Das unmissverständliche Bild. Analyse eines Filmbeitrags


Seminararbeit, 2004

33 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Struktur- und Feinprotokoll

3. Analyse des Filmbeitrags
3.1 Sequenzanalyse
3.2 Sprachliche Gestaltung
3.3 Visualisierungsgrad
3.4 Einstellungslänge
3.5 Kamera- und Objektbewegungen
3.6 Einstellungsgröße
3.7 Einstellungsprofil
3.8 Kameraperspektive
3.9 Bild-Text-Bezug

4. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Medium Fernsehen existiert seit circa siebzig Jahren in Deutschland, doch erst seit Beginn der 60er Jahre gibt es regelmäßige Verbraucherberatung und -aufklärung im Programmangebot. Durch die Gründung des Zweiten Deutschen Fernsehens stand mehr Sendezeit zur Verfügung, so dass Fachredaktionen entstanden, die sich speziellen Gebieten widmen konnten.

Vorreiter der verbraucherorientierten Sendungen war das ‚Gesundheitsmagazin Praxis‘ des ZDF, das in kurzer Zeit über ein interessiertes Stammpublikum verfügte. 1971 folgte die ARD diesem Sendekonzept mit der Einführung der ‚ARD-Ratgeber-Reihe‘, die sich auf verschiedene Themengebiete wie beispielsweise Gesundheit, Geld und Technik spezialisierte .[1] Das Sendeangebot mit Verbraucherinformationen ist aufgrund der zunehmenden Programmvielfalt seitdem stark gewachsen. Ungeachtet dessen konzentrierte sich die Wissenschaft in der Vergangenheit vorwiegend auf die Untersuchung von Nachrichtensendungen[2], „denen nicht nur wegen des elaborierten Codes der Nachrichtensprache, sondern auch aufgrund der visuellen Gestaltung ungenügende Verständlichkeit für weite Kreise der Fernsehzuschauer attestiert wurde.“[3] Doch gerade die Verständlichkeit ist, neben der Klarheit, „die am häufigsten artikulierte Forderung an die Sprach- und Bildgestaltung in den Medien“.[4] Beim audiovisuellen Medium Fernsehen wird das Verständnis des Filmgeschehens vor allem dann gefördert, wenn „sich Sprache und Bild auf dasselbe Referenzobjekt beziehen und im Idealfall die ‚semantischen Lücken’ des jeweils anderen Zeichensystems ausfüllen “[5], wie es im analysierten Beitrag ‚Teilimplantiertes Hörgerät‘ der Fall ist. Allerdings entscheidet nicht allein die Art und Weise der Wort-Bild-Verknüpfung darüber, wie verständlich ein Filmbeitrag ist. Aus diesem Grund sollen nach einer exakten Protokollierung des Beitrags und einer anschließenden Sequenzanalyse[6] die sprachliche Gestaltung, sowie einzelne Faktoren der Film- und Bildsprache einer genaueren Analyse unterzogen werden.

Hierzu zählen der Visualisierungsgrad der Thematik, die Einstellungsdauer bzw. -größe, die Kamera- und Objektbewegungen und die Kameraperspektive. Da aufgrund der engen Verbindung von Bild und Text keine Bild-Text-Scheren zu erwarten sind, werden Filmpassagen mit auffälligen Bild-Text-Bezügen näher betrachtet.

2. Struktur - und Feinprotokoll

Mittels des folgenden Struktur- und Feinprotokolls der Sendung ‚Einfach genial‘[7] bzw. des ausgewählten Filmbeitrags ‚Teilimplantiertes Hörgerät‘ soll der detaillierte Verlauf der Sendung bzw. des Beitrags aufgezeigt werden, so dass die anschließende Analyse besser nachvollzogen werden kann. Überdies hält Werner Faulstich die Protokollierung eines Films für notwendig, weil ohne Analyse mit Protokoll eine Interpretation „nicht werkbezogen rational begründet werden“ kann; weil sich ohne sie „keine systematischen Detailuntersuchungen anstellen“ lassen, weil „ohne die Gesamtstruktur nur eingeschränkt fundiert werden“ kann und damit „der einfachsten Verpflichtung wissenschaftlichen Arbeitens“‚„exakt zu dokumentieren und zitieren“, nicht nachgekommen werden kann.[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Analyse des Filmbeitrags

3.1 Sequenzanalyse

Im Feinprotokoll wurde die kleinste „filmtechnische Einheit“[9], die Einstellung, dargestellt. Unter einer Einstellung versteht man die Bildabfolge, welche „von der Kamera zwischen Öffnen und Schließen des Verschlusses aufgenommen wird.“[10] Die „nächstgrößere filmische Einheit“ bilden die Sequenzen, welche nach Ingrid Hamm „zusammenhängende Folgen von Einstellungen, die durch die Filmmontage verknüpft inhaltlich abgrenzbare Aussagekomplexe darstellen.“[11] Ähnlich äußert sich Hickethier, der die Sequenz als Handlungseinheit versteht, „die zumeist mehrere Einstellungen umfasst und sich durch ein Handlungskontinuum von anderen Handlungseinheiten unterscheidet.“[12] Auch Kurowski bezeichnet die Sequenzen als „Handlungseinheiten“, die sowohl auf das Geschehen vor der Kamera, als auch auf einen über Zeit und Raum hinweggehenden Montagevorgang bezogen sind.[13]

Nach Dadek ist unter der Sequenz die „kleinste dramaturgische Einheit“[14] zu verstehen. Hamm ergänzt, dass die Funktion der Sequenz vergleichbar der eines Sinnesabschnittes in einem Text oder dem Aufzug im Theaterstück sei.[15] Anhand der Vielfalt der Definitionen wird deutlich, dass die Sequenzbildung im Gegensatz zur Einstellungsbestimmung mehrere Faktoren umfasst und deshalb weniger eindeutig ist.[16] Im Folgenden wurde anhand von Hamms Definition ein Sequenzprotokoll erstellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Beitrag ‚Teilimplantiertes Hörgerät‘ besteht aus den drei Hauptsequenzen Einleitung, Hauptteil und Fazit. Die erste Hauptsequenz, die mit einer konkreten Fallgeschichte beginnt, umfasst die folgenden vier Sequenzen:

1. Hinführung auf das Thema des Beitrags: ‚Hörminderung‘ (Einstellung 1 bis 3)
2. Erläuterung des Krankheitsbildes (Einstellung 4 bis 5)
3. Nachteile eines herkömmlichen Hörgeräts (Einstellung 6 bis 11)
4. Gang zum Arzt (Einstellung 12 bis 23)

Der Zuschauer erfährt hier alles Wissenswerte über das Krankheitsbild ‚Hörminderung‘ und die Nachteile, die ein herkömmliches Hörgerät mit sich bringt. Außerdem verdeutlichen Szenen im Straßenverkehr (Einstellung 12 bis 23), dass selbst das Überqueren einer Straße für einen Hörgeschädigten zur Gefahr werden kann.

Auffällig sind, neben dem Popsong aus dem Radio, der die Frühstücksszene einleitet, die zahlreichen ‚Atmo‘, welche den Einleitungsteil begleiten. So werden die Anfangsszenen (Einstellung 1 bis 3) mit typischen Geräuschen wie etwa das Sprudeln beim Eingießen eines Glas Wassers oder das Rauschen einer Kaffeemaschine untermalt. Auch die Szenen im Straßenverkehr wirken sehr realistisch, weil beispielsweise das Geräusch vorbeifahrender Autos oder eine Fahrradklingel zu hören ist.

Abgesehen von den extremen Kamerabewegungen der Sequenz S1, sind die der folgenden Szenen nicht auffällig.

Die zweite Hauptsequenz, die den Hauptteil des Beitrags ausmacht, gliedert sich ebenfalls in vier Sequenzen:

1. Untersuchung durch den HNO-Arzt (Einstellung 24 bis 28)
2. Präsentation des neuen Hörgeräts und Erläuterung des operativen Eingriffs per Trickdarstellung (Einstellung 29 bis 33)
3. Kontrolluntersuchung durch HNO-Arzt und Erklärung der Funktionsweise des neuen Hörsystems (Einstellung 34 bis 36)
4. Hörtest (Einstellung 37 bis 44)

Der Hauptteil beschäftigt sich vorwiegend damit, eine neue Operationsmethode vorzustellen. Da die Thematik laut Hamm, eine hohe ikonische Qualität aufweist[17], dominieren Aufnahmen, die sich auf das Aussehen, die Handhabung und Funktionsweise des neu entwickelten Hörsystems beziehen. Besonders anschaulich ist die Sequenz S6, in der der operative Eingriff mittels einer Trickdarstellung erklärt wird. Außerdem begleiten rhythmische Töne den Hauptteil und zeigen an, wann eine neue Sequenz beginnt.

In den Einstellungen 45 bis 51 des Schlussteils äußert Steding in einem kurzen Statement seine Zufriedenheit über das neue Hörgerät. Der nachfolgende Kommentar schließt den Bogen zum Beginn des Beitrags, indem er mit dem Satz „Die Welt klingt jetzt anders für Winfried Steding“ auf die eingangs dargestellten Hörschwierigkeiten Stedings anspielt. Die dazugehörigen Aufnahmen, die Steding mit Freunden am Kaffeetisch zeigen, werden auch hier passend mit ‚Atmo‘ von Gesprächen mehrerer Personen unterlegt.

Gewöhnungsbedürftig ist allerdings das abrupte Ende des Beitrags. Ohne einen Abspann erfolgt direkt die Anmoderation zum nächsten Beitrag.

3.2 Sprachliche Gestaltung

Wenn es um die Verständlichkeit eines Filmbeitrags geht, sind vor allem Vokabular und Syntax angesprochen. Hamm zufolge ist der Erfolg aller weiteren kognitiven Operationen in Frage gestellt, wenn die Informationsverarbeitung bereits auf dieser Ebene behindert wird.[18] So haben Untersuchungen ergeben, dass die Hälfte aller erwachsenen Fernsehzuschauer überfordert ist, wenn die Länge der akustisch wahrgenommenen Sätze vierzehn Wörter übersteigen.[19] Des Weiteren setzt das Verständnis bei nahezu einem Drittel der Erwachsenen bereits bei zwölf Wörtern pro Satz aus.[20] Für das Fernsehen gelten diese Einschränkungen in einem stärkeren Maß als für andere Medien, da der Zuschauer „seine Aufmerksamkeit zwischen Bild und Ton teilen und die visuellen und verbalen Informationen synchron verarbeiten“ muss.[21] Außerdem fehlen Möglichkeiten der Informationssicherung wie etwa Denkpausen oder Wiederholungen, so dass Vokabular und Syntax darüber entscheiden,

inwieweit es dem Zuschauer gelingt, in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit das „semantische Grundgerüst des Filmberichts zu erfassen“.[22]

Psycholinguistische Forschungen und Untersuchungen zur Fernsehsprache belegen, je mehr sich eine akustische Nachricht der Umgangssprache annähert, desto verständlicher ist sie.[23] Dabei spielen vor allem die lexikalische Gestaltung, die Satzstruktur, die Informationsdichte sowie der Sprechstil eine wichtige Rolle.

Durch ungebräuchliche Wörter, Abkürzungen und Fremdwörter, die nicht im Lexikon des Rezipienten enthalten sind, kommt es , so Hamm, zu „Knicken im Verstehensprozess“, die „zeitraubende Such- und Schlußfolgerungsoperationen“ zu Folge haben.[24] Nach Huth führen mehrere solcher ‚Knicke‘ dazu, dass nicht nur das Interesse und die Aufmerksamkeit stark nachlassen, sondern dass der Zuschauer völlig abschaltet.[25]

Bezüglich der Satzstruktur erleichtern vor allem einfache und kurze Sätze das Verständnis. Doch nicht nur durch die Länge sondern auch durch die Komplexität der Sätze wird die Verständlichkeit erschwert. Aus diesem Grund erklärte der Journalist Wolf Schneider den Schachtelsatz zum „Hauptfeind der Verständlichkeit“.[26] Ballstaedt führt hierzu an, dass untergeordnete Nebensätze, vor allem Satzeinbettungen, bei gesprochener Sprache deshalb große Probleme bereiten, weil es dem Rezipienten gelingen muss, den ersten Satzteil solange zu behalten, „bis der eingeschlossene Satzteil verarbeitet ist“, um die ganze Phrase zu verstehen.[27]

Im Hinblick auf die Informationsdichte ergaben Untersuchungen zur Nachrichtensprache, dass vor allem der nachrichtentypische Nominalstil das Verständnis erschwert, weil er im Gegensatz zur Umgangssprache stark am Substantiv ausgerichtet ist.[28] Zudem, so Hamm, ist das Verhältnis von Substantiven und Verben in einem Text ein „Maß für die Spontaneität bzw. Aktivität eines Textes“.[29]

Auch die Sprechweise muss als medienspezifischer Faktor beim Fernsehen mit einbezogen werden. So verhindern schnelles Sprechen und fehlende Sprechpausen ein Überdenken des Gehörten und führen zu Verständnisschwierigkeiten.[30] Die Satzdauer (in Sekunden) und die Anzahl der Silben pro Minute gelten als „wichtigste Indikatoren des Sprechstils“.[31] Psycholinguisten fordern ein mittleres Sprechtempo von 250 Silben pro Minute.[32] Außerdem sollte ein Satz nicht länger als 7 Sekunden dauern.[33]

Die Verständlichkeit des vorliegenden Beitrags wurde zunächst anhand der von Fleck erstellten Formel, die 1976 in einer Untersuchung zu Fernsehwahlsendungen benutzt wurde, ermittelt.[34] Diese Formel berücksichtigt nicht nur Besonderheiten der deutschen Sprache, sondern bezieht vor allem auch die Satzkomplexität mit ein.[35]

[...]


[1] Vgl. Ingrid Hamm, Inhalt und Audiovisuelle Gestaltung, Der Einfluss thematischer Aspekte auf die Gestaltung von Verbrauchersendungen des Fernsehens, Nürnberg 1985, S. 5.

[2] Z.B. die Untersuchung von Bernward Wember 1976.

[3] Hamm, Inhalt und Audiovisuelle Gestaltung, S.2.

[4] Tilo Prase, Das Gebrauchte Bild, Bausteine einer Semiotik des Fernsehbildes, Berlin 1997, S. 143.

[5] Ingrid Hamm, Sehen und Verstehen, Verbraucherinformation und ihre Resonanz im Fernsehpublikum, Mainz 1989, S.117.

[6] Hier soll die Gliederung des Beitrags und dessen inhaltlicher Aufbau aufgezeigt werden.

[7] Diese Sendung wurde am 24.02.04 im Rahmen des Magazins ‘Einfach Genial’ im MDR ausgestrahlt.

[8] Knut Hickethier, Film- und Fernsehanalyse, Stuttgart/Weimar 1996, S. 37.

[9] Hamm, Inhalt und Audiovisuelle Gestaltung, S. 137.

[10] Ebenda.

[11] Ebenda.

[12] Hickethier, Film- und Fernsehanalyse, S 38.

[13] Vgl. Ebenda, S. 146.

[14] Vgl. Hamm, Inhalt und Audiovisuelle Gestaltung, S.137.

[15] Vgl. Ebenda.

[16] Vgl. Hickethier, Film- und Fernsehanalyse, S. 146.

[17] Auf die ikonischen Qualitäten wird im Punkt 3.3 genauer eingegangen.

[18] Vgl. Hamm, Sehen und Verstehen, S. 161.

[19] Vgl. Ebenda.

[20] Vgl. Ebenda.

[21] Ebenda.

[22] Vgl. Ebenda.

[23] Vgl. Ebenda.

[24] Ebenda, S.97.

[25] Vgl. Ebenda.

[26] Vgl. Ebenda, S. 162.

[27] Hamm, Inhalt und audiovisuelle Gestaltung, S. 97.

[28] Vgl. Ebenda.

[29] Ebenda, S. 98.

[30] Vgl. Hamm, Sehen und Verstehen, S. 163.

[31] Ebenda.

[32] Vgl. Hamm, Inhalt und audiovisuelle Gestaltung, S. 105.

[33] Vgl. Hamm, Sehen und Verstehen, S. 163.

[34] Vgl. Hamm, Inhalt und Audiovisuelle Gestaltung, S. 100.

[35] Vgl. Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Das unmissverständliche Bild. Analyse eines Filmbeitrags
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Medien-Seminar Fernsehen
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
33
Katalognummer
V45395
ISBN (eBook)
9783638428101
ISBN (Buch)
9783656205302
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit veranschaulicht die Herangehensweise bei der Analyse von audiovisuellen Medien anhand eines ausgewählten Fernsehbeitrags.
Schlagworte
Bild, Analyse, Filmbeitrags, Medien-Seminar, Fernsehen
Arbeit zitieren
Daniela Pieper (Autor:in), 2004, Das unmissverständliche Bild. Analyse eines Filmbeitrags, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45395

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