Die Judenvertreibung in Köln 1424

Das Rechtfertigungsschreiben der Stadt Köln an den König Sigmund


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
13 Seiten, Note: 2,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Das Leben der Juden in Köln bis zu den Vertreibung 1424

2.0 Das Rechtfertigungsschreiben der Stadt an den König Sigmund und die Motive der Vertreibung

3.0 Ausblick

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

„Zu dem anderen Maile want unse Stat von Coelne eyne von den heiligsten Steiden der Cristenheit genant und an maenchen Enden mit groissem koestelichen Hilgetum der lieben Heilgen, die da rasant und ir Bloit umb des Cristengelouben willen vergoßen haben, loebelichen getziert ist, daz die Juetscheit mit yren uncristlichen Voessen die heilige Erde daenbynnen billich nit me treiden einseulden.“[1]

Dieser Satz aus dem Rechtfertigungsschreiben des Stadtrats Köln von 1431 an den König Sigmund zeigt am deutlichsten, welches Selbstverständnis die Stadt Köln von sich hatte als heilige Stadt des Christentums. Die Stadt sei deswegen heilig, weil sie reich an Reliquien wäre von mehreren Heiligen und Märtyrern, sodass diese „heilige Erde“ nicht von unchristlichen Füßen der Juden betreten werden dürfe, um sie nicht zu beschmutzen. Dieses Motiv für die Judenvertreibung 1424 scheint einer der, für den modernen Leser, wirrsten Gründer zu sein, mit denen die Stadt Köln versucht, die von Ihnen veranlasste Judenvertreibung zu rechtfertigen vor dem König. In dieser Abhandlung wird zunächst das Leben der Juden in Köln bis zu der Vertreibung 1424 skizziert. Daraufhin wird die Judenvertreibung 1424 in den historischen Kontext eingeordnet und zuletzt werden die Motive der Vertreibung aus dem Rechtfertigungsschreiben des Stadtrates Köln an den König Siegmund analysiert.

1.0 Das Leben der Juden in Köln bis zu den Vertreibung 1424

Die Juden in Köln hatten eine besondere Rolle. Schon in der Spätantike ist dokumentiert, dass die Befreiung der Juden vom Dekurionat widerrufen wurde. Im frühen Mittelalter lässt sich bereits nachweisen, dass die erste Synagoge 1012 erbaut worden ist.[2] Die Juden pflegten auch interreligiöse Kontakte, wie z.B. zu dem Erzbischöfen Anno der Zweite, der die Funktion als Schutzherr der Juden übernahm, dieses aber jedoch nicht immer wirksam schützen konnte, wie z.B. im ersten Kreuzzug, in dem sich der Antijudaismus im einem Pogrom entlud.[3] Allerdings lässt sich bis zu diesem ersten Kreuzzug ein gutes Verhältnis zwischen Juden und Christen in der Stadt nachweißen. Um 1150 werden die Juden in den Quellen schon als „concives“ beschrieben, übersetzt: als Mitbewohner. Juden waren in den Ämtern vertreten und durften genauso Waffen bei sich tragen, wie die christliche Mehrheit.

Sie übernahmen schon im 12 Jahrhundert die Funktion die Stadt zu verteidigen. Matthias Schmandt resümiert in seinem Studien zur jüdischen Geschichte in Köln folgendes zur Lage der Juden in Köln: „Bis zum Ende des 12 Jahrhunderts also- so lässt sich an dieser Stelle resümierend festhalten-hatte sich die jüdische Gemeinde bereits zu einer handlungsfähigen Körperschaft mit verfestigten Institutionen und kulturellen Traditionen entwickelt. Als solche stand die Judenschaft in vielfältigen Beziehungen zu den übrigen hochmittelalterlichen Kommunitäten der christlichen Einwohnerschaft Kölns; sie war eine neben zahlreichen anderen Gemeinden in der Stadt.“[4] Denn ihre Schutzherren gewährten den Juden mehrere spezielle Privilegien, die im Folgenden aufgelistet werden. Diese sind entnommen aus dem Schutzbrief von 1331. So besaß die jüdische Gemeinde gegen Ende des 13 Jahrhunderts alle Einrichtungen des mittelalterlichen Gemeindezentrums.

„1. In Sachen von Schulden oder „eßbaren“ Speisen oder in Rechtsstreitigkeiten wegen Darlehen oder Pfändern sollen Juden nur von ihren eigenen Gerichtshof vorgeladen werden und nicht vor Gerichtshöfe irgendeiner anderen Gerichtsbarkeit. Der Rat selbst unternimmt es, diese Klausel zu garantieren, und verspricht, falls nötig, auch seinen guten Dienst auf gesetzlichem Weg mit dem Rat der Juristen der Stadt.
2. Die Juden sollen in Pfad gegeben werden und nur in Übereinstimmung mit dem traditionellen jüdischen Gesetz.
3. Sie sollen frei sein von allem Militärdienst und Kriegslasten, ausgenommen im Fall der Notwendigkeit, das Judentor zu verteidigen, das ihnen von altersher anvertraut war.
4.Neue jüdische Zuwanderer sollen sich der gleichen Privilegien erfreuen wie alte jüdische Einwohner, aber sie müssen den Erzbischof die üblichen Gebühren bezahlen. Wer es nicht tut, soll durch die Stadtverwaltung dazu gezwungen werden.
5.Alle Mitglieder der Gemeinde sollen sich der gleichen Rechte erfreuen, keinem sollen Sonderrechte eingeräumt werden.
6. In Streitigkeiten zwischen Juden und Christen oder zwischen Juden unter sich soll weder die ganze Gemeine noch irgendein unschuldiger Jude festgesetzt werden. Endlich sollen alle Rechte und Privilegien, die den Juden von Päpsten, Kaisern, römischen Königen oder Erzbischöfen verliehen worden sind, sowie auch solche Stadtprivilegien, die in das Vetragsbuch eingeschrieben sind, gewissenhaft auf Recht erhalten werden.“[5]

Doch seit der Mitte des 13 Jahrhunderts verlangt der Erzbischof von den Juden eine Schutzgebühr für den Schutz und die Privilegien. Das Verhältnis zwischen dem Erzbischof und dem Rat der Stadt Köln war wechselhaft und war gezeichnet von einem Kampf um politische Macht. So wurden Juden als politisches Mittel instrumentalisiert. Außerdem liegen bereits 1320 Belege für erstarkende religiöse motiviere Feindschaft gegenüber den Juden in Köln vor. Ebenfalls vermehrte sich die Kritik der christlichen Geistlichen an den Privilegien der Juden. Das eine antijüdische Stimmung herrschte stellte der Rat der Stadt Köln in der Schutzzusage am 22.1.1327 fest. Dort heißt es, dass „manigerhande lude den Juden nach Leib und Gut trachteten.“[6] Vor Allem die strenge Einhaltung des kanonischen Zinsverbot seit 1320 störte das Verhältnis zwischen Christen und Juden in Köln. Allgemein kann festgehalten werden, dass soziale Spannungen, die in der städtischen Gesellschaft in der Mitte des 14 Jahrhunderts geherrscht haben, zusammen mit der zunehmenden Judenfeindschaft und dem christlichen Fundamentalismus wohlmöglich dazu führte, dass die Juden in Köln 1349 ein Pogrom erlebten, der als „Bartholomäusnacht“ bezeichnet wird.[7] Deswegen siedelten die Juden erst 1372 wieder in Köln an.[8]

Aufgrund des Erstarkens der Zünfte drohte den Juden, dass ihr Schutz wieder auslaufe, doch die Juden erreichten eine Verlängerung ihres Wohnrechts. Das neue Stadtregiment, dass 1396 herrschte, erneuerte die Privilegien der Juden wieder im Jahr 1404. Doch das Verhältnis zwischen dem Stadtregiment und den Juden wurde feindlicher. Der Stadtrat beschloss eine sogenannte Judenordnung im Sommer 1404: ihnen wurde aufgezwungen, sich in einer bestimmten Art und Weise anzuziehen, z.B. ein sogenanntes Judengewand.

Die Juden sollten so sichtbar und öffentlich von den Christen getrennt und klassifiziert werden.[9] Auch eine Verhaltensnorm wurde den Juden aufgezwungen, besonders an christlichen Feiertagen.[10] Der Erzbischof verlangte zudem für seinen Schutz immens hohe Schutzgebühren, obwohl der Stadtrat der Ansicht war, dass bereits ein Vertag zwischen den Juden und dem Bischof Friedrich geschlossen worden war. So entstand wiederholt ein Streit zwischen dem Stadtrat und dem Erzbischof, welches unteranderem dazu führte, dass der Kölner Rat den Aufenthaltsstatus der Juden 1424 nicht verlängerte, sodass die Juden aus Köln komplett vertrieben worden waren.[11] Infolgedessen waren nach vierzehn Monaten die Juden komplett aus Köln vertrieben und ihre Ansiedelung verboten worden. Dieses Verbot blieb bis zum Jahre 1798.

2.0 Das Rechtfertigungsschreiben der Stadt an den König Sigmund und die Motive der Vertreibung

Wie oben erwähnt entschied der Kölner Rat, das Recht der Juden sich in Köln aufzuhalten nicht mehr zu verlängern. Diese Entscheidung war üblich in dieser Zeit. Mehrere Länder und Fürstentümer sahen in den Juden keine wirtschaftlichen Vorteile mehr und hoben den Schutzstatus der Juden auf. wurde. Das Besondere allerdings in dem Fall ist, dass eine dreizehnhundertjährige jüdische Gemeinde in Köln vertrieben worden war. Insgesamt ist eine traurige Bilanz zu ziehen in diesem Zeitalter: Denn gegen Ende des 15. Jahrhunderts waren die Juden bis auf Norditalien aus allen wichtigen Städten West- und Mitteleuropas vertrieben worden.[12]

Doch nun kommen wir genauer zu den Ursachen der Judenvertreibung 1424 in Köln. Nicht nur die wirtschaftlichen Veränderungen, die sozialen Spannungen und der Machtkampf zwischen dem Erzbischof und dem Stadtrat können als Gründe angeführt werden. Denn die die religiösen Unruhen im 14 Jahrhundert dürfen nicht außer Acht gelassen werden, wenn man versucht, die Motive für die Judenvertreibung zu verstehen. Dieses wird vor allem in dem Rechtfertigungsschreiben des Stadtrates an den König Siegmund deutlich. Dort versucht der Stadtrat die Judenvertreibung großenteils mit religiösen Argumenten zu begründen beziehungsweise vor dem König zu verteidigen. Der Rat resümiert die Vertreibung wäre notwendig gewesen, denn sonst wäre die Ehre Gottes missachtet werden.[13] Die Motive des Stadtrates werden in dieser Ausarbeitung genauer analysiert.

Sie sind größtenteils theologischer Natur, welches nur verstanden kann, wenn man das mittelalterliche theologische Weltbild beachtet. Zwar hatte die Judenvertreibung in Köln unter anderem auch wirtschaftliche Gründe, doch sind die religiösen Weltanschauungen bzw. Endzeitvorstellungen deutlich erkennbar hinter den Motiven. Die Juden waren durch die wirtschaftliche Funktion, innerhalb des hierarchisch geordneten theologischen Weltbilds des Mittelalters, in eine „Außenseiterrolle“ gedrängt worden.[14] Innerhalb dieses christlichen Weltbilds bestand ein zwiespältiges Verhältnis zwischen Juden und Christen. Einerseits sind die Juden ein „Beleg“ für das Wahrheitsverständnis der christlichen Theologie, denn diese sahen die Juden als Strafe Gottes für den Mord an Jesus Christus. Anderseits gab es eine Prophezeiung, dass sich Juden vor der Wiederkehr Jesus Christi zum Christentum bekennen und konvertieren würden. Daher rührt sich dieses zwiespältige Verhältnis, welches dazu führte, dass Juden phasenweise sowohl versucht worden sind integriert zu werden, gleichzeitig aber auch vor Vertreibung fliehen mussten.

[...]


[1] Rechtfertigungsschreiben der Stadt Köln, http://www.geschichtsquellen.de/repOpus_04008.html, 2018-09-03 (entnommen am 20.09.2018)

[2] Werner Schäfke u. Marcus Trier unter Mitarb. v. Bettina Mosler (Hgg.)., Mittelalter in Köln. Eine Auswahl aus den Beständen des Kölnischen Stadtmuseums, Köln 2010, S.110.

[3] Anna-Dorothee, von Brücken: Das Rechtfertigungsschreiben der Stadt Köln wegen Ausweisung der Juden im Jahre 1424 - Zur Motivierung spätmittelalterlicher Judenvertreibungen in West- und Mitteleuropa, in: Köln, das Reich und Europa. Abhandlungen über weiträumige Verflechtungen der Stadt Köln in Politik, Recht und Wirtschaft im Mittelalter (Mitteilungen. a. d. Stadtarchiv von Köln 60), 1971, S.312.

[4] Matthias Schmandt: Judei, cives et incole: Studien zur jüdischen Geschichte Kölns im Mittelalter. Geschichte in Köln, Hannover 2002, S. 18.

[5] Asaria, Zvi: Die Juden in Köln von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart Köln 1959, S. 298.

[6] Matthias Schmandt: Judei, cives et incole: Studien zur jüdischen Geschichte Kölns im Mittelalter. Geschichte in Köln, Hannover 2002, S. 86.

[7] Ebd., S. 88.

[8] Ebd., S.96.

[9] Asaria, Zvi: Die Juden in Köln von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart Köln 1959, S. 58.

[10] Anna-Dorothee, von Brücken: Das Rechtfertigungsschreiben der Stadt Köln wegen Ausweisung der Juden im Jahre 1424 - Zur Motivierung spätmittelalterlicher Judenvertreibungen in West- und Mitteleuropa, in: Köln, das Reich und Europa. Abhandlungen über weiträumige Verflechtungen der Stadt Köln in Politik, Recht und Wirtschaft im Mittelalter (Mitteilungen. a. d. Stadtarchiv von Köln 60), 1971, S.314.

[11] Asaria, Zvi: Die Juden in Köln von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart Köln 1959, S. 59.

[12] Anna-Dorothee, von Brücken: Das Rechtfertigungsschreiben der Stadt Köln wegen Ausweisung der Juden im Jahre 1424 - Zur Motivierung spätmittelalterlicher Judenvertreibungen in West- und Mitteleuropa, in: Köln, das Reich und Europa. Abhandlungen über weiträumige Verflechtungen der Stadt Köln in Politik, Recht und Wirtschaft im Mittelalter (Mitteilungen. a. d. Stadtarchiv von Köln 60), 1971, S.311.

[13] Anna-Dorothee, von Brücken: Das Rechtfertigungsschreiben der Stadt Köln wegen Ausweisung der Juden im Jahre 1424 - Zur Motivierung spätmittelalterlicher Judenvertreibungen in West- und Mitteleuropa, in: Köln, das Reich und Europa. Abhandlungen über weiträumige Verflechtungen der Stadt Köln in Politik, Recht und Wirtschaft im Mittelalter (Mitteilungen. a. d. Stadtarchiv von Köln 60), 1971, S.319.

[14] Ebd., S.320.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Judenvertreibung in Köln 1424
Untertitel
Das Rechtfertigungsschreiben der Stadt Köln an den König Sigmund
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,3
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V453056
ISBN (eBook)
9783668852693
ISBN (Buch)
9783668852709
Sprache
Deutsch
Schlagworte
judenvertreibung, köln, rechtfertigungsschreiben, stadt, könig, sigmund
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Die Judenvertreibung in Köln 1424, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453056

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