Bei Wolframs "Parzival" handelt es sich um einen Mehrgenerationenroman, wobei die Elterngeschichte, insbesondere der Gahmuret-Teil, zunächst im Fokus steht. Dabei ist es zu einseitig gedacht, die Handlungen dieser Figuren bloß anhand deren Bedeutung für den Protagonisten zu betrachten. So ist Herzeloyde nicht allein Parzivals Mutter, welche ihn mit dem Gralsgeschlecht verbindet, sondern nimmt vielfältige Rollen mit teils verschiedensten Eigenschaften ein. Im Fokus dieser Arbeit steht dabei ihre Rolle als zweifache Witwe. Insbesondere der Verlust ihres zweiten Ehemannes Gahmuret prägt ihr Dasein und somit ihr Handeln im Roman. Dabei soll keine Bewertung dieser Handlungen vorgenommen werden, wie es häufig in der Forschungsliteratur geschieht. Es gilt vielmehr herauszustellen, was ihre Witwenschaft ausmacht bzw. wie Herzeloyde als Witwe dargestellt und funktionalisiert wird.
Hierfür wird zunächst auf den historischen Hintergrund, die Entstehung des Witwenstandes im Mittelalter und dessen Merkmale, eingegangen, bevor dieser in Bezug zu Liebe und Leid, Trauer und Tod in der höfischen Erzählliteratur gesetzt wird. Dabei soll insbesondere auf die verschiedenen Witwenfiguren im „Parzival“ eingegangen werden. In der anschließenden Analyse wird sich in diesem Zusammenhang explizit mit der Herzeloyde-Figur beschäftigt. Zunächst gilt es, die Besonderheit der Beziehung Herzeloydes zu Gahmuret herauszustellen. Hierbei wird auf den Einfluss ihrer ersten Witwenschaft, den Entstehungsprozess der Ehe als auch auf das Eheleben selbst eingegangen. Das darauf folgende Kapitel steht unter dem Aspekt des Rollenwechsels der Figur, von der höfischen Ehefrau zur verwitweten Mutter. Hier stehen der prophetische Traum Herzeloydes, ihr Ohnmachtserlebnis als auch die Umfunktionierung der Witwenklage im Fokus der Überlegungen. Im letzten Analysekapitel werden die Folgen von Herzeloydes erneuter Witwenschaft herausgestellt, wobei auf ihren Auszug nach Soltane, die Erziehung Parzivals sowie ihren Tot aus Mutterliebe eingegangen wird. Abschließend werden die Ergebnisse nochmals zusammenfassend dargestellt als auch mit der Lebensrealität im Mittelalter sowie mit der Darstellung der Witwe in der höfischen Literatur und in Wolframs Werk in Bezug gesetzt.
Gliederung
Einleitung
1. Zur Entstehung des Witwenstandes
2. Witwentum im „Parzival“
3. Analyse
3.1 Herzeloydes Beziehung zu Gahmuret
3.2 Rollenwechsel der Herzeloyde-Figur
3.3 Die Mutter-Sohn-Beziehung
Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht die Figur der Herzeloyde in Wolframs von Eschenbach „Parzival“ unter dem Fokus ihrer Rolle als zweifache Witwe. Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie sich ihre Witwenschaft darstellt, wie sie funktionalisiert wird und wie sich ihr Rollenwechsel von der höfischen Ehefrau zur verwitweten Mutter gestaltet, ohne dabei vorschnelle Bewertungen ihrer Handlungen vorzunehmen.
- Historische Grundlagen des Witwenstandes im Mittelalter.
- Darstellung und Funktionalisierung von Witwenfiguren in der höfischen Literatur.
- Die Analyse der außergewöhnlichen Beziehung zwischen Herzeloyde und Gahmuret.
- Der Übergang von der Ehefrau zur Mutter und dessen narrative Bedeutung.
- Die Mutter-Sohn-Beziehung als prägender Faktor für Herzeloydes Handeln.
Auszug aus dem Buch
3.1 Herzeloydes Beziehung zu Gahmuret
Herzeloyde wird nach Belakane Gahmurets zweite Ehefrau; ihre Ehe entsteht bereits unter ungewöhnlichen Voraussetzungen. So ist Herzeloyde verwitwet, als sie Gahmuret begegnet, lässt jedoch keine Anzeichen der typischen Witwe im höfischen Roman erkennen. Statt um ihren Ehemann zu trauern, Buße zu tun oder gar aus „triuwe“ zu sterben, ist ihrem Verhalten der Verlust nicht anzumerken. Zum einen lässt sich hierzu sagen, dass ihr verstorbener Mann Castis für den Verlauf der Handlung nicht weiter von Belang ist; erst spät im Roman wird überhaupt erwähnt, dass Herzeloyde zu dem Zeitpunkt, wo sie Gahmuret kennenlernt, verwitwet ist (vgl. 494, 15-30). Daneben muss angemerkt werden, dass ihre erste Ehe nicht vollzogen wurde und sie demnach erst durch die Ehe mit Gahmuret zur „Frau“ wird („si was ein maget, niht ein wîp“, 60, 15). Generell erfährt man zu Anfang nicht viel über die Figur der Herzeloyde. Vom Erzähler wird zunächst bloß berichtet, dass sie ein Turnier veranstaltet und sich selbst als Preis ausgesetzt hat (vgl. 60, 16f.). Ihr Verhalten lässt sich nach Greenfield in der Form deuten, als dass dieses nicht von ihrem Witwentum, sondern aus dem praktischen Grund heraus motiviert ist, einen König für ihre Länder zu finden. Es lässt sich hier eine Parallele zu Ampflise ziehen, welche ebenfalls keine Spur von Trauer um ihren verstorbenen Gemahl erkennen lässt und die Wahl ihres Ehemannes selbst in die Hand nimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es werden die zentralen Motive "Liebe" und "Leid" in Wolframs "Parzival" eingeführt und Herzeloyde als umstrittene Figur im Fokus der Untersuchung positioniert.
1. Zur Entstehung des Witwenstandes: Dieses Kapitel erläutert den historischen Wandel des Witwenbegriffs vom antiken Verständnis der "allein Lebenden" hin zur christlich geprägten sozialen Rolle im Mittelalter.
2. Witwentum im „Parzival“: Der Abschnitt analysiert die Darstellung von Witwen und die Erwartungshaltung des höfischen Publikums gegenüber Zeichen von "triuwe" bei verschiedenen Figuren des Romans.
3. Analyse: Das Hauptkapitel untersucht detailliert Herzeloydes Entwicklung und ihre Beziehung zu Gahmuret sowie die Bedeutung ihrer Mutterschaft.
3.1 Herzeloydes Beziehung zu Gahmuret: Hier wird die ungewöhnliche Entstehung der Ehe, Herzeloydes aktives Werben und ihre Rolle als Ehefrau im Spannungsfeld zwischen Pragmatismus und Leidenschaft betrachtet.
3.2 Rollenwechsel der Herzeloyde-Figur: Das Kapitel behandelt den Umschwung von der Ehefrau zur Witwe, eingeleitet durch einen prophetischen Traum und eine lebensverändernde Ohnmacht.
3.3 Die Mutter-Sohn-Beziehung: Es wird analysiert, wie Herzeloydes neue Rolle als Mutter ihr Handeln bestimmt, insbesondere durch den Rückzug nach Soltane und den Versuch, Parzival vor der ritterlichen Welt zu schützen.
Schluss: Zusammenfassend werden die Ergebnisse zur Sonderstellung Herzeloydes als zweifache Witwe im Roman und ihre Rolle im christlichen Gesellschaftsmodell dargelegt.
Schlüsselwörter
Herzeloyde, Parzival, Gahmuret, Witwenschaft, Mittelalter, höfische Literatur, triuwe, Mutterliebe, Ehe, Rollenwechsel, Soltane, Mittelalterliche Literaturwissenschaft, Witwenklage, Rittertum, Askese
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die literarische Figur der Herzeloyde in Wolframs "Parzival", wobei der Schwerpunkt auf ihrer spezifischen Rolle als zweifache Witwe und ihrem Handeln im Kontext höfischer Ideale liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die historische Einordnung des Witwenstandes, die Bedeutung von "triuwe" in der höfischen Welt, die Dynamik der Beziehung zwischen Herzeloyde und Gahmuret sowie der prägende Einfluss der Mutter-Sohn-Beziehung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Herzeloyde nicht nur als Mutter des Protagonisten zu sehen, sondern ihr spezifisches Handeln als zweifache Witwe herauszuarbeiten und zu analysieren, wie der Autor diese Rolle im Roman funktionalisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext des "Parzival" unter Einbeziehung relevanter fachwissenschaftlicher Forschungsliteratur (z.B. Greenfield, Jussen, Brinker-von der Heyde) untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Ehe mit Gahmuret, den Rollenwechsel durch den Tod des Ehemannes und die darauffolgende intensive Mutter-Sohn-Beziehung, inklusive der Erziehung Parzivals in Soltane.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Namen der Figur (Herzeloyde) sind dies Begriffe wie "Witwenschaft", "triuwe", "höfische Literatur" und "Rollenwechsel".
Warum wird Herzeloydes Beziehung zu Gahmuret als außergewöhnlich beschrieben?
Die Beziehung ist durch Herzeloydes aktives Werben und die symbolische Bedeutung eines Hemdes als Liebespfand gekennzeichnet, was den gängigen höfischen Konventionen der Zeit widerspricht.
Welche Bedeutung hat der prophetische Traum für Herzeloyde?
Der Traum dient als Orakel, das den kommenden Tod Gahmurets und den Auszug des Sohnes vorwegnimmt und somit den Übergang von der Ehefrau zur verwitweten Mutter einleitet.
Warum versucht Herzeloyde, Parzival vom Rittertum fernzuhalten?
Sie sieht im Rittertum und der "art" des Vaters den Ursprung ihres Leids und Gahmurets Tod, weshalb sie versucht, ihren Sohn durch Abschottung in Soltane zu schützen.
Wie lässt sich Herzeloydes Tod deuten?
Ihr Tod ist die Konsequenz des endgültigen Verlustes ihrer letzten männlichen Bezugsperson, Parzival; sie stirbt, wie die Analyse zeigt, den "Tod aus triuwe".
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- B.A. Jana Katczynski (Author), 2017, Liebe und Leid in Wolframs "Parzival". Herzeloydes Witwentum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452630