1.o Einleitung
„[...] und in beiden verlassenen Wesen war es die letzte Flamme der Ehre, die in früheren Zeiten in ihren Häusern geglüht hatte und welche die sich sicher fühlenden Väter durch einen unscheinbaren Missgriff ausgeblasen und zerstört hatten, als sie, eben diese Ehre zu äufnen wähnend durch Vermehrung ihres Eigentums, so gedankenlos sich das Gut eines Verschollenen aneigneten, ganz gefahrlos, wie sie meinten.“ (S. 72) Keller skizziert damit in groben Zügen die Ursache des Landraubs der Bauern Marti und Manz und seine Auswirkungen. Es wird sofort deutlich, dass die Ehre in Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe eine entscheidende Rolle spielt. Ich werde, nachdem ich die Bedeutung des Begriffs Ehre erläutert habe, auf die Entwicklung der Bauern eingehen. Die Zeit vor dem Verkauf des mittleren Ackers, welcher den Wendepunkt in der Novelle darstellt, wird untersucht werden um daraufhin den sozialen Abstieg der Bauernfamilien im Hinblick auf die Ehre analysieren zu können. Im Anschluss folgt eine ausführliche Betrachtung der Dorfbevölkerung und der Stadtbevölkerung, da im Zuge dieser Betrachtungen deutlich wird, welchen Einfluss die Ehre auf die Figuren und ihr Leben hat. Ziel der Hausarbeit ist es, herauszufinden wie präsent die Ehre innerhalb der dargestellten Welt ist. Außerdem gilt es aufzuklären inwiefern die Ehre und der Ehrverlust bedeutungstragend und schicksalbestimmend für die Figuren sind.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1.o Einleitung
2.o Der Begriff „Ehre“
3.o Das Verhalten der Bauern bis zum Verkauf des mittleren Ackers
4.o Sozialer Abstieg der Bauernfamilien
4.1 Streit der Bauern
4.2 Konkurrenzsituation zwischen den Bauern
4.3 Bedeutung der Ehre für die Bauern
4.4 Manz’ Entwicklung und sein Niedergang
4.5 Vrenchen und Sali
5.o Analyse der Dorfbevölkerung
5.1 Das Dorf bei Seldwyla
5.2 Einzelne Figuren als Repräsentanten für eine Gruppe
5.2.1 Die namenlose Bäuerin
5.2.2 Die Wirtin im ersten Dorf
5.2.3 Wirtin und Kellnerin im zweiten Dorf
5.3 Das Dorf in dem die Kirchweih stattfindet
6.o Die Stadt Seldwyla
7.o Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung des Ehrbegriffs in Gottfried Kellers Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Ziel ist es, den sozialen Abstieg der Bauernfamilien Manz und Marti sowie die Auswirkungen dieses Ehrverlusts auf ihre Kinder Sali und Vrenchen zu analysieren, wobei insbesondere die Rolle der Dorf- und Stadtbevölkerung sowie gesellschaftliche Normen des 19. Jahrhunderts beleuchtet werden.
- Der Einfluss von Ehre und Ehrverlust auf das Schicksal der Figuren.
- Analyse des sozialen Abstiegs der Familien Marti und Manz.
- Untersuchung der Dorf- und Stadtbevölkerung als Spiegel gesellschaftlicher Werte.
- Kontrast zwischen dem Gewissen der Kinder und dem Statusbewusstsein der Erwachsenen.
- Die Rolle von Profitstreben und Gier als treibende Kräfte der Handlung.
Auszug aus dem Buch
3.o Das Verhalten der Bauern bis zum Verkauf des mittleren Ackers
Die beiden Männer Marti und Manz sind zu Beginn der Novelle voll in die bestehende Gesellschaftsordnung integriert und im Besitz von Ehre. Sie verkörpern „den sicheren, gutbesorgten Bauersmann“ (S. 3) und zählen zu den „besten Bauern“ (S. 12) des Dorfes. Die beiden Bauern achten auf ihre Kleidung, denn „jede Falte“ ihrer Kniehosen hat „ihre unveränderliche Lage“ und sieht aus „wie in Stein gemeißelt“ (S. 3), ferner sind sie „wohlrasiert“. Man bekommt den Eindruck von bürgerlicher Sorgfalt und Reinheit. Die beiden Bauern sind nicht nur „gute Nachbarn“ (S. 5), sondern gleichen einander auch „vollkommen“ (S. 4) aus einiger Entfernung. Sie werden vom Autor nicht einzeln, sondern gleichzeitig vorgestellt, selbst ihre Namen unterscheiden sich nicht erheblich. Hein widerspricht Richter, der darin Kellers Absicht sieht, „sie als auswechselbare Prototypen ihrer Klasse darzustellen“, weil Manz „im Laufe der Erzählung scharf umrissene individuelle Züge entfaltet“. Hein erkennt in den Bauern vielmehr Prototypen der Schicksalstragödie.
Marti und Manz stellen „die ursprüngliche Art dieser Gegend dar“ (S. 4) und repräsentieren die Dorfgemeinschaft. Sie werden als „fleißige Meister“ (S. 4) bezeichnet und scheinen ein geregeltes Leben zu führen. Die Bauern wirken zufrieden und halten sich für anständige Dorfbewohner. Sie blicken herab auf die Stadtmenschen von Seldwyla, die Manz als „Lumpenhunde“ (S. 5) bezeichnet. Aus der Diskussion über den mittleren Acker, der unbebaut brach liegt, geht hervor, dass sie wissen, dass der schwarze Geiger der rechtmäßige Erbe des Ackers wäre, trotzdem erklärt Manz, dass niemand im Dorf „irgendeinen Anspruch auf den Acker“ (S. 6) habe. Sie achten den „Heimatlosen“ (S. 6) nicht, sondern wollen ihn loswerden, da sie im Dorf schon „überbevölkert“ (S. 7) seien. Die Überheblichkeit der Bauern gibt ihnen einen selbstgefälligen Charakterzug.
Zusammenfassung der Kapitel
1.o Einleitung: Hier wird das Thema der Ehre als schicksalbestimmende Kraft in Gottfried Kellers Werk eingeführt und die Zielsetzung der Hausarbeit erläutert.
2.o Der Begriff „Ehre“: Das Kapitel definiert den Ehrbegriff im Kontext des Ständesystems des 19. Jahrhunderts und grenzt ihn von modernen Vorstellungen von Ansehen und Anerkennung ab.
3.o Das Verhalten der Bauern bis zum Verkauf des mittleren Ackers: Dieses Kapitel beschreibt Marti und Manz als anfangs integrierte, wohlhabende Bauern, die jedoch durch ihren Landraub moralische Integrität verlieren.
4.o Sozialer Abstieg der Bauernfamilien: Der soziale Zerfall wird durch den eskalierenden Streit um den Acker eingeleitet, der zum Ruin beider Familien und zur Entfremdung führt.
5.o Analyse der Dorfbevölkerung: Die Untersuchung der Dorfbewohner zeigt eine verlogene Gemeinschaft, die den finanziellen Erfolg über moralische Werte stellt.
6.o Die Stadt Seldwyla: Die Stadt wird als Ort der moralischen Verkommenheit und Spekulation dargestellt, der jedoch gleichzeitig verwaltungstechnische und rechtliche Funktionen erfüllt.
7.o Schlussbetrachtungen: Die Arbeit resümiert, dass die Ehre eine notwendige Eintrittskarte in die Gesellschaft ist, deren Verlust für die Kinder Vrenchen und Sali ausweglos endet.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Romeo und Julia auf dem Dorfe, Ehre, Ehrverlust, Ständesystem, Bauerntum, Sozialer Abstieg, Seldwyla, Geltungsbedürfnis, Moral, Gesellschaftskritik, Schicksalstragödie, Sali, Vrenchen, Realismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die zentrale Rolle des Ehrbegriffs in Gottfried Kellers Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ und dessen Einfluss auf das Schicksal der Protagonisten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen der Ehrbegriff des 19. Jahrhunderts, die bäuerliche Gesellschaftsstruktur, der soziale Abstieg durch Gier sowie die moralische Orientierung der Kinder im Vergleich zu ihren Eltern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll herausgefunden werden, inwiefern der Verlust der Ehre für die Figuren schicksalbestimmend ist und welche Bedeutung die gesellschaftliche Integration in diesem Kontext hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zur historischen Einordnung und Interpretation der Novelle.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Verhaltens der Bauern, ihren sozialen Abstieg, die Rolle der Dorf- und Stadtbevölkerung sowie die Entwicklung der Hauptfiguren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ehre, Ehrverlust, Realismus, Seldwyla, sozialer Abstieg, bäuerliche Ehre und gesellschaftliche Normen.
Wie unterscheidet sich das Verhalten von Sali und Vrenchen von dem ihrer Väter?
Während sich die Väter maßgeblich am äußeren Status und der Ehre orientieren, sind die Kinder die einzigen Figuren, die konsequent ihrem Gewissen folgen.
Welche Rolle spielt die Stadt Seldwyla in der Novelle?
Seldwyla dient als Kontrastraum, der einerseits negativ durch moralische Verkommenheit besetzt ist, andererseits als Ort der Verwaltung und juristischen Instanzen die gesellschaftliche Ordnung vertritt.
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- Kristina Reymann (Author), 2004, Die Bedeutung der Ehre in Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45231