Vorstoß ins Ungewisse am Mount Kinabalu. Ein Reisebericht über Borneo


2019-01-25, 199 Seiten (ca.), 9783668870499
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Vorstoß ins Ungewisse am Mount Kinabalu

Ein Reisebericht über Borneo

1. Kapitel: Der mystische Berg

Mit der südostasiatischen Insel Borneo verbindet man die Vorstellung von undurchdringlichen, dunklen Regenwäldern, wo auf eintausend Quadratkilometern ein einziges Dorf am Ufer eines Flusses kommt. Da verliert sich die Phantasie viel lieber, als dass man sich als Einzelreisender auf das Abenteuer einlassen würde, sich selber zu verlieren. Da sollen Träume erfüllt werden, die sich nicht in Alpträume verwandeln sollen. Gedacht, getan! Man sieht sich einem feuchtkühlen Pfad folgen, einen Berghang hinauf- und eine Schlucht hinabsteigen. Man fängt die ersten unterschiedlichen Stimmungen ein, die in einem ausgelöst werden, wenn man das Reich der Schatten und Grüntöne, kennenlernt, wo das Auge erwartungsvoll die Lichtleitern hochwandert und der Blick sich wieder im Kronbereich verliert, dorthin wohin die nebelige Feuchtigkeit aufsteigt, um sogleich wieder herunterzuperlen, Stockwerk um Stockwerk, um auf Farnen hängen zu bleiben oder um vom Moos aufgesaugt zu werden, das den Überschuss an zuerst kleine Rinnsale abgibt, die sumpfig versickern oder zu plätschernden Bächen anwachsen. Man kann sie noch überspringen, Flüsse werden watend überquert. Sie fließen meist flach dahin, winden sich um überwucherte, glitschige Lehmhügel, stürzen über Felsvorsprünge, Baumleichen und Wurzelwerk, die man allüberall übersteigen muss, wenn man fortkommen will. Viel Modriges, Verfallendes - alles Sterbliche wird sofort umgewandelt und lebt irgendwie weiter, aber als Mensch findet man darin keine Tröstung, sondern wird sich der eigenen Verletzlichkeit und Vergänglichkeit bewusst. Im großen, unmenschlichen Wald wird man klein und fühlt sich unbedeutend. Und man wird angeschwiegen und wird selber schweigsam. Nichts und niemand hat dir etwas zu sagen. Der Urwald ist still, dann einzelne Tierstimmen, zirpen, pfeifen, ächzen, fernes Schreien, kein Vogelgesang. Mitteleuropäische Wälder sind lichtdurchflutet und erscheinen belebter und freundlicher. Sie sind auch längst besucherfreundlich und forstwirtschaftlich erschlossen. Querfeldein hält man nicht lange durch, denn meist trifft man in jeder beliebigen Richtung wieder auf einen Waldweg. Menschliche Spuren allüberall, und sei es nur an der Symmetrie der Wiederaufpflanzung zu erkennen. Nur noch freundliche Tiere hat der Mensch in diesen Wäldern übriggelassen. Die Wälder schwärmen von Vögeln, die besonders im Frühling ein schallendes Konzert veranstalten.

All das wird man in den Wäldern Sabahs vermissen und man versteht sehr schnell, warum Menschen aus unseren gemütlichen Breiten dieserart Wald als grüne Hölle bezeichneten. Natürlich ist dieser Wald keine Hölle, aber man muss sich ihm mit viel Bedachtsamkeit und Verstand nähern, sonst wird all das, was man an ihm als faszinierend und bereichernd erfahren hat, umschlagen zu einer alptraumhaften Dauerlast. Nichts, was vorher schön und beschaulich war, gefällt dann noch. Die Schönheiten des Urwaldes haben tausend wüste Erzeuger und zeugen tausend wüste Ableger, die man lange übersehen und übergehen kann. Die Angst, und schon kleine Fehltritte weckt sie auf, und sie beanspruchen mit unerbittlicher Härte die Widmung. Das eben noch Großartige erzeugt nun eine andere Resonanz. Die Schwaden der Begeisterung sind längst den „Wehe! Wehe!"-Rufen gewichen, zu denen sich das Blätterrascheln verdichtet hat. Man wünscht sich nur, dass die lange Nacht dem Licht des Tages weicht und dass der Geruch eines Feuers menschliche Nähe bedeutet.

Man kommt mit romantischen Vorstellungen in so ein Waldland. Die Einwohner jagen noch halbnackt mit Speeren und sammeln für uns unbekannte Wurzeln und Pflanzen. Und wenn die Gegend abgeerntet ist, zieht die Sippe weiter an die nächste Biegung des Flusses.

Und tatsächlich war es zumindest im westlichen Teil der Insel noch bis vor nicht allzu langer Zeit überwiegend so. In den nach wie vor seltenen Dörfern kann man heute gelegentlich alte Flinten in den Häusern entdecken. Ein Josua vom Stamm der Lundaye antwortete mir auf meine Frage, ob den Einheimischen denn das Jagen noch von der malaysischen Regierung genehmigt wäre, dass die Behörden im Urwald nicht gegenwärtig wären. Dass man noch mit Speeren jagt, trifft noch für viele Eingeborene zu, aber bei den Stämmen, die bereits vor zwei Generationen oder noch früher mit der sogenannten Zivilisation in Berührung gekommen sind, die im 19. Jahrhundert hauptsächlich aus Piraten bestand, werden längst Flinten verwendet. Das ist die Vorstufe zum Erzielen des Wohlstandes, wenn man meint, mit dem Jagen die Kost oder doch schon den Profit noch anreichern zu müssen.

Davon kann man sich überzeugen, wenn man in den meist vielköpfigen Familien oder den Sippen in den Langhäusern Sarawaks oder den hochgestelzten Hütten in den Dörfern Sabahs übernachtet. Und ja, die ganz wilden Wilden gibt es auch noch. Doch schon bald werden sie damit angefangen haben, in kurzen Hosen und blauen Jeans die Besucher zu begrüßen.

Aber dem Jagen widmen sich nicht mehr alle Familienoberhäupter in diesem Bundesstaat Malaysias. Viele Einwanderer gibt es inzwischen, Chinesen und Malaien, die nie gejagt haben.

Die Bewohner Sabahs, des malaysischen Bundesstaates, der nicht zu Indonesien, wie der größte Teil Borneos gehört, haben eine herausragende Besonderheit. Sie sind dabei, die übrigen Bewohner Malaysias in Fortschrittlichkeit und Bildung zu überholen. Das würden die muslimischen Malaien noch abstreiten. Was sie aber nicht in Frage stellen können, ist, dass ein Großteil der Urbewohner Sabahs nominell christlich ist. In diesem Teil der Insel hatten offensichtlich die Missionare ihre Erfolge. Und die kamen im 20. Jahrhundert aus Deutschland. Sabah war im 19. Jahrhundert sogar nahe daran, deutsche Kolonie zu werden. Der moderate Verkaufspreis des Sultans war allerdings der deutschen Regierung für eine fieberverseuchte Dschungellandschaft zu hoch.

Die Flinten der Einheimischen Borneos sind nicht das Problem der Regierung. Die Christen Sabahs sind der Dorn im Fleisch. Malaysia ist ein Islamstaat und verfolgt wie andere Islamstaaten auch eine restriktive Politik gegenüber Nichtmuslimen, insbesondere gegenüber Christen. Nach der malaysischen Verfassung ist es Malaien untersagt, zu anderen Religionen zu konvertieren. Die Eingeborenen Sabahs waren nie Muslime, sondern, bevor die europäischen Missionare kamen, Animisten. Sie lebten in Abhängigkeit von den Naturkräften und verehrten die alten Götter, um damit die Natur besser in den Griff zu bekommen. Man war also weise genug, sich mit den personifizierten Verursachern der Natur gut stellen zu wollen. Der Gott der Christen brachte unbestreitbar den Vorteil, dass Er die alleinige Macht in sich vereinte. Er war Schöpfergott, also Herr über die Natur, und auch noch, was zur Natur auch dazugehört, Herr über Leben und Tod.

Die malaysische Verfassung schränkt aber auch die Verbreitung nichtmuslimischer Religionen ein. Die muslimischen politischen Parteien, die regierende und die oppositionelle muslimische Partei, sehen ihre Aufgabe darin, den Islam zu fördern und zu schützen. Infolgedessen wird der islamische Einfluss auf die Gesellschaft verstärkt und es für rechtens gehalten, andere Einflüsse zu unterdrücken. Dass dabei nichtmuslimische Minderheiten benachteiligt werden, ist selbstverständlich. Aber „Islam" heißt ja auch „Unterwerfung" und zwischen Unterwerfung und Unterdrückung gibt es einen logischen Fortsetzungszusammenhang. Für das eine werden Islamisierungskampagnen inszeniert, für das andere Diskriminierungskampagnen. Durch entsprechende Propaganda und Handlungen bis zur Gewaltanwendung werden bewusst und ungeniert ethnische Unruhen angeheizt, die eine weitere Ausbreitung oder Entfaltung der Christen verhindern sollen, denn sie sollen als Bedrohung der islamischen Gesellschaft aufgefasst werden.

Christliche Konvertiten erleben die stärkste Verfolgung, da jeder ethnische Malaie als Muslim betrachtet wird. Jeder, der davon abweicht, verstößt nicht nur gegen die Verfassung, sondern wendet sich auch gegen die Gesellschaft als Ganzes und natürlich gegen die Familie und Nachbarn. Das kann nicht geduldet werden. Hierin unterscheidet sich Malaysia von keinem anderen Islamstaat. Eigene Familienmitglieder werden zu Mördern, die keinesfalls die Glaubensfreiheit respektieren können.

Auf Sabah gibt es Katholiken und Methodisten, aber auch viele protestantische Freikirchen, die stärker bekämpft werden, weil ihre Missionare als erfolgreicher gelten. Die Regierung und die Behörden werden von ihren christenfeindlichen Bemühungen nicht von der malaysischen Bevölkerung allein gelassen. Die muslimische Bevölkerung lebt einerseits lediglich den Glauben, wie ihn ihre Imame vertreten, und das bedeutet, dass man mit Christen nicht freundlich umzugehen hat, wenn man dadurch keine Vorteile hat. Andererseits profitiert sie von der Förderpolitik der Regierung. Muslime, d.h. Malaien, sind Bürger erster Klasse, Christen, d.h. Nicht-Malaien, sind Bürger zweiter Klasse. Die Eingeborenen Sabahs, die überwiegend Christen sind, sind Bürger dritter Klasse. So zum Beispiel die große Stammesgruppe der Bumiputra, der „Söhne des Bodens“. Oder auch die Kadazan-Dusun, die Bajau und Murut.

Da gerade die ureigene Bevölkerung große Fortschritte in der Bildung und im Wohlstand gemacht hat und das mit dem Christentum in Verbindung gebracht wird, unterstellt man den Christen eine Verschwörung, die den Islam aus Malaysia verdrängen soll. Auch das ist ein verbreitetes Phänomen im Islam. Die Idee, eigene Misserfolge müssten Verschwörungen geschuldet sein.

Auf dem malaysischen Festland sind zwar die Malaien auch „Söhne des Bodens", die deshalb in den Bereichen Wohnungsbau, Schulen sowie anderen Regierungsvorhaben bevorzugt werden. Aber gegenüber den indigenen Sabahs verfolgt man, ganz verfassungsgemäß, eher die Politik „Wir Malaien sind die Putra, die Söhne, die über die Bumi, den Boden herrschen." Diese Vorstellung gefällt: Muslime, die über Christen stehen? Oder doch lieber auf ihnen herumtrampeln? Die Realität in Sabah deutet eher auf das Letztere hin.

In Indonesiens Teil der Insel Neuguinea habe ich Jahre später die gleichen Beobachtungen gemacht und die gleichen Berichte von Einheimischen gehört. Auch dort sind die Eingeborenen Christen geworden. Auch dort machen sie seither große Fortschritte und melden Recht an unter dem Argwohn der muslimischen Regierung, die nichts dagegen tut, wenn die muslimischen Indonesier ihrer Abneigung durch Pogrome Luft verschafft. Übrigens geschieht das unter dem völligen Desinteresse des Westens und der UN. Man meint, dass Christen Freiwild sein dürfen, während man endlos gegen Israel Resolutionen entwirft. Es genügt bereits, wenn irgendein Palästinenser von einem Israeli vermeintlich benachteiligt wurde, dann kommt es zu einer Anklage auf breiter Front.

Was man von den Palästinensern sagen kann, trifft auf die Bewohner Sabahs nicht zu. Sie wollen die „Besatzer" nicht bekämpfen oder terrorisieren oder gar auslöschen, sie wollen nur in Ruhe gelassen werden und eine Chance haben, in der Gesellschaft Malaysias ihren Weg zu gehen, wie jeder andere Malaie. Das ist jedoch weder mit der Verfassung noch mit dem Islam zu vereinbaren.

Für die Bewohner Sabahs birgt nicht der Dschungel mit seinem Klima und den wilden Tieren die Gefahren und Beschwernisse, sondern der Umgang und die Behandlung durch die muslimischen Malaien.

Von alledem bekommen Touristen, die nur der Natur wegen nach Sabah kommen, nichts mit. Die Bewohner sind überwiegend unpolitisch und werden von sich aus nicht damit anfangen, über Politik oder die Belästigungen und Benachteiligungen durch die Behörden zu reden. Sie kommen zu ihren Naturerkundungen, sie wandern durch Wälder zu Wasserfällen und Seen, baden in Flüssen, halten Ausschau nach exotischen Vögeln und Schmetterlingen, besuchen die Orang-Utan-Auswilderungsstation in Sepilog oder die Nasenaffen in Kinabatangan. Vielleicht will man sich dieser eigentümlichen Atmosphäre im Urwaldambiente aussetzen, wo man damit rechnet, dass einem einer der seltenen Elefanten über den Urwaldpfad läuft oder sich eines der noch selteneren Nashörner im Dickicht erkennen lässt. Allenfalls reist man zu den Urwalddörfern, um dort einen Eindruck des Ursprünglichen zu bekommen. Das war bei mir nicht anders.

Und dann schließlich als Krönung der Ausflug zum Mount Kinabalu mit seiner alles überragenden Höhe. Bis in die Wolken ziehen die Nebelschwaden an seinen steilen Hängen hoch, vollständig umwaldet. Dort unten schwirren Kolibris und Papageien durchs Geäst, schleichen Säugetiere, die sich entweder nicht von Raubtieren erjagen lassen wollen oder selber zu den Jägern gehören. Die Gewächse des Bodens wachsen riesiger als anderswo. Das Moos schluckt die Laute, die Bartflechten und Epiphyten streuen die Reste und bilden zudem einen Vorhang, der das Licht filtert. In diesem Biotop wachsen auch die Bodenbewohner größer als anderswo: Amphibien, Insekten und Würmer mit verblüffenden Ausmaßen.

Eine Welt für sich, die manchen an ein verlorenes Paradies, eine noch unentdeckte Insel, andere an eine gefundene Hölle denken lässt. Es ist aber eine ungemütliche, feuchte Welt, wenn man nicht in einer Hütte an einem offenen Feuer mit einer Tasse Tee in der Hand sitzen kann.

Und man wird oft alleine mit einem Einheimischen sitzen, denn Sabah ist nicht überlaufen. Sabah ist etwas größer als Bayern, hat aber im Unterschied eine 1.400 Kilometer lange Küste mit vielen ungenutzten Sandstränden und Tauchgründen. Sabah ist wegen seiner Lage südlich des pazifischen Taifungürtels „negeri di bawah bayu“, das „Land unter dem Wind“. Ein Ort der Ruhe? Man wird sehen!

Mein Plan im malaysischen Teil Borneos war erstens, den Mount Kinabalu zu besteigen, den höchsten Berg in Südostasien, zweitens die asiatischen Menschenaffen in den Wäldern zu sichten und drittens eine blühende Rafflesia zu finden. Letzteres gelang mir nicht, obwohl ich dafür einige Anstrengungen unternahm. Zum Trost belohnte ich mich mit einem Tauchgang in den Korallenriffen vor der Küste Sabahs. Aber diese Entspannung brauchte ich aus einem anderen Grund. Da war dieser Einsatz in Low’s Gully. Aber der Reihe nach.

Von allen Ländereien Borneos schien mir Sabah, die nördlichste Provinz Borneos, die interessanteste zu sein. Es hat dichte, undurchdringliche Wälder und Korallenriffe, vor allem aber eine der merkwürdigsten Erderhebungen in den tropischen Breiten, den Mount Kinabalu, um den sich zwar vielleicht nicht mehr Legenden ranken als um andere majestätische Gipfel dieser Erde. Jedoch scheint man sich hier nicht so sicher zu sein, dass sie nicht wahr sind, wenn man einige Zeit im Land ist. Das liegt vielleicht an der Aura, mit der dieser Berg sich und das ganze Umland zu umgeben scheint. Man meint sie zu spüren, und wenn man das noch ungenau Erspürte näher untersucht, stellt man fest, dass es tatsächlich immer noch Geheimnisse und Merkwürdigkeiten gibt, die noch niemand gelüftet hat. Und schon überlegt man, ob dies nicht unbedingt eine Aufgabe sei, der sich der neugierige Abenteurer und aberwitzige Forscher hingeben sollte. Und wenn er denkt, er sei schon auf eine brauchbare Spur gestoßen, stellt er auf einmal fest, dass sogar noch eine neue Herausforderung hinzugekommen ist. Man ist gewissermaßen in eigener Sache unterwegs und muss ihr, wo nicht auf den Grund gehen möglich ist, so viel näherkommen, dass man wenigstens wieder mit einem guten Gefühl nach Hause fahren kann. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – da liegt das Abenteuer.

Und darum geht es in dieser Geschichte, die sehr real und doch überaus seltsam ist. Ob sie merkwürdig ist? Dazu bräuchte es einer sicheren Würdigkeit, die wohl eher der Urteilskraft des Lesers überlassen werden muss. Immerhin, auch in dieser Geschichte wird sich zeigen, dass die Menschen, die normalerweise wenig gefordert werden, wenn sie ihren alltäglichen gewöhnlichen Tätigkeiten nachgehen, über sich hinauswachsen können, wenn es sein muss. Neue Situationen fordern das geistige Potential der Menschen heraus, erst recht, wenn es darum geht, sich irgendwie bewähren zu müssen. Sie verlangen, auf eine besondere Weise behandelt zu werden, und der Mensch hat die Chance, vom Reagieren aufs Agieren zu kommen, bis er alles im Griff hat. Ob es ihm dann wieder entgleitet, ist eine andere Sache. Aber wenigstens möchte er sagen können: „so weit, so gut!“ Und die Natur, die der Mensch eben nicht immer im Griff hat, hat nicht selten auch ein gewichtiges Wort mitzureden. Das gilt besonders in Borneo, dessen westlicher und nördlicher Teil noch weitaus naturüberlassener ist als der indonesische.

Noch ist die Infrastruktur am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts nicht so weit fortgeschritten, dass alle Dörfer der Eingeborenen durch befahrbare Wege miteinander verbunden wären. Immer noch gibt es ausgedehnte Wälder. Besonders die Gegend um das Bergmassiv des Kinabalu ist zu Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, zu dem diese Geschichte spielt, noch weitgehend unerschlossen. Der Status eines Nationalparks vermag zu schützen. Jahrhunderte lang zog es Forscher, Entdecker und Abenteurer auf der Suche nach dem Exotischen und Außergewöhnlichen hierher. Es waren immer nur wenige, die alles zugleich waren, dazu trieben sie zur Not oder aus Berechnung auch der Handel, um ihr Ziel zu erreichen. Viele verließen das Land wieder, ohne ans Ziel gekommen zu sein. Andere sind gekommen, die nicht auf Abenteuer aus waren, sondern ihr Verständnis von Zivilisation mitbringen. Ihnen geht es nur um das Geschäft. Als Folge davon wird die Natur „kultiviert“ und alles, was an Naturschönheiten und -besonderheiten heute noch Reisende in den Bann zieht und den traditionell lebenden Eingeborenen als Lebensgrundlage dient, wird zerstört werden. Mit Geld kann man sich etwas kaufen, mit Natur nicht, außer man verwandelt sie in Geld. Eine bedenkliche Nähe zwischen Geld und Natur wird hergestellt, bei der auf Dauer vielleicht doch wieder nur der Schwächere untergeht. Es sind die muslimischen Malaien und die geschäftstüchtigen Chinesen, für die die Natur nur in Verbindung mit Geld schön ist. Auch sie geben der Natur eine besondere Behandlung. Aber bei ihnen ist es eine Sonderbehandlung. Das ist ein Vorurteil, das ich leider allzu oft bestätigt gefunden habe. Und die zunehmende Zerstörung der Wälder widerlegt es sicherlich nicht. Man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass die Wälder Borneos dem Untergang anheimfallen werden.

Ich bereiste zunächst Borneo, ehe ich noch einige Wochen auf dem malaysischen Festland zubringen würde. Die Beobachtungen waren die gleichen. Die Leute, die ich im zivilisierten Teil des Landes traf, hatten überall ein eher reserviertes, um nicht zu sagen gleichgültiges Verhältnis zur Natur. Ausnahmen schienen eher die Regel zu bestätigen, denn viele Ausnahmen gab es nicht und die meisten lebten davon, Ausnahmen zu sein. Ein Park Ranger im Kinabalu National Park wird sich nicht für eine Abholzung der Primärwälder begeistern lassen. Ich bin mir aber keinesfalls sicher, ob ein paar Dollar seiner Vorliebe nicht abhelfen und seinen kühlen Pragmatismus offenlegen könnten. Man muss einem modernen Asiaten nur seinen Preis nennen.

Der Kinabalu ist angeblich der jüngste nicht-vulkanische Berg der Welt. Der Name ist abzuleiten von Aki Nabalu. So nennen die einheimischen Dusun den verehrten Platz der Toten. Andere Völker halten die Gipfel der hohen Berge für die Thronsessel der Götter, bei den Dusun ist der Wunsch bemerkbar, ihre Verstorbenen möglichst weit vom Dorf weg in unzugänglichen Höhen zu wissen. Wenn es nicht gleich der Himmel ist, soll es jedenfalls nicht die Unterwelt sein, der die Sterblichen näher sind. Die Vorstellung der Dusun ist nachvollziehbar und zeugt von praktischem Denken. Sie zeigt aber auch, dass die Dusun kein Bergvolk sind. Wenn man den Kinabalu zum ersten Mal sieht, glaubt man zu verstehen, dass sich an seinen Flanken kein Volk so wohl gefühlt hat, seinen Wohnsitz weiter nach oben zu verlegen. Bergvölker rücken ja ohnehin nur gemächlich über Täler weiter nach oben. Gemächlichkeit am Kinabalu gibt es nicht.

Der Anblick des Berges ist ganz im Gegenteil ehrfurchterheischend. Wenn sein Gipfel dann auch noch von einem Wolkenheer umlagert ist, und das ist meistens der Fall, dann hält man den Glauben der Dusun an die Wohnstatt verblichener Geister nicht mehr für ganz so abwegig. Ich konnte mir bei meiner Annäherung von der Küste aus sehr gut vorstellen, was der erste Weiße, Captain Edward Belcher von der Royal Navy gedacht haben mag, als er vor Kota Kinabalu, heute der Hauptstadt der Provinz, zugleich neben Kuching die wichtigste Hafenstadt im malaysischen Westborneo, des Berges zum ersten Mal ansichtig wurde. Von der Küstenstadt sind es gerade mal 90 Kilometer. Das Vorland ist flach. Aus dem tropischen Waldmeer ragt der wuchtige Berg majestätisch 4.200 Meter in den Himmel, ganz unvermittelt erhebt er sich beinahe drohend steil empor. Da er frei steht, sieht er umso mächtiger und größer aus. Er ist eigentlich die nördlichste Verlängerung der immer niedriger als 2.000 Meter hohen Crocker Range. Nördlich davon flacht das Gelände wieder ab in weglosen Dschungel, der nach 50 Kilometern am südchinesischen Meer endet.

Der Kinabalu liegt, vielmehr steht da wie ein Riese. Als solcher zeigt er sich weitum und versteckt sich nicht wie andere hohe Berge hinter Vorgipfeln und Vorgebirgen, wie zu vornehm, um sich jedem jederzeit zu zeigen. Er stellt an sich eine Majestät dar, einen Souverän, als wäre er ein Zeugnis von Selbstsicherheit, als wähne er sich in seiner optischen Nahbarkeit doch körperlich unnahbar. Hohe Berge „wissen“, dass die kurze Verweildauer der wenigen, die ihnen nahekommen, wie ein Hauch ist, der schnell verfliegt. Und außerdem werden Menschen, die vorher noch viel von sich hielten durch die mühselige und oft auch gefahrvolle Bewegung nach oben meist kleinlaut und demütig. Das kann ein Berg verkraften.

Es gibt immer noch keine überzeugende Erklärung dafür, warum Animismus bei den Menschen so weit verbreitet ist. Berge, Flüsse und andere gegenständliche unbelebte Materieansammlungen haben kein Eigenleben und niemand kann sich auf die Naturwissenschaften berufen, wenn er behaupten will, dass Bäume eine Seele haben. Und doch gibt es Menschen, die davon überzeugt sind, und viele andere, die es zwar nicht glauben, aber sich doch oftmals nicht des Eindrucks erwehren können, als gäbe es noch eine Welt jenseits der groben Sinneswahrnehmungen. Eine Welt eben der feinen Sinneswahrnehmungen. Doch leider haben wir keine feinen Sinnesorgane oder zumindest üben wir nicht den geschickten Gebrauch, dass wir von ihrer Existenz vieles wüssten. Woher kommt dieser Eindruck, wenn er keine reelle, stoffliche Ursache hat?

Auch wenn man nicht glaubt, dass Berge eine Seele haben, so weiß man deshalb noch lange nicht, ob sie eine völlig geistfreie Zone sind. Es gibt vieles, was unser Denken und Fühlen beeinflusst, was nicht oder noch nicht mit unseren Messinstrumenten messbar ist. Ob man es atmosphärische Schwingungen nennt oder Aura oder Elektromagnetismus oder irgendwie anders, hebt das Phänomen an sich nicht auf, solange man der Ursache noch nicht auf den Grund gegangen ist. Der menschliche Geist hat ein weites Spektrum an Eigenaktivität. Es gibt aber Ursachen für sein Tun, die nicht in ihm selbst geboren worden sind.

Borneo ruft seit jeher abenteuerliche Assoziationen hervor: unerforschter Dschungel, grüne Hölle, wilde Eingeborenenstämme, Verstecke von Piraten, seltsamerweise auch versunkene Tempelstädte, die es dort wohl nie gab, dafür reißende Flüsse, unwägbare Sümpfe, seltene Tiere, viele noch zu entdeckende Naturwunder. An hohe Berge denkt man eher weniger.

Umso überraschender traf mich dann der Anblick dieses hohen Berges, der so unheimlich hoch war, dass man nicht einmal seinen Gipfel sah. Ringsum war der Himmel unbedeckt, nur der Kinabalu hatte sein Haupt verborgen. Sogleich empfindet man den Reiz, hinter diesen Wolkenvorhang zu schauen. Ich war ja nicht behindert durch die furchtsame Vorstellung der Einheimischen, dass dort oben die Geister der Verstorbenen hausten. Diese Wolkendecke forderte die Neugier auf eine ebenso wenig rationale Art heraus wie die Verehrer der Totengeister aus Ehrfurcht dem Berg fernbleiben. Die Vernunft tut ja immer sehr klug, aber nicht immer ist sie gefragt! Auch kann sie sich ihren Hinweis auf eine brüchige Begründung, warum man gerade da so hoch hinauswollen könnte, sparen. Es ist einfach, in einem Buch nach einem Bild zu suchen, das den wolkenfreien Gipfel zeigt. Aber Bilder zeigen auch nur eine Momentaufnahme, die Dinge wandeln sich. Und so sagt der Geist oft zur Seele: „Was bist du so unruhig in mir, Seele!“ Und merkt nicht, dass er mit ihr auch die Unruhe vereinnahmt hat und sich anschickt, etwas dagegen zu unternehmen.

Der Kinabalu hat dort oben meist nichts als Felsen und schlechtes Wetter zu bieten. Die Temperaturen fallen zwar selten unter null Grad, gefühlt sind es aber in Verbindung mit dem starken Wind und den Niederschlägen äußerst ungemütliche Minusgrade. Es lässt sich dann kaum ein unwirtlicherer Ort vorstellen. Kein Wunder also, dass die Einheimischen noch nie Lust verspürten, ihre Ahnen zu besuchen. Sie sind praktische Denker. Es waren natürlich Weiße, die zuerst ganz oben waren. Das heißt, man kann es eigentlich nur vermuten, denn man findet auch heute keinen Dusun, der von sich oder seinen Vorfahren behauptet, es gäbe eine Vorliebe für die Ersteigung des Kinabalu unter den Einheimischen oder es hätte jemals eine gegeben. Er sieht ja auch nicht nur unnahbar aus, er ist es auch. Er ist ein steiler Felsklotz, der jeden zaghaften Versuch senkrecht abweist. Wer ganz nach oben will, muss auf jeden Fall klettern. Gibt es etwas Unsinnigeres, als mit viel Mühe irgendwo hinauf zu gehen, wenn man mit ebensolcher Mühe wieder hinab muss, ohne dass man oben ein wichtiges Geschäft verrichtet hat?

Schon der arabische Reisende Ibn Batuta hatte im 14. Jahrhundert den Kinabalu als „Großen Berg der Wolken“ bezeichnet. Er schrieb: „Am Fuß des Berges entstehen schwarze Wolken, die von Meereswinden nach oben getrieben werden…“. Der Kinabalu kreiert wie jeder große Berg sein eigenes Klima. Weil er so frei steht und von Meereshöhe aus einem feuchtheißen Klima herausragt, ist er besonders anfällig für vehemente Wolkenbildungen.

Hugh Low war 1851 der erste, der versuchte, den Gipfel zu erreichen. Heutzutage stellt die Anreise zumindest zum Fuß des Berges kein Problem dar. Damals musste man sich noch mühevoll durch den Dschungel kämpfen und war auf die Hilfe der Einheimischen angewiesen. Low erreichte auch das Gipfelplateau. Dort gibt es jedoch mehrere Gipfel, die ein Geheimnis daraus machen, welcher denn nun der höchste ist. Der höchste unter ihnen wird zwar heute als „Low’s Peak“ bezeichnet, bestiegen hat ihn Low aber nicht, obwohl er von allen Kinabalu-Gipfeln am leichtesten zu besteigen ist. Wohl eben deshalb. Low hatte, oben angekommen, andere Sorgen. Er hatte Träger vom Stamm der Kadazan, die sich zusehends unwohl fühlten im vermeintlichen Sanctum Sanctorum ihrer Ahnen. Da halfen auch die Opfergaben nicht, die der Tradition entsprechend an einer Stelle unterhalb des Gipfelplateaus, das heute als Panar Laban bezeichnet wird, abgelegt wurden: weiße Hühner, Reis, Betelnüsse, Sireh und Tabakblätter.

Einige Jahre später kam Low zurück. Dieses Mal hatte er seinen Freund St. John dabei. Dafür fehlte es ihm an der angemessenen Ausrüstung. Wenn man über schlüpfrige Felsen klettern, durch Flüsse waten und sich durch das Pflanzengewirr des Urwaldes kämpfen muss, braucht man zumindest festes Schuhwerk. Das hatten die beiden nicht, irgendwann gingen sie barfuß, was wegen der Blasen erschwert wurde. Schließlich musste Low aufgeben. Sein Freund ging weiter und erreichte mit ein paar Helfern die gleiche Stelle auf dem Gipfelplateau wie früher schon Low.

Der massive Klotz wirft solche Schatten, dass alles drum herum zwergenhaft wirkt.

Der Kinabalu ist eine Welt für sich, vielleicht auch eine Unterwelt für sich. Er ist in jeder Beziehung prominent. Deshalb ist er auch auf der Landesflagge Sabahs zu sehen. Der Kinabalu ist längst zum Mittelpunkt des gleichnamigen Nationalparks geworden, der immerhin 745 km² umfasst. Er hat viele Besonderheiten zu bieten. Einigen davon würde ich noch begegnen. Der Park liegt auf einer Höhe ab 150 Metern, was bedeutet, dass er alle Vegetationszonen hat, angefangen vom tropischen Tieflandregenwald bis hinauf zur alpinen Zone. Man kann also innerhalb eines Tages eine weite Reise machen – botanisch gesehen – und dabei mehr als 6000 Pflanzenarten riechen, sichtbar unterscheiden wird man sie nicht alle können. So viele Arten, wie sie der Kinabalu beherbergt, gibt es in Nordamerika und Europa zusammen nicht. Aber dort regnet es nicht so viel und so warm ist es auch nicht. Professor Corner von der Uni in Cambridge sagte, der Park habe die reichste und bemerkenswerteste Sammlung von Pflanzen der Welt. Er war in den vierziger Jahren im Botanischen Garten Singapur beschäftigt und leitete in den sechziger Jahren mehrere Exkursionen zum Kinabalu. Er sollte es also wissen.

Die Hauptattraktion des Parks bleibt aber der Berg selbst. Heutzutage ist er viel einfacher zu besteigen als zu Zeiten Lows oder Enriques, als man sich den Weg noch mühselig durch die dichte Vegetation suchen musste, die bis auf eine Höhe von ungefähr 3700 Metern reicht. Man hat längst einen Pfad bis unter den felsigen Gipfelaufbau angelegt. Von dort geht es über Leitern und Fixseile zwar anstrengend, aber technisch unschwierig die letzten 800 Höhenmeter zum Gipfel hoch. Vorher kann man sich in einer Berghütte ausruhen und stärken. Man braucht nicht, wie die früheren Gipfelaspiranten, im Freien zu campieren oder für das mehrtägige Unternehmen die entsprechende Menge an Proviant und Ausrüstung mitschleppen. Jeder, der halbwegs fit ist, schafft den Aufstieg, wenn ihm nicht die Höhe als solche zu sehr zu schaffen macht. Immerhin muss man in zwei Tagen 4000 Höhenmeter bewältigen. Das ist für jeden Kreislauf eine Belastung. Das sagt das Denkorgan sogar als unmittelbar Betroffener. Es hat gute Chance die Höhenkrankheit aus eigener Erfahrung kennen zu lernen.

Das größte Problem ist aber das Wetter, denn das ist wie bei allen hohen, freistehenden Bergen unberechenbar. Früher bedurfte es einer Expedition, um so weit nach oben zu gelangen. Heute reicht eine Stamina, die nur wenig über der durchschnittlichen Bereitschaft sich zu quälen liegt. Und nur bei widrigen Verhältnissen gibt es ernsthafte Probleme. Doch das ist jedem, der schon einmal in den Bergen war, bekannt. Eine einladende Berglandschaft wird äußerst unwirtlich, wenn das Wetter umschlägt. Aber wer macht sich schon an das Unternehmen, wenn das Wetter nicht mitspielt? Das einzige Problem ist dann, so schnell wie möglich in der Schutzhütte unterzukommen.

Wie sehr der Berg seinen Schrecken verloren hat, sieht man auch daran: seit den 80er Jahren wird alljährlich ein Climbathon durchgeführt. Die Wettkämpfer rennen in einigen wenigen Stunden zum Gipfel und wieder zurück. Der Normalsterbliche benötigt zwei Tage, weil er am ersten Tag bis zur Panar Laban Hütte auf 3344 Meter hochsteigt und erst in der Nacht zum Gipfel aufbricht, um dort den Sonnenaufgang am nächsten Morgen zu erleben. Bei einer eintägigen Tour würde man auch seinen Knien keinen Gefallen tun, zumal man ja meist noch weitere Unternehmungen im Anschluss plant, bei denen man sein Beinwerk benötigt. Damit sich kein Kunde verirrt, ist der Guide als Begleiter eher ein obligatorischer Pfadfinder, als sonst zu irgendetwas nütze.

Um den Berg herum leben die einheimischen Kadazan und Dusun schon solange man zurückdenken kann. Es ist bezeichnend, dass es bei ihnen keine Besteigungstradition gibt. Auch in den europäischen Alpen wurden bis ins 19. Jahrhundert von den Einheimischen keine hohen Berge bestiegen. Es waren britische Sportsleute, die mit der Eroberung des Nutzlosen anfingen. Die Einheimischen hatten sicherlich Wichtigeres zu tun als ihr Leben für eine Art „Prestigegewinn“ zu riskieren. Man kommt auf solche ausgefallenen Gedanken vermutlich erst, nachdem man schon die Dampfeisenbahn erfunden hat. Es gibt ja nach wie vor sehr viele Zeitgenossen, die der, grundsätzlich mit Gefahren verbundenen, Besteigung eines hohen Berges nicht viel Sinn abgewinnen können. Und es gibt ebenso viele, die ihnen da nicht widersprechen können. Und zwar deshalb, weil sie selber noch nie weit oben waren. Wenn man oben war, weiß man, dass das Hinauf und Hinunter eine tiefgreifende menschliche Erfahrung ist, die es einem ermöglicht, alles, was im Leben hinauf und hinunter geht, besser zu verkraften. Was sich aber auch die Einheimischen am Kinabalu nicht verkneifen konnten war Mythenbildung – auch eine Übung der Menschen, die nicht ungeteilt für sinnträchtig gehalten wird. Ebenfalls zu Unrecht. Es macht immer Sinn, sich an etwas festzuhalten. Auch ein strauchelnder Bergsteiger greift nach einem Strohhalm, wenn er nichts Besseres zu fassen bekommt! Aber oft steckt ja auch hier etwas Reales dahinter, Strohhalme sind real wie Hanfseile, aber sie eignen sich weniger als Rettungsseil.

Der Glauben von Menschen ist etwas sehr Reales. Die Kinabaluesen teilen mit vielen Weltvölkern den Glauben an eine besondere Gattung von Göttern, die sie von den übrigen Göttern unterscheiden. Während die zuletzt genannten, diejenigen Götter sind, mit denen sie einen vertrauten Umgang pflegen, weil sie ihnen tagtäglich Opfer bringen und sie für ihr persönliches Schicksal verantwortlich machen, gibt es noch eine Klasse Götter, die sehr alt ist und beinahe schon vergessen. Das sieht man daran, dass die Geschichten, die man sich noch über sie erzählt, meistens Ursprungsgeschichten sind. Hier schließt sich auch der Kreis mit den Schöpfungsgeschichten der Hochreligionen.

Da gibt es Kinohiringan und sein weibliches Gegenstück Umunsumundu, die sich die Arbeit auch schon teilten, denn Kinohiringan erschuf den Luftraum und die Wolken darin, Umunsumundu wird dagegen als die Verursacherin der Erde gesehen. Offenbar gingen auch die Kinabaluesen schon zu grauer Vorzeit davon aus, dass das Komplexe von etwas noch Komplexerem und nicht etwa von etwas weniger Komplexem geschaffen worden sein musste. Sie machten Schöpfergötter für die Entstehung der Welt verantwortlich, nicht den blinden Zufall und die absichtslose Materie wie es die modernen Menschen praktizieren. Und sie kannten sogar die Namen dieser Verursachergötter.

Außerdem waren die Kinabaluesen auch schon so klug, dass sie wussten, dass der unerreichbare, so weitläufige Himmel nicht das Hauptinteresse der Menschen sein sollte, sondern die Erde, zumindest solange man noch mit beiden Beinen auf ihr stand. Also dichteten sie dem Kinohiringan Neid an, als dieser sah, was seine Götterfrau da geschaffen hatte, denn man darf nicht vergessen, dass die Erde nicht wüst war, sondern gefüllt mit allerlei Lebewesen und gefällig anzuschauenden Landschaften. Das war schon was! Um ihren Göttermann zu beruhigen, re-modellierte die Schöpfungsgöttin die Erde. Dabei scheint sie auch Mechanismen eingebaut zu haben, die dafür sorgen, dass nichts mehr ganz vollkommen und reibungslos funktioniert. Damit hat Kinohiringan zu seiner Zufriedenheit allen Grund zur Annahme, dass der Himmel eben doch der vollkommenere Ort ist als die Erde und die Menschen dürfen das auch annehmen, weil sie selber unvollkommene Wesen sind, die in den Himmel kommen wollen, wo es bekanntlich schöner ist und wo vor allem nicht mehr so hart gearbeitet werden muss. Sie sollten nicht auf der Umunsumundu-Erde stehen bleiben.

Was Umunsumundu bei der Gelegenheit der Reduktionsmaßnahme auch noch erschuf, war der Berg Kinabalu, als letztes Rückzugsgebiet des ursprünglich Majestätischen, ein kleiner Thron als Abbild für den Himmelsthron. Ganz konnte es sich die Göttin nicht verkneifen, eine Reminiszenz an bessere Zeiten zu erhalten.

Es gibt eine ähnliche Geschichte aus Sri Lanka. Dort gibt es einen ähnlich herausragenden Berg, den Adams`s Peak, der von Pilgern dreier Religionen bestiegen wird. Dabei sind es die Muslime, die glauben, dass Gott es Adam erträglicher machen wollte, als er ihn aus dem Garten Eden vertrieb, indem er ihn bei dem Berg aussetzte, der inmitten einer paradiesischen Landschaft thront. Da es Muslime auf Sri Lanka nicht vor dem 7. Jahrhundert gegeben hat, und sie erst ab dem 12. Jahrhundert in Malaysia als Macht bekannt geworden sind, traue ich eher den Kinabaluesen zu, dass sie mit dieser Geschichte angefangen haben. Muslime könnten sie dann nach Sri Lanka transferiert und umgemodelt haben.

Wie dem auch sei, Fakt ist, dass es genügend Menschen gab, die von beiden Bergen und der sie umgebenden Natur so sehr beeindruckt waren, wie man es sich nur wünschen kann für die Menschen, die heute diese Gebiete bewohnen. In Sri Lanka hat leider die Bedeutung als religiöses Pilgerzentrum das klare Übergewicht. Dabei geht es nicht um Naturschutz, sondern um religiöse Selbstfindung oder Erleuchtung. Aber was gibt es am Menschen noch zu erleuchten, wenn er die Natur um sich herum zerstört hat? Darf eine Religion, die sich nicht um die Schöpfung kümmert, ernst genommen werden? Auch dem Darwinismus ist es ins Stammbuch gelegt, dass ihm egal ist, was aus dem Orang-Utan und der Rafflesia wird, denn in der Evolution überlebt nur der Fitteste. Das ist die Religion, die gut heißen muss, dass die Artenvielfalt an sich keinen Wert hat, denn wenn es eine Art schafft, alle anderen zu übertrumpfen, hat sie damit Recht. Der Gott der Evolutionisten ist die Kakerlake, denn sie wird alle überleben!

Fakt ist, dass die in ihrer Naturreligion verhaftet gebliebenen Kinabaluesen keine religiös kaschierten Gipfelambitionen hatten. Vielleicht hielten sie sich einfach nicht für würdig genug. Das würde auf eine Demut schließen lassen, die gut zum Ansinnen der Bewahrung der Natur passen würde, aber nicht zu deren Ausbeutung. Die Engländer hatten keine solchen Bedenken. Die ersten Gipfelstürmer scheinen nicht immer sehr ehrenhaft gehandelt zu haben, auch wenn sie vorgaben, des Ruhmes wegen nach oben zu wollen. Es ist wenig rühmlich, Konkurrenten feindselig zu behandeln und es an Dankbarkeit gegenüber den einheimischen Bergführern mangeln zu lassen. Die sportlichere Gesinnung, dass Kameradschaft wichtiger sei als der Gipfelsieg, wurde erst von den Alpenbewohnern in die neue Bewegung nach oben eingeführt und kultiviert.

Es war der Brite John Whitehead, der erstmals 1888 auf dem Gipfel des Kinabalu stand. Er hatte Kadazan-Träger dabei. Ohne das traditionelle Opfer zur Besänftigung von jedweden Geistern – und sei es nur ihr eigenes besorgtes Gemüt – lief es nicht ab. Auf dem Gipfelplateau gibt es eine Stelle, eine Vertiefung im Fels, die traditionell als Opferstätte benutzt wurde. Kadazan waren Jahrhunderte lang Animisten und haben auch als nominelle Katholiken ihren Aberglauben nicht abgelegt. Whitehead war auch der erste, der sich eine Kollektion von einheimischen Tieren zulegte. In jenen Tagen war man nicht darauf aus, die Natur zu erhalten, sondern darauf, sie vorzuführen und auszubeuten. Deshalb durften die Tiere auch tot sein. Und so führten die Forscher auch immer ein Arsenal an ausgestopften und mumifizierten Tieren oder getrockneten Pflanzen mit.

Als ich in der Ferne den Berg zum ersten Mal sah, wusste ich nicht viel über ihn. Es war klar, dass er mich, den Bergsteiger und Dschungelwanderer unwiderstehlich anziehen würde. Aber er tat das auf eine merkwürdige Art, die mich doch etwas verunsicherte und zugleich neugierig machte, nämlich so, als läge die Initiative bei ihm und als gab es da etwas, was ich noch unbedingt in Erfahrung bringen musste, ohne dass ich jetzt schon etwas davon ahnte. Es war ein seltsames Gefühl, das mich da beschlich, das mir aber nicht gänzlich fremd war. Es gab etwas zu tun, es stand unmittelbar bevor, es musste getan werden, es war etwas Außergewöhnliches mit unbekanntem Ausgang und mit einem nicht zu leugnenden Risikopotential. Es gibt vielleicht nichts zu gewinnen, nur zu verlieren! Was, wusste ich nicht. Es lag noch alles im Dunkeln. Es offerierte eine Gefährdung der gemütlichen, zivilisierten Lebensweise. Es bestand die Aussicht eines verwegenen Vorstoßes ins Ungewisse. Und deshalb ging der Puls hoch, bei der Vorstellung es nicht nur tun zu können, sondern es auch tatsächlich zu tun. Das war wohl der „Explorer-Modus“, der nun abgerufen wurde. Er war lange nicht aktiviert, aber gespeist von unzähligen Kenntnisnahmen abenteuerlicher Unternehmungen, die andere gemacht hatten, von mehr oder weniger träumerischen Überlegungen und abgespeicherten herzigen Vorsätzen mit unausgereiften Plänen für irgendwann. Wie verwegen und wie ungewiss es werden würde! Hätte ich das gewusst, wäre mir der Angstschweiß zu Hilfe geeilt, damit ich mich vor einem Unternehmen abseilen konnte, dessen Erfordernis, in der Kunst des Abseilens ebenso versiert zu sein wie in der Kunst des Hochseilens mir schwer zu denken gegeben hätte. Aber man lebt nicht in Konjunktiven!

Nun war ich an der Reihe. Es war unausweichlich. D-day-Erwartungshaltung, Stunde-Null-Vorsatz, Gefallene-Würfel-Kenntnisnahme, ein reales Abenteuer klopfte an, verlangte Einlass ins sonst bedächtige Leben, das gerade wieder in einem gemächlichen Teil angekommen war. Und anders als damals in Ägypten, als ich mich brav dem Vorhaben verweigerte, das ein paar Antikenhändler sich für mich ausgedacht hatten, entschied ich mich dieses Mal, dem Abenteuer zu gestatten, dass es mich an sich heranließ, um es geschehen zu lassen, dass ich mich darauf einließ.

Ach, bei einem Abenteuer weiß man doch nie so richtig, auf was man sich da einlässt! Dass es wie das Öffnen der Büchse Pandora ist, wer denkt daran schon! Es musste aber getan werden, was getan werden musste, um Ruhe zu bekommen. Denn ein Abenteurer trägt ständig das latente „Eines Tags werde ich…“ mit sich herum. Dieser Tag war nun gekommen.

Nicht ganz. Ich machte mich zuerst mit der Umgebung vertraut. Das Empfangszentrum des Nationalparks liegt inmitten des Bergregenwaldes auf ca. 1500 Metern Höhe und bietet bei gutem Wetter einen schönen Blick auf die höheren Regionen des Berges. Doch seitdem ich mich dem Park bis auf wenige Kilometer die Serpentinen hoch angenähert hatte, war überhaupt nichts mehr von ihm zu sehen. Eine dunkle Wolkenwand hatte sich aufgebaut, ein Schleier von Wasserdampf hatte sich bis beinahe auf die Baumwipfel herunter gelegt. Es fehlte nur noch, dass es zu regnen anfing.

Ich rechnete damit, machte aber doch die ersten Erkundungsgänge durch den Regenwald, nachdem ich mein Quartier bezogen hatte. Es gibt angelegte Pfade, die den Besuchern auf Rundkursen einen Einblick in die üppige Bergregenwaldvegetation verschaffen sollen. Anscheinend hatte es unlängst bereits ausgiebig geregnet, denn die Vegetation triefte vor Nass und die Pfade waren glitschig. Allerdings waren die Bäche nicht verschlammt. Das Wasser floss klar. Ein deutliches Zeichen, dass es nicht viel geregnet haben konnte. Sollte diese unfreundliche Feuchtigkeit der Normalzustand am Berg sein?

Wegen seiner Exposition ist der Kinabalu ein Berg der Nebel und Wolken. Und natürlich des Regens. Das macht das Gebiet unzugänglicher, aber auch geheimnisvoller. Wenn ein Regenwald in seinem Element ist, wirkt er abweisend und man sucht Schutz unter einem Unterstand. Durchziehen einen Bergwald Nebelschwaden bekommt man zudem Schwierigkeiten mit der Orientierung.

Ein Bergregenwald hat als besonderes Charakteristikum Bartflechten, Farne, Moose und Epiphyten, die alle ihren Teil zu der besonderen Kulisse beitragen, die die Vorstellung der Märchenerzähler und Geschichtenschreiber anregt. Ob so auch die Zauberer, Elfen, Trolle und Waldgeister entstanden sind? Nur durch zu viel Fantasie? Eher nicht. Die Szenerie im Bergregenwald von Kinabalu wechselt ständig. Eben hat man noch Sonnenschein, im nächsten Augenblick zieht eine Wolke, ein Nebelfetzen durch das Waldstück, der einen als feuchter, kalter Hauch erfasst.

Die Wolken- und Nebelwelt fasziniert, auch wenn sie keine anderen als botanische oder zoologische Geheimnisse beherbergt. Und Schätze! Medizinisch nutzbare Pflanzen, die Krebs und andere schlimme Krankheiten heilen – und sicherlich die eine oder andere wertvolle Gesteinsader unter der Moosschicht. Vielleicht haben vor grauer Vorzeit die Eingeborenen hier oben irgendwo ihrem König ein Grabmal gesetzt, das längst überwachsen ist.

Ich fühlte mich nicht berufen, der Schatzsucher zu sein. Auf hundert ernsthafte Schatzsucher kommt einer, der etwas Nennenswertes findet. Das Verhältnis ist mir nicht aussichtsreich genug. Ich hatte schon als Kind ein Auge geworfen auf Erforscher wie Stanley oder einen Archäologen wie Carter. Aber die Vernunft schaltete sich dabei ein und vermerkte, dass es die Nilquellen nicht mehr zu entdecken gab und Pharaonengräber sich nur nach jahrelangen Grabungskampagnen öffnen – wenn überhaupt. Zwar schaute ich mir so manches aus der Nähe an, um mich zu vergewissern, dass ich Recht hatte und es für mich nichts zu tun gab, was den Aufwand rechtfertigte. Allein, die Beruhigung gelang nie richtig, die Unrast blieb, der Wunsch etwas zu planen, was noch niemand durchgeführt hatte, im Kleinen, im Privaten, quasi zur eigenen Belustigung. Aber es blieb meist dabei die Planungen zu planen.

Als ich durch diesen kühlen Nebelwald unweit des Visitor Centers stapfte, war mir nicht bewusst, dass ich mich ganz in der Nähe eines noch unerforschten Winkels dieser Erde befand, auf den noch kein Mensch seinen Fuß gesetzt hatte.

Das hört sich spektakulär an, wäre es aber eigentlich nicht, wenn ich nicht einen ganz bestimmten Ort meinen würde, auf den ich noch zu sprechen kommen werde. Interessant an Waldgebieten ist ja, dass es da solche Winkel gibt, die noch unentdeckt sind, die sich jedoch auch nicht sonderlich voneinander unterscheiden. Manchen zieht es deshalb in die Wälder. Sie suchen unentwegt nach dem Ununterscheidbaren. Andere auf Berge, denn gerade deshalb gibt es auch unter den Bergsteigern jene mit Forscherdrang, die sich nicht damit begnügen, auf einem Gipfel zu stehen, auf dem andere schon waren. Es muss eine Neubesteigung sein oder wenigstens eine neue Route, eine neue Wand, eine noch nie dagewesene Tour.

Dabei ist doch alles, was man tut, etwas Neues, für einen selbst. Und die Touren bekommen Namen, die Rückschlüsse auf die Findigkeit der Namensgeber zulassen. Solcherart Ansprüche hatte ich nicht. Das Neue reizt, bis man es satthat. Und dann beginnt die Suche nach dem nächsten Neuen. Dabei kann die Begeisterung für das, was man tut, sehr schnell auf null springen. Ein Sturz genügt, ein umgeknickter Knöchel, ein Biss von einem Reptil. Ein kleiner Irrtum in der Wegfindung oder bei der Einschätzung der Wetterlage. In diesen Wäldern, die von Nebelschwaden durchdrungen sind und nur wenig begangene Pfade aufweisen, verliert man auch einmal die Orientierung, wenn man zu gedankenverloren dahinwandert.

Es empfiehlt sich, immer einen Kompass dabei zu haben. Was dem Bergsteiger der Höhenmesser, den er öfter zur Orientierung braucht als zum Ablesen der Höhe, ist dem Dschungeltrekker der Kompass. Zu wissen, wo die Sonne steht, reicht nicht aus, da eine Abweichung vom Kurs um nur wenige Grad das Ziel weit verfehlen lässt. Im dichten Wald gibt es auch keine sonstigen Unterscheidungsmerkmale, die markanten Bäume stehen nicht da, wo man sie haben wollte. Man macht dann Bekanntschaft mit einem plötzlichen Erschrecken, wenn man feststellt, dass man doch tatsächlich im Augenblick nicht weiß, wo man ist. Und es stellt sich das unbehagliche Gefühl ein, dass man in Schwierigkeiten ernsthafter Natur ist.

Einmal musste ich eine Nacht drüber schlafen, ehe ich am nächsten Morgen den Versuch unternahm, in Erfahrung zu bringen, wo ich war. Eine Nacht im Dschungel kann sehr unbequem sein. Sie ist definitiv ungemütlich, wenn man nicht angemessen ausgerüstet ist. Bei Nacht sind auch alle Schlangen grau, aber im Unterschied zu Raubkatzen werden sie von Wärme angezogen. Erfahrene Dschungelcamper übernachten nicht umsonst in Hängematten. Der Gedanke in einer Hängematte im Kinabalu-Wald zu übernachten, wäre keinesfalls verlockend gewesen. Aber meistens befasst man sich mit anderen Gedankenspielen als jenen über das, was passieren könnte. Der Kinabalu-Wald bietet viele Anregungen zu ganz anderen Überlegungen.

In meinem Fall am Kinabalu ging es zum Beispiel darum, zu überlegen, ob man als Konstrukteur ein einziges funktionales Teil der hier zahlreich vorkommenden Pitcher plants oder Fliegenfallen weglassen könnte, ohne die Ernährung der Pflanzen zu gefährden. Ich kam zu der Erkenntnis, dass es ausgeschlossen war. Diese hochintelligenten Konstruktionen waren Mausefallen weit überlegen, aber das Grundprinzip war das Gleiche, die Falle hatte den Zweck zu fangen und deshalb war sie so gebaut, wie sie gebaut war. Kein Bestandteil war überflüssig, jedes hochfunktional. Falls diese Pflanzenart durch Evolution zustande gekommen sein sollte, dann musste sie von Anfang an alle diese Teile als funktionierende Bestandteile zum Zwecke des Funktionierens des Ganzen gehabt haben. Für die Variabilität blieb somit nur ein kleiner Spielraum, zum Beispiel für Farb- oder Größenvarianten. Ich fand viele und außerdem andere Pflanzengesellschaften, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Nur keine Rafflesia, die größte aller Blumen – und vielleicht die übelriechendste. Hätte ich bereits am Kinabalu eine entdeckt, säße ich jetzt nicht hier, um diese Geschichte zu schreiben. So kommt es manchmal, eine Blume, ein Pflänzchen ändert der Gezeiten Lauf.

Das Kinabalu-Gebiet ist Treffpunkt verschiedener Pflanzengattungen, die man auch im Himalaya, in China, Neu Guinea, Australien, Neuseeland und sogar Amerika vorfindet. Besonders in der Zone über 1200 Meter, also genau da, wo ich mich zu meiner Exkursion befand. Weiter unten dominierten die Dipterocarpacea-Baumarten, die das ganze Jahr über im Park blühen. Dazu gibt es eine große Auswahl von Fruchtarten, die das Gebiet auch für die Eingeborenen attraktiv macht. Rambutan, Mango, Durian, Feigenarten als Kosmopoliten, aber auch regional spezialisierte Fruchtarten wie Taraps (Artocarpus odoratissimus), die der Jackfrucht ähnlich ist und Mawang (Mangifera pajang), die nach Mango schmeckt. Häufig sind Palmen und Ingwerarten (Zingiberaceae), davon der am meisten verbreitete Etlingera elatior, der auf Märkten in ganz Malaysia verkauft wird. Und Bambus, der bis weit in die höheren Zonen wächst. Über 52 Palmenarten und 30 Ingwerarten sind im Park vorzufinden. Dazu sechs Bambusarten. Sie gehören zu den Kletterpflanzen. Das Rattan hat es bis in unsere Wohnungen geschafft.

Kennzeichnend für die Nebelwälder am Kinabalu sind auch die Farne. Der Kinabalu hat mehr Farnarten als ganz Afrika, nämlich 608 registrierte. Man findet sie in allen Vegetationszonen des Parks. Baumfarne, Strauchfarne, Schattenfarne, Lichtfarne, Dickichtfarne, epiphytische Farne und Gipfelplateaunischenfarne. Und überall gibt es die Nestfarne (Asplenium nidus), die auf Baumstümpfen und Ästen wurzeln. Und Orchideen! Kinabalu ist Orchideendomäne! Das Botanikerpaar Beaman schätzte den Bestand auf über 1000 Arten, darunter welche wie die Paphiopedium rothschildianum, die nur hier zu finden sind. Ihre Blüten reichen zwölf Zentimeter auseinander und sehen aus wie die ausgestreckten Arme der einheimischen Dusun-Tänzer, wenn sie ihren Sumazau-Tanz ausführen. Die Orchideen sind in ihrer Erscheinungsform sehr vielfältig. Die Coelogyne-Arten hängen wie Halsbänder von den Ästen der Bäume. Der Kinabalu ist ein Weltreiseziel für Orchideenfreunde. Das wissen auch die Einheimischen, was nicht unbedingt der Bestandserhaltung dienlich ist. Zum Glück sind die meisten Orchideenarten eher unscheinbar und klein. Das kann man von der Rafflesia nicht sagen, wenn sie erst einmal blüht.

Die Rafflesia, benannt nach Sir Stamford Raffles, dem Gründer von Singapur, ist die größte Blume weltweit. Die vierzehn Arten der Rafflesia sind sehr selten. Man findet sie nur in Borneo, Malaysia, Thailand, auf den Philippinen, Java and Sumatra. Zwei Arten (R. Keithii and R. Pricei) wachsen am Kinabalu. Sie zu finden ist ein schwieriges Unterfangen. Die Blumen haben nur wenige Tage Bestand, dann zerfallen sie. Ich suchte sie vergebens. Ich wollte nicht so schnell aufgeben und beschloss im Anschluss an die Kinabalu Tour auch noch die Crocker Range zu besuchen.

Nicht alles, was man am Kinabalu sieht, ist so befremdlich und auffällig wie eine Rafflesia. In der Gegend um das Park Headquarter tauchen auch schon Baumarten auf, die dann weiter oben eine noch größere Rolle spielen und bis 2200 Meter anzutreffen sind. Es sind wegen des zunehmend gemäßigteren Klimas Bäume, die wir aus europäischen Landen kennen:

Eichen, Walnuss, Myrte, Lorbeer, Eukalyptus, Teesträucher und einige Konifere. Dazu die tropischen Gewächse, das erscheint einem doch ein absonderliches Bild zu ergeben. Mein Hauptinteresse galt aber den fleischfressenden Kannenpflanzen. Kinabalu, das war anerkanntermaßen der Platz dafür. Zehn Arten der Nepenthes gibt es im Park, vorzugsweise in der Montanzone. Man findet sie auch reichlich entlang des Aufstiegspfades zum Gipfel.

Als ich zum Park Hauptquartier zurückkam, stellte ich fest, dass ich nicht der einzige war, der Gipfelambitionen hatte. In meine Unterkunft war ein australisches Pärchen eingezogen, das mich freundlich begrüßte. Auch sie wollten am nächsten Morgen nach oben. Für einen Rundgang im Park waren sie allerdings zu müde.

Ganz anders eine britische Armeeeinheit, die doch tatsächlich beim New Fellowship Hostel Abseilübungen durchführte. Meines Wissens war Malaysia schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr Britisch, insoweit irritierten mich die Uniformen. Ich hielt das grüne Zeug auch nicht für bergtauglich. Weiter nahm ich keine Notiz, außer dass sich einige beim Abseilen nicht gerade geschickt anstellten. Man sollte den Briten ruhig noch ein paar Sonderrechte in ihren ehemaligen Schutzgebieten einräumen, damit es ihnen nicht mehr so schwerfällt, nicht mehr die Geschicke der Inseln unter dem Wind bestimmen zu können. Im Hauptgebäude lief mir später noch ein Soldat über den Weg.

„You are exploring the mountain?! “ fragte ich ihn ein bisschen ironisch. Er schien dankbar dafür zu sein. Seine Mine hellte sich auf. Und doch, jetzt erst schien es mir so, als hätte er ein paar Sorgenfalten im Gesicht. Kein Wunder, so wie die sich beim Abseilen angestellt hatten! Andererseits, wo gab es da etwas zum Abseilen?

„So könnte man sagen! Sie gehen on top?“ fragte er zurück. Ich nickte. Dann stellte er die etwas abwegige Frage, ob ich mich gut fühlte. Ich schon. Vielleicht war er nervös. Ich sagte in Anspielung auf ihre Seilschaft, der Berg sei zwar hoch und wir hätten in „good old Europe“ ja auch nur ein paar höhere Berge, aber nach meinem Kenntnisstand könnte man auch ganz ohne Alpinstil und sogar ohne Seil da hochklettern.

Meine vorlaute Witzigkeit beeindruckte ihn nicht. Er sagte nur, dass sie in die Low’s Gully wollten. Das war das erste Mal, dass ich diesen Namen hörte. Das war dieser noch unentdeckte Ort. Um mir keine Blöße zu geben, fragte ich nicht nach. Es gab ja auch keinen Grund dazu. Sicherlich handelte es sich um irgendeine Alternativroute auf den Gipfel. Und dazu brauchte man Seil, oder die Übungen mit dem Seil. Ich hatte den Eindruck, dass er sich etwas von dem Stress mit der Truppe erholen wollte. Daher hatte er sich für einige Zeit von ihr entfernt. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr mich diese Low’s Gully schon bald beschäftigen würde. Ich wusste ja nicht einmal, dass „Gully“ eine Schlucht bedeutete. Noch nicht.

„Ist es nicht ein bisschen spät für Abseilübungen?“

„Doch. Aber wir hatten früher keine andere Möglichkeit alle zusammen zu trainieren. Wir haben welche dabei, das hat sich erst jetzt herausgestellt, die können nicht…“

Plötzlich tauchten zwei weitere Soldaten auf, anscheinend Malaysier in britischen Uniformen. Malaysias Ländereien waren ja britisches Kolonialgebiet gewesen. Erst 1963 wurde die britische Kronkolonie Sabah in den neuen Staat Malaysia eingegliedert. Im Verteidigungskrieg 1963 gegen Indonesien, das ebenfalls Anspruch auf das Territorium anmeldete, kämpften britische und malaysische Truppen nebeneinander gegen Indonesier.

Die zwei Soldaten hatten den Briten offenbar gesucht, denn sie setzten sich mit ihm in eine Ecke. Ich setzte mich in die Sitzgruppe in der anderen Ecke des Raumes und las noch ein wenig. In dem Raum war es gemütlicher als in meiner spartanischen Unterkunft. Den Uniformierten ging es sicherlich ebenso. Sie hatten die einfachste aller Unterkünfte gewählt wie es sich für Armeeangehörige gehörte. Ab und zu ging mein Blick hinüber. Es war unschwer zu erraten, dass die drei irgendein Problem hatten. Sie diskutierten und fuchtelten mit den Armen herum. Wie würde das erst am Berg sein? Aus Erfahrung wusste ich, dass es eminent wichtig ist, bei schweren Bergfahrten ein gut aufeinander abgestimmtes Team zu haben, mit in etwa gleich starken Bergsteigern. Was man am wenigsten brauchen kann, sind Streit und Uneinigkeit. Ich blickte auch immer wieder zum Fenster hinaus. Inzwischen war es dunkel geworden. Das geht in den Tropen ja schnell. Innerhalb einer halben Stunde gleitet man von Dämmerung zu Dunkelheit. Immer noch trieben Wolkenfetzen über uns, was man an den auftauchenden und wieder verschwindenden Sternen leicht ausmachen konnte. Ich hatte den Park Ranger nach den Wetteraussichten für den nächsten Tag gefragt. Die nächsten Tage, sagte er, wäre es wechselhaft. Das hatte ich mir fast gedacht.

Die drei Soldaten gingen hinaus, der Brite hob die Hand mir zum Gruß. Ich grüßte zurück. Einer der Chinesen kam zurück und holte sich noch eine Dose eines amerikanischen Getränks. Das gehörte offenbar nicht zu seiner Grundausstattung. Als er an mir vorbeikam, sagte ich:

„Klappt es jetzt mit dem Abseilen?“ Er verstand nicht, daher wiederholte ich die Frage. Er machte ein ernstes Gesicht und sagte dann: „Unser Boss sagt, Abseilen lernt man in 5 Minuten, aber wir haben 4 Stunden trainiert und ich kann es noch immer nicht.“ Er drehte sich um und ging weg.

Ich war etwas perplex, weil ich nicht wusste, ob er das im Ernst gesagt hatte. Wenn ja, dann war fraglich, warum man sich nicht zu Hause schon so weit vorbereitet hatte. Beim Klettern oder Abseilen muss man Sicherheit haben. Da darf man sich keine Fehler erlauben, sonst geht es unerbittlich abwärts. Aber vielleicht gehörte das zu dem Unternehmen dazu. Briten sind manchmal „very optimistic“ beim Angehen von Unternehmungen, deren Werdegang noch unbekannt ist. Irgendeinen Ausgleich muss es ja für ihr verbales Understatement geben. Da Unternehmungen nie wirklich schwer sein können für britische Truppen, wäre es ja auch unlogisch, den Dingen, die da kommen, nicht mit Gelassenheit entgegenzusehen!

2. Kapitel: Grotesken des Auf und Ab

Von der Power Station, wo die geteerte Straße endet, bis zu den Panar Laban-Hütten sind es nur fünf Kilometer. Aber es ist ein Höhenunterschied von 1450 Metern zu bewältigen. Das ist für einen geübten Bergwanderer nichts Besonderes. Ich hatte daher nichts dagegen, die zusätzlichen paar Kilometer vom Hauptquartier der Parkverwaltung bis zur Power Station zu laufen. Ich hatte mich entschlossen, sehr wenig Gepäck mitzunehmen, da ich nach Studium des Wegeplanes zu dem Schluss gekommen war, dass die Gipfelbesteigung problemlos in kurzer Zeit zu schaffen war. Ich hatte nicht einmal einen Pullover nach Sabah mitgebracht. Das sah ich aber nicht als Versäumnis an, da ich außer einem T-Shirt noch mit einem langärmligen Hemd und einer Regenjacke ausgestattet war. Um es klar und deutlich zu sagen: so sollte man keinesfalls auf einen viertausend Meter hohen Berg gehen! Ich habe es auch nicht mehr wieder getan.

Ergebnis meiner Kinabalu-Besteigung war unter anderem, dass ich nie mehr wieder einen so hohen Berg ohne Pullover angehen würde. Es stellte sich heraus, dass ich das Vorhaben unterschätzte. Solche Fehler unterlaufen meist Anfängern. Aber nicht nur. Die Briten mit der viel zu schweren Armeekleidung waren nicht die Einzigen, die über-optimistisch an eine Sache herangingen.

Der obligatorische Guide, der mir von der Parkverwaltung zugeteilt worden war, zeigte sich über mein Ansinnen zur Power Station zu laufen, überhaupt nicht begeistert. Er riet mir davon ab. Das mache niemand, jeder würde sich dorthin fahren lassen und erst von dort den Aufstieg beginnen. Offensichtlich sah er keinen Sinn darin, mit mir länger auf Achse zu sein als unbedingt notwendig.

Wir waren die letzten, die an diesem Morgen den Aufstieg in Angriff nahmen. Vielleicht war auch das der Grund, warum Martin darauf drängte, ein Fahrzeug zu nehmen. Er befürchtete vielleicht, ich sei langsam und man würde erst bei Dunkelheit bei den Unterkünften auf 3300 Metern ankommen. Er überredete dann den Fahrer eines Geländefahrzeuges, der den Auftrag hatte, zwei japanische Studenten zur Power Station zu bringen, uns mitzunehmen. Ich zahlte also nichts dafür. Die beiden Japaner verstanden fast kein Englisch.

Martin war ein Einheimischer, klein und sehnig, leicht gebaut, vielleicht 30 Jahre alt. Vielleicht aber auch viel jünger. Asiaten sehen meist älter aus als sie sind. Er hatte andauernd einen freundlichen Gesichtsausdruck, der mir nicht immer angemessen schien, so als ob es keinen Grund gab den 180sten Kunden ernster zu nehmen als die nächsten hundert. Für ihn war es ein langweiliger Routinegang, für seine Kunden vielleicht die Bergbesteigung ihres Lebens. Ihn brauchte das nicht zu kümmern. Die Bezahlung war immer die gleiche. Er war nicht sehr gesprächig, wohl weil er nicht besonders gut Englisch konnte. Er war schon oft auf dem Kinabalu, wie oft konnte er mir nicht sagen, da er längst das Zählen aufgehört hatte. Die ihm von mir unterstellte Gehfaulheit stand auf schwachen Füßen, da er immerhin mit einer Zeit von unter vier Stunden am Climbathon teilgenommen hatte und dabei von über einhundert Startern, die meisten davon einheimische Guides und Porter, und kein einziger, der nicht jedem Gelegenheitsbergsteiger davon gesprintet wäre, vierzigster geworden war. In weniger als vier Stunden bis zum Gipfel und wieder herunter! Den Rekord hielt gerade ein vom Mittelmeer stammender Profiläufer, der das ganze unter drei Stunden geschafft hatte.

Es sollte sich herausstellen, dass ich bis Panar Laban, bevor die eigentlichen Schwierigkeiten der Besteigung beginnen, knapp drei Stunden brauchte. Und ich war schnell unterwegs wie sich zeigen sollte. Das konnte man von Martin nicht sagen, er trödelte, und zwar ausgiebig! Er sagte mir, ich solle mein Tempo gehen, der Trail sei nicht zu verfehlen. Ich wartete ein oder zwei Mal auf ihn, doch dann stellte ich fest, dass er, nachdem wir eine Gruppe Australier überholt hatten, bei deren Guide hängengeblieben war. Er zog dessen Gesellschaft vor. So mundlahm er bei mir gewesen war, so unterhaltsam zeigte er sich bei seinem Kollegen. Ich ging daher alleine weiter und sah Martin erst wieder in der Unterkunft von Panar Laban. Meine Vermutung war, dass man für den Aufstieg zum Gipfel von Panar Laban aus den Guide benötigte. Bis jetzt war es nichts weiter als ein anstrengender Spaziergang. Den klugen Gedanken, dass man die Einheimischen nur mit einer steten Einnahmequelle versorgen wollte, wies ich zurück.

Ich hatte unterwegs Gelegenheit, die wechselnden Vegetationszonen zu betrachten. Den anfänglichen unteren Teil kannte ich schon von meinem Ausflug vom Vortag. Je höher ich kam, desto unwirtlicher wurde es. Das war natürlich nicht der Grund, warum die Pflanzendecke immer niedriger wurde. Höhe, Wind und Temperatur sind ursächlich dafür.

Die Zone zwischen 2200 Metern und 3300 Metern wird am Kinabalu durch verkrüppelte Bäume gekennzeichnet, Moos, Leberblümchen und Rhododendron wachsen überall. Sie dominieren überall dort, wo es feucht und kühl ist, und wo ist es das nicht am Kinabalu? 24 Arten Rhododendron wachsen am Kinabalu, fünf davon gibt es nur hier. Sie sorgen für Abwechslung im dunkelgrün-bräunlichen Blätterwald mit ihren rot, scharlach, rosa, gelb, orange und weißen Blütenbündeln.

Abgesehen von einem Eichhörnchen bekam ich keine Säugetiere zu Gesicht, obwohl sie manchmal auch die Bergpfade der Menschen benutzen. Es gibt am Kinabalu Bartschweine, Kragenbären, Sambarhirsche, Muntjak, Hirschferkel, fliegende und mehr bodenständige Hörnchen, Stachelschweine, Gürteltiere, Dachse, Zibetkatzen, Wiesel, Leopardkatzen und selbst der Orang-Utan wurde bis zu einer Höhe von 1450 Metern gesichtet. Im Wald gibt es noch andere Primaten. Languren, der Borneo Gibbon und die nahezu unsichtbaren Schlankloris. Diese Tiere findet man am Kinabalu hauptsächlich in tieferen Lagen.

Das gilt natürlich auch für das Gros der Vogelwelt. 326 Vogelarten will man gezählt haben. Ich wäre vielleicht in den ersten drei Tagen auf 60 Arten gekommen, neben dem allgegenwärtigen dark olive-green Blackeye. Die am meisten sicht- und zugleich hörbaren sind die Black und Red Mountain Blackbirds, eine Abwandlung unserer Amsel, eine jener Arten, die sich mit ihren nächsten Verwandten weltweit verbreitet haben. Ich fragte mich, ob sich die Schwarzdrosseln am Kinabalu mit denen bei uns verständigen könnten. Vielleicht haben sie ja den Grundwortschatz gemeinsam.

Häufig in der sub-alpinen Zone sind die kleinen, bräunlichen Sunda Bush-Schwirl und die Short-tailed Bush-Schwirl, die man oft im Unterholz in einer Höhe über 2000 Metern herumhüpfen sieht. Weiter oben, jenseits der Baumlinie, gibt es einen Vogel, dem die relative Exponiertheit zu gefallen scheint, sonst wäre der „Blue and White-browed Shortwing“ dort nicht so häufig anzutreffen. Von dem phantasielosen britischen Namen weiß er nichts. Ornithologen sind nicht sehr einfallsreich, wenn es darum geht Farben- und Formenreichtum zum Ausdruck zu bringen.

Noch haben die jährlich zigtausend Besucher, die glücklicherweise nur auf dem Trail sind, die Vogelarten nicht aus ihrem natürlichen Habitat vertreiben können. Vermutlich liegt das daran, dass die Vögel bemerken, mit was für harmlosen, ständig nach Atemluft ringenden Menschen sie es dort oben zu tun haben. Und die einheimischen Vogelhändler machen sich nicht die Mühe, so weit nach oben zu steigen. Bergvögel fressen erschöpften Bergsteigern arglos aus der Hand. 1888 musste sie John Whitehead, der Erstbezwinger von Low’s Peak noch wegscheuchen, weil sie so frech waren.

Um Panar Laban herum sind immerhin noch 22 Vogelarten zu beobachten. Darunter auch der Schlangenadler, der weit oben seine Kreise zieht, aber sicherlich kein Futter mehr bekommt, das ihm den Namen gegeben hat. Vermutlich wäre er mit dem Namen aber auch gar nicht einverstanden. Bis kurz vor dem Berghaus habe ich auch noch einen kleinen bräunlich-gelben Falter herumtorkeln sehen. Und ein anderer Gast hat mir erzählt, dass er nicht viel weiter unten eine von 40 Froscharten entdeckt hätte, die es am Kinabalu gibt. Das nennt man wohl Höhenanpassung!

Als ich in Gedanken versunken meines Weges ging – ich hatte vielleicht gerade die Hälfte hinter mir – traf ich überraschend auf ein Teammitglied der britischen Armeeeinheit und dann gleich auf noch zwei weitere.

Es waren die beiden Offiziere und ein weiterer Brite, der zu seinem riesigen Rucksack auch noch eine gelbe Kiste aufgebunden hatte. Er war der schmächtigste und kleinste und trug offenbar das meiste. Sie schienen alle drei ziemlich erschöpft zu sein. Das überraschte mich doch. Ich hatte selber schon schwere Bergtouren mit bis zu 25 kg Gepäck bewältigt. Diese Last hatte ich mehrere Tage bergauf und bergab geschleppt. Für durchschnittliche Bergaspiranten gehört das zum normalen Leistungsvermögen, wenn man sich auf eine größere Tour vorbereitet hat. Dass man sich vorbereitet, ist nicht nur keine schlechte Idee, sondern selbstverständlich. Andere ziehen es vor, daran zu glauben, dass sie auf der Tour zu der erforderlichen Fitness kommen, die man für die Tour braucht. Das funktioniert aber nur, wenn die Tour leicht anfängt und sich kontinuierlich steigert und wenn der Anfang im Schwierigkeitsgrad in einem angemessenen Verhältnis steht zu dem, was noch kommt. Und nur dann ist es die ökonomischste Art zu seinem Ziel zu kommen. Es ist aber zugleich am riskantesten, weil man nicht weiß, ob das Training gelingt. Hat man genügend Zeit dazu? Steigen die Anforderungen nur allmählich, so dass man auch beim Training nicht überfordert wird?

Ich kenne einen Everest-Aspiranten, der mit dieser Methode gescheitert ist. Je schwieriger ein Unternehmen ist, desto weniger darf man schon in der Vorbereitung dem Zufall oder dem „gut Glück“ überlassen. Diese Armeeeinheit hatte schon bei den Abseilübungen keinen guten Eindruck auf mich gemacht. Sie hatten keine gut entwickelten technischen Fertigkeiten, offenbar gab es auch Teammitglieder, denen es an der Physis fehlte. Da war ein bisschen viel Inkompetenz auf einem Haufen. Aber gut, beim Sportklettern legt man seinen Rucksack ab, hier schleppten sie ihn einen mächtigen Berg hoch. Das war etwas anderes. Gerade beim Klettern kann man durch die richtige Technik viel Kraft einsparen. Wer wenig Gesamtgewicht schleppen kann, muss deshalb noch kein schlechter Kletterer sein. Ich durfte annehmen, dass sie oben campieren würden und dann verschiedene Kletterstrecken ausprobieren würden. Was ich nicht wissen konnte, war, dass für das, was sie vorhatten, nicht vorgesehen war, die Rucksäcke zurückzulassen.

Ich konnte mir einen Kommentar nicht verkneifen, als ich an der schnaufenden und schwitzenden Gruppe vorbeitänzelte. „Wo sind denn die anderen?“ und: „Eine Armee sollte zusammenbleiben!“ das war weniger kritisch gemeint als witzig. Ich fand den Hang der Briten zum Militarismus schon immer beeindruckend. Ich hätte mir vielleicht die Mühe machen sollen, meinen Akzent zu unterdrücken. Deutsche sollen ja angeblich humorlos sein. Ich versuche, in der Konversation mit Briten gelegentlich diesem Vorurteil entgegen zu wirken. Keiner der Briten lachte. Und bei meinen Versuchen habe ich öfters den Eindruck, dass es die Briten sind, die häufig keinen Spaß verstehen. Es schien ihnen aber auch nicht so gut zu gehen. Möglicherweise lag es daran!

Einer sagte: „Vorauskommando!“ Aha, sie deckten den Rückzug. Ich hätte es für möglich gehalten, ihnen einen Teil der schweren Bürde abzunehmen, da ich fast gar nichts bei mir trug, aber das war natürlich undenkbar für die Armeeangehörigen und auch nicht Sinn der Übung, sich von einem Zivilisten helfen zu lassen. Ich war zudem kein Angehöriger ehemaliger Kolonien, den man so ohne weiteres rekrutieren konnte. Ich bot ihnen daher meine Hilfe nicht an.

Eine Marschordnung war das ja nicht gerade, was diese britische Armeeeinheit da vorexerzierte! Aber das gehörte zu ihrem Plan. Viel später erfuhr ich, dass der Kommandant mit seinem Team Stunden vor mir losgegangen war. Er hatte seinen Leuten gesagt, jeder sollte sein eigenes Tempo gehen. Eine nur zu gut verständliche Regel, da sie schwer an ihren Rucksäcken zu tragen hatten. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, sie einzuholen. Es dauerte nicht lange, da erwartete mich die nächste Überraschung. Ich überholte einen der Armeeangehörigen, die ich für Malaien gehalten hatte. Oben erfuhr ich dann, dass es sich um Chinesen aus Hongkong handelte, die in der Britischen Armee dienten.

„Wo sind die anderen?“ fragte ich ihn. Er schien apathisch. Ich rechnete nun damit auch bald die anderen einzuholen. Ganz zum Schluss überholte ich den Soldat, mit dem ich gestern geredet hatte. Er machte einen guten körperlichen Eindruck. Aber mit dem riesigen Rucksack war es nicht sinnvoll, mit leichtfüßigen Touristen um die Wette zu rennen. Auf einer Höhe von 3300 Metern über Meereshöhe beginnen die Symptome der Höhenkrankheit sich bemerkbar zu machen, dies aber umso mehr, je mehr man sich vorher verausgabt hat.

Als ich auf Panar Laban ankam, sprach mich der Reiseführer einer Touristengruppe an, ob ich auf dem Weg die Soldaten gesehen hätte. Er, der selber Brite zu sein schien, schien ein persönliches Interesse zu haben und klang etwas besorgt. Ich bejahte und sagte ihm, dass das ein harter Tag für sie wäre. Er schüttelte den Kopf.

Ich bekam meine Kammer zugewiesen. Die war schon mit einem Australier belegt, der nur auf mich gewartet zu haben schien, denn er war sehr redselig. Er hatte den Gipfelanstieg schon hinter sich.

Er erzählte mir gerne, dass er schon 66 Jahre alt war und froh darüber, in diesem Alter noch einmal auf so einen hohen Berg hinaufgeklettert zu sein. Er war leidlich erschöpft, aber sichtlich glücklich. Ich sagte ihm, was ich dachte, nämlich, dass ich mich sehr glücklich schätzen würde, das mit 66 Jahren auch noch hinzukriegen. Seine Freude inspirierte mich zu dem zuversichtlichen Gedanken, dass ich es wenigstens heutzutage auch schaffen könnte. Er war kein Mountain-man und zudem war er nicht gleich am Morgen wieder abgestiegen. Er hatte sich dafür entschieden, einen Tag länger hier zu bleiben. Der Ort seines Triumphes deuchte ihm noch länger auskostbar. Seine Entscheidung war nicht unbedingt richtig, denn die Höhenkrankheit stellt sich erst bei einer gewissen Verweildauer in der Höhe ein. Es war also durchaus möglich, dass er seinen Entschluss noch bereuen würde. Aber er konnte ja jederzeit absteigen.

Ich aß in der Kantine eine Suppe und unternahm dann einen Ausflug in die Umgebung. Vielleicht würde ich den Kinabalu-Riesenegel ausfindig machen können. Auch unter den Tierarten gibt es am Kinabalu Endemiten. Der merkwürdigste Vertreter ist wohl der rote Kinabalu-Riesenegel. Er wird 30 cm lang und ernährt sich auf einer Höhe von ungefähr 3000 Metern ausschließlich vom Kinabalu-Riesenwurm, der doppelt so groß ist. Eine doppelte Merkwürdigkeit also. Ich vermute, dass man dieses Pärchen an anderen Orten in Borneo nur noch nicht gefunden hat. Die höchsten Berge oder Höhenzüge auf der Insel sind noch weitgehend unerforscht. Es würde mich auch nicht überraschen, auf den anderen Sunda-Inseln ähnliche Vertreter dieser Art zu finden.

Die sub-alpine Zone beginnt am Kinabalu etwa in der Höhe der Panar Laban-Unterkünfte, auf etwa 3300 Metern, oder 11.000 britischen Fuß, und reicht bis zum Gipfelplateau. Die Bäumchen haben nur noch ein groteskes, weil windzerzaustes Aussehen, Nadelbäume und Rhododendron überwiegen, weiter oben wachsen nur noch Gräser und Kraut, Augentrost, Butterblumen, Fingerkraut, Riedgras und Enzian potentillas.

Die Unterkunft selbst ist vor die Felswand hingebaut. Von da an muss man klettern, will man auf das 400 Meter höher gelegene Gipfelplateau hinauf. Der Anblick dieser Felswand, die anscheinend die ganze Breite des Berges einnahm und so den Zugang nach oben zu blockieren schien, verhalf mir zu der Idee, dass es jedem unbedarften Betrachter sofort einleuchten musste, dass hier Endstation seiner Gipfelambitionen war und dass man lebendig da oben nichts zu suchen hatte. Oder anders gesagt, man verstand nun die Eingeborenen. Sie hatten sich in ihre vernünftigen Überlegungen gefügt. Sie konnten sich das Plätzchen da oben immer noch als Tote ansehen, wenn sie sich zu ihren Ahnen versammelten.

Es ist der Europäer, der immer wieder Grenzen hinausschieben will und damit leider auch immer die natürlichen Ordnungen, die Jahrtausende funktioniert haben, durcheinander bringt. Obwohl sich der Berg hier von seiner schroffsten Seite zu zeigen schien, gab es eine Aufstiegsroute. Früher hatte man danach suchen müssen. Man sieht nämlich nur steilen, nackten Fels. Hie und da ein Busch, der sich in einer Felsritze eingenistet hat und den Unbilden des Wetters trotzt. Ansonsten abweisende Steilheit. Heute folgt man dem Pfad bis zur Steilwand und steigt eiserne Leitern hoch. Ohne diese Leitern hätte man klettern müssen. Und das hätte wohl 95 % der heutigen Kinabalu-Besteiger abgehalten, überhaupt einen Versuch zu wagen.

Als ich wieder zur Hütte zurückkam, war es spät am Nachmittag und einige der Soldaten waren inzwischen auch eingetroffen, aber noch nicht alle. Ich versuchte mich hinzulegen, da der Aufstieg zum Gipfel um 2:00 Uhr nachts geplant war. Ich fand aber keine Ruhe. Die dünne Luft ließ mich keinen Schlaf finden. Ich war auch nicht wirklich müde. Anders die Briten in Grün, die auf ihren Kommandierenden und die anderen warteten. Gegen 6:30 Uhr wurde es dunkel und es fehlten immer noch einige, nämlich die, die ich zuerst überholt hatte. Die Soldaten, die da waren, zeigten darüber keine Besorgnis. Wieso auch, die Armee kämpft auch in der Nacht. Vielleicht hatten sie unterwegs ihr Lager aufgeschlagen. Sie hatten ja alles bei sich, was sie zum Campieren benötigten! Es gab keinen Grund, sich um die britische Armee Sorgen zu machen.

Die einheimischen Guides, darunter auch Martin, saßen an einem Tisch in der Kantine und sahen weder müde noch hungrig aus, sie unterhielten sich und hatten dabei gute Laune. Zeit für ein Abendessen. Ich bestellte ein malaysisches Gericht.

Es war schon dunkel, als ich den Colonel hereinschwanken sah. Unsere Blicke streiften sich. Ich, der deutsche Leichtgänger, saß gemütlich am Tisch und hatte Dinner. Ich bekam es nur am Rande mit, es war zu einem wenig heiteren Wortwechsel mit den anderen gekommen.

Es ging wohl darum, dass die Logistik nicht ganz gelungen war. Auch der zweite britische Offizier, ein Major, war eingetroffen. Er war der älteste der selbständig operierenden Armeeeinheit und sah fix und fertig aus. Begleitet wurde er von dem mir bereits bekannten Reiseleiter, der mit seiner Gruppe von Asiaten in der Unterkunft ein paar Meter unterhalb von Panar Laban untergekommen war. Er, selber Brite und Vertreter einer Travel Agency mit Sitz in Kota Kinabalu, sah nicht sehr glücklich über die Performance seiner Landsleute aus. Offenbar fehlten immer noch zwei Mann. Drei der fittesten wurden wieder hinunter geschickt, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Die Männer wirkten nicht nur erschöpft, sondern auch übelgelaunt. Die Stimmung schien ziemlich angespannt zu sein.

Da waren die Guides an ihrem Tisch, die sich vergnügten, ihre Kunden lagen in ihren Betten. An einem anderen Tisch saßen die drei Hongkonger Chinesen und die Offiziere saßen ebenfalls separat von den Mannschaften. Bergkameradschaft geht anders!

Ich setzte mich mit der Suppe, die ich zur in der Höhe immer ratsamen Flüssigkeitsaufnahme noch zusätzlich bestellt hatte, dazu. Man spürte, interne Unstimmigkeiten waren der Grund für die weitgehende Funkstille untereinander. Ich vermutete, dass sich die Offiziere als Verantwortliche das Ganze leichter vorgestellt hatten. Unterwegs hatte dann irgendwann jeder nur noch versucht, so gut wie möglich nach oben zu kommen, „rette sich, wer kann!“. Und der Colonel hatte wohl erwartet, dass die Stärkeren den Schwächeren beistehen würden, sobald es zu Schwierigkeiten kam. Aber Schwache helfen keinen Schwächeren, wenn sie selber mit sich zu kämpfen haben. Ich bekam nur einige Gesprächsfetzen mit und machte mir meinen Reim. Immerhin hatte man aufgegeben, noch in der Nacht weiter zum Gipfel vorzustoßen. Man würde einen Ruhetag einlegen. Eines war schnell klar geworden, bereits jetzt war sichtbar geworden, dass die Ansprüche in einem krassen Missverhältnis zum Machbaren standen oder gestanden hatten.

Ich fragte den Colonel, ein großer, schlanker Mann um die 50 mit etwas aristokratischen Gesichtszügen, die allerdings unter der Anstrengung etwas gelitten hatten, ob ihm aufgefallen sei, dass seine Männer nicht sehr zuversichtlich zu sein schienen. Dabei versuchte ich jeglichen ironischen Unterton zu vermeiden.

Er warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, der sich aber gleich durch ein Lächeln mit einer Spur Geringschätzung um die Mundwinkel ablöste. Ein Zivilist, der Beobachtungen machte! Immerhin hatten wir ja Frieden, nicht unbedingt das Betätigungsfeld einer Armee! Aber warum nicht das Zielgebiet? Ich solle mir keine Sorgen machen, sagte er gönnerhaft. Ja, das gönnte ich ihm auch, dass er keine Sorgen bekam. Aber besser sich Sorgen machen, als das Besorgte zu bekommen!

Ich gab mich nicht geschlagen. Ich hatte noch einen Pfeil im Köcher. Ein eingeborener Dusun hatte ihn mir gegeben, mit dem Hinweis, dass das Gift an der Pfeilspitze nur Affen töte, für Menschen sei es zu schwach. Die Zeit der Menschenjagd war längst vorbei. Ich sagte dem Colonel, dass einer seiner Soldaten mir gesagt hätte, eigentlich wüssten sie nicht so recht, wohin die Reise ginge. Ich sagte „journey“ also „Reise“, unbeachtlich der Seile und des schweren Materials, das sie mit sich führten und welches weniger eine angenehme Reise als eine schwere Bergtour vermuten ließ.

„We go into Low’s Gully!“ besann sich aber und setzte hinzu, während er sich, beinahe bemüht interessiert, zu mir drehte:

„Have You ever been there? “

„Nein“, sagte ich und stellte so prompt, dass es mich selbst beinahe verblüffte, die Gegenfrage, ob er jemals dort gewesen sei. Daraufhin sagte er, und das klang schon wieder leicht triumphierend, niemand sei bisher dort gewesen, das sei ja gerade der Grund warum sie dorthin wollten. Ich sah, dass er unausgesprochen noch ein „Verstehst du, Touristenwanderer!“ auf den Lippen hatte.

Ich nahm einen Schluck von meinem Tee, dann fiel mir noch eine weitere Frage ein. Ich bin schon immer ein Freund von Landkarten gewesen. Den Park Ranger unten im Büro hatte ich gefragt, ob er eine Karte vom Berg hätte. Was er mir anzubieten hatte, war nur ein grober Übersichtsplan, auf der die Gipfel eingezeichnet waren und der Trail, der zu ihnen führte. Geologische Besonderheiten Fehlanzeige. Aber es gab ja die ursprünglich britischen Survey Departments in der Hauptstadt mit gutem, wenn auch nicht neuestem Kartenmaterial, wie ich von meinen Exkursionen in indische Berg- und Dschungelgebiete wusste. Die Armee hatte alles, was man über Geländeformationen wissen musste.

Die Armee geht nicht ohne Karte und Kompass. Und mir geht es genauso, wenn ich mich in die Wildnis aufmache. Sie sind für mich so etwas wie eine Lebensversicherung. Wer ohne Karte ins Unbekannte geht, ist leichtsinnig. „Haben Sie Kartenmaterial?“ fragte ich ihn eher neugierig als vorwurfsvoll. Er reagierte etwas unwirsch. Nein, es gab kein Kartenmaterial für diese Lokalität.

Das schien mir doch ein bemerkenswertes Eck zu sein. Ich sagte ihm das auch. Er nickte mit einem leichten Anflug von Freundlichkeit. Jetzt hatte ich es anscheinend kapiert, die britische Armee war ausgezogen, um Außergewöhnliches zu leisten, während ich kurz auf den unbedeutenden Kinabalu-Gipfel spazierte. Es sei sogar so bemerkenswert, mischte sich der Major ein, dass noch kein Mensch da jemals hinuntergeklettert war in dieses Low’s Gully.

Ich nickte anerkennend, dabei kam mir eine Frage in den Sinn, die ich nicht für mich behalten wollte. Ich formulierte sie dann aber nicht als Frage, sondern blieb bei meinem Respekt zollenden Ton und stellte fest:

„Dann wissen sie ja gar nicht, was sie da erwartet!“

Aber da gab es plötzlich noch mehr Fragen. Konnte das der Grund dafür sein, warum seine Leute so unsicher waren? Aus Erfahrung wusste ich, je schwieriger die Aufgaben sind, die man gemeinsam angehen muss, desto wichtiger ist der Gruppenzusammenhalt. Wenn man dann für die Lösung der Aufgabe auch noch Spezialkenntnisse oder besondere Fähigkeiten haben muss und diese nur unzureichend vorhanden sind, fällt eine Gruppe, die nicht harmonisiert, schnell auseinander. Ich philosophierte darüber ein wenig, um aus dem Colonel noch mehr Informationen herauszukitzeln. Er vertrat den Standpunkt, dass man durch eine gute Organisation und Unterordnung auch viel ausgleichen kann, was bei zivilen Unternehmen andere Qualitäten übernehmen müssten. Ich sprach noch einmal an, was ich am bemerkenswertesten fand.

„Aber Sie kennen die Örtlichkeit nicht genau. Das verstehe ich. Unerforschte Gebiete haben das so an sich.“

„Fest steht, dass die Schlucht vom Penataran River entwässert wird. Wir kennen den Anfang und wir kennen das Ende von Low’s Gully und wir werden die Lücke dazwischen schließen.“

Das hörte sich vielversprechend und entschlossen an. Ich hörte keine Anzeichen von Unsicherheit aus diesen Worten. Es fragte sich also nur noch, was zwischen dem Anfang, dem Gipfelplateau, und dem Ende, dem Penataran River 3500 Meter tiefer war. Was würde sie da erwarten? Niemand schien eine Ahnung zu haben. So langsam dämmerte mir, dass dieses unscheinbare Namensgebilde Low’s Gully doch vielleicht etwas enthalten könnte, was absonderlich genug war, dass man sich etwas näher damit beschäftigen sollte.

Hier gab es also tatsächlich Neuland, das noch der Entdeckung harrte. Ein leichtes Gefühl der Enttäuschung kam in mir auf, dass nicht ich derjenige war, der auf diese famose Idee gekommen war, in dieses Low’s Gully hinabzusteigen, als erster Mensch. Wenigstens auf die Idee hätte ich kommen können. Die Schwierigkeit der Ausführung mochte sein wie sie wollte. Das war ja zu erkunden. Natürlich hätte ich nie daran gedacht, ein solches Unternehmen alleine in Angriff zu nehmen. Die britische Expedition kam mir mit einem Mal doch als etwas Beneidenswertes vor. Die hatten es leicht. Sie setzten sich einfach ein Ziel und ab dafür. Nun würde die Britische Armee das besorgen, was ich noch nicht einmal in Erwägung gezogen hatte. Und vermutlich würde auch bei ihnen niemand davon Kenntnis nehmen.

„Haben Sie einen Pressebeauftragten?“ fragte ich. Der Colonel verstand nicht recht. Ich wiederholte die Frage nicht. Sie hätte wohl etwas zu schnippisch geklungen. Und außerdem war sie ja überflüssig. Stattdessen sagte ich:

„Hoffen wir, dass sich das, was sich zwischen Anfang und Ende befindet, lohnt.“

Es musste ziemlich steil sein, wenn der Berg auf der Rückseite genauso steil war wie auf der Südseite und eine sanfte Aufstiegsroute wie der Trail zum Panar Laban würde man sicherlich auch nicht Gully oder „Schlund“ nennen. Es wäre auch keine Aufgabe für diese Armeeeinheit, die ein richtiges Training mit einem selbst gestellten Forschungsauftrag verband. Aber daran dachte ich in diesen Augenblicken nicht. Ich fand nur, dass es mutig war, sich so ein Ziel zu setzen, ein Vorstoß ins Unbekannte zu wagen, mit einer Ausrüstung, von der man deshalb auch nicht wissen konnte, ob sie richtig war. Diese Aufgabe stellte sich vor jeder Expedition, deren Verlauf man nicht genau kannte.

Jetzt, Jahre nach meiner Borneoreise, blicke ich zurück und stelle fest, dass ich noch keine Expedition durchgeführt habe, bei der ich nicht einige Dinge vermisst und zugleich einige Dinge, die ich mit mir führte, für weniger elementar erachtet hätte. Hat man den richtigen Rucksack dabei? Ist der Schlafsack geeignet? Reicht der Proviant? Braucht man eine Machete oder reicht ein kleines Messer? Soll man ein paar leichte Ersatzschuhe zum Durchqueren von Flüssen mitnehmen? Ist das Moskitonetz entbehrlich? Was noch dazu? Hängematte oder Zelt? Braucht man Träger oder sogar Tragtiere? Welcher Art soll die Kleidung sein? Poncho oder Regenjacke? Aber ein Seil bei einer Dschungeltour? Meine Ausrüstung war am Kinabalu leicht und damit auf Schnelligkeit und „Unbeschwerlichkeit“ ausgelegt. An ausgedehnte Klettertouren hatte ich ganz gewiss nicht gedacht!

Wie sich herausstellen sollte, unterschätzte ich den Kinabalu. Aber da war ich nicht der einzige. Ich konnte zu jener Zeit auf noch nicht viel alpine Erfahrung zurückgreifen aber dafür auf einen unerschütterlichen Glauben an meine Fähigkeit, körperliche Anstrengungen nicht zu scheuen, weil ich bisher alles weggesteckt hatte und immer noch eine Steigerung möglich gewesen war. Es ist wichtig, wenn man große Unternehmungen in Angriff nimmt, dass man seine Leitungsfähigkeit kennt. Die Wahl der Aufgabe hängt davon ab. Wer in etwas vertraut, was er nicht kennt, riskiert viel, nämlich sein Leben. Das Austesten von Grenzen – hat Grenzen. Aber die sollte man wahrnehmen, bevor man sie erreicht hat, sozusagen aus sicherer Entfernung!

Wenn ich dem Kinabalu nicht von Anfang an den nötigen Respekt entgegengebracht habe…. viel schlimmer war, dass die Briten ihn unterschätzten. Dem, was sie sich zur Aufgabe gestellt hatten, waren sie nicht gewachsen. Im Nachhinein ist es immer leicht, zu solchen Schlüssen zu kommen. Auch ich hatte das ganze Ausmaß der Bedrohung, die auf die Briten eilenden Schrittes zukommen würde, nicht erkennen können. Hauptsächlich deshalb, weil diese Low´s Gully eine unbekannte Größe war.

Der Colonel ging mit seinem Major nach draußen, um den Sternenhimmel zu bewundern. Ich blieb sitzen. Ich fragte einen der Chinesen aus Hongkong, ob sie nicht Hunger hätten, nach der Anstrengung. Sie hätten sich in ihrem Raum bereits etwas gekocht. Sie schienen erfreut, dass ich sie ansprach. Ich ergriff die Gelegenheit, um nachzufragen, ob das nicht zu „heavy“ – schwer im Sinne von gewichtig – war, was sie sich da vorgenommen hatten.

Mittlerweile war der Soldat, den ich unten im Park Office schon gesprochen hatte, wieder hereingekommen. Er sah, dass ich mich mit den Chinesen unterhielt und setzte sich dazu. Ich hatte das Gefühl, dass er jemanden brauchte, mit dem er reden konnte. Er zierte sich auch nicht lange. Er sagte mir, wenn ich Bergsteiger wäre, dann wüsste ich, dass es zwei „styles“ gab einen Berg zu erklettern und wieder heil herunterzukommen. Den langsamen Expeditionsstil und den schnellen Alpinstil. Letzterer setzte großes fachliches Können voraus. Ersterer eine gute Organisation und eine noch bessere Leitung.

Nichts davon war im Team vorhanden, weshalb es grundsätzlich richtig war, dass man sich für den Expeditionsstil entschieden hatte, der eine größere Toleranzbreite hat. Man kann schon im Frühstadium erkennen, ob etwas schief läuft und dann regulierend eingreifen, zur Not das Unternehmen abbrechen. Dann machte man sich aber anfällig, wenn man irgendwo wegen der Langsamkeit aufgrund fehlender technischer Fertigkeiten oder aufgrund des logistischen Aufwands feststeckte, denn natürlich brauchte man zusätzliches Material.

„Wo siehst du das Problem?“ fragte ich ihn. Ich duzte ihn nicht wirklich, die vornehmen Briten unterscheiden aber nicht mit ihrem „You“, ob sie „Sie“ oder „Du“ meinen, und bei ihrem „you“ kann man sich auch „ihr“ oder „sie“ dazu denken.

„Wir wissen überhaupt nicht, wohin wir gehen und was uns erwartet. Aber das Hauptproblem wird sein, dass wir zu wenig erfahrene Leute haben.“

„Ich habe gesehen, wie ihr Abseilübungen gemacht habt. Es hatte den Eindruck, dass einige von euch das noch nicht allzu lange praktizieren.“ Ich schaute die Chinesen an. Sie schwiegen. Die Sache war sicherlich schon teamintern besprochen worden.

„Ich habe gesehen, dass ihr sehr schwere Rucksäcke tragt. Schnell werdet ihr damit jedenfalls nicht sein! Auch nicht, wenn es nur noch abwärts geht.“

Ich erfuhr, dass der Trainingsstand so sein sollte, dass 22 kg 8 Stunden und 20 km weit zu tragen waren, wenn der Höhenunterschied 1000 Meter ausmachte. Zehn Tagesrationen Essen gehörten dazu.

Eine Frage ergab sich für mich automatisch: „Wenn ihr zehn Tagesrationen habt, wie wollt ihr wissen, dass die ausreichen?“

Ende der Leseprobe aus 199 Seiten

Details

Titel
Vorstoß ins Ungewisse am Mount Kinabalu. Ein Reisebericht über Borneo
Autor
Seiten
199
Erscheinungsform
Originalausgabe
Preis (eBook)
8,99 EUR
ISBN (eBook)
9783668870499
Preis (Buch)
26,50 EUR
ISBN (Buch)
9783668870505
Sprache
Deutsch

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