Ganz gleich, ob mit Globalisierung ein neues Phänomen oder nur die Neuauflage eines bereits vor dem Ersten Weltkrieg erreichten weltwirtschaftlichen Integrationsgrades bezeichnet wird, der Begriff an sich taucht verstärkt im akademischen Sprachgebrauch und in der breiten Öffentlichkeit erst seit Ende der 80er bzw. Anfang der 90er Jahre auf. Globalisierung bezeichnet einen Prozess, der nahezu alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt, so dass es nicht verwundert, wenn sich verschiedene Wissenschaftsdisziplinen seiner Analyse annehmen. Weitgehende Einigkeit besteht darüber, dass ökonomische Entwicklungen den Prozess bestimmen, wohingegen die Auswirkungen der Globalisierung äußerst kontrovers diskutiert werden und sich nicht selten gegenläufige Auffassungen in der Literatur wiederfinden. Der Globalisierungsprozess tangiert neben anderen Gesellschaftsbereichen vor allem den Wirtschaftssektor selbst als auch die politische Sphäre. Offensichtlich ist, dass die Politik mit neuen globalen Herausforderungen konfrontiert wird, für deren Entstehung sie selbst mit verantwortlich ist. Hinsichtlich der Fragestellung, ob ihr Handlungsspielraum dadurch eingeengt, erweitert oder verändert wird, existieren konträre und differenzierte Auffassungen. Die vorliegende Arbeit greift einen Teilaspekt der Diskussion heraus und geht der Frage nach, in welcher Weise global agierende Unternehmen die Staatstätigkeit im modernen Staat beeinflussen.
Dabei soll zunächst Klarheit über die Begriffe der Globalisierung und der global agierenden Unternehmen geschaffen werden. Es folgt eine Darstellung der verschiedenen Positionen in der Globalisierungsdebatte. Diese vermittelt vor allem einen Überblick über die Auffassungen, die hinsichtlich des Globalisierungsausmaßes und der Auswirkungen des Globalisierungsprozesses auf den Staat existieren. Dabei wird argumentiert, dass die Extremszenarien der Hyperglobalisierer und der Globalisierungsskeptiker an der Wirklichkeit vorbeigehen und diese die Beeinflussung der Staatstätigkeit durch global agierende Unternehmen entweder über- oder unterschätzen. Ausgehend von dem Leitbild der Transformationalisten, die trotz eines tendenziellen Wandels der Staatstätigkeit auf den Fortbestand der staatlichen Handlungsfähigkeit vertrauen, wird in Kapitel fünf auf das eigentliche Hauptthema eingegangen: Die Beeinflussung der Staatstätigkeit durch global agierende Unternehmen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. GLOBALISIERUNG - DEFINITORISCHE ANNÄHERUNG UND INHALTLICHE ABGRENZUNG
3. GLOBAL AGIERENDE UNTERNEHMEN: TRIEBKRÄFTE UND GETRIEBENE DER GLOBALISIERUNG
4. POSITIONEN IN DER GLOBALISIERUNGSDEBATTE
4.1 Die Hyperglobalisierer
4.2 Die Globalisierungsskeptiker
4.3 Kritische Würdigung der Positionen der Hyperglobalisierer und der Globalisierungsskeptiker
4.4 Die Transformationalisten
5. BEEINFLUSSUNG DER STAATSTÄTIGKEIT IM MODERNEN STAAT DURCH GLOBAL AGIERENDE UNTERNEHMEN
5.1 Zur Staatstätigkeit im modernen Staat
5.1.1 Elementare staatliche Ordnungsprinzipien
5.1.2 Grundlegende Aufgaben des Staates
5.1.3 Steuerungs- und Regulierungsinstrumente des Staates
5.2 Handlungsweisen global agierender Unternehmen und deren Auswirkungen auf die Staatstätigkeit
5.2.1 Ausnutzen globaler Standortvorteile
5.2.2 Ausnutzen des politischen Macht- und Drohpotentials
5.3 Konsequenzen für die Staatstätigkeit
5.4 Anmerkungen zur empirischen Überprüfbarkeit
7. SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss global agierender Unternehmen auf die Staatstätigkeit im modernen Staat. Ziel ist es, die konträren Debatten zwischen Hyperglobalisierern, Skeptikern und Transformationalisten zu analysieren, um ein differenziertes Bild über die Veränderung staatlicher Handlungsspielräume zu gewinnen und zu bewerten, inwiefern der Staat durch globalisierte Märkte und Unternehmensstrategien transformiert wird.
- Analyse der Globalisierungsdebatte und ihrer Hauptströmungen.
- Untersuchung der Machtressourcen und Handlungsweisen globaler Unternehmen.
- Bewertung staatlicher Steuerungs- und Regulierungsinstrumente im globalen Kontext.
- Kritische Reflexion der "Ende-des-Staates"-Thesen durch das Leitbild der Transformationalisten.
- Diskussion der empirischen Schwierigkeiten bei der Erfassung von Machtverschiebungen zwischen Staat und Markt.
Auszug aus dem Buch
5.2.1 Ausnutzen globaler Standortvorteile
Global agierende Unternehmen können sich unterschiedlicher globaler Strategien bedienen, um „global präsent“ zu sein. Zum einen können sie mit spekulativem und kurzfristigem Kapital an unterschiedlichen Finanzschauplätzen der Welt sog. Portfolioinvestitionen tätigen. Zum anderen sind sie Träger umfangreicher ausländischer Direktinvestitionen, mittels derer global agierende Unternehmen Firmen außerhalb des Standortes ihrer Unternehmenszentrale aufbauen können.
Diese Auslandsgesellschaften können einerseits die Herstellung vollständiger Güter übernehmen oder aber lediglich einzelne Wertschöpfungsaktivitäten umfassen. Die arbeitsteilige Herstellung eines Gutes in mehreren Ländern, auch als „global (out)sourcing“ bezeichnet, hat insbesondere im Zuge des Globalisierungsprozesses enorm an Bedeutung gewonnen. Global agierende Unternehmen verfügen über mehrere betriebliche Standortoptionen, um die Wertschöpfungskette global aufzuspalten. Aus Unternehmenssicht bedeutet dies, dass für die entsprechenden Teilbereiche der Güterproduktion die jeweils effizienteste Standortlösung gewählt werden kann. Oder anders ausgedrückt: Im Zuge des Globalisierungsprozesses steht global agierenden Unternehmen die Möglichkeit offen (wenn auch nicht völlig ohne Einschränkungen in Form eines höheren Risikos bzw. evtl. höheren Kosten), demjenigen Standort den Vorzug zu geben, der die besten Rentabilitätserwartungen verspricht.
Konkret bedeutet obiger Zusammenhang, dass global agierenden Unternehmen über eine sog. „exit option“ verfügen, die es ihnen ermöglicht, bei Verschlechterung der staatlichen Rahmenbedingungen am bisherigen Standort und/oder Verbesserung derselben am Zielstandort Kapital vom ersteren abzuziehen, um es am letzteren einzusetzen. Im Vergleich zu Sachkapital ist vor allem bei Finanzkapital eine Verlagerung besonders einfach und kostengünstig zu realisieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Das Kapitel führt in den Globalisierungsbegriff ein und definiert die Forschungsfrage, wie global agierende Unternehmen die Staatstätigkeit beeinflussen.
2. GLOBALISIERUNG - DEFINITORISCHE ANNÄHERUNG UND INHALTLICHE ABGRENZUNG: Es wird geklärt, dass Globalisierung ein mehrdimensionaler Prozess ist, der sich von Internationalisierung und Regionalisierung durch seine weltweite Intensität abhebt.
3. GLOBAL AGIERENDE UNTERNEHMEN: TRIEBKRÄFTE UND GETRIEBENE DER GLOBALISIERUNG: Dieses Kapitel beschreibt global agierende Unternehmen als zentrale Akteure, die einerseits die Globalisierung vorantreiben, andererseits aber selbst globalem Wettbewerbsdruck unterliegen.
4. POSITIONEN IN DER GLOBALISIERUNGSDEBATTE: Die verschiedenen theoretischen Perspektiven von Hyperglobalisierern, Skeptikern und Transformationalisten werden gegenübergestellt und kritisch gewürdigt.
5. BEEINFLUSSUNG DER STAATSTÄTIGKEIT IM MODERNEN STAAT DURCH GLOBAL AGIERENDE UNTERNEHMEN: Dieses Hauptkapitel analysiert, wie Unternehmen durch Standortwahl und Drohpotential staatliche Handlungsspielräume tangieren und wie der Staat durch Kooperation auf diese Herausforderungen reagiert.
7. SCHLUSSBEMERKUNG: Abschließend wird konstatiert, dass eine Lücke in der empirischen Beweisführung besteht und der Staat trotz transformierter Rahmenbedingungen weiterhin eine zentrale, handlungsfähige Instanz bleibt.
Schlüsselwörter
Globalisierung, Staatstätigkeit, global agierende Unternehmen, Transformation, Standortwettbewerb, Steuerungsinstrumente, Direktinvestitionen, Souveränität, Machtpotential, Rentabilität, Outsourcing, Reform, Wirtschaftsordnung, Interdependenz, Unternehmensethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselbeziehung zwischen modernen Staaten und global agierenden Unternehmen im Kontext der fortschreitenden Globalisierung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die staatliche Souveränität, die Handlungsspielräume der Politik im Vergleich zur Gewinnlogik privater Unternehmen sowie die Instrumente staatlicher Steuerung.
Welche Forschungsfrage verfolgt die Arbeit?
Die Arbeit fragt danach, wie global agierende Unternehmen die Staatstätigkeit beeinflussen und ob dies zu einer generellen Schwächung des Staates führt oder eher einen Wandel der staatlichen Handlungsformen impliziert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf einer Literaturstudie der Globalisierungsdebatte basiert und die Argumente verschiedener Denkschulen systematisch vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Beschreibung des modernen Staates, der Handlungsweisen von Unternehmen (z. B. "exit option") sowie der daraus resultierenden Folgen für die staatliche Steuerungs- und Regulierungskompetenz.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Globalisierung, Staatstätigkeit, Standortwettbewerb, Souveränität und die Typologie der Transformationalisten.
Was unterscheidet Hyperglobalisierer von Globalisierungsskeptikern?
Hyperglobalisierer sehen im Staat einen machtlosen Akteur, der vom Markt diktiert wird, während Skeptiker die Bedeutung globaler Prozesse geringer einschätzen und an der Stärke des Nationalstaates festhalten.
Was verstehen die Autoren unter einer "exit option"?
Die "exit option" beschreibt die Fähigkeit globaler Unternehmen, Kapital und Produktionsstandorte bei ungünstigen Rahmenbedingungen schnell in andere Länder zu verlagern, um so Druck auf nationale Regierungen auszuüben.
Warum ist die empirische Überprüfung dieser Thesen schwierig?
Die Arbeit weist darauf hin, dass Kausalzusammenhänge komplex sind und Unternehmen oft nicht nur aufgrund steuerlicher Faktoren, sondern auch wegen Absatzmöglichkeiten oder Infrastruktur investieren, was die eindeutige Zuordnung erschwert.
Was ist das zentrale Fazit der Arbeit?
Der Staat ist nicht am Ende, er vollzieht vielmehr einen (Formen-)Wandel hin zu einer verstärkt kooperativen Staatstätigkeit, um sich den Herausforderungen der globalisierten Ökonomie anzupassen.
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- Nicole Rudolf (Author), 2005, Implikationen der Globalisierung: Beeinflussung der Staatstätigkeit im modernen Staat durch global agierende Unternehmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45239