Welche Ursachen und Determinanten hat Homonegativität und welche Auswirkungen kann sie für die Opfer haben? Wie stark ist dieses Phänomen in Deutschland heute wirklich noch verbreitet? Diese Problematiken zu untersuchen, einzuordnen und zu bewerten ist das Ziel dieser Arbeit.
Am 1.Oktober 2017 feierte die deutsche LGBTQ-Gemeinde ein historisches Ereignis. Mit der Verabschiedung der Ehe für Alle wurden gleichgeschlechtlichen Paaren dieselben Privilegien wie ihren heterosexuellen Pendants zugestanden, wenn sie sich für eine Eheschließung entscheiden. Damit endete in Deutschland oberflächlich eine jahrhundertelang dauernde Episode staatlicher Repression und Diskriminierung von Homosexuellen.
Doch wer daraus eine einheitliche gesellschaftliche Toleranz und Akzeptanz von nicht-heterosexuellen Menschen ableitet, der irrt. Schließlich kam die Abstimmung nur zustande, weil die potentiellen Koalitionspartner der Union (Die Grünen, FDP und SPD) erklärten, dass sie lediglich eine Regierung mit einer Partei bilden würden, welche die Ehe für Alle gesetzlich verankert. Daraufhin erklärte die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Abstimmung zu einer Gewissensfrage und befreite ihre Partei damit vom Fraktionszwang. Trotz dessen stimmten drei Viertel der Unionsabgeordneten gegen den Gesetzentwurf, sowie die gesamte Alternative für Deutschland. Insgesamt votierten damit mehr als ein Drittel der Abgeordneten gegen die Ehe für Alle.
Da die Parteienpositionen bis zu einem gewissen Grad auch immer auch ein Abbild der gesellschaftlichen Stimmung sind, kann man davon ausgehen, dass die Gleichstellung von nicht-heterosexuellen Menschen immer noch von vielen Bürgern abgelehnt wird bzw. sie Vorurteile oder negative Einstellungen gegenüber dieser Gruppe haben. Bedenkt man, dass Homonegativität tief in der deutschen Geschichte verwurzelt ist und erst 1994 endgültig als Strafbestand aus dem Gesetzbuch entfernt wurde, ist diese Erkenntnis nicht verwunderlich.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1. Homophobie – ein inadäquater Begriff? Definition, Problematik und Alternativen
2.2. Historische Wurzeln von Homonegativität
2.3. Soziale und psychologische Determinanten von Homonegativität
3. Empirischer Teil
3.1. Ausprägung und Verbreitung von Homonegativität in der deutschen Bevölkerung
3.2. Soziale und individuelle Auswirkungen von Homonegativität auf nicht-heterosexuelle Menschen
4. Konklusion
4.1. Fazit
4.2. Lösungsvorschläge und Möglichkeiten zur Besserung der Situation
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Ursachen, die Verbreitung sowie die Auswirkungen von Homonegativität in Deutschland. Ziel ist es, das Phänomen jenseits der öffentlichen Wahrnehmung wissenschaftlich einzuordnen, die zugrunde liegenden Determinanten zu identifizieren und die negativen Konsequenzen für betroffene Personen aufzuzeigen, um daraus Lösungsansätze abzuleiten.
- Historische und soziale Wurzeln ablehnender Einstellungen
- Psychologische Determinanten der Homonegativität
- Empirische Verbreitung in der deutschen Gesellschaft
- Individuelle und soziale Auswirkungen auf nicht-heterosexuelle Menschen
- Ansätze für Aufklärung, Schutz und gesetzliche Maßnahmen
Auszug aus dem Buch
3.2. Soziale und individuelle Auswirkungen von Homonegativität auf nicht-heterosexuelle Menschen
Wie Meyer (2003) aufzeigt, sind Minderheiten vermehrtem Stress ausgesetzt. Zusätzlich zu der Belastung, der auch Menschen ausgesetzt sind, welche keinen Minoritätenstatus innehaben, kommt der Stress hinzu, welcher aus diesem Status resultiert.
Dieser zusätzliche psychische Ballast entspringt zwei Faktoren: erstens aus realen Erlebnissen von Stigmatisierung, Diskriminierung und Gewalt, sowie zweitens aus der Angst vor Ablehnung, der Verheimlichung der sexuellen Orientierung und der Verinnerlichung homonegativer Einstellungen. In der Folge entwickeln nicht-heterosexuelle Menschen überdurchschnittlich oft psychische Krankheiten und Störungen, zudem sind diese häufig stärker ausgeprägt (Meyer 1995, Mak et al. 2007).
Kroh et al. (2017) kommen zu ähnlichen Ergebnissen. In ihrer Auswertung weisen nicht-heterosexuelle Menschen allgemein eine geringere Lebenszufriedenheit auf. Weiterhin berichten LGB-Befragte doppelt so häufig von einer depressiven Erkrankung, als Heterosexuelle. Im schlimmsten Fall führt der vermehrte Stress zur Selbsttötung bzw. zum Versuch dessen. In der Folge können häufige Suizidgedanken, Selbstmordversuche und stark erhöhte Suizidraten unter nicht-heterosexuellen Menschen festgestellt werden (Plöderl et al. 2006, Plöderl et al. 2013). Laut McDermott et al. (2008) ist beispielsweise die Wahrscheinlichkeit von Selbstmordversuchen unter LGB-Personen viermal so hoch wie bei Heterosexuellen. Die Autoaggressionen sind ihrer Untersuchung nach auf homonegative Erfahrungen zurückzuführen. Insbesondere das Gefühl der Scham, aufgrund von mangelnder positiver Identifikationsmöglichkeiten und Mobbing durch andere, scheint ein dominanter Faktor zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Kontext der „Ehe für Alle“ in Deutschland und stellt fest, dass trotz gesetzlicher Fortschritte weiterhin relevante Anteile der Bevölkerung ablehnende Haltungen gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen hegen.
2. Theoretischer Rahmen: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Homonegativität und Heterosexismus, untersucht die historischen Wurzeln sowie die sozialen und psychologischen Determinanten ablehnender Einstellungen.
3. Empirischer Teil: Der empirische Teil analysiert aktuelle Studien zur Verbreitung von Homonegativität in Deutschland und untersucht die psychischen sowie sozialen Folgen für Betroffene, einschließlich Stressfaktoren und Gewalt.
4. Konklusion: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen, bewertet die Relevanz des Phänomens und leitet konkrete Handlungsempfehlungen zur gesellschaftlichen und politischen Verbesserung der Situation ab.
Schlüsselwörter
Homonegativität, Homophobie, Heterosexismus, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Heteronormativität, Diskriminierung, Minderheitenstress, Geschlechterrollen, Sozialisation, Vorurteile, Gesellschaftliche Akzeptanz, LGBTQ, Stigmatisierung, Intersektionalität, Toleranz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Untersuchung von Homonegativität in Deutschland, ihren Ursachen, ihrer tatsächlichen Verbreitung in der Bevölkerung und ihren Auswirkungen auf nicht-heterosexuelle Menschen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Herleitung ablehnender Einstellungen, die empirische Analyse aktueller Studien sowie die Betrachtung der psychischen und sozialen Folgen für Betroffene.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Wurzeln der Homonegativität zu identifizieren, das tatsächliche Ausmaß in Deutschland zu erfassen und die negativen Auswirkungen auf die Opfer darzustellen, um den Handlungsbedarf zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische und empirische Literaturarbeit, die auf Basis bestehender Studien und Forschungsergebnisse verschiedene Dimensionen der Homonegativität analysiert und zusammenführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung (Begriffsdefinitionen, historische und soziale Ursachen) und einen empirischen Teil, der Daten zur Verbreitung und zu den Auswirkungen auf Betroffene auswertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Homonegativität, Heterosexismus, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung, Minderheitenstress und Geschlechterrollen.
Welche Rolle spielen traditionelle Geschlechterrollen bei diesem Phänomen?
Der Glaube an traditionelle Geschlechterrollen ist eine der bedeutendsten Determinanten für Homonegativität, da diese Rollenbilder durch nicht-heterosexuelle Identitäten herausgefordert werden.
Warum wird der Begriff „Homophobie“ kritisch hinterfragt?
Der Begriff ist unpräzise, da er impliziert, die Ablehnung beruhe primär auf Angst („Phobie“), während oft Hass, Ekel oder Abwertung dominieren und die sozialen Ursachen des Phänomens vernachlässigt werden.
Warum ist das Thema der sozialen Erwünschtheit in Studien so relevant?
Da ablehnende Haltungen im öffentlichen Diskurs zunehmend verpönt sind, neigen Befragte dazu, ihre Meinung nicht wahrheitsgemäß zu äußern, was die tatsächliche Verbreitung in vielen Studien verzerrt.
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- Jacob Städtler (Author), 2018, Homonegativität in Deutschland. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Bundesrepublik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453812