Kallimachos Hymnen. Übersetzung und Interpretation der Verse 170 - 208 des Artemishymnos


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Übersetzung der Verse 170–208

3 Interpretation

4 Fazit

5 Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1 Quellenverzeichnis
5.2 Kommentare
5.3 Wörterbücher
5.4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Hymnen des hellenistischen Dichters und Philologen Kallimachos sind Neuprägungen der alten sogenannten homerischen Hymnen, die unter dem Namen Homers überliefert worden sind, aber wohl aus einem längeren Zeitraum stammen. Die Hymnensammlung des Kallimachos hauche dieser alten, obsolet gewordenen Gattung neues Leben ein, wenngleich gleichzeitig typische Elemente der archaischen Hymnen verfremdet werden.[1] In der Reihe der sechs kallimacheischen Hymnen nimmt der Artemishymnos den dritten Platz ein und ist der zweitlängste nach dem Hymnos auf Delos. Die kallimacheischen Hymnen richten sich nicht an dieselben Götter wie die homerischen und auch nicht in derselben Reihenfolge, wenngleich es Überschneidungen gibt. So gibt es in beiden Kyklen Hymnen auf Demeter, Apollon und Artemis. Letzterer zählt jedoch zu den kürzeren homerischen Hymnen.

Der vorliegende Hymnos auf Artemis folgt auf den Apollon- und Zeushymnos. Da – gemäß den Hymnen – Apollon und Artemis zu Zeus` Rechter sitzen und Kallimachos an mehreren Stellen der Hymnen auf den Wettstreit zwischen Apollon und seiner Zwillingsschwester Artemis eingeht, ist es nur logisch auf den Göttervater die beiden seiner Kinder folgen zu lassen, die an seiner Seite sitzen.

Zu Beginn schildert der Sprecher, wie Artemis noch als Kind ihren Vater Zeus gebeten haben soll, die Jungfräulichkeit bewahren zu dürfen und ebenso viele Namen wie Phoibos zu haben. Darüber hinaus will sie Pfeil und Bogen, wenngleich dies die Kyklopen für sie anfertigen werden, sowie sechzig unverheiratete Okeanostöchter als Tanzgefährtinnen.

Als ‚Aufgabenbereiche‘ wünscht sie sich alle Berge, von den Städten soll ihr nur irgendeine zugeteilt werden, da sie nur selten in die Städte zu kommen gedenkt: Immer dann, wenn Frauen von Wehen geplagt werden. Das alles und mehr gewährt ihr Zeus mit einem Kopfnicken. Darauf folgt die Kyklopenepisode, in der Artemis den Ätna besucht, um ihre Waffen fertigen zu lassen. Dabei wird das abschreckende Äußere der Kyklopen als eines beschrieben, das jedes Mädchen vor Angst in den Schoß der Mutter treibt – alle bis auf Artemis.

Kaum bewaffnet macht sie sich auf den Weg zu Pan, um sich mit Hündinnen ausstatten zu lassen, die jedes Versteck aufspüren und stärker als Löwen sind. Sobald sie zur Jagd bereit ist, geht die Erzählung dazu über, zu erklären, wie der Mythos um die kerynthische Hirschkuh, derer sich Herakles annahm, entstand: Fünf Hindinnen jagte Artemis, erlegte jedoch nur vier, da die fünfte als Preis für Herakles gedacht war. Anschließend wird geschildert, wie Artemis ihren Bogen nicht nur zur Jagd nutzt, sondern auch, um Städte zu bestrafen. Denn rechtschaffene Städte werden unter ihrem wohlwollenden Blick gedeihen, ungerechte Städte aber untergehen.

Daran anschließend geht der Hymnos über zum Gesang auf Leto, Apollon und Artemis mit ihren Großtaten sowie ihrem Wagen, der sie zum Olymp trug. Artemis hat also ihre Reife erreicht und darf nun in Zeus Palast bei Tische sitzen, nicht ohne vorher zu erwähnen, dass der gefräßige Herakles ihr die Beute abnimmt und ihr empfiehlt, nur noch Großwild zu jagen. Die Initiation endet damit, dass ihr viele Plätze angeboten werden, sie aber natürlich den an der Seite des Apollon zur Rechten des Zeus nimmt, um ihrem Bruder in nichts nachzustehen.[2]

2 Übersetzung der Verse 170–208

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Interpretation

In der Forschung werden die kallimacheischen Hymnen als untereinander verbunden angesehen, sodass Haslam den Schluss zog, dass die beiden ersten Hymnen – auf Zeus und Apoll – zweier mächtiger Götter, die Platz für Hymnen böten, hier vergleichsweise kurz kommen und der Hymnos auf Artemis, die als Göttin eigentlich nicht viel Stoff für einen Hymnos biete, hier durch die Länge betont werden soll.[5] Er geht auch davon aus, dass die mangelnde Einheit im Hymnos Kallimachos` Streben nach Paradoxem und Überraschungseffekten geschuldet sei.[6]

Bereits Wilamowitz urteilte, dass der Hymnos auf Artemis eigentlich im Vers 182 ende und die anschließende künstliche Verlängerung den Gelehrten und nicht den Dichter widerspiegele, der noch zu viel Stoff gehabt habe.[7] Vestrheim stellt dem gegenüber, dass der Artemishymnos sprachlich, metrisch, stilistisch und kompositionell auf den homerischen Apollonhymnos abgestimmt sei. Das „bunte Nebeneinander“ sei das Strukturprinzip der archaischen Kunst des homerischen Apollonhymnos; die mangelnde Einheit des Artemishymnos sei folglich Absicht.[8]

Als weiterer Punkt wurde von Bing und Uhrmeister[9] angemerkt, dass dieser Hymnos ein Einheitsprinzip in Form einer Realisation/Anwendung des ersten Teils des Hymnos (Entwicklung der Artemis vom Kind zur olympischen Göttin) und der dort angedeuteten Eigenschaften im zweiten Teil sei. So schildere der erste Teil die Entwicklungsstufen Artemis` vom παῖς (V. 5) zur κουρή und zum δαίμων (VV. 40–86), anschließend vom δαίμων zur θεή (VV. 87–112) und dann von der θεή zur ἄνασσα (VV. 113–137). So schildert der erste Teil die Übernahme der Rolle als Stadtgottheit (mit dem ‚Höhepunkt’, dass der Dichter bittet, ihm, als Stadteinwohner, gnädig zu sein) und die weiteren Szenen, die den zweiten bilden, dienen dazu, Artemis` Rolle/Stellung als ἄνασσα zu illustrieren.[10]

Mit dem Nymphentanz, der den Anfang des in dieser Arbeit zu betrachtenden Abschnittes darstellt, spielt Kallimachos wohl auf den homerischen Artemishymnos an, in dem Artemis auch die Rolle der Führerin der Nymphen übernimmt, wenngleich ein Unterschied darin besteht, die Reihen der Chariten und Musen zu ordnen (Hom. h. 27) und den Tanz selbst zu führen (Kall. h. 3).[11] Diese Anspielung ist weder die erste noch die letzte im Hymnos. Die Verbindung von Artemis zu ihrem Zwillingsbruder ist kein Zufall: So wird Artemis beim Thema der ‚vielen Beinamen’ mit Apollon verglichen[12]. Der genannte Nymphentanz verfolgt aber noch ein weiteres Ziel: Mit dem Wechsel zu einem „umkreisenden“ Chor wird der Fokus des Lesers von Artemis selbst, die eine „richtige“ Gottheit wird, auf das gelenkt, was um sie herum geschieht.

[...]


[1] Das Hymnenkorpus des Kallimachos ist – neben einigen Fragmenten und Epigrammen – das einzig erhaltene Werk des alexandrinischen Philologen. Sein bedeutendstes Werk, die Aitia, sind nahezu vollständig verloren gegangen, sodass er uns ausschließlich als Dichter noch erhalten blieb. Umso interessanter macht dies die in den Hymnen versteckten Aitiologien. Paulsen, Th.: Geschichte der griechischen Literatur. Stuttgart 2004. S. 308.

[2] Nach: Callimachus: 1. Hymni cum scholiis veteribus ad codicum fidem recens. et emendati, epigrammata recogn., excursus additi von Otto Schneider. Leipzig [1870] 1956. Diese Ausgabe wurde der modernen von Stephens vorgezogen, da sie mehr textkritische Angaben enthält, sodass sich die Überlieferung der Testimonien einfacher nachvollziehen lässt. An geeigneter Stelle wird darauf weiter eingegangen werden.

[3] Die Mehrzahl der überlieferten Handschriften hat hier ἔξοχον, was sich als Adjektiv direkt auf τίνα bezöge, jedoch stimme ich hier mit dem Editor überein, dass das Adverb passender ist.

[4] Ebenso wird hier vom Editor κνημούς statt κρημνούς, um keine Doppelung mit παίπαλ α zu haben, bevorzugt, dem ich mich anschließe.

[5] Haslam, M. W.: Callimachus` Hymns. In: Harder, M. A. [Hg.]: Callimachus. Groningen 1993. S. 111–125. S. 117.

[6] Ebenda, S. 125.

[7] Wilamowitz-Moellendorf, U. v.: Hellenistische Dichtung in der Zeit des Kallimachus. Bd. 2. Berlin [1924] 1962. S. 58.

[8] Vestrheim, G.: Meaning and Structure in Callimachus` Hymns to Artemis and Delos. SO 75 (2000): S. 62–79.

[9] Bing, P./Uhrmeister, V.: The Unity of Callimachus` Hymn to Artemis. JHS 114 (1994): S. 19–34.

[10] Ebenda, S. 29.

[11] Ebenda, S. 30–34. Deutlich wird dies auch am Vergleich der beiden Originalstellen (Petrovic scheint dies missverstanden zu haben, als sie meinte, Bing/Uhrmeister bezögen sich auf den homerischen Apollonhymnos. Vgl. Petrovic, I.: Von den Toren des Hades zu den Hallen des Olymp. Artemiskult bei Theokrit und Kallimachos. Leiden [u.a.] 2007. S. 189.): Hom. h. 27, 15: Μουσῶν καὶ Χαρίτων καλὸν χορὸν ἀρτυνέουσα Kall. h. 3, 170: ἡνίκα δ᾽ αἱ νύμφαι σε χορῷ ἔνι κυκλώσονται

[12] Kall. h. 3, 7: καὶ πολυωνυμίην, ἵνα μή μοι Φοῖβος ἐρίζῃ.

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Details

Titel
Kallimachos Hymnen. Übersetzung und Interpretation der Verse 170 - 208 des Artemishymnos
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institus für klassische Philologie)
Veranstaltung
HS - Kallimachos (Hymnen)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V452492
ISBN (eBook)
9783668850620
ISBN (Buch)
9783668850637
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine insgesamt recht gelungene Arbeit, die wichitge Aspekte des schwierigen und voraussetzungsreichen Textes kundig diskutiert und zu einer Gesamtinterpretation bündelt. Besonders umfangreich wurde die Sekundärliteratur verarbeitet.
Schlagworte
Kallimachos, Kallimachus, antike Hymnen, Artemis, Apollon, Apoll, Aitiologien, Hellenismus, antike Dichtung
Arbeit zitieren
Jonas Gehring (Autor), 2018, Kallimachos Hymnen. Übersetzung und Interpretation der Verse 170 - 208 des Artemishymnos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452492

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