Die Bedeutung der Ehre in Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe


Hausarbeit, 2004

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1.o Einleitung

2.o Der Begriff „Ehre“

3.o Das Verhalten der Bauern bis zum Verkauf des mittleren Ackers

4.o Sozialer Abstieg der Bauernfamilien
4.1 Streit der Bauern
4.2 Konkurrenzsituation zwischen den Bauern
4.3 Bedeutung der Ehre für die Bauern
4.4 Manz’ Entwicklung und sein Niedergang
4.5 Vrenchen und Sali

5.o Analyse der Dorfbevölkerung
5.1 Das Dorf bei Seldwyla
5.2 Einzelne Figuren als Repräsentanten für eine Gruppe
5.2.1 Die namenlose Bäuerin
5.2.2 Die Wirtin im ersten Dorf
5.2.3 Wirtin und Kellnerin im zweiten Dorf
5.3 Das Dorf in dem die Kirchweih stattfindet

6.o Die Stadt Seldwyla

7.o Schlussbetrachtungen

8.o Quellen- und Literaturverzeichnis

1.o Einleitung

„[...] und in beiden verlassenen Wesen war es die letzte Flamme der Ehre, die in früheren Zeiten in ihren Häusern geglüht hatte und welche die sich sicher fühlenden Väter durch einen unscheinbaren Missgriff ausgeblasen und zerstört hatten, als sie, eben diese Ehre zu äufnen wähnend durch Vermehrung ihres Eigentums, so gedankenlos sich das Gut eines Verschollenen aneigneten, ganz gefahrlos, wie sie meinten.“ (S. 72)

Keller skizziert damit in groben Zügen die Ursache des Landraubs der Bauern Marti und Manz und seine Auswirkungen. Es wird sofort deutlich, dass die Ehre in Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe eine entscheidende Rolle spielt. Ich werde, nachdem ich die Bedeutung des Begriffs Ehre erläutert habe, auf die Entwicklung der Bauern eingehen. Die Zeit vor dem Verkauf des mittleren Ackers, welcher den Wendepunkt in der Novelle darstellt, wird untersucht werden um daraufhin den sozialen Abstieg der Bauernfamilien im Hinblick auf die Ehre analysieren zu können. Im Anschluss folgt eine ausführliche Betrachtung der Dorfbevölkerung und der Stadtbevölkerung, da im Zuge dieser Betrachtungen deutlich wird, welchen Einfluss die Ehre auf die Figuren und ihr Leben hat. Ziel der Hausarbeit ist es, herauszufinden wie präsent die Ehre innerhalb der dargestellten Welt ist. Außerdem gilt es aufzuklären inwiefern die Ehre und der Ehrverlust bedeutungstragend und schicksalbestimmend für die Figuren sind.

2.o Der Begriff „Ehre“

Um grundsätzlichen Missverständnissen vorzubeugen möchte ich kurz darlegen was der Begriff Ehre bedeuten kann. Dazu muss ich zurückgreifen auf die Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts, in dem die Novelle spielt. Wir finden eine Zeit vor in der das Ständesystem existiert. Die Zugehörigkeit zu einem Stand ermöglicht dem Einzelnen eine weitestgehend sichere und gesellschaftliche Position, die er jedoch verlieren kann, wenn er seine Aufgaben nicht pflichtgerecht erfüllt. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft gibt also Aufschluss über eine „material erfüllte Rechtlichkeit“[1] und weist dem Einzelnen Ehre zu. Diese kann allerdings, wie es Marti und Manz geschieht, verloren werden und bedeutet den Ausschluss aus der Gesellschaft. Schmitz begreift die Konzeption von Ehre der Seldwyler Dorfgesellschaft als eine „heteronome, rein repräsentative Status-Kategorie“[2]. Girtler manifestiert, dass „der Drang nach Ehre [...] weitgehend menschliches Handeln“ bestimme, da „derjenige, der Ehre besitzt, der ehrenvoll ist [...] über eine Identität“ verfüge „mit der er zufrieden sein kann“[3]. Die Ehre durchzieht alle sozialen Schichten und müsse nach Girtler auch demonstriert werden „um die eigene Würde hervorzuheben“[4]. Der heutige Begriff Ehre beschreibt hingegen eine Tugend die durch Fleiß und Tüchtigkeit erworben werden kann und ist stark mit den Begriffen Ansehen und Anerkennung verbunden.

Da die Novelle im 19. Jahrhundert handelt, werde ich mit dem Ehrbegriff aus dem 19. Jahrhundert arbeiten und argumentieren. Der Begriff Ehre durchzieht die gesamte Novelle, da durch die wunderliche Kränkung der Ehre (S. 16) die Situation und damit das Verhältnis zwischen den Bauern eskaliert und deren Kinder mitreißt. Der Verlust der Ehre entzieht ihnen ihr geordnetes soziales Umfeld.

3.o Das Verhalten der Bauern bis zum Verkauf des mittleren Ackers

Die beiden Männer Marti und Manz sind zu Beginn der Novelle voll in die bestehende Gesellschaftsordnung integriert und im Besitz von Ehre. Sie verkörpern „den sicheren, gutbesorgten Bauersmann“ (S. 3) und zählen zu den „besten Bauern“ (S. 12) des Dorfes. Die beiden Bauern achten auf ihre Kleidung, denn „jede Falte“ ihrer Kniehosen hat „ihre unveränderliche Lage“ und sieht aus „wie in Stein gemeißelt“ (S. 3), ferner sind sie „wohlrasiert“. Man bekommt den Eindruck von bürgerlicher Sorgfalt und Reinheit. Die beiden Bauern sind nicht nur „gute Nachbarn“ (S. 5), sondern gleichen einander auch „vollkommen“ (S. 4) aus einiger Entfernung. Sie werden vom Autor nicht einzeln, sondern gleichzeitig vorgestellt, selbst ihre Namen unterscheiden sich nicht erheblich. Hein widerspricht Richter, der darin Kellers Absicht sieht, „sie als auswechselbare Prototypen ihrer Klasse darzustellen“, weil Manz „im Laufe der Erzählung scharf umrissene individuelle Züge entfaltet“[5]. Hein erkennt in den Bauern vielmehr Prototypen der Schicksalstragödie[6].

Marti und Manz stellen „die ursprüngliche Art dieser Gegend dar“ (S. 4) und repräsentieren die Dorfgemeinschaft[7]. Sie werden als „fleißige Meister“ (S. 4) bezeichnet und scheinen ein geregeltes Leben zu führen. Die Bauern wirken zufrieden und halten sich für anständige Dorfbewohner. Sie blicken herab auf die Stadtmenschen von Seldwyla, die Manz als „Lumpenhunde“ (S. 5) bezeichnet. Aus der Diskussion über den mittleren Acker, der unbebaut brach liegt, geht hervor, dass sie wissen, dass der schwarze Geiger der rechtmäßige Erbe des Ackers wäre, trotzdem erklärt Manz, dass niemand im Dorf „irgendeinen Anspruch auf den Acker“ (S. 6) habe. Sie achten den „Heimatlosen“ (S. 6) nicht, sondern wollen ihn loswerden, da sie im Dorf schon „überbevölkert“ (S. 7) seien. Die Überheblichkeit der Bauern gibt ihnen einen selbstgefälligen Charakterzug.

Der Autor lässt bewusst offen welcher der Bauern sich zuerst ein Stück des mittleren Ackers zueigen macht. Nachdem einer der Bauern eine Furche vom „herrenlosen Acker“ (S. 10) abgetrennt hat folgt der zweite seinem Beispiel. Sie bemerken den Feldzug des anderen, aber verlieren kein Wort darüber. Obwohl sie sich über das Besitzrecht hinweg setzen, sehen sie sich nicht im Unrecht, da „zwei Drittel der übrigen unter diesen Umständen auch getan haben würden“ (S. 12) was sie ausführen.

Trotz dieser Unrechtmäßigkeit verlieren sie nicht an Ehre, da sie sich in die Gemeinschaft eingliedern und der Überzeugung sind, dass sie ihr mit dem Landraub Gutes tun, in dem sie endgültig dem „Geiger das Heimatsrecht“ (S. 6) abstreiten. Da die Bauern die ursprüngliche Art ihrer Gegend darstellen liegt es nahe, wie Schmitz anzunehmen, dass die Dorfgemeinschaft ähnlich über das Grundstück des Heimatlosen denkt und handeln würde, was noch einmal verdeutlicht wird, wenn es heißt, dass „zwei Drittel der übrigen unter diesen Umständen auch getan haben würden“ (S. 12) was sie tun[8]. Daraufhin folgt eine weitere Verallgemeinerung, die diese These bestätigt:

„Die meisten Menschen sind fähig oder bereit, ein in den Lüften umgehendes Unrecht zu verüben, wenn sie mit der Nase darauf stoßen“ (S. 12).

4.o Sozialer Abstieg der Bauernfamilien

Mit dem Verkauf des mittleren Ackers tritt eine Wendung der bestehenden Verhältnisse ein und der soziale Abstieg der Bauernfamilien wird eingeleitet.

4.1 Streit der Bauern

Reichelt argumentiert, dass der Anstoß zum Streit von außen komme, da der Acker plötzlich versteigert werden solle[9]. Zum einen geht aus dem Text jedoch nicht hervor, dass die Versteigerung plötzlich ansteht und zum anderen kann man annehmen, dass die Bauern auch ohne diese Versteigerung, aufgrund ihrer Sturheit, in einen Streit verfallen wären, wenn sie mit ihren Pflügen in der Mitte des mittleren Ackers angekommen wären. Manz ersteigert nach einem „hartnäckigen Überbieten“ (S. 12) den geschmälerten mittleren Acker, den Marti zuvor um einen Zipfel verkleinert hat. Manz leitet „ein wunderbarer Sinn für Symmetrie und parallele Linien“ (S. 16), daher besteht er auf eine gradlinige, ordentliche Trennung des Ackerlandes ohne in einen Streit verfallen zu wollen:

„Da es aber nun mir gehört, so wirst du wohl einsehen, dass ich eine solche ungehörige Einkrümmung nicht brauchen noch dulden kann, und wirst nichts dagegen haben, wenn ich den Strich wieder gerad mache! Streit wird das nicht abgeben sollen!“ (S. 13).

Marti erwidert, dass auch er keinen Streit möchte, beharrt aber auf den Schnörkel, den Manz als lächerlich, unvernünftig (S. 13), unsinnig und mutwillig (S. 16) bezeichnet, ungeachtet eines Übernamens (S. 13) den sie laut Manz erhalten würden. An dieser Stelle wird erstmals das „Gespött der Leute“ (S. 13) angesprochen, welches unweigerlich näher an die Männer, deren „Rauheit“ (S. 15) ein neues Bild von ihnen zeichnet, heranrückt und ihnen ihr Ansehen im Laufe der Handlung rauben wird. „Eine stumme Feindseligkeit, in der sich Selbstgerechtigkeit und Selbstverkennung“[10] verbinden, sieht Reichelt, in der Reaktion auf Martis und Manz’ Unrechtmäßigkeit, in den Anwesenden der Versteigerung, die die Bauern „stillschweigend“ (S. 12) ansehen.

4.2 Konkurrenzsituation zwischen den Bauern

Anstatt beizugeben schaukeln sich ihre Gemüter hoch und sie scheuen sich nicht bis zum Ruin um ihr vermeintliches Recht zu kämpfen und ein langwieriger Prozess beginnt (S. 15):

„[...] jeder sah sich in seiner wunderlichen Ehre gekränkt und gab sich rückhaltlos der Leidenschaft des Streites und dem daraus erfolgenden Verfalle hin“ (S. 16).

Marti und Manz untersagen ihren Familien mit der jeweils anderen jeglichen Kontakt (S. 17). Sie wollen die „Hoffnung auf Unterdrückung und Vernichtung des anderen“ (S. 17) nicht aufgeben und verprassen ihr Geld an die „Spekulanten aus der Stadt Seldwyla“ und beginnen, als ihnen das Geld ausgeht, Lotto zu spielen, allerdings ohne je einmal zu gewinnen. Sie verlieren immer rasanter ihr Geld, aber je weniger sie besitzen, desto sehnsüchtiger wünschen sie sich welches zu haben und reich zu werden und es dem anderen zuvorzutun (S. 16). Sie ernten den Spott der Dorfbevölkerung ohne es selbst zu merken und werden von ihnen hinters Licht geführt (S. 17). Die Motivation zu der Ausdauer und der Sturheit die beide Bauern auszeichnet mag daher rühren, dass sie nicht als Dummköpfe vor dem anderen und vor dem Dorf gelten wollen, was sie aber unweigerlich tun (S. 17). Eine andere Motivation mag der Wunsch nach Profitmaximierung sein oder schlicht Gier und Neid. Wobei bemerkt werden muss, dass die Bauern auf einer Stufe stehen und keiner der beiden mehr besitzt als der andere. Um vorteilhafter vor dem anderen zu wirken lassen sie sich zu den „lächerlichsten Ausgaben und einem elenden ungeschickten Schlemmen verleiten“ (S. 17) bei welchem ihnen selber das Herz blutet. Sie ersticken beinahe in ihren Schulden und „der Hass zwischen ihnen“ (S. 17) wird mit jedem Tag größer, da sie in ihrer Misere die Schuld beim anderen suchen (S. 22). Sie betrachten sich gegenseitig als „Erbfeinde“ (S. 17).

[...]


[1] Moormann, Karl: Subjektivismus und bürgerliche Gesellschaft. Ihr geschichtliches Verhältnis im frühen Prosawerk Gottfried Kellers. Hrsg.: Kaiser, Gerhard, Bern, München: Francke 1977 (Gegenwart der Dichtung. Neue Folge. Bd. 3), S. 24f.

[2] Schmitz, Michael: Um Liebe Leben und Tod. Zur Struktur und Problemreferenz von Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe. – In: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in der Forschung und Lehre 52 (2002), S. 70.

[3] Girtler, Roland: „Ehre“ bei Vaganten, Ganoven, Häftlingen, Dirnen und Schmugglern. – In: Ludgera Vogt und Arnold Zingerle: Ehre. Archaische Momente in der Moderne. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, S. 213.

[4] Ebd., S. 213.

[5] Hein, Edgar: Gottfried Keller, Romeo und Julia auf dem Dorfe. Hrsg.: Sowinski, Bernhard und Reinhard Meurer, 2., überarb. u. erg. Aufl. München: Oldenbourg 1988 (Oldenbourg-Interpretationen Bd. 19), S. 56f..

[6] Ebd., S. 49.

[7] Vgl. Schmitz, S.70.

[8] Vgl. Schmitz, S. 69.

[9] Reichelt, Gregor: Fantastik im Realismus. Literarische und gesellschaftliche Einbildungskraft bei Keller, Storm und Fontane. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler 2001, S. 115.

[10] Ebd., S. 115.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Ehre in Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V45231
ISBN (eBook)
9783638426664
ISBN (Buch)
9783638925662
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Ehre, Gottfried, Kellers, Romeo, Julia, Dorfe
Arbeit zitieren
Kristina Reymann (Autor), 2004, Die Bedeutung der Ehre in Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45231

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