Darf ich als pädagogische Fachkraft einer Kita die an einem Raupen-Schmetterlingsprojekt teilnehmenden Kinder anlügen, wenn drei Schmetterlinge gestorben sind, indem ich ihnen erzähle, dass die Schmetterlinge entflogen sind?

Anhand des Bezugstextes "Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen" von Immanuel Kant


Essay, 2018
6 Seiten, Note: 1,9
Anonym

Leseprobe

Darf ich als pädagogische Fachkraft einer Kita die an einem Raupen-Schmetterlingsprojekt teilnehmenden Kinder anlügen, wenn drei Schmetterlinge gestorben sind, indem ich ihnen erzähle, dass die Schmetterlinge entflogen sind?

1) Einleitung

In meiner Praxisstelle, einer Kindertageseinrichtung (Kita), habe ich mit zehn Kindern (im Alter von vier bis sechs Jahren) aus dem Elementarbereich ein Raupen-Schmetterlingspro- jekt durchgeführt. Jedes Kind hat während des Projektes die Verantwortung für eine eigene Raupe übernommen, wodurch ein Beziehungsaufbau seitens des Kindes zur Raupe statt- gefunden hat. – Jedes Kind hat seiner Raupe einen Namen gegeben, sie in einem Auf- zuchtbehälter gefüttert/großgezogen und ihre Entwicklung in einem Protokoll festgehalten. Nach zwei Wochen haben sich die Raupen verpuppt und sind an einem Wochenende1 geschlüpft. Am Montagmorgen nach dem Wochenende habe ich als Erste den Raupen- schlupfwinkel2 betreten: Drei frisch geschlüpfte Schmetterlinge haben sich in der Flüssig- keit, die beim Schlüpfen aus dem Kokon entwichen ist und sich auf dem Boden des Auf- zuchtbehälters gesammelt hat, verklebt, wodurch sie gestorben sind. Bis zu diesem Zeit- punkt habe ich nichts über Flüssigkeitsaustritt beim Schlüpfvorgang von Schmetterlingen gewusst. Daher habe ich im Vorfeld nicht einschätzen können, dass ein Aufzuchtbehälter aus Plastik, aus dem Flüssigkeit nicht ablaufen kann, für das Projekt ungeeignet ist. Die toten Schmetterlinge habe an einen nicht auf dem Kita-Gelände liegenden Ort gebracht und den Kindern erzählt, als diese mich später nach den Schmetterlingen gefragt haben, dass drei Schmetterlinge bereits entflogen sind und nun draußen die Sonne genießen. Kurz nach der Freilassung der übrigen Schmetterlinge sind wir, dem Tagesablauf folgend, zum Mit- tagessen gegangen. An diesem Tag waren insgesamt mit mir drei pädagogische Fachkräfte im Elementarbereich für insgesamt 40 Kinder eingeteilt.

Im Zusammenhang mit diesem Fallbeispiel stellt sich die konflikthafte Frage: Darf ich als pädagogische Fachkraft einer Kita die an einem Raupen-Schmetterlingsprojekt teilnehmen- den Kinder anlügen, wenn drei Schmetterlinge gestorben sind, indem ich ihnen erzähle, dass die Schmetterlinge entflogen sind?

Dafür spricht, die Kinder durch die Lüge vor Trauer und eventuellen Folgen der Trauer zu schützen. Dagegen spricht, dass es moralisch verwerflich ist, zu lügen, und dass die Kinder ein Recht auf Trauer haben, die zu jedem Entwicklungsprozess dazugehört.

Dieser ethische Konflikt soll im Folgenden anhand des Bezugstextes „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“3 von Immanuel Kant bearbeitet werden. Der Text ist für die Fragestellung relevant, da er davon handelt, ob eine Lüge gerechtfertigt werden kann.

Die Klärung der Fragestellung ist neben dem Fallbeispiel auch für andere Situationen be- deutsam, da sie exemplarisch für den Umgang mit Tod und Trauer stehen kann. Für mein Kita-Team kann die Klärung der Fragstellung zu einer Handlungsleitlinie führen, die Sicher- heit bei der Durchführung weiterer Tierprojekte4 gibt. Mit dem Tod eines Tieres muss bei jedem Tierprojekt gerechnet werden, da der Tod zu jedem Organismus dazugehört. Dem- entsprechend bietet die Klärung der Fragestellung auch für andere Kitas, die sich mit Tier- projekten beschäftigen, bei Handlungsunsicherheit Hilfestellung. Über den Kontext der Kita hinaus, ist die Klärung der Fragestellung allgemein für alle Lebensbereiche interessant, in denen Kinder mit Tod und Trauer konfrontiert sein können. Beispiele dafür wären der Tod eines Haustieres oder sogar der Tod eines Menschen (Familienmitglied, Freund/in, Be- kannte/r, …).

2a) Darstellung des Bezugstextes

Immanuel Kant argumentiert in seinem Text gegen die Aussage von Benjamin Constant, der Kants Grundsatz, niemals zu lügen, in Frage stellt. Constant behauptet, dass das Zu- sammenleben von Menschen in einer Gesellschaft unmöglich ist, wenn jeder Mensch die Moralvorstellung generell und für jeden Einzelfall vertritt, nicht zu lügen (vgl. Abs. 1). Für Constant gehören Pflicht und Recht bedingungslos zusammen. Dementsprechend gilt nach Constant die Pflicht, die Wahrheit zu sagen, demjenigen gegenüber nicht, der kein Recht auf sie hat. Laut Constant hat niemand ein Recht auf die Wahrheit, die anderen Schaden zufügt. (vgl. Abs. 2)

Kant hingegen bezeichnet die Behauptung von Constant als unsinnig (vgl. Abs. 3). Nach Kant kann ein Recht auf die Wahrheit nicht bestehen, da die Wahrheit eine Tatsache ist, die nicht besessen werden kann. Jedoch existiert für Kant das Recht jedes Menschen auf die individuelle Wahrhaftigkeit, also auf die von sich selbst wahrgenommene Wahrheit. (vgl. Abs. 4) Diese kann und besitzt jeder Mensch laut Kant (vgl. Abs. 4), ebenso wie die aus- nahmslose Pflicht, ehrlich in Aussagen zu sein, nach denen er direkt gefragt wird (vgl. Abs.6, 11).

Ebenfalls anders als Constant (vgl. Abs. 2) geht Kant davon aus, dass durch Ehrlichkeit niemand zu Schaden kommt. Lediglich der Zufall (in anderen Worten: das unbeeinflusste Schicksal) bestimmt laut Kant den Schaden. Wenn ein Mensch nach Kant, durchs (gutmü- tige) Lügen Einfluss auf das Geschehen nimmt, kann er sich jederzeit strafbar machen und gelangt zur Schuld. Bleibt ein Mensch allerdings laut Kant in seinen Aussagen wahrhaftig, trifft ihn keine Schuld beziehungsweise trägt er keine Verantwortung für die Folgen, ungeachtet dessen wie weitreichend sie sind. (vgl. Abs. 8, 10, 11) Diese Aussage intensiviert Kant, indem er sagt, dass, selbst wenn niemand durch die Lüge direkten Schaden nimmt, die Lüge immer der gesamten Menschheit schadet, da sie die Rechtsquelle unbrauchbar macht (vgl. Abs. 7).

2b) Diskussion und Übertragung

Laut Kant habe ich als Mensch, das heißt sowohl in meinem Privatleben als auch in meinem Berufsleben in der Kita als pädagogische Fachkraft, die bedingungslose Pflicht zur Wahr- haftigkeit in Aussagen, nach denen ich direkt gefragt werde (vgl. Abs. 6, 11). Demnach hätte ich den Kindern, als sie mich nach den Schmetterlingen gefragt haben, mitteilen sol- len, was sich zugetragen hat und dass die Schmetterlinge gestorben sind. Indem dass ich den Kindern jedoch auf ihre Frage hin erzählt habe, dass bereits drei Schmetterlinge ent- flogen sind und nun draußen die Sonne genießen, habe ich meine Pflicht nach Kant verletzt. Meine Aussage hat laut Kant nicht meiner eigenen Wahrhaftigkeit entsprochen, da ich das Geschehene subjektiv anders als erzählt wahrgenommen habe (vgl. Abs. 4). Das heißt, dass ich mir durch das Auffinden der leblosen Schmetterlinge im Klaren darüber gewesen bin, dass ich die Kinder anlüge.

Neben dieser Aussage von Kant spricht auch der Erziehungsauftrag, den jede pädagogi- sche Fachkraft in der Kita den Kindern gegenüber hat, dagegen, zu lügen:

Erziehung beinhaltet, Kinder gesellschaftsfähig zu machen. Zur Gesellschaftsfähigkeit ge- hört die Kenntnis der Kinder über Werte und Normen. Dazu zählt beispielsweise die Norm, dass „man nicht lügt“. Kinder lernen in der Kita unter anderem am Modell (Modelllernen), weshalb pädagogische Fachkräfte ihnen Vorbild sein und ihnen Normen und Werte vorle- ben sollten. Wenn ich als pädagogische Fachkraft, die Kinder anlüge, agiere ich in dem Moment als Vorbild, welches die Normen und Werte nicht befolgt.

Anstatt zu lügen, hätte ich den Kindern beispielsweise im Sinne des Erziehungsauftrags erzählen können, warum die Schmetterlinge gestorben sind und dass ich es nicht besser gewusst habe, um so Verständnis bei ihnen für Fehler von anderen zu entwickeln.

Bei der geschilderten Fallsituation ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass die Kinder nicht mitbekommen haben, dass ich ihnen gegenüber unehrlich gewesen bin. Dadurch stel- len sich für mich folgende Fragen sowohl in Bezug auf Kants Aussage als auch im Hinblick auf den Erziehungsauftrag: Wie bringt man Menschen dazu ihre Pflicht, bedingungslos ehr- lich zu sein, generell und für jeden Einzelfall zu befolgen, wenn die Verschleierung eines Pflichtbruchs nicht unmöglich erscheint? Und: Können die Kinder Lügen als „schlechte“ Eigenschaft von mir übernehmen, wenn sie mich in dem Moment, in dem ich lüge, als wahr- haftig empfinden?

Kant führt in seinem Text an, dass das Lügen nicht nur den Betroffenen in der jeweiligen Situation schadet, sondern immer der Menschheit insgesamt, da das menschliche Rechts- system dadurch unbrauchbar wird (vgl. Abs. 7). Aus Kants Perspektive löst sich demnach mein Verdacht, eine Lüge verschleiern zu können, auf. – Eine Lüge, selbst wenn sie für die Betroffenen unerkannt bleibt, wird immer am gesellschaftlichen Schaden „sichtbar“.

Rege ich dementsprechend durch meine Handlung, den Kindern gegenüber unehrlich zu sein, die Reproduktion von gesellschaftsschädlichem Verhalten an? Dies würde meiner persönlichen Vorstellung von Menschlichkeit sowie meiner Berufsdefinition als „familienent- lastende Hilfe“ und damit als gesellschaftliche Stütze nicht entsprechen.

Meine Begründung, gelogen zu haben, um die Kinder zu schützen, würde durch diese Aus- sage von Kant zu Unsinn werden. Obwohl ich vielleicht unmittelbar die Kinder geschützt habe, habe ich ihnen auf lange Sicht Schaden zugefügt, da sie Teil der Menschheit sind. Diese Argumentation von Kant verstärkt seine Aussage, nicht lügen zu dürfen.

Hinsichtlich meiner Frage zum Kontext des Erziehungsauftrages sollten an dieser Stelle weitere Eventualitäten ausgeleuchtet werden: Was passiert, wenn meine Lüge auffliegt und die Kinder merken, dass ich gelogen habe? Es ist beispielsweise möglich, dass die Kinder auf dem Nachhauseweg an dem Ort vorbeikommen, an dem ich die toten Schmetterlinge versteckt habe. Würde das Lügen daraufhin für die Kinder legitimer werden?

Erziehung passiert nur in Beziehung mit Kindern. Würde ein Vertrauensbruch zwischen den Kindern und mir als pädagogischer Fachkraft stattfinden, der Folgen auf die weitere Zu- sammenarbeit hätte, wenn meine Lüge ans Licht kommt?

Kant sagt, dass ich mich aller (oben aufgeführten) Konsequenzen meines Verhaltens ver- antworten müsste, da ich im Fallbeispiel keine ehrliche Aussage getroffen habe (vgl. Abs.8, 10, 11). Meine Argumentation, die Kinder vor der Trauer und den eventuellen Folgen der Trauer zu schützen, scheint dadurch wie sinnlos. – Laut Kant hätte ich keinerlei Verantwor- tung für die Folgen, wenn ich wahrhaftig geblieben wäre, sondern der Zufall (vgl. Abs. 8, 10, 11). Das bedeutet, dass ich nach Kant für die Trauer und die eventuell auftretenden Folgen der Trauer nicht in der Verantwortung stehe.

Aber kann beim Fallbeispiel wirklich davon geredet werden, dass ich für die Trauer und die Folgen der Trauer nicht verantwortlich bin? Ich habe die Aufgabe gehabt, das Projekt durch- zuführen. Das heißt, dass ich auch gleichzeitig die Verantwortung für das Projekt hatte.

[...]


1 Außerhalb der Kita-Öffnungszeiten

2 Der Raum, in dem die Aufzuchtbehälter standen

3 Immanuel Kant: Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen. In: Schriften zur Ethik und Religi- onsphilosophie. Werke in sechs Bänden. Bd. IV. Hg. V. Wilhelm Weischedel. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1956, S. 637-643.

4 Tierprojekte sind in der Konzeption der Kita verankert und werden deshalb des Öfteren durchgeführt

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Darf ich als pädagogische Fachkraft einer Kita die an einem Raupen-Schmetterlingsprojekt teilnehmenden Kinder anlügen, wenn drei Schmetterlinge gestorben sind, indem ich ihnen erzähle, dass die Schmetterlinge entflogen sind?
Untertitel
Anhand des Bezugstextes "Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen" von Immanuel Kant
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart
Note
1,9
Jahr
2018
Seiten
6
Katalognummer
V454660
ISBN (eBook)
9783668880597
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darf, fachkraft, kita, raupen-schmetterlingsprojekt, kinder, schmetterlinge, anhand, bezugstextes, über, recht, menschenliebe, immanuel, kant
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Darf ich als pädagogische Fachkraft einer Kita die an einem Raupen-Schmetterlingsprojekt teilnehmenden Kinder anlügen, wenn drei Schmetterlinge gestorben sind, indem ich ihnen erzähle, dass die Schmetterlinge entflogen sind?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454660

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