Geschichtsbewusstsein. Definition, Abgrenzung zu anderen Themenbereichen und Praxis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Definition von Geschichtsbewusstsein Seite

2. Abgrenzung zu anderen Themenbereichen Seite

3. Verschiedene wissenschaftliche Ansätze von Geschichtsbewusstsein Seit

4. Praxisbezogenes Beispiel und Fachdidaktik Seite

5. Eigenständige Bewertung Seite

6. Literaturverzeichnis Seite

Einleitung und Definition von Geschichtsbewusstsein

„Wo Macht und Einfluss politischer und gesellschaftlicher Institutionen und Instanzen durch Recht begrenzt und durch Verfahren notwendig auf Bemühungen um Konsens verweisen sind, wo Schutz von Minderheiten der Interessen und Ansichten zum Fundament des Systems gehört, wo Kritik öffentlich sein kann und wo bei allen Konflikten Konsens über die Geltung der Grundrechte, die Autorität der Rechtsprechung und der staatlichen Pflicht zur Friedenswahrung besteht, ist die Entwicklung eines Geschichtsbewusstseins als elementarer Bestandteil der politischen Kultur möglich und notwendig - und damit auch eine Identität, die es erlaubt, Traditionen zu prüfen, um sie zu streiten, sich von ihnen zu lösen oder sie zu bewahren.“1

Das von dem deutschen Historiker und Didaktiker der Geschichte Karl Ernst Jeismann angesprochene, für den Geschichtsunterricht, aber auch darüber hinaus so wichtige Geschichtsbewusstsein soll Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Um eine geschlossene und differenzierte Darstellung dieses Sachverhalts gewährleisten zu können, wird zunächst eine begründete Definition von Geschichtsbewusstsein erfolgen, welche in eine Abgrenzung zu anderen Themenbereichen sowie einer Skizzierung anderer wissenschaftlicher Ansätze münden wird. Bevor die Arbeit in einer eigenen Stellungnahme endet, wird zudem ein praxisbezogenes Beispiel unter Berücksichtigung der Fachanforderungen des Landes Schleswig-Holstein für allgemeinbildende Schulen im Fach Geschichte erfolgen. Hierzu wird außerdem noch einmal die spezifische Rolle des Geschichtsbewusstseins in der geschichtlichen Fachdidaktik dargestellt.

Beginnend mit der Definition von Geschichtsbewusstsein ist es sinnvoll, zunächst den Terminus an sich zu betrachten. Die Aufteilung in „Geschichte“ und „Bewusstsein“ scheint hierbei am naheliegendsten. „Geschichte“ beschreibt in diesem Zusammenhang das Vergangene oder aus der Vergangenheit Überlieferte. Das „Bewusstsein“ ist weiterführend die Tätigkeit der Seele, des Verstandes und der Vernunft, mit der der Mensch die Wirklichkeit um sich herum versteht.2 Das Geschichtsbewusstsein ist somit das in Zusammenhang Setzen mit der Vergangenheit und das historische Verstehen der Gegenwart.3 Da Bewusstsein zudem auch eine Selbstwahrnehmung bedeutet, beschreibt das Geschichtsbewusstsein die subjektive Wahrnehmung des Individuums in Bezug auf die Geschichte, aber auch auf die Gegenwart und die Zukunft.4 Das Bewusstsein - oder ab nun Geschichtsbewusstsein, ist hierbei keine unumstößlich eingenommene Position, sondern befindet sich durch neue Wahrnehmung und Deutung im ständigen Wandel von Entstehen, Andauern und Auflösen.5

Diese Wandelbarkeit äußert sich auch in dem und durch das Einflussnehmen des Geschichtsbewusstseins in allen Zeitverhältnissen, in denen sich das Subjekt wiederfindet oder bewegt: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Geschichtsbewusstsein ist gewissermaßen das Produkt aus dem Erkennen von Zusammenhängen6, „z.B. Entwicklungen, Kausalitäten, Kontinuitäten, Brüchen...“7, „[...]der Erinnerung an die [...] Vergangenheit, [...] der Deutung von [...] Gegenwart und [...] der Erwartung an die [...] Zukunft [...].“8 Wo diese drei Dimensionen in einem Interdependenzverhälntis stehen und das Subjekt sich mit ihnen in ein Verhältnis setzt, entsteht Geschichtsbewusstsein.9

„Insofern ist Geschichtsbewusstsein immer ein Mischprodukt – eine zusammengesetzte Größe aus Vergangenheitsdeutungen, Gegenwartserfahrungen und Zukunftserwartungen und das in stets vorläufiger Ausbalancierung mit prekärer Stabilität.“10

Auch in diesem Punkt wird ein weiteres Mal deutlich, wie wichtig der subjektive Einfluss auf die Entwicklung des Geschichtsbewusstseins ist. So geht das Geschichtsbewusstsein über die bloße Imagination der Vergangenheit hinaus, sondern bedeutet, dass Geschichte auch auf das Leben und die Gegenwart des Subjekts bezogen wird.11 Hieraus lässt sich wiederum ableiten, dass es nicht das eine, übergeordnete Geschichtsbewusstsein gibt, sondern dass sich das Geschichtsbewusstsein durch die Intention sowie die Befindlichkeit des Subjekts, nicht zuletzt aber auch durch den betrachteten Gegenstand definiert und entwickelt.12 Dieser Gegenstand der Vergangenheit und das sich daran entwickelte Geschichtsbewusstsein darf zudem nicht als ein reales Abbild oder eine Reproduktion verstanden werden.13 Im Verhältnis zwischen Gegenstand und Subjekt baut das Bewusstsein das Geschichtsbewusstsein auf. Der Gegenstand jedoch ist ein bereits gedeuteter und überlieferter Sachzusammenhang und erzeugt für das Subjekt wiederum ein „eigenes“ Bild und eine „eigene“ gegenwärtige subjektive Vorstellung.14

„Daran zu erinnern ist gerade im Hinblick auf historische Sachverhalte wichtig, die als Geschichtsbewußtsein rekonstruiert eben etwas Gegenwärtiges und nicht reales Abbild der Vergangenheit sind.“15

Wichtig hierbei ist weiterhin, dass das Geschichtsbewusstsein nicht ausschließlich durch tradierte Sachzusammenhänge der Vergangenheit beeinflusst wird, sondern zudem auch aufgrund veränderter Erkenntnisse und Erfahrungen der Gegenwart sowie neu entstandener Zukunftshoffnungen abgewandelt werden kann.16 Dieser ständige Wandel des Geschichtsbewusstseins findet im Medium der Sprache statt, sodass sich das die Geschichtswissenschaft, welche sich das Geschichtsbewusstsein zum Gegenstand genommen hat, im ständigen Diskurs wiederfindet.17 Bewegt man sich im Gebiet dieses im Gespräch verorteten Geschichtsbewusstseins, wird man unausweichlich auf die Fähigkeiten dieses kontroversen Diskurses geprüft.18 Des Weiteren fällt die Irrtumsanfälligkeit eigener Deutungen und Wahrnehmungen gegenüber denen anderer auf.19 Entscheidend während dieser kritischen, von verschiedenen Einflüssen geprägten Unterredungen ist das Führen eines Diskurses auf rationaler Ebene. Rationalität ist essenziell für das Ausbilden eines Geschichtsbewusstseins, da somit Unvoreingenommenheit geschaffen wird.20 Diese Diskurse finden weiterführend nicht nur zwischen einzelnen Individuen mit verschiedenen Geschichtsbewusstseinen statt, sondern können auch zwischen verschiedenen Gesellschaften und Gruppen einer Gesellschaft stattfnden.21 Bei diesem Geschichtsbewusstsein, das von ganzen Gruppen getragen wird, spricht man von einem kollektiven Geschichtsbewusstsein oder einer Geschichtskultur.22 Diese kollektiven Ausprägungen von Geschichtsbewusstsein haben einen weniger subjektiven Charakter. Sie existieren auch ohne die einzelnen subjektiven Vorstellungen der Individuen und äußern sich daher in der Lebenswelt so, dass sie auch ohne die Individuen von dauerhafter Gestalt sind.23 Dieses dauerhafte Erscheinen der Geschichtskultur äußert sich in vier verschiedenen Bestandteilen. Zunächst in Institutionen, welche für alle zugänglich sind und Historie darstellen oder zugänglich machen. Hierbei zu nennen sind zum Beispiel Museen, Archive oder Universitäten.24 Als zweiten Bestandteil der Geschichtskultur als Ausprägung des Geschichtsbewusstseins sind die Professionen zu nennen. Beispielhaft dienen hier Bibliothekare, Professoren an Universitäten oder Geschichtslehrer an Schulen.25 Den dritten Bestandteil stellen die Medien dar. Sie dienen als Speicher historischer Ansichten und Denkströmungen und machen diese abrufbar und für jeden zugänglich.26 Hierbei sind die enorme Heterogenität sowie das Auftreten der Medien und deren Inhalte in vielen verschiedenen Kanälen von Bedeutung, sodass Informationen sich nicht decken können oder sich gar widersprechen.27 Als vierten und letzten Bestandteil ist das Publikum, die Adressaten, zu nennen. Diese Gruppe von Empfängern und Trägern der Geschichtskultur äußert sich ebenfalls in ausgesprochen heterogener Form, da sich ihre Ansprüche auf die Leitmuster „Geschichte als Nutzen“, „Geschichte als Bildung“ und „Geschichte als Erlebnis“ aufteilen.28

[...]


1 Jeismann, Karl-Ernst: Geschichtsbewußtsein als zentrale Kategorie der Geschichtsdidatik, in: Gerhard Schneider (Hrsg.): Geschichtsbewußtsein und historisch-politisches Lernen, Pfaffenweiler 1988. S. 23.

2 Ebd. S. 10.

3 Ebd. S. 5.

4 Ammerer, Heinrich: Geschichtsbewusstsein als grundlegende Kategorie der Geschichtsdidaktik, in: Historische Sozialkunde 2/2012: Geschichtsdidaktik als subjektorientierte Perspektive, Wien 2012. S.3.

5 Jeismann, Karl-Ernst: Geschichtsbewußtsein als zentrale Kategorie der Geschichtsdidatik, in: Gerhard Schneider (Hrsg.): Geschichtsbewußtsein und historisch-politisches Lernen, Pfaffenweiler 1988. S. 10 f.

6 Ammerer, Heinrich: Geschichtsbewusstsein als grundlegende Kategorie der Geschichtsdidaktik, in: Historische Sozialkunde 2/2012: Geschichtsdidaktik als subjektorientierte Perspektive, Wien 2012. S. 4.

7 Ebd. S. 4.

8 Ebd. S. 4.

9 Ebd. S. 4.

10 Schönemann, Bernd: Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur, Geschichtswissenschaft, in: Hilke Günther-Arndt (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2003. S. 13.

11 Ammerer, Heinrich: Geschichtsbewusstsein als grundlegende Kategorie der Geschichtsdidaktik, in: Historische Sozialkunde 2/2012: Geschichtsdidaktik als subjektorientierte Perspektive, Wien 2012. S. 4.

12 Jeismann, Karl-Ernst: Geschichtsbewußtsein als zentrale Kategorie der Geschichtsdidatik, in: Gerhard Schneider (Hrsg.): Geschichtsbewußtsein und historisch-politisches Lernen, Pfaffenweiler 1988. S. 10.

13 Jeismann, Karl-Ernst: Geschichtsbewußtsein als zentrale Kategorie der Geschichtsdidatik, in: Gerhard Schneider (Hrsg.): Geschichtsbewußtsein und historisch-politisches Lernen, Pfaffenweiler 1988. S. 9.

14 Ebd. S. 9.

15 Ebd. S. 9.

16 Schönemann, Bernd: Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur, Geschichtswissenschaft, in: Hilke Günther-Arndt (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2003. S. 13.

17 Jeismann, Karl-Ernst: Geschichtsbewußtsein als zentrale Kategorie der Geschichtsdidatik, in: Gerhard Schneider (Hrsg.): Geschichtsbewußtsein und historisch-politisches Lernen, Pfaffenweiler 1988. S. 11.

18 Ebd. S. 21.

19 Ebd. S. 21.

20 Ebd. S. 17.

21 Schönemann, Bernd: Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur, Geschichtswissenschaft, in: Hilke Günther-Arndt (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2003. S. 17.

22 Schönemann, Bernd: Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur, Geschichtswissenschaft, in: Hilke Günther-Arndt (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2003. S. 17.

23 Ebd. S. 17.

24 Ebd. S. 18.

25 Ebd. S. 18.

26 Ebd. S. 18.

27 Ebd. S. 19.

28 Ebd. S. 19.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Geschichtsbewusstsein. Definition, Abgrenzung zu anderen Themenbereichen und Praxis
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Fachdidaktik II Geschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V454654
ISBN (eBook)
9783668862333
ISBN (Buch)
9783668862340
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Didaktik, Fachdidaktik, Geschichte, Histroiker, Unterricht, Lehrer, Lehramt, Bewusstsein, Geschichtsbewusstsein
Arbeit zitieren
Karl Huesmann (Autor), 2018, Geschichtsbewusstsein. Definition, Abgrenzung zu anderen Themenbereichen und Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454654

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