Gruppendynamik und Rollen. Ein Überblick


Term Paper, 2018
20 Pages, Grade: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Begriffe

3. Entwicklungsphasen einer Gruppe
3.1 Orientierung und Abhängigkeit (Forming-Phase)
3.2 Kampf und Flucht (Storming-Phase)
3.3 Autonomie und Interdependenz (Norming-Phase)
3.4 Vertrauen und Intimität (Performing-Phase)
3.5 Ablösung und Trennung (Adjourning-Phase)

4. Rollentypen innerhalb einer Gruppe

5. Fazit und Ausblick

6. Abbildungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der heutigen Zeit werden Menschen mit Aufgaben konfrontiert, die es notwendig machen, sich in Gruppen zusammenzuschließen und sich in diese zu integrieren. Diese Fähigkeit und Bereitschaft sich in neue Gruppenzusammenhänge einzufügen und sie aktiv zu gestalten, ist stärker gefordert als vor wenigen Generationen. Die Mitglieder unterliegen während einer Gruppenarbeit besonderen Entwicklungen und Prozessen, die zur Bildung und Weiterentwicklung der Gruppe beitragen. Jedes Mitglied der Gruppe besitzt eine unterschiedliche Rolle, welche sich ebenfalls weiterentwickeln kann.

Des Weiteren ist die lebenslange Zugehörigkeit zu einer Gruppe sowohl im familiären als auch im beruflichen Kontext eher zu einer Ausnahme geworden. Durch Patchworkfamilien oder andere Faktoren, wie die berufliche Mobilität und die verstärkte Organisation von kurzlebigen oder teils auch virtuellen Projektteams – das alles führt dazu, dass der Mensch sich im Verlauf seines Lebens an unterschiedliche Konstellationen anpassen muss.

Auch im Rahmen der beruflichen Bildung existieren solche Situationen. Da das Lernen und die Aus- und Weiterbildung heute in vielen Bereichen nicht mehr auf ein Individuum beschränkt ist, sondern zunehmend in Seminaren mit Hilfe von Gruppen oder Teamarbeit erfolgt, ist es sinnvoll, sich mit den Charakteristika dieser Form von sozialer Interaktion zu befassen. Besonders die unterschiedlichen Prozesse und Einflüsse, die auf die Gruppe einwirken, aber auch innerhalb dieser ablaufen, sind hierbei von besonderem Interesse, da diese die Effizienz, die Arbeitsweise und somit den Lernerfolg einer Gruppe enorm beeinflussen können. Gleichzeitig wird es immer schwieriger sich in Gruppen auf vorgegebene Regeln, Gebote und Rollenverteilungen zu berufen. Wie sieht die Arbeit in Gruppen in flachen Hierarchien mit teilautonomen Arbeitsgruppen aus?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Teams in der Organisation (vgl. Kauffeld 2014, S. 155)

Aus dieser Grafik wird ersichtlich, dass Individuen gleichzeitig in mehreren Teams sein können, in denen sie unterschiedliche Aufgaben und Rollen haben. Aus der Grafik lässt sich ableiten, dass die einzelnen Bereiche, wie zum Beispiel die Lieferanten oder Experten innerhalb ihres Bereichs weitere Untergruppen haben. Diese Untergruppen arbeiten wiederum mit anderen Gruppen aus anderen Bereichen. Außerdem wird deutlich, dass zunehmend virtuelle Gruppen an Bedeutung gewinnen, was aufgrund der Digitalisierung immer leichter möglich ist.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen besitzt die Frage nach dem Wesen und dem Funktionieren von Gruppen eine große Aktualität – vor allem für Menschen, die als Vorgesetzte oder Lehrende die Verantwortung für das Gelingen des Gruppenprozesses tragen.

Aus diesem Grund befasst sich diese Ausarbeitung mit der Frage, wie die einzelnen Entwicklungsphasen einer Gruppe aussehen und welche gruppendynamischen Prozesse sich währenddessen abspielen. Des Weiteren wird geschaut, wie Lehrende in den verschiedenen Entwicklungsphasen von der Gruppe wahrgenommen werden und was für methodische Möglichkeiten und Techniken existieren, um die Dynamik in Gruppen zu beeinflussen.

Dazu sollen vorangestellt die für das Thema wesentlichen Begriffe definiert und in den Kontext der beruflichen Bildung eingeordnet werden. Anschließend werden die einzelnen Entwicklungsphasen vorgestellt und genauer betrachtet. Zudem werden Grundkonflikte und Einstellungen der Gruppe dem Lehrenden gegenüber vorgestellt. Daran anschließend werden die verschiedenen Rollentypen nach Belbin dargestellt. Die Ausarbeitung schließt mit einer kritischen Betrachtung und einer zusammenfassenden Schlussbetrachtung ab.

2. Theoretische Begriffe

Nach dem österreichischen Sozialpsychologen Peter Hofstätter können Menschen in sechs verschiedene Kategorien eingeordnet werden. Es wird zwischen einer Menge, einer Klasse, einer Familie, einer Gruppe sowie einer Masse und einem Verband unterschieden. Unter einer Menge wird ein örtlich und zeitlich zufälliges Treffen mehrerer Menschen verstanden. Dabei handelt es sich um ein zufälliges Nebeneinander-Sein, nicht aber um eine engere Beziehung zwischen den Beteiligten. Unter bestimmten Umständen kann aus dieser zufälligen Menge an Menschen eine unstrukturierte Masse oder eine Gruppe werden, wie besipielsweise bei einem Unfall oder einem Feuer. Hofstätter versteht unter einer Masse eine aktivierte Menge, in der sich noch kein Rollensystem entwickelt hat - demnach ist sie ein relativ kurzlebiges Phänomen. Nach der Beseitigung der Ursache kommt es entweder zum Zerfall der Masse zu einer Menge oder geht über in eine Gruppe, sobald sich eine Rollenstruktur entwickelt hat.

Sobald eine Rollenstruktur sowie ein gemeinsames Ziel zugrunde liegen, spricht Hofstätter von einer Gruppe.

Hofstätter teilt Menschen noch nach einem weiteren Aspekt auf: Menschen, die eine gemeinsame Eigenschaft besitzen, bilden eine Klasse, sodass beispielsweise CDU und SPD- Wähler unterschieden werden können. Dabei ist es wichtig, dass die Angehörigen dieser Kategorien sich nicht persönlich kennen müssen; wichtig ist nur, dass sie ein Merkmal gemeinsam haben. Werden die Mitglieder einer Klasse aktiviert, beispielsweise wenn das gemeinsame Merkmal in eine Diskussion gerät, dann bildet sich Hofstätter zufolge ein Verband. Ein Verband ist eine relativ abstrakte Gemeinschaft, welche versucht ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Dabei kann es sich zum Beispiel um Gehaltserhöhungen, Abschaffung von Kernkraftwerken, Errichtung eines Kindergartens handeln. Eine weitere Kategorie ist die Familie. Diese erhält bei der Aufteilung der Kategorien einen Sonderstatus. Sie unterscheidet sich dahingehend zu einer Gruppe, dass sie ein Ziel erreichen will, das aus ihr selbst stammt. Dabei geht es darum, die Nachkommenschaft zu erhalten und hat somit keine weiteren primären Ziele.

Laut Hofstätter existiert eine Gruppe nicht zum Selbstzweck, sondern ist eine Entdeckung der Menschen, mit deren Hilfe sich unterschiedliche Ziele effektiver erreichen lassen. Nach Hofstätter besitzt eine Gruppe zwei zentrale Merkmale. Erstens besteht zwischen den Mitgliedern eine verhaltensintegrierende Ordnung. Das bedeutet, dass in der Gruppe ein Rollensystem vorhanden sein muss, wodurch die Einzelaktivitäten der einzelnen Mitglieder geordnet und geführt werden. Zweitens müssen Einzelaktivitäten und -anstrengungen auf ein gemeinsames Ziel hin koordniert werden.

Der Soziologe George C. Homans definiert dementgegen eine Gruppe als eine Reihe von Personen, die in einer bestimmten Zeitspanne häufiger miteinander in Kontakt kommen und deren Anzahl so gering ist, dass jede Person mit allen anderen in Verbindung treten kann und das von Angesicht zu Angesicht. Diese Definition unterscheidet sich von Hofstätters Definition, da sie den Aspekt einer „ face-to-face-Gruppe “ betont, der für Hofstätter nur eine untergeordnete Rolle besitzt.

Für den Sozialpsycholohen Theodore Newcomb besteht eine Gruppe aus zwei oder mehr Personen, die bezüglich bestimmter Dinge und Fragen gemeinsame Normen haben und deren soziale Rollen eng miteinander verknüpft sind. Für einen der einflussreichsten Pioniere der Psychologie Kurt Lewin (1963) ist eine Gruppe eine dynamische Ganzheit, die durch die wechselseitige Abhängigkeit ihrer Glieder oder Teilbereiche charakterisiert ist.

Aus den ausgewählten Definitionen einer Gruppe wird deutlich, dass es keine genaue Definition gibt. Die Kriterien wie die Art und Form der Gruppe, die Größe und Dauer sowie der Organisationsgrad und auch den Zweck unterscheiden sich von Definition zu Definition. Jedoch kristallisieren sich wesentliche Gruppenmerkmale aus den verschiedenen Definitionen heraus. In einer Gruppe muss ein verhaltensintegrierendes Rollensystem zugrunde liegen und eine enge soziale Interaktion stattfinden. Des Weiteren müssen gemeinsame Werte und Normen sowie Ziele festgelegt werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Gruppenvorteil und das Wir- Gefühl, welches durch die Gruppe ausgelöst wird.

Im folgenden Abschnitt wird anschließend der Begriff der Gruppendynamik erläutert.

Lewin untersuchte bei seinen Arbeiten in Amerika die Prozesse und Phänomene, die sich in Kleingruppen abspielen und bezeichnete diese als „ gruppendynamische Studien “. Im Jahr 1945 gründete er an der Harvard University das „ Forschungszentrum für Gruppendynamik “. Dort wurden vorwiegend Faktoren untersucht, die das Verhalten in Gruppen bestimmen. Die Forschenden versuchten in den folgenden Jahren dieses Wissen durch die Arbeit in „ gruppendynamischen Laboratorien “ weiterzugeben. Dazu konzipierten die Forschenden mehrtägige Seminare, in denen die Teilnehmenden strukturierte Gruppenübungen machten, um die Gruppenprozesse selbst erleben und reflektieren zu können. Durch diese Forschungen wurden Gruppenprozesse nicht mehr lediglich als wissenschaftliches Studium der Gruppenprozesse verstanden, sondern ebenso die Anwendung dieser Ergebnisse.

In der Sozialpsychologie wird der Begriff der Gruppendynamik als Sammelbegriff für verschiedene Methoden und Techniken aufgefasst, die es Menschen ermöglichen, Gruppenprozesse zu analysieren und zu steuern, um bestimmte Ziele zu erreichen. In der heutigen Zeit wird der Begriff der Gruppendynamik mehrdeutig verstanden. Olaf Geramanis definiert Gruppendynamik als eine „ Dynamik, die sich bei der Bildung, dem Fortbestand und dem Abschluss von Gruppen ergibt.“ (Geramanis 2017, S. 8). Weiterhin ist Geramanis der Meinung, dass diese Prozesse allgegenwärtig sind und somit der Satz gilt: „ Gruppendynamik ist wie das Wetter – es findet immer statt. “(Geramanis 2017, S. 8). In diesem Kontext wird Gruppendynamik als methodische Anwendung gruppenpsychologischer Erkenntnisse verstanden.

3. Entwicklungsphasen einer Gruppe

Im folgenden Abschnitt werden die verschiedenen Entwicklungsphasen einer Gruppe in Bezug auf die Merkmale der jeweiligen Phase und den Einstellungen der Teilnehmenden dem Lehrenden gegenüber beschrieben.

Die Entstehung einer Gruppe ist ein Prozess. Die Entwicklung geht nicht linear, sondern nach Stahl evolutionär. Damit ist gemeint, dass eine Gruppe selbst in der Lage sein muss, die eigenen Ziele ständig an eine sich verändernde Umwelt anzupassen (vgl. Walzik 2006, S. 104). Der Entwicklungsprozess einer Gruppe vollzieht sich auf zwei Ebenen. Auf der Sachebene (Lokomotion) sind alle Aspekte der sachlichen Bewältigung der Aufgabenstellung und der Organisation angesiedelt. Es geht um die Aufgabenerfüllung und die Zielerreichung. Auf der Interaktionsebene (Kohäsion) sind die menschlichen Seiten der Gruppe betroffen. Dazu gehören, zum Beispiel die Atmosphäre, der Einfluss und die Rollen in der Gruppe. Es geht um die Integration und den Zusammenhalt der Gruppe (vgl. ebd.).

Gruppen durchlaufen unterschiedliche Entwicklungsphasen. In der Literatur werden verschiedene Modelle beschrieben, wie beispielsweise das Modell nach Tuckman von 1965, der die Entwicklung einer Gruppe in die Phasen Forming, Storming, Norming, Performing eingeteilt hat. Später fügte er noch die Phase Adjourning hinzu (vgl. Kauffeld 2014, S. 159).

3.1 Orientierung und Abhängigkeit (Forming-Phase)

Die Phase der Orientierung und Abhängigkeit wird auch Forming-Phase genannt. In der Anfangsphase einer Gruppe ist das gegenseitige Kennenlernen und Gewinnen von Vertrauen, die Selbstorganisation sowie die Klärung von Werten und Normen im Team vordergründig wichtig. In dieser Phase herrscht eine positive und vorsichtige Grundstimmung vor. Die einzelnen Gruppenmitlgieder befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen Neugier und Vorsicht, die sich häufig in leichter Nervosität äußert (vgl. Walzik 2006, S. 109).

Das Bedürfnis, sich zu öffnen und sich anzunähern, wechselt ab bzw. besteht gleichzeitig neben dem Bedürfnis, sich zu verschließen und zu distanzieren. Jeder Teilnehmende bringt Erfahrungen aus anderen Bezugsgruppen wie Familie, Schule, Freundeskreis mit. Das Vertrauen entwickelt sich nur langsam (vgl. Ischebeck 2014, S. 130).

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Details

Title
Gruppendynamik und Rollen. Ein Überblick
College
University of Education Ludwigsburg  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Grade
1,0
Author
Year
2018
Pages
20
Catalog Number
V453992
ISBN (eBook)
9783668876484
ISBN (Book)
9783668876491
Language
German
Tags
Gruppen, Dynamik, Rollen, Überblick
Quote paper
Nadja Karossa (Author), 2018, Gruppendynamik und Rollen. Ein Überblick, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453992

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