Annahmen über Wesen und Ursprung moralischer Überlegungen waren in der Philosophiegeschichte oftmals Ausgangspunkt für die Gestaltung normativer Theorien. Verschiedene Annahmen über die menschliche Natur und ihre moralischen Fähigkeiten führten dabei zu teils unvereinbaren Theoriegebilden. Wer das Wesen der Moral, wie Immanuel Kant, im Vernunftvermögen des Menschen ansiedelt, kommt zu einer formalen Gesinnungsethik, die den menschlichen Neigungen jeglichen moralischen Wert abspricht. Wer hingegen, wie David Hume, in den Leidenschaften die einzige Triebfeder moralischen Handelns erkennt, wird es für absurd halten, dass die Vernunft unser Wollen und Handeln bestimmen kann.
Die rasante Entwicklung der Moralpsychologie in den letzten zehn Jahren ermöglicht es den Philosophen von heute auf empirische Methoden zur Überprüfung von Aussagen über den Ursprung und die Mechanismen moralischen Urteilens zurückgreifen, die für bisherige Philosophengenerationen noch rein spekulativ waren. Jüngste moralpsychologische Befunde, die darauf hindeuten, dass unsere moralischen Urteile in erster Linie durch unbewusste Intuitionen gelenkt werden, die mit emotionalen Prozessen verknüpft sind, scheinen David Hume Recht zu geben.
Ist der Glaube an eine rationale Urteilsfindung, wie der Psychologe Jonathan Haidt folgert, somit eine Illusion? Und die Vernunft kann, wie David Hume konstatierte, nur Sklavin unserer Leidenschaften bleiben?
Die vorliegende Arbeit wird versuchen anhand des Konzepts des Reflective Equilibrium erste Implikationen empirischer Befunde für die Gestaltung einer Moraltheorie aufzuzeigen, die rationalen Ansprüchen genügen kann. Dazu werden als Ausgangspunkt grundlegende Modelle und Befunde aus der Moralpsychologie zusammengefasst und auf ihre Vereinbarkeit hin diskutiert. Zum Abschluss dieser Arbeit wird ein Ausblick auf Anknüpfungspunkte dieses Konzepts in der praktischen Ethik gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zentrale Modelle der Moralpsychologie
2.1. Social Intuitionist Model
2.2. Dual-Process Model
2.3. Universal Moral Grammar
2.4. Diskussion der Modelle
3. Implikationen des Humesschen Gesetzes
4. Entwurf einer empirisch fundierten Moraltheorie
4.1. Das Konzept des Reflective Equilibrium und seine Kritiker
4.2. Mikhails Interpretation des Reflective Equilibrium
4.3. Diskussion
4.4. Ausblick
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie moderne moralpsychologische Erkenntnisse in eine normative Moraltheorie integriert werden können, ohne das klassische Humessche Gesetz zu verletzen. Dabei wird analysiert, ob das Konzept des "Reflective Equilibrium" als methodische Schnittstelle dienen kann, um zwischen deskriptiven empirischen Befunden und normativen moralphilosophischen Ansprüchen zu vermitteln.
- Analyse zentraler moralpsychologischer Modelle (SIM, DPM, UMG)
- Diskussion der Vereinbarkeit von empirischer Evidenz und normativer Ethik
- Einführung eines rationalen Adäquatheitskriteriums für moralische Urteile
- Kritische Evaluation des Reflective Equilibrium nach John Rawls
- Entwurf einer empirisch fundierten Moraltheorie
Auszug aus dem Buch
Das Konzept des Reflective Equilibrium und seine Kritiker
The method of reflective equilibrium consists in working back and forth among our considered judgments (some say our “intuitions”) about particular instances or cases, the principles or rules that we believe govern them, and the theoretical considerations that we believe bear on accepting these considered judgments, principles, or rules, revising any of these elements wherever necessary in order to achieve an acceptable coherence among them.
Ein Gleichgewicht ist demnach erreicht, wenn wir nicht geneigt sind unsere moralischen Urteile (Intuitionen), Prinzipien und Theorien weiter zu revidieren, weil sie zusammen den höchsten Grad an Akzeptanz und Glaubwürdigkeit für uns haben. Betrachtet man das RE als legitime Rechtfertigungsmethodik, kann ein moralisches Urteil, dass eine Person zusammen mit anderen Prinzipien und Theorien kohärent im Gleichgewicht hält, als gerechtfertigt betrachtet werden.
Ein Kritikpunkt am Konzept des RE, der vor allem von Utilitaristen früh hervorgebracht wurde, ist, dass moralischen Intuitionen ein zu hoher Stellenwert in der Rechtfertigung von Theorien oder Prinzipien zugeschrieben werde, da unsere Intuitionen aufgrund von selbstdienlichen und kulturellen Faktoren, nicht verlässlich seien. Ein Großteil der Kritik lässt sich zudem darin zusammen fassen, dass der Methode des RE eine unzureichende Normativität vorgeworfen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Verbindung von Moralpsychologie und Moralphilosophie ein und stellt die Forschungsfrage nach der Integration empirischer Erkenntnisse in eine normative Moraltheorie.
2. Zentrale Modelle der Moralpsychologie: Es werden grundlegende Modelle wie das Social Intuitionist Model, das Dual-Process Model und die Universal Moral Grammar vorgestellt und kritisch verglichen.
3. Implikationen des Humesschen Gesetzes: Dieses Kapitel diskutiert die metaethische Herausforderung, moralpsychologische Fakten und normative Urteile unter Berücksichtigung des Humesschen Gesetzes zu vereinen.
4. Entwurf einer empirisch fundierten Moraltheorie: Unter Rückgriff auf John Rawls wird das Konzept des Reflective Equilibrium als Instrument zur Begründung von Normen unter Einbeziehung empirischer Modelle diskutiert.
5. Schluss: Die zentralen Konklusionen werden zusammengefasst und die Kompetenz-Performanz-Unterscheidung als möglicher Lösungsweg für das Integrationsproblem hervorgehoben.
Schlüsselwörter
Moralpsychologie, Reflective Equilibrium, Moraltheorie, Moralische Intuition, Humessches Gesetz, Universal Moral Grammar, Social Intuitionist Model, Dual-Process Model, Normativität, Adäquatheitskriterium, Moralphilosophie, Ethische Rechtfertigung, John Rawls, Moralische Kompetenz, Moralische Performanz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die methodische Verknüpfung von empirischen moralpsychologischen Modellen mit normativen moralphilosophischen Theorien.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Entstehung moralischer Urteile, die Rolle von Intuitionen versus rationaler Überlegung sowie die Rechtfertigung ethischer Normen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, einen Entwurf für eine Moraltheorie zu formulieren, die auf empirischer Evidenz basiert, ohne dabei in den Fehler des naturalistischen Fehlschlusses zu verfallen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine philosophische Analyse angewandt, die interdisziplinäre Befunde der Moralpsychologie in den Kontext der normativen Ethik und der Rechtfertigungstheorie von John Rawls stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung moralpsychologischer Modelle, die Auseinandersetzung mit dem Humesschen Gesetz und die kritische Würdigung des Reflective Equilibrium.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Moralpsychologie, Reflective Equilibrium, Intuition und normative Adäquatheit bestimmt.
Inwiefern ist das Reflective Equilibrium für die Arbeit wichtig?
Es fungiert als zentrales Werkzeug, um moralische Intuitionen und theoretische Prinzipien in einem kohärenten Zustand der Rechtfertigung zusammenzuführen.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Kompetenz und Performanz eine Rolle?
Diese Unterscheidung hilft dabei, moralische Prozesse auf verschiedenen Ebenen zu erklären und normative Forderungen von psychologischen Gegebenheiten abzugrenzen.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2011, Moralpsychologie und Reflective Equilibrium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452713