Friedrich Nietzsche und der Faschismus


Hausarbeit, 2005
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kapitel 1
1.1 Die Beziehung der Faschistenführer zu Nietzsche
1.2 Die Verbreitung und Funktionen des Nietzscheanismus
1.3 Nietzsche-Rezeptionen im Italo- und Germanofaschismus

Kapitel 2
2. Analogien und Unterschiede zwischen Nietzsche und Faschismus
2.1 Krieg
2.2 Politische Rassenontologie

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Friedrich Nietzsche und der Faschismus - dieses Verhältnis wirft zahlreiche Fragen auf. Nicht nur bietet sein philosophisches Gesamtwerk in dieser Hinsicht viele widersprüchliche, zweideutige und unklare Aussagen, die zu vielen Spekulationen führten, sondern auch die gezielte einseitige Benützung und Verfremdung der Lehre Nietzsches durch seine Zeitgenossen und spätere Generationen erzeugten Missverständnisse und eine gewisse Abscheu vor der Philosophie Nietzsches. Zusätzlich entstehen durch die unsystematische Vorgehensweise Nietzsches bei der Entwicklung seiner Philosophie, in welcher er zahlreiche Fachbereiche lose in seinen einzelnen Werken verquickt, leicht Missverständnisse, da Nietzsche für verschiedene Vorgänge verschiedene Sichtweisen über dieselben Protagonisten entwickelt. Die Arbeit gliedert sich neben der Einleitung und Zusammenfassung in zwei Kapitel und konzentriert sich auf die politische Philosophie und deren Verwendung für den Faschismus. Zu Beginn des ersten Kapitels werden die Beziehungen von den Faschistenführern Mussolini und Hitler, auch Rosenberg zu Nietzsche, seinen Werken, seiner Schwester und dem Nietzsche-Archiv erläutert. In diesem Kapitel werden noch die Verbreitung und Funktionen des Nietzscheanismus im Dritten Reich[1] geschildert und mit uneinheitlicher Rezeption Nietzsches im Italo- und Germanofaschismus auseinandergesetzt. Zweites Kapitel beschäftigt sich mit den Analogien und Unterschiede zwischen Nietzsche und Faschismus hinsichtlich der Kriegsforderung und politischer Rassenontologie. Um dabei sachlich zu bleiben, wähle ich hauptsächlich Taurecks Buch „Nietzsche und Der Faschismus“.[2]

Kapitel 1

1.1 Beziehung der Faschistenführer zu Nietzsche

Der erste präfaschistische Zugriff auf Nietzsche stammte nicht aus Italien oder Deutschland, sondern aus den Vereinigten Staaten. Nietzsche wurde hier bereits 1904 in einer Bemerkung des amerikanischen Psychologen G. Stanlay Hall in den Dienst einer nachträglichen Rechtfertigung eines Völkermordes an den Indianern gestellt.[3] Noch vor den faschistischen Entdeckung Nietzsches für die Welt gab es offenbar in der Folge des ersten Weltkrieges eine „Weltmeinung“ über Nietzsche als Kriegsmitschuldige.[4]

Von Anfang an hielten manche Autoren die Affinitäten zwischen Nietzsche und dem Faschismus für offenkundig (oder zumindest nachvollziehbar), während andere schon die Andeutung eines Zusammenhangs zwischen beiden beängstigend fanden.[5] Ein Autor in der Schweiz schrieb, dass Friedrich Nietzsche als ideologischer Begründer und als Pionier des Faschismus gilt.[6]

Kurt Tucholsky gab 1932 dem Weimarer Nietzsche-Archiv wegen Verfälschungen die Schuld in dieser Einschätzung: „Das Archiv und seine Leute sind schuld daran, dass die Weltmeinung Nietzsche für einen deutschen Kriegsanstifter gehalten hat, zu welcher Auslegung allerdings die Verschwommenheit seiner Diktion beigetragen hat.“[7]

Wie Harry Graf Kessler notierte, waren bereits 1932 alle im Nietzsche-Archiv Tätigen, von der Leitung bis zum Pförtner enthusiastische Anhänger der Nationalsozialisten.[8]

Und Henning Ottmann schreibt. „Das Nietzsche-Archiv stellte sich im 20. Jh. aber zunehmend als Beschleuniger einer rechts-konservativen Interpretationsmaschinerie dar, die mehr und mehr in faschistisches bzw. nationalsozialistisches Fahrwasser gilt.“[9]

Dieses Urteil über das Nietzsche-Archiv wurrde durch Elisabeth Förster-Nietzsches Verhalten im Ersten Weltkrieg und danach bestätigt. Als sie 1923 von der nationalen Revolte unter Führung von Ludendorff und Hitler erfuhr, erklärte sie, dass sie sich ihnen bei ihrem Marsch auf Berlin angeschlossen haben würde, wenn sie nur jünger gewesen wäre. Unmittelbar vor der Machtergreifung hielt sie sich für eine Anhängerin der nationalsozialistischen Rechten als der Nazis. Offenbar brachte sie ihre Sympathien für Mussolini und die italienischen Faschisten zum Ausdruck.[10]

Bevor sich jedoch der deutsche Nationalsozialismus mehr oder weniger bewusst und zielstrebig der Nietzsches Philosophie und Weltanschauung bediente, waren es die italienischen Faschisten, die Nietzsche für sich entdeckten. Namentlich der Führer der italienischen faschistischen Bewegung, Benito Mussolini, bekannte sich schon vor dem Ersten Weltkrieg zu Nietzsche. Bereits 1908 hatte er in einem Aufsatz mit Nietzsches „Machtphilosophie“ beschäftigt. Für Mussolini, dessen politisch-ideologische Leitfigur zu dieser Zeit noch Marx und dessen Klassenkampfkonzept mit dem Ziel einer kommunistischen Gesellschaft war, gewannen Nietzsches Gedanken zum Staat, seine antichristliche Haltung und die Idee des „Übermenschen zunehmende Akzeptanz.[11] In dem oben erwähnten Aufsatz schrieb er: „Um das Ideal, das Nietzsche uns vorzeichnet, zu erreichen, wird eine neue Art von freien Geistern erstehen, die erstarkt sind im Kriege, in der Einsamkeit, in der großen Gefahr, Geister, die uns von der Nächstenliebe erlösen werden.“ Mussolini fühlte sich ganz und gar Nietzsches Schüler. Deshalb gab er eines Tages in einem Interview auf die Frage, wonach er trachte, die klare, knappe Antwort: „Nach Macht!“. Er sah sein Werk, Faschismus, als Verwirklichung der Ideenwelt Nietzsches.[12] Seine Zugeneigtheit zu Nietzsche und dem Geist des Archivs drückte sich schließlich in jenen Telegrammen aus, die zwischen ihm und dem Archiv anlässlich seines 50. Geburtstages 1933 gewechselt wurden. Das Archiv bezeichnete Mussolini als „genialen Wiedererwecker aristokratischer Werte in Nietzsches Geist“, und er erklärte dem Archiv und der Förster-Nietzsche lobend, „den Geist Ihres großen Friedrich“ zu hüten.[13]

Im Vergleich mit dem italienischen Faschismusführer war das Verhältnis der deutschen nationalsozialistischen Führer zu Nietzsches Schaffen eher wenig kenntnisreich. Nietzsche war den Begründern des Nationalsozialismus so gut wie fremd, stellten die neueren Forschungen fest.[14] Dennoch betrachtete sich der Gründer des Nationalsozialismus auch, der nach dem Muster des Faschismus aufgebaut wurde, als Schüler Nietzsches.[15] Deshalb

besuchte Hitler das Nietzsche-Archiv 1934 und ließ sich neben einer Büste des Philosophen fotografieren. Außerdem erklärte er sich bereit, zum Bau einer Gedankenhalle für Nietzsche Geld zur Verfügung zu stellen.

Nach Lonsbach hatte der deutsche Führer Elisabeth Förster-Nietzsche nicht in ihrer Eigenschaft als Schwester des großen Philosophen aufgesucht, sondern als Witwe des Antisemiten-Führers Förster, mit welchem sie in Südamerika eine deutsche Kolonie auf völkischer Grundlage gegründet hatte.[16]

Das Verhältnis der deutschen nationalsozialistischen Führer (Hitler und hier auch Rosenberg) zu Nietzsche war rein äußerlich, wie oben genannte Hitlers Besuche im Archiv, seine persönliche finanzielle Unterstützung oder die feierliche Deponierung eines Exemplars Zarathustras gemeinsam mit Hitlers Mein Kampf und neben Rosenbergs Der Mythus des 20. Jahrhunderts im Gewölbe des Tannenberg-Denkmals. Nietzsche wurde in ihren Hauptwerken gar nicht erwähnt oder sehr peripher behandelt. Offenbar hatte man ihn nicht gelesen oder stand ihm mehr oder weniger fremd gegenüber.[17]

Dies bestätigt Lonsbach: „Hitler hat Nietzsche nicht gelesen, glaubte jedoch, dass dessen Ansichten mit den seinen übereinstimmen.“[18]

Nur in Rauschnings Gespräche mit Hitler gibt es Hinweise auf eine Beziehung zu Nietzsche.

Die übrigen Autoren urteilen vorsichtiger, ein unmittelbarer Einfluss Nietzsches auf Hitler wird verneint, eine tiefere und verstecktere Beziehung jedoch auch nicht völlig ausgeschlossen. Von den Menschen seiner näheren Umgebung wird berichtet, dass Hitler ungeheuer viel gelesen haben soll z.B. Chamberlain, Schiller, Schopenhauer, Marx, Nietzsche, Dante usw. Nach diesen Äußerungen ist es annehmbar, dass das Werk Nietzsches Hitler auch unmittelbar bekannt war. Aber Nietzsche nannte er in Mein Kampf nicht, obwohl er z.B. Wagner, Gobineau, Chamberlain und Schopenhauer erwähnt hatte.[19]

Wenn es um Rosenbergs Werk geht, so schreibt Langreder, dass er Nietzsche zu spät kennengelernt hat, so dass er ohne größeren Einfluss auf sein politisches und philosophisches Schrifttum geblieben sei. Aber Rosenberg gab bereits im Jahre 1933 in einem Artikel im Völkischen Beobachter“ vom 8.12. das Signal zum Aufbruch jener Nietzsche-Bewegung, die im geistigen Leben des Dritten Reichs eine bedeutende Rolle spielen sollte. Dieser Artikel bezweckte einen geistesgeschichtlichen Stammbaum zu schaffen, um die nationalsozialistische Bewegung zu erweiten. Nach Langreder hat Nietzsche sehr geringen Einfluss auf Hitler und Rosenberg. Sein Name taucht nur auf der negativen Seite des nationalsozialistischen Weltbildes und mit meistens Propagandazweck auf. (Im nächsten Abschnitt wird ausführlicher behandelt.) Ein wesentliches Zurückgreifen auf seine Philosophie lässt sich jedoch nirgends nachweisen.[20]

Taureck betont, dass der nationalsozialistischer Umgang mit Nietzsche in Form von Gesten war, denn der Germanofaschismus wollte immer auch Geste sein, Entprivatisierung des Gestischen. Zu diesen Gesten gehörten u.a. die Trauerfeierlichkeiten für Elisabeth Förster-Nietzsche im November 1935 und die Feier vom Nietzsches hundersten Geburtstag 1944.[21]

Welche Funktionen hatten diese Aktivitäten zu erfüllen, denn dieses privates Zusammentreffen hatte weit weniger Bedeutung als seine Bewertung in der Öffentlichkeit.

Die Frage beantwortet der nächste Abschnitt.

[...]


[1] Manche Abschnitte beschränken sich auf Germanofaschismus (Nationalsozialismus)

[2] Rezension von Jürgen Harder: „In seinem Buch Nietzsche und der Faschismus beteiligt sich Taureck in keiner Weise an den modernen bzw. postmodernen Märchenerzählungen über Nietzsche. Der Autor pflegt „das Pathos der Sachlichkeit“. Nietzsche und der Faschismus unter: www.google.de

[3] Taureck, Nietzsche und der Faschismus, S. 9

[4] Ebd. S. 77

[5] Vgl. Aschheim, Nietzsche und die Deutschen 1996, S.251

[6] Ebd. S. 293

[7] Vgl. Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke 1975, Bd.10, S.9

[8] Vgl. Kessler, Tagebücher 1918-1937 In. Steven E. Aschheim, Nietzsche und die Deutschen 1996

[9] Henning, Nietzsche Handuch 2000, S.500

[10] Aschheim, Nietzsche und die Deutschen 1996 S. 259

[11] Henning, Nietzsche Handbuch 2000, S. 500

[12] Vgl. Algermissen, Nietzsche und das Dritte Reich 1947, S. 3

[13] Vgl. Henning, Nietzsche Handbuch 2000, S. 501

[14] Ebd.

[15] Vgl. Algermissen, Nietzsche und das Dritte Reich 1947, D. 3

[16] Vgl. Lonsbach, Friedrich Nietzsche und die Juden 1985, S. 85

[17] Vgl. Henning, Nietzsche Handbuch 2000 S.501

[18] Vgl. Lonsbach, Friedrich Nietzsche und die Juden 1985, S. 83

[19] Vgl. Langreder, Die Auseinandersetzung mit Nietzsche im Dritten Reich 1971, S. 45 ff.

[20] Ebd. S. 62 ff.

[21] Vgl. Taureck, Nietzsche und der Fachismus 1989, S. 79

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Friedrich Nietzsche und der Faschismus
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Friedrich Nietzsche und Politik seiner Zeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V45346
ISBN (eBook)
9783638427647
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Nietzsche, Faschismus, Politik, Zeit
Arbeit zitieren
Lailo Yarkulova (Autor), 2005, Friedrich Nietzsche und der Faschismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45346

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