Marcels Entdeckung der Homosexualität des Barons de Charlus in "Sodome et Gomorrhe"


Seminararbeit, 2017
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die neue Romanform

3. Einordnung des Textkorpus in die gesamte Romanserie

4. Entdeckung der Homosexualität der Figur Baron de Charlus
4.1. Erläuterungen zum Titel Sodome et Gomorrhe
4.2. Die Analogie zwischen Hummel-Orchidee und Charlus-Jupien
4.3. Der wahre M. de Charlus
4.4. Die Begegnung von Charlus und Jupien
4.5. Die Vereinigung von Charlus und Jupien
4.6. Abhandlung über Homosexualität

5. Resümee

Bibliographie

1. Einleitung

« Premi è re apparition des hommes-femmes, descendants de ceux des habitants de Sodome qui furent é pargn é s par le feu du ciel. » 1

Mit diesem Ausspruch eröffnet Marcel Proust (1871-1922) den vierten Band Sodome et Gomor- rhe2 seines siebenbändigen Lebenswerks À la recherche du temps perdu (1913-1927) . In die- sem Band wird der Erzähler Marcel Zeuge, wie die Figur Baron de Charlus in einem scheinbar unbeobachteten Moment die Maske fallen lässt und seine Homosexualität unwissentlich dem Protagonisten Marcel offenbart. Der Autor Marcel Proust lässt seine Figuren nach den drei vo- rangegangenen Bänden die zuvor nur angedeutete Homosexualität schließlich ausleben.

Proust hatte großes Interesse an dem Tabu-Thema der Homosexualität, hat sich jedoch selbst nie offen dazu bekannt, da die Sodomie - ein Begriff, der damals die homosexuelle Ver- anlagung benannte - in der Gesellschaft mehr als nur verpönt war3. Obwohl das Verbot der Homosexualität aus dem ‚Code Pénal‘4 verbannt worden war und erst unter Maréchal Pétain im Vichy-Regime wieder aufgenommen wurde, konnten die Homosexuellen ihre Neigung den- noch nicht völlig offen und zwanglos ausleben5. Es gab in diesem Zusammenhang mehrere Fälle, die aufgrund homosexuellen Verhaltens internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. Zum Beispiel die Harden-Eulenburg-Affäre (1907/08) oder auch die Verurteilung Oscar Wildes zu zwei Jahren Zwangsarbeit und Zuchthaus, welches er als gebrochener Mann verlas- sen hatte6. Wildes Schicksal ging Proust sehr nahe und aufgrund dieser Ereignisse kann man annehmen, dass Proust nicht sehr erpicht darauf war seine eigene Homosexualität öffentlich bekannt zu geben.

Die damalige Zeit und ihre Moralvorstellungen waren gegen ihn. Sein großes Werk ent- stand nämlich in der Epoche des fin de si è cle und der d é cadence, einer Periode, die durch Pes- simismus, Schicksalsdenken und Nostalgie gekennzeichnet war7. Der kulturelle Verfall wurde zum künstlerischen Objekt dieser Zeit, welche von Weltschmerz, Melancholie und Faszination für und zugleich Erschaudern vor dem Tod und der Vergänglichkeit geprägt war. Der Grund für diese Stimmung im damaligen Frankreich war neben der sinkenden Geburtenrate der Gedanke, dass das französische Volk alt und dem Untergang geweiht sei. Dieser Gedanke wurde ausgelöst durch die Schmach der Niederlage Frankreichs von 1870/71 gegenüber BismarckDeutschland8. Das äußerte sich auch in der Kunst und Literatur, denn „der Künstler des Fin de Siècle fühlte sich schwach und ohnmächtig“9. Er litt an der Welt und kreierte seine Romanfiguren nach seinem Ebenbild.

Dieses findet man in Marcel Prousts modernen Romanserie wieder, denn sie besteht aus vielen Teilen seiner eigenen Biographie und denen seiner Bekannten. Anders als viele seiner Zeitgenossen, war Proust kein Avantgardist. Auf der einen Seite war er eher konservativ, was man an seinem elaborierten Schreibstil und an seiner Orientierung an der französischen Tradi- tion erkennen kann. Auf der anderen Seite ist sein Roman ein Werk der Moderne - und Proust folglich kein Repräsentant der d é cadence, obwohl es zwischen ihm und der Epoche der Deka- denz eine Affinität gibt. Solche und andere widersprüchliche Eigenschaften der recherche ma- chen diese zu einem komplexen Paradoxon und somit zu einem faszinierenden Objekt der Li- teratur.

2. Die neue Romanform

In À la recherche du temps perdu verwendet Proust ein Erzählschema, welches dem Bildungsroman des 19. Jahrhunderts ähnelt. Außerdem folgt er dem von Balzac geprägten realistischen Stil, was an den beschriebenen und beobachteten Salonszenen zu erkennen ist, mit denen Proust die Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts darstellt10. Des Weiteren ist sein Werk ein Gesellschaftsroman, der Elemente der „Moralisten des 17. Jahrhunderts“11 übernimmt, da Proust die damalige Gesellschaft Frankreichs analysiert und soziale, sowie ökonomische Probleme aufzeichnet, was die recherche zu einem psychologischen Roman macht.

Die von Proust verwendeten Schemata vereinen sich in der Form der Ich-Erzählung. Er gebraucht das Muster der Autobiographie, ohne jedoch eine Identität zwischen Autor, Erzähler und Protagonisten zu schaffen. Es wird nämlich eine dritte Zeitebene eingeführt - und zwar die des je interm é diaire12 , welche zwischen dem Erzähler und dem Protagonisten angelegt ist. Indem Proust also unterschiedliche erzählerische Schemata aufgreift und diese mit narrativ überformten autobiographischen Elementen verbindet, kreiert er eine „völlig neuartige, heterogene und widersprüchliche Romanform“13. Das wichtigste Merkmal dieser neuen epischen Kon- struktionsweise ist, dass der Erzähler ebenso allwissend, wie perspektivisch beschränkt ist. Das bedeutet, er ist allwissend, wenn er Informationen bereitstellt, die für das Verständnis notwen- dig sind. Seine Sicht ist aber dann beschränkt, wenn er als Protagonist Teil des Handlungsge- schehens ist und versucht eine andere Figur zu verstehen14. Der Erzähler ist somit durch „Klar- sichtigkeit und Blindheit, durch Wissen und Nicht-Wissen“15 charakterisiert.

Prousts Werk ist also paradox. Zum einen ist der Stil traditionell und doch ist es ein Roman für die Moderne. Zum anderen beinhaltet das Werk ein Erzählmodell, welches sich verschiedener Schemata bedient und diese durch den allwissenden und teilweise doch nur be- schränkten Erzähler verbindet. Dabei bleibt es aber nicht: Der proust‘sche Roman erzählt näm- lich „die Geschichte einer Figur, die auf der Suche nach einer künstlerischen Berufung ist und zugleich außerordentlich darunter leidet, dass sie sich für künstlerisch unbegabt hält“16. Der junge Mann mit künstlerischen Ambitionen versucht eigentlich sein ganzes Leben lang seine Schreibblockade zu überwinden, um seinem Leben einen Sinn zu verleihen. Er berichtet von diesem Leben und auch von Erlebnissen des Sich-Erinnerns, die den Roman kennzeichnen. Sein Weg ist müßig und von Umwegen und Verirrungen geprägt, doch er findet schließlich doch seine Berufung. Der Erzähler schreibt also darüber, dass er nicht schreiben kann und bringt damit doch ein Meisterwerk zu Stande; er „projiziert [nämlich] sein Buch in die Zukunft der Vergangenheit“17 und erschafft ein imaginäres - im realen Buch vorhandenes - Oeuvre, wel- ches im wirklichen Leben auch existiert und zwar in den Händen der Leser. Letzten Endes haben wir es hier mit einem extrem widersprüchlichen Text zu tun, der die Normen traditionel- len Erzählens sprengt, und sich - vollkommen bewusst - auf eine „Ästhetik der Verfremdung und des Bruches“18 stützt.

Den Aspekt dieser Ästhetik kann man ganz deutlich in dem Text erkennen, der im Fol- genden kommentiert wird, und zwar die Art und Weise, wie Homosexualität - ein Bruch dergesellschaftlichen Konventionen - dargestellt ist. Bevor es jedoch zum detaillierten Kommentar dieses Textes kommt, wird der zu behandelnde Textkorpus in die Romanserie eingeordnet, damit der Kontext der Geschichte deutlich wird.

3. Einordnung des Textkorpus in die gesamte Romanserie

Es ist kaum möglich, den Roman inhaltlich kurz zusammenfassen, da das eigentliche Thema nicht linear ist und die Ereignisse unüberschaubar verlaufen. Es gibt mehrere komplexe Zeit- ebenen, die parallel verlaufen: die im Bewusstsein liegende Kindheit und die späteren Alters- stufen des Erzählers Marcel, „den mit der Person des Autors Proust zu verwechseln man sich hüten sollte“19.

Dennoch versuche ich den hier zu behandelnden Textkorpus zu kontextualisieren. Die Handlung beginnt damit, dass Marcel, der kränkliche Sohn einer wohlhabenden Familie in Paris des fin de si è cle, bereits früh ein großes Interesse für die Künste zeigt, welches von seiner Großmutter gefördert wird. Diese Vorliebe pflegt er später als erwachsener Mann in den exklu- siven Pariser Salons. Dieses Milieu, sowie einige Städte der Normandie, wie zum Beispiel Combray und Balbec, sind für den Roman von großer Bedeutung. Marcel lernt in seiner Kind- heit verschiedene Personen kennen, die in seinem späteren Leben eine große Rolle spielen wer- den, wie z.B. den Kunstliebhaber Swann, dessen Tochter Gilberte und die Guermantes, eine lokale Adelsfamilie.

Marcels Krankheit verlangt nach viel Aufmerksamkeit seitens der Familie; so kümmern sich seine Großmutter, seine Mutter und das ältere Dienstmädchen Françoise um Marcel und überschütten ihn mit zärtlicher Fürsorge. Marcels gefährdete Gesundheit zwingt ihn zu etlichen Sanatoriumsaufenthalten20. Schon früh lernt er die Bedeutung des Schmerzes kennen, der ihn später in anderer, abgewandelter Form begleitet, was an der „durch Eifersucht vergifteten Liebe zu Albertine“21 zu erkennen ist. Als sie ihn zunächst abweist, „gewinnt er schließlich ihr lei- denschaftsloses Interesse“22. Marcel spielt mit dem Gedanken Albertine zu heiraten, um sie heilen, da er vermutet, sie sei homosexuell. Allerdings sind beide nicht glücklich in der Bezie- hung, die darin endet, dass Marcel, der Konflikte überdrüssig geworden, sie als seine Gefangene hält, um sie gänzlich zu besitzen23. Albertine schafft es eines Tages jedoch zu fliehen. Marcel beginnt verzweifelt nach ihr zu suchen, findet dann aber heraus, dass sie einen Unfall hatte und verstorben ist. In diesem Moment „des quälenden Zweifels [sowie auch] der Verzweiflung an sich selbst“24 wird Marcel seiner künstlerischen Berufung gewahr und kommt am Ende seines Werkes zu dem Entschluss den Roman zu schreiben, den er bereits geschrieben hat.

Der nächste Band der recherche setzt früher an als die Gefangenschaft Albertines und behandelt die Adelsfamilie Guermantes. Marcels Familie zieht in eine neue Wohnung, die in der Nähe des Hotels der Guermantes liegt25. Die Herzogin Guermantes wird zu Marcels Objekt der Begierde und er versucht sich ihr mit allen Mitteln zu nähern. Er freundet sich mit ihrem Neffen Saint-Loup an und besucht ihn in Doncières. Obwohl er einen guten Eindruck gemacht hat, bleibt sein Annäherungsversuch erfolglos. Im Salon von Mme de Villeparisis kommt es schließlich zu einem Gespräch zwischen der Herzogin und Marcel26.

Im zweiten Teil dieses Bandes stirbt Marcels Großmutter an einem Schlaganfall und seine Träume von früher, in denen all‘ diese Menschen vorkamen, realisieren sich nicht. Ganz im Gegenteil, er steht vor frivolen Personen, wie Saint-Loup, ja sogar vor verstörenden Personen, wie Charlus - der Cousin des Prinzen von Guermantes27. Dennoch nimmt Marcel die Einladung zum Abendessen bei dem Herzog und der Herzogin von Guermantes an, wo der zu kommentierende Text anknüpft.

Der Textkorpus von Sodome et Gomorrhe wird wie folgt unterteilt: der erste Teil beginnt mit dem Zitat und dann mit dem Text von Seite 3, Zeile 1 mit „On sait que bien avant d’aller ce jour-là“ bis Seite 15, Zeile 26ff mit „C’est la raison qui ouvre les yeux“. Anschließend werden einige Seiten ausgelassen und der zu kommentierende Text setzt auf Seite 30, Zeile 5 mit „les hommes qui sont attirés non par tous“ wieder ein und endet auf Seite 33, Zeile 41 mit „la fécondation de la fleur par le bourdon“.

4. Entdeckung der Homosexualität der Figur Baron de Charlus

Wir befinden uns im vierten Band der recherche und haben die behütete und gesittete Welt der Guermantes des dritten Bandes verlassen und treten nun in die ‚Unterwelt‘ von Sodome et Gomorrhe.

[...]


1 Proust, Marcel. Sodome et Gomorrhe. Gallimard 1988, S. 3.

2 Ich verwende in dieser Arbeit nicht den Reader, sondern die Pléiade-Ausgabe von Gallimard aus dem Jahr 1988.

3 vgl. Evers, Meindert. Proust und die ästhetische Perspektive: Eine Studie über ‚ À la recherche du temps perdu ‘. Würzburg 2004, S. 168 f.

4 Der Code Pénal ist das französische Strafgesetzbuch.

5 vgl. Schuhen, Gregor. Erotische Maskeraden: Sexualität und Geschlecht bei Marcel Proust. Heidelberg 2007,

S. 25.

6 vgl. Evers, Proust und die ästhetische Perspektive, 168.

7 vgl. ibid. 12.

8 vgl. Evers, Proust und die ästhetische Perspektive, 20.

9 ibid. 17.

10 vgl. Klinkert, Thomas. Proust in der Konstellation der Moderne. Berlin 2013, S. 7.

11 ibid.

12 vgl. Muller, Marcel. Les voix narratives dans la „Recherche du temps perdu“, Genève 1965, S. 36

13 Klinkert, Proust in der Konstellation der Moderne, 8.

14 vgl. ibid.

15 Klinkert, Proust in der Konstellation in der Moderne, 8.

16 ibid.

17 ibid.

18 ibid. 9.

19 Kindlers Literatur Lexion. Proust, Marcel. A la recherche du temps perdu.

20 vgl. ibid.

21 ibid.

22 ibid.

23 vgl. ibid.

24 ibid.

25 vgl. Livres Ados. Marcel Proust : Le Côté de Guermantes. Résumé.

26 vgl. ibid.

27 vgl. ibid.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Marcels Entdeckung der Homosexualität des Barons de Charlus in "Sodome et Gomorrhe"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Marcel Proust: Ausgewählte Texte aus À la recherche du temps perdu
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V453102
ISBN (eBook)
9783668862883
ISBN (Buch)
9783668862890
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marcel Proust, Homosexualität, Sodome et Gomorrhe, Baron de Charlus
Arbeit zitieren
Ellina Rhein (Autor), 2017, Marcels Entdeckung der Homosexualität des Barons de Charlus in "Sodome et Gomorrhe", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453102

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