser Sichtweise rationales Handeln durch ?unconscious and instinctual behaviors“ ersetzt werden würde (Stolley 2005: 185). ?Contagion“ könne jedenfalls nicht alleine kollektives Verhalten erklären.

29 Interessant ist der abschließende Vergleich von Hellmann, nach dem der Marxismus im Kontext von sozialen Bewegungen diese ?prinzipiell als kollektives Handeln“ verstehen würde, woraus sich aus der Logik der Klassenkämpfe (beim Übergang von ?klasse an sich“ zu ?klasse flir dich“) eine ?eigene Rationalität“ feststellen lasse. Die Massenpsychologie hingegen würde soziale Bewegungen ?überwiegend als kollektives Verhalten“ interpretieren, wo im ?Verhalten“ die schon angesprochene Irrationalität mitschwingt (Hellmann 1998: 12)

30 Unter relativer Deprivation versteht man eine ?subjektive Wahrnehmung einer Person1¦‘, die sich ?im Vergleich zu anderen ungerecht behandelt und benachteiligt“ fühlt (Schmidt et al. 2006: 214). Der Kern hierbei ist, dass diese Person einen Vergleich vomimmt und für sich annimmt, dass die ihr im Vergleich fehlenden Ressourcen auch zustehen würden.

31 Es lassen sich nach Schmidt et al. zwei Formen des Vergleiches ausmachen: Einerseits den persönlichen, also den der ?individuellen relativen Deprivation“ und andererseits den Vergleich aus der Grappe heraus. Schmidt et al. nennen hier das Beispiel von ?fratemaler Deprivation", womit ein Vergleich zwischen den in Deutschland lebenden Deutschen und Ausländem gemeint ist (Schmidt et al. 2006: 216).

32 Hellmann verweist hier auf Dürkheims Anomietheorie (Hellmann 1998: 10) während Herkenrath nur Merton und seine Anomietheorie ?als Folge des technologischen Wandels“ anspricht (Herkenrath 2011: 34).

33 Weitere collective behavior-Ansätze lassen sich noch unter der Überschrift der ?Bewegungen als ,Normfall“ einordnen. Hier verortet Herkenrath Theorien, die ?im Interaktionismus der Chicagoer Schule“ entstanden sind. Diese sehen zwar soziale Bewegungen auch als ?unorganisierte [...] Erscheinungen“ an, jedoch sprechen sie ihnen einen ?wichtigen Einfluss auf den gesellschaftlichen Wandel zu“ (Herkenrath 2011: 35).

34 So zeigen Turner und Killian mit ihrer ?emergent-norm theory“, dass sich, wenn sich Bewegungen und Menschen zusammenfinden, neue ?Normen“ entstehen können. Diese entstehen durch Kommunikation und Hinweise innerhalb der ?Crowd“. Den ?leaders“ kommt hier eine entscheidende Bedeutung zu, da sie einen ?Guide“ vorgeben. Aus den konstruierten Normen ergeben sich schließlich situationsbedingte Handlungen. (Stolley 2005: 186) mit Verweis auf Turner, Ralph H./Killian, Lewis M. (1987): Collective Behavior. Prentice- Hall.

35 Wie Karl-Dieter Opp schreibt, sind soziale Bewegungen in der Krisen-Perspektive vor allem auf sozialen Wandel ausgelegt und dementsprechend sind die Entstehungsgriinde von sozialen Bewegungen (jene nach dem 2. Weltkrieg in der Bundesrepublik) in der ?Krisenhaftigkeit‘‘ des Systems Bundesrepublik; zu suchen. Es ginge um Veränderung der ?wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ordnung der Bundesrepublik“ (Opp 1996: 224).

36 Virgi weist mit Luhmann darauf hin, dass es aus der Logik der Systemtheorie heraus immer unerschöpfliche Themenfindung und damit auch soziale Probleme geben kann (Virgi 2011: 31, mit Verweis auf Luhmann 1997: 857).

37 Kern sieht das Konzept der politischen Gelegenheitsstrukturen als ?Korrektiv zur Ressourcenmobilisierungstheorie‘'‘ (Kern 2008: 152).

38 Hellmann verwendet mit ?Political Opportunity Structures“ (POS) den internationalen Begriff und meint damit auch die ?Umweltbedingungen“, denen soziale Bewegungen zwangsläufig ausgesetzt sind und die Einfluss auf die Bewegungen haben.

39 Nach Hellmann wird bei der Frage nach günstigen und ungünstigen Gelegenheiten für Bewegungen vor allem der Staat betrachtet, jedoch können auch Gegenbewegungen miteinbezogen werden (Hellmann 1998: 24).

40 Dieter Rucht lässt bei den vormodemen Bewegungen bewusst das ?Soziale‘‘ weg: ?So gesehen kann eine typologische Unterscheidung getroffen werden zwischen vormodemen und modemen Gesellschaften, zwischen Bewegungen in der Vormodeme einerseits und im Wortsinne soziale Bewegungen andererseits, welche in der Modeme und nur in der Moderne möglich sind“ (Rucht 1999: 17).

41 Rucht weißt mit Tilly darauf hin, dass die neuen sozialen Bewegungen nur Weiterentwicklungen jener Bewegungen seien, ?die im 19. Jahrhundert an Konturen gewonnen‘¦‘ haben (Rucht 1999: 19, mit Verweis auf Tilly 1979).

42 So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass die ?Entwicklung rechter sozialer Bewegungen“ in einem der Hauptwerke zu den neuen sozialen Bewegungen bewusst ausgeklammert wurde (Klein/Legrand/Leif 1999: 11).

43 Die kognitiven Fähigkeiten verhindern eine ?rasche Übernahme des ideologisch-theoretischen Programms‘?‘ (Bergmann/Erb 1996: 22).

44 Im Zuge der NSB muss man abschließend anmerken, dass sich das ?Forschungsjoumal Neue Soziale Bewegungen“ 2011 in ?Forschungsjoumal Soziale Bewegungen“ umbenannte, um die ?ganze Breite gesellschaftlicher Bewegungssektoren“ Rechnung zu tragen und eben nicht nur die ?links-libertären 'neuen sozialen Bewegungen'“ einzuschließen (Forschungsjoumal o.v. 2013: 6).

45 Die Unterscheidung in ein Wir/Die kann über eine Vielzahl an Faktoren erreicht werden. Flellmann nennt hier unter anderem Nation, Kultur, aber auch Klasse und generell ?sozialstrukturelle Potenziale“ (Flellmann 1998: 19).

46 Melucci selber spricht dabei von einem ?Handlungssystem“, welches am Ende eines Konstraktionsprozesses steht und letztlich als ?kollektive Identität“ bezeichnet werden kann. Zwar sei die ?kollektive Identität“ das Ergebnis, jedoch ist der Prozess der Identitätsbildung niemals abgeschlossen. Der Kern dieses Prozesses ist die Produktion eines ?allgemeinen Deutungsmuster[s]“, welches die Akteure nach Melucci in die Lage versetzt, ?ihre Umwelt einzuschätzen und Kosten wie Nutzen ihrer Handlungen berechnen zu können“ (Melucci 1999: 117).

47 ?kommunikative Umwelt“ = die Umwelt der sozialen Bewegungen und das Mobilisienmgsziel.

48 Vgl. http://www.isb.nihr-imi-bochum.de/isb/begriff.html.de (Abgerufen am 06.03.2016)

49 Strömungen wie die ?Romantik‘?‘ oder ?Sbirm und Drang“ werden nicht als soziale Bewegung angesehen (ebenda: 26-28).

50 Im Folgenden wird unter ?soziale Netzwerke1¦‘ Plattformen wie Facebook oder Twitter verstanden.

51 Was mit ?thefacebook“ als internes Studentennetzwerk begann, hat sich in mehr als 10 Jahren zu einem multinationalen und börsennotierten Konzern entwickelt, der 2015 mit 1,49 Milliarden aktiven Nutzem alleine bei der Hauptplattform (www.facebook.com) fast jeden 5. Menschen auf seiner Plattform verzeichnen konnte. Vgl. ?Facebook-Nutzerzahlen Q2/2015: Fast 1,5 Milliarden aktive Nutzer [...]“ aus dem Börsenbericht Q2/2015 vom 31.07.2015 auf http://allfacebook.de/news/q2-2015

52 Die Konrad Adenauer Stiftung hat die Occupy-Bewegrmg untersucht und stellt fest: ?Soziale Netzwerke wie Facebook spielen eher eine Nebenrolle, werden aber zur Bildung sogenannter Zellen benutzt, die sich dann zu realen Protesten mobilisieren lassenN (Hartleb 2012: 26).

53 Die ?Grüne Revolution" im Iran wurde bereits als ?Twitter-Revolution‘¦‘ bezeichnet (Baringhorst 2014: 91).

54 Vgl. http://de.ejo-online.eu/pressefreiheit/euromaidan-wenn-joumalisten-zu-aktivisten-werden (Abg. 27.02.16)

55 Bei all den Möglichkeiten, die das Internet und die sozialen Netzwerke bieten, in totalitären Regimen für Umbrüche zu sorgen, darf man nicht vergessen, dass Facebook und Co. gleichzeitig auch ideale Plattformen sind, wenn es um die Verbreitung von Propaganda und Falschmeldungen geht. Aus ?westlicher“ Sicht scheinen die Proteste im Kontext des Arabischen Frühlings, der Occupy-Bewegung und auch die Maidan-Proteste legitim und positiv besetzt. Doch gibt es die andere Seite, die mit ähnlichen Mitteln versucht, Menschen für ihre Sache zu gewinnen.

56 Reinhard Kreissl und Fritz Sack sprechen bei Framing auch von der ?kognitiv-soziale[n] Dimension von sozialem Protest‘ (KreissFSack 1998: 41). Flellmann umschreibt dies damit, dass der Framing-Ansatz die konstruktivistischen Züge einer sozialen Bewegung betone (Flellmann 1998: 20).

57 Schetsche lässt hier allerdings außer Acht, was der Framing-Ansatz in Bezug zu Fragen der Mobilisierung miteinbezieht. Nämlich das Engagement alleine nicht für eine erfolgreiche Mobilisierung ausreicht.

58 Unter dem Begriff des Meta-Akteurs versammeln sich die Akteure ?Advokaten, Experten und Betroffene" (Schetsche 1996: 3). Zusätzlich finden sich noch ?Bewegungsprofessionelle‘‘, die Schetsche später mit Verweis auf Kleidman, als jene Akteure beschreibt, die als ?einfache Mitglieder" in einer sozialen Bewegung anfangen, dann mit steigender Professionalisienmg sich zu ?Vollzeit-Aktivisten‘'‘ wandeln und schließlich sogar von der Organisation finanziell unterstützt werden (Schetsche 2014: 100).

59 So sagen Snow/Benford: ?It is our thesis that varration in the success of participant mobilization, both within and accross movements, depends upon the degree to which these three tasks are attended to. The more the three tasks are robust or richly developed and interconnected, the more successful the mobilizations effort, ceteris paribus‘‘ (Snow/Benford 1988: 199).

Ende der Leseprobe aus 130 Seiten

Details

Titel
Die Inszenierung des Protests bei PEGIDA
Untertitel
Über die Dramatisierung, Konstruktion und Inszenierung von Protest auf der PEGIDA-Facebook-Seite
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,8
Autor
Jahr
2016
Seiten
130
Katalognummer
V452222
ISBN (eBook)
9783668849747
ISBN (Buch)
9783668849754
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pegida, Soziale Bewegungen, Framing, Facebook, Social Movement, Neue Recht, Fremdenfeindlichkeit, Protest
Arbeit zitieren
Florian Erbach (Autor), 2016, Die Inszenierung des Protests bei PEGIDA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452222

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Inszenierung des Protests bei PEGIDA


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden