Homonegativität in Deutschland. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Bundesrepublik

Eine Untersuchung über Ursachen, Verbreitung und Auswirkungen


Hausarbeit, 2018

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Theoretischer Rahmen.

2.1. Homophobie – ein inadäquater Begriff? Definition, Problematik und Alternativen
2.2. Historische Wurzeln von Homonegativität
2.3. Soziale und psychologische Determinanten von Homonegativität

3. Empirischer Teil

3.1. Ausprägung und Verbreitung von Homonegativität in der deutschen Bevölkerung
3.2. Soziale und individuelle Auswirkungen von Homonegativität auf nicht-heterosexuelle Menschen

4. Konklusion.

4.1. Fazit
4.2. Lösungsvorschläge und Möglichkeiten zur Besserung der Situation.

Literaturverzeichnis.

Abstract

Mit der Verabschiedung der Ehe für Alle endete in Deutschland eine jahrhundertelange Episode gesetzlicher und staatlicher Diskriminierung von nicht-heterosexuellen Menschen. Da jedoch ein Drittel aller Abgeordneten des Bundestages gegen die Gleichstellung votierte, liegt die Vermutung nahe, dass auch immer noch ein bedeutender Teil der Bevölkerung homonegative Einstellungen aufweist. Ziel dieser Arbeit ist es deshalb, diese Wurzeln zu identifizieren und darzustellen, sowie das Ausmaß an Homonegativität in Deutschland zu erfassen. Als Ergebnis lassen sich zahlreiche Determinanten von ablehnenden Haltungen gegenüber nicht-heterosexuellen Personen ermitteln. Auch in Sachen Verbreitung scheint Homonegativität immer noch ein relevantes Problem in der Bundesrepublik zu sein, welches jedoch deutlich unterschätzt wird.

1. Einleitung

Am 1.Oktober 2017 feierte die deutsche LGBTQ 1 -Gemeinde ein historisches Ereignis. Mit der Verabschiedung der Ehe für Alle wurden gleichgeschlechtlichen Paaren dieselben Privilegien wie ihren heterosexuellen Pendants zugestanden, wenn sie sich für eine Eheschließung entscheiden. Damit endete in Deutschland oberflächlich eine jahrhundertelang dauernde Episode staatlicher Repression und Diskriminierung von Homosexuellen. Doch wer daraus eine einheitliche gesellschaftliche Toleranz und Akzeptanz von nicht-heterosexuellen Menschen ableitet, der irrt. Schließlich kam die Abstimmung nur zustande, weil die potentiellen Koalitionspartner der Union (Die Grünen, FDP und SPD) erklärten, dass sie lediglich eine Regierung mit einer Partei bilden würden, welche die Ehe für Alle gesetzlich verankert. Daraufhin erklärte die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Abstimmung zu einer Gewissensfrage und befreite ihre Partei damit vom Fraktionszwang. Trotz dessen stimmten drei Viertel der Unionsabgeordneten gegen den Gesetzentwurf, sowie die gesamte Alternative für Deutschland . Insgesamt votierten damit mehr als ein Drittel der Abgeordneten gegen die Ehe für Alle.

Da die Parteienpositionen bis zu einem gewissen Grad auch immer auch ein Abbild der gesellschaftlichen Stimmung sind, kann man davon ausgehen, dass die Gleichstellung von nicht-heterosexuellen Menschen immer noch von vielen Bürgern abgelehnt wird bzw. sie Vorurteile oder negative Einstellungen gegenüber dieser Gruppe haben. Bedenkt man, dass Homonegativität tief in der deutschen Geschichte verwurzelt ist und erst 1994 endgültig als Strafbestand aus dem Gesetzbuch entfernt wurde, ist diese Erkenntnis nicht verwunderlich. Doch wie stark ist dieses Phänomen heute wirklich noch verbreitet? Welche Ursachen und Determinanten hat Homonegativität und welche Auswirkungen kann sie für die Opfer haben? Diese Problematiken zu untersuchen, einzuordnen und zu bewerten ist das Ziel dieser Arbeit.

Zu diesem Zweck werde ich den Begriff der Homonegativität zunächst definieren und erläutern, weshalb der bekanntere Ausdruck Homophobie eine unpräzise und fragwürdige Bezeichnung ist. Darauffolgend gebe ich einen Überblick über die historischen, sozialen und psychologischen Ursachen des Phänomens. Hierbei werden auch internationale Befunde aus vergleichbaren Ländern herangezogen. Zudem ordne ich den Sachverhalt in das Konzept gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ein. Daran anschließend stelle ich einige Studien vor, die das Ausmaß an Homonegativität in der deutschen Bevölkerung analysieren. Den empirischen Teil dieser Arbeit schließe ich dann mit einer Darlegung, welche physischen und psychischen Auswirkungen Homonegativität für Betroffene haben kann. Schlussendlich fasse ich die Ergebnisse in einem Fazit zusammen, evaluiere sie und zeige Lösungsvorschläge für spezifische Problematiken sowie allgemeine Möglichkeiten zur Besserung der Situation auf.

2. Theoretischer Rahmen

2.1. Homophobie – ein inadäquater Begriff? Definition, Problematik und Alternativen

Definiert man Homophobie alsBezeichnung abwertender Einstellungen gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Personen.“ (Küpper et al. 2017: 23-24) oder als „Feindseligkeit gegenüber Menschen, die homosexuell, also schwul oder lesbisch sind, oder eine andere sexuelle Orientierung haben.“ (Schneider Toyka-Seid 2018), entpuppt sich der Begriff als unangemessen für das, was er beschreiben soll. Erstens fokussiert er sich auf den Aspekt der Angst vor nicht-heterosexuellen 2 Individuen, welcher jedoch selten von Relevanz ist. Gleichzeitig schließt der Begriff damit andere Emotionen und Einstellungen, wie beispielsweise Hass, Ekel und Ablehnung, welche meistens salienter sind, automatisch aus (Bochow 1993). Zweitens deutet er mit der Verwendung des psychologischen Fachbegriffs Phobie an, dass die Aversion gegen Homosexuelle bzw. Homosexualität entweder genetisch veranlagt ist oder durch ein einschneidendes Erlebnis ausgelöst wurde (Küpper Zick 2015: 5). Aus psychologischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive ist dies jedoch nicht die Ursache des Phänomens Für eine kritische Betrachtung des Begriffs unter linguistischen Aspekten siehe Möller (2015: 15-16).

Bei Homophobie handelt es sich vielmehr um ein sozial erzeugtes Konstrukt, welches das Individuum internalisiert (Westerbarkei 2016: 7-8). Die subjektiven, negativen Einstellungen und Emotionen gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen sind also nicht Ergebnis einer Persönlichkeit, sondern der Sozialisation. Auf diese These wird im nächsten Teil expliziter eingegangen werden. Geeignetere Begriffe, mit dem das, was als Homophobie definiert wird, präziser und angemessener beschrieben werden kann, sind beispielsweise Heterosexismus oder Homonegativität. Unter Heterosexismus wird verstanden, dass Heterosexualität gegenüber allen anderen sexuellen Orientierung als überlegen dargestellt und propagiert wird. Abweichende sexuelle Ausrichtungen werden von vielen Heterosexuellen als Infragestellung und Bedrohung ihrer Identität wahrgenommen und in der Folge abgelehnt und stigmatisiert (Brassel-Ochmann 2016: 9-17). Eng verbunden mit diesem Begriff ist der Terminus der Heteronormativität 3 . Für eine Einführung zu diesem Thema siehe Hartmann (2007).

Homonegativität und Homophobie sind in ihrer Bedeutung kongruent, sie bezeichnen dasselbe. Jedoch betont Homonegativität die oppositionelle Haltung und ist im Gegensatz zu Homophobie nicht missverständlich. Er wird deshalb in der vorliegenden Arbeit bevorzugt verwendet. Der Begriff der Homophobie wird möglichst vermieden und nur gebraucht, wenn er dem Kontext entsprechend angemessen ist. Homonegativität wird definiert als ablehnende oder feindselige Einstellung gegenüber der Präsenz, der gesetzlichen sowie sozialen Gleichbehandlung und der Anerkennung von Menschen mit nicht-heterosexueller Orientierung (eigene Definition) .

2.2. Historische Wurzeln von Homonegativität

Untersucht man die Motive für Homonegativität, muss man zwischen historischen, sozialen und psychologischen unterscheiden. Der erste Aspekt soll in diesem Teil behandelt werden, die anderen beiden im Anschluss in einem gesonderten Punkt. Während in der Antike gleichgeschlechtliche Liebe wohl gesellschaftlich akzeptiert wurde (Hubbard 2003), kippte die Situation mit dem wachsenden Einfluss der christlichen Kirche. Im Mittelalter wurden Homosexuelle unter dem Vorwurf der Sodomie verfolgt und hingerichtet (Puff 2003). Als 1881 dann das deutsche Kaiserreich gegründet wurde, trat der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches in Kraft, welcher sexuelle Handlungen unter Männern für illegal erklärte und mit langjährigen Gefängnisstrafen sanktionierte (Moeller 2010: 521). Der Fokus liegt hierbei eindeutig auf der Zuneigung zwischen Männern, da Frauen lange keine eigenständige Sexualität zugestanden wurde, erst recht nicht ohne einen männlichen Interaktionspartner (Beauvoir 1992). In der Weimarer Republik wurde unter der Führung von Magnus Hirschfeld vermehrte Akzeptanz erreicht, doch die beginnende NS-Herrschaft machte jeglichen Fortschritt zunichte. Als Bedrohung für die Fortpflanzung für die sogenannte Herrenrasse wurden Homosexuelle diffamiert, verfolgt und in Konzentrationslager deportiert. Mit der Kennzeichnung durch den rosa Winkel waren sie dort leicht zu identifizieren und brutalen Misshandlungen ausgesetzt. Nur jeder Zweite überlebte die Inhaftierung (Moeller 2010: 525, Micheler 2002).

Doch auch mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 blieb der Paragraf 175 bestehen, bevor er erst 1969 bzw. 1973 reformiert und schließlich 1994 abgeschafft wurde (Wolf 2009: 2). Seitdem wurde die Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften etappenweise vom Gesetzgeber umgesetzt, bis sie mit der Verabschiedung der Ehe für Alle schließlich auf juristischer Ebene erreicht wurde (Steffens Wagner 2009: 243, Küpper et al. 2017). Doch weshalb viele Menschen trotz dessen noch ablehnend gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen eingestellt sind, kann man nicht erklären, ohne die sozialen und psychologischen Faktoren zu analysieren. Dies wird im nächsten Abschnitt geschehen. Auch eine Einordnung in das Konzept von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist unerlässlich.

Wilhelm Heitmeyers (2012) Theorie der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit besagt, dass negative Einstellungen gegenüber verschiedenen Kollektiven, die als fremd oder gar feindlich wahrgenommen werden, miteinander verwoben sind. So ist eine rassistische Person laut diesem Ansatz wahrscheinlich auch sexistisch und/oder antisemitisch eingestellt. Das gemeinsame Auftreten dieser negativen Haltungen wird angenommen, da sie alle auf der Idee der Ungleichwertigkeit beruhen und daher als verwandte Konzepte betrachtet werden. Die in Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit miteinander korrelierenden Phänomene umfassen: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Etabliertenvorrechte, Sexismus, Homophobie, Abwertung von Obdachlosen, Behinderten, Asylbewerbern und Langzeitarbeitslosen, sowie Islamfeindlichkeit und Antiziganismus (Zick 2006).

2.3. Soziale und psychologische Determinanten von Homonegativität

Ob und wie drastisch eine Person homonegativ eingestellt ist, hängt von vielen Faktoren ab. Einige von ihnen wirken sofort plausibel und tauchen regelmäßig in Diskussionen rund um dieses Thema auf. Andere finden in der öffentlichen Debatte kaum Resonanz oder werden gar nicht erst mit dem Phänomen in Verbindung gebracht. Dieser Umstand ist mehr als fragwürdig, denn es sind gerade diese Determinanten, welche in ziemlich allen Untersuchungen die eindeutigsten Zusammenhänge mit Homonegativität aufweisen. Doch zunächst zu den trivialeren Faktoren.

Religiöse Überzeugungen und vor allem eine fundamentalistische Auslegung derselben sind ein häufig nachgewiesener Indikator für eine ablehnende Haltung gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen (Reese et al. 2014, Bochow 1993, Steffens et al. 2015). Dabei ist unerheblich, welcher Glaubensrichtung die betreffende Person angehört (Whitley 2009). Nicht unbedeutend ist jedoch, wie sich die Religiosität manifestiert. Zu diesem Zweck unterscheidet Whitley (2009) zwischen sieben Formen der Religiosität: Fundamentalismus, Inanspruchnahme geistlicher Dienste, Orthodoxie, Einschätzung der eigenen Religiosität, extrinsische und intrinsische Religiosität sowie Glaube als Orientierungshilfe. Außer dem Glauben als Orientierungshilfe und der extrinsischen Religiosität wiesen alle Formen einen positiven Zusammenhang auf. Jäckle Wenzelburger (2015) kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Auch sie weisen Signifikanzen zwischen Gläubigkeit und Homonegativität nach. Jedoch stellen sie fest, dass Mitglieder verschiedener Religionen im Durchschnitt häufiger ablehnende Einstellungen gegen Homosexualität offenbaren als andere. Die positivsten gesinnten Gruppen sind Buddhisten und Atheisten, am anderen Ende des Spektrums finden sich Muslime.

Ein weiterer entscheidender Faktor, welcher in der Allgemeinheit bekannt ist und konstant nachgewiesen wird, ist das Alter. Dabei gilt: Je älter die Befragten sind, desto eher neigen sie zu homonegativen Einstellungen (Overby Barth 2002, Steffens Wagner 2004). Dies ist kongruent mit der Beobachtung, dass die Ablehnung von nicht-heterosexuellen Orientierungen in den westlichen Gesellschaften rückläufig ist (Bochow 1993, Küpper et al. 2017). Ältere sind wohl deshalb häufiger negativ gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen eingestellt, da sie in einer deutlich konservativeren Bundesrepublik sozialisiert wurden und von Homosexualität in Medien und in der Öffentlichkeit kein differenziertes Bild vermittelt wurde. Beispielsweise waren damals die meisten Menschen davon überzeugt, dass eine abweichende sexuelle Orientierung eine Krankheit oder Ausdruck einer psychischen Abnormalität ist (Bochow 1993: 119).

Dass dies auch heute noch ein weit verbreiteter Irrglaube ist, zeigen auch aktuellere Befunde. In einer von Küpper et al. (2017) durchgeführten Studie äußern fast ein Drittel der in ihrer Studie befragten Deutschen die Überzeugung, dass Menschen homosexuell sind, weil sie negative Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht hätten. Da mit steigender formaler Bildung die ablehnenden Haltungen gegenüber nicht-heterosexuelle Menschen abnehmen (Küpper et al. 2017, Overby Barth 2002), könnte man vermuten, dass diese höher gebildeten Personen eher über die tatsächlichen Ursachen von Homosexualität informiert sind und wissen, dass es kein Ausdruck einer psychischen Krankheit ist oder Auswirkung einer bestimmten Erziehung. Für einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand bezüglich der Ursachen von Homosexualität siehe Mustanski et al. (2014).

Auch die Parteipräferenz und die Nähe zu autoritären Einstellungen sind vielfach belegte Indikatoren für Homonegativität. Menschen, welche die Parteien Die Grünen oder Die Linke bevorzugen weisen positivere Einstellungen gegenüber Homosexualität auf als solche, die CDU/CSU oder die Alternative für Deutschland favorisieren (Brähler et al. 2016: 88-89, Küpper et al. 2017: 88-90). Zudem finden Whitley Lee (2000) in ihrer Studie einen teils deutlichen Zusammenhang zwischen den vier von ihnen untersuchten autoritären Konzepten und Homonegativität. Dabei ist der Zusammenhang von ablehnenden Haltungen gegenüber Homosexualität und rechtem Autoritarismus und Sozialer Dominanzorientierung am stärksten und fiel bei Dogmatismus und politisch-ökomischen Konservativismus schwächer aus. Dass die beiden erstgenannten autoritären Konzepte mit ablehnenden Haltungen korrelieren, zeigen auch Andrejewski et al. (2016).

Ferner senkt der Kontakt zu nicht-heterosexuellen Menschen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person homonegative Einstellungen aufweist (Steffens Wagner 2004, Simon 2008, Andrejewski et al. 2016). Dieses Ergebnis passt zu den Resultaten von Studien bezüglich anderer Vorurteile und bestätigt auch einmal mehr die sogenannte Kontakthypothese (Allport 1954). Overby und Barth (2002) erläutern jedoch, dass die Interaktion unter bestimmten Bedingungen stattfinden muss, damit sie einen positiven Einfluss hat. Zu diesen Vorrausetzungen zählen unter anderem, dass die Interaktionspartner den gleichen Status innerhalb der Situation besitzen, sie die gleichen Werte teilen, dass Ergebnis des Kontakts befriedigend ist, sowie eine kooperative und keine kompetitive Beziehung vorliegt.

Die Indikatoren, welche jedoch den stärksten Einfluss auf homonegative Einstellungen haben, tauchen eher selten in der öffentlichen Debatte rund um die Problematik auf. Es handelt sich um mehrere Dimensionen, die man unter dem Begriff Heterosexismus bzw. Heteronormativität zusammenfassen kann. Die Elemente, welche im Folgenden behandelt werden, umfassen: Geschlecht, Sexualethik, Identifikation über die sexuelle Orientierung, traditionelle Geschlechterrollen und Sexismus.

Zu Beginn steht die Feststellung, dass Männer und Frauen unterschiedlich gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen eingestellt sind. Männer weisen allgemein deutlich öfter homonegative Einstellungen auf als Frauen (Küpper et al. 2017, Simon 2008). Doch während bei Frauen kein Unterschied in den Haltungen zwischen nicht-heterosexuellen Männern und Frauen konstatiert werden kann, sind Männer wesentlich häufiger ablehnend gegenüber Schwulen als gegen Lesben positioniert (Steffens Wagner 2004, Simon 2008).

Doch woran liegt das? Viele Publikationen legen nahe, dass homonegativ eingestellte Menschen nicht-heterosexuelle Personen als Bedrohung wahrnehmen, da diese ihre Bilder von traditionellen Geschlechterrollen in Frage stellen (Steffens Wagner 2009). Nicht umsonst sehen sich Homosexuelle häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien keine „echten“ Frauen oder Männer (Brassel-Ochmann 2016: 14-15, Pascoe 2013). In der Regel attestiert man nicht-heterosexuellen Frauen sie seien zu männlich und nicht-heterosexuellen Männern sie seien zu weiblich (Durell et al. 2007: 301-302, Hillier Harrison 2004: 80). Die Begriffe können in diesem sexistischen Konstrukt recht eindeutig als Synonyme für stark und schwach decodiert werden. Deshalb wird in vielen Studien auch oft ein Zusammenhang zwischen homonegativen und sexistischen Einstellungen ermittelt (Whitley Lee 2000, Whitley 2001, Heitmeyer 2005-2012). Beide Konzepte beruhen auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit und behandeln die verwandten Themen Sexualität und Geschlecht. Laut Rauw (2001) zeigen lesbische Frauen auf, dass weibliche Sexualität ohne einen aktiven männlichen Part funktioniert und fordern zudem patriarchalische Gesellschaftsstrukturen heraus. Homonegativität ist nach dieser These die angstvolle Reaktion der Frauen auf potentielle Autonomie, welche zwar mit Freiheiten aber auch mit vielen neuen Anforderungen verbunden wäre, und die der Männer auf Verlust ihrer Vormachtstellung.

Weiterhin ist festzuhalten, dass sich die Männlichkeit von heterosexuellen Männern sich sehr stark über ihren Erfolg bei Frauen definiert. Die Geschlechtsidentität wird also zu einem großen Teil über die sexuelle Orientierung gebildet oder prägnanter formuliert: Man ist ein „echter“ Mann, weil man Frauen begehrt und von ihnen begehrt wird (Rehberg 2013). Analysiert man die Beobachtung, dass Männer, die sich als streng heterosexuell einordnen ein deutlich erhöhtes Potenzial für homonegative Einstellungen haben (Andrejewski 2016, Steffens Wagner 2004), liegt die Interpretation nahe, dass auch die Theorie der sozialen Identität eine Erklärung sein könnte. Die von Tajfel und Turner (1986) aufgestellte Theorie besagt: Individuen definieren sich über ihre personale und die soziale Identität. Die

[...]


1 LGBTQ ist eine Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender Queer und bezeichnet einen Sammelbegriff für Menschen, die nicht heterosexuell sind oder sich nicht in das binäre Geschlechtersystem einordnen. Aufgrund ähnlicher Interessen und Probleme wird häufig von einer Bewegung oder einer Gemeinschaft gesprochen.

2 An dieser Stelle sei explizit darauf hingewiesen, dass es bei Homonegativität nicht nur um die ablehnenden Haltungen gegenüber Homosexuellen geht, sondern andere nicht-heterosexuelle Orientierungen, wie beispielsweise Bi- oder Pansexualität in dieser Definition inkludiert werden. Verschiedene Studien zeigen nämlich, dass die Abweichung von Heterosexualität entscheidend ist, nicht die spezifische homosexuelle Orientierung. Meistens sind die ablehnenden Einstellungen gegenüber beispielsweise bisexuellen Personen noch höher, als gegen Homosexuelle (Steffens Wagner 2004: 139).

3 Heteronormativität beschreibt ein streng dichotomes Geschlechtersystem, in welchem lediglich zwei Geschlechter als zwei Gruppen, die sich gegenseitig ausschließen, akzeptiert sind. Das jeweilige Geschlecht wird mit Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle und sexueller Orientierung gleichgesetzt (Homophobie.at).

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Details

Titel
Homonegativität in Deutschland. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Bundesrepublik
Untertitel
Eine Untersuchung über Ursachen, Verbreitung und Auswirkungen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Gruppenbezogene Identifikation in der BRD
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
29
Katalognummer
V453812
ISBN (eBook)
9783668869011
ISBN (Buch)
9783668869028
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Homophobie, Homonegativität, Menschenfeindlichkeit, LGBTQ, LGB
Arbeit zitieren
Jacob Städtler (Autor), 2018, Homonegativität in Deutschland. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Bundesrepublik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453812

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