Die Darstellung Frankreichs und Russlands in der Julikrise 1914 in der österreichischen und deutschen offiziösen Presse

Ein Vergleich zwischen dem Wiener Fremdenblatt und der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung


Hausarbeit, 2016
23 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Zeitungen
2.1 Fremdenblatt
2.2 Norddeutsche Allgemeine Zeitung

3. Vergleich der Darstellungen Frankreichs und Russlands im Fremdenblatt und der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung
3.1 Darstellung nach dem Attentat von Sarajevo
3.1.1 Fremdenblatt
3.1.2 Norddeutsche Allgemeine Zeitung
3.2 Darstellung nach Tiszas Rede im Ungarischen Parlament
3.2.1 Fremdenblatt
3.2.2 Norddeutsche Allgemeine Zeitung
3.3 Darstellung nach dem Ultimatum an Serbien
3.3.1 Fremdenblatt
3.3.2 Norddeutsche Allgemeine Zeitung
3.4 Zusammenfassung und Verzahnung der Analyseergebnisse

4. Fazit

5. Quellen- und Fiteraturverzeichnis

1. Einleitung

Der 28. Juli 1914, der Tag der Kriegserklärung Österreich-Ungams an Serbien, ist in zweierlei Hinsicht ein bedeutsames Datum. Zum einen beginnt der Erste Weltkrieg, der zum Tod von Millionen Menschen führte und 25 Jahre später in einen noch katastrophaleren Krieg münden sollte. Zum anderen markiert er das den Abschluss dessen, was mit dem Attentat auf den Öster­reichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie von Ho­henberg in Sarajevo begann und mit einem Ultimatum Wiens an Serbien und der Österreich­ungarischen Kriegserklärung endete, nämlich den folgenschweren Endpunkt der sogenannten Julikrise.

Hinsichtlich der Aufarbeitung der Vorkriegszeit wurden nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder neue Aspekte in die Auseinandersetzung miteinbezogen, sodass die Frage nach der Rolle der Presse in der Julikrise 1914 besonders in der neueren Forschung wieder Beachtung gefunden hat.1 Die Entscheidungen, wie mit der Krise umzugehen sei, wurden zweifelsohne in Parlamenten und Konferenzen entschieden, jedoch hatten Zeitungen die Möglichkeit durch Meinungen und die Auswahl ihrer Artikel zu beeinflussen und waren, und sind bis heute, somit ein wichtiger Faktor, vor allem für die Meinungsbildung in der Bevölkerung.2 Dies ist hinsicht­lieh der Julikrise unter anderem auch bezüglich der gegenseitigen Darstellung der europäischen Großmächte, Deutschland, Russland, Frankreich und Großbritannien interessant.

Die vorliegende Arbeit soll genau diese Thematik aufgreifen. In Anbetracht der Vielzahl von Zeitungen, Quellen und Staaten, die analysiert werden können, wurden hierfür eine österreichi- sehe und eine deutsche Zeitung, das Wiener Fremdenblatt und die Norddeutsche Allgemeine Zeitung3 ausgewählt. Beide sind offiziöse Zeitungen, die also der regierenden Kraft in ihrem Staat sehr nahe standen. Da Russland und Frankreich bezüglich Deutschland und Österreich­Ungarn die entscheidenden Mächte waren, wurden diese für die Arbeit ausgewählt. Somit soll in dieser Arbeit untersucht werden, wie Russland und Frankreich im Fremdenblatt und in der NAZ während der Julikrise 1914 dargestellt werden und wo Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Berichterstattung existieren. Der Analysezeitraum ist vom 29. Juli 1914, dem Tag nach dem Attentat auf Franz Ferdinand, bis zum Tag der Kriegserklärung, dem 28. Juli 1914, ange­setzt. Die Reaktionen auf die Kriegserklärung sind nicht mehr Bestandteil dieser Arbeit, da die Julikrise mit dem Kriegsausbruch beendet ist und die Motivation und Darstellung der Zeitungen vor einem neuen Hintergrund gelesen werden müssten.

Im Folgenden sollen zuerst die ausgewählten Zeitungen vorgestellt werden, um danach direkt mit der Analyse beginnen zu können, die chronologisch in drei Abschnitte geteilt ist. Zuerst wird die Darstellung nach dem Attentat von Sarajevo genauer betrachtet. Der nächste Abschnitt beginnt ab dem 17. Juli 1914, dem Tag nach der Rede Graf Tiszas, dem ungarischen Minister­Präsidenten, im ungarischen Abgeordnetenhaus. Tisza war bis zu diesem Zeitpunkt entschieden gegen eine kriegsaffine und hochprovokante Position gegenüber Serbien. In dieser Rede zeigt sich aber, dass nun auch er eine konsequentere Stellung bezieht, sodass man seine Rede als Wendepunkt in der Julikrise bezeichnen kann. Der letzte Abschnitt soll die Darstellung in den Zeitungen nach dem Ultimatum an Serbien und bis zur Kriegserklärung analysieren. Innerhalb der Abschnitte werden zuerst das Fremdenblatt und dann die NAZ einzeln in den Fokus gerückt. Als Grundgerüst sollen innerhalb dieser Kapitel zuerst die Darstellung Frankreichs und dann die Darstellung Russlands erfolgen. In Kapitel 3.4 sollen die Ergebnisse gebündelt werden, um danach mit einem abschließenden Fazit enden zu können.

2. Die Zeitungen

Für die Analyse der Darstellung Russlands und Frankreichs während der Julikrise 1914 in Fremdenblatt und NAZ ist ein grober Überblick über Geschichte und Positionen dieser Zeitun­gen unerlässlich. Daher sind die folgenden Zusammenfassungen elementar als Grundlage für die sachgemäße Herstellung von Bezügen zwischen den Zeitungen und ihren Position in Ver­bindung mit den von ihnen genutzten und ausgewählten Formulierungen und Themen.

2.1 Fremdenblatt

Das Fremdenblatt wurde am 1. Juli 1847 erstmals in Wien veröffentlicht. Nachdem die Zeitung zu Beginn einmal täglich erschien, wurden ab 1865 das Morgen- und Abendblatt eingeführt. Ab 1852 begann die Offiziosität der Zeitung. In der Folge nahm das Fremdenblatt eine Mittel­position zwischen konservativer und liberaler Meinung. Erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts kann das Fremdenblatt, mit seiner föderalistisch-liberaler Position als Organ des Außenminis­teriums angesehen werden. Als 1904 die Zeitung Reichswehr aufgelöst wurde, ging sie in Form der militärischen Beilage ״Vedette“ im Fremdenblatt auf.

Während das Blatt außenpolitisch einen großösterreichischen Standpunkt vertrat, unterstützte es innenpolitisch Kaiser Franz Josephs österreichischen Zentralismus entgegen Franz Ferdi­nands Vorstellungen vom österreich-ungarischen Föderalismus. Das Fremdenblatt soll die Zei­tung gewesen sein, die Franz Joseph am meisten und am liebsten gelesen hat, was durch die Übereinstimmung der politischen Linie nachvollziehbar ist. Im Jahr 1914 hatte das Fremden­blatt mit einer Auflagenzahl von 80.000 einen deutlichen Anstieg zu verzeichnen im Vergleich zu den vorherigen Auflagenzahlen um 10.000. Zu beachten ist dabei aber, dass die Beamten bzw. Regierungsmitarbeiter das Fremdenblatt, in seiner Funktion als Organ des Außenministe­riums, obligatorisch erhalten haben. Am 22. März 1919 erschien die letzte Ausgabe des Frem­denblattes aus dem ״Der Neue Tag“ (1919-1920) entstand.

Die wissenschaftliche Forschung beschäftigte sich bisher relativ wenig mit dem Fremdenblatt. Daher existieren eher wenige Beiträge zur Presse in der Julikrise, die sich auf das Fremdenblatt konzentriere oder überhaupt thematisieren. Anderen österreichischen Zeitungen wie zum Bei­spiel die ״Reichspost“ wird, vermutlich auch aufgrund der Höhe der Auflagenzahl, mehr Be­achtung geschenkt.

Für die innerhalb dieser Arbeit verwendeten Artikel wurden die von der österreichischen Nationalbibliothek digitalisierten Ausgaben verwendet.4 5

2.2 Norddeutsche Allgemeine Zeitung

Die NAZ wurde am 1. Oktober 1861 erstmals in Berlin veröffentlicht. Zur Gründungsredaktion gehörte mit Wilhelm Liebknecht zwar einer der Gründerväter der SPD, jedoch wurde mit der Zeit eine konservative und regierungsnahe Linie in der Berichterstattung deutlich. Dies ist vor allem dadurch erkennbar, dass auch der damalige Reichskanzler Otto von Bismarck bekannter Befürworter der NAZ und ihrer Positionen war und den Beinamen ״Bismarcks Hauspostille“ von einigen erhielt. Zeitweise wurde die NAZ sogar, auch wegen eigener Finanzierungsprob- lerne, direkt vom Auswärtigen Amt finanziert, sodass die NAZ, wie das Fremdenblatt auch, als eine offiziöse Zeitung anzusehen ist. Die Auflagenzahl belief sich auf ungefähr 5.000 Exemp­lare, wobei genauso wie beim Fremdenblatt zu beachten ist, dass die Leserschaft im Wesentli­chen aus höheren Beamten und Zeitungsredaktionen bestand. Im Jahr 1918 wurde die NAZ in Deutsche Allgemeine Zeitung umbenannt. Sie existierte auch nach 1933 weiterhin und erschien am 24. April 1945 das letzte Mal.

Die wissenschaftliche Forschung beschäftigte sich, im Gegensatz zum österreichischen Frem­denblatt, mehr mit der NAZ im Allgemeinen und speziell mit Sicht auf die Julikrise 1914. Trotzdem ist zu beachten, dass sie, vermutlich aufgrund der niedrigeren Auflagenzahl und ihrer von der Regierung gefärbten Position, nicht dasselbe wissenschaftliche Interesse erhält wie die Vossische Zeitung, die Neue Freie Presse oder das Berliner Tageblatt. Als Sprachrohr der Be­völkerung ist die offiziöse Zeitung wenig brauchbar, jedoch für eine Beschäftigung mit konser­vativen bzw. regierungsnahen Positionen und die Art und Weise deren Verbreitung in der Ge-Seilschaft durchaus genutzt worden.

Für die innerhalb dieser Arbeit verwendeten Artikel wurden die von der Staatsbibliothek zu Berlin digitalisierten Ausgaben verwendet.6 7

3. Vergleich der Darstellungen Frankreichs und Russlands im Fremdenblatt und der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung

3.1 Darstellung nach dem Attentat von Sarajevo

Das Attentat an Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo bildet gewissermaßen den Beginn der Julikrise. Auch wenn Ermordungen von Personen aus Königs- häusem keine Seltenheit zu der Zeit waren, waren Entsetzen und Betroffenheit die Reaktion auf das Attentat in Presse und Politik. Nach den andauernden Konflikten auf dem Balkan war eine österreichische Reaktion hinsichtlich Serbien erwartet worden, aber die serbische Regierung ging nicht davon aus, dass die Folgen enorm gravierend werden würden.8 In Anbetracht der späteren Folgen soll die Darstellung Frankreichs und Russlands, die deutschen und österreichi- sehen Gegner im Ersten Weltkrieg, nach diesem, später als Auslöser des Krieges propagierten, Attentat erläutert werden.

3.1.1 Fremdenblatt

Nach dem Attentat auf Franz Ferdinand wurden im Fremdenblatt die Beileidsbekundungen Frankreichs und Russlands abgedruckt. Der französische Präsident Raymond Poincaré habe ״gleich nach Empfang der Nachricht [...] dem Kaiser und König Franz Joseph telegrafisch sein Beileid ausgesprochen.“9 Auch der französische Minister Präsident erklärte im Parlament, er sei ״der Dolmetscher des ganzen französischen Volkes“10, wenn er sich der Trauer anschließe, was mit ״Beifall von allen Bänken“11 honoriert und unterstützt wurde. Diese beiden und auch weitere Beileidsbekundungen aus Frankreich von verschiedenen politischen Ministerien oder Konsulaten wurden, wie in den eben zitierten Artikeln, sehr neutral und objektiv geschrieben und unterscheiden sich im Fremdenblatt nicht von der Darstellung der Bekundungen anderer Nationen.

Diese Erkenntnis ist auch vernehmbar in der Schilderung der Debatte über den Kredit für Prä­sident Poincares Reise nach Russland.12 Die Debatte wird neutral geschildert und das Ergebnis der Abstimmung wurde ״mit Ausnahme der äußersten Linken“13 angenommen. Dass durch Er­wähnung der Ablehnung der genannten Linken ein elementarer Konflikt im französischen Par­lament dargestellt werden soll, ist abwegig, da sie zum einen nur nebenher erwähnt wird und zum anderen einfach das konservative Profil des Fremdenblattes zeigt, das nicht nur im eigenen Land wenig an sozialistischem Gedankengut interessiert war.

Bis zu Tiszas Rede im ungarischen Parlament folgen nur noch wenige Thematisierungen Frank­reichs im Fremdenblatt. In einem kurzen Artikel wird die ungünstige Situation der parlamenta­rischen Debatte über die französische Militärreform vor dem Hintergrund der Russlandreise Poincares thematisiert.14 Zudem betont der französische Botschafter Dumaine in einem abge-

[...]


1 Für einen kurzen Überblick der Forschungsentwicklung hinsichtlich der Kriegsschuld bzw. -Verantwortung vgl. Mombauer, Annika, Julikrise und Kriegsschuld-Thesen und Stand der Forschung, in: Aus Politik und Zeitge­schichte 64/16-17 (2014), s. 10-16.

2 Vgl. Eckert, Georg /Geiss, Peter / Karsten, Arne, Krisenzeitungen nach Sarajevo. Wechselwirkungen zwischen Presse und Politik, in: dies. (Flgg.), Die Presse in der Julikrise 1914. Die internationale Berichterstattung und der Weg in den Ersten Weltkrieg, Munster 2014, s. 8.

3 Im Folgenden mit NAZ abgekürzt.

4 Abrufbar unter: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=fdb&datum=1914&zoom=33, zuletzt abgerufen am 24.03.2016.

5 Für das Fremdenblatt vgl. Paupié, Kurt, Handbuch der österreichischen Pressegesschichte 1848-1959. Band 1, Wien 1960, s. 122-125; Gabriele Melischek / Josef Seethaler (Hgg.), Die Wiener Tageszeitungen. Eine Doku­mentation. Band 3: 1918-1938, Frankfurt am Main / Wien u.a. 1992, s. 115.

6 Abrufbar unter: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/title/zdb/28028685//1914/?no_cache=l, zuletzt abge­rufen am 24.03.2016.

7 Für die NAZ vgl. Fischer, Fleinz Dietrich, Deutsche Allgemeine Zeitung, in: ders. (Fig.) Deutsche Zeitungen des 17. bis 20. Jahrhunderts, Pullach bei München 1972, s. 269-281; Wille, Jürgen, Zeitungen im Systemwandel. Die (Nord-) Deutsche Allgemeine Zeitung vom Nachmärz bis zum Dritten Reich, in: Stöber, Rudolf / Nagel, Michael u.a (Hgg.), Aufklärung der Öffentlichkeit - Medien der Aufklärung. Festschrift für Holger Boning zum 65. Ge­burtstag, Stuttgart 2015, s. 251-272.

8 Vgl. Krumeich, Gerd, Juli 1914. Eine Bilanz, Paderborn /München 2014, s. 62.

9 o. V., Kondolenz des Präsidenten Poincaré. Paris. 28. Juni, in: Fremdenblatt (29.06.1914), Nr. 177 AA, s. 5.

10 o. V., Die Teilnahme des Auslandes Paris. 29. Juni, in: Framdenblatt (30.06.1914), Nr. 178 MA, s. 10.

11 Ebd

12 Vgl. o. V., Französische Kammer. Reise Poincares nach Rußland, in: Fremdenblatt (08.07.1914), Nr. 186 MA, s 4.

13 Ebd

14 Vgl. o. V., Die Angriffe auf die französische Militärwaltung, in: Fremdenblatt (15.07.1914), Nr. 193 MA, s. 3.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung Frankreichs und Russlands in der Julikrise 1914 in der österreichischen und deutschen offiziösen Presse
Untertitel
Ein Vergleich zwischen dem Wiener Fremdenblatt und der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V452304
ISBN (eBook)
9783668849051
ISBN (Buch)
9783668849068
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, frankreichs, russlands, julikrise, presse, vergleich, wiener, fremdenblatt, norddeutschen, allgemeinen, zeitung
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Die Darstellung Frankreichs und Russlands in der Julikrise 1914 in der österreichischen und deutschen offiziösen Presse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452304

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