G.E. Lessings "Nathan der Weise"


Hausarbeit, 1998
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nathans Weisheit
2.1 Toleranz, Menschenkenntnis und Wohltätigkeit Nathans
2.2 Judentum und Vorsehungsglaube
2.2.1 Der Name „Nathan“

3. Nathans Überlegenheit in Humanität und Dialog
3.1 Der Patriarch
3.2 Daja und Recha
3.3 Al-Hafi und der Klosterbruder
3.4 Der Tempelherr
3.5 Sittah
3.6 Saladin

4. Schluß

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

„...der rechte Ring besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen. Vor Gott und den Men­schen angenehm.“

So heißt es in der Ringparabel, die Nathan dem Sultan Saladin erzählt. Nathan selbst be­sitzt zwar nicht diesen Ring, aber seine Weisheit verleiht ihm die Kraft, vor Gott und den Men­schen angenehm zu sein. Denn er tritt seinen Mitmenschen vollkommen vorur­teils­frei ge­genüber.

Seit seiner Veröffentlichung im Jahre 1779 gilt somit Lessings dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ als Plädoyer für Toleranz und Humanität. Der Anlaß dazu war der Fragmentenstreit mit dem Hamburger Hauptpastor Goeze, der sich schließlich so zu­spitzte, daß Mitte1778 Lessing die Zensurfreiheit entzogen wurde. Um weiterhin seine aufkläreri­schen Gedanken überzeugend transportieren zu können, schuf Lessing mit „Nathan dem Weisen“ einen erzieherischen Charakter, welcher hier näher betrachtet wer­den soll.

Nathan ist ein jüdischer Kaufmann, der mit seiner Adoptivtochter Recha und deren christ­li­cher Gesellschafterin Daja im Jerusalem des 12. Jahrhunderts lebt. Es ist also das Zeital­ter der Kreuzzüge, welche von der Intoleranz der Religionen gegeneinander zeu­gen. In Jerusa­lem, wo die drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam aufein­andertref­fen, schafft Nathan es durch seine Weisheit, Vertreter der Religionen zu Men­schen zu er­ziehen.

Hier soll zunächst dargestellt werden, welche besonderen Eigenschaften diese Weisheit ausmachen, die dem Stück seinen heiteren und optimistischen Grundton verleiht und ein tragisches Ende der Verwicklungen verhin­dert.

Gegenstand einer näheren Untersuchung soll aber vor allem eine bestimmte Fähigkeit Nathans sein. Als Erzieher wendet Nathan nämlich eine besondere Technik an. In Dialo­gen gibt er seinen Gesprächspartnern Denkanstöße, die zu vernünftiger Einsicht führen - sofern eine Bereitschaft oder Fähigkeit zum Dialog besteht. Diese geht dann einher mit der Bereit­schaft zu menschlichem Handeln. In Gegenüberstellung zu den anderen Figu­ren des Dramas soll dabei mit Hilfe einer Rangordnung auch Nathans innere Überlegen­heit verdeutlicht werden, denn er steht in der Fähigkeit zum Dialog und in Humanität al­len als Vorbild voran.

Besonders interessant wird es sein zu sehen, wie genau er erreicht, zwei ihm eher feind­lich gesinnte Personen, Saladin und den Tempelherrn, zu seinen Freunden zu machen. Dies wird anhand der Analyse der Szenen II,5 und III,7 dargelegt werden. Das Augen-merk soll dabei in erster Linie auf Nathans Taktik und argumentati­ves Vorge­hen liegen.

2. Nathans Weisheit

2.1 Toleranz, Menschenkenntnis und Wohltätigkeit Nathans

Nathan ist ein Kaufmann, der es durch seinen Beruf zu beträchtlichem Reichtum gebracht hat. Bereits zu Anfang des Stückes wird dies von Lessing hervorgehoben. Der von einer langen Geschäftsreise heimkehrende Nathan erzählt Daja, daß er „Schulden einkassie­ren“[1] mußte, aber auch schöne Stoffe und Schmuck gekauft hat. Seine zwanzig Kamele sind hochbeladen mit „allem, was an edlen Spezereien, an Steinen und Stoffen, Indien und Per­sien, gar Sina, Kostbares nur gewähren“ (L 232).

Daja wundert sich angesichts des ganzen Reichtums, daß sein Volk ihn dennoch nicht „den Reichen“, sondern „den Weisen Nathan“ nennt (L 232). Doch deuten gerade die oben zitierten Zeilen an, daß Nathan nicht nur auf materielle Weise von seinem Beruf profitiert. Lessing setzt nämlich Nathans Weisheit mit dem Beruf des Kaufmanns in Zu­sammenhang.

Für seine Geschäfte ist Nathan oft unterwegs und hat schon viele Reisen in ferne Länder („Indien und Persien, gar Sina“) gemacht. So hat er verschiedene Kulturen und Völker ken­nengelernt. Daraus wiederum resultiert „seine vorurteilsfreie Welt- und Menschen­kennt­nis“[2], Weitsicht und Verständnis für andere.

Zudem zeigt sein Erfolg als Kaufmann, daß er Gewinne und Verluste gut kalkulieren kann.[3] Mit seiner Menschenkenntnis kann er einschätzen, wie die Reaktionen seiner (Handels)partner ausfallen werden.

Doch Nathans Weisheit zeigt sich auch in der Art und Weise, wie er mit seinem ganzen Reichtum umgeht. Anders als Saladin, der „das leidige verwünschte Geld“ (L 239) als „der Kleinigkeiten klein­ste“ (L 270) ansieht und nicht damit umgehen kann, weiß Nathan sehr wohl den Wert des Geldes zu schätzen. Allerdings nicht in dem Sinne, daß er Geld anhäufen würde, nur um reich zu sein und luxuriös leben zu können. Im Gegenteil: Nathan ist genügsam und hält an einer maßvollen Lebensführung fest.[4] So besitzt er z.B. kein großes Haus und wenn sein altes abgebrannt wäre, hätte er sich ein bequemeres, kein prunkvolleres gebaut.

Dennoch schätzt Nathan den Wert des Geldes sehr, weil er damit wohltätig sein kann. Er scheut sich nicht, viel Geld zu verdienen, denn nur auf diese Weise kann er geben.[5] So will er z.B. den Tempelherrn für Rechas Rettung großzügig belohnen und dem Kloster­bru­der das Gebetbuch, welches Rechas Verwandtschaftsverhältnisse klären soll, mit Gold auf­wiegen. Und Daja wird von ihm bestochen, um Rechas Adoption geheimzuhalten.

Schließlich ist Nathan auch in der Lage, von sich aus dem Sultan ein Darlehen mit den Worten „Fast hab' ich des baren Geldes zuviel [...] und ich weiß nicht recht, wo sicher damit hin.“ (L 281) anzubieten und ihn aus seiner finanziellen Notlage zu befreien.

Lessing setzt also Nathans Weisheit und seine Tätigkeit in einen engen Zusam­menhang, da sie sich gegenseitig bedingen.[6] Denn Nathans Menschenkenntnis ermöglicht ihm Er­folg als Kauf­mann, und diesen setzt er wiederum ein, um auch als Mensch gut zu han­deln.

2.2 Judentum und Vorsehungsglaube

Folgende Aspekte sind im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen der Religion und der Weisheit Nathans von Bedeutung:

Als erstes ist es ganz im Sinne des Toleranzgedanken des Dramas, wenn Lessing dem Publikum einen Juden präsentiert, auf den die damals gängigen, christlichen Vorurteile nicht zutreffen. Der Autor stellt sich gegen die Tradition des Rollenfaches und präsen­tiert keinen la­sterhaften, sondern einen edlen Juden, welcher eine Vorbildfunktion ein­nimmt.[7]

Den eigentlichen Grund für Lessings Entscheidung, einen Juden zum Titelhelden zu ma­chen, sieht Chaninah Maschler jedoch vor allem in der Tatsache der Pogrome, denen Ju­den zur Zeit der Kreuzzüge häufig ausgesetzt waren. Denn Lessing betrachtet Leiden als eine wichtige Bedingung zum Erlangen von Weisheit.[8]

In IV,7 erfährt man im Gespräch zwischen Nathan und dem Klosterbruder, wie Nathan seine ganze Familie verlor. Im Zuge einer Judenverfolgung durch Christen brannte näm­lich auch das Haus seines Bruders nieder, zu dem er seine Frau und seine sieben Söhne gebracht hatte. Nathans Schmerz um diesen Verlust war so groß, daß er drei Tage und drei Nächte lang weinte, mit Gott rechtete, sich und die Welt verwünschte. Und doch hörte er am Ende auf die Stimme der Vernunft und unterwarf sich mit den Worten „ich will! Willst du nur, daß ich will!“ (L 316f.) wieder dem Willen Gottes.

Es zeugt von ungeheurer Stärke, daß Nathan nach einem so großen Unglück weiterhin an Gott und am Vorsehungsglauben festhält. Er ist davon überzeugt, daß der Verlauf der menschlichen Geschichte von Gott gesteuert wird, aber ohne strafende oder rächende In­tention.[9] Dank dieses Wissens kann Nathan bedächtig und weise handeln, er kann allen Menschen Verständnis entgegenbringen. Denn er sieht bei allen Geschehnissen die gute Seite[10] und überstürzt deshalb keine Entscheidung.

Dieser Optimismus ist es schließlich auch, welcher dem Stück seinen heiteren Grundton verleiht. Schließlich kommt es trotz aller Verwicklungen zu keinem tragischen Ende, da durch die göttliche Vorsehung selbst Fehlhandlungen zum positiven Verlauf der Dinge beitragen.

2.2.1 Der Name „Nathan“

In Zusammenhang mit dem Vorsehungsglauben spielt auch der Name „Nathan“ selbst eine Rolle. Auf Hebräisch bedeutet „Nathan“ nämlich „er (vermutlich Gott) hat gege­ben“. Mit diesem Namen betont Lessing also Nathans Glauben an die göttliche Vorse­hung, sowie seine beachtliche Geduld und Gelassenheit bezüglich der Willkürlichkeit des Lebens.[11] Ganz im Sinne seines Namens akzeptiert Nathan das Gegebene und versucht stets, das Beste dar­aus zu machen.

3. Nathans Überlegenheit in Humanität und Dialog

Durch den Verlust seiner Familie hat Nathan bereits sich selbst erzogen und ist zur Ein­sicht gelangt. Er läßt sich nicht mehr von der Leidenschaft des Gefühls leiten, sondern von der Stimme der Vernunft. Gleichzeitig versteht er aber die Gefühle der anderen, ist im Ge­gensatz zu ihnen jedoch in der Lage, das Leben zu beherrschen und sich nicht be­herrschen zu lassen.[12]

Diese innere Gelassenheit und Überlegenheit Nathans tritt im Vergleich mit den anderen Charakteren be­sonders deutlich hervor. Solange diese sich nicht von der Vernunft leiten las­sen, fehlt ihnen auch die Bereitschaft zu echtem menschlichen Handeln. Nach Benno von Wiese stellt Lessing hier eine Rangordnung der Humanität auf, bei der Nathan die höchste Stufe einnimmt. Die weiteren Personen nehmen je­weils eine niedrigere Stufe ein.[13] Dieser Rangordnung entspricht auch die Bereitschaft oder Fähigkeit der Personen, echte Dialoge zu führen.[14]

Mit seiner Menschenkenntnis weiß Nathan allen Menschen angemessen zu begegnen, da er jeder Stufe Verständnis entge­genbringt und sie achtet. Und wo die Fähigkeit zu Ge­sprächen vorhanden ist, hebt er die Schranken der Rangordnung durch Freundschaft und Erziehung auf und schafft „einen freien Kreis der Gleichen unter Gleichen“.[15] Erziehung bedeutet für Nathan dabei kein Aufzwingen der Erkenntnis oder ein Präsentieren einer vorgefertigten Denkweise. Vielmehr geht er auf seine Gesprächspartner ein und läßt sie durch geschickt eingesetzte Denkanstöße selbst zur Einsicht kommen.

Dies gelingt ihm allerdings nicht bei allen Personen, denen er begegnet, da nicht überall die gleiche Bereitschaft für echte Dialoge besteht.

3.1 Der Patriarch

Eine Begegnung aber findet nicht statt, und zwar die zwischen Nathan und dem Patriar­chen. Doch gerade in der Tatsache, daß Nathan, der sonst mit allen anderen Personen des Dramas zusammenkommt, diesem Treffen ausweicht, ist ein wichtiger Aspekt seiner Weis­heit zu erkennen. Er weiß bestimmten Gefahren aus dem Weg zu gehen und setzt sich nur dort Risiken aus, wo es sich lohnt.[16]

Und ein Risiko wäre es ganz gewiß, den Patriarchen erziehen zu wollen, denn selbst Nathan hätte keine Möglichkeit, mit ihm ein richtiges Gespräch zu führen. Als Vertreter der kirchlichen Machtpolitik spinnt der Patriarch seine Intrigen und ist nur auf seinen ei­genen Vorteil be­dacht. Ohne jegliche Bereitschaft zu einem echten Dialog fällt er aus der Rangordnung her­aus. Im Gespräch mit dem Tempelherrn z.B. läßt er sich durch nichts von seinem Stand­punkt abbringen. Argumenten begegnet er mit formelartigen Wiederho­lungen seines Urteils: „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt!“ (L 299). Ein solcher herrschsüchtiger, intoleranter Fanatiker könnte sogar durch Nathan nicht zu einem Men­schen erzogen werden, da nicht einmal ein Ansatz von Menschlichkeit zu erkennen ist.[17] Nathan ist realistisch genug, ein derartiges Wagnis nicht einzugehen und vermeidet daher ein Treffen mit dem Patriarchen.

Ein weiterer Beweis für seinen unerschütterlichen Glauben an die göttliche Vorsehung liegt jedoch in den Worten „Dank sei dem Patriarchen“ (L 331). Wenn der Tempelherr nämlich den Patriarchen nicht um Rat gefragt hätte, hätte der Klosterbruder Nathan nie das Büchlein ge­bracht, welches die Herkunftsverhältnisse klärt. Es hat sich demnach wieder gezeigt, daß Gott negative menschliche Handlungen gute Auswirkungen haben läßt. Nathan erkennt dies an und dankt selbst einer so egoistischen und intoleranten Per­son wie dem Patriarchen.

[...]


[1] Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise, in: Werke, hrsg. v. Herbert G. Göpfert, München 1971ff., Bd. 2, S. 207. Im weiteren zitiert als Sigel (L plus Seitenzahl).

[2] Paul Hernadi: Nathan der Bürger: Lessings Mythos vom aufgeklärten Kaufmann, in: Klaus Bohnen [Hg.]: Lessings ‚Nathan der Weise’, Darmstadt 1984 (WdF 587), S. 344.

[3] Vgl. Chaninah Maschler: On the Wisdom of Nathan, in: Interpretation - A Journal of Political Philosophy 15, 1997, S. 350.

[4] Vgl. Hernadi, S. 346.

[5] Ebd., S. 343.

[6] Ebd., S. 347.

[7] Vgl. Wilfried Barner, Gunter E. Grimm, Helmuth Kiesel, Martin Kramer: Lessing. Epoche -Werk - Wirkung, 5. Aufl., München 1987, S. 317.

[8] Vgl. Maschler, S. 363.

[9] Vgl. Barner u.a., S. 324f.

[10] Vgl. Fritz Brüggemann: Die Weisheit in Lessings ‚Nathan’, in: Gerhard Bauer, Sibylle Bauer [Hg.]: Gotthold Ephraim Lessing, Darmstadt 1968 (WdF 211), S. 82.

[11] Vgl. Maschler, S. 353.

[12] Vgl. Brüggemann, S. 76.

[13] Vgl. Benno von Wiese: ‚Nathan der Weise‘, in: Klaus Bohnen [Hg.]: Lessings ,Nathan der Weise‘, Darmstadt 1984 (WdF 587), S. 135.

[14] Vgl. Peter Heller: Dialektik und Dialog in Lessings ‚Nathan der Weise’, in: Klaus Bohnen [Hg.]: Lessings ‚Nathan der Weise’, Darmstadt 1984 (WdF 587), S. 224f.

[15] Wiese, S. 136.

[16] Vgl. Maschler, S. 350, S. 365.

[17] Vgl. Wiese, S. 145.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
G.E. Lessings "Nathan der Weise"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,7
Autor
Jahr
1998
Seiten
16
Katalognummer
V45283
ISBN (eBook)
9783638427142
ISBN (Buch)
9783640459599
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nathans Weisheit im Vergleich zu den anderen Figuren des Dramas
Schlagworte
Lessings, Nathan, Weise, Thema Nathan der Weise, Aufklärung, Juden, Jude, Religion, Islam, Judentum, Christentum
Arbeit zitieren
Eleni Stefanidou (Autor), 1998, G.E. Lessings "Nathan der Weise", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45283

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