Margaret Mead gegen Derek Freeman: Meads Samoa, ein Mythos?


Seminararbeit, 2004
25 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Margaret Mead: „Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften“
1. Einleitende Kurzbiographie Margaret Meads (Jahre 1901-1925)
2. Ausarbeitung der Fragestellung und Entscheidung für ein Zielland
3. Franz Boas und der Kulturdeterminismus
4. Beschreibung von Meads Feldstudie
4.1 Die Ankunft auf Samoa und erste Vorbereitungen
4.2 Working in the field: Meads Vorgehen bei der Datensammlung
4.3 Nachbearbeitung und das Erscheinen von „Coming of Age in Samoa“
5. Resultate und wichtigste Thesen der Studie Meads

III. Kritiker Derek Freeman: „Liebe ohne Aggression“
1. Freemans Untersuchung als Wiederholungsstudie zu Meads Forschung auf Samoa
1.1 Restudies im Allgemeinen
1.2 Zielsetzungen von Freemans Restudy
2. Freemans Feldforschung auf Samoa
2.1 Rahmenbedingungen der Studie
2.2 Vorbereitung weiterer Analysen zu den Samoa-Inseln
2.3 Freemans Vorgehensweise und seine verwendeten Quellen
3. Die Mead-Freeman-Debatte
3.1 Freemans Ergebnisse und seine Kritik an „Coming of Age in Samoa“
3.2 Forschung im Widerspruch? Erklärungsversuche für die unterschiedlichen Ergebnisse
3.2.1 Kritik an Margaret Mead
3.2.2 Kritik an Derek Freeman
4. Der Einfluss der Mead-Freeman-Debatte auf die Ethnologische Forschung

IV. Zusammenfassung

Bibliographie

Eigenständigkeitserklärung

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der sogenannten Mead-Freeman-Debatte, die Anfang der achtziger Jahre aufkam und eine heftige Diskussion bezüglich ethnologischer Feldforschung entfachte. Zwei Werke unterschiedlicher Forscher standen sich gegenüber, die beide dieselbe Kultur beschrieben, jedoch zu völlig konträren Ergebnissen und Theorien gelangten. Diese Widersprüchlichkeit erregte damals großes Aufsehen; nicht nur wissenschaftliche Kreise, sondern auch die Öffentlichkeit zeigten großes Interesse an jener Angelegenheit, was wiederum die Diskussion vor einem breiten Publikum mit sich brachte.

Um die Mead-Freeman-Debatte verständlich zu machen, werden in der folgenden Abhandlung die Werke von Margaret Mead „Kindheit und Jugend in Samoa“ und „Liebe ohne Aggression- Margaret Meads Legende von der Friedfertigkeit der Naturvölker“ von Derek Freeman vorgestellt.

Eine einleitende Kurzbiographie zur Person Margaret Meads, gibt Einblick in das Leben und Werk eines jungen Mädchens, das über Umwege zum Fach Ethnologie gelangte und dabei eine Leidenschaft für sich entdeckte. Im Folgenden wird auf den Entstehungsprozess der Fragestellung, sowie auf die Entscheidung für das Zielland eingegangen und auf die Bedeutung von Franz Boas hingewiesen, einem angesehenen Professor und Vertreter des Kulturdeterminismus, der die junge Studentin während ihrer gesamten Forschungszeit betreute. Hierbei wird gleichermaßen ein besonderes Augenmerk auf die Auseinandersetzung zwischen Vertretern des Kulturdeterminismus und der Eugenik geworfen, welche für den späteren Streitpunkt in den achtziger Jahren maßgeblich war.

Im weiteren Verlauf wird Meads Feldforschung auf Samoa beschrieben, zu der die Vorbereitung, die Durchführung auf der Insel selbst, sowie die wichtigsten Ergebnisse und Besonderheiten zählen, die in ihrem Buch „Kindheit und Jugend auf Samoa“ veröffentlicht wurden.

Im darauf folgenden Abschnitt wird Derek Freeman als Kritiker präsentiert. Er führte über Jahrzehnte hinweg eine Restudy auf Samoa durch und stellte dabei Meads Resultate in Frage. Bei der Überprüfung von Meads Theorien stellte er deren Fehlerhaftigkeit fest und widerlegte mit seiner Publikation „Liebe ohne Aggression“ sämtliche Erkenntnisse seiner Forscherkollegin. Zum Vergleich der beiden Studien werden deshalb ebenfalls Freemans Feldforschung, seine damit verbundene Absicht, die Vorbereitung und Durchführung, sowie seine Ergebnisse vorgestellt.

Beide Studien stehen sich gegenüber und werden im letzten Teil der Arbeit mit Hilfe weiterer Forschermeinungen kritisch durchleuchtet. Es soll versucht werden, mögliche Ursachen, die zur Verschiedenartigkeit der Resultate wesentlich beigetragen haben, darzustellen und den Einfluss der Mead-Freeman-Debatte auf die ethnologische Forschung klar herauszuarbeiten. Abschließend soll eine Zusammenfassung dem Leser einen letzten Überblick über die in der Arbeit gewonnenen Eindrücke und Schlüsse geben.

II. Margaret Mead: „Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften“

1. Einleitende Kurzbiographie Margaret Meads (Jahre 1901-1925)

Margaret Mead wurde am 16. Dezember 1901 in Philadelphia als Kind zweier Akademiker geboren. Der Vater, Edward Mead, war Professor für Finanzwissenschaft an der Universität von Pennsylvania, die Mutter, Emily Fogg Mead, eine Soziologin, die für die Gleichstellung der Frauen eintrat.[1] Um Margaret eine möglichst kreative Ausbildung geben zu können, entschieden sich ihre Eltern gegen den Besuch einer Schule und veranlassten die Erziehung durch Margarets Großmutter, einer ausgebildeten Lehrerin. Dies bezeichnete Mead später als sehr entscheidend für die Entwicklung ihrer Begabungen und Persönlichkeit.[2] Schon im frühen Alter kam Margaret Mead durch die Arbeit ihrer Mutter mit sozialwissenschaftlicher Forschung in Berührung. Nachdem sie ein Jahr in der DePauw University in Indiana verbracht hatte, wechselte sie 1920 an das bekannte Bernard College in New York, wo sie begann, Psychologie zu studieren. Zwei Jahre später wählte sie einen Ethnologiekurs bei Franz Boas aus, der eine neue Leidenschaft in ihr entfachen sollte. In dieser Zeit lernte sie auch Ruth Benedict, die damalige Assistentin Boas, kennen, mit der sie später eine tiefe Freundschaft verbinden sollte. Professor Boas, wie auch Benedict sollten Margaret Meads kommende Werke entscheidend beeinflussen.[3]

„Was immer Mead in späteren Jahren tat, war von der Boas-Schule geprägt, das heißt von dem Gedanken, daß jedes kulturelle Phänomen, jede menschliche Verhaltensweise, jedes kulturelle Zeugnis [...] als Teil eines gesamten Systems zu sehen und in Bezug zu allen anderen Phänomenen der jeweiligen Kultur zu setzen sei.“[4]

Margaret Mead schrieb trotz ihres großen Interesses für das Fach Ethnologie ihre Magisterarbeit in Psychologie. Sie beschloss daraufhin, einen Doktortitel in Ethnologie zu erwerben und Feldforschung zu betreiben. Auf einer Tagung der British Association for the Advancement of Science in Toronto stellte die 24-jährige Frau fest, dass jeder Forscher der damaligen Zeit sich in den Diskussionen auf ein bestimmtes Volk bezog und auch sie wünschte sich ein „eigenes Volk“.[5]

Im Sommer des Jahres 1925 erfüllte sich ihre Sehnsucht. Margaret Mead brach auf nach Samoa, eine Inselkette im südlichen Pazifik, um dort ihre erste Feldforschung zu betreiben. Mit den revolutionären Ergebnissen dieser neunmonatigen Forschung verfasste sie ihre Doktorarbeit, die daraufhin 1928 als Buch unter dem Titel „Coming of Age in Samoa“ veröffentlicht und ein Bestseller wurde.[6]

2. Ausarbeitung der Fragestellung und Entscheidung für ein Zielland

Bevor Margaret Mead nach Samoa aufbrechen konnte, musste sich die junge Studentin mit ihrem Professor Franz Boas bezüglich der Fragestellung und der zu erforschenden Kultur ihrer Studie auseinandersetzen.

Ursprünglich hätte sie gerne eine Studie in einem Land durchgeführt, das noch unberührt von westlichen Einflüssen stand. Doch Boas hatte Bedenken was jene Kulturen betraf, die sich in Afrika und dem Südpazifik befanden: die Gefahr sei zu groß, Margaret zu jung und unerfahren. Hinzu kam seine Sorge um ihre Gesundheit und so konnte er die junge Studentin von seinem eigenen Projekt und Interesse überzeugen.[7] Mead sollte sich mit der Frage der Adoleszenz junger Mädchen beschäftigen. Sie sollte herausfinden, inwieweit das jugendliche Sturm- und Drang-Verhalten in der Pubertät in den USA von kulturellen Normen geprägt wird, oder ob die schwierige Phase des Erwachsenwerdens einzig auf biologische Veränderungen zurückzuführen sei.[8] Doch dem Wunsch Boas, diese Studie bei amerikanischen Indianern durchzuführen, kam sie nicht nach. Sie wählte stattdessen Amerikanisch-Samoa aus, ein US Protektorat im südlichen Pazifik.

In ihrem Buch „Brombeerblüten im Winter“ schrieb Mead, dass sie vor ihrer ersten Feldforschung nicht viel über eine Forschung an sich gelernt hatte. Zuvor wurde sie lediglich eine halbe Stunde von Professor Boas in die Arbeit im Feld eingewiesen.[9]

„He told her she must be willing to seem to waste time just sitting around and listening. His other piece of advice was that she not try to study the whole culture but only her own area of inquiry.”[10]

Mit diesem Wissen und einem Stipendium von nur 150 Dollar monatlich brach Margaret Mead zu ihrer ersten Feldforschung nach Samoa auf. Am Bahnhof von Philadelphia verabschiedete sich die damals erst 24-Jährige für 9 Monate von ihren Eltern und ihrem

Ehemann Luther Cressman und trat die Reise nach Samoa an.[11]

3. Franz Boas und der Kulturdeterminismus

Professor Boas, einer der angesehensten Anthropologen in den USA, hatte Mead bei der Wahl ihrer Studie beraten und war interessiert an den Forschungsergebnissen, die Mead mitbringen sollte. Als Vertreter des Kulturdeterminismus war es ihm ein großes Anliegen, die Hypothese zu festigen, dass Kultur viel bedeutsamer für das Verhalten und die Entwicklung des Menschen sei, als dessen biologische Voraussetzungen. In den zwanziger Jahren gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der Eugenik und den Anhängern des Kulturdeterminismus, darunter auch Franz Boas als einer der wichtigsten Vertreter. Streitpunkt der Anlage-Umwelt-Kontroverse war der Einfluss von Erbanlagen auf menschliches Verhalten und dessen Stellenwert. Das Thema war zu jenem Zeitpunkt nicht nur von wissenschaftlicher Bedeutung, sondern galt auch dem Interesse der allgemeinen Öffentlichkeit.[12]

„So gab es also im Jahr 1911 zwei intellektuelle und wissenschaftliche Schulen, die sich wie These und Antithese zueinander verhielten- die von Boas und Davenport-, und keiner der beiden schien daran gelegen zu sein, die Koexistenz und Interaktion von genetischen und außergenetischen Prozessen in einer konstruktiven Weise zu erforschen. [...] Die eine dieser beiden Lehren überschätzte die Biologie, die andere bewertete die Kultur allzu hoch.“[13]

4. Beschreibung von Meads Feldstudie

4.1 Die Ankunft auf Samoa und erste Vorbereitungen

Am 25. August 1925 kam Margaret Mead auf Ost-Samoa an und musste zu ihrer Enttäuschung feststellen, dass die Inselgruppe nicht so primitiv zu sein schien, wie sie es sich erhofft hatte. Missionare der Concregational Church besiedelten die Insel seit über 100 Jahren und in jedem Dorf waren Kirchen und Schulen zu finden. Selbst die Bewohner der Inseln trugen gewöhnliche, anstatt der traditionellen, aus Rinden gefertigten Kleidung. Allerdings sprach die Bevölkerung nach wie vor kein Englisch, lebte in einfachen Behausungen und ernährte sich lediglich von Fischfang und einfacher Landwirtschaft.[14]

Die ersten sechs Wochen verbrachte Margaret Mead mit dem Erlernen der samoanischen Sprache in der Hauptstadt Pago Pago auf Tutuila. Danach wurde sie als Gast bei einem Häuptling des Dorfes Vaitogi eingeladen, der sie die samoanische Etikette lehrte. Er führte sie in den Umgang mit höheren Mitgliedern einer Dorfgemeinschaft ein, unterrichtete sie in der Sprache der Häuptlinge, erklärte ihr die wichtigsten Höflichkeitsformeln und vermittelte ihr sogar Wissen über wichtige Zeremonien.[15] Schon im November setzte sie auf die Insel Ta´u, die in der östlichsten Region von Samoa liegt, über. Mead wählte Ta`u aus zwei bestimmten Gründen aus: Zum einen schienen die Bewohner noch relativ unberührt durch die amerikanische Kultur zu sein, zum anderen gab es dort eine große Anzahl von Jugendlichen im pubertierenden Alter.[16] Sie quartierte sich bei dem amerikanischen Apotheker Edward R. Holt ein, dessen Haus in der Nähe der drei Dörfer lag, in denen die jungen Mädchen lebten, mit denen sie arbeiten würde. Mead wählte für ihre intensive Studie genau 50 heranwachsende junge Frauen im Alter zwischen 10 und 20 Jahren aus.[17]

4.2 Working in the field: Meads Vorgehen bei der Datensammlung

Nachdem die Auswahl der Mädchen getroffen war, wurde Margaret Mead bald klar, dass sie ihr Wissen bezüglich des gesamten Zyklus einer samoanischen Frau vertiefen müsste, um das Verhalten der Heranwachsenden noch besser verstehen zu können. Dazu zählte sie Zeremonien und Bräuche bei Geburten und Hochzeiten, sowie das Verhalten und die Regeln für junge Frauen in der Gesellschaft. Mead wurde während der ganzen Wochen vor Ort von einer junge Frau namens Felofiaina unterstützt, die ihr bei der Analyse von Familiengeschichten und Beziehungskonstellationen eines jeden Haushaltes der drei Dörfer half. Die Forscherin arbeitete oft bis Mitternacht an ihren Aufzeichnungen weiter. Meads Wissen über die neue Kultur nahm schnell zu und ihre Sprachkenntnisse verbesserten sich zunehmend. Sobald sie fähig war, die Sprache zu verstehen, begann sie mit intensiven Interviews von Einzelpersonen. Für das Entgegenkommen der Samoanerinnen bedankte sie sich mit kleinen Geschenken, wie unter anderem Zigaretten, Tinte, Papier oder Fotos. Mit der Zeit konnte sie die Gespräche in Gruppen fortsetzen, nicht zuletzt aufgrund ihrer sich stetig erweiternden Sprachkenntnisse. Dieser Fortschritt war für sie von erheblicher Bedeutung, da sie nun aufgrund der Diskussionen unter den Gruppenmitgliedern an mehr Information gelangen konnte.[18]

Mead war von Anbeginn mit ihren Fortschritten zufrieden und fühlte sich auf Samoa wohl, was vielleicht auch darauf zurückzuführen war, dass sie den Eindruck hatte, von den Samoanern selbst als Mitglied der Gemeinschaft anerkannt worden zu sein.

„[...] in her home village of Ta`u she was treated as a commoner and could move about freely. In this way, Margaret believed she obtained access to all levels of Samoan society.”[19]

Schon nach 9 Monaten schloss sie ihre Studie auf Samoa ab und trat ihre Rückreise in die Heimat an.

4.3 Nachbearbeitung und das Erscheinen von „Coming of Age in Samoa“

Zurück in New York bekam sie eine Stelle als Assistenz-Kuratorin der ethnologischen Abteilung beim American Museum of Natural History. Gleichzeitig begann sie ihre Forschungsergebnisse zu verschriftlichen, welche später als Buch unter dem Titel „Coming of Age in Samoa“ verlegt wurden.[20] Das Werk beschreibt detailliert das Leben der samoanischen Mädchen und die Sozialstruktur der Gesellschaft. Daneben birgt es revolutionäre Thesen in sich, die ihr später zu großem Ruhm verhelfen sollten, jedoch auch scharfer Kritik ausgesetzt waren.

Das fertige Manuskript überließ sie Professor Boas in Sorge, nicht das erforscht zu haben, was er wünschte. Doch er schien restlos begeistert zu sein und schrieb im Vorwort ihres Buches:

„Darum sind wir Miß Mead so dankbar dafür, [...] daß sie uns ein klares und leuchtendes Bild von den Freuden und den Schwierigkeiten eines jungen Individuums in einer Kultur gibt, die sich von der unserigen völlig unterscheidet .“[21]

Franz Boas bemängelte nur ein kleines Detail, welches Meads Ausführung von leidenschaftlicher und romantischer Liebe auf Samoa betraf, ansonsten war er äußerst zufrieden mit dem Ergebnis seiner Studentin.[22]

5. Resultate und wichtigste Thesen der Studie Meads

Margaret Mead kehrte mit einschneidenden Erkenntnissen in die USA zurück. Sie hatte ein Negativbeispiel in der Südsee gefunden, welches belegen sollte, dass Erwachsenwerden, Sexualität und Emotionen vorwiegend durch den kulturellen Rahmen geprägt und bestimmt werden, und nicht mit biologischen Vorgängen erklärt werden können.[23] Sie beschrieb die samoanische Kultur wie folgt:

Auffallend sei das Nichtvorhandensein von emotionalen Bindungen, sowohl zwischen Eltern und Kindern, als auch zwischen Eheleuten gewesen, dass sie bis auf wenige Ausnahmen hatte beobachten können. Auf Samoa war die Geburt eines Kindes kein besonderes Ereignis; die Mütter wandten sich gleich nach der Entbindung wieder ihren täglichen Aufgaben zu. Die Säuglinge wuchsen innerhalb der Familien auf, wobei die Betreuung dabei aber keine große Rolle zu spielen schien. Mead erschien das Verhältnis zwischen Mutter und Kind als sehr markant, denn die samoanische Mutter fühlte sich nur solange für ihr Neugeborenes verantwortlich, wie sie es stillen musste. Das Kleinkind wurde in den ersten Jahren weder in seiner körperlichen noch in seiner geistigen Entwicklung gefördert. Sobald der Säugling von der Brust seiner Mutter entwöhnt war, wurde er einem meist sechs- bis sieben jährigen Mädchen in Obhut gegeben, das ab jenem Zeitpunkt verantwortlich für das Wohlbefinden und die Erziehung des Kleinkindes war. So schien die Erziehung eines samoanischen Kindes in den ersten fünf Lebensjahren meist sehr einfach und war nicht geprägt durch emotionale Beziehungen zu bestimmten Personen.[24] Margaret Mead schrieb dazu:

„Die kleinen Kindermädchen sind natürlich mehr an Frieden interessiert, als an der Bildung der Charaktere ihrer Schützlinge [...]. Keine Mutter wird sich die Mühe nehmen, ein kleines Kind zu erziehen, wenn ein Größeres verantwortlich gemacht werden kann.“[25]

Meads Beobachtungen zufolge erzog sich das sechsjährige Mädchen durch die Verantwortung für ein kleineres Kind selbst und wurde durch diesen Prozess sozial „brauchbar“ gemacht. Wie Mead feststellen konnte, kamen die Kinder schon in frühestem Alter mit den verschiedensten komplexen Situationen, wie Geburt, Sexualität und Tod, ohne Schaden in Berührung, was sie wiederum auf die fehlenden emotionalen Bindungen an bestimmte Personen und die allgemeine Gleichgültigkeit der Gesellschaft zurückführte.[26]

Die Mädchen entdeckten ihre Sexualität, nachdem sie von der Last des Kinderhütens befreit waren, in spielerischer Form und erlernten sie ohne weitere Einschränkungen. Bis zur Pubertät wurde die Trennung der Geschlechter auf Samoa strikt eingehalten, doch schon im Alter von 17 Jahren, so Mead, genoss die junge samoanische Frau ihre sexuelle Freiheit und kostete die Jahre vor ihrer bevorstehenden Eheschließung mit zahlreichen Liebesabenteuern aus.[27] Der körperliche Genuss stand hierbei im Vordergrund und diente damit nicht als Mittel der Verbundenheit, denn der „Geschlechtsverkehr ist eine natürlich, angenehme Sache; die Freiheit, mit der er betrieben werden darf, wird nur in einer Hinsicht eingeengt, nämlich durch den gesellschaftlichen Stand [...].“[28]

Auf Samoa gab es zwei anerkannte Beziehungsformen; einerseits Beziehungen zwischen jungen, unverheirateten Samoanern und Samoanerinnen, andererseits die von Ehebruch gekennzeichnete Partnerschaft. Nur eine Einschränkung hinsichtlich der freien Sexualität konnte Margaret Mead entdecken, welche die Taupo, die Häuptlingstochter, betraf. Sie musste ihre Jungfräulichkeit bis zur Hochzeitsnacht bewahren und wurde demnach vor den Versuchen junger Männer beschützt.[29]

Mead schrieb außerdem, dass die jungen Mädchen auf Samoa ihr Leben frei gestalten konnten und eine wundervolle, problemlose Pubertät genossen, die sie mit zahlreichen Liebesabenteuern durchlebten. Es sei ihnen nicht eilig gewesen, erwachsen zu werden und sie kosteten diese schöne Phase in vollen Zügen aus. Ferner fiel Mead das Fehlen von Konkurrenzdenken, Rivalität und Eifersucht bei den jungen Samoanern auf. Diese Tatsache führte sie auf das Erziehungssystem zurück, das individuelle Unterschiede verwischte. Auf Samoa galt es sogar als eher negativ, andere in ihren Leistung übertreffen zu wollen.[30]

„Niemand wird im Leben vorwärts getrieben oder wegen langsamer Entwicklung bestraft. Im Gegenteil, Begabte, Frühentwickelte werden zurückgehalten, bis die Langsameren sie eingeholt haben.“[31]

Auch das Leben der Erwachsenen auf Samoa beschrieb Mead als angenehm. Sehr selten traf sie dort auf Probleme wie psychische Störungen oder Eifersucht. Selbst das Vorhandensein von Neurosen konnte sie nicht erkennen. Frigidität und psychische Impotenz waren aufgrund der Beziehungsformen, die dort vorhanden waren, gänzlich unbekannt, da sexuelle Beziehungen nicht mit starken Gefühlsbindungen belastet wurden. Neurosen, größere Konflikte und Kriminalität waren ebenfalls nicht festzustellen.[32]

Die Forscherin fand weitere Besonderheiten heraus, welche die Liebesbeziehungen der Erwachsenen auf Samoa charakterisierten.

„Die romantische Liebe unserer Gesellschaft, untrennbar verbunden mit den Vorstellungen von Monogamie, Ausschließlichkeit, Eifersucht und unerschütterlicher Treue, gibt es auf Samoa nicht. [...]. Hier wird die Ehe als gesellschaftliches und wirtschaftliches Übereinkommen angesehen, bei dem Vermögen, Rang und Können der beiden Partner ins Gewicht fallen.“[33]

Dies bedeutete aber nicht, dass auf Samoa keinerlei Romantik zu finden war. Im Gegenteil: Mead erkannte vielmehr, dass die samoanische Bedeutung von Liebe und Zuneigung oberflächlich betrachtet ähnlich derjenigen der westlichen, zivilisierten Welt war. Liebe, Hass, Eifersucht, und Rache, Trauer und Verlust würden dort allerdings nur Wochen angedauert haben. Es schien Mead, als würden auf Samoa tiefere Empfindungen nicht existieren. Selbst Ehebruch bedeutete nicht zwingend das Ende einer Ehe. Scheidungen und andere Konflikten lösten die Samoaner einfach, indem sich die betroffenen Personen fortan gänzlich aus dem Weg gingen oder sogar vorübergehend den Wohnort wechselten.[34]

„Denn auf Samoa spielt niemand mit hohem Einsatz, niemand zahlt einen hohen Preis, niemand leidet für seine Überzeugung oder kämpft bis zur Ermattung für ein besonderes Ziel.“[35]

Nach Meads Aussagen basierte das Funktionieren dieser sorgefreien samoanischen Lebensweise auf der allgemeinen Gleichgültigkeit der ganzen Gesellschaft. Die Samoaner hätten eine oberflächliche Einstellung zum Leben. Sie versuchten, Konflikte oder gar schmerzliche Situationen zu vermeiden. Man könnte sagen, dass genau aus diesem Grund das Aufwachsen eines samoanischen Mädchens schmerzfrei und problemlos verlief.

Des weiteren bezeichnete die Forscherin den Einfluss der Kirche auf die Jugendlichen in Amerikanisch-Samoa als gering, vor allem weil die christliche Lehre keinen Einfluss auf das soziale Leben gehabt hätte. In den letzten beiden Kapiteln in „Kindheit und Jugend in Samoa“ fasste Mead die Schwerpunkte der samoanischen Erziehung zusammen und stellte sie der amerikanischen gegenüber. Mit Hilfe ihrer Ergebnisse versuchte sie die Probleme der eigenen Gesellschaft zu benennen, wobei sie zu dem Schluss gelangte, dass Grundzüge der samoanischen Freizügigkeit dem amerikanischen Erziehungsstil gut tun würden und diese Übertragung des erlangten Wissens in den eigenen Kulturkreis dabei auch Probleme lösen könnte. Jedoch riet sie davon ab, Verhaltensweisen aus fremden Kulturen kompromisslos in die eigene zu übertragen und empfahl dagegen ein Überdenken der eigenen Normen und Werte. Jedoch, so Mead, könnte man mit Hilfe des Wissens über andere Lebensweisen zu Verbesserung innerhalb der eigenen Kultur beitragen.[36]

[...]


[1] Mark, Margaret Mead- Coming of Age in America. S.13.

[2] Marschall, Klassiker der Kulturanthropologie. S.297.

[3] Mark, Margaret Mead- Coming of Age in America. S.16-19.

[4] Marschall, Klassiker der Kulturanthropologie. S.299f.

[5] Mead, Brombeerblüten im Winter. S.99ff.

[6] Marschall, Klassiker der Kulturanthropologie. S.301.

[7] Mark, Margaret Mead- Coming of Age in America. S.25.

[8] Mead, Brombeerblüten im Winter. S.102.

[9] Ebd., S.110.

[10] Mark, Margaret Mead- Coming of Age in America. S.27.

[11] Marschall, Klassiker der Kulturanthropologie. S.301.

[12] Feest; Kohl, Hauptwerke der Ethnologie. S.294.

[13] Freeman, Liebe ohne Aggression. S.53.

[14] Mark, Margaret Mead- Coming of Age in America. S.29.

[15] Mead, Brombeerblüten im Winter. S.120f.

[16] Mark, Margaret Mead- Coming of Age in America. S.30.

[17] Feest; Kohl, Hauptwerke der Ethnologie. S.295.

[18] Mark, Margaret Mead- Coming of Age in America. S.33.

[19] Ebd., S.33f.

[20] Mead, Brombeerblüten im Winter. S.132f.

[21] Mead, Kindheit und Jugend in Samoa. S.24.

[22] Freeman, The fateful hoaxing of Margaret Mead. S.176.

[23] Feest; Kohl, Hauptwerke der Ethnologie. S.296.

[24] Mead, Kindheit und Jugend in Samoa. S.46ff.

[25] Ebd., S.48

[26] Mead, Leben in der Südsee. S.132.

[27] Mead, Kindheit und Jugend in Samoa. S.58.

[28] Mead, Leben in der Südsee. S.128f.

[29] Mead, Kindheit und Jugend in Samoa. S.100.

[30] Feest; Kohl, Hauptwerke der Ethnologie. S.296f.

[31] Mead, Leben in der Südsee. S.127.

[32] Feest; Kohl, Hauptwerke der Ethnologie. S.297.

[33] Mead, Kindheit und Jugend in Samoa. S.105.

[34] Mead, Leben in der Südsee. S.127.

[35] Mead, Leben in der Südsee. S.127.

[36] Feest; Kohl, Hauptwerke der Ethnologie. S.297.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Margaret Mead gegen Derek Freeman: Meads Samoa, ein Mythos?
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Klassiker der Ethnologie
Note
1,3
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V45228
ISBN (eBook)
9783638426633
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Margaret, Mead, Derek, Freeman, Meads, Samoa, Mythos, Klassiker, Ethnologie
Arbeit zitieren
Anonym, 2004, Margaret Mead gegen Derek Freeman: Meads Samoa, ein Mythos?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45228

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