Working with a Literary Text: Planung einer Unterrichtsstunde zu James Joyces Kurzgeschichte "Eveline" im Englisch-Leistungskurs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
18 Seiten, Note: sehr gut (1)

Leseprobe

Inhalt

1. Unterrichtsstunde zu James Joyces Kurzgeschichte „Eveline“
1. 1. Textanalyse
1.2. Stundenentwurf in tabellarischer Form
1.3. Lernziele der Stunde
1.4. Einbettung der Stunde in die Unterrichtseinheit
1.5. Kurze Bemerkung zur Textauswahl

2. Die Funktionen der pre-, while- und post-reading activities
2.1. Pre-reading: Brainstorming
2.2. While-reading: Questioning
2.3. Post-reading: Kreatives Schreiben

Anhang

James Joyce: “Eveline”

Literaturverzeichnis

1. Unterrichtsstunde zu James Joyces Kurzgeschichte „Eveline“

1.1. Textanalyse

In der Kurzgeschichte „Eveline“ aus seinem Kurzprosazyklus „Dubliners“ erzählt James Joyce die Geschichte einer jungen Frau, die aus ihrer trostlosen Lebenssituation im Arbeitermilieu Dublins ausbrechen und ein glücklicheres Leben führen will, doch schlussendlich scheitert.

Die Erinnerungen der 19-jährigen Eveline an ihre Kindheit sind nicht unglücklich, sie denkt an die Spiele mit Geschwistern und Nachbarskindern auf dem Feld in einem der Arbeiterviertel der Stadt, „little brown houses“[1] (l. 9) prägen das Bild der Wohngegend. Doch mit den Jahren verändert sich Evelines Welt, das Altbekannte um sie herum zerfällt: Der Spielplatz muss neuen, schöneren Häusern weichen, viele der ehemaligen Freunde sind entweder tot oder haben die Stadt verlassen, auch die Mutter ist gestorben. Das Mädchen bleibt zurück: einsam, isoliert und unverstanden. Sie versorgt den Haushalt, ihren cholerischen und gewaltbereiten Vater, der vor dem Tod der Mutter „not so bad“ (Z.15) war, und die zwei jüngeren Geschwister. Zusätzlich arbeitet sie im Geschäft Miss Gavens, die sie schikaniert und bloßstellt.

Eveline träumt davon, dieses Leben hinter sich zu lassen und wie schon so viele andere vor ihr die perspektivlose Heimat zu verlassen. Dabei steht für sie nicht die Verbesserung ihrer finanziellen Situation im Mittelpunkt, sondern eine menschenwürdigere Behandlung durch ihr Umfeld: „People would treat her with respect then. She would not be treated as her mother had been.” Gerade die Mutter erscheint dem Mädchen als abschreckendes Beispiel. Eveline hat erlebt, wie der Vater seine Frau mit verbaler und physischer Gewalt unterjocht hat; die zunehmend schlechte Behandlung ihr selbst gegenüber macht ihr Angst, denn „she had nobody to protect her“ (Z.48).

Den Traum dieses Leben zu verlassen wird durch den Seemann Frank repräsentiert, zu dem Eveline eine Liebesbeziehung eingeht – gegen den Willen ihres Vaters, der zwar die Sorge um die Tochter als Grund für seine Ablehnung angibt, aber vermutlich auch den Verlust der gehorsam Haushälterin und Kinderhüterin fürchtet (Z.83-87). Evelines Entschluss steht fest: Mit Frank will sie Dublin verlassen, ihn heiraten und in Buenos Aires ein neues Leben beginnen. Der Seemann bringt das in Evelines Leben, was sie bislang nicht oder nur kaum kannte: Er wirbt um sie, ist aufmerksam, erzählt Geschichten, singt Lieder und führt sie ins Theater aus. Sie fühlt sich „elated“ (Z.73), wenn sie mit Frank zusammen ist, und ihre Beziehung ist vor allem Ausdruck eines vorsichtigen Aufbegehrens gegen ihren Vater. Sie will sie nicht aufgeben, als sie von ihrem Vater enttarnt wird; vielmehr, gerade weil der Alte dagegen ist, hält sie an ihr fest.

Als ihr ‚Fluchtplan’ in die Endphase gelangt, die Abschiedsbriefe an Vater und Bruder schon verfasst sind, spitzt sich der Konflikt zwischen der Sehnsucht nach einem neuen Leben und dem Gefühl, dem alten Leben verpflichtet zu sein, zu. Einerseits spürt Eveline die Notwendigkeit, die Enge ihres Elternhauses verlassen zu müssen, um nicht ähnlich erbärmlich wie ihre Mutter zu enden. Sie sieht den Staub, der auf den Gegenständen im Haus und dem Leben darin liegt und fragt sich „where on earth all that dust came from“ (Z.20). Stets hat sie vor Augen wie „the pitiful vision of her mother’s life laid its spell on the very quick of her being“ (Z.105/6), fürchtet sich schon die Nachfolge ihrer Mutter antreten und sieht Frank als ihre einzige Chance, dem zu entgehen. Sie fühlt ihr „right to happiness“ (Z.112), und wenn es zur Liebe vielleicht auch nicht reicht, so würde der Seemann ihr wenigstens „life“ (Z. 111) geben. So eintönig und fast schon tretmühlenartig wie Evelines Dasein im Haus des Vaters ist auch die Sprache, die Joyce in den zugehörigen Erzählabschnitten benutzt. Die Sätze sind kurz und einfach, sind häufig schmucklose Aneinanderreihung von Handlungsabläufen. Das Wortmaterial ist begrenzt, gemessen an der relativen Kürze des Textes werden gleiche oder ähnliche Wörter extrem häufig verwendet, so etwa „hard work“ (z.B. Z.60), „home“ (z.B. Z. 30), „keep“ (z.B. Z.60), regularly (z.B. Z.62) oder die exponierten Personen wie „father“, „mother“ und in besonderem Maße „she“, Eveline, die in nahezu allen Sätzen als Subjekt oder Objekt fungiert.

Evelines Panik steht das Gefühl gegenüber, durch eine Flucht ihre Mutter zu verraten, der sie kurz vor deren Tod das Versprechen gegeben hat, die Familie zusammenzuhalten (Z.99/100). Der Konflikt gipfelt schließlich in dem missglückten Fluchtversuch. Eveline geht nicht mit Frank nach Buenos Aires, sondern bleibt in Dublin zurück, was sich bereits zuvor andeutet: Sie denkt an kurze und offenbar seltene Momente in der Vergangenheit, um sich klarzumachen, dass ihre Situation doch gar nicht so grausam sei. Der Vater würde sie vermissen, schließlich konnte er manchmal „very nice“ (Z.91) sein und hatte sich, als Eveline eines Tages krank gewesen war, gar um die Tochter gekümmert. Zudem erscheint ihr das Leben in Dublin „now that she was about to leave it […] not […] a wholly undesirable life” (Z.64). Zudem erscheinen eine Heirat mit dem Seemann Frank und ein Neuanfang am anderen Ende der Welt von Anfang an nahezu utopisch, in der Realität fast nicht umsetzbar: Buenos Aires ist für das Mädchen aus dem Arbeiterviertel in etwa so greifbar wie das Paradies. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet ist Evelines Verbindung mit Frank von Anfang an schlicht auf Verzweiflung angesichts der gegenwärtigen Lage und Sehnsucht nach einem besseren Leben gegründet als denn auf tiefe Gefühle und dem festen Glauben an Veränderung. Das macht auch die Sprache, die Joyce in den Frank betreffenden Erzählabschnitten verwendet, deutlich: Zwar sind diese lebendiger und fließender, beinhalten positive Worte wie „love“ (Z. 75), „pleasantly“ (Z. 76) und „fond of“ (Z. 74). Doch beginnen beinahe alle Sätze mit „he“, Frank, und stellen ausschließlich ihn in den Fokus des Interesses, Eveline bleibt nebensächlich. Also findet auch eine vollständige sprachliche Symbiose der beiden Welten, Evelines und Franks, nicht statt.

Auf dem Höhepunkt ihres inneren Konflikts betet das Mädchen für eine Lösung, doch fragt sie sich nicht nach ihren wahren Wünschen, sondern nur „what was her duty“ (Z. 121). Sie bleibt in der Enge und Verstaubheit ihres Elternhauses zurück, der Fluchtversuch war nur ein kurzes Aufbäumen. Am Ende der Kurzgeschichte pendelt sich Eveline wieder in ihrer Monotonie ein, so wie sich auch die Sprache wieder gänzlich kurz, einfach und schmucklos darstellt. Die Distanz zu Frank wird sowohl sprachlich als auch inhaltlich überdeutlich: „She set her white face to him, passive, like a helpless animal. Her eyes gave him no sign of love or farewell or recognition.” (Z. 135/5).

1.2. Stundenentwurf in tabellarischer Form

Zeit: 45 Minuten, Lerngruppe: Englisch-Leistungskurs, 12. Jahrgang

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.3. Lernziele der Stunde

1. Die Schülerinnen und Schüler sollen den literarischen Text still lesen und verstehen. Sie weisen ihr Textverständnis durch das Beantworten von 5 Verständnisfragen nach.
2. Die Schülerinnen und Schüler erkennen den in der Protagonisten angelegten inneren Konflikt und sind in der Lage, diesen in eigenen Worten und angemessener Form schriftlich darzustellen (Briefform).
3. Die Schülerinnen und Schüler sollen den inneren Zwiespalt der Protagonistin reflektieren und ihre Überlegungen in ihre schriftliche Arbeit und die Schlussdiskussion einfließen lassen.

1.4. Einbettung der Stunde in die Unterrichtseinheit

Die vorgestellte Unterrichtsstunde stellt den Einstieg einer Unterrichtseinheit zum Thema „English Short Fiction of the 20th Century“ dar, konzipiert für einen Englisch-Leistungskurs im zwölften Jahrgang. In dieser Unterrichtsreihe sollen Beispiele britischer, irischer und amerikanischer Kurzprosa aus unterschiedlichen zeitgeschichtlichen, literaturepochalen und kulturellen Hintergründen behandelt werden. Joyce repräsentiert dabei die Literatur der Moderne. Des Weiteren sollen Werke Ernest Hemingways, Roald Dahls und Katherine Mansfields untersucht werden. Die Analyse der Texte soll auch auf Grundlage literaturtheoretischer Schriften geschehen. Ziel der Unterrichtseinheit wird sein, den Schülerinnen und Schülern einen Einblick in die unterschiedlichen Kurzprosaarbeiten eines Jahrhunderts zu geben und dabei auch mit den Besonderheiten und Charakteristika des Genres Kurzgeschichte vertraut zu machen.

Im Anschluss an die vorgestellte Einführungsstunde wird Joyces Sprache Thema der Betrachtung sein. Zudem sollen typische Merkmale der Kurzgeschichte der Moderne erarbeitet werden (auch auf Grundlage literaturtheoretischer Texte) und diese schließlich mit Joyces „Eveline“ abgeglichen werden.

1.5. Kurze Bemerkung zur Textauswahl

„Eveline“ eignet sich aus unterschiedlichen Gründen für den Unterricht in der Sekundarstufe II. Zum einen ist der Text, wie bereits erwähnt, Beispiel für eine literarische Epoche und für eine besonders im englischsprachigen Raum prominente Literaturform. Zum anderen ist er als Vertreter seines Genres durch seine Kürze ein als Ganzes überschaubares literarisches Produkt, seine „Behandlung kann konzentriert und zügig erfolgen, so daß mit Ermüdungserscheinungen und Motivationshemmungen seitens der Schüler eigentlich nicht zu rechnen ist.“[2]

[...]


[1] Sämtliche Angaben beziehen sich auf: Joyce, James: Eveline. In: Dubliners. Harmondsworth: Penguin 1996. pp.37-43. Die Kurzgeschichte ist im Anhang dieser Arbeit, S.14/15, abgedruckt.

[2] Schick, Berthold und Gottfried Schröder: Kürze als Appell zur Enträtselung: Literaturdidaktische Überlegungen zur Short Story. In: Hunfeld, Hans und Gottfried Schröder (Hrsg.): Literatur im Englischunterricht. Drama – Hörpiel – Lyrik - Short Story – Roman – Trivialliteratur - Lehrbuchtext. Königstein: Scriptor 1978. S. 144-167. Hier: S. 147.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Working with a Literary Text: Planung einer Unterrichtsstunde zu James Joyces Kurzgeschichte "Eveline" im Englisch-Leistungskurs
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
sehr gut (1)
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V45293
ISBN (eBook)
9783638427180
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Working, Literary, Text, Planung, Unterrichtsstunde, James, Joyces, Kurzgeschichte, Eveline, Englisch-Leistungskurs
Arbeit zitieren
Jasmin Ostermeyer (Autor), 2005, Working with a Literary Text: Planung einer Unterrichtsstunde zu James Joyces Kurzgeschichte "Eveline" im Englisch-Leistungskurs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45293

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