Implikationen der Globalisierung: Beeinflussung der Staatstätigkeit im modernen Staat durch global agierende Unternehmen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
35 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Globalisierung - definitorische Annäherung und inhalt-liche abgrenzung

3. Global agierende Unternehmen: Triebkräfte und Getrie-bene der Globalisierung

4. Positionen in der Globalisierungsdebatte
4.1 Die Hyperglobalisierer
4.2 Die Globalisierungsskeptiker
4.3 Kritische Würdigung der Positionen der Hyperglobalisierer und der Globalisierungsskeptiker
4.4 Die Transformationalisten

5. Beeinflussung der Staatstätigkeit im modernen Staat durch global agierende Unternehmen
5.1 Zur Staatstätigkeit im modernen Staat
5.1.1 Elementare staatliche Ordnungsprinzipien
5.1.2 Grundlegende Aufgaben des Staates
5.1.3 Steuerungs- und Regulierungsinstrumente des Staates
5.2 Handlungsweisen global agierender Unternehmen und deren Aus-wir­kun­gen auf die Staatstätigkeit
5.2.1 Ausnutzen globaler Standortvorteile
5.2.2 Ausnutzen des politischen Macht- und Drohpotentials
5.3 Konsequenzen für die Staatstätigkeit
5.4 Anmerkungen zur empirischen Überprüfbarkeit

6. SCHLUssBEMERKUNG

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ganz gleich, ob mit Globalisierung ein neues Phänomen oder nur die Neuauflage eines bereits vor dem Ersten Weltkrieg erreichten weltwirtschaftlichen Integra­tionsgrades bezeichnet wird, der Begriff an sich taucht verstärkt im akademischen Sprach­gebrauch und in der breiten Öffentlichkeit erst seit Ende der 80er bzw. An­fang der 90er Jahre auf.[1] Globalisierung bezeichnet einen Prozess, der nahezu alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt, so dass es nicht verwundert, wenn sich verschiedene Wissenschaftsdisziplinen seiner Analyse annehmen. Weitgehende Einigkeit besteht darüber, dass ökonomische Entwicklungen den Prozess bestim­men, wohingegen die Auswirkungen der Globalisierung äußerst kontrovers disku­tiert werden und sich nicht selten gegenläufige Auffassungen in der Literatur wie­der­fin­den. Der Globalisierungsprozess tangiert neben anderen Gesellschaftsberei­chen vor allem den Wirtschaftssektor selbst als auch die politische Sphäre. Offen­sicht­lich ist, dass die Politik mit neuen globalen Herausforderungen konfrontiert wird, für deren Entstehung sie selbst mit verantwortlich ist. Hinsichtlich der Frage­stel­lung, ob ihr Handlungsspielraum dadurch eingeengt, erweitert oder verändert wird, existieren konträre und differenzierte Auffassungen. Die vorliegende Arbeit greift einen Teilaspekt der Diskussion heraus und geht der Frage nach, in welcher Wei­se global agierende Unternehmen die Staatstätigkeit im modernen Staat be­ein­flussen.

Dabei soll zunächst Klarheit über die Begriffe der Globalisierung und der global agierenden Unternehmen geschaffen werden. Es folgt eine Darstellung der verschiedenen Positionen in der Globalisierungsdebatte. Diese vermittelt vor allem einen Überblick über die Auffassungen, die hinsichtlich des Globalisierungs­aus­maßes und der Auswirkungen des Globalisierungsprozesses auf den Staat exis­tieren. Dabei wird argumentiert, dass die Extremszenarien der Hyperglobalisierer und der Globalisierungsskeptiker an der Wirklichkeit vorbeigehen und diese die Beeinflussung der Staatstätigkeit durch global agierende Unter­neh­men entweder über- oder unterschätzen. Ausgehend von dem Leitbild der Trans­formationalisten, die trotz eines tendenziellen Wandels der Staatstätigkeit auf den Fortbestand der staatlichen Handlungsfähigkeit vertrauen, wird in Kapitel fünf auf das eigentliche Hauptthema eingegan­gen: Die Beeinflussung der Staatstätigkeit durch global agierende Unter­nehmen.

Im Rahmen dieses Kapitels werden zuerst grundlegende Elemente des Staates bzw. der Staatstätigkeit beschrieben, um auf dieser Grundlage die konkreten Handlungsweisen global agierender Unternehmen und deren Auswirkungen auf die Staatstätigkeit zu erläutern. Anschließend werden die sich ergebenden Konse­quenzen für die Staatstätigkeit diskutiert. Hierbei steht wiederum die Position der Transformationalisten im Mittel­punkt. Der Staat ist we­der ohnmächtig, noch kann er blind und ohne Berück­sichti­gung der globalen Di­mensionen auf die bisherigen Strategien und Instrumente setzen. Den Ab­schluss des fünften Kapitels bilden einige Anmerkungen zur em­pi­rischen Über­prüfbarkeit des erläuterten Macht- und Beeinflussungspotentials glo­bal agierender Unter­neh­men und dessen Auswir­kungen.

2. Globalisierung - definitorische Annäherung und inhalt­ liche abgrenzung

Für das Phänomen der Globalisierung existiert keine allgemein gültige und über verschiedene Wissenschaftsdisziplinen hinweg gleich lautende Begriffsdefinition. Vielmehr wird der Begriff in Abhängigkeit von der jeweiligen Zielsetzung der Ana­lyse und dem jeweiligen Untersuchungsgegenstand definiert. Insbesondere die Betrachtung der mannigfaltigen Implikationen von Globalisierung erfolgt auf unter­schiedlichen Analyseebenen[2] und für verschiedene gesellschaftliche Dimen­sio­nen. Damit handelt es sich bei Globalisierung um ein eindeutig mehrdimensio­nales Phänomen, das sich in allen gesellschaftlichen Bereichen mehr oder weni­ger stark manifestiert. Globalisierung zeigt sich vor allem in Wirtschaft und Politik, aber auch in Form von kulturellen, sozialen und ökologischen Konsequenzen.[3] Der (kleinste) gemeinsame Nenner soziologischer, politikwissenschaftlicher und ökonomischer Definitionen ist die Beschreibung des Phänomens Globalisierung als eine zunehmende Intensivierung globaler bzw. weltumspannender Verflech­tungen von gesellschaftlichen Beziehungen und deren wachsende räumliche Aus­dehnung über nationale Grenzen hinweg. Hierbei wird Globalisierung zumeist als dynamischer Prozess und nicht als ein statischer Zustand verstanden.[4]

Ein immanentes Merkmal von Globalisierung ist die Überwindung räumli­cher Dis­tanzen. Beck spricht überspitzt vom „Töten der Entfernung“ und folgert daraus, dass zumindest „virtuell die Gleichzeitigkeit von ungleichzeitigen Ereig­nissen her­gestellt werden kann“.[5] Damit werden nicht nur räumliche Entfernungen zuneh­mend bedeutungslos, sondern auch verschiedene Zeithorizonte erscheinen irrele­vant. Gesellschaftliche Aktivitäten und Interaktionen überschreiten in man­chen Be­rei­chen problemlos die traditionellen und infolge der Globalisierung durch­lässig gewordenen territorialen Grenzen.[6] Als Konsequenz konstatiert Giddens treffend: „...we all increasingly live in one world“[7] und beschreibt damit die zu­neh­mende Interdependenz gesellschaftlicher Akteure.

Für die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit sind primär ökonomische und politi­sche Implikationen der Globalisierung relevant. In ökonomischer Perspektive be­deutet Globalisierung die wachsende weltweite Vernetzung von Güter-, Dienstleis­tungs-, Kapital- und Finanzmärkten, aus der sich Konsequenzen für alle Markteil­nehmer ergeben – so auch für den Staat. Im Rahmen dieser Arbeit werden Auswirkungen der (ökonomischen) Globalisierung auf die Staatstätigkeit bzw. auf die Möglichkeiten des Staates zur Steuerung der Wirtschaft diskutiert. Es geht folglich um die Frage: „Wie beeinflusst die globalisierte Ökonomie die staatlichen Steuerungs- und Regulierungsinstrumente zur Lenkung und Kontrolle der heimi­schen Wirtschaft“?

Bevor im Folgenden die genannte Frage weiter spezifiziert wird, sind an dieser Stelle einige Vorbemerkungen zur Abgrenzung des Begriffs der Globalisierung von ähnlichen Ausdrücken bzw. Phänomenen angebracht. Teilweise wird der Aus­druck der Internationalisierung synonym oder anstatt von, d.h. als Ersatz für Glo­balisierung verwendet. Letzteres geschieht erstens mit der Begründung, dass Glo­balisierung ein „schillernder“, missverständlicher Begriff sei und deshalb der Be­griff der Internationalisierung besser geeignet wäre.[8] Zweitens sei dieser Begriff auch deshalb zu bevorzugen, weil die heutige wirtschaftliche Verflechtung den Kri­terien einer globalisierten Ökonomie nicht entspräche und der Begriff der inter­nationalen Ökonomie zutreffender wäre. Grenzüberschreitende Wirtschaftsbezie­hungen seien nicht wirklich global, sondern würden sich überwiegend auf die inter­nationale Ebene beschränken.[9]

Internationalisierung kann bezeichnet werden als die zunehmende grenzüber­schreitende Verflechtung von gesellschaftlichen Beziehungen zwischen zwei oder mehreren kollektiven Akteuren, wie z.B. Regierungen, staatliche Behörden, Par­tei­en oder Unternehmen. Im Rahmen des Internationalisierungsprozesses wird dem Staat – im Gegensatz zum Globalisierungsprozess - die uneingeschränkte Fähig­keit zuerkannt, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die Austausch­ströme zu lenken und zu kontrollieren. Er ist somit der „tonangebende“ Akteur im Prozess der Internationalisierung.[10] Internationalisierung und Globalisierung schlie­ßen sich gegenseitig jedoch nicht aus, vielmehr können beide Prozesse neben­einander existieren, wobei globalisierte Beziehungen auch immer Merkmalsausprägungen inter­nationaler Beziehungsmuster aufweisen.[11]

Neben dem Begriff der Internationalisierung taucht in der Globalisierungsdebatte der Ausdruck der Regionalisierung auf. Dieser bezieht sich ebenfalls auf die wach­sende grenzüberschreitende Verflechtung von gesellschaftlichen Beziehungen zwischen zwei oder mehreren kollektiven Akteuren. Er beschränkt sich dabei je­doch auf Staaten und dessen Akteure, die eine geografische Nähe zueinander aufweisen.[12]

Zur Abgrenzung des Globalisierungsprozesses von den genannten Begriffen dient dessen kennzeichnendes Merkmal der globalen und weltumspannenden Ausprä­gung. Die grenzüberschreitenden gesellschaftlichen Austauschbeziehungen neh­men Dimensionen ein, die über die Konzepte der Regionalisierung und Inter­na­tio­nalisierung hinausgehen.

3. Global agierende Unternehmen: Triebkräfte und Getrie­be­ne der Globalisierung

Träger des Globalisierungsprozesses sind verschiedene gesellschaftliche Akteure im Staat.[13] Ins­besondere weltweit operierende Unternehmen spielen in diesem Prozess eine gewichtige Rolle. Sie werden als die „eigentlichen Trieb­kräfte und Träger der Globalisierung“[14] bezeichnet und sogar als „politische Schlüsselak­teu­re“,[15] wenn es um die Beeinflussung der staatlichen und weltweiten Wirtschafts­ordnung geht. Einerseits wird global agierenden Unternehmen eine be­deutende Gestaltungsoption im Globalisierungsprozess zugesprochen; anderer­seits sind sie, wie alle anderen Akteure, den Kräften der Globalisierung[16] ausge­setzt und da­mit zu reaktiven Anpassungen gezwungen. Globale Märkte setzen Unternehmen durch ein globales Angebot und eine globale Nachfrage unter ver­schärften Wett­bewerbsdruck, so dass Unternehmen aus dieser Perspektive so­gar zu einem glo­balen Agieren gedrängt werden und damit auch Ergebnis der Glo­balisierung sind.

Im Rahmen der Globalisierungsdebatte reicht die Spanne der Bezeichnungen von Unternehmen, die als Triebkräfte der Globalisierung angesehen werden, von inter­nationaler bis hin zu multi- und transnationaler Unternehmung.[17] Darüber hinaus wird der Ausdruck der „globalisierenden“ Unternehmung verwendet.[18] Die Be­zeichnungen umschreiben ähnliche und teilweise identische Erscheinungsformen von Unternehmen, so dass eine (genaue) Differenzierung zwischen den Begriffen und der womöglich existierenden unterschiedlichen Intensität der grenzüberschrei­tenden Verflechtung der Unternehmensbeziehungen nicht möglich ist.

Um Unklar­heiten zu vermeiden, soll im Folgenden der Begriff der global agieren­den Unter­nehmung bzw. Unternehmen verwendet werden. Diese Bezeichnung schließt all jene Unternehmen ein, welche grenzüberschreitende und weltweite Ak­tivitäten durchführen, wobei die Unternehmensaktivitäten sich nicht nur auf das di­rekte Exportgeschäft konzentrieren, sondern zumindest Kooperationen oder Kapi­tal­be­teiligungen mit bzw. an der ausländischen Partnerunternehmung umfassen sollen.[19] Ideal­ty­pischerweise betrachtet die global agierende Unternehmung die Welt als den zu bearbeitenden bzw. zu bedienenden Markt und teilt infolgedessen die Kette der Wertschöpfungsaktivitäten auf unterschiedliche Länder auf. Eine wortwörtliche terminologische Auslegung des Adjektivs „global“ würde bedeuten, dass es für eine global agierende Unternehmung nicht ausreicht, lediglich auf unter­schied­lichen Märkten oder Ländern präsent zu sein. Um ihrer Bezeichnung ge­recht zu werden, müsste sie weltweit, nach strenger Auslegung sogar in allen Län­dern der Welt agieren. Selbstverständlich operiert keine Unternehmung in allen Ländern der Erde; vielmehr steht weltweit bzw. global agierend für eine hin­reichend große Anzahl an Verflechtungen und Beziehungen mit ausländischen Partnern, verbun­den mit einer entsprechenden breiten und möglichst gleich­mäßigen geografischen Streuung über verschiedene Länder. Dabei muss auch die Anzahl und das quantitative Ausmaß der mit dem Ausland verflochtenen Elemente der Wertschöpfungskette einer bestimmten Größenordnung genügen.[20]

In der Globalisierungsdebatte existieren verschiedene Haltungen gegenüber dem Ausmaß des Beeinflussungs- bzw. Machtpotentials von global agierenden Unter­nehmen. Überwiegend werden sie als Hauptverantwortliche für die Erodierung von staatlicher Souveränität angesehen;[21] zum anderen wird argumentiert, dass auch global agierende Unternehmen keine „staaten- bzw. heimatlosen“ Gebilde seien, sondern von einem fest etablierten Standort aus operieren würden und damit pri­mär den staatlichen Regulierungs- und Steuerungsmechanismen unterworfen blie­ben.[22] Diese entgegengesetzten Positionen finden sich in der übergeordneten Dis­kussion zwischen sog. Hyperglobalisierern und Globalisierungsskeptiker[23] wieder, auf die im Folgenden näher eingegangen wird.

4. Positionen in der Globalisierungsdebatte

Sowohl die Haltung der Hyperglobalisierer als auch die der Globalisierungsskepti­ker sind Extrempositionen und stellen insofern idealtypische Kategorien dar, die als Strukturierungs- und Erkenntnishilfen bei der Einordnung von Autoren und de­ren Standpunkte dienen. Sie vermitteln einen Überblick über die möglichen Ein­stel­lungen hinsichtlich der Implikationen von Globalisierung. Im Folgenden wird ei­ne Übersicht über die verschiedenen Denkschulen gegeben, wobei die Auswir­kun­gen der (ökonomischen) Globalisierung - vor allem durch global agierende Un­ter­neh­men - auf den Staat als zentrale Aspekte im Mittelpunkt stehen.

4.1 Die Hyperglobalisierer

Aus der Sicht der Vertreter der Hyperglobalisierungsthese ist das Globalisie­rungs­phänomen in seinen qualitativen und quantitativen Dimensionen eine völlig neue Erscheinungsform der grenzüberschreitenden Vernetzung und mit früheren welt­wirtschaftlichen Integrationsstadien nicht zu vergleichen. Im globalen Zeitalter ge­höre der Begriff der nationalen Wirtschaft der Vergangenheit an, da vor allem an­gesichts technologischer Entwicklungen und politischer Liberalisierungsmaß­nah­men die Welt zu einem grenzenlosen Raum werde, in dem die Kräfte des Marktes den zunehmend machtlos werdenden Staaten eine „unternehmensfreund­liche“ Politik diktiere. Global agierende Unternehmen verfügen in diesem Szenario über zahlreiche Optionen, die nationalstaatliche Politik zu umgehen. Der Staat ver­liere aufgrund seiner national bzw. territorial begrenzten Steuerungs- und Regulie­rungsmöglichkeiten folglich die Fähigkeit, die heimische Wirtschaft zu lenken und zu kontrollieren.[24]

Neben der wachsenden Ortsungebundenheit der globalisierten Ökonomie und dem damit verbundenen Verlust der Fähigkeit, die eigenen ökono­mischen Res­sourcen zu steuern, führt Baumann den Beitritt von Staaten zu inter­nationalen Or­ganisationen (z.B. EU, NATO, UN) als weitere Ursache für den Sou­veränitäts­verlust an. Als klassischer Vertreter der Hyperglobalisierungsschule ver­tritt er die Auffassung, dass die staatliche Handlungsfähigkeit und Autonomie durch Auswir­kungen des Globalisierungsprozesses untergraben und völlig erodiert wird.[25]

Voraussetzung dafür, dass global agierende Unternehmen, wie von Hyper­glo­ba­li­sierern propagiert, sich in jedem Land der Erde „heimisch fühlen“, also tat­säch­lich zu „heimat- bzw. staatenlosen“ Gebilden werden, ist die Annahme einer weit­ge­henden An­gleichung bzw. Konvergenz von politischen, kulturellen und ökono­mi­schen Stand­ortfaktoren. Denn nur wenn diese unerheblich für die Standortent­scheidung wären, wäre es für Unternehmen problemlos möglich, eine kostenneu­trale Verlagerung der Produktionskapazitäten vorzunehmen und die besten Chan­cen auf einem weltweiten Markt wahrzunehmen.[26]

4.2 Die Globalisierungsskeptiker

Eine entgegengesetzte Denkrichtung verfolgen die Globalisierungsskeptiker. Sie wenden ein, dass das Konzept der Globalisierung die tatsächlichen Auswirkungen bei weitem überschätzt und bringen folgende Argumente hervor. Erstens sei die heutige Integration der Weltwirtschaft nicht beispiellos, denn zu Zeiten des Gold­standards, vor dem Ersten Weltkrieg, hätte sich die weltwirtschaftliche Ver­flech­tung auf einem ähnlichen Niveau wie heute bewegt. Somit sei der heutige Zustand größtenteils eine Rückkehr zum Status Quo der damaligen Zeit.[27] Gemäßigte Skeptiker gestehen im Allgemeinen zwar zu, dass sich die Intensität der Ver­net­zung in der globalen Ära von früheren Zeiten durchaus unterscheidet. Sie kriti­sieren jedoch, dass sich die räumliche Ausdehnung des Globalisierungspro­zesses hauptsächlich auf die Triade Europa, Nordamerika und Japan erstrecke, sie also keinesfalls als global bezeichnet werden könne und es sich demnach viel­mehr um Internationalisierung oder Regionalisierung als um Globalisierung han­dele.[28] Diese Einschätzung untermauern sie weiter mit dem Argument, dass trotz des An­wach­sens von grenzüberschreitenden Handelsströmen in den letzten Jahr­zehnten nur ein kleiner Teil des gesamten Bruttoinlandproduktes der führenden Wirt­schafts­na­tionen für den Export bestimmt sei.[29]

In Bezug auf das Macht- und Beeinflussungspotential global agierender Unterneh­men teilen die Globalisierungsskeptiker ebenfalls nicht die Ansicht der Hyperglo­balisierer, dass durch global ausgerichtete Unternehmensstrategien die territorial begrenzte Wirtschaftspolitik unterlaufen wird. Jene vertreten die Position, dass es erstens wenig wirklich global agierende Unternehmen gäbe, d.h. Unternehmens­aktivitäten würden sich meist auf eine geringe Anzahl von (Industrie-)Ländern kon­zentrieren. Zweitens seien global agierende Unternehmen, wie andere Unter­neh­men auch, stark in nationalen Märkten verankert und würden damit einen Groß­teil des Leistungserstellungsprozesses im Inland abwickeln.[30] Außerdem seien Umge­hungsstrategien gewiss nicht kostenneutral, sondern häufig mit erheblichen Inves­titionen (im Ausland)[31] und damit mit einem erhöhten Risiko für Unternehmen ver­bunden.

Aus der dargelegten Problematik wird ersichtlich, dass die Globalisie­rungsskepti­ker Unternehmen im Rahmen der Globalisierung ein geringeres Macht- und Beein­flussungspotential zusprechen als dies im Szenario der Hyper­glo­bali­sierer der Fall ist. Hinzu kommt, dass die Globalisierungsskeptiker den Staat selbst als den Glo­ba­lisierung vorantreibenden Akteur ansehen[32] und daraus eine gewisse Steuer­barkeit des Globalisierungsprozesses ableiten.[33] Die Schule der Skeptiker vertraut deshalb auf den Fortbestand der wirksamen Steuerungskompetenz des Staates innerhalb seines Territoriums. Sie schreibt dem Staat auch zukünftig eine weit­ge­hende Unabhängigkeit von der Funktionslogik globaler Märkte und eine Re­sistenz gegenüber den Taktiken global agieren­der Unter­neh­men zu.

[...]


[1] Siehe hierzu eine Übersicht über die Anzahl an Publikationen, die zum Thema Globalisierung erschienen sind von BUSCH (1999), S.15.

[2] So wird in ökonomischer Perspektive bspw. von globalen Wirtschaftssubjekten, globalen Märkten und sogar von globalisierten bzw. „globalisierenden“ Ländern gesprochen.

[3] Vgl. PERRATON/GOLDBLATT/HELD/McGREW (1998), S. 137.

[4] Für Germann, Raab und Setzer stellt Globalisierung hingegen sowohl einen Prozess als auch einen Zustand dar. GERMANN/RAAB/SETZER (1999), S. 3. Für die Beschreibung des durch Globalisierung erzeugten Sta­tus quo eignet sich jedoch vielmehr der Begriff der Globalität. Dieser umschreibt nach Beck ausschließlich einen empiri­schen Zu­stand, für den die Auflösung territorialer Grenzen kennzeichnend ist.. Beck spricht in die­sem Zusammenhang davon, dass „die Vorstellung geschlossener Räume fiktiv wird“. BECK (1998), S. 27-28.

[5] BECK (1998), S. 45.

[6] Vgl. BECK (1998), S. 44-46.

[7] GIDDENS (2001), S. 52.

[8] Vgl. MEIER/ROEHR (2004), S. 11-12.

[9] Dieser Argumentation bedienen sich bspw. Hirst und Thompson. Vgl. HIRST/THOMPSON (1998), S. 86 ff. Verfechter dieser Position sind meist in die Kategorie der Globalisierungsskeptiker einzureihen, deren Auf­fas­sung unter Punkt 4.2 näher erläutert wird.

[10] Vgl. DIE GRUPPE VON LISSABON (1997), S. 44-45.

[11] Vgl. HIRST/THOMPSON (1998), S. 96.

[12] Vgl. GERMANN/RAAB/SETZER (1999), S. 4.

[13] Benz benennt neben den Akteuren auf Staatsebene auch Akteure auf „überstaatlicher“ Ebene, sog. trans­nationale Akteure (z.B. die Vereinten Nationen, die OECD, die Weltbank, die Europäische Zentralbank, inter­nationale Dachverbände und weitere NGOs), die ebenfalls im Globalisierungsprozess mitwirken. Vgl. BENZ (2001), S. 250-251.

[14] PAUSENBERGER (1999), S. 81.

[15] SCHERER (2003), S. 95.

[16] Für eine ausführliche Darstellung der auf Unternehmen wirkenden Globalisierungskräfte siehe PAUSEN­BERGER (1999), S. 79.

[17] Siehe hierzu z.B. HIRST/THOMPSON (1998), PERRATON/GOLDBLATT/HELD/McGREW (1998), SCHE­RER (2003).

[18] Vgl. ENGELHARD/GERSTLAUER/STEIN (1999), S. 294.

[19] Für eine detaillierte Erläuterung der unterschiedlichen Formen und Intensitäten der Präsenz auf ausländi­schen Märkten siehe MEIER/ROEHR (2004), S. 18-20.

[20] Diese Anforderungen werden in Anlehnung an der Globalisierungsdefinition von Germann, Raab und Set­zer formuliert. Sie definieren Globalisierung primär als die Verflechtung der Beziehungen von Wirtschafts­sub­jekten, welche in quantitativer und qualitativer Hinsicht bestimmten Kriterien genügen muss. Die An­for­de­run­gen werden – was für eine empirische Analyse jedoch notwendig wäre - nicht weiter operationali­siert und blei­ben deshalb unbestimmt. Vgl. GERMANN/RAAB/SETZER (1999), S. 2-3. Für Anmerkungen zu empi­ri­schen Aspekten siehe Punkt 5.4.

[21] Siehe z.B. BECK (1998), S. 14 ff. und BECK (1996), S. 673 ff.

[22] Siehe z.B. HIRST/THOMPSON (1998), S. 89 ff.

[23] Die Einteilung in Hyperglobalisierer und Globalisierungsskeptiker wird von PERRATON/GOLD­BLATT/ HELD/McGREW (1998) eingeführt und auch von GIDDENS (2001) verwendet .

[24] Vgl. GIDDENS (2001), S. 59; PERRATON/GOLDBLATT/HELD/McGREW (1998), S. 135.

[25] Vgl. BAUMANN (1998), S. 55ff.

[26] Siehe hierzu GRAY (1999), S. 90, vor allem S. 95 ff.

[27] Die Globalisierungsskeptiker Hirst und Thompson stellen die vage Behauptung auf, dass es kaum einen Unterschied gäbe zwischen einer Wirtschaft, die als Kommunikations- und Transportmittel Tiefseekabel und Segelschiffe benutzte, und einer Wirtschaft, in der Nachrichten elektronisch per Satelliten und Computer über­mittelt werden. HIRST/THOMPSON (1998), S. 98.

[28] Vgl. GIDDENS (2001), S. 58-59; PERRATON/GOLDBLATT/HELD/McGREW (1998), S. 135-136.

[29] Vgl. HIRST/THOMPSON (1998), S. 99.

[30] Vgl. HIRST/THOMPSON (1998), S. 99-100.

[31] Vgl. PERRATON/GOLDBLATT/HELD/McGREW (1998), S. 164.

[32] Vgl. GIDDENS (2001), S. 59; BENZ (2001), S. 226.

[33] Hinter dem Abbau von Handelsbeschränkungen oder dem Beitritt zu internatonalen Organisationen stehen für die Globalisierungsskeptiker weitgehend eigenmächtige Entscheidungen des Staates.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Implikationen der Globalisierung: Beeinflussung der Staatstätigkeit im modernen Staat durch global agierende Unternehmen
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Globalisierung
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
35
Katalognummer
V45239
ISBN (eBook)
9783638426732
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Implikationen, Globalisierung, Beeinflussung, Staatstätigkeit, Staat, Unternehmen
Arbeit zitieren
Nicole Rudolf (Autor), 2005, Implikationen der Globalisierung: Beeinflussung der Staatstätigkeit im modernen Staat durch global agierende Unternehmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45239

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