Anti-Aggressivitäts-Training mit gewaltbereiten Jugendlichen in der geschlossenen Jugendstrafvollzugsanstalt


Hausarbeit, 2017

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Forschungsstand

2. Definitionen
2.1. Gewalt
2.2 Aggression
2.3 Frustrations-Aggressions-Hypothese

3. Geschlossener Jugendstrafvollzug
3.1 Aufbau
3.2 Vollzugsziel

4. Gewaltursachen
4.1 Gewalt im familiaren Bereich
4.2 Gewalt durch schulische Probleme
4.3 Statussymbol
4.4 Gesellschaftliche Verwerfung

5. Sozialdienst im geschlossenem Jugendstrafvollzug

6. ErziehungsmaBnahmen
6.1 Logo
6.2 AAT
6.2.1 Durchfuhrungsmodalitaten
6.2.2 Die vier Phasen des AATs
6.3 Kampfkunst als Therapie

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Seit Jahrzehnten gibt es eine offentliche Besorgnis um die Jugend, da Jugendliche aggressiv seien und zur Kriminalitat neigen (Losel & Bliesener, 2003, zitiert nach Kaiser, 2001). Dieses Bild wird vor allem in den Medien verbreitet: Sie berichten uber Prugelleien auf dem Schul- hof und massive Auseinandersetzungen in Gruppen (Imbusch, 2010). Der Fall von Tugce Al- bayrak, die von einem 19-Jahrigen im November 2014 in Offenbach niedergeschlagen wurde und auf Grund ihrer Verletzungen starb (spiegel.de), war in allen Nachrichten prasent und sorgte fur Emporung. Tatsachlich beweisen Studien, dass kriminelle junge Heranwachsende in Industrielandern vor allem Gewalt anwenden. „Innerhalb der Gewaltstrafen sind die Ju- gendlichen vor allem bei Raubdelikten und schwerer/ gefahrlicher Korperverletzung stark be- lastet; [...]“ (Losel & Bliesener, 2003, S.1). Das Problem ist nicht nur, dass es einzelne Ge- walttaten von Jugendlichen in Deutschland gibt, sondern, dass sich gewaltbereite Jugendsze- nen, wie z.B. die rechte Szene, Hooligans oder auslandischer Gruppen, bilden (Hees & Wahl, 2009). Die Jugend ist eine besondere Phase im Leben des Individuums, da in diesem Zeitab- schnitt Entwicklungsprozesse, die mit Stress und neuen Herausforderungen verbunden sind, bewaltigt werden mussen. AuBerdem setzen sich Jugendliche mit ihrer Identitatsfindung, sozi- alen Handlungskompetenzen und Normen und Werte auseinander. Diese Lebensphase wird von vielen Problemen begleitet: Jugendliche sind uberfordert, stehen unter hohem Leistungs- druck, sind sich in ihrer Rolle unsicher und leiden unter einem schwankenden Selbstbild (Goldenberg & Trenczek, 2014). Abenteuerlust, jugendlicher Leichtsinn und Mut konnen zum abweichendem Verhalten fuhren. So auBert sich Schrapper (2015) zum Thema Jugenddelin- quenz wie folgt:

„Immer schon war es ein Privileg der Jugendzeit, durch Provokationen Grenzen auszutesten. Grenzubertretungen sowie die darauffolgenden gesellschaftlichen Reaktionen sind ein zentra- les Thema der Identitatsentwicklung junger Menschen, nicht selten auch bei der Suche nach Anerkennung in der Gleichaltrigengruppe“ (S.17).

Wie das Umfeld und Institutionen auf die Gewalttaten der Jugendlichen reagieren, bestimmt oft den Werdegang der Betroffenen, ob sich kriminelle Handlungsmustern bei ihnen festigen oder losen. Die Kriminalitat von Jugendlichen nimmt zwar im Alter ab, aber dennoch muss betont werden, dass Gewalt fur das Losen von Problemen nicht angemessen und strafbar ist. Junge Straftater werden fur ihre Straftaten, sei es Diebstahl oder Mord, vor Gericht verurteilt. Tausende von (meist mannlichen) Jugendlichen sitzen deshalb jahrlich im Jugendstrafvollzug (HuBmann & Redmann, 2015) und sollen vor Ort sich mit ihren Taten auseinandersetzen. Die Haftstrafe dient nicht bloB der Vergeltung. Die Betroffenen sollen viel eher Normen und Werte erlernen, Handlungsstrategien entwickeln, um ihre Aggressivitat unter Kontrolle zu halten und resozialisiert werden. In dieser Hausarbeit wird thematisiert, welche Angebote es in Jugendstrafvollzugen gibt, die die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen minimiert und wie die Soziale Arbeit in der Anstalt den Insassen wahrend seiner Haft unterstutzt und motiviert. Eine Frage der Hausarbeit lautet: „Ist das Programm Anti-Aggressivitatstraining fur Gewaltta- ter erfolgreich?“

Zum Aufbau der Hausarbeit lasst sich sagen, dass zuerst der Forschungstand zum Thema „Ju- gendgewalt“ dargestellt wird, um zu verdeutlichen, wie viele Jugendliche wegen einer Ge- walttaten im Jugendstrafvollzug sitzen. Danach werden die Begriffe Gewalt und Aggression definiert. Dies dient der Darstellung des Sachverhaltes, wenn Jugendgewalt und das Anti-Ag- gressivitats-Training thematisiert werden. Im Fokus des Aggressionsbegriffes steht die Frust- rations/-Aggressions-Hypothese, die veranschaulichen soll, warum und wie Aggressivitat ent- steht. Im dritten Kapitel wird der Aufbau und die Ziele des Jugendstrafvollzuges dargestellt. Der Rezipient bekommt so einen Einblick in die Struktur und Zweck der Jugendstrafvollzugs- anstalt und in den Alltag der Insassen. Im vierten Kapitel folgt die Darstellung der Ursachen von Jugendgewalt. AnschlieBend wird der Sozialdienst allgemein mit seinen Aufgaben im ge- schlossenem Vollzug dargestellt und danach werden drei erzieherische MaBnahmen (LoGo, AAT, Kampfkunst als Therapie) thematisiert. Diese Hausarbeit endet mit einem Fazit, wel­ches die abschlieBende Betrachtung der Hausarbeit und die Bedeutung der Sozialen Arbeit im Jugendstrafvollzug beinhaltet.

1. Forschungsstand

In der Einleitung wurde bereits erwahnt, dass die Bevolkerung Angst vor der Jugendgewalt hat. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) von 2008 zeigt den besorgten Burgern Deutsch- lands, ob die Zahl der Gewalt unter Kinder und Jugendlichen in den letzten Jahren auf- oder abgenommen hat (Hees & Wahl, 2009). Das fur die Statistik zustandige Amt verwendet eine enge Gewaltdefinition: Gewaltdelikte sind fur sie alle Totungsdelikte, Raubdelikte, sexuelle

Notigungen, Vergewaltigungen und gefahrliche/ schwere Korperverletzungen. Des Weiteren werden in dieser Statistik nur angezeigte Gewaltdelikte berucksichtigt und daher werden nichtgemeldete Straftaten nicht mitgezahlt. Die Statistik wird in drei Altersgruppen unterteilt: Kinder (8-14 Jahre), Jugendliche (14-18 Jahre), Heranwachsende (18-21 Jahre) und Erwach- sene (ab 21 Jahren). Die PKS zeigt, dass in dem Zeitraum von 1997 bis 2007 allgemein die Gewaltkriminalitat zugenommen hat (Hees & Wahl, 2009). Auch bei den Jugendlichen steigt die Zahl der Gewaltdelikte. Vor allem ist zu beobachten, dass es einen hohen Anstieg von Korperverletzungen „durch lose Gruppen von Jugendlichen“ (Hees & Wahl, 2009, S.14) gibt. Ein besonderes Merkmal der Jugendgewalt ist, dass die meisten Opfer selbst Jugendliche sind. Die Autoren Hees & Wahl (2009) legen in ihrem Buch „Tater oder Opfer? Jugendge­walt- Ursachen und Pravention“ den Fokus auf die gefahrliche und schwere Korperverlet- zung. Dieses Gewaltdelikt macht laut Bundeszentrale fur politische Bildung (2016) im Jahre 2015 70 Prozent der Gewaltstraftaten aus und hat in dem Zeitraum zwischen 1987 bis 2007 sich in den vier Altersgruppen unterschiedlich entwickelt: Gefahrliche und schwere Korper- verletzung wird selten von Kindern ausgefuhrt, aber dennoch ist die Zahl im Vergleich der letzten Jahre stark gestiegen. Bei den Erwachsenen nahm sie leicht zu und bei den Jugendli­chen und Heranwachsenden weist die PSK auf einen deutlich starken Anstieg hin. „Die Ju­gendlichen stellen damit die kriminalstatistische auffalligste Altersgruppe“ (Baier, 2011, S.37). Die Statistik auf der Homepage der Bundeszentrale fur politische Bildung (2016) zeigt, [...], dass mehr als drei Viertel der wegen Gewaltkriminalitat registrierten jungen Menschen wegen gefahrlicher/schwerer Korperverletzung ermittelt worden sind“. Baier (2011) bezieht sich in seiner Studie auf die Ergebnisse der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2009, die aus- sagt, dass 19,3 % der Gewalttater zwischen 14 und 18 Jahren alt sind. Das heiBt, dass jeder funfte Tatverdachtige in der Jugendphase die Straftat durchgefuhrt hat. Des Weiteren stehen 31 935 Jugendliche unter Tatverdacht, eine schwere/ gefahrliche Korperverletzung durchge­fuhrt zu haben (Baier, 2011). Bei der vorsatzlichen/ leichten Korperverletzung sind es 34 797 Jugendliche, die einen Anteil von 11,1 % der Gesamtstrafverdachtigen ausmacht.

Diese Zahlen verdeutlichen, wie wichtig es ist, dass gerade Sozialarbeiter und Sozialarbeite- rinnen PraventionsmaBnahmen z.B. in Schulen durchfuhren und Kinder und Jugendlichen uber die Folgen von Gewalt aufklaren. Im Jugendstrafvollzug sollen sie den Insassen helfen, keine weiteren Gewalttaten zu vollziehen und sie resozialisieren. Beratung und Aufklarung stehen hierbei im Vordergrund.

2. Definitionen

2.1 Gewalt

Im ersten Kapitel wurde deutlich, dass Gewalt ein groBer Bestandteil der Jugendkriminalitat ist. Da im Vordergrund der Hausarbeit die Bewaltigung von Gewalt und Aggression steht, werden im Folgendem diese Termini definiert. Laut Hochmuth & Pickel (2009) ist die Defini­tion dieser beiden Begriffe eine schwierige Aufgabe, da sie oft als Synonyme oder auch als zwei eigenstandige Begriffe dargestellt werden. Daher wird eine einheitliche Definition von Gewalt und Aggression erschwert. Die beiden Autoren (2009) sind der Meinung, dass Gewalt ein Teil der Aggression ist. WeiBmann (2003) geht von einer engen und erweiterten Gewalt- definition aus. Ersteres sagt aus, dass Gewalt mit korperlichen Zwang und physischer Schadi- gung verbunden wird. Dies bedeutetet, dass Gewalt als Instrument (mit Hilfe von Korperkraft oder Waffen) dient, um andere Menschen zu schadigen oder ihnen mit einer Schadigung zu drohen. Wichtig hierbei ist, dass die Gesellschaft den Terminus Zwang bestimmt. Normen und Werte innerhalb einer Gruppe definieren, ab wann Gewalt als solche wahrgenommen wird. Der erweiterte Gewaltbegriff von WeiBmann (2003) verdeutlicht, dass die Definition von Gewalt Formen und Ausdrucksweisen beinhaltet: Zum einen gibt es die psychische Ge­walt, die den Gegenuber abwertet, ihm Vertrauen und Zuwendung entzieht und bewusst ver- angstigt und zum anderen bezieht sich dieser Begriff auch auf die verbale Gewalt, bei der der Gegenuber durch Aussagen verletzt bzw. beleidigt wird. Daruber hinaus zahlt die sexuelle Gewalt, bei der eine Person durch Zwang zu einer sexuellen Handlung verletzt wird, auch noch zur erweiterten Gewaltdefinition. Hochmuth & Pickel (2009) fugen noch hinzu, dass als Mittel von Gewalt auch Gegenstande und Tiere verwendet werden und zur physischen Gewalt auch der Entzug von Nahrung und Wasser (lebensnotwendige Mittel) dazugehort.

Es zeigt sich, dass der Gewaltbegriff vielseitig ist und der Sachverhalt die Definition be­stimmt. Diese Hausarbeit behandelt nicht die psychische Gewalt, da Jugendliche im Strafver- fahren dafur nicht verurteilt werden. Die Bedingung fur eine Korperverletzung ist, dass das Opfer durch die Tat korperliche bzw. gesundheitliche Schadigung erleidet (StGB § 223).

2.2 Aggression:

Laut Schanzenbacher (2003) ist der Begriff Aggression genauso vielfaltig wie der Gewaltbe­griff, daher ist die Definition immer historisch bedingt. Weidner (2001) fugt hinzu, dass Ag- gressionen in allen Kulturen und Schichten vertreten sind und zum einmaligen oder standigen

aggressiven Verhalten fuhren konnen. Heutzutage wird Aggression als Absicht der Schadi- gung eines Individuums definiert. Da aus Aggressionen aggressives Verhalten resultiert, wird unter diesem Handeln, dass aktive und zielgerichtete Beschadigen von Objekten oder Perso- nen verstanden. Dadurch werden die Opfer unter Angst gesetzt. Petermann & Petermann (2000) fuhren den Gedanken hinzu, dass Aggressionen der Emotionsregulierung dienen. Bei erhohter Bedrohung wird die Aggression als Mittel verwendet, um die Gefahr zu reduzieren. Dadurch verspurt der Tater eine emotionale Erleichterung, da seine Angst verringert wird. Eine Verstarkung dieser Handlung wird erzeugt, da bei jeder auftretenden Angst Aggressio­nen die Bedrohung beseitigen. Da aber langandauernde Aggression von der Gesellschaft ab- gelehnt wird und die Tater dafur bestraft werden, entsteht durch die soziale Ablehnung eine „Vergeltungsaggression“ (Petermann & Petermann, 2000, S.13). In dieser Hausarbeit liegt der Fokus auf Schanzenbachers (2003) Definition, die aussagt, dass Gewalt und Aggression Akti- onen des bewussten Schadigens einer Person sind. Er grenzt den Begriff Aggressivitat ab, da er unter Aggressivitat eine langandauernde Bereitschaft zum aggressiven Verhalten versteht. Das Anti-Aggressivitats-Training arbeitet daher mit Straftatern zusammen, die dazu fahig sind, andere Menschen physisch zu schaden und nicht mit Insassen, die eine Gewalttat verubt haben und kein aggressives Verhalten mehr aufweisen.

2.3 Frustration/-Aggressions-Hypothese

In der Padagogik gibt es verschiedene Aggressionstheorien bzw. Theorien zur Jugendgewalt. Freud z.B. definiert Aggression als Folge von Unlusterfahrungen, wahrend Lorenz von einem angeborenen Aggressionstrieb ausgeht. Da das Darstellen aller Theorien den Umfang der Hausarbeit uberschreiten wurde, beschrankt sich dieses Kapitel auf die Frustration/-Aggressi- ons-Hypothese nach Dollard (1939), kurz F-A-H, welche von Weidner (2001) dargestellt wird.

Dollard (1939) geht davon aus, dass der Mensch mit Aggressionen auf spezielle Bedingungen in seinem Umfeld reagiert. Er stellt hierfur vier Hypothesen auf: Ersteres sagt aus, dass Frust­ration stets durch Aggression entsteht und daraus aggressives Verhalten resultiert. Die zweite Hypothese beinhaltet den Gedankengang, dass vor der Aggression immer ein Frustrationser- lebnis stattfindet. AnschlieBend sagt Dollard (1939), dass durch aggressives Verhalten aggres­sive Energie abgebaut wird und danach die Aggressionsbereitschaft sinkt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Anti-Aggressivitäts-Training mit gewaltbereiten Jugendlichen in der geschlossenen Jugendstrafvollzugsanstalt
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V454254
ISBN (eBook)
9783668862111
ISBN (Buch)
9783668862128
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anti-aggressivitäts-training, jugendlichen, jugendstrafvollzugsanstalt
Arbeit zitieren
Lejla Huskic (Autor), 2017, Anti-Aggressivitäts-Training mit gewaltbereiten Jugendlichen in der geschlossenen Jugendstrafvollzugsanstalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454254

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