Aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen wachsen immer mehr Kinder ohne Vater auf, haben keine emotionale Verbindung zu diesem oder müssen eine Trennung vom Vater miterleben. Pädagogische Angebote bieten, aufgrund der frauendominierten Erziehungslandschaft kaum Ersatz für eine Vaterfigur und versuchen zusätzlich wilde, jungentypische Spiele, zugunsten von ruhigen, gesellschaftsfähigeren Aktivitäten, aus der Erziehung zu verbannen. Dabei gehen aktuelle psychoanalytische Theorien davon aus, dass der Vater und seine Interaktion mit dem Sohn eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Jungen spielen. Parallel zu den gesellschaftlichen Veränderungen steigt die Anzahl der ADHS-Diagnosen in den letzten Jahren drastisch an. Eine deutlich höhere Anzahl an männlichen Erkrankten liefert einen Verdacht des Einflusses des Vaters auf die Entstehung der Symptomatik und verleitet zur Annahme der Forschungsfrage. Die folgenden Ausführungen werden nun untersuchen, an welchen Stellen in der psychoemotionalen Entwicklung des Jungen, das Fehlen eines Vaters negative Auswirkungen haben könnte, welche eine verringerte Aufmerksamkeitselektion, gesteigerte Impulsivität oder eine Hyperaktivität begünstigen könnten. Es wird damit die Frage bearbeitet, ob die Deprivation des Vaters eine mögliche Ursache für die ADHS Symptomatik sein könnte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1. Gliederung der Arbeit
1.2. ADHS und aktuelle Ansätze
1.3. Rolle des Vaters in der Erziehung
2. Triangulierung
2.1. Abgrenzung von der Mutter
2.2. Identifikation und Identität
2.3. Gesetz des Vaters
2.4. Spiel/Exploration
3. Gescheiterte Triangulierung und ADHS
3.1. Gewaltsame Abgrenzung von Mutter
3.1.1. Kompensation der Ängste
3.1.2. Aktive Handlungsstrategie
3.2. Probleme bei Identitätsbildung
3.2.1. Repräsentanz des Vaters in der Mutter
3.2.2. Integration weiblicher Anteile
3.2.3. Fehlendes Rollenvorbild
3.3. Unterentwickeltes Über-Ich
3.4. Umgang mit Affekten
4. Fazit
4.1. Aussicht
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den potenziellen Einfluss der Abwesenheit des Vaters auf die Entstehung von ADHS bei Jungen aus einer psychoanalytischen Perspektive. Ziel ist es, zu ergründen, ob eine sogenannte Vaterdeprivation eine ursächliche Rolle bei der Entwicklung der Symptomatik spielen kann, indem die normale psychoemotionale Entwicklung des Kindes gestört wird.
- Theorie der Triangulierung und deren Bedeutung für die männliche Entwicklung
- Auswirkungen der Vaterlosigkeit auf Identitätsbildung und Abgrenzungsprozesse
- Zusammenhang zwischen Vaterdeprivation und Störungen des Über-Ichs
- Analyse von ADHS-Symptomen als kompensatorische Abwehrmechanismen und Ausdrucksmotilität
- Kritische Reflexion der "Mainstream"-Sicht auf ADHS gegenüber psychoanalytischen Ansätzen
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Kompensation der Ängste
Jungen neigen dabei zumeist dazu, diese Ängste durch "... Hyperaktivität und Getriebenheit, aggressive Durchbrüche und ausagierende, sozial störende Verhaltensweisen ..." abzuwehren. Auch Größenwahn und Narzissmus sind solche Abwehrmechanismen (Heinemann und Hopf 2001, S. 107). „Über seine kinetische Funktion führt er Affekte ab, die nicht hinreichend symbolisiert worden sind.“ (Dammasch und Charlier 2012, S. 56). Eine solche Abwehr von inneren Ängsten wird von der Psychoanalyse als zentrale Ursache von Regulationsstörungen gesehen (Staufenberg 2011, S. 84). Eine zentrale Theorie ist hierbei die der manischen Abwehr. Hierbei flieht der Junge in die Bewegung, um innerpsychischen Konflikten aus dem Weg zu gehen (Bovensiepen und Borowski 2002, S. 23–24) und wehrt damit innere Angst und Ohnmacht typischerweise durch das angetriebene Verbreiten von Angst und Größenwahn ab (Dammasch und Charlier 2012, S. 135).
Die Angst vor der inzestuösen Überwältigung, welche gerade durch solch eine bereits genannte „Pseudotriangulierung“ hervorgerufen werden kann, könnte als eine solche innere Angst vor der Ohnmacht verstanden werden (Bovensiepen und Borowski 2002, S. 39) Auch nach Dammasch (2009, S.332) kann ADHS in diesem Fall als eine panische Angst vor der „Selbstauflösung“ oder der „Kastration“ verstanden werden. Die Jungen springen hin und her zwischen einem übermäßig freundlichen und einem delinquenten, negativen Verhalten, was sie sexuell errege und "in manischer Weise antreibt" (Dammasch und Charlier 2012, S. 84). Während sie nachts die Zuneigung ihrer Mutter suchen, zeigen viele dieser Jungen tagsüber dann jedoch ein gegensätzliches, aggressives und narzisstisches Verhalten, haben "kaum Frustrationstoleranz, wenig Lernmotivation und soziale Kompetenz" (vgl. Dammasch 2012, 133).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel führt in die Problematik der zunehmenden Vaterlosigkeit und der steigenden ADHS-Diagnosen bei Jungen ein und stellt die Forschungsfrage, ob eine Deprivation des Vaters eine mögliche Ursache für diese Symptomatik sein kann.
2. Triangulierung: Hier werden die zentralen psychoanalytischen Konzepte erläutert, wie der Vater als dritte Instanz die Mutter-Kind-Dyade trianguliert und so die psychische Reifung, Identitätsbildung und Gewissensentwicklung des Jungen maßgeblich fördert.
3. Gescheiterte Triangulierung und ADHS: Dieses Kapitel analysiert detailliert, wie das Ausbleiben des Vaters als Triangulierungsobjekt zu schweren innerpsychischen Konflikten, Identitätskrisen und der Entwicklung von ADHS-Symptomen als dysfunktionalen Bewältigungsstrategien führen kann.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass Vaterlosigkeit zwar als mögliche Ursache für ADHS-Symptome bei Jungen angesehen werden kann, jedoch nicht zwangsläufig determiniert, da kompensatorische Faktoren eine Rolle spielen können.
Schlüsselwörter
ADHS, Vaterlosigkeit, Triangulierung, Psychoanalyse, Identitätsbildung, Über-Ich, Vaterdeprivation, Affektregulation, Jungenentwicklung, Abwehrmechanismen, Symbolisierungsfähigkeit, hyperkinetisches Syndrom, Mentalisierung, männliche Identität, Erziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht aus einer psychoanalytischen Perspektive, ob das Fehlen einer Vaterfigur die psychoemotionale Entwicklung von Jungen so beeinträchtigen kann, dass dies zur Entstehung von ADHS-Symptomen beiträgt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Theorie der Triangulierung, die Bedeutung des Vaters für die Identitätsbildung, die Entwicklung des Über-Ichs sowie psychodynamische Erklärungsansätze für motorische Unruhe und Verhaltensauffälligkeiten bei Jungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob die Deprivation des Vaters eine mögliche Ursache für die ADHS-Symptomatik bei Jungen sein könnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die psychoanalytische Konzepte und aktuelle Erkenntnisse der Vaterforschung heranzieht, um das ADHS-Syndrom aus einer psychodynamischen statt einer rein biologisch-medizinischen Perspektive zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie die gescheiterte Triangulierung – etwa durch die gewaltsame Abgrenzung von der Mutter oder ein fehlendes männliches Rollenvorbild – zu typischen ADHS-Symptomen führt, wobei diese als unbewusste Abwehrmechanismen gegen Inzestängste, Ohnmacht oder Identitätskrisen gedeutet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind ADHS, Vaterlosigkeit, Triangulierung, Psychoanalyse, Identitätsbildung, Über-Ich und Affektregulation.
Was versteht die Arbeit unter dem Begriff "Pseudotriangulierung"?
Pseudotriangulierung beschreibt den Zustand, in dem der Junge den symbolischen Platz des Vaters innerhalb der Mutter einnimmt, da kein realer Vater zur Verfügung steht, was zu einer libidinös besetzten dyadischen Beziehung führt.
Warum wird ADHS in der Arbeit oft als "Ausdrucksmotilität" bezeichnet?
Der Begriff beschreibt, dass Kinder, die nicht über die Fähigkeit verfügen, ihre Affekte sprachlich oder mental zu verarbeiten, gezwungen sind, diese innerseelischen Konflikte durch aggressive oder hyperaktive körperliche Impulse nach außen zu tragen.
Welche Rolle spielt das "väterliche Nein" für die Entwicklung?
Das "väterliche Nein" symbolisiert die notwendige Grenzziehung, die dem Jungen hilft, sich aus der symbiotischen Bindung zur Mutter zu lösen und das Tor zur Gesellschaft sowie zu einer altersgemäßen Über-Ich-Entwicklung zu öffnen.
- Quote paper
- Christoph Blum (Author), 2016, Vaterlosigkeit und ADHS. Einfluss der Abwesenheit des Vaters auf die Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453920