Die Person Thukydides und die Bewertung seiner Geschichtsschreibung


Hausarbeit, 2018
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Thukydides und seine Geschichtsschreibung.

3. Subjektivität in der Geschichtsschreibung des Thukydides.

4. Objektivität in der Geschichtsschreibung des Thukydides.

5. Interpretationstoleranzen.

6. Schluss.

Bibliographie.

1. Einleitung

„Die Interpretation und Erklärung – letztlich: die Herstellung – von Ereignisabläufen und die Motivierung von Handlungen sind unlöslich an die Individualität, an die eigensten Anschauungen eines Geschichtsschreibers gebunden […].“1 Christoph Schneider beschreibt in diesem Zitat den Umstand, dass, obwohl es gerade in der Geschichtswissenschaft auf höchste Objektivität ankommen sollte, es dem Autor wohl nie gelingen kann, sein Werk nicht mit einer persönlichen Note zu versehen, welche die Darstellung der Geschichte verfälschen oder zumindest verändern kann.

Ob dies nicht nur auf den Historiker aus jüngerer Vergangenheit zutrifft, sondern auch für jenen, welcher in der Antike dieser Tätigkeit nachging, soll in der folgenden Arbeit erörtert werden. Exemplarisch hierfür soll das Werk von Thukydides über den Krieg zwischen Sparta und Athen beziehungsweise den jeweiligen Verbündeten im antiken Griechenland stehen. Die Person Thukydides, welcher als „Zeithistoriker“2 dieses sogenannten Peloponnesischen Krieges während dieser Zeit das gleichnamige Geschichtswerk schrieb, wird auch noch heute viel diskutiert. In vielen geschichtswissenschaftlichen Veröffentlichungen wird er bereits als „Historiker“3 oder „Geschichtsschreiber“4 dargestellt. Zum einen gilt seine Werk als „Bahnbrechendes und weit Fortwirkendes“5 sowie als maßgebend für die Geschichtsschreibung6. Andererseits wird Thukydides höchste Subjektivität und „quasi-poetische Fiktion“7 unterstellt. Im Folgenden soll, auch unter der Berücksichtigung der persönlichen Hintergründe des Thukydides, diese vermeintliche Subjektivität oder Objektivität analysiert werden. Hierfür wird zunächst die Person Thukydides vorgestellt. Fortlaufend soll sowohl die Forschungsmeinung, welche Thukydides als - vielleicht ersten - Geschichtsschreiber darstellt, beleuchtet werden. Gegenüberstellend wird zudem jedoch auch die Ansicht aufgezeigt werden, welche ihn als höchst subjektiven „Geschichtenerzähler“ beschreibt. In einem abschließenden Fazit soll versucht werden, die Untersuchungen abzuschließen, ob Thukydides ein Historiker nach heutigen Maßstäben war oder lediglich ein durch persönliche Interessen beeinflusster Erzähler.

Es wird dabei auf verschiedene Forschungsmeinungen eingegangen werden. Hierbei soll diese Arbeit keineswegs eine endgültige Antwort auf die oben genannten Fragen geben, sondern lediglich den Versuch anstellen, einen differenzierten und distanzierten Blick auf die verschiedenen Lager innerhalb der Forschung zu ermöglichen. Es soll demnach weniger das Ziel sein, sich für die endgültige Antwort einer Frage zu entscheiden oder entscheiden zu müssen, sondern vielmehr die Möglichkeit bieten, ein Bild zu schaffen, welches Thukydides und seine Geschichtsschreibung in Relation zu den heutigen Maßstäben der Geschichtsschreibung setzt.

2. Thukydides und seine Geschichtsschreibung

Eine allumfassende Biographie des Thukydides anzufertigen stellt auch die heutige Geschichtswissenschaft vor eine enorme Aufgabe. Dennoch ist es von großer Wichtigkeit, die Informationen, welche zur Verfügung stehen, zusammenzufassen, um sich ein Bild der Person zu machen, welche Teil des Ursprungs der Geschichtsschreibung ist und aufgrund fehlender Vergleichswerke die Geschichtsschreibung dieser Zeit sogar dominiert.8 Thukydides war „[...]das Produkt seiner politischen Umgebung und des geistigen Klimas seiner Zeit“9. Mit dieser Bemerkung unterstreicht Holger Sonnabend die Wichtigkeit des Berücksichtigens des Interdependenzverhältnisses der Geschehnisse mit der Person und zeigt damit auf, wie entscheidend es ist, zunächst Thukydides vorzustellen.

Sowohl Geburt als auch Tod wie auch viele Ereignisse während des Lebens des Thukydides lassen sich nicht exakt datieren und rekonstruieren. Möchte man der überwiegenden Forschungsmeinung folgen und auch die Indizien im Werk selbst nicht vernachlässigen, so lässt sich die Lebenszeit des Thukydies jedoch grob definieren. Vieles spricht dafür, dass Thukydides trotz des abrupten Endes des Werkes den gesamten Krieg selbst miterlebt hat.10 Während des Peloponnesischen Krieges, genauer 424 v. Chr., bekleidete Thukydides das militärische Amt des Strategen.11 Da hierfür ein Mindestalter von 30 Jahren Voraussetzung war, wird das Geburtsjahr des Thukydides spätestens 454 gewesen sein müssen.12 Das Todesjahres fällt in den Zeitraum unmittelbar nach den Jahren der Kapitulation Athens. Klaus Meister setzt nachvollziehbar das Jahr 395 als ein mögliches Jahr des Todes des Thukydides fest.13

Seine thrakischen Wurzeln und die Besitzungen in dieser Region14 sowie der Zugehörigkeit zu der Aristokratie Athens machten Thukydides zum einem Mitglied der Elite seiner Zeit.15 Eventuell sind gerade diese Voraussetzungen, nämlich eine gute Bildung und eine finanzielle Sicherheit und die damit einhergehende gesicherte Grundversorgung die Ursache, warum Thukydides sich in den Dienst der „Geschichtswissenschaft“16 stellen konnte. Aufgrund seiner Erfahrung kann er daher als „Historiker des militärischen und des politischen Bereichs“17 gesehen werden und beschränkt seine Geschichtsschreibung aus diesen Gründen auch überwiegend auf politische und militärische Aspekte.18

Nach seinem Amtsantritt als Stratege sollte Thukydides die thrakische Polis Amphipolis, welche ein wichtiger Stützpunkt Athens im Peloponnesischen Krieg war, gegen den spartanischen Feldherrn Brasidas verteidigen.19 Die Niederlage und der Fall von Amphipolis hatte die Verbannung des Thukydides aus Athen, welche erst nach der Kapitulation Athens im Jahre 404 aufgehoben wurde, zur Folge.20 Auf die spezifische Geschichtsschreibung während der Verbannung soll im späteren Verlauf der Arbeit noch genauer eingegangen werden.

Die Beweggründe und die Motivation für das Schreiben des Geschichtswerkes über den Krieg zwischen Sparta und Athen sind aus dem Werk selbst gut zu entnehmen. Thukydides war zu Beginn des Krieges der Auffassung, dass der sich anbahnende Krieg größer und bedeutender sein würde als alle vorhergegangenen.21 Die Machtverhältnisse der Zeit nach den Perserkriegen (Pentekontaetie) waren die Voraussetzung für den Krieg22, und Thukydides selbst sah dem Krieg als etwas Unausweichliches entgegen.

3. Subjektivität in der Geschichtsschreibung des Thukydides

„Thukydides' so erfolgreich suggerierte Objektivität ist in Wirklichkeit eine höchste Subjektivität der Berichterstattung, die für alle Zeiten die eigene als die einzig richtige Deutung der Ereignisse vermitteln will. Ein anderer Mann hätte mit der gleichen Arbeitsweise eine ganz andere Schilderung des Krieges geben können. Die Frage nach Thukydides' Ausgangsposition im Jahre 431 ist deshalb nicht nur von biographisch-antiquarischem Interesse, sondern für die Interpretation des Werkes selbst von Bedeutung.“23 Neben der Bedeutung der Darstellung der Person Thukydides wird in diesem Zitat des Eichstätter Historikers Prof. Dr. Malitz die, wie auch in vielen weiteren Veröffentlichungen zu Thukydides, sehr von der Person geprägte Geschichtsschreibung dargestellt. Dass Thukydides selbst ein maßgeblicher beeinflussender Faktor in der Art und Weise seiner Geschichtsschreibung war, lässt sich kaum abstreiten. So setzt er, wie bereits angemerkt, den Fokus auf die Ereignisse des militärischen und politischen Bereichs. Des Weiteren legt er großen Wert auf die Darstellung des durch den Krieg verursachten Leides, der Verrohung sowie den Verfall der Sitten und Normen.24 Auch den Historikern der Neuzeit wird es kaum gelingen, die Rolle des „perfekten Berichterstatters“ einzunehmen und ihre Veröffentlichungen ohne eine eigene „Note“ zum Abschluss zu bringen. Und so sind auch diese Aspekte kein Beweis für eine Subjektivität des Thukydides, jedoch ist die Darstellung des Krieges in dieser Weise in jeder Hinsicht eine höchst emotionale und persönlich beeinflusste.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt der thukydideischen Geschichtsschreibung ist das Stützen auf Vermutungen auf Basis verschiedener Informationsquellen.25 Diese Vermutungen gehen zudem oftmals mit dem „Erdichten“ von Intentionen, Motiven oder persönlichen Einstellungen bis hin zu Gefühlen der Protagonisten einher. Thukydides vervollständigt so gewissermaßen die Informationslücken seiner Berichterstatter oder Recherchen mit ihm nachvollziehbar erscheinenden Informationen. Er entfernt sich damit bewusst von der Ebene des rationalen Betrachters und Darstellers der Ereignisse. Eben diese fehlende Distanz sowie die Wertung beschreibt der Historiker Christoph Schneider in seinem Aufsatz zur Intention und Absicht des Thukydides: „Nach diesen Überlegungen erscheint es uns nicht illegitim, an der Folgerung festzuhalten, daß ein erheblicher Teil der Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle und Absichten, die Thukydides den Handelnden zuschreibt, nicht auf authentischen Informationen beruht, sondern von ihm aufgrund einer bestimmten Auffassung vom menschlichen Handeln […] aus den Handlungen, der jeweiligen Situation, mitunter auch aus dem Charakter der Handelnden, erschlossen ist.“26 Dieses Schließen auf die Gedanken einer Person ausgehend von ihren Handlungen27 entfernt die Geschichtsschreibung des Thukydides abermals von der der jüngeren Vergangenheit.

[...]


1 Schneider, Christoph: Information und Absicht bei Thukydides, Untersuchung zur Motivation des Handelns. In: Hypomnemata, Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben. Bd. 41.Hrsg.: Albrecht Dihle, Hartmut Erbse, Chrsitan Habicht, Günther Patzig, Bruno Snell. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 1974. S. 7.

2 Sonnabend, Holger: Thukydides. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Hildesheim 2004. S. 16.

3 Sonnabend, Holger: Thukydides. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Hildesheim 2004. S. 13.

4 Ulrich, Franz Wolfgang: Die Entstehung des Thukydideischen Geschichtswerkes. Hrsg.: Hans Herter. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 1968. S. 3.

5 Sonnabend, Holger: Thukydides. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Hildesheim 2004. S. 17.

6 Sonnabend, Holger: Thukydides. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Hildesheim 2004. S. 16.

7 Schneider, Christoph: Information und Absicht bei Thukydides, Untersuchung zur Motivation des Handelns. In: Hypomnemata, Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben. Bd. 41.Hrsg.: Albrecht Dihle, Hartmut Erbse, Chrsitan Habicht, Günther Patzig, Bruno Snell. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 1974. S. 130.

8 Sonnabend, Holger: Thukydides. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Hildesheim 2004. S. 19f.

9 Sonnabend, Holger: Thukydides. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Hildesheim 2004. S. 17.

10 Thukyides: Der Peloponnesische Krieg. Hrsg.: Helmuth Vretska, Werner Rinner. Reclam. Stuttgart 2004. 5,26,1.

11 Meister, Klaus: Die griechische Geschichtsschreibung. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus. W. Kohlhammer. Stuttgart, Berlin, Köln 1990. S. 46.

12 Meister, Klaus: Die griechische Geschichtsschreibung. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus. W. Kohlhammer. Stuttgart, Berlin, Köln 1990. S. 46.

13 Meister, Klaus: Die griechische Geschichtsschreibung. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus. W. Kohlhammer. Stuttgart, Berlin, Köln 1990. S. 46.

14 Thukyides: Der Peloponnesische Krieg. Hrsg.: Helmuth Vretska, Werner Rinner. Reclam. Stuttgart 2004. 4,105,1.

15 Sonnabend, Holger: Thukydides. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Hildesheim 2004. S. 11.

16 Darf hier nicht nach den wissenschaftlichen Maßstäben der Geschichtswissenschaft der Neuzeit bewertet werden.

17 Diesner, Hans-Joachim: Wirtschaft und Gesellschaft bei Thukydides. Max Niemeyer Verlag. Halle (Saale) 1956. S. 7.

18 Meister, Klaus: Thukydides als Vorbild für Historiker. Von der Antike bis zur Gegenwart. Ferdinand Schöningh. Paderborn 2013. S. 217.

19 http://www.stefan.cc/geschichte/autoren/thukydides.html entnommen am 30.4.2018 um 14:43.

20 Thukyides: Der Peloponnesische Krieg. Hrsg.: Helmuth Vretska, Werner Rinner. Reclam. Stuttgart 2004. 5,26,5.

21 Thukyides: Der Peloponnesische Krieg. Hrsg.: Helmuth Vretska, Werner Rinner. Reclam. Stuttgart 2004. 1,1,1.

22 Schneider, Christoph: Information und Absicht bei Thukydides, Untersuchung zur Motivation des Handelns. In: Hypomnemata, Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben. Bd. 41.Hrsg.: Albrecht Dihle, Hartmut Erbse, Chrsitan Habicht, Günther Patzig, Bruno Snell. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 1974. S. 140.

23 Prof. Dr. Malitz, Jürgen:Thukydides' Weg zur Geschichtsschreibung. Erschienen in: Historia 31 (1982), S. 257-289. Abschnitt I.

24 Prof. Dr. Malitz, Jürgen:Thukydides' Weg zur Geschichtsschreibung. Erschienen in: Historia 31 (1982), S. 257-289. Abschnitt VII.

25 Schneider, Christoph: Information und Absicht bei Thukydides, Untersuchung zur Motivation des Handelns. In: Hypomnemata, Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben. Bd. 41.Hrsg.: Albrecht Dihle, Hartmut Erbse, Chrsitan Habicht, Günther Patzig, Bruno Snell. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 1974. S. 130.

26 Schneider, Christoph: Information und Absicht bei Thukydides, Untersuchung zur Motivation des Handelns. In: Hypomnemata, Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben. Bd. 41.Hrsg.: Albrecht Dihle, Hartmut Erbse, Chrsitan Habicht, Günther Patzig, Bruno Snell. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 1974. S. 136.

27 Schneider, Christoph: Information und Absicht bei Thukydides, Untersuchung zur Motivation des Handelns. In: Hypomnemata, Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben. Bd. 41.Hrsg.: Albrecht Dihle, Hartmut Erbse, Chrsitan Habicht, Günther Patzig, Bruno Snell. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 1974. S. 155.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Person Thukydides und die Bewertung seiner Geschichtsschreibung
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Der Peloponnesische Krieg
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V454652
ISBN (eBook)
9783668876569
ISBN (Buch)
9783668876576
Sprache
Deutsch
Schlagworte
antike, thukydides, krieg, peloponnes, griechenland, sparta, athen
Arbeit zitieren
Karl Huesmann (Autor), 2018, Die Person Thukydides und die Bewertung seiner Geschichtsschreibung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454652

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