Der Clinical Reasoning Prozess am Patientenbeispiel einer evidenzbasierten manualtherapeutischen Untersuchung und Behandlung


Hausarbeit, 2018
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 2

1. Patientenbeispiel 4

1.1 Diagnostische Schlüsselwörter 4

1.2 Konditionelle Schlüsselwörter 6

1.3 Ergänzende Anamnese 7

1.4 Hypothesenbildung 8

2. Manualtherapeutische Untersuchung und Behandlung 9

2.1 Untersuchungsschritte und Begründung 9

2.2 Anwendung standardisierter Assessments 11

2.3 Durchführung der Therapie 12

3. Studienlage zu manualtherapeutischen Behandlungsstrategien 13

3.1 „Orthopaedic manual therapy, McKenzie method or advice only for low back pain in working adults: a randomized controlled trial with one year follow-up.“ (Paatelma, Kilpikoski, Simonen, Heinonen, Alen & Videman, 2008). 13

3.2 „Manual therapy with steroid injections in low-back pain. Improvement of quality of life in a controlled trial with four months' follow-up.“ (Blomberg, Svärdsudd, Tibblin & Scand, 1993). 14

Literaturverzeichnis 16

Einleitung

In einer Praxis erscheinen ein 31-jähriger Fußballer mit einem Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule und eine 64-jährige Hobbygärtnerin mit einer Spinalkanalstenose. Die Krankheitsbilder haben ein ähnliches klinisches Bild und beide Patienten sind vor allem von den stetigen Schmerzen in den Beinen eingeschränkt. Also kann der Therapeut[1] sich in beiden Fällen auf ein und dieselbe Behandlungsstrategie verlassen, um beide Patienten in einen ähnlich schmerzfreien und belastbaren Zustand zu bringen. Oder?

Sicherlich ist es nach einem gewissen Maß an Berufserfahrung durchaus üblich, dass ein Therapeut ein gewisses Bild und eine gewisse Strategie in der Herangehensweise vor Augen hat, bevor er den Patienten überhaupt befundet hat (vgl. Lüdtke, 2006, 133). Dieser Bereich der Mustererkennung ist zwar grundsätzlich recht förderlich, jedoch nur, wenn der Behandler in der Lage ist, von seiner grundlegenden Theorie auch Abstand zu nehmen, wenn Realität und inneres Bild nicht deckungsgleich sind. An diesem Punkt der Optimierung setzt der Clinical Reasoning Prozess an. Es muss deutlich geklärt sein, welche Ziele der Patient für sein persönliches Wohl anstrebt und wie der Therapeut dies mit den eigenen übergeordneten Zielen in Einklang bringen kann. So wird eine Rentnerin, die sich auf den Beginn der Schrebergartensaison freut, andere Ziele verfolgen als ein Fußballer, der auf keinen Fall auf der Ersatzbank landen möchte. In beiden Behandlungsverläufen fordert der Prozess des Clinical Reasoning die stetige Wiederbefundung, um die gesetzten Ziele auf einem möglichst effizienten Weg zu erreichen. Einerseits dient dies dem Patienten, seine eigenen Behandlungsfortschritte besser zu erkennen und andererseits dem Behandler, um den therapeutischen Ansatz zu überdenken, falls diese Fortschritte sich nicht einstellen wollen (vgl. Hüter-Becker & Dölken, 2005, 3). Um die Erfolge oder eben Misserfolge zu reflektieren und zu dokumentieren, werden vermehrt Assessmentverfahren in den Prozess mit eingebunden. Assessments sind validierte, wissenschaftliche Messverfahren, die in der evidenzbasierten Praxis den Entscheidungsfindungsprozess unterstützen. Neben Verfahren, die rein die Struktur und Funktion messen sollen, werden zudem Assessments angewendet, die auf der Aktivität- und Partizipationsebene angesetzt sind. Sie hinterfragen, wie sehr eine Dysfunktion einen Patienten in seinem alltäglichen Leben behindert oder die Einbindung in das übliche soziale Gefüge erschwert und damit die Lebensqualität sinken lässt. Am oben genannten Beispiel konnte also gemessen werden, dass der Fußballer mit Bandscheibenvorfall zu Beginn einen Wert von 7/10 auf der Visual Analogue Scale (VAS) angab. Im Roland-Morris Disability Questionnaire gab er an, dass er den größten Teil des Tages zuhause verbringt und nicht in der Lage ist längere Strecken zu gehen. Übertragen auf dessen Partizipation bedeutet sein Rückenleiden momentan, dass er nicht zu den Trainingseinheiten oder den Fußballspielen gehen kann und daher auch weniger Kontakt zu seinen Mitspielern hat als üblich. Nicht nur die reinen Rückenschmerzen sind eine Belastung, sondern auch der fehlende Sozialkontakt. Gemessen an den beiden Assessments kommt es im Behandlungsverlauf zur Besserung. Die Schmerzen liegen nach sechs Wochen bei 2/10 VAS und können durch neu erlernte Copingstrategien besser kontrolliert werden. Der Patient kann zwar noch nicht an den Spielen teilnehmen, doch er freut sich, dass er seine Teamkollegen zweimal pro Woche im Training trifft. Der in der Therapie verfolgte biopsychosoziale Ansatz kann also in Kombination mit einem ständigen Reflektieren und der Anwendung von Messinstrumenten soweit optimiert werden, dass ein nahezu optimaler Behandlungsverlauf resultiert. Bestimmt wird dieser Prozess zudem von der Flexibilität und der Erfahrung des Therapeuten, aber auch von den persönlichen Charaktereigenschaften des Patienten, dessen Antrieb und den selbst gesteckten Zielen und Erwartungen an die Behandlung (vgl. ebd., 10).

In der folgenden Arbeit wird ein Patientenbeispiel aus der Manuellen Therapie im Sinne des Clinical Reasoning Prozesses näher beleuchtet. Zu Beginn findet sich die Hypothesenbildung anhand von Schlüsselwörtern aus der Anamnese, die dann im Untersuchungsverlauf entweder bestätigt oder wiederlegt wird. Es folgt ein Beispiel des Bahandlungsaufbaus, der mittels validierter Assessmentverfahren stetig reflektiert und optimiert werden kann. Abschließend werden zwei Evidenzen vorgestellt, die den aktuellen Stand der Manuellen Therapie beleuchten.

[1] Aus Gründen der flüssigeren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Differenzierung, wie z.B. Therapeut/In, Patient/In verzichtet. Genannte Begriffe gelten jedoch im Sinne der Gleichberechtigung für beide Geschlechter. Im Patientenbeispiel wird allerding speziell Bezug auf die Patientin hergestellt.

1. Patientenbeispiel

1.1 Diagnostische Schlüsselwörter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.2 Konditionelle Schlüsselwörter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.3 Ergänzende Anamnese

Allgemeines Screening:

- Leiden Sie unter einer ungewollten schweren Gewichtsabnahme in den letzten Wochen?

- Leiden Sie nachts vermehrt unter den Schmerzen und einer Hyperhidrose?

- Bestand in der Vergangenheit ein Verdacht auf etwaige maligne Erkrankungen oder der Verdacht auf solche?

- Befinden Sie sich aufgrund viszeraler Erkrankung in ärztlicher Behandlung und wenn ja, um welche handelt es sich?

- Verhindern die von Ihnen angegebenen Kopfschmerzen und die Müdigkeit jegliche Aktivität oder beeinflussen Sie diese so stark, dass Sie nicht in der Lage sind, ihren normalen Tagesablauf zu verfolgen?

→ Allgemeines Screeningverfahren, um maligne Prozesse weitestgehend auszuschließen. Müdigkeit und Kopfschmerzen sollten patientenorientiert eingeordnet werden. In dem vorangehenden Fall deuten diese Befunde jedoch weniger auf einen pathologischen Prozess hin, der weiterer ärztlicher Abklärung bedarf.

Spezielles Screening LWS:

- Gab es noch weitere Traumen in der näheren oder weiteren Vergangenheit im Bereich der Wirbelsäule? → versteckte Frakturen, die radiologisch nicht abgeklärt wurden.

- Mussten Sie sich jemals über einen längeren Zeitraum einer Cortisontherapie unterziehen?

→ Abklärung von möglichen Bandlaxizitäten oder einer frühzeitigen Osteoporose.

- Bestand oder besteht eine Blasen- und Mastdarmschwäche? Haben Sie das subjektive Empfinden eines Kraftdefizits in den Beinen? Verspüren Sie ein Taubheitsgefühl an den Oberschenkelinnenseiten und im Intimbereich? → Screeningfragen, die zum Ausschluss einer Cauda equina-Symptomatik führen.

Momentane Schmerzsituation

- Ist der Schmerz eher hell und stechend oder dumpf? Wie stark sind die Schmerzen auf einer Skala von eins bis zehn? → Informationen über die Schmerzqualität- und intensität, sowie eventuelle radikuläre Beteiligung.

Bisheriger Behandlungsverlauf/ Historie:

- Was genau wurde bei der Injektion gespritzt? → Wurde ein Medikament verwendet, welches hauptsächlich analgetisch wirkt oder Cortison, das den Entzündungsprozess an der Nervenwurzel eindämmen soll?

- Was wurde durch den Orthopäden manipuliert? → SIG oder LWS?

- Genauer Sturzmechanismus vom Pferd? → Sind Sie flach auf dem Rücken gelandet, mit einem heftigen Stoß auf nur einem Bein oder sogar auf einen anderen Gegenstand gefallen? Weitere Hinweise auf eine SIG- oder LWS-Problematik.

- Haben Sie im Anschluss an die drei Schwangerschaften und Geburten an einem Rückbildungskurs teilgenommen? → Dysfunktionen des Beckenbodens bedingen eine Schwäche des segmental stabilisierenden Systems und können sich sowohl in SIG-Blockaden, als auch in Schmerzen im unteren Rücken wiederspiegeln.

1.4 Hypothesenbildung

Im Zuge der Hypothesenbildung wurden zwei markante übergeordnete Hypothesen ersichtlich. Zum einen lassen vor allem die ausstrahlenden Schmerzen auf die Dorsalseite des Beines, die Schmerzen bei langem Gehen und Sitzen und das humpelnde Gangbild der Patientin auf eine Problematik des Sacroiliacalgelenks schließen. Schmerzen können dabei durch eine Blockade, eine Beteiligung der ligamentären Strukturen und eine Hypomobilität in Kontranutation entstehen.

Dagegen stellt sich die Hypothese einer Konvergenzstörung im rechten Facettengelenk zwischen dem fünften Lendenwirbelkörper und dem Sacrum. Aus der Anamnese lassen sich mehrere Eckpfeiler ausmachen, die eher auf eine Störung der unteren Segmente der Lendenwirbelsäule hindeuten. Aus dem Bewegungsverhalten lassen sich Rückschlüsse

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Clinical Reasoning Prozess am Patientenbeispiel einer evidenzbasierten manualtherapeutischen Untersuchung und Behandlung
Hochschule
Katholische Fachhochschule Mainz
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V452744
ISBN (eBook)
9783668869578
ISBN (Buch)
9783668869585
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Manualtherapie Kreuzschmerz Unterer Rücken Clinical Reasoning
Arbeit zitieren
Anna-Lena Herter (Autor), 2018, Der Clinical Reasoning Prozess am Patientenbeispiel einer evidenzbasierten manualtherapeutischen Untersuchung und Behandlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452744

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